Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 

Navigation
Forum
System
Hilfe
Grenzradio911
Forum Chat
Statistik



Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
Aktive Mitglieder im Forum: 955
Neuer User:
svehub

Allgemein
Info Wiki
 
Aktuelle Beiträge
Titel Autor Antworten Aufrufe Datum
 
 
 Das Leben an und mit der Innerdeutschen Grenze
Seiten: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12
Zermatt Online




Beiträge: 2.205


14.07.2009 19:13
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer Maria
der Widerstand von Stauffenberg und anderen in der NS Zeit,immer wieder lesenswert-danke für deinen Text.

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


15.07.2009 11:54
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Operation Walküre , der Erzählung 2. Teil

Er war nicht von Anfang an Hitler verfallen, obwohl ich so etwas gedruckt gesehen habe. Es würde mir aber auch keine großen Probleme bereiten, wenn es so gewesen wäre. Für ihn als jungen Mann wäre es völlig ehrenhaft gewesen, ziemlich begeisterungsfähig zu sein und dann seine Haltung in dem Maße zu ändern, wie er neue Tatsachen aufnahm, die ihn zu einer neuen Schlussfolgerung führten. Aber es war wirklich nicht so. Mein Vater war nicht von Anfang an ein eindeutiger Gegner, doch genauso wenig war er ein Jünger oder ein Gefolgsmann. Das passte nicht zum Charakter meines Vaters. Nicht zu seiner Persönlichkeit. Solches über meinen Vater zu berichten, wäre einfach unwahr.“
Franz Ludwig hat recht. Seinen Vater konnte man Mitte der dreißiger Jahre zwar nicht als Gegner des Nationalsozialismus bezeichnen, doch ganz gewiß auch nicht als sklavischen Hitler- Anhänger.
Erste Zweifel über die Programme der Nazis kamen Stauffenberg während der bösartigen Kampagnen gegen die Juden im Jahre 1938, als Franz Ludwig geboren wurde. Doch als im September 1939 der Krieg begann, erfüllte Stauffenberg bereits seine Pflicht. Er tat es mit der ihm eigenen Energie und Begabung und erwarb sich als Offizier der Sechsten Panzerdivision sowohl beim Polen- als auch beim Frankreichfeldzug einen guten Namen. Anfang Juni 1941, kurz vor dem Sturm auf Dünkirchen, wurde er zum Oberkommando des Heeres versetzt. Und in den ersten eineinhalb Jahren der Operation Barbarossa, der Feldzüge gegen die Sowjetunion, brachte er die meiste Zeit auf sowjetischen Territorium zu. Dort wurde er selber Augenzeuge der Brutalität der SS. Sein Dienst in Russland raubte ihm alle Illusionen über das Dritte Reich.
Während seines Frontdienstes nahm Stauffenberg zu den wichtigsten Feiertagen Urlaub, vor allem zu Weihnachten. Franz Ludwigs erste Erinnerungen an seinen Vater gehen auf diese kurzen Besuche bei der Familie zurück. Damals, 1941, war er drei Jahre alt. „ Ich erinnere mich recht gut an meinen Vater, den es herrschte Krieg, und es war stets ein ganz wichtiges und besonderes Ereignis, wenn er zu einem Kurzurlaub oder zu Weihnachten nach Hause kam. Meine frühesten Erinnerungen reichen bis Wuppertal zurück, wo die Familie bis 1942 lebte. Eine Familie floh von dort, als die Gefahr von Bombenangriffen real wurde.
1942 gelangte die Gegend in die Reichweite britischer Bomber, und da man in Süddeutschland sicherer lebte, zogen wir in das Haus meiner Großmutter ( väterlicherseits). Es sah schön aus, war zwar kein besonderer herrschaftlicher Sitz, aber immerhin der erste Ort, den ich für mein Zuhause hielt .Ich habe sehr angenehme Erinnerungen an ihn, und ich fühle mich diesem Ort mehr verbunden als allen anderen Orten meiner Kindheit.
Nach dem Krieg blieben wir dort bis 1953. Die Zusammenkünfte im Haus meiner Großmutter waren ziemlich große Familienereignisse. Wir liebten den Vater über alles. Er war unsere Meinung nach die Hauptperson in unsere Familie, den es war stets eine seltene Gelegenheit, so etwas wie ein Festtag, wenn er kam, und soweit ich mich erinnere, schenkte er seinen Kindern recht viel Aufmerksamkeit- er ging mit uns spazieren oder spielte mit uns auf einem Spielplatz, erklärte uns verschiedene Spiele und dergleichen. Ich habe aus jener Zeit sehr schöne Erinnerungen an meinen Vater.“
Stauffenbergs Besuche bei seiner Familie bildeten eine willkommene Ablenkung von der sich verschlechterten Lage an der russischen Front. Die unnötige Katastrophe bei Stalingrad im Februar 1943 nahm Stauffenberg noch mehr gegen Hitlers Strategie ein. Sobald die Schlacht um Stalingrad beendet war, suchte er um Versetzung an eine andere Front nach, und so schickte man ihn zur Zehnten Panzerdivision nach Tunesien, gerade noch rechtzeitig, um die letzten Tage des erbitterten Kampfs um den Kasserine- Paß mitzuerleben.
Am 7. April 1943 fuhr sein Auto in ein Minenfeld und er wurde schwer verwundet. Er verlor sein linkes Auge und erlitt Verletzungen am linken Ohr und am Knie. Auch verlor er die rechte Hand, und die Chirurgen mussten überdies einen Teil des rechten Arms sowie den Ringfinger und den kleinen Finger der linken Hand amputieren. Die Ärzte bezweifelten, das er überleben würde. Und wenn doch, meinten sie, würde er sein Augenlicht nicht wiedererlangen. „ Ich erinnere mich noch sehr gut an ihn mit seiner Verwundung, mit seiner Augenklappe und seinem Armstumpf, und die beiden Finger an der anderen Hand fehlten auch; ich weiß noch ziemlich genau, wie energisch er protestierte, wenn ihm jemand mit seinen Bandagen und Verbänden behilflich sein wollte“, sagt Franz Ludwig. „ Sehr lange musste er im Krankenhaus bleiben. Aber im Frühjahr 1943 kehrte er zur Genesung zu uns zurück. Die meiste Zeit hatte er in einem Wehrmachtshospital in München zugebracht, und es war ihm lange sehr schlecht gegangen.
