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 Das Leben an und mit der Innerdeutschen Grenze
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Berliner Offline





Beiträge: 1.997


05.08.2009 19:00
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Hallo Berliner, mein amerikanischer Freund, während die Sonne in deinem Land aufgeht, und das natürlich im Osten, diesem friedfertigen Etwas gehe ich ins Bett. Besser ausgedrückt, ich lag schon im Bett während meine Tochter den vorgeschriebenen Text eingestellt hatte. Weil ich weiß, das du die Sprüche aus dem Orient so gerne magst hier noch einer vorneweg:
Er begab sich zu mir, trotz der weiten Entfernung unserer Wohnungen, trotz des weiten Weges und seiner furchtbaren Mühseligkeiten.
( Ibn- Chasm, 11. Jh.)

Hallo Rainer-Maria!

so auf die schnelle habe ich nur diesen Spruch von Goethe finden koennen, es koennten aber noch mehr kommen:

Das sicherste Mittel, ein freundliches Verhältnis zu hegen und zu pflegen, finde ich darin, dass man sich wechselweise mitteile, was man tut; denn die Menschen treffen viel mehr zusammen in dem, was sie tun, als in dem, was sie denken

Einen schoenen Gruss ueber den Teich,
Berliner

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Nichts auf dieser Welt kann die Beharrlichkeit ersetzen.
Talent kann es nicht - nichts ist verbreiteter als erfolglose Maenner mit Talent.
Genie kann es nicht - unbelohntes Genie ist nahezu ein Sprichwort.
Ausbildung kann es nicht - Die Welt ist voll von ausgebildeten Obdachlosen.

Beharrlichkeit und Ausdauer alleine sind allmaechtig.


-Calvin Coolidge

Augenzeuge Online





Beiträge: 2.702


05.08.2009 22:39
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Berliner
[quote="Rainer-Maria-Rohloff"]Hallo Berliner, mein amerikanischer Freund, während die Sonne in deinem Land aufgeht, und das natürlich im Osten, diesem friedfertigen Etwas gehe ich ins Bett. Besser ausgedrückt, ich lag schon im Bett während meine Tochter den vorgeschriebenen Text eingestellt hatte.
Berliner


Lieber Rainer-Maria, erstmal herzlichen Glückwunsch zur Chefrolle. Damit meine ich nur, dass ich meine Beiträge immer noch selbst tippen muss...aber ich nehme doch an dass du deine Tochter entsprechend entlohnst....

Zum Sonnenaufgang ein kleiner Hinweis. Für die Menschen in Wladiwostok (Russland) geht die Sonne in Amerika auf- es kommt eben nur darauf an wo man sich gerade befindet. Und dann ist Amerika auch noch der Osten.....dieses friedfertige Etwas.

Einen schönen Abend wünscht dir J., der Augenzeuge

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"Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das:
Den Standpunkt des anderen verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu betrachten."

CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.831


06.08.2009 00:00
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Augenzeuge
Und dann ist Amerika auch noch der Osten.....dieses friedfertige Etwas.
Einen schönen Abend wünscht dir J., der Augenzeuge

Es gab' hier (in diesem friedfertigem Etwas) auch mal 'ne Kanditatin fuer ein hoeheres Amt welche gesagt hat das sie "von ihrem Haus die Sonne in Russland untergehen sehen kann".

-Th

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"We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal,
that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights,
that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.
"

Augenzeuge Online





Beiträge: 2.702


06.08.2009 08:54
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von CaptnDelta
Zitat von Augenzeuge
Und dann ist Amerika auch noch der Osten.....dieses friedfertige Etwas.
Einen schönen Abend wünscht dir J., der Augenzeuge

Es gab' hier (in diesem friedfertigem Etwas) auch mal 'ne Kanditatin fuer ein hoeheres Amt welche gesagt hat das sie "von ihrem Haus die Sonne in Russland untergehen sehen kann".
-Th


Ja, wenn man auf einem Schiff vor Alaska ist, dann stimmt das sogar....

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Den Standpunkt des anderen verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu betrachten."

Berliner Offline





Beiträge: 1.997


06.08.2009 14:51
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von CaptnDelta
Es gab' hier (in diesem friedfertigem Etwas) auch mal 'ne Kanditatin fuer ein hoeheres Amt welche gesagt hat das sie "von ihrem Haus die Sonne in Russland untergehen sehen kann".

was wir alles in Kauf nehmen, wenn es sich um eine heisse Braut handelt.

Berliner

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Genie kann es nicht - unbelohntes Genie ist nahezu ein Sprichwort.
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-Calvin Coolidge

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.955


06.08.2009 21:23
Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten


Der Reichstagsbrandprozeß 4er und letzter Teil des Bericht aus dem Leipziger Pitaval

Tags darauf räumten die sehr weit rechts stehenden „ Leipziger Neuesten Nachrichten“ ein, mit dem Bulgaren Dimitroff sei „ ein Mensch vor die Schranken getreten……der zweifellos ein Bolschewist von Format ist….Der ganze Sitzungssaal ist plötzlich von politischer Energie geladen.Man sieht es vor allem den anwesenden Auslandsjournalisten an, dass sie jetzt das eingetreten glauben, was sie vom Leipziger Prozeß vom ersten Tage an erwartet haben, dass die Schlacht von zwei rein politischen Fronten geschlagen wird.“
Dimitroff, der das Gericht in eine Tribüne verwandelte, hat später gegenüber dem französischen Rechtsanwalt Marcel Willard seine Taktik folgendermaßen umrissen: „ Zunächst die Initiative ergreifen und festhalten. Dazu musste ich einen strategischen Plan entwerfen und durchführen. Ich wollte nicht nur die Anklage, sondern den Feind selbst politisch zugrunde richten, ihn im Bewusstsein der öffentlichen Meinung zerfetzen und ihm dem allgemeinen Hohngelächter preisgeben. Ich begann mit der Polizei. Dann kam der Untersuchungsrichter an die Reihe, der berühmte Vogt….auch die beiden Staatsanwälte habe ich angegriffen, zunächst….Parrisius, danach….Werner….Dann die Rechtsanwälte, ganz besonders den Verteidiger Torglers, Dr. Sack, und natürlich Dr. Teichert. Dieser hat sich nicht wieder davon erholt. Aber auch die Presse, die Hitler- Presse, habe ich ständig angegriffen. Ich habe versucht, jede ihrer Verleumdungskampagnen zu entlarven.“
Daß Dimitroff ein Kommunist von Format war, sollte auch Göring zu spüren bekommen, der am 4. November in den Zeugenstand trat. Eigentlich wollte er den Prozeß retten, doch das misslang ihm gründlich. Er war in keiner Phase des Rededuells dem Angeklagten gewachsen. Als er unter Anspielung auf die Macht, die er als preußischer Ministerpräsident außerhalb des Gerichtshofes repräsentierte, dimitroff mit dem Galgen drohte, gewannen sogar die vielen uniformierten Prozeßbeobachter den Eindruck, es bahne sich ein Fiasko für die Urheber des Verfahrens an.
Vier Tage später wurde Goebbels als Zeuge vernommen. Diesmal konzentrierte sich Dimitroff völlig auf die Verfassungsprobleme, und die Niederlage, die er dem faschistischen Propagandachef bereitete, hatte eigentlich mehr Gewicht als die Schlappe, die Göring einstecken musste.
„ Meine Ankläger behaupten“, begann Dimitroff, „ dass durch den Reichstagsbrand eine gewaltsame Änderung der deutschen Verfassung erreicht werden sollte….Ich frage, welche Verfassung am 30. Januar und 27. Februar in Deutschland herrschte?“ Goebbels entgegnete:
„ Es herrschte die Verfassung von Weimar. Ob sie gut oder schlecht war, ist belanglos. Aber sie war legal, und wir haben sie anerkannt. Die Änderungen wollen wir nicht den Kommunisten überlassen, sondern wir haben sie uns selbst vorbehalten.“ Als Goebbels die Tragweite seiner Worte begriff, war es zu spät.
Um den Prozeß zu retten, versuchte die Anklagevertreung, Torgler und den drei Bulgaren wenigstens die „ intellektuelle Mitschuld“ am Reichstagsbrand zur Last zu legen. Dimitroff zerschlug diese widersinnige Beschuldigung genauso, wie er die Anklage auf Brandstiftung in Tateinheit mit der Vorbereitung zum Hochverrat ad absurdum geführt hatte. Er wies nach: Die „ konkrete Orientierung der kommunistischen Politik in Deutschland, festgelegt in den für alle kommunistischen Parteimitglieder obligatorischen Beschlüssen, schließen vollständig jede terroristische Aktion und jegliche abenteuerlichen, aufrührerischen Pläne von kommunistischer Seite aus“.
Das Gericht beschloß nunmehr, etwa fünfzig deutsche Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilose Arbeiter in den Zeugenstand zu rufen. Fast alle wurden direkt aus Konzentrationslagern oder Zuchthäusern vorgeführt, waren nach Meinung des Gericht gehörig eingeschüchtert und wussten, was ihnen nach Rückkehr in die Zelle drohte, falls sie keine den Nazis genehme Aussage machten. Eine dieser Zeugen war Dr. Theodor Neubauer. Unter diesen vielen Zeugen sollte es nicht einen Arbeiter geben, der nicht zu seiner Überzeugung stand, und so mancher musste dafür sein Leben lassen.
Dimitroff bemerkte später voller Hochachtung, die „ grenzenlose Hingabe der deutschen Arbeiter an die Sache der proletarischen Revolution“ sei einer Demonstration vor der ganzen Welt gleichgekommen.
Das Urteil im Reichstagsbrandprozeß wurde am 23. Dezember 1933 gefällt: Van der Lubbe wurde zum Tode verurteilt und später hingerichtet, Torgler, Dimitroff, Popoff und Taneff wurden freigesprochen, aber sofort in „ Schutzhaft genommen.
Wochenlang musste die fortschrittliche Menschheit weiter um das Leben der Freigesprochenen bangen. Am 1. Januar 1934 teilte der sowjetische Botschafter in Berlin dem deutschen Außenministerium offiziell mit, die UdSSR sei bereit, die drei Bulgaren aufzunehmen, da es sich um keine deutschen Staatsangehörigen handle, werde Deutschland sicher keine Einwände haben. Die Hitlerregierung hatte jedoch Einwände. Darauf verlieh die UdSSR den drei Bulgaren die sowjetische Staatsangehörigkeit. Nun hatte es die deutsche Regierung nicht mehr mit ausgebürgerten Bulgaren , sondern mit Sowjetbürgern zu tun. Nach Tagen des Zögerns fiel am 26. Februar1934 die Entscheidung: Das faschistische Deutschland wies die drei Bulgaren aus.
Am 27. Februar 1934, genau ein Jahr nach dem Reichstagsbrand, meldete Radio Moskau: „Wir geben bekannt, dass heute Abend um neunzehn Uhr dreißig die Genossen Dimitroff, Popoff und Taneff hier eingetroffen sind.“ Der Abflug war von Königsberg aus erfolgt. Dimitroffs erste Worte in Moskau lauteten: „ Der Kampf, der für unsere Befreiung geführt wurde, muß für die Befreiung der Tausende proletarischer Gefangener aus den faschistischen Kerkern fortgesetzt werden. Was ich hier tun werde? ….Ich bin Soldat der proletarischen Revolution….Hier werde ich meine Pflicht als solcher Soldat erfüllen, ich werde sie bis zum letzten Atemzuge erfüllen.“

Gruß Rainer- Maria


Augenzeuge Online





Beiträge: 2.702


06.08.2009 21:44
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer, ein toller Artikel, der sehr realistisch die damaligen Umstände aufzeigt. Allerdings konnten die Nazis die Überlegenheit Dimitroffs dem Volk als reale starke kommunistische Bedrohung gut verkaufen.

Was ist denn später aus den neuen Sowjetbürgern geworden? Ich bezweifle, dass sie sich richtig wohl in Stalins Umgebung gefühlt haben.

So, Rainer- bei dir in Leipzig ist die Sonne schon länger untergegangen, hier scheint sie fast 30 min länger.
Aber dafür geht sie bei euch früher auf- ihr seid ja auch der Nachbar des Bundeslandes der Frühaufsteher.

Bis dann,

Gruß, Augenzeuge

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CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.831


06.08.2009 23:24
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Berliner
Zitat von CaptnDelta
Es gab\' hier (in diesem friedfertigem Etwas) auch mal \'ne Kanditatin fuer ein hoeheres Amt welche gesagt hat das sie "von ihrem Haus die Sonne in Russland untergehen sehen kann".

was wir alles in Kauf nehmen, wenn es sich um eine heisse Braut handelt.
Berliner

Da haste Recht, da ist einigen aus dem entsprechenden Spektrum tatsaechlich die Augen uebergegangen. Das hat sich allerdings sofort relativiert, nachdem die gute Frau ihren Mund das erste mal aufgemacht hatte. Die haette einfach mal ein bisschen Lincoln lesen sollen(*)...

-Th

(*)
Zitat von entweder Lincoln, Franklin oder Mark Twain

"It is better to be silent and be thought a fool than to speak and remove all doubt."


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that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights,
that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.
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CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.831


07.08.2009 00:06
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Augenzeuge
Was ist denn später aus den neuen Sowjetbürgern geworden? Ich bezweifle, dass sie sich richtig wohl in Stalins Umgebung gefühlt haben.

Bei Dimitroff halten sich ja hartnaeckige Geruechte, das er von Stalin (entweder durch Strahlung oder Gift) "beseitigt" wurde.
Blagoy Popov war von 1937 bis 1954 im Gulag...
-Th

PS: Vasil Tanev wurde 1933 von Robert Havemann versteckt.

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that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights,
that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.
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Berliner Offline





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07.08.2009 00:52
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von CaptnDelta
Da haste Recht, da ist einigen aus dem entsprechenden Spektrum tatsaechlich die Augen uebergegangen. Das hat sich allerdings sofort relativiert, nachdem die gute Frau ihren Mund das erste mal aufgemacht hatte. Die haette einfach mal ein bisschen Lincoln lesen sollen.

Zitat von entweder Lincoln, Franklin oder Mark Twain
"It is better to be silent and be thought a fool than to speak and remove all doubt."


Zitat von Sarah Palin
They're our next-door neighbors, and you can actually see Russia from land here in Alaska, from an island in Alaska.

Weisst Du, was sie gesagt hat war wahr. Ich glaube die Medien hat viel dazu beigetragen, dass sie zu einem Popanz aufgebaut wurde.
Ihr Problem ist, dass sie viele Meinungen vertritt, was vielen nicht gefallen, aber das ist wohl erlaubt.

Berliner

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-Calvin Coolidge

Augenzeuge Online





Beiträge: 2.702


07.08.2009 22:48
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Und sie hat recht!

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Angefügte Bilder:
diomede.jpg  
Rainer-Maria-Rohloff Offline


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09.08.2009 11:48
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zeitgeschichtliche Literatur 9.08.2009

Hallo alle zusammen, ich dachte mir, lass mal den kommunistischen Widerstand eine Weile ruhen, er wird es verstehen und suche eine einfache Geschichte so richtig für das Wochenende am Strand, im Garten, auf dem Balkon, im Bett und wo sich sonst noch die Leute die Zeit vertreiben... Ich widme diese Erzählung Captn Delta, mit Kant konnte er nicht so viel anfangen, hier spielt sich dagegen alles im Wasser ab, sein Boot, sein Hobby und ich danke ihm damit für seinen Text in „ Die Köpfe hinter den Avataren im Forum DDR- Grenze“.
Aus der Reihe Erzählungen, französische Erzählungen von Emmanuel Roblés,
/ Übertragen von Gloria und Vincent v. Wroblewsky. so um 1965 , eine Erzählung in 2. Teilen – Gorgo

Seit zwei Tagen stand das kleine rote Zelt am Ufersaum im Schutz einer großen Pinie, die in der Hitze einen betäubenden Harzgeruch ausströmte.
Nicole hatte gerade ein paar Zeltgeräte fortgeräumt, als sie ihren Mann sah, der sein Schlauchboot auf den Sand gezogen hatte und auf den Wagen zuging. Es war ein alter Volkswagen von jenem militärischen Grau, das Nicole verabscheute. Er war unter einer anderen Pinie abgestellt, lichter als die erste, mit zwei großen herabhängenden Ästen. Nicole beobachtete Frank verstohlen. ( Er hieß Francisco, aber sie hatte sich seit ihren ersten Begegnungen angewöhnt, ihn Frank zu nennen.) Sie sah, wie er die lange Kette, die er für den Fall einer Panne auf den schlechten Straßen Jugoslawiens mitgenommen hatte, in das Boot legte. Noch neugieriger wurde sie, als sie bemerkte, dass er sein Harpunengewehr offenbar absichtlich zurückließ.
„ Was willst du tun?“ rief sie.
Er machte von weitem eine ungeduldige Bewegung, die Nicole verstimmte. Diese ewige Geheimniskrämerei. Da er es nicht liebte, ausgefragt zu werden, unterließ sie es verdrossen.
Dennoch blieb ihre Neugier geweckt, sie fühlte sich versucht, zu ihm hinüberzulaufen, aber was, wenn er es vorzog, zu schweigen? Das stand ihm schließlich frei. Vielleicht hatte er einen großen Brocken am Fuße des Felsens ausgemacht. Warum ließ er dann sein Gewehr zurück?
„ Hast du nichts vergessen?“ rief sie von neuem, die Hände als Sprachrohr vor dem Mund.
„ Nein!“
Sie hörte aus seinem Ton einen Anflug von Gereitztheit heraus und schwieg, fest entschlossen, sich ostentativ nicht mehr um Franks Spiele zu kümmern.
Das Meer funkelte unter der Mittagssonne, dass einem die Augen schmerzten. Nicole hängte den Tonkrug an einen niedrigen Zweig, um das Wasser kühl zu halten, dann wühlte sie in der Tasche, die den Vorrat an Büchern und Zeitschriften enthielt. Sie schob die Kriminalromane und die technischen Zeitschriften, das „ geistige Futter“ ihres Mannes beiseite und zog eine Nummer der „ Life“ heraus, die sie sich vor fünf Tagen in Athen besorgt hatte. Dann breitete sie ein Handtuch auf dem Sand aus und legte sich auf den Rücken, die Augen mit einer dicken schwarzen Sonnenbrille geschützt.
Zur Linken flimmerte blau und rot ein lang gestrecktes Kap im Hitzedunst. Nicole hätte sich gern nackt hingelegt und von ihrem Badeanzug befreit, in dem ihr schrecklich heiß war, aber sie fürchtete Franks Reaktion. Dabei zelteten sie in einem verlorenen Winkel des Peloponnes, in einer völlig einsamen kleinen Bucht. Seit sie hier waren, hatten sie nicht einmal einen jener Hirtenjungen zu Gesicht bekommen, die in Griechenland mit ihrem halben Dutzend Schafen oder Ziegen aus der Erde aufzutauchen scheinen, wie von einer Sonnenspieglung erzeugt. Bescheiden wir uns, dachte sie.
Über ihr durchbohrten Insekten mit ihren blitzschnellen Wendungen die kochende Luft. Das seltsame war, das ihr Summen das Gefühl des Friedens und der Einsamkeit vertiefte. Sie widerstand ihrem Wunsch, den sie als eine Laune ansah. Es war besser, nicht Franks Eifersucht herauszufordern, besonders in diesem Augenblick, da er merkwürdig erregt schien und zugleich in sich selbst zurückgezogen wie an seinen schlechten Tagen.
Er war in Lyon geboren, seine Eltern stammte aus Madrid und waren nach dem Spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich geflohen. Sein Vater hatte ihn in seiner Papierfabrik angestellt, aber Frank träumte davon, nach Südamerika zu gehen, zu einem Onkel, der am Ufer des Paraguay Pferde züchtete. Er hatte in seiner Jugendzeit dort unten wunderbare Ferien verlebt. Er dachte oft zurück an die langen Ritte durch die Prärie, an die abendlichen Feste im Hof der Farm, an die Jagdausflüge mit harten, schweigsamen Jungen. Eines Tages würde er – und er sprach immer öfter davon – Mit Nicole dorthin zurückkehren, um das freie Leben zu führen, das er liebte. Sie spürte in ihm ein dunkles Fluchtverlangen, eine geheime Unzufriedenheit, eine Art Uneinigkeit mit sich selbst, unter der er vielleicht litt. Aber wer würde das je erfahren? Nicole löste das Band, das den oberen Teil ihres Badeanzuges hielt und ihr ein wenig die Brust einengte, und zündete sich eine Zigarette an. Aus dem Augwinkel beobachtete sie Frank, der in seinen Vorbereitungen fortfuhr. Er hatte soeben seine Schwimmflossen übergezogen und säuberte mit geradezu fieberhafter Sorgfalt seine Tauchermaske. Hinter ihm breitete sich die vertikale Mauer des Himmels und des Meeres aus. Es flammte und blitzte und strahlte ein grausames Licht wieder. Kurze Wellen trieben auf die Küste zu.
Als Frank das Schlauchboot zum Wasser zog, bewunderte sie seinen muskulösen Rücken über den blauen Shorts, die kraftvollen Fußballerschenkel. Sein Körper bewahrte bei aller Derbheit eine jünglingshafte Anmut, die er besonders seinen schmalen Hüften und den feinen Gelenken verdankte. Ein dichtes Haarvlies bedeckte seine Brust.
Nicole empfand ein flüchtiges Vergnügen, zuzusehen, wie er sich bewegte, ins Wasser lief, mit einem geschickten Satz in das Schlauchboot sprang und in Richtung auf den Felsen davon paddelte….Sie hätte gewünscht, dass er sich nach ihr umwandt, ihr mit einer kleinen, verschwörerischen Geste zugewinkt hätte, aber er entfernte sich, von einem bestimmten Ziel besessen. Fern auf dem Meer zog mit geschwelltem, schwefelgelben Segel ein Kaik vorüber.
Nicole begann, träge in ihrem Magazin zu blättern.
Frank hatte seine Anhaltspunkte: Da war zunächst der Felsen und ein Buckel, den er unter einen gewissen Blickpunkt sehen ließ, dann die Ruinen eines kleinen Tempels, der nach dem Reiseführer durch Lakonien einst der Artemis geweiht war. Zwischen Mastixbäumen verborgen, war dieser Tempel nur ein massiges steinernes Hauptgesims, mit einem Treppeneinschnitt von drei oder vier Stufen und einigen langen, gestürzten Säulen. Frank manövrierte, bis der äußere Buckel des Felsens die Ruinen völlig verdeckte, dann beobachtete er aufmerksam die unter seinem Boot dahin gleitende Landschaft wirr aufgetürmter Steine und kleiner versandeter Täler, die in eine steile Klippenwand auslief. Hinter dieser begann der Abgrund.
Er musste eine Zeitlang der Klippenwand folgen, ehe er den Algenteppich wiederfand, der sich über eine von Spalten zerrissene große Felsplatte zog. In einer dieser Spalten lag das „ Ding“ , schwer zu erkennen für jemanden, der nicht wie er das Glück gehabt hatte, sich beim Verfolgen eines Fisches dorthin zu verirren. Ja, das „ Ding“ war da, und er paddelte näher heran, bis er genau darüber stand.
Vor einem Monat, in Lyon hatte er gezögert, sich mit einem vollständigen Taucheranzug auszurüsten. Himmel, wie er das heute bedauert! Nun, jedenfalls würde er nicht zögern, die genaue Beschaffenheit dieses ungewöhnlichen Steines zu erkunden, an dem er beim erstenmal nicht nahe genug hatte heran kommen können. Er ähnelte einem Kopf und lag nicht weit von der kurzen Wellenlinie, die die Unterwasserterrasse begrenzte.
Als erstes wand er die Kette über den Jagdgurt, der bereits mit Bleigewichten beschwert war, und damit sie sich nicht vorzeitig löste, verknotete er die Enden mit einem kurzen Strick. Seine ersten Versuche hatten ihm gezeigt, dass er ohne beträchtlichen Ballast den Grund niemals erreichen würde.
Er warf einen Blick zu seiner Frau hinüber. Dort am Strand, nahe der Gruppe schwarzer Pinien, lag Nicole in einer Zeitschrift, deren Umschlag, ein roter Fleck, ihren Oberkörper bedeckte. Während er die Tauchermaske befestigte, betrachtete er durch ihr Glas die unfruchtbare Küste, die weißen Hügel. Das Boot schaukelte auf dem Wasser. Frank war zuversichtlich. Er vergewisserte sich, dass er nicht zu weit abgetrieben war, dann richtete er sich mit einem Schwung aus den Hüften auf, sprang und tauchte sofort. Er durchschwamm eine Bank winziger gelber Quallen und drang mit schnellen Schlägen seiner Schwimmflossen senkrecht in die Tiefe. Er stieg zwischen den großen Lichtpfeilern abwärts, die von der Oberfläche gerade herab fielen, und hatte den flüchtigen Eindruck, aus den Gewölben eines versunkenen Tempels nieder zu gleiten. Das Wasser wurde in den tieferen Schichten immer kälter. Er beschleunigte den Rhythmus der Bewegungen, sein Wille war auf diese klare Form zwischen dem Gewirr der Algen ausgerichtet.
Etwa drei Meter über dem Grund bremste das Wasser seinen Schwung und stieß ihn zurück. Er kämpfte mit aller Macht, um den Abstand zu besiegen. Es gelang ihm, aber er war am Ende seiner Kräfte, die Trommelfälle drohten zu bersten, die Schläfen schmerzten. Von den harten Wirbeln des Wassers erfasst, rang er verzweifelt, vermochte endlich an einem Felsvorsprung Halt zu finden und konnte sich so in das kleine Unterwassertal, in den Gang von Algen schlängeln, bis er genau über dem Punkt schwebte, wo das „ Ding“ lag. Und da, plötzlich, erblickte er den großen, zu einem wütenden Schrei geöffneten Mund, die weit aufgerissenen Augen, in denen zwei rote Steine als Pupillen leuchteten und ihm einen blutigen Blick zuwarfen. Die Ablagerungen, die das Gesicht zernagten, gaben ihm einen noch tragischerem, noch wilderen, noch drohenderen Ausdruck. Zwei grob modellierte Schlangen verknoteten sich über der Stirn, und das langsame Wiegen der Algen schien diesem Kopf Leben mitzuteilen.
Trunken vor Begeisterung, begann Frank den Aufstieg. Er schreckte einen Schwarm kleiner Fische hoch, die wie Stahlplättchen schimmerten. Mit blockierter Brust und jagendem Herzen zog er sich an den Lichtpfeilen entlang zur Oberfläche empor.

Gruß und einen schönen Sonntag allen von Rainer- Maria

CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.831


10.08.2009 04:47
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Ich widme diese Erzählung Captn Delta, mit Kant konnte er nicht so viel anfangen, hier spielt sich dagegen alles im Wasser ab, sein Boot, sein Hobby und ich danke ihm damit für seinen Text in „ Die Köpfe hinter den Avataren im Forum DDR- Grenze“.

Hi Rainer-Maria,

Na, da haste aber jetzt 'nen Volltreffer gelandet. Jugoslawien, Griechenland vor 25 Jahren, irgendwie die beste Zeit in meinem Leben. Mit meinen Spezl'n aus Bayern hatten wir uns 'nen alten Hanomag als Wohnmobil umgebaut, sind da jedes Jahr mindestens zwei mal hingefahren. Der Klassenfeind in der BRD (wir waren Anfang der 80er aus dem wilden Osten getuermt) hat sich erdreistet meinen DDR Mopedschein nicht anzuerkennen, im wesentlich wohlgesonneren Griechenland hab' ich mit der Mopedfluppe unbesehen 'ne echte 500 XT ausleihen koennen. Griechenland und vor allem auch Jugoslawien war fuer uns damals unheimlich abenteuerlich, da koennte ich stundenlang schreiben. Zum Schluss war dann immer ein kurzer Abstecher nach Ungarn. Wie gesagt, eine der besten Zeiten in meinem Leben. Diese Abenteuerei fuehrte dann dazu das ich so ziemlich genau vor 20 Jahren (August/September 89) mit 'nem Wohnmobil fuer 2 Monate von Deutschland ueber Griechenland nach Israel, Aegypten, Sudan und durch einiges andere Laender in Afrika und im Nahen Osten gegurkt bin. Von daher hab' ich den ganzen 'buildup' zur Deutschen Wiedervereinigung nicht mal direkt mitgekriegt.

Aber mal zurueck zu Griechenland, hier das Lied das wohl jedem damals dort auf den Lippen gelegen ist:


Bin gespannt auf die Fortsetzung!

Gruesse vom anderen Ende der Welt
-Th

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Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.955


10.08.2009 10:12
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Gorgo, der Erzählung 2er und, kleiner Irrtum meinerseits, noch nicht letzter Teil

Am Ufer hatte Nicole der Versuchung nicht widerstehen können. Sie hatte den Badeanzug bis zu den Hüften heruntergestreift, und aus Furcht, dass Frank es gewahren könnte, hielt sie sich mit beiden Händen das aufgeschlagene Magazin vor den Leib. Vom Meer aus konnte also Frank ihre Nacktheit nicht ahnen, aber sie empfing auf diese Weise besser die Liebkosung der Sonne auf ihrer Brust, auf den Brüsten einer jungen Frau, rund und voll.
Sie kannte Franks Eifersucht in ihren Auswirkungen, ohne jedoch ihre Wurzeln begreifen zu können. Eines Abends zum Beispiel, in einem Nachtlokal am Montparnasse, hatte sie sich von einem Unbekannten zum Tanz auffordern lassen. Urplötzlich hatte Frank behauptet, der Fremde tanze „ unanständig“ mit seiner Frau. Diese an den Haaren herbeigezogene Unterstellung löste einen peinlichen Zwischenfall aus, der beinahe in eine Schlägerei ausgeartet wäre. Im Taxi, das sie ins Hotel zurückbrachte, bemerkte Nicole, selbst noch erregt, auf dem Gesicht ihres Mannes, einen Ausdruck leidenschaftlichen Hasses. Was für eine verrückte Geschichte! Auch später war es nicht möglich, nur die leiseste Anspielung darauf zu machen! Franks Pupillen weiteten sich wie die einer wilden Katze, die drauf und dran ist, einem mit den Krallen ins Gesicht zu fahren.
Ein andermal hatte er verboten, dass Nicole einen Freund aus der Kindheit traf, der auf der Durchreise war. Sie hatte sich nicht aufgelehnt, weniger aus Furcht vor dem Sturm, den sie damit entfesselt hätte, als aus der Fügsamkeit der glücklichen Frau. Wozu diesen seltsamen Jungen herausfordern, der scheinbar einen Panzer um die Seele trug, aber zu stürmischen Leidenschaften fähig war, der bei aller rebellischen Widerspenstigkeit des Willens oft von unerklärlicher Mutlosigkeit heimgesucht wurde, in finsteren Abgründen versank, und niemand durfte wagen, ihm heraushelfen zu wollen.
Diese Backofenhitze ließ ihre Gedanken erschlaffen. Sie warf die Zigarette fort, deren zu stark gewürztes Aroma ihr missfiel. Die Augen halb geschlossen, sehnte sie sich nach Franks Gegenwart, der Schwere seines männlichen Körpers, seiner Glut und selbst der eifersüchtigen Angst, die ihr dunkel schmeichelte, ihr das Maß ihre Macht über ihn zeigte.
Im Boot sitzend, beobachtete Frank zwei Fische, die im grünen Nebel der Tiefe vorbeizogen, aber sein Jagdinstinkt war abgelenkt. Der Gürtel mit der Kette rieb ihm die Hüften wund, aber was bedeutete das schon. Sein Fund erregte ihn bis zur Begeisterung, und während der wenigen Minuten der Entspannung fand er sich völlig in Einklang mit diesem Land, mit diesem „ weinfarbenen“ Meer, wie es Homer so zutreffend ausdrückt. Liebkosend ließ er den Blick über die kahlen Hügel schweifen, über den von der Hitze geweiteten Himmel, von dem ein staubiges Licht herabfloß.
Er wusste, was die Vorsicht gebot: ins Dorf zurückzukehren, das notwendige Material zu besorgen, vielleicht auch die Hilfe eines erfahrenen Tauchers zu erbitten. Wenn er diese vernünftigste Lösung verwarf, so nicht aus Furcht, sich die Gorgo nicht aneignen zu können. Von Anfang an war er entschlossen gewesen, sie dem kleinen Steinmuseum von Monenvassia zu übergeben. Nur um der elementaren Freuden der Entdeckung willen wollte er bei seinem Vorhaben allein sein. Auch aus Ungeduld. Niemals würde er bis zum nächsten Tag warten können. Hinzu kam ein brutaler Eroberungsinstinkt. Für ihn war jedes Hindernis zu besiegen, zu bezwingen oder zu beherrschen. Nach dem Preis fragte er nicht.
Die unzähligen kleinen gelben Quallen veränderten langsam um das Boot herum ihre melancholischen Konstellationen. Die Sonne brannte auf Franks nackten Rücken. Noch eine kleine Atempause…Schwierig, das Gewicht der Gorgo zu schätzen, die Lichtbrechung vergrößerte sie mindestens um ein Drittel ihres Umfangs. Aber dieses Gewicht ging Frank jetzt nicht aus dem Sinn, während er sich auf einen neuen Abstieg vorbereitete. Er pumpte die Lunge voll Luft, richtete sich mit einem Ruck hoch, sprang und sank rasch in der Masse unbeweglichen Wassers hinab, durch die Schichten des Meeres, die immer finsterer, immer kälter wurden.
Schneller als während der früheren Versuche erreichte er die Felsgruppe, schwebte erneut über die kleine giftgrüne Algenprärie hinweg, und da er ein wenig nach rechts abgetrieben war, korrigierte er die Richtung, schwamm geschmeidig gegen den Druck des Wassers.
Er befand sich über der Gorgo. Um sich ihr so weit zu nähern, dass er sie ergreifen konnte, musste er gegen diese zähe Mauer ankämpfen, die ihn daran hinderte. Das Meer dröhnte eigenartig in seinen geschundenen Ohren. Eine letzte Anstrengung brachte ihn endlich auf Reichweite an die Steinfigur heran, die ihm eine Warnung zuzurufen schien. Er war ihr so nahe, dass er die geringsten Einzelheiten unterscheiden konnte. Die Pupillenlöcher in der Iris aus rotem Sandstein, den abgesplitterten linken Nasenflügel, den Riß im Kinn, lang wie die Wunde eines Messerstiches. Ein Teil des Schädels stak im Sande, so dass man vom der Schlangenkrone nur wenig sah.
Frank verlor keine Sekunde. Er streckte den Arm aus, schob den Finger unter den Kopf und hob ihn mit einer kurzen Bewegung hoch. Von der Vertiefung, in der die Gorgo geruht hatte, stieg eine Sandwolke auf, bräunlich und unheilvoll. Ohne zu warten, bis sie sich zerteilte, zog Frank den Stein an sich, richtete sich wieder auf, ließ ein wenig Luft ab, deren silberne Blasen er schnurgerade zur Oberfläche aufsteigen sah. Er triumphierte, blieb aber hellwach. Mit der freien Hand begann er, den Strick aufzuknüpfen, der die Enden der Kette verband. Er musste sich sofort von ihr befreien, ebenso von den Bleigürteln. Diese ganze Last, vereint mit dem Gewicht der Gorgo, hielt ihn am Rande der Unterwasserklippe fest, deren Steilwand in der Tiefe einer eisigen Dämmerung verschwand. Plötzlich begriff er, dass der Strick im Wasser aufgequollen war und das es nicht leicht sein würde, ihn aufzuknoten. Im gleichen Augenblick erkannte er die Gefahr. Er war zu tief, zu schwer, am Rande seiner Kräfte. Seine Brust schien sich mit brennenden Kohlen, mit Glassplittern, mit Millionen rotglühenden Nadelspitzen zu füllen. Er hielt die Gorgo hartnäckig an sich gepresst, während er sich abmühte, den verfluchten Knoten zu lösen, aber vergeblich. Sein Kopf barst vor Schmerzen, dass er hätte aufheulen mögen! Überflüssig die zwei drei Stöße, mit denen er sich zur Oberfläche hinaufzureißen versuchte, zu dieser funkelten Decke mit dem Schatten des Bootes – aber in welcher unglaublichen Höhe stand dieser Schatten!

Gruß Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


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10.08.2009 21:22
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Gorgo, der Erzählung 3er und letzter Teil ( mit einem Text am Schluss für Captn Delta)


Dieses Bild enthüllte ihm endgültig seine gefährliche Lage, die Schwierigkeiten, durch die weiten, schauerlichen Räume des Wassers zurückzukehren. „ Wenn ich mich nicht von meinem Ballast befreie, ertrinke ich!“ Er hatte stets eine stolze Freude aus diesen Spielen geschöpft, die ihn an die äußersten Grenzen führten, wo plötzlich sein Leben auf dem Spiel stand. In Paraguay vor allem hatte man ihn in diese Art Herausforderung eingeweiht. Von vornherein jede Panik vermeiden! Er zog an dem Knoten, brachte es aber nur dahin, ihn noch fester anzuziehen. Er musste unbedingt beide Hände gebrauchen! Er ließ die Gorgo los, überzeugt, dass sie auf die Terrasse zwischen die Algen fallen würde, das er sie bei einem besser vorbereiteten Abstieg wiedergewinnen würde. Er sah sie den Rand der Klippe berühren, und dann sank sie in den Abgrund, ohne sich zu drehen, die Augen nach oben gewandt, mit einem Ausdruck triumphierender Grausamkeit, siegreichen Hasses. Verloren! Aber auch er war verloren, gefangen unter dem gewaltigen, zermalmenden Panzer des Wassers. Er hörte die harten Schläge seines Herzens. Ein Messer, und dieser Strick wäre gesprengt! Da war der Fehler! Er hatte sein Jagdmesser vergessen! Er hatte einen Fehler begangen, der in dieser Unterwasserwelt zum schwerwiegenden Verhängnis wurde! Und Nicole, die dort oben wartete! Er versuchte mit aller Gewalt, sich abzustoßen, und entdeckte mit Entsetzen, dass seine Muskeln versagten, dass er von gewaltigen Armen zurückgehalten, niedergedrückt wurde! Seine wiederholten matten Bewegungen erzielten nur einen kraftlosen Anlauf, nicht imstande, ihn dieser Umarmung zu entreißen, ihn an die Oberfläche zu heben. Das ganze Meer, alle Ozeane der Welt dröhnten in seinem Kopf, erzeugten einen Aufruhr des Wahnsinns, fegten jeden zusammenhängenden Gedanken fort. Verzweifelt stieß er sich immer wieder ab, sein Empfinden versprühte in einem märchenhaften Sternengewimmel.
Als er den kurzen Zusammenbruch überwunden hatte, rückte er seine Maske zurecht, die ihn schmerzhaft drückte.
Undeutbare Formen zogen an diesem seltsamen Himmel vorüber: Fische, oder Planeten, oder Gespenster! Wer könnte das sagen! Er hatte Angst, und er wusste es. Dennoch blieb sein Wille wachsam, und nun versuchte er mit den von der Kälte gelähmten Händen nicht länger, den Strick von der Kette, sondern den Haken des Gurtes zu lösen. Offen, endlich! Der Gurt mit seiner Bleilast fiel von ihm. Wie durch ein Wunder glitt auch die Kette, die weniger eng ansaß, durch ihr eigenes Gewicht hinab, die Hüften, die Schenkel entlang….Frank stieg einige Meter auf. Zu spät, zu spät! Die Kälte, die ihn durchdrang, machte ihn schwerer als aller Ballast, von dem er sich soeben befreit hatte. Die rote Farbe rings um ihn erleichterte seine Qual, beruhigte ihn. Es war ein prächtiges Rot, ebenmäßig, endgültig. Und er öffnete den Mund, atmete mit aller Kraft ein. Wie der Strahl eines Flammenwerfers brannte eine glühende Zunge bis auf den Grund seiner Lungen. Dieser Schock zerstreute die kurze Trunkenheit, die sein Bewusstsein trübte. „ Ich sterbe“ Er lehnte sich weniger gegen diesen Gedanken auf als gegen den Anblick der entsetzlichen Fächer, die sich auf allen Seiten öffneten und schlossen und die Richtung verbargen, in der die Rettung lag. Zur gleichen Zeit heulten Sirenen, und er wusste, dass sie ihn riefen und das er ihnen widerstehen musste, und er kämpfte mit dem Rest seiner Willenskraft, schob mit mähenden Armen die Wasserlaken mit den schweren, rauschenden Falten beiseite.
Ganz nah sah er die Oberfläche, einen weißen Garten, von elektrischen Lichtern durchzogen. Schon zerfleischten Millionen Kinnladen sein Inneres mit wütender Hast. Er hielt in seinen müden Schwimmstößen nicht inne, erreichte endlich eine wärmere Zone. Seine Zunge musste unförmig geschwollen sein, sie verstopfte ihm die Kehle, drückte ihm das Hirn zusammen, ein gefährlicher Schwamm! Vor allem nicht wieder den Mund öffnen, kämpfen, kämpfen! Er tauchte auf, mit berstendem Trommelfell, schöpfte gierig Luft. Die Sonne durchbohrte ihm die Augen, trotz der geschlossenen Lider. Keine Freude war in ihm, nichts als eine stumpfe Betäubung, während er sich auf dem Wasser treiben ließ.
Es gelang ihm, das Boot zu erreichen, sich an Bord zu ziehen, wo er einen Augenblick erschöpft und keuchend liegenblieb. Und nach und nach kehrte die Welt wieder in die vertraute Ordnung zurück. Seine Taucherbrille in die Stirn geschoben, betrachtete Frank lange die Hügel, die Felsen, den roten Fleck des Zeltes und die vor der Piniengruppe im Sand liegende Nicole.
Zwischen dem Himmel und der letzten Linie der Bergkämme zittere das Licht und öffnete sein Herz für eine unermessliche Zärtlichkeit. Frank brauchte nur mit den Fingern über den Gummi des Bootes zu streichen, um Freude zu empfinden. Was bedeutete schon sein schmerzender Nacken und seine schmerzende Brust! Er erinnerte sich der Leiche eines alten Mannes, die man einst vor seinen Augen aus dem Fluß gezogen hatte. Er sah auf seine Arme, die vor Kälte weiß und leblos waren wie zwei Stücke Elfenbein, als gehörten sie nicht zu seinem Körper. Ein Gefühl des Triumphes sprang in ihm auf. Jetzt würde er zu Nicole gehen, ihren „ erleuchteten“ Blick, ihr unerschöpfliches Herz wieder finden. Seine Müdigkeit überwindend, begann er, dem Strand zuzupaddeln.
Als er aus dem Wasser watete, war er noch so geschwächt, dass er kaum den anrollenden Wellen standhielt, er stolperte, riß sich endlich los und lief mit kleinen hüpfenden Schritten – der Sand brannte unter den Fußsohlen zum Zeltplatz.
Er sah Nicole nackt bis zum Gürtel. Sie schlief, einen Arm unter dem Nacken, in einer freien anmutigen Haltung. Nachdem er aus dem Krug getrunken hatte, näherte sich Frank der jungen Frau. Niemals würde er ihr sein Abenteuer anvertrauen, aber ihm schien, dass er von heute an, wollte er die leisesten Zeichen seines Glückes entziffern, nur das erzürnte Gesicht in der Tiefe des Abgrundes, seinen wilden steinernen Schrei heraufbeschwören brauchte.
Kurze Flammen liefen über das Meer. Ein Kaik verschwand schemenhaft im Dunst. Die Äste der Pinien knackten über ihm, und Frank verstand diese Sprache jetzt besser. Er beugte sich über Nicole, über diesen vollkommenen Körper in seiner Aprikosenfarbe, über diese Gesicht, das so unbefangen, so kindlich im Schlaf war, so verwirrend, wenn es in der Glut der Liebe leuchtete. Er weckte sie, indem er sie zärtlich auf die Brust küsste, und bei dieser Liebkosung begann sein Blut schneller, heißer zu fließen, ein lebendiges Blut, dessen geheimer Gesang ihn berauschte. Und Nicole öffnete die Augen, stieß einen kleinen Schrei aus, spielte mit freudiger List die Verwirrte, ohne zu ahnen, aus welchem Land unwiderruflicher Einsamkeit er zurückkehrte.


So, nun zu dir über den großen Teich, der ich dich bald einmal mit der Sense vom Pferd geholt hätte. Du erinnerst dich an das schöne Bild mit dem Junker und dem Bauer und meine treffende Beschreibung dazu? Es hatte mich gefreut, dass ich die richtige Wahl mit der Geschichte getroffen habe, er schreibt von Poesie, dachte ich mir, dann steckt also doch hinter der harten Schale ein weicher Kern. Weist du, was ich finde, Delta: heute wird viel zu wenig gelesen, vor allem die Jungen, den Mädchen sehe ich öfters mal in der S- Bahn mit dem Buch auf dem Schoß. Wenn die jungen Trottel doch wenigstens die Westernromane…. aber nicht mal die werden….Die Helden sterben aus, die Vorbilder gleich mit.
Dein Text über die Urlaube und das schöne Lied, ich kam gleich ins träumen, träumte allerdings nur von Ungarn und der Ostsee. Zu dieser Geschichte über Gorgo haben meine Frau und ich auch eine leichte Verbindung. Irgendwann in den 80er Jahren lagen wir an einem großen FKK- Strand ( Freikörperkultur) in der Nähe von Wismar, starker Wellengang, die Flagge bzw. der Ball war schon gehisst aber ansonsten ein herrliches Wetter. Meine Frau und Tochter vorn am Strand mit Ball und ich weit von ihnen in Betrachtung der vielen sportlichen knackigen Schönen beim Volleyballspiel nahe den Dünen, die Bierflasche in der Hand. Völlig abgelenkt. Der Lieblingsball meiner Tochter fällt irgendwann ins Wasser und treibt schnell ab. Meine Frau, eine sehr gute Schwimmerin hinterher und ein Wildfremder Nackter von der Wasserrettung steht ihr sofort bei, er erfasste wohl blitzschnell die Situation. Nein, nicht bei dem was du denkst, bei der Ballrettung! Sie haben ihn dann erreicht, mehrere hundert Meter weit draußen, beide völlig am Ende ihre Kräfte.
Sie war allerdings offener statt wie Frank die Geschichte seiner Nicole zu verschweigen und erzählte mir alles noch ganz außer Atem. Da dachte ich so bei mir: Während du Rindvieh deiner Lust frönst, ertrinkt fast dein geliebtes Eheweib. Ab diesem Tag habe ich stets erst einen Blick auf sie und dann erst auf die anderen Schönen….“.

Gruß dir und allen Anderen von Rainer- Maria

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