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 Das Leben an und mit der Innerdeutschen Grenze
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Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


13.06.2009 09:05
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Datum 13.06.2009 Zeitgeschichtliche Literatur

Hallo alle zusammen, es ist Wochenende und ich war doch etwas vorschnell, was die passende Gegengeschichte aus dem sozialistischen Osten betraf „ weil er auf die Schnelle nichts in seiner antifaschistischen Literatur findet“, so, oder so ähnlich würde mein Freund Peter ( turtle) jetzt kontern oder argumentieren. Aber sein Freund im Osten wusste sich immer zu helfen, hatte schon eine Menge Arbeitskollegen in unterschiedlichen Betrieben und so nehme ich die Geschichte von meinem Freund Rudi in den 80er Jahren her und erzähle sie. Wo er heute wohnt? Keine Ahnung, und sollte er noch lebend unter uns weilen oder auch nicht widme ich sie ihm, meine erste selbstverfasste Geschichte, ihm und den vielen Frauen, die der schöne Rudi beglückte.

Ich nenne sie Kumpanei ist Lumperrei von Rainer Maria Rohloff

Rudi kam zu uns, da war ich schon eine Weile in diesem Privatbetrieb beschäftigt, über den ich hier schon einmal oder mehrmals geschrieben habe. Er war ein „ Ungelernter“, das hieß einer, der sich aus irgendwelchen Gründen in den Bereich der Privatwirtschaft zurück gezogen hatte. Derer Gründe gab es in den 70 / 80er Jahren in der DDR viele, eventuell aktuelle Ausreiseanträge, Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehova, ehemalige Konfirmanden, Politikverweigerer ohne oder mit Hang zu Oppositionsgedanken, Einzelkämpfer so wie mich, Leute vom anderen Ufer und Krankheiten wie leichte und schwere Alkoholsucht, wohl bemerkt, damals war das noch keine anerkannte Krankheit, eher ein Laster und noch X andere Gründe mehr. Es war eine Nische im Arbeiter und Bauernstaat, in der sich gut leben ließ, gehe ich einmal von mir aus.
Rudi gehörte zu den leichten Laster- Fällen und was er früher einmal gearbeitet hatte weiß ich heute nicht mehr, nur Eines weis ich noch, sein ehemaliger Chef war ein „ Kleiner alter Krauter“. So nannte man die, die schon immer private Betriebe in Erbfolge betrieben, so ab 18. Jahrhundert bis mitten in die DDR hinein. Die, die nach 1945 blieben, ich nenne Sie die Bodenständigen. Man ließ sie Werkeln oder Schaffen, die Republik war auf sie angewiesen. Ob gut oder schlecht lag wohl an jedem selbst, an seinem diplomatischen Draht zu den „ Obersten Zehntausend“ und den Kombinaten. Die Großen mit bis zu 100 Beschäftigten verstaatlichte man ab Anfang der 70er Jahre oder besser ausgedrückt auf den Stuhl des Direktor kam ein geschulter Leiter mit Bonbon am Revers, für die Schüler als Erklärung, das war das Parteiabzeichen der SED. Der Alteigentümer konnte bleiben aber ohne Funktion weiter mitschaffen.. So im Nachhinein betrachtet war es ein Fehler, diese ganze Verstaatlichungsaktion, meine ich. Aber Fehler sind menschlich.
Unsere Auftragslage im Kleinstbetrieb war gut, mehr wie gut und so wurde für die Helfertätigkeiten jede Hand gebraucht. Am Anfang merkte ich nichts, ach so, ich vergaß noch zu schreiben, mir oblag die Funktion des Brigadier. So hieß das eigentlich im Volkseigenen Betrieb, beim Privatmann eher Vorarbeiter, der Westen sagt Polier dazu. Ist auch egal, es ist der, der sich mit dem Kunden, seinem Chef und mit seinen eigenen Kollegen herumärgert, es gehört jedenfalls eine gewisse Diplomatie dazu und ich dachte, die hätte ich. Wie gesagt, ich dachte….
Es passierte schon mal, das Rudi früh zu spät auf die Baustellen kam. Seine Ausreden waren immer sehr akkurat, und mein Chef Harald, der kam sowieso etwas später. Bei seiner jungen Frau war das menschlich, sie war eine studierte Ingenieurin, er übrigens auch und zwar für Automatisierung, und hatte den VEB satt, wollte mal etwas Anderes machen, aber was, das wusste sie auch nicht so richtig. Sie probierte noch und Harald brachte die Kohle, das Geld nach Hause. Wir waren immerhin stellenweise so bis zu acht Mann. Wenn man es so will, waren sie Beide „Ungelernte“, stürzten sich da auf ein völlig neues Feld aber sie hatten ja mich und meine Kollegen, wir waren die Fachleute, in der DDR sagte man Facharbeiter dazu.
Was wollten sie mehr, Harald hatte zwei linke Hände aber war ein guter Kaufmann, Bruni führte die Bücher, sie führte sie gut. Mein Lohn stimmte, und der, der Anderen auch..
Mein Chef, damals noch mein Freund sagte einmal zu mir: „ Eigentlich sind wir schön blöd, das wir so mühevoll produktiv Schaffen, Handel bringt doch viel mehr ein“. Am Wochenende, wenn ich zum Pfuschen fuhr, holte er vom Großhandel drei Fässer rote Limonade, stellte sich bei Veranstaltungen vor das Zentralstation in Leipzig und verkaufte das Brausewasser mit sehr gutem Gewinn, er hatte wohl damals schon leichte Aldi-Gene im Blut. Keine Behörde wollte eine Standgebühr von ihm haben ,und wenn, waren es nur Pfennige.
„Schlechte Zahlungsmoral“, diese zwei Worte gehörten in meinem Land zu den Fremdwörtern, aber das hatte ich meinem Handwerksfreund Transitfahrer schon einmal geschrieben. Natürlich, Peter, in deinem Westdeutschland auch, zumindest vor1989 , erst danach fing der Ärger mit den säumigen Zahlern an. Jedenfalls war ich froh, das Rudi kam, wenn auch verspätet kam, manchmal schon mit leichter Alkoholfahne aber egal, auf Arbeit trank er selten, eher viel Kaffee..