In jener Zeit knüpfte er seine wichtigsten Kontakte zu den Leuten, die den Putsch vorbereiteten. Als er eingewilligt hatte, Stabsaufgaben in Berlin zu erledigen, wurde er für sie wichtig.
Was die Verwundung meines Vaters anbelangte, so war ich zu jung ( fünf Jahre), um mir klarzumachen, wie es wirklich um ihn stand. Wir wussten, er war schwer verwundet und befand sich im Krankenhaus, aber ich erfuhr erst viel später, wie ernst, wie lebensbedrohlich sein Zustand wirklich war. Damals wussten wir das nicht. Wir nahmen an, das er eines Tages zurückkommen würde, und so warteten wir auf ihn. Niemand von uns, weder meine älteren Geschwister noch ich, besuchten den Vater je im Lazarett. Zumal es weit entfernt lag.
Das Wiedersehen mit meinem Vater in der Familie war nur während seiner Genesung Ende 1943 von längerer Dauer. Das heißt, im Spätsommer 1943. Das war eine schöne Erholungszeit. Ich erinnere mich, er kam Weihnachten 43 zu uns, als wir uns in Bamberg aufhielten. Er überraschte uns am Heiligabend mit seinem Kommen. Mutter wusste es schon, aber wir nicht, und es gab eine große Aufregung und Freude, an die ich mich noch recht gut erinnere.“
Jeder Andere, der seinen Verwundungen um ein Haar erlegen gewesen wäre, hätte sich wahrscheinlich vom Militär und von der Verschwörung zurückgezogen. Nicht so Stauffenberg. Im Hochsommer schrieb er, nachdem er mit den drei Fingern seiner bandagierten linken Hand unermüdlich geübt hatte, Briefe an seine Vorgesetzten, in dene er sie über seine Absicht in Kenntnis setzte, sich binnen dreier Monate wieder seinen dienstlichen Obliegenheiten zu widmen. Im Sommer gestand er seiner Frau auch im Vertrauen, dass er sich verpflichtet fühle, etwas zur Rettung Deutschlands zu unternehmen.
„ Wir Offiziere des Generalstabs müssen alle unseren Teil Verantwortung auf uns nehmen“, erzählte er ihr.
Im Oktober 1943 befand sich Stauffenberg als Oberstleutnant und Stabschef unter General Friedrich Olbricht wieder in Berlin beim Allgemeinen Heeresamt. Mit seiner schwarzen Augenklappe war der hochdekorierte, über einsachtzig große Stauffenberg inzwischen im Berliner Oberkommando zu einem legendären Soldaten geworden. Während er sich in seine neuen Aufgaben fand, erlangte er ebenso rasch politischen Einfluss auf die entmutigten Verschwörer. Er forderte, das die neue Regierung aus einem Antinazi- Kabinett bestehen müsse, und empfahl eine Reihe potenzieller Führer. Aus der Erkenntnis heraus, dass die Verschwörung junge Männer aus dem Militär brauchte, die bereit wären, ihre Kommandos zu mobilisieren, gewann er einige der wichtigsten deutschen Offiziere für die Unterstützung des bevorstehenden Putsches.
Anfang 1944 ließ ein ranghoher Offizier wissen, dass er den Verschwörern zur Verfügung stehe: Feldmarschall Erwin Rommel, der gefeierte „ Wüstenfuchs“. Stauffenberg und viele andere Verschwörer misstrauten Rommel und betrachteten ihn als Nazi, der sich nur deshalb von Hitler abwandte, weil der Krieg verloren war. Welche Motivation Rommel auch haben mochte, in einem wichtigen Punkt unterschied er sich von den Verschwörern. Er wandte sich gegen eine Ermordung Hitlers, weil er glaubte, das würde aus diesem einen Märtyrer machen. Statt dessen meinte er, Hitler solle wegen seiner Verbrechen vor ein deutsches Gericht gestellt werden, während gleichzeitig ein Separatfrieden mit dem Westen abgeschlossen und der Krieg gegen die Russen fortgesetzt werden sollte.
Stauffenberg und viele seiner Freunde erkannte jedoch, dass der Westen einen Separatfrieden nie akzeptieren würde. Als sich die Kriegslage verschlechterte, beschleunigten sie ihre Pläne zur Beseitigung Hitlers und zur Übernahme der Regierungsgewalt. Die neue Aktion trug den Decknamen Walküre, nach den lieblichen Jungfrauen in der germanischen Mythologie, die über die Schlachtfelder reiten und die sterbenden Krieger nach Walhall geleiten. Bei diesem Attentat sollte Hitler sterben.
Im Juni 1944 wurden Stauffenberg und eine Reihe seiner Kameraden von der erfolgreichen Landung der Alliierten an den Stränden der Normandie überrascht. Einige Verschwörer meinten, man solle die Attentatspläne aufgeben, da das Ende unaufhaltbar sei. Sie wollten nicht die Schuld für Deutschlands Niederlage tragen. Doch in hitzigen Debatten überzeugte Stauffenberg die Umstürzler davon, dass es darauf ankomme, Hitler zu töten, um das sinnlose Blutvergießen zu beenden und der Welt zu beweisen, dass die Männer des deutschen Widerstandes ungeachtet unglaublicher persönlicher Erfahrungen den entscheidenden Schritt gegen den Nazidiktatur wagten.
Im Juli wurde Stauffenberg beim Befehlshaber des Ersatzheeres zum Oberst befördert. Das bedeutete eine glückliche Fügung für die Verschwörer, den es brachte ihm häufigen persönlichen Kontakt mit Hitler. Stauffenberg galt nun als der entscheidende Mann des Komplotts. Jede Erfolgschance beruhte nun auf seinem Geschick, Hitler zu töten. Diese neue Aufgabe ging er mit dem selben Eifer und derselben Entschlossenheit an, die seine gesamte Laufbahn gekennzeichnet hatten. Er übte das Scharfmachen der Bomben englischer Herkunft mit seinen drei ihm verbliebenen Fingern.
Während dieser hektischen Vorbereitung zum letzen Sturm auf die Nazimaschinerie traf Stauffenberg zum letzten Mal mit seiner Familie zusammen.
„ Ich erinnere mich deutlich an eine Wochenendfahrt zu einem alten Großonkel in der Nähe von Bamberg. Es muß um Pfingsten gewesen sein, vielleicht etwas früher. Er hatte Kurzurlaub genommen und wir konnten diese verlängerte Wochenendfahrt unternehmen.. Autos sah man in dieser Zeit recht selten, also musste man mit dem Zug fahren und anschließend bergauf mit einem kleinen Pferdewagen. Es war eine ziemlich lange Expedition, und ich erinnere mich, dass er bei uns war. Es muß das letzte Mal gewesen sein,“

Gruß Rainer- Maria

Heldrasteiner Online





Beiträge: 1.998


15.07.2009 15:13
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer-Maria,
ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, das Du da beleuchtet hast.
Danke für diesen Beitrag!

Als ich vor mehr als zehn Jahren mal in Berlin war, stand auch der Besuch der Gedenkstätte Plötzensee auf dem Programm.
Der Anblick dieser Fleischerhaken und Seile, an welchen die Widerstandskämpfer aufgehangen wurden, hat mich so tief bewegt, daß ich rausgehen und furchtbar heulen mußte. Da waren dann die Bilder des Prozesses vor dem Volksgerichtshof mit gedemütigten Angeklagten und einem schreienden Freisler in meinem Kopf.
Und ich dachte an den Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz, dessen Familie in meiner Nähe beheimatet ist.
http://www.stiftung-adam-von-trott.de/ad...tt/avt_main.php

Der 20. Juli darf nie aus unserer Erinnerung verschwinden!

Hilfe noch am Grabesrand wird vom Heldrastein gesandt

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


16.07.2009 17:52
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Operation Walküre, der Erzählung 3. Teil

Am 11. Juli brachte Stauffenberg eine Bombe mit nach Berchtesgaden, und obwohl er sich eine halbe Stunde mit Hitler und Göring aufhielt, zündete er die Bombe nicht, weil Himmler fehlte. Die Verschwörer hatten beschlossen, es sei am besten, man tötete die drei führenden Nazis auf einen Schlag. Eine zweite Gelegenheit ergab sich am 15. Juli, diesmal in Rautenburg. Himmler und Göring waren nicht anwesend. Stauffenberg verließ den Raum und rief seine Mitverschwörer in Berlin an, um ihnen mitzuteilen, das er die Bombe, obwohl nur Hitler anwesend sei, auf jeden Fall legen wolle.. Als er in das Konferenzzimmer zurückkehrte, war Hitler bereits gegangen.
Am 20. Juli sollte Stauffenberg erneut Hitler begegnen, und zwar wieder in der Wolfsschanze, dem ostpreußischen Hauptquartier. Diesmal waren die Putschisten entschlossen, Hitler zu töten, einerlei, wer noch an der Beratung teilnehmen würde. Anstatt in einem unterirdischen Bunker, wo der umschlossene Raum die Detonationskraft vervielfacht hätte, fand die Beratung in der Gästebaracke statt, deren zehn Fenster wegen des warmen Wetters weit offen standen. Auf dem Weg zur Beratung, den Stauffenberg zusammen mit Feldmarschall Wilhelm Keitel ging, entschuldigte er sich und gab vor, er habe Mütze und Gurt in einem Wartezimmer vergessen. Dort öffnete er mit seinen drei gesunden Fingern geschwind die Aktentasche, zerbrach die Kapsel, die den primitiven Zündmechanismus auslöste, und gesellte sich ruhig zu den wartenden Nazis. In zehn Minuten würde die Bombe hochgehen.
Im Beratungszimmer nahm Stauffenberg seinen Platz nur wenige Schritte rechts von Hitler ein. Er lehnte die Tasche gegen den Fuß des aus Eiche gefertigten Kartentisches. Vier Minuten vor der Detonation verließ Stauffenberg gelassen den Raum unter dem Vorwand, er erwarte einen wichtigen Anruf aus Berlin. Nach seinem Weggang beugte sich ein anderer Offizier über den Tisch, um die Karte besser betrachten zu können. Dabei störte ihn Stauffenbergs Tasche, die er von dem massiven Tischbein weg auf die andere Seite stellte und, ohne es zu wissen, Hitler vor der Hauptwucht der Detonation bewahrte.
Die Bombe explodierte um zwölf Uhr zweiundvierzig. Stauffenberg stand nur wenige hundert Meter entfernt und beobachtete die Szene, als er das Gebäude in einem Meer von Rauch und Flammen aufgehen sah. Trümmer flogen durch die Luft, und Körper wurden aus den Fenstern geschleudert. Für Stauffenberg bestand kein Zweifel, das alle in dem Raum entweder bereits tot waren oder sterben würden.
Zwar wurde unverzüglich Alarm ausgelöst, doch Stauffenberg redete sich an den vier bewaffneten SS- Posten vorbei. Auf dem nahegelegenen Flugfeld bestieg er ein Flugzeug , das mit angelassenem Motor wartete, und begab sich auf die dreistündige Reise nach Berlin. Stauffenberg ahnte nicht, dass Hitler die Explosion überlebt hatte. Ein fallender Balken hatte den Führer am Rücken verletzt, an den Beinen trug er Verbrennungen davon, sein Haar war versengt, sein rechter Arm vorübergehend gelähmt und sein Trommelfell gerissen, aber er war nicht ernsthaft verwundet. Vier Männer starben, und es gab zahlreiche Schwerverletzte. Stauffenberg befand sich in der Luft, und die Verschwörer sahen sich ihres Schwungs und ihrer Führung beraubt. Die Nachricht aus der Wolfsschanze ließ nicht eindeutig erkennen, ob Hitler tot oder noch am Leben war, und deshalb erteilte niemand in Berlin die Walküre- Anweisungen, um mit den militärischen Operationen zur Übernahme der Regierung zu beginnen. Alle warteten untätig auf Stauffenbergs Landung, und als er endlich in Berlin eintraf, musste er bestürzt feststellen, das man die entscheidendsten Stunden versäumt hatte. Nicht einmal den zentralen Rundfunk oder das Telegraphenamt hatte man besetzt. Er rief die Verschwörer zusammen, und noch am selben Tag gelang es ihnen, einige wichtige Gebäude besetzt zu halten und ein paar loyale Nazikräfte in Gewahrsam zu nehmen, doch über die offenen Kommunikationskanäle kam allmählich die Meldung, dass der Führe überlebt habe. .Stauffenberg weigerte sich, es zu glauben. Als sich die Nachricht ausbreitete, zogen sich entscheidende Offiziere, die zuvor gewankt hatten, wieder in das Lager der Hitler- Anhänger zurück. In den Nachrichten wurde auch versichert, das treu zu Hitler stehende Kräfte sich auf einen erbitterten Kampf einstellten.
Um neun Uhr Abends vernahmen die Verschwörer entsetzt die Rundfunkmeldung, Hitler werde in Kürze zur Nation sprechen. Bis elf Uhr hatte sich die bröckelnde Führung der Verschwörer ins Kriegsministerium zurückgezogen, als ein Trupp Nazigetreuer hereinstürmte. In dem entstehenden Handgemenge erhielt Stauffenberg einen Schuß in den ihm verbliebenen Arm. Binnen einer Stunde verkündete sein einstiger Vorgesetzter, General Friedrich Fromm, dass Stauffenberg und drei weitere Männer von einem Standgericht zur sofortigen Hinrichtung verurteilt worden seien
Stauffenberg, dessen Ärmel von dem verwundeten Arm blutdurchdrängt war, wurde auf einen Hinterhof des Ministeriums geführt. Dort beleuchteten die Scheinwerfer eines Wehrmachtsfahrzeuges die Wand, an der sich die Verurteilten zur Erschießung aufstellen mussten. „ Es lebe das geheime Deutschland“ rief Stauffenberg, als er im Alter von sechsunddreißig Jahren tot zu Boden fiel.
„ Natürlich wussten wir Kinder vor dem Putsch überhaupt nichts“, sagt Franz Ludwig. „ Jede derartige Information wäre absolut unverantwortlich und selbstmörderisch gewesen. So hatten wir keine Ahnung, dass etwas geschehen würde. Was geschah, war, dass am nächsten Tag, dem einundzwanzigsten, meine Mutter auf mein Zimmer kam. Es war ein großes dreistöckiges Haus, und unsere Zimmer befanden sich in einer Art Bibliothek, die für uns hergerichtet war. Wir spielten gerade, als meine Mutter eintrat und sagte, sie habe uns etwas Schreckliches zu berichten: Papi ist tot. Daran erinnere ich mich ganz deutlich. Natürlich brauchte ich einige Zeit, bis ich mitbekam, was das eigentlich bedeutete. Man konnte sich zwar unschwer vorstellen, was Totsein bedeutete, aber wir konnten nicht begreifen, das es wirklich Papi war. Meine Mutter weinte nicht. Sie sprach etwas länger mit meinem älteren Bruder, der damals zehn Jahre alt war – natürlich erzählte sie ihm nicht die ganze Wahrheit, aber sie sagte ihm, Vater habe einen schrecklichen Fehler gemacht oder einen Irrtum begangen oder so ähnlich.
Zwei Tage später wurden meine Mutter und mein Großonkel, der gerade bei uns war, nachts, als wir alle schliefen, abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Wie erfuhren erst am nächsten Morgen davon, als wir zum Frühstück herunterkamen. Ein paar Tage darauf fuhr meine Tante nach Berlin, um den ältesten Bruder meines Vaters , Berthold, aufzusuchen. Aber daran erinnere ich mich nicht so gut. Stärker eingeprägt hat sich mir, dass man uns ein paar Tage später erzählte, meine Großmutter und ihre Schwester, eine pensionierte Rotkreuzschwester, seien nun auch verhaftet und mitgenommen worden. Wieder bekamen wir nichts von ihren Verhaftungen mit, sondern erfuhren erst davon, als man es uns erzählte.
Sehen sie, es war ein großes Haus und wir waren insgesamt sechs Kinder, wir vier, ein Cousin und eine Cousine, und dann hatte meine Großmutter noch ein Dienstmädchen, das auch für die Küche verantwortlich war, und es gab ein Kindermädchen für den Cousin und die cousine – so spielte sich also viel außerhalb der eigentlichen kleinen Familie ab,
„ Die Stauffenbergs, die zurückgezogen auf ihrem großen Gut in Süddeutschland lebten, ahnten nicht, dass Hitler und Himmler einen brutalen Rachefeldzug eingeleitet hatten, um alle Überreste des Widerstandes auszurotten. Es gab eine wilde Verhaftungswelle, auf die grausame Folterungen, Femegerichte und sadistische Todesurteile folgten, darunter auch das Aufhängen der Opfer an Fleischerhacken. Verwandte und Freunde von Verdächtigen wurden zu Tausenden zusammengetrieben und in Konzentrationslager gebracht. Die Verhaftungen der Stauffenbergs hatten den Beginn der Aufräumaktion in ganz Deutschland bedeutet. Innerhalb von zwei Monaten verhaftete die Gestapo über siebentausend Verdächtige, und „ Volksgerichtshöfe“ verurteilten viertausendneunhundertachtzig Personen zum Tode.
Zu den Hingerichteten gehörte Graf Berthold von Stauffenberg, Claus älterer Bruder. „ An meinen Onkel kann ich mich erinnern“, erzählt Franz Ludwig. „ Ich weiß noch recht gut, wie er aussah. Auf Fotos kann ich immer erkennen, ob er gut getroffen ist oder nicht. Wir sahen ihn an bestimmten Feiertagen. Er war Anwalt und Marinerichter, und deshalb trug er eine Marineuniform, was für uns ziemlich aufregend war.“
Der dritte Stauffenberg- Bruder war Universitätsprofessor für Altertumsgeschichte und über jeden Verdacht erhaben. Dennoch nahm ihn die Gestapo fest, weil er ein Stauffenberg war.
Nachdem zwei der Brüder tot waren und die Erwachsenen der Familie sich im Gefängnis befanden, entschlossen sich die Nazis, gegen die Kinder vorzugehen.

Gruß Rainer- Maria

PS. Ich stell die Erzählung erst einmal ein, später dann zu dir, Susanne und Zermatt und Danke zwischendrin für euer Interesse. Es ist ja noch etwas hin bis zum 20. Juli, die Erzählung läuft in etwa zeitgleich um 65 Jahre versetzt, das macht sie auch so interessant, den vieles davon habe ich als geschichtsinteressierter Leser selbst noch nicht gewusst, Natürlich hänge ich im Anschluss noch eine vom kommunistischen Widerstand mit dran, das bin ich dem Osten, aus dem ich komme, schuldig.

Rainman2 Online




Beiträge: 1.846


16.07.2009 18:15
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer-Maria,

danke für die Geschichte und deren Fortsetzung.

ciao Rainman

---------------------------------------------------
Forum Admin
http://www.forum-ddr-grenze.de
http://www.innerdeutsche-grenze.info

Zermatt Online




Beiträge: 2.205


16.07.2009 18:44
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Ja,bitte mehr zu diesem Thema. Danke

Mike59 Online




Beiträge: 1.060


16.07.2009 18:57
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Da empfehle ich - Hans von Oettinger - bitte sterben zu dürfen.

turtle Offline



Beiträge: 1.464


16.07.2009 19:23
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten


Hallo mein Freund Rainer-Maria,
Auch ich lese Deine Literatur gern! Ich hatte mich schon gewundert das Du Deine Wiederständler aus den kommunistischen Reihen nicht mit erwähnst! Na da können wir ja noch etwas weiterlesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung.
Dein Freund Peter

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


17.07.2009 22:05
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Operation Walküre, der Erzählung 4. Teil

„ Genau um diese Zeit, ich weiß nicht mehr recht, ob es vor der Verhaftung meiner Großmutter war, aber ich glaube, ja, kamen zwei Männer zu unserem Haus, und man stellte sie uns vor“, entsinnt sich Franz Ludwig. „ Sie übernahmen den Haushalt. Sie aßen mit uns, gingen mit uns spazieren. Sie gehörten zur Gestapo. Einer war ein Schwergewicht, ziemlich groß und kräftig, ich glaube, er war der Chef. Und der andere war recht klein und schmal. In diesem Alter, denke ich, nimmt ein Kind eine Menge war und erinnert sich an ziemlich viel, aber ein Kind leitet nicht logisch die Bedeutung all dessen ab, was ringsum geschieht. Ein Kind nimmt einfach die Dinge, wie sie sind. Ein Kind sucht in diesem Alter nicht nach Erklärungen für die Ereignisse, sie geschehen eben, und wenn die Erwachsenen dir sagen, es habe alles seine Richtigkeit, dann nimmt man das einfach hin. Natürlich war es ungewöhnlich, und in meiner Erinnerung mochte ich die Beiden eigentlich nicht, aber ich kann nicht sagen, dass ich sie haßte. Ich hatte nur das Gefühl, das sie nicht zu uns gehörten. Aber sie rissen alles an sich und benahmen sich wie die Hausherren. Dann, wieder nach einer Reihe von Tagen, ich weiß nicht, nach wie vielen, hieß es, wir würden in einem Auto fortfahren. Man sagte uns, es würde ein Auto sein, weil das aufregender war – ein Auto war solch eine Seltenheit.
Dann geschah etwas, was sich mir ziemlich gut eingeprägt hat. Das Dienstmädchen meiner Großmutter war eine fromme Katholikin. Sie brachte uns zum Dorfplatz, den wir sechs Kinder alle gut kannten, wir begleiteten sie also auf dem kurzen Gang zum Pfarrer. Er sprach mit uns, gab uns seinen Segen und meinte, auf uns würden möglicherweise schlimme oder gar grauenhafte Erlebnisse warten, und wir würden vielleicht sogar in einem Schweinestall landen. Aber was auch immer geschehe, wir sollten daran denken, das unser Vater ein großer Mann und, was er getan, recht gewesen sei. Natürlich war das für diesen Pfarrer außerordentlich gefährlich und mutig von ihm, den hätten wir Kinder die Geschichte den Gestapo- Leuten erzählt, dann hätte man ihn in ein Konzentrationslager geworfen. Ich erinnere mich an den abendlichen Gang zu ihm und daran, dass das Hausmädchen weinte. Ich wusste, etwas sehr Bewegendes war geschehen, aber ich hatte keine rechte Vorstellung, was es war.
Am nächsten Tag kam ein Auto für uns. Eine schwarze Limousine. Ein großes schwarzes Ding. Einerseits war es aufregend, aber andererseits irgendwie unangenehm, weil man nicht wusste, was sich da abspielte und wohin wir fuhren. Für mich gab es einen ganz wichtigen Punkt. Ich hatte zwei ältere Brüder. Ich hielt mich einfach an sie, und sie gaben sich recht zuversichtlich. Solange sie die Ereignisse akzeptierten, war für mich alles in Ordnung. Ich glaube, es hätte anders ausgesehen, wäre ich das einzige oder das älteste Kind gewesen. Aber da ich das nicht war, konnte ich meine Gefühle daraus ableiten, wie sie reagierten, und sie reagierten nie angstvoll. Also fühlte ich mich ausreichend sicher.“
Die Stauffenberg – Kinder wurden als erste von der Gestapo abgeholt. Auf Himmlers Anweisung brachte man sie in zentrale Jugendstrafanstalten, bis sich die SS ausgedacht hatte, was mit ihnen zu geschehen habe. Franz Ludwig erinnert sich teilweise an die Fahrt in die Anstalt. „ Einer der Gestapo- Leute begleitete uns, ich glaube, der kleinere, aber ich bin nicht ganz sicher. An den ersten Teil der Fahrt erinnere ich mich nur verschwommen. Ich entsinne mich, dass wir zuerst in eine Stadt fuhren. Ich glaube, nach Stuttgart Dann gelangten wir an einen Ort, an dem wir bis nach dem Krieg blieben. Es war eine Art Kindergarten im Harz, in der Nähe von Göttingen. Der ort heißt Bad Sachsa, eine Kleinstadt am Südhang des Gebirges, heut direkt an der Grenze zwischen West – und Ostdeutschland. Es war schön dort. Gebaut wurde die Anlage um den ersten Weltkrieg herum als eine Art Ferienlager auf dem Lande für Bremer Kinder. Es war auf einem großen Territorium schön angelegt und umfasste mehrere Häuser, jedes für dreißig bis fünfunddreißig Kinder eingerichtet, ihrem Alter und Geschlecht angepasst.
Das ereignete sich entweder Ende Juli oder Anfang August. Es ging alles sehr schnell. Ich verbrachte dort fast ein Jahr, bis Juni 1945. Als wir dort ankamen, steckte man drei von uns, meinen zweiten Bruder, meinen Cousin und mich in ein Haus, während meine Cousine und meine Schwester wiederum in ein anderes Haus einzogen. Wir kamen als erste dort an. Doch kurz darauf füllten sich die Häuser mit mehr und mehr Kindern. Es stellte sich heraus, dass es sich ausschließlich um Kinder von Eltern handelte, die sich am Putsch beteiligt oder mit dem Widerstand in Verbindung gestanden hatten“.
Ende 1944 begann die SS auf einmal, die Zahl der in Gewahrsam gehaltenen Kinder zu verringern. „ Wir erfuhren später, dass man sie zu einer Großmutter oder einer entfernten Tante oder wem auch immer zurückbrachte“, berichtete Franz Ludwig. „ Und dann blieben nur noch zehn von uns übrig, die sechs aus unserer Familie und vier andere Kinder. Wir erfuhren, dass drei der anderen entfernte Cousins von uns waren. Ihr Vater war ein direkter Cousin meines Vaters und hatte im Widerstand als Verbindungsmann zwischen Berlin und Paris gearbeitet. Er war ein echter Vertrauter meines Vaters gewesen, und natürlich brachte man auch ihn um. Dann wurden wir alle zusammen in ein Haus gelegt, und so war ich wieder mit meinen Geschwistern und Cousins zusammen.“
Im Herbst 1944 erkrankte der sechs Jahre alte Franz Ludwig an einer chronischen Mittelohrentzündung, die sich zunehmend verschlimmerte. Der Lagersanitäter bemühte sich erfolglos, ihn zu kurieren, dann stellte man ihn einem Spezialisten im nahegelegenen Nordhausen vor, und der veranlasste seine Einlieferung in das Erfurter Krankenhaus. „ Ich lag vier bis fünf Wochen in der Hals- Nasen- Ohrenabteilung des Krankenhauses“, erinnert sich Franz Ludwig. „ Und einer der besten Spezialisten in Deutschland behandelte mich dort. Ich wurde operiert und als völlig geheilt entlassen. Rückblickend ist es seltsam, dass sie wirklich nicht wussten, was sie mit uns anfangen sollten. Anstatt einigermaßen froh zu sein, einen weniger zu haben, wenn mir etwas zustoßen sollte, ließen sie uns die beste medizinische Behandlung angedeihen. Vielleicht ist das typisch deutsch. Solange nicht jemand endgültig über uns entschieden hatte, nahm jeder seine Verantwortung ziemlich ernst, denn niemand wusste, was man letztendlich entscheiden und wen man zur Verantwortung ziehen würde. So erhielt ich die bestmögliche Betreuung.
Doch man lieferte mich unter falschem Namen ins Krankenhaus ein. Dieser Vorfall zeigte mir, dass wir alle im Lager unter falschem Namen lebten. Meine Geschwister und mein Cousin erhielten den Namen Meister. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich mit anderem Namen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil es nicht funktionierte. Ich war zu dumm dafür. Wir gingen zum Beispiel zum Röntgen, und ich musste zusammen mit vielen Leuten im Wartezimmer ausharren, und dann kam jedes Mal eine Schwester und sagte „ Müller, bitte“, oder Meyer, bitte“, und dann kam sie und sagte „ Meister, bitte“, und ich reagierte nicht. Und schließlich sagte die Schwester: „ Jetzt sind wir aber an der Reihe“, und ich fragte; , Wieso, hat man Stauffenberg aufgerufen? Das geschah verschiedene Male. Nie wurde ich dafür bestraft. Später fand ich heraus, dass man im ganzen Krankenhaus genau wusste, wer ich war. Aber es richtete keinen Schaden an, und so gab es keine Konsequenzen. Irgendwie hat das keine Probleme bereitet, und ich war ganz glücklich.
Der Grund, weshalb sie unsere Namen änderten, war Tarnung. Inzwischen kannte jeder den Namen Stauffenberg, Stauffenberg wurde in der Propaganda zu einem Schlüsselwort für das Böse, zu einem Schlüsselwort für Verräter.“
Franz Ludwig wurde von einer freundlichen, älteren Schwester, halb Aufpasserin, halb Bedienstete, ins Krankenhaus begleitet, und er fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft. In Erfurt kam er inzwischen auch zum ersten Mal richtig mit dem Krieg in Berührung. Erfurt galt als Ziel für Bombenabwürfe der Alliierten, und Franz Ludwig weiß noch, wenn sie vom Luftschutzbunker nach oben kamen, „ dann sahen wir die Schäden in der Stadt. Es war beunruhigend, aber auch aufregend. Ich erinnere mich nicht, Angst empfunden zu haben.“
Franz Ludwig kehrte nach dem Nikolaustag, dem 6. Dezember, in das Lager Bad Sachsa zurück. In der Weihnachtszeit erhielten die bereits fünf Monate von ihrer Familie getrennten Stauffenberg- Kinder ihren ersten Besuch von einem Verwandten, einer recht außergewöhnlichen Tante. Franz Ludwig erinnert sich an sie und ihren Besuch noch ganz deutlich. „ Alexander, der Bruder meines Vaters, der Universitätsprofessor, hatte eine sehr interessante Frau geheiratet: Melitta. Wir nannte sie Tante Lita. Sie war Fliegerin, Pilotin, was damals als Beruf für eine Frau nicht gerade normal war.
Man konnte sie nicht einfach als Abenteurerin bezeichnen, sondern sie hatte als Ingenieurin auch eine Reihe recht wichtiger Geräte für den Nachtflug erfunden.
Nun, auch Göring galt als eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit den sonderbarsten Zügen, und es lässt sich kaum begreifen, wie Hitler oder Himmler ihn auch nur duldeten. Also, er war ein grotesker Mann. Ihn umgab ein besonderer Kreis von Menschen, die alle mit dem Fliegen zu tun hatten und die eine Art Teamgeist und Kameraderie verband – nicht notwendigerweise Nazis, eine ganze Reihe von ihnen fand einen Weg, in seiner Nähe zu leben, ohne sich zu sehr von der Naziideologie anstecken zu lassen. Einige hatten nichts mit dem Nationalsozialismus gemein, waren aber leidenschaftliche Flieger.

Gruß Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


18.07.2009 17:35
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Operation Walküre, der Erzählung 5. Teil

Jeder Flieger, also jeder, der irgend etwas mit dem Fliegen zu tun hatte, kannte diese Tante. Unter ihnen besaß sie zahlreiche Freunde. Als man ihren Mann verhaftete, versuchte sie, etwas zu unternehmen. Sie wurde selbst festgenommen. In treuer beruflicher Verbundenheit bemühten sich ihre Freunde, sie herauszuholen, und sie hatten Erfolg. Sie erzählten der Gestapo, sie könne nichts mit dem Stauffenberg – Komplott zu tun gehabt haben, sie sei nur eine angeheiratete Stauffenberg, und überdies sei sie unersetzlich und würde in der Luftfahrt dringend gebraucht, niemand könne ihren Platz ausfüllen. Und als man sie freiließ, sagte sie, in Ordnung, aber sie wolle nur unter zwei Bedingungen zur Arbeit gehen. Zunächst wollte sie wissen, wo sich ihr Mann und die übrigen Familienangehörigen aufhielten; und sie betrachtete uns alle als ihre Familie. Zweitens solle ihr die Möglichkeit eingeräumt werden, uns alle zu besuchen. Beiden Forderungen kam man nach. Sie war sehr couragiert. Sie nahm ein großes Risiko auf sich und hatte Erfolg. Man sagte ihr die Information nicht nur zu, sondern sie bekam sie auch. Sie wusste, wo wir festgehalten worden, wohin man meine Mutter gebracht hatte, wo sich die gesamte Familie aufhielt, und sie besuchte jeden. Also kam sie 1944 als Weihnachtsüberraschung zu uns. Am Weihnachtsfeiertag wurden wir in das Haus der Lagerdirektorin gerufen, wir gingen hinüber, und da stand Tante Lisa. Es gab einen Weihnachtsbaum, und sie wollte mit uns auf die gewohnte Weise feiern, aber da man zu jener Zeit nur schwer Spielzeug auftreiben konnte, war sie irgendwo hingegangen, wo man Kriegsorden hortete. Sie griff sich eine Hand voll und schenkte sie uns. Natürlich fühlten wir uns wie richtige Kriegshelden.
Als Ergebnis dieses Besuches konnte sie nun auch meiner Großmutter berichten, wo wir uns aufhielten, und das es uns gut ging. Wir liebten sie. Sie war wahnsinnig aufregend. Die wunderbarsten Geschichten erzählte sie uns über ihr Fliegen und ihre Flugzeuge. Es war ein großartiges Weihnachtsfest mit ihr in jenem Jahr,“
Während sich Franz Ludwig und seine Geschwister in Bad Sachsa befanden, gebar ihre zum Zeitpunkt der Verhaftung schwangere Mutter noch ein Kind, eine Tochter, die im Januar 1945 zur Welt kam. Obwohl Gräfin Nina und das Neugeborene ernsthaft erkrankten, pflegte man sie in einem Potsdamer Krankenhaus allmählich wieder gesund. Melitta Stauffenberg besuchte sie im Krankenhaus und teilte ihr mit, das sich ihre anderen Kinder in Sicherheit befänden.
Anfang 1945 hatte man Bad Sachsa zum Hauptquartier einer Heeresdivision umgebaut. Diese Umgestaltung fand Franz Ludwig „ ganz aufregend“. Es diente auch als Durchgangslager für Scharen von Flüchtlingen aus dem Osten. Zur Zeit seiner Internierung war ihm nicht bewusst, dass die Umstände viel schlimmer hätten sein können. Bad Sachsa galt als Jugendstrafanstalt für Kinder bis zu 13 Jahren. Kinder im Alter von vierzehn Jahren und darüber wurden in ein Konzentrationslager in der Nähe von Danzig gesteckt. Als die Ostfront zu nahe rückte, verlegte man die gesamte Gruppe , den Russen immer einen Schritt voraus, von einem Lager ins andere.. Für eine Weile lieferte man sie auch in Buchenwald ein. Schließlich gelangten sie in die Alpen, wo sie unter SS- Bewachung standen und durch eine ungewöhnliche Fügung von regulären deutschen Wehrmachtsangehörigen befreit wurden, die sie später in Norditalien amerikanischen Truppen übergaben. Franz Ludwig besaß mehrere Verwandte in dieser Gruppe von Älteren und erfuhr später von ihnen, was sie erlebt hatten.
Die Stauffenberg- Kinder indes verblieben bis Juni 1945 in Bad Sachsa, obwohl das Lager bereits in den letzten Apriltagen von den Amerikanern befreit worden war. „ Wir hörten das Krachen großer Geschütze, ein dumpfes donnerndes Geräusch, und wussten von denen bei uns stationierten deutschen Soldaten, das wir den Krieg verloren hatten“, sagt Franz Ludwig. „ Wir wussten, das der Feind immer näher kam. Dann hörten wir eines Tages nahen Kampflärm und mussten in den Keller dieses Sanitätsgebäudes, in einen Raum, der als Werkstatt diente. Darin befanden wir uns, und dann kam jemand herein und sagte; Panzer seien da, und die Deutschen hätten sich zurück gezogen. Schließlich wurde die Tür aufgestoßen, und ein kleiner Soldat mit schussbereitem Gewehr trat ein, sah in die Runde, einige Leute sprachen mit ihm und sagten, hier seien nur Kinder, und dann tauchte ein zweiter Soldat auf, und sie schienen zufrieden.
Das war`s. Das Lager wurde von amerikanischen Soldaten besetzt, das ganze Lager, mit Ausnahme unseres Hauses. Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich Schokolade zu sehen bekam. Lange Zeit war da ein Soldat, der hatte sich mit einem Mädchen angefreundet, das ihm Wasser gebracht hatte, und solange er sich im Lager aufhielt, schenkte er ihr Süßigkeiten, die für uns einen unbeschreiblichen Luxus bedeuteten.
Meine Erinnerungen an die amerikanischen Soldaten sind absolut positiv, nicht nur wegen der Schokolade. Sie waren freundlich, unglaublich nett und alle sehr jung. Sie spielten und scherzten mit uns.“
Nach kurzer Zeit zogen die Soldaten ab, Fast unmittelbar nach ihrem Abmarsch traf Franz Ludwigs Großtante – die Schwester seiner Großmutter, die ehemalige Rotkreuzschwester – zusammen mit einer Freundin ein. Sie hatten die Kinder auf Grund von Melittas Information gefunden. Fast fünfhundert Kilometer waren sie durch zwei Besatzungszonen gereist, hatten sogar den örtlichen französischen Kommandeur überredet, ihnen seinen Dienstwagen mit den Erkennungszeichen der französischen Armee zu leihen. Die Großtante verlor keine Zeit, die Kinder aus Bad Sachsa herauszuholen. Franz Ludwig erinnert sich an ihre Besorgnis und die eilige Abfahrt. „ Man war damals wirklich beunruhigt darüber, wie weit die Russen vordringen würden und das sie in Bad Sachsa einmarschieren können. Und die Russen bedeuteten Schrecken. Sie waren eine Bedrohung. Wenn man von den Russen sprach, dann empfanden alle Deutschen, sogar die meines Alters, absolute Furcht. Bei den Amerikanern fühlten wir uns ganz sicher und bei den Franzosen ziemlich sicher.
In Bad Sachsa wusste niemand wirklich etwas Genaues. Es gab viele Gerüchte, aber welchen konnte man trauen? So flüchteten wir voller Hast, und das war schwierig, den wir waren jetzt etwa fünfzehn, und meine Tante hatte nur ein Auto. Also organisierte sie einen Bus, der mit Methanol fuhr und von vorn wie ein großer Ofen aussah. Das war kurz nach dem Krieg wegen des Mangels an Erdölprodukten nichts Ungewöhnliches. Es stellte kein besonders effizientes Verbrennungssystem dar, und es ermöglichte nur eine langsame, zeitaufwendige Fortbewegung. Meine beiden Brüder und ich fuhren im Auto des französischen Offiziers. Zunächst begaben wir uns zu meiner Großmutter nach Lautlingen. Erst mehrere Tage später kam der Bus an, und ich kann mich erinnern, dass sich meine Großmutter in höchster Sorge befand, da der Bus so langsam fuhr und er den Russen in die Hände gefallen sein konnte.“
Während die Großmutter unruhig auf das Eintreffen des Busses wartete, fesselte Franz Ludwig eine neue Entdeckung: Er fand endlich heraus, was sein Vater im Krieg getan hatte. „ Ich erinnere mich sehr gut daran, das mir jemand zum ersten Mal von der Tat meines Vaters erzählte“, berichte er. „ Es war die Frau in Begleitung meiner Großtante, die uns in Bad Sachsa abholte. Sie fuhr mit uns in dem Auto des französischen Offizier zurück , und in meiner Erinnerung sehe ich das als eine große Offenbarung. Ganz erstaunlich. Sie erzählte uns, was geschehen war. Später dann, vor allem als meine Mutter zurückkehrte, erfuhr ich mehr darüber.“
Aber als Franz Ludwig bei seiner Großmutter eintraf, konnte niemand etwas über den Verbleib der Mutter sagen. Im Juli erfuhr die Familie endlich, dass sie lebte. Kurz vor dem letzten Ansturm der Russen auf Berlin war sie einem älteren Wachposten entwischt. In einem überfüllten Zug gelangte sie nach Sachsen, und dann machte sie sich, das Baby auf dem Arm, zu Fuß auf den Weg, bis sie nach Bayern kam und auf Verwandte stieß.
„ Inzwischen befanden sich meine andere Tante, Bertholds Frau und mein Onkel Alexander auch wieder bei meiner Großmutter“, entsinnt sich Franz Ludwig. „ Sie trafen in einem großen Mercedes ein, was uns sehr beeindruckte. Er gehörte dem Kardinal von München, der für diesen Transport nach Hause seinen persönlichen Wagen angeboten hatte. Aber sehr traurige Nachrichten erreichten uns über unsere andere Tante. Melitta hatte den Krieg nicht überlebt. In den letzten Kriegstagen hatte man sie in ihrem kleinen Flugzeug abgeschossen. Heute wissen wir, das deutsche Truppen sie in Bayern absichtlich beschossen. Dem verantwortlichen Flak- Offizier hatte man mitgeteilt, wer sie war und das sie versuchte, mit dem Familienschmuck der Stauffenbergs in die Schweiz zu entkommen,“
Franz Ludwigs Trauer über Melittas Tod wurde gelindert, als er Ende August wieder mit der Mutter vereint war. Über ein Jahr hatte er sie nicht gesehen. „ Es war eine herrliche Zeit, als meine Mutter wiederkehrte. Sie kam mir nicht sehr verändert vor. Das war meine Mutter, und ich war so froh, sie wieder zu sehen. Im Gefängnis hatte man sie ihrer Herkunft wegen nicht allzu schlecht behandelt. Sie hatte Glück, dass sie von regulären Gefängniswärtern und nicht von der SS bewacht wurde.
Meine Mutter ließ sich in Lautlingen nieder, den das von ihren Eltern geerbte Haus in Bamberg war schwer zerstört und dann geplündert worden. Also konnten wir dort nicht hinziehen. Außerdem hatten es die Nazis nach dem 20. Juli übernommen und daraus eine Gestapo- Dienststelle gemacht. Die Ortsansässigen nahmen die Tatsache, das es als Hauptquartier der Gestapo gedient hatte, als ausreichende Rechtfertigung dafür, einzudringen und mitzunehmen, was sie brauchten. Und damals konnte man alles gebrauchen. Selbst die Fensterscheiben, die Wasserinstallation, alles ging mit. Es dauerte mehrere Jahre, bis meine Mutter alles wieder in Ordnung gebracht hatte. Sie besaß überhaupt kein Geld.“

Gruß Rainer- Maria

Zermatt Online




Beiträge: 2.205


19.07.2009 09:44
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Wie sagte H. Himmler am 3 August 1944 in Posen vor anwesenden Gauleitern:
Dieser Mann hat Verrat geübt,das Blut ist schlecht,da ist Verräterblut drin,das wird ausgerottet.Bei der Blutrache wurde
ausgerottet bis ins letzte Glied.
Die logische Schlussfolgerung konnte für ihn nur das eine bedeuten:
Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


19.07.2009 09:55
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Weiter Literatur 19.07.2009

Hallo alle zusammen, für den sechsten und letzten Teil der Erzählung Operation Walküre bleibt noch etwas Zeit und ich hatte schon einmal geschrieben, das es mir beim Abschreiben aus den Büchern gelingt, manche der Geschichten erst zu diesem Zeitpunkt richtig kennen zu lernen. Das liegt einerseits daran, das ich schon zu tiefsten DDR- Zeiten relativ schnell entschlossen interessierte Literatur angeschafft habe, diese aber dann nach grober Durchsicht genauso schnell den Weg in meine Bücherregale fand. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert Das heißt aber jetzt nicht, das ich nicht auch einige von Anfang bis Ende……Der Bestand wuchs durch nach der Wende aufgelöste Büchersammlungen von Freunden, Verwandten, Bekannten und ehemaligen Werksbibliotheken und nun warten sie alle darauf, wach geküsst zu werden. Das ist wie im Märchen:
„ Und so sagte der Frosch aus dem Forum:
Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerchen essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettchen schlafen. Wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen.“

Na gut, versprochen ist versprochen dachte ich und Spaß ist Spaß und die goldene Kugel, die brauche ich in meinem Alter eigentlich nicht mehr denn es sind andere Dinge wichtiger geworden, also fahren wir fort und da sind Fragen zu dieser Erzählung, gerade weil sie in der amerikanischen Fassung erschienen sein musste, als die innerdeutsche Grenze noch Realität war. Dieses Kinderheim in Bad Sachsa im 4. Teil, hatte es auch nach 1945 noch Bestand bzw. welche Nutzung erfuhr es dann, eventuell weiterhin als Jugendwerkhof? Gerade weil hier Einige in der Ecke gedient haben müssen und somit gute Ortskenntnis besitzen.
Wer war diese Tante Melitta, eine berühmte Fliegerin und unter welchem Namen lebte sie?
Zur Aussage von Franz Ludwig im 5. Teil: „Zur Zeit seiner Internierung war ihm nicht bewusst, das die Umstände viel schlimmer hätten sein können“, dazu würde mich interessieren, ob weniger privilegierte Kinder von anderen Widerständlern, ob bürgerlich, kommunistisch oder anderen dieses Glück ebenfalls hatten.? Oder eben auch schlimmere Erfahrungen bis hin zum Tot machen mussten? Wie weit ging diese Problematik „ Sippenhaftung“ überhaupt und wie war die gesetzliche Auslegung genau?
Eines fand ich noch interessant und das ist jetzt keine Frage, eher eine Feststellung zu seiner Aussage: „ Und die Russen bedeuteten Schrecken“. Sie waren eine Bedrohung. Eine realistische Aussage zu jener Zeit, die dann im Westen Deutschlands die nächsten 45 Jahre mit schöner Regelmäßigkeit anhielt bzw. aufrechterhalten wurde! Das würde ich mal so behaupten, ohne hier gleich wieder provozieren zu wollen. In Gedanken sah ich die Mongolenheere von Dschingis- Khan in Deutschland einfallen, als ich das las, aber dies lag doch schon mehrere Jahrhunderte zurück!
Für mich als ein Kind aus dem Osten waren sie eher die Befreier vom Faschismus und da traf nun wieder zu, was er von den Amerikanern sagte, gerade weil ich sie, die Sowjetsoldaten aus X- Nationen später im Zuge meiner beruflichen Tätigkeit in den Kasernen ganz gut näher kennen lernte. Mongolen waren auch darunter aber sie saßen schon nicht mehr auf kleinen dickbeinigen Pferden, sondern fuhren Panzer der Baureihe T54. Der kleine Unterschied , die Einen im Westen aßen Schokolade und die Anderen im Osten tranken den Wodka aus Wassergläsern. Stichwort Schokolade, bei einer Aussage von Franz Ludwig musste ich schmunzeln: „ Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich Schokolade……bei den Amis…usw. Der Sohn eines deutschen Offizier kannte keine Schokolade, ein Treppenwitz der Geschichte! Mein Vater und der Onkel, beide Soldaten der Wehrmacht, über die ich schon etliche Sachen eingestellt habe erzählten einmal so in etwa: Wenn es auch an manchen Tagen so gut wie nichts zu Essen gab, weil der Tross ( Verpflegungseinheit) durch Partisanen abgefangen oder die Feldküche infolge schweren Beschusses nicht mehr zu finden war; „ Schokolade war immer da, in Unmengen, diese Nervennahrung für den einfachen Landser“.

Gruß und einen schönen Sonntag
von Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


20.07.2009 08:38
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Operation Walküre, der Erzählung 6.er und letzter Teil

Glücklicherweise hatte Franz Ludwigs Großvater genügend Platz. Nach dem Sommer 1945 besuchten alle Stauffenberg- Kinder die Schule am Ort. Der damals achtjährige Franz Ludwig erinnert sich an den Nürnberger Prozeß Ende des selben Jahres und Anfang 1946. Er konnte viel unbefangener zuhören als viele der anderen für dieses Buch befragten Kinder, deren Väter auf der Anklagebank saßen. „ An den Nürnberger Prozeß kann ich mich noch ganz gut erinnern. Meine Großtante- die uns aus Bad Sachsa abgeholt hatte- war an Politik immer sehr interessiert. So verfolgte sie im Radio die Ereignisse in Nürnberg. Sie hatte ein besonderes Interesse daran, weil sie in Stuttgart zusammen mit einem der Angeklagten, nämlich Konstantin von Neurath, dem einstigen Außenminister, aufgewachsen war. Man glaubte nicht daran, dass Neurath zu irgend etwas Bösem imstande gewesen sein könnte, zweifelte aber auch an seiner Eignung als Außenminister. Man hielt ihn für einen netten, grundanständigen Jungen, doch nicht für ein Genie. Man kannte ihn gut, hatte jedoch lange Zeit keinen persönlichen Kontakt zu ihm gehabt. So hörte ich ziemlich oft die Übertragung vom Prozeß, und ich erinnere mich noch daran, wie man bei der Urteilsverkündung die Gesichter der Angeklagten beschrieb.“
Obwohl die Stauffenbergs als eine betuchte Adelsfamilie galten, war die unmittelbare Nachkriegszeit hart für sie. „ Es war gewiss nicht angenehm für uns“, erinnert sich Franz Ludwig. „ Aber verglichen mit dem Schicksal vieler anderer konnten wir einigermaßen von Glück reden. Das trifft auch für das Kriegsende in Bad Sachsa zu. Damals war der Mangel groß, und sonntags bekamen wir Kohlrübensuppe zu essen, die gleichen Kohlrüben, mit denen man die Kühe fütterte, und ich haßte sie. Es herrschte Armut, und für uns gab es keine ausreichende Kleidung, aber irgendwie kam man auf anständige Weise zurecht.
Zu Hause gab es die normalen Entbehrungen, aber sehr schnell war das Leben in der amerikanischen Zone besser und in der französischen schlechter. In der amerikanischen Zone war es am besten. Und zwischen den Zonen wurde viel geschmuggelt; Zigaretten, Zucker, Weizen, Mehl, alles. Am besten ging es in jener Zeit den Bauern. Wir besaßen keinen Hof, hatten also die gleichen Schwierigkeiten wie alle anderen. Lebensmittel wurden zugeteilt, es gab nichts Besonderes, aber wir litten keinen wirklichen Hunger. Doch dauerte es einige Zeit, bis meine Mutter an etwas Geld kam. Mein Vater war Wehrmachtsoffizier gewesen, und sie erhielt seine Rente, aber das war nicht viel für sie und fünf Kinder. Wir lebten keineswegs in großem Wohlstand.“
Im Alter von dreizehn Jahren schickte man alle Stauffenberg- Kinder auf eine Schweizer Internatsschule nahe dem Bodensee. Franz Ludwig blieb dort bis zu seiner Abiturprüfung im Jahre 1958. In der Schule hörte er von deinem Vater, „ aber ich erfuhr nichts Neues über ihn. Soweit ich es erlebt habe, hat man ihn stets positiv beschrieben. Den Namen Stauffenberg hatten alle schon einmal gehört, und die Leute wussten, wer ich war. Das Dorf, in dem ich die Grundschule besuchte, war der Ort, aus dem die Familie Stauffenberg stammte. Ich war nicht der Sohn eines Helden Stauffenberg, den Claus Stauffenberg war auch ein Sproß des Dorfes. Wir waren einfach Kinder der alteingesessenen Familien.“
Mit zwanzig Jahren ging Franz Ludwig 1958 auf die Universität nach Erlangen. Wegen Taubheit im rechten Ohr, die von seiner Mittelohrentzündung während des Krieges herrührte, ließ man ihn nicht zum Wehrdienst zu. Einer langen, hervorragenden Familientradition folgend, hätte er gerne seinen Dienst in der Armee getan, und anfangs war er überrascht und enttäuscht, dass man ihm die Laufbahn eines Reserveoffiziers verwehrte.
An drei Universitäten studierte er Jura und Geschichte. Sein erstes juristisches Examen bestand er 1962, und 1965 heiratete er. 1966 absolvierte er seine juristische Abschlussprüfung. Anfangs arbeitete er fünf Jahre in einem Industrieunternehmen als Assistent des Geschäftsführers und Mitarbeiter der Rechtsabteilung. 1972 wurde Franz Ludwig Stauffenberg im Alter von vierunddreißig Jahren in den Bundestag gewählt. Zwölf Jahre blieb er dort Abgeordneter, ehe er in das Europäische Parlament wechselte.
Franz Ludwigs ältester Bruder ist Brigadegeneral in der Bundeswehr; davor hatte er als Militärattache an der deutschen Botschaft in London gearbeitet. Der zweitälteste Bruder ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seine jüngere Schwester ist verheiratet und hatte ein Kind, das aber 1966 an Leukämie starb. Die jüngste Schwester heiratete einen Schweizer Anwalt und lebt mit ihren vier Kindern in Zürich.
Obwohl sein Vater ein Held ist, traf Franz Ludwig auch auf negative Urteile über ihn. „ Mehrmals hat man sich schlecht über meinen Vater geäußert, aber stets anonym. Nie hat mir jemand etwas Negatives über meinen Vater offen ins Gesicht gesagt. Es gab Leute, die sich skeptisch oder ablehnend zeigten, es jedoch für sich behielten oder ihre Bemerkungen sehr vorsichtig vortrugen. Also bleibt für mich ziemlich interessant, dass es zahlreiche Leute gab und gibt, die meinen Vater nicht als Helden betrachten, die ihn oder seine Tat nicht positiv sehen. Aber bis heute haben sie entweder nicht den Mut oder halten es für unangebracht, es mir zu sagen.
Es hat ziemlich viele Briefe ohne Unterschrift gegeben. Und ziemlich gehässige. Darunter sind auch Briefe, in denen es heißt, ich sei genauso schlimm wie einst mein Vater, Wissen Sie, die Welt ist voller Dummköpfe. Übernimmt man ein öffentliches Amt, ist man automatisch die Zielscheibe solcherlei Briefe. Man sollte in dieser Hinsicht also wirklich nicht übertreiben. Seit mehreren Jahren gibt es solche anonymen Briefe nicht mehr. Es kommt darauf an, wie man diese Briefe liest, einige sind eher medizinische Fälle, andere sind einfach gehässig, weil der Briefschreiber gehässig sein will. Und alle bleiben sie anonym. Mehrere, bei denen ich dachte, dahinter könnte irgendeine kriminelle Absicht stehen, habe ich der Polizei übergeben.
Es ist interessant, dass man kein Nationalsozialist sein muß, um meinem Vater kritisch gegenüberzustehen. Nicht wenige kritisieren meinen Vater, indem sie sagen:, Warum hat er Hitler nicht gleich erschossen,? und stellen damit seinen Mut in Frage. Das ist eine ziemliche Vereinfachung, die, nicht besonders verwundern sollte. In Wirklichkeit zeigt das alles – derlei Herangehensweise, Fragen, Kritiken- eine recht ungenügende Kenntnis der Tatsachen. Zunächst wussten solche Leute offensichtlich nicht viel über die Rolle meines Vaters bei der Verschwörung. Seine Hauptaufgabe bestand nicht im Legen der Bombe. Seine Hauptaufgabe bestand nicht darin, Hitler zu töten, sondern der entscheidende Mann in der Organisation zu sein. Es hat sich als eine der größten Schwachstellen der Verschwörung erwiesen, dass derselbe Mann, der der entscheidende Organisator sein sollte, auch die Bombe legen musste. Zweitens wussten sie nichts von seiner Körperbehinderung, vom Verlust seiner Hand und von den Hindernissen, die zu überwinden waren, um überhaupt die Bombe zu legen.
Aus meiner Erfahrung nehme ich die Gewissheit, dass die übergroße Mehrheit im Land auf den Namen Stauffenberg positiv reagiert.“
Franz Ludwig gibt zu, dass das Erbe seines Vaters für ihn keinen neutralen Faktor in seiner Erziehung darstellte. Er glaubt aber, nicht sagen zu können, ob es ein Vorzug oder ein Nachteil gewesen ist, der Sohn von Claus von Stauffenberg zu sein. „ Es ist zu komplex“, meint er. „ Es lässt sich, denke ich, nicht wirklich beantworten, denn bei solch einer Frage muss man wissen, wie es gewesen wäre, wenn man als ein andere aufgewachsen wäre oder einen anderen Namen getragen hätte. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man nicht der Sohn Stauffenbergs ist. Aber mein Vater hat mich gewiss nicht negativ belastet.“
Franz Ludwig Stauffenberg hat hart an einer distinguierten und unabhängigen Laufbahn für sich gearbeitet, und er hatte Erfolg. „ Letztendlich muß man darauf vertrauen, dass die Leute, die mit einem in der beruflichen und erzieherischen Arbeit zu tun haben, genug anderes in einem sehen und nicht nur den Sohn von irgend jemanden, das sie einen also als eigenständige Person ansehen,“ sagt er. „ Aber das ist im allgemeinen die Situation und die unausweichliche Erfahrung aller Kinder von bekannten Leuten. Sie haben mich nun stundenlang interviewt, nicht weil ich Mitglied des Europäischen Parlaments, sondern weil ich Stauffenbergs Sohn bin. So ist es tatsächlich immer noch.
Aber ich finde das ganz in Ordnung, den ich bin stolz auf meinen Vater und liebe ihn sehr. Ich sehe meinen Vater nicht als einen vollkommenen Gott auf Erden an. Ich halte ihn für einen sehr Klugen Mann mit großem Mut, aber ich sehe ihn auch als einen Menschen, der, wie jeder andere auch, seine Schwächen besaß. Er war ein bedeutender und gleichzeitig sehr menschlicher Mann. Er besaß einige außergewöhnliche, großartige Eigenschaften, an die zu erinnern sich nicht nur für seine Kinder lohnt.
Es ist doch begreiflich, dass ich viel lieber der Sohn Stauffenbergs als der Himmlers oder dergleichen bin.
Die Erinnerung an meinen Vater und das Wissen um seine Tat werden immer etwas sehr Wichtiges für mich sein. Er bedeutet mir sehr viel.“

Gruß Rainer- Maria

Ein kleiner Hinweis noch für die neu hinzugekommenen Leser hier in zeitgeschichtliche Literatur. Über die Männer des 20. Juli 1944 oder besser ausgedrückt über diese Thematik gibt es hier schon eine Erzählung mit dem Titel- Die Berliner Antigone von Rolf Hochhuth. Ihr findet sie auf Seite 1.

Zermatt Online




Beiträge: 2.205


20.07.2009 17:39
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Also heute vor genau 65 Jahren ,am 20 Juli 1944,ist das Attentat auf Hitler gescheitert. Unauslöschlich mit diesem
Datum ist der Name Stauffenberg verbunden,der als halber Krüppel diese Tat ausführte,leider keinen Erfolg hatte.
Der Widerstand gegen Hitler gehört mit zum Grössten und Edelsten,was in der Geschichte der Deutschen je hervorgebracht wurde.
Der Name Stauffenberg darf niemals in Vergessenheit geraten.

Augenzeuge Online





Beiträge: 2.686


20.07.2009 18:28
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer, vielen Dank für die viele Mühe der Walküre Erzählung. Du fragst, wer diese Melitta war?

Zitat:"Melitta hatte den Krieg nicht überlebt. In den letzten Kriegstagen hatte man sie in ihrem kleinen Flugzeug abgeschossen. Heute wissen wir, das deutsche Truppen sie in Bayern absichtlich beschossen. Dem verantwortlichen Flak- Offizier hatte man mitgeteilt, wer sie war und das sie versuchte, mit dem Familienschmuck der Stauffenbergs in die Schweiz zu entkommen,"

Nun, das ist nicht ganz richtig. Wahr ist folgendes:

8.4.1945
Abschuss des Flugzeuges bei Irlbach/Strasskirchen um 7.40 Uhr durch den Jagdbomber-Piloten der US-Airforce 1. Lt. Thomas A. Notboune. Die Pilotin bat die zuerst am Absturzort erschienenen Zivilpersonen aus Loh und Straßkirchen, ihr zu helfen und sie aus dem Flugzeug zu heben. Dabei stellten die Helfer fest, daß ein Bein gebrochen sei. Die Verletzungen schienen nicht lebensgefährlich. Als der Arzt Dr. Hans Siegl aus Straßkirchen seine Hilfe anbot, wurde ihm von den inzwischen eingetroffenen Wehrmachtspersonen bedeutet, daß die Verletzte durch einen Truppenarzt bereits versorgt und seine Hilfe nicht mehr nötig sei. Zwei Stunden später, so wurde bekannt, war die Gräfin tot. Die Todesursache bleibt im Dunkeln.

Die verstorbene Gräfin wurde ins Straubinger Krankenhaus "Azlburg" verbracht, dessen Chefarzt später berichtete: „Gegen 10 Uhr wurde von der Sanitätskolonne Straubing eine weibliche Leiche in Fliegeruniform eingebracht. Ich konnte von der Toten das Gesicht und den oberen Teil des von der Uniform bedeckten Oberkörpers sehen. Das Gesicht war unverletzt, die Augen halb offen, die Gesichtszüge nicht verzerrt, sondern ruhig und ernst, der Mund geschlossen. Die Arme lagen ausgestreckt zu beiden Seiten des Rumpfes. Da ich bei der tot Eingelieferten kein Recht zur Leichenschau hatte, ließ ich die Leiche ins Leichenhaus Straubing bringen.“ Das Straubinger Leichenbuch vermerkt als Todesursache der prominenten Frau: "Schädelbasisbruch, Abriss des linken Oberschenkels, Bruch des rechten Fußgelenks."

Die Beerdigung fand am 13.4.1945 um 15 Uhr in Straubing, Friedhof St. Michael unter Beteiligung von Offizieren der Luftwaffe und einer Kompanie der Fl. Führerschule Straubing statt. Man begrub sie im Fliegerkombi, wie sie aufgefunden worden war.

Nach Kriegsende wurde der Leichnam von zwei Lautlinger Bürgern im Auftrag von Alexander Schenk Graf von Stauffenberg exhumiert und mit einem "Holzvergaser" nach Lautlingen überführt. Dort ruhen seit dem 8. September 1945 ihre sterblichen Überreste im Familiengrab der Schenken von Stauffenberg.

Und das Leben der Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg wird hier geschildert:
http://www.hpmelle.de/stauffenberg/pages/melitta.html

Gruß, Augenzeuge

"Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das:
Den Standpunkt des anderen verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu betrachten."

wong bonitrust kledy Reddit ettiket-en folkd Linkarena myspace_de twitter_de webnews Yigg del.icio.us Digg Diigo facebook Technorati

 Das Leben an und mit der Innerdeutschen Grenze - "Schnelle Antwort auf Beitrag"
Benutzername:
   

Beitrag:
[super]  [mundzu]  [knuddel]  [raus]  [geld]  [bravo]  [peinlich]  [bloed]  [grins]  [freu]  [mad]  [shocked]  [denken]  [wink]  [frown] [smile]  [crazy]  [zunge]  [blush]  [grin] 
Seiten: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12
 Sprung