Jetzt werden manche sagen, ja, ja der Alkohol und die DDR. Dazu ein kleines Gegenbeispiel. Nach der Wende, nach 1990 war ich im Zuge meines Berufes mehrere Jahre in Brauereien der alten Bundesländer unterwegs, dort standen die Bierkästen im Frühstücks und Mittagsraum gestapelt zum Zugreifen herum und……Lange Rede, kurzer Sinn. Gesoffen wurde hüben und drüben während der Arbeit und das nicht zu knapp. Das war doch das mit dem „ an die eigene Nase fassen“, Peter, mein Freund, aber ich schweife ab.
Es kam der Tag, da kam Rudi früh nicht, nicht später, nicht Mittag, überhaupt nicht. Mein Chef Harald gab mir die Adresse, es lag auf meinem Weg und so fuhr ich nach der Arbeit vorbei. Wieder eine Episode aus meinem vorherigen VEB- Betrieb. Langschläfer, die früh nicht aus dem Bett kamen wurden in der DDR geholt, auf Arbeit geholt! Müller, Meier, Schulze bekamen den Auftrag und sofern Derjenige nicht sehr weit weg wohnte standen sie bei ihm auf der Matte und er musste mit! So einfach war das, dieser Paragraph für die „ Arbeitsscheuen“ war für die Harten Fälle. Man nannte das auch „ Hilfe zur Selbsthilfe“. Und meistens half es. Ich nenne es eine gute erzieherische Maßnahme so leicht an der individuellen Freiheit vorbei. Was bringt mir die individuelle Freiheit, wenn ich durch mein eigenes Versagen arbeitslos werde, rausgeworfen werde, also wurde sie mal kurz ignoriert, die persönliche Freiheit, dieser Kaugummi mit Fruchtgeschmack. Natürlich wurde man in der DDR nicht vor das Werkstor gesetzt wie im Westen, es wurden Aussprachen geführt mit der Gewerkschaftsleitung, dem Meister, der Parteileitung……Bis die Sache fruchtete oder kleine Erfolgesblüten zeigte oder eine Alternative gefunden wurde. Bei Totalverweigerung gab es ja noch den Paragraphen, das Arbeitshaus und einige Sachen mehr.
Zu Rudi zurück, in dem Neubaugebiet im Leipziger Westen öffnete eine nicht mehr ganz so junge Frau , Rudi war damals so Mitte 40, sie war wohl etwas älter.
Rudi, nein, der war schon drei Wochen nicht mehr hier, von einer anderen Frau war die Rede. Meine Frage nach der Adresse, sie nannte mir die Kneipe, wo er zu finden war.
Da klingelte es noch nicht bei mir, das Rudi ein Freund der Frauen war. Sie liebten ihn, er liebte sie, konnte reden wie ein Buch, war ein Charmeur und er hatte die gewisse Lebenserfahrung und keine feste Adresse.
Post von der Behörde so wie bei Monika in der schönen Westgeschichte, die kam wohl nie bei ihm an, die Wahlen und noch vieles Andere mehr konnte ihm gestohlen bleiben. Rudi war ein freier Mann, verpflichtet nur sich selbst, einem kleinen Unterhaltsanspruch, den die Chefin für ihn regelte und der da oben konnte ihn auch. Er blieb immer so lange als Logiergast bei seinen Frauen, bis der mit dem Hausbuch auftauchte zwecks eintragen. Da war Rudi weg. Meistens fuhr ich seine Umzüge, sein Habe, acht Beutel und ein alter Koffer passten in den Trabbikofferraum. Einige Wohnungen sah ich, darauf konnte der entwickelte sozialistische Staat wahrlich nicht besonders stolz sein. Aber schlampige Menschen mit dem Hang zur Unordnung hatten Ost und West und haben sie auch heute noch. Jedes Mal litt ich mehr wie er, wenn ich die verweinten Augen von Erika, Petra, Helga, Doris und Angelika sah. Ich war der Seelentröster an der Wohnungstür, da war Rudi schon mit dem packen des Kofferraum beschäftigt
Seine Gastspiele auf Arbeit wurden selten und seltener aber Harald brauchte jeden Mann und biß in den sauren Apfel, Arbeitskräfte in der Privatwirtschaft wurden mit Gold aufgewogen, auch die, die wenig anwesend waren und so behielt er ihn.
Nur Rudi hatte permanenten Geldbedarf durch die Frauen, die wenigen Gastspiele und das viele Bier, die Zigaretten und den Schnaps, mein Chef kannte das Wort „ Vorschuss“ nicht und so kam er zu mir. Der mit dem großen Herzen gab ihm und ich hatte Glück, dauerte es auch öfters Monate so stand Rudi irgendwann Abends auf der Matte und brachte das geborgte Geld zurück.
Von wem er sich neu borgte, das war mir völlig egal.
Ich vergaß, er war Kettenraucher und konnte von fünf Mark der DDR und weniger am Tag incl. Glimmstengel und Essen leben aber damals haben die Brötchen noch fünf Pfennige gekostet und das Bier so um die vierzig Pfennige.
Immer war Rudi auf der Suche, von einer Schönen zur nächsten Gaststättenschönheit, lag dem Staat nicht auf der Tasche so wie die Sozialhilfefälle des goldenen Westen sondern eher mir und seinen einsamen Mädels, kam zurecht oder auch nicht und einmal, als ich ihn in einer seiner vielen Gaststätten besuchte, sagte er schon nicht mehr ganz nüchtern zu mir: Merke Dir eines, mein Junge, den ich war so um die fünfzehn Jahre jünger wie er „ Kumpanei ist Lumperrei“ Erst dachte ich, Erich. Honecker und seine Milliarden- Kreditfreunde im Westen waren gemeint,. weit gefehlt, er meinte seinen alten Krauter vom Anfang damit. und es war wohl auf mich und meinen Chef gemünzt weil wir am Anfang sehr dicke Freunde waren. Mein Freund Rudi behielt Recht, die Freundschaft mit Harald hielt nur bis 1990, dann trennten wir uns. .Ich zog von Leipzig weg und wie gesagt, Rudi sah ich nie wieder, den alten Casanova und Lebenskünstler. Meinen ehemaligen Chef übrigens in den ganzen Jahren nur einmal, da waren wir wieder für den Zeitraum eines Kaffee dicke Freunde.

Namen wurden mit Rücksicht auf die handelnden Personen geändert.

So, nun lasst uns diskutieren über die Monikas und die Rudis in Westdeutschland und der DDR.

Gruß Rainer- Maria und ein schönes Wochenende allen

turtle Offline



Beiträge: 1.464


13.06.2009 17:37
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo mein Freund Reiner-Maria,
Schöne Geschichte mitten aus dem Leben. Nur was willst Du da diskutieren,Deine Geschichte hätte genauso aus Hamburg stammen können, Schmarotzer gibt es doch überall!Mit den Frauen habe da auch wenig Mitleid,so einen Hallodri sieht man es doch an was los ist.Na immerhin war er clever genug mindestens Teilarbeit zu leisten.So blieben ihm härtere staatliche Maßnahmen erspart! Dass es ein Fehler war private Betriebe so einzuschränken hatten die da oben auch schon bemerkt.
Der Volkswirtschaft tat das nicht gut!
Bleibt mir noch übrig Dir zur ersten selbstverfassten Geschichte zu gratulieren, nicht übel,nicht übel,mein Freund Reiner-Maria! Liebe Grüße Dein Freund Peter(Turtle)

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


16.06.2009 20:27
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Captn Delta, so richtig habe ich dir noch gar nicht geantwortet auf deine Zeilen in Zitate usw .und weil ich einer bin, der gerne nachfragt, werde ich doch noch einmal meine Buchtante, die aus dem Laden bei mir in der Provinz fragen, was es mit diesen Lizenzen ( im Westen gedruckt, im Osten verlegt, auf sich hatte, so das die Bücher im Westen nicht vertrieben usw. Ich denke mir nämlich, das ganze Textpassagen, die der Ossi lesen durfte im selben Buch in Westdeutschland nicht darin standen. Jetzt wirst du fragen, warum, ganz einfach Bootsfahrer, weil Müller, Meier, Schulze alias Krupp, Henkel usw. bestimmte Textausschnitte nicht gedruckt sehen wollten, es wäre vielleicht zu starker Tobak für Otto- Normalverbraucher gewesen. Aber ich kann auch falsch liegen, du wirst mich aufklären, mein amerikanischer Freund, und meine Buchtante ebenfalls. G. Wallraff, da hatte ich schon einmal einen schönen Text in die Weiterführung Diskussion BRD – DDR am 28.10.08 gestellt, schau doch mal nach. Früher habe ich ihn gern gelesen und wie hast du in Zitate geschrieben, in etwa geschrieben: All das, was er angeprangert hatte ist mittlerweile in Ordnung gebracht worden! Im Kapitalismus? He, Mann, wo lebst du, eventuell auf deinem Boot und verlässt du es auch ab und zu um dir deine Obdachlosen Mitmenschen anzuschauen, siehst die Mexikaner nicht, die euch den Dreck vor der Nase wegräumen wie die Türken dem Wirtschaftswunderdeutschen, so wie es Wallraff kritisiert hatte. Aber du kennst meinen Humor, er ist immer etwas ironisch eingefärbt
Mein Grund des Schreibens ist eigentlich ein Anderer, die schöne Geschichte von H. Kant vom 31.05.09 hier im Thema ( Ein paar Leute aus Parchim, DDR ), du erinnerst dich bestimmt. Er lag nicht so auf deiner Wellenlänge, dieser rote Kant so wie Sylvester Enzio Stallone, der Einzelkämpfertyp, es wäre auch schlimm, wenn wir die Selben Geschmäcker hätten, Gott behüte. Aber Armin – Müller- Stahl, Hut ab, den mag ich auch.
Ich stelle den Text aus Die Welt / 6.06.2009 einmal hier gekürzt herein , druck das dick, was ich meine und erläutere anschließend mein Begehr.

Parchim bekommt HA Schults Museum für Aktionskunst

Früher hat er ja nur gesagt, dass er am 24. Juni 1939 geboren wurde und in Berlin aufwuchs, bevor er, HA Schult, in Düsseldorf Kunst studierte und zu dem wurde, was er jetzt ist: der Erfinder der Aktionskunst und mit der Aktion der Weltreise der 1000 „ Trash people“ – lebensgroße Müll – Skulpturen in Menschenform – der Macher der größten Kunst – Aktion aller Länder und Zeiten.
Nun aber heißt es zurück zu den Wurzeln, den Schult ward in Parchim einst geboren, und dort bekommt er jetzt ein Museum. HA Schult ist also, zusammen mit Moltke, der größte Sohn der Stadt. Das Parchimer Museum….

Erinnerst du dich, was Kant geschrieben hatte: „Eine Stadt ist vor allem das, was ihre Bürger aus ihr machen, aber zugleich erhellt das Wesen einer Stadt aus dem, was sie aus ihren Söhnen macht.
Und da führte er gleich sechs sehr gute Lebensläufe an, ließ den alten Grafen von Moltke einmal außen vor. Sie waren so gut wie er, diese Sechs, ebenbürtig, fortschrittlich. Straßen, vielleicht bis auf eine hießen auf einmal nicht mehr nach dem alten Herren, die Zukunft zog ein, so zwischen 1945 – 1989 und wie hatte ich einmal geschrieben: „Was hatten wir nicht schon alles auf den Misthaufen der Geschichte geworfen“
In dieser DDR, die auf Pump gelebt hatte, würdest du jetzt einwerfen und ich frage: Ist es denn heute anders? Nimm zum Beispiel dein heruntergewirtschaftetes Kalifornien….! Natürlich, unser Deutschland ebenfalls, keine Frage.
Ja, ja, wir holen es zurück, das Mittelalter, reißen Erichs Lampenladen ab ( Palast der Republik ), da ging die Jugend Abends hin, hing dort ab bei Musik, Tanz und gutem Gequatsche und errichten statt dessen eine alte muffige Garnisonskirche neu, derer von Moltke springt im Trapez, der alte Herr und seine Enkelgeneration mit.
Aber du interessierst dich vielleicht nicht so für die „ Neue bauliche Seite“ des wiedervereinten Deutschland!
Wie gesagt, ich fand den Text in der Welt und dachte, stelle ihn neben die Geschichte von H. Kant, stell Rückschritt neben Fortschritt.

Gruß Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


21.06.2009 10:31
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, heute zum Sommeranfang eine Geschichte mit viel Schnee, aus dem Buch „Die Akrobatin“, / Moderne tschechische Erzählungen / Aufbau- Verlag 1978 die Geschichte „Das Beispiel“ von Pavel Francouz in zwei Teilen.

Aber bevor sie beginnt, kurz noch einmal zu Captn Delta. Mein Text an dich vom 16.06 hier im Thema ist Dank der Schreibfreudigkeit der User etwas untergegangen. Ergänzend dazu hänge ich am Ende noch eine Datei über deine jetzige Heimat an, sie stammt aus der Süddeutschen Zeitung vom 5.06.2009. Aber nimm es locker und mit Humor, Arnold Schwarzenegger hat trotzdem meine Sympathie oder „ Schuster bleib bei deinen Leisten“. Den Satz hätte er wohl im letzten Drehbuch dreimal lesen sollen, den ein guter Schauspieler war und ist er allemal.
Und du, Delta, hast ja noch zur Not dein Boot als Fluchtmittel, wenn die Ausreisewilligen so wie damals 1989 in der Prager Botschaft die Zäune deines Jachtclubs erklimmen.

Teil 1

Der alte Michel hieb die Axt in den schneeverklebten Stamm. „ Der Teufel soll mich holen“, sagte er.
„ Was, Vater?“
„ Der Teufel soll mich holen, wenn ich in diesem Jahr noch einmal die Säge in die Hand nehme….“
Der Sohn lächelte, sah den Vater aber nicht an. Er arbeitete weiter. Er kniete im Schnee und umwickelte mit einem dicken Stofflappen das Sägeblatt. Der Alte klaubte aus einer Teebüchse groben Tabak und streute ihn sorgfältig auf das vorgehaltene Papier.
„ Du, Karel“, sagte er, drehte und beleckte die Zigarette.
„ Ja….?“
Der Alte schob das Stäbchen in den Mund. Er zündete es an. „ Dir reichts heute auch, was?“
„ Mir? Warum? Wir können ruhig weitermachen!“
„Quatsch nicht“, sagte der Alte. „ Gibs doch ruhig zu. Ich halte mich auch kaum noch auf den Beinen. Und ich kann arbeiten“, fügte er mit Nachdruck hinzu.
„ Ich etwa nicht! Ackerst wie ein Wilder. Kennst nichts als Schinderei.“
„Wir wollen doch was verdienen, oder?“
„ Das schon. Ich habe auch nicht gesagt, du sollst trödeln. Aber mit den Kräften haushalten kannst du nicht. Die müssen bis Schichtende reichen, und darüber hinaus!“
„Das war einmal, Vater“, der Sohn lachte.
„ Ich wird dir helfen, war einmal….“ Der Alte warf die Kippe in den Schnee. „Sammel das Werkzeug ein, damit wir endlich los können!“
Die Dunkelheit kam sehr schnell. Unten im Tal wurden in den Hütten die ersten Fenster hell. Von hier, fast vom Gipfel des Kamms waren sie nur als gelbe, leuchtende Punkte im unbestimmten Dämmer zu erkennen. Vorsichtig stiegen sie den steilen Hang hinab. Von Baum zu Baum. Es war schon fast dunkel, und der Schnee, der in einer dicken Schicht auf der Erde lag, rutschte unter den Füßen weg. Und vom Himmel begann neuer zu fallen. Sie sahen ihn nicht mehr, aber sie spürten seine kalten Berührungen auf den Wangen.
Er fiel fast ohne Unterbrechungen, schon die ganze Woche. –Hamr dreißig, Hrebeny vierzig Zentimeter Neuschnee, hatte der Rundfunk am Freitagabend gemeldet, und die Leute aus den Städten, die am Wochenende ins Gebirge wollten, freuten sich. Der alte Michel freute sich nicht über den Schnee. „Nun reichts aber“; sagte er damals zum Rundfunkempfänger. „ Genug, das bricht uns noch die Wälder kaputt.“
Endlich waren sie bis zur Bahnlinie hinab gestiegen, die sich hier in den steilen Hang fraß.
Sie klopften den Schnee ab, den ihnen die überlasteten Zweige auf die Schultern gestreut hatten, und schlugen den Heimweg ein. Hier kamen sie schön vom Fleck.
„So, Karlik, und ab jetzt beginnt unser Urlaub“, sagte der Alte.
„Das zweite Mal schon“, meinte der Sohn. „Daß dich bloß der Förster nicht wieder überzeugt, wie am Montag….“
„ Hätten wir ihn vielleicht in der Klemme lassen sollen, was…? Er hat Kubikmeter gebraucht….Also haben wir sie ihm geliefert. Und von jetzt bis Neujahr ist Urlaub. Und wenn der Minister selber käme.“
Er verstummte. Karel hatte ihn ziemlich aufgebracht. – Verdammter Bengel, hat immer was auszusetzen, dachte er. Aber dann fiel ihm ein, wie vor einer Weile der Junge dort oben im Schnee gekniet und die Säge mit dem Stofflappen umwickelt hatte, damit sie sich beim Abstieg nicht verletzten. Tippe man ihn an, fällt er um und steht nicht wieder auf. Hält Reden, damit man nicht merkt, das er auf dem Zahnfleisch geht….
Sein Herz überflutete mit einmal ein warmes Gefühl der Liebe zu diesem Jungen, der in den Spuren stolperte und sein Sohn war. Er hatte Freude an ihm.
Sie kamen zu den Stellen, wo das Jungholz zu beiden Seiten der Bahnlinie wieder von hohem Wald abgelöst wurde. Hier stutzte der Alte plötzlich.
„Ach verflucht!“ sagte er. „ Was hab ich gesagt? Schon ist es passiert!“
Auf den Gleisen vor ihnen lag ein entwurzelter Stamm. Frischer Bruch.
„Davon wird’s jetzt jede Menge geben. Der Schnee hat sein Gewicht!“ Er wandte sich an seinen Sohn: „Wir gehen am Bahnhof vorbei - falls sie es noch nicht wissen…“
Sie kletterten über den Stamm und tauchten in die Dunkelheit des Hochwaldes.
„ In der Gegend hier gab es immer viel Schneebruch“, erklärte der Alte dem Sohn. „Der Wald wächst hier direkt aus dem Felsen raus. Solange Veverka hier war, der Wächter aus dem Bahnwärterhäuschen, ist er zweimal in der Nacht….Halt!“
„Was ist?“
„ Der zweite!“
„Der zweite Bruch?“
„ Ja.“
„ Prost Mahlzeit“, sagte der Sohn. „ Wenns davon noch mehr gibt, kommt der Mitternachtszug sicher nicht, was? Vielleicht ist der Verkehr schon seit dem Morgen eingestellt, und die Skifahrer sind in der Stadt geblieben.“
„ Durchaus möglich“, sagte der Alte. „Aber im Bahnhof muß man das melden. Die paar Meter mehr halten wir noch aus, nicht?“
Sie gingen weiter und schwiegen. Als sie aus dem Wald herauskamen, funkelten vor ihnen die Lichter des Dorfes.
„ Du, Vater“, sagte plötzlich der Sohn.
„ Hm….?“
„Ist der Halbsiebenuhrzug schon durch?“
„ Was weiß ich?“ Der Alte spuckte aus. Aber dann, von dem Gedanken gefesselt, blieb er stehen, knöpfte den Mantel auf und griff in die Tasche nach der Uhr. Er zündete ein Streichholz an. Da hörten sie aus dem Wald das gedämpfte Pfeifen einer Lokomotive. Sie erstarrten, schauten einander an.
„Das ist er,“ sagte der Sohn.
„ Verdammt! Verdammt – die Säge, Karel! Abwickeln!“ schrie der Alte. Er stopfte die Uhr in die Tasche und warf den Rucksack vom Rücken auf den Bahndamm. Sie rissen die Lappen vom Sägeblatt und liefen zurück.

Gruß und einen schönen Sonntag allen von Rainer- Maria

Dateianlage: vom_Terminator_zum_Bankrott-Gouverneur.pdf
Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


22.06.2009 10:53
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

„Das Beispiel“, der Geschichte 2. Teil

Aber bevor sie beginnt, noch einmal kurz zu Peter ( turtle ), meinem Freund, dich hatte ich völlig vergessen und dein Lob für mein Erstlingswerk hier im Thema vom 13.06.09. Da siehst du, wie es den jungen Schreibern geht, kaum wird man…..gleich hebt man ab. Die Verlage standen Schlange, allen voran Kippensammler & Brückenquartier. Sie meinten, die schöne Geschichte vom ostdeutschen Lebenskünstler Rudi wäre doch einen Versuch wert, auch eine Verfilmung wurde in Erwägung gezogen. Aber ich blieb eisern und bin schon glücklich, so wie Susanne schon richtig schreibt, wenn die ausgewählten Texte hier im Forum jemand liest und es ihm gefällt wie meinem Lesefreund Büdinger. Wie hatte ich mal in Eisenach zu Manudave gesagt: „ Was ist schon Geld, das gibt man aus und gut is“ oder so ähnlich. F. M. Dostojewski aber hatte einmal gesagt: Das Geld muss so tief unter der Würde eines Gentleman stehen, dass es kaum wert erscheint, sich darum zu kümmern.
Berliner, auch dir ein Danke und ganz am Ende ein Zitat dafür, weil ich denke, das du diese Sprüche zu schätzen weißt, es ist gut gemeint, die Sache mit dem Einscannen der Büchertexte aber ich liebe die alte Methode des Abschreibens, bin wohl der letzte der, nein, nicht der Mohikaner sondern der Abschreiber. Das beruhigt so schön und manchmal lerne ich die Kurzgeschichten dadurch erst richtig kennen, da ich sie vorher der Auswahl halber nur kurz überfliege. Denn alles in meinen Bücherschränken habe ich selbst noch nicht gelesen und drei Dutzend Bücherkartons auf dem Dachboden warten noch auf ihre Enthüllung. Die hat mir meine alte Tante vererbt, die Kunstfreundin, die mit der Oppositionskunst von Johannes Wüsten „ Bauer und Junker“, über das ich Captn Delta einmal geschrieben habe. Ihre Gene väterlicherseits wahrscheinlich auch, was den Klassenkampf betrifft und ich hoffe, die Altersgene ebenfalls, damit ich noch lange genug abschreiben kann. Wir haben also noch Stoff für ca. 30- 40 Jahre. Aber hin zur….


Im Wald konnte man überhaupt nichts mehr sehen. Sie liefen blindlinks, die Augen nach oben gerichtet, und orientierten sich dabei an den ein wenig helleren Streifen Dunkelheit zwischen den Kronen der Bäume über der Strecke.
Mit lauten Keuchen erreichten sie den ersten Stamm. Sie setzten die Säge an und legten ein wahnsinniges Tempo an. Die Säge war schon stumpf. Trotzdem krachte der Stamm nach einer Weile, und sein oberer Teil sank auf die Schienen. Sie beendeten den Schnitt, ergriffen den Stamm und zogen ihn von der Strecke. Die Schuhe rutschten über die verschneiten Schwellen. Sie fielen und standen wieder auf. Endlich krachte irgendwo in der Dunkelheit die eingekeilte Spitze des Baumes, und der Stamm rollte vom Bahndamm. Sie liefen weiter. Mit aller Kraft. Mit letzter Kraft. Karel zuerst, nach Luft schnappend. Sie stürzten auf die Schwellen, schützten mit den Händen das Gesicht, standen auf und rannten Weiter, ohne einander zu sehen.
Auf den zweiten Baum stießen sie in vollem Lauf, in dem Augenblick, als der Zug wieder pfiff, diesmal schon ganz nahe. Sie zerrten mit beiden Händen an der Säge. Jetzt war nur eins wichtig, ziehen, so schnell wie möglich ziehen. Ihre Lungen zersprangen fast, und in ihren Augen tanzten rote Flämmchen. Die Reste ihrer Kräfte flossen in breitem Strom durch die Arme aus dem Körper, wie aus einem gebrochenen Damm.
Der Zug erreichte den Anfang des Jungholzes. Er jagte ohne Dampf von dem steilen Hügel. Die Leute, die ins Gebirge gekommen waren, um auf vierzig Zentimeter Neuschnee Ski zu fahren, zogen sich an.
Der Stamm krachte. Dem Jungen flossen Tränen aus den Augen. Als er die Säge wieder zu sich ziehen wollte, spürte er, dass er es nicht mehr schaffte.
„ Vater…“, krächzte er mit seltsamer, unnatürlicher und fremder Stimme. Auf den Gleisen hinter ihnen tauchten Scheinwerfer auf.
Der Zug jagte im Leerlauf vom Hügel zum Bahnhof. In den Lichterkegel vor der Lokomotive sprang auf einmal eine schwarze Masse. Der Lockführer blockierte die Räder. Unter den Rädern der Lokomotive hervor sprühten Funken, aber die überfüllten Waggons schoben die Lokomotive nach dem Gesetz der Trägheit weiter, näher und näher zu jenem schicksalhaften Platz, bis sich die Maschine mit dem Pflug in das Gewirr der Zweige grub. Sie stieß auf den Stamm. Da teilte sich die schwarze Masse vor der Lokomotive, wirbelte in die Höhe und verschwand in der Dunkelheit.


Als die Skifahrer mit Geschrei und Gelächter den freigeschaufelten Weg von der Eisenbahnhaltstelle zur Touristenbaude herab liefen, begegnete ihnen zwischen den ersten Hütten des Dorfes ein seltsames Paar. Schneebedeckt torkelte es wie betrunken mitten auf dem Weg.
„Was ist, Vater, hast du noch ein bisschen Kraft übrig?“ hörten sie den Schlankeren keuchen.
„Schafskopf“, brummte der Stämmigere, aber das war kein Schimpfwort. Er legte dem Jüngeren einen Arm um die Schultern.
„ Habt ihr die gesehn….?“ wandte sich einer der Skifahrer zu der Gruppe. „…Wie es im Buche steht….Der Alte gibt ihm ein schönes Beispiel…“
Dann bogen sie zur Baude ein, das seltsame Paar entschwand ihnen aus Augen und Sinn.

Gruß Rainer- Maria

für meinen amerikanischen Freund:

„ Woher kommst du, kühner fremder Krieger?
Welchem Land entstammst du, welcher Sippe?
Sag, wie ruft man dich bei Namen
und wie beim Namen deines Vaters?“
( Aus einer alten Bylina )

Berliner Online





Beiträge: 1.990


23.06.2009 03:49
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
„ Woher kommst du, kühner fremder Krieger?
Welchem Land entstammst du, welcher Sippe?
Sag, wie ruft man dich bei Namen
und wie beim Namen deines Vaters?“
( Aus einer alten Bylina )


Na, da sieht man.
Entweder habe ich Glueck, oder ich lese tatsaechlich Deine Beitraege.
Meinen Namen kennst Du schon aus meiner PM, vielen Dank fuer Deine Widmung.

Hier ein Gedicht fuer Dich, gerade im Internet gefunden:

Innere Krieger

Alle wir müssen werden Krieger -
nicht gerechte passive Wesen.

An etwas Punkt müssen wir
unsere überzeugungen erklären,
um Werte zu verteidigen,
die wir halten möchten.

Jede Person hat eine unsichtbare
Klinge und eine Rüstung,
die vom Kern geschmiedet werden, der sie glauben.

Seine Stärke und Flexibilität stellen
unsere Kapazität fest zu heilen.

Die beste Klinge ist ein-spitze Absicht
und es gibt keine Rüstung,
die besser als Liebe ist.

Beide Instrumente vorsichtig benutzen:
der Falke muß mit der Taube koexistieren

Nichts auf dieser Welt kann die Beharrlichkeit ersetzen.
Talent kann es nicht - nichts ist verbreiteter als erfolglose Maenner mit Talent.
Genie kann es nicht - unbelohntes Genie ist nahezu ein Sprichwort.
Ausbildung kann es nicht - Die Welt ist voll von ausgebildeten Obdachlosen.

Beharrlichkeit und Ausdauer alleine sind allmaechtig.


-Calvin Coolidge

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


28.06.2009 09:41
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, heute ist wieder Sonntag und ich meine, ein Märchen kann nicht schaden, gerade zum Abschluss meiner Texteinstellungen, den das beruhigt so schön und man liest es auch einmal als Erwachsener. Die Idee kam mir, als ich an die Esel am Fuße der Wartburg dachte und mir unsere gut durchgewachsene Susanne darauf vorstellte. Für den Nichteingeweihten, das war zum Forumtreffen im Juni in Eisenach. Aber die Esel hatten großes Glück, den sie lief mit mir nach oben. Verzeih mir, Susanne, du bist natürlich tausend Mal schöner und leichter als der Wolf aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den……..
Aus einem bulgarischen Märchenbuch / Verlag Bulgarski Hudoshnik – Sofia / 1986 ein albanisches Volksmärchen

Der Wolf und der Esel


Ein Wolf streifte hungrig durch den Wald. Sein leerer Magen trieb ihn ins nächste Dorf. Da entdeckte er einen alten Esel, der friedlich am Wegesrand Disteln rupfte.
„ Ha!“ leckte sich der unverbesserliche Räuber das Maul, „ das ist ein rechter Fraß für mich!“ Er näherte sich dem Grautier und sagte: „ He, Esel, du hast Glück! Allah selbst hat dich hergeführt, damit ich dich verschlinge.“
„ Friß mich nicht, Wolf, ich bin alt und habe schon so viele Jahre auf dem Buckel wie Haare in meiner Mähne“ erwiderte der.
„ Nichts da! Ich habe schon seit zwei Tagen nichts zu nagen und zu beißen, mein Magen knurrt ganz fürchterlich. Ich werde dich mit Haut und Haar verschlingen, auch wenn du alt bist.“ Das Grautier blickte sich um- nirgends war Hilfe zu sehen.
„ Nun, du wirst von meinem zähen Fleisch nicht lange satt bleiben, ich kann dir aber zu zartem Lamm- und fettem Hammelfleisch verhelfen- du wirst das ganze Jahr zu fressen haben und immer satt sein.“
„ Und wie willst du das anstellen?“ fragte der Wolf, und das Wasser lief ihm im Maul zusammen. „Steig auf, Herr Wolf, so ausgemergelt, wie du bist, trage ich dich zu einem herrenlosen Schafpferch, wo es keine Hunde gibt. Dort findest du Lämmer und Schafe, soviel dein Herz begehrt, da kannst du dir die leckersten aussuchen.“ Dem Wolf gefielen die Worte des Esels. Nie zuvor hatte ihm jemand solches Fleisch versprochen und ihn so ehrerbietig mit „ Herr Wolf“ angeredet. Nie zuvor war er wie ein richtiger Herr geritten.
„ Gut“, sagte er, seinen Hunger bezähmend, „bring mich zu diesen lieben Tierchen, doch langsam, ich liebe es nicht, gerüttelt und geschüttelt zu werden.“
Der Wolf schwang sich auf den Rücken des Esels, und der trottete vorsichtig auf den Weg, wich allen Steinen und großen Löchern aus und fragte von Zeit zu Zeit: „ Sitzt du bequem, Herr Wolf? Schüttle ich dich auch nicht?“ Und der Wolf, der sich schon wirklich ein Herr dünkte, antwortete wichtigtuerisch: „ Nur weiter so! Schüttle mich nicht, sonst werde ich ärgerlich und wenn ich mich ärgere, werde ich sehr ungemütlich.“ So gelangten sie in die Nähe des Dorfes. „He, Esel, wo ist dein Pferch! Ich sehe ihn nicht.“
Hab noch ein wenig Geduld, Herr Wolf, du wirst ihn bald erblicken,“ erwiderte der Esel und lief schneller. Sobald sie zu den ersten Häusern gelangten, galoppierte er, so schnell seine alten Beine konnten, den jedem ist sein Leben lieb. Er rannte durch die Dorfstraßen mit dem Wolf auf dem Rücken, der sich, um nicht herunterzufallen, in seinen langen Ohren verbissen hatte.
Und plötzlich begann der Esel lauthals zu schreien: „ He, Bauern, ich bringe euch einen Wolf!“ Da schossen die Hunde bellend aus den Höfen und hetzten dem ungeladenen Gast nach. Hinter ihnen kamen, mit Heugabeln und Schaufeln bewaffnet, die Bauern angelaufen und riefen:
„ Du Bösewicht! Du Blutsauger! Wieviel Schafe hast du uns gerissen, und nun willst du sogar einem Esel den Garaus machen! Gebt es ihm! Bringt ihn um!“
Und sie gerbten dem Wolf tüchtig das Fell, das der schleunigst sein Heil in der Flucht suchte, vom Rücken des Esel sprang und mit eingekniffenen Schwanz zum rettenden Wald jagte. Er erreichte ihn mit letzten Kräften, hockte sich hinter ein Gebüsch, um seine Wunden zu lecken und sagte zu sich: „ Ach, ich Dummkopf, weshalb musste ich so groß tun? Mein Großvater und auch mein Vater waren bescheidene Wölfe. Sie sind immer zu Fuß gegangen, wollten nie reiten und haben deshalb ein hohes Alter erreicht. Wie kam ich nur auf die Idee, ein großer Herr sein und auf einem Esel reiten zu wollen? Beinahe hätte es mich mein Leben gekostet. Von nun an springe ich einem Esel sofort an die Gurgel und verschlinge ihn.

Gruß und einen ruhigen Sonntag allen
von Rainer- Maria

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28.06.2009 11:31
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer,
danke für das Märchen. Ich hatte es mal als Kind gelesen- schön das du daran erinnert hast.

Gruß, Jörg

"Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das:
Den Standpunkt des anderen verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu betrachten."

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29.06.2009 06:04
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Peter Lorenz, Ausschnitt aus "Blinde Passagiere im Raum 100" (Leipzig 1986)

Alltag Leuna 1986
Guy Neumann ging durch einen dichten, dicken Winternebel, der nach Rauch und nach Ruß und nach Staub schmeckte, wenn man ihn durch den Mund einatmete, der sich als Rauhreif am Oberlippenbart festsetzte und die Barthaare miteinander zu Eisdolchen verklebte. Guy Neumann ging nicht allein. Seit er den überheizten Vorortzug verlassen hatte, tappten rechts und links neben ihm gleichfalls vermummte Gestalten durch den Morgen. Aber der Nebel dämpfte selbst die Geräusche der Schritte. Neumann hatte das Gefühl, völlig allein zu sein auf dieser Welt.

Er ging jedoch in einer scheinbar endlosen Menschenschlange, und die Luft war derart, daß die Auswärtigen sich längst ihre Sauerstoffmasken übergestülpt hätten.

Guy Neumann rang nach Luft, und die Bitterkeit des Rußes bereitete ihm Übelkeit. Seine Augen tränten, und er war versucht, nach seiner Sauerstoffmaske zu greifen. Doch er hätte sich mit diesem Griff als Fremdling ausgewiesen, und Neumann legte zur Zeit auf nichts größeren Wert, als einer unter Tausenden zu sein, die sich langsam, aber unaufhaltsam dem Werktor und damit ihrer täglichen Schicht zubewegten. Endlich tauchte aus dem Nebel das hell beleuchtete Werktor auf. Die Menschen um ihn herum griffen in ihre Taschen und präsentierten dem Werkschutzmann ihre Betriebsausweise. Das alles geschah rein mechanisch. Selbst der ungeschickteste Fälscher hätte mühelos seinen Erfolg einfahren können bei solcherlei Kontrolle.

Guy Neumann blieb vor dem Mann vorn Werkschutz stehen. Er konnte sich anzugleichen versuchen, wie immer er wollte, in einem unterschied er sich heute von seinen Kollegen. Sein Ausweis war neu, die in der Aktentasche verstaute Montur war neu, er hatte den Weg durch dieses Werktor noch nie vorher genommen."Ich bin neu hier", sagte er, "ich muß nach Z 117. Die Kaderabteilung sagte mir gestern, ich solle mich zu Schichtbeginn bei Ihnen melden." Der Werkschutzmann nickte, drehte sich um, öffnete das Barackenfenster und rief in die Wachstube: ¯Ein Neuer nach hundertsiebzehn! " Inzwischen hatten mindestens zwanzig Leute die Wache passiert, ohne daß ihre Ausweise auch nur eines einzigen Blickes gewürdigt wurden. Ein zweiter Uniformierter kam aus der Wachstube, knöpfte seinen langen Mantel zu und sagte zu Guy Neumann: "Sind Sie das, der nach Z hundertsiebzehn? Das dauert aber seine Zeit! "

Der Wachmann maß fast zwei Meter, und Guy hatte Mühe, seinen raumgreifenden Schritten zu folgen. "Z hundertsiebzehn ist ja auch nicht gerade das große Los", sagte der Uniformierte. "Kann mir jedenfalls angenehmere Arbeit vorstellen. Aber das muß schließlich jeder selbst entscheiden! " - "Denke ich auch", antwortete Neumann und schritt voran. Sie liefen neben einer Rohrbrücke, und ab und zu tropfte ihnen Flüssigkeit auf Kopf und Kleidung. "Seien Sie im Werk unter Rohren immer ein bißchen vorsichtig", riet der Begleiter und zog Neumann ein paar Meter zur Seite. "Ist hier nämlich nicht alles Wasser, was heraustropft, Kollege. Man hat sich da ganz schnell ein häßliches Loch in den guten Anzug geätzt!"

Radfahrer tauchten aus dem Nebel auf und verschwanden wieder. Irgendwo, nah oder fern, pfiff eine Werklok. Der Weg nach Z 117 schien kein Ende nehmen zu wollen. "Haben Sie schon einmal in einem Chemiebetrieb gearbeitet?" fragte der Werkschutzmann. Im Grunde interessierte ihn Neumanns Antwort nicht, aber die gesamte Strecke nur zu schweigen ging schließlich auch nicht.

Aus einer geöffneten Werkhalle schlug ihnen ein Schwall warmer, trockener, nach Schwefelwasserstoff stinkender Luft entgegen. "An dieser Ecke riecht es immer so", sagte Guy Neumanns Begleiter. "In ein paar Wochen finden Sie den Weg allein nach dem Geruch. Hier gehen fast alle ihrer Nase nach. Und wenn Sie Staub in die Augen bekommen haben, daß Sie ja nicht anfangen zu wischen! Aber das wird Ihnen Ihr Meister noch alles sagen. So, dort ist es, Z 117!"

Das Gebäude Z 117 entpuppte sich als ein Bau, dessen Tage gezählt zu sein schienen. Das Mauerwerk war brüchig, die Risse konnte man selbst im morgendlichen Dunst gut erkennen. Die Tür hing windschief in den Angeln und ließ sich nicht mehr bewegen. Das Gebäude Z 117 konnte deshalb nicht einmal verschlossen werden. Aber das war auch nicht nötig, denn in Z 117 wurde rund um die Uhr gearbeitet, und wer in dieses Gebäude einzubrechen versucht hätte, der war entweder volltrunken oder hatte sich verlaufen oder war simpel ein Idiot. Außer Dreck, Wasser und Gestank gab es nichts, aber auch gar nichts zu holen. Weshalb sich auch eine verschließbare Tür erübrigte.

In der Meisterkabine klebten schmuddlige Aktfotos an den Wänden. Die Mädchen blickten traurig auf einen überquellenden Aschenbecher. Die Bezeichnung Luft war für das Gemisch aus Rauch und Kohlendioxid eigentlich übertrieben. Aber den Menschenschlag in der Chemieindustrie haute so rasch nichts um, abgestandener Zigarettenrauch schon gar nicht. Wenigstens war es warm. Eine Wärme, in die man nach der feuchten Smogkälte eintauchte wie in ein Duschbad. Eine Wärme, die schläfrig machte und die den kalten Nebel draußen vergessen ließ.

Die Meisterkabine war leer. Der Werkschutzmann setzte sich auf einen altersschwachen, knarrenden Stuhl und streckte seine langen Beine weit in den Raum. "Sie können sich ruhig setzen", sagte er zu Guy Neumann. "Der Meister muß jeden Augenblick kommen. Und ohne den läuft hier sowieso nichts."

Der Meister war klein und korpulent und hatte bereits am frühen Morgen einen hochroten Kopf. "Jetzt kommt ihr mir auch noch in die Quere", sagte er und wühlte hektisch in den Papieren, die sich auf seinem Schreibtisch türmten. "Ich bringe Ihnen bloß einen Neuen", sagte der Werkschützer und stand auf. "Weiß ich doch längst, daß ein Neuer kommt", entgegnete der Meister und gab Neumann die Hand. "Neumann", stellte sich Guy Neumann vor.

"Neumann?" Der Meister überlegte. "Also ich war felsenfest der Meinung, die von der Kaderabteilung hätten Meier gesagt. Aber die sagen viel, wenn der Tag lang ist. Kommste aus'm Knast?" Neumann antwortete nicht. "Brauchste dich hier nicht zu genieren. Sind meine besten Leute, die aus'm Knast kommen. Arbeiten hammse drinnen gelernt. Und bleiben wenigstens hier. Na ja, wo wollnse auch noch hin! Wer seine Jahre im Knast abgebrummt hat, der taugt am besten für hier. Neumann also!"

Quecksilber, dachte Guy Neumann. Der ganze Mann scheint aus Quecksilber zu sein. Den tippt man mit dem Finger an, und schon läuft er aus. Was ihn an diesem Vergleich noch interessiert hätte, Quecksilber war giftig. Das echte zumindest.

"Gearbeitet haste in so'ner Abteilung noch nich?" Neumann schüttelte verneinend den Kopf. "Lernste schnell. Schaufel brauchste und Besen und Wasserschlauch. Mehr brauchste nicht. Und 'ne gute Nase brauchste. Die muß flattern, wenn's nach Bittermandel zu duften beginnt. Oder wenn die Zigarette plötzlich süß schmeckt. Dann isses nämlich Zyan, dann mußte raus hier, Neumann oder Meier, so schnell dich deine Füße tragen!"

Neumann-Meier hörte ohne jede Regung zu. "Bei uns tut nämlich der ganze Dreck durchfließen", fuhr der Meister fort. "Anderen Abteilungen die feinen Fläschchen und die sauberen Plastbeutelchen, uns die Scheiße. So ist das mit der Abteilung Z hundertsiebzehn. Bei uns kommen die Abwässer aus dem ganzen Betrieb an, wir geben die entsprechenden Fällungschemikalien zu und sammeln die Niederschläge ein. Und deine Aufgabe wird es sein, zwei Dutzend FälIungsbottiche fit zu halten, mit Wasser, Schaufel und Besen. Verstanden?" Guy Neumann nickte.

"Dann kann's ja losgehen", stellte der Meister zufrieden fest, sprang auf, rieb sich die Hände, drehte aber gleich danach auf dem Absatz wieder um, baute sich dicht vor dein neuen Kollegen auf und fragte: "Aus welchem Knast kommste denn nun eigentlich? Warste lange drin? Hast vielleicht sogar...?" Seine begleitende Handbewegung war eindeutig. "Mußte mir demnächst erzählen", fuhr der Meister Quecksilber fort, nachdem Neumann abermals keine Antwort gegeben hatte. "sammle nämlich solche Geschichten. Bin ganz verrückt danach. War selber nie drinnen, weißte, aber Wärter kenn ich, Erzieher sagt man jetzt wohl, so gut kennen die sich selber nich, glaub mir! Und irgendwann schreib ich's auf, kannste glauben! Aber jetzt machen wir erst mal den Arbeitsschutz. Unterschreib mal!"

Während Guy Neumann ein abgegriffenes, schmutziges Heft zugeschoben bekam, begann Meister Quecksilber mit seiner Belehrung: "Also, Schutzhelm mußte tragen, keinen schritt ohne Schutzhelm verstehste und gleich nach dem helm die handschuhe alles säure oder sonst ätzend auf jeden fall holste dir einen saftigen ausschlag und wenn du an bottich neun arbeitest möchte ich dich niemals ohne säureschild erleben und den lebensretter immer schön am gürtel und s0pritzer in den augen machste mit wasser weg und nie wischen! Alles klar? Oder haste noch fragen?"

Die Gummistiefel waren Fischerstiefeln nachempfunden und drückten in die Weichen. Die Handschuhe mußten in Schulterhöhe umgekrempelt we0rden. Der hellgraue Säureschutzanzug war steif und luftundurchlässig. Der Säureschild wurde durch ein Kopfband vor dem Gesicht gehalten und drückte an die Stirn.Der Selbsttretter, eine graue, runde, ziemlich schwere Blechbüchse, hing an einem breiten Gürtel und schlug bei jedem Schritt an den Oberschenkel.

"Siehst zünftig aus, Mann", sagte Meister Quecksilber und drückte dem Neuen einen breiten Besen und eine riesengroße Schaufel in die Hand. "Dann wolln wir mal!"

An den Bottichen war es eiskalt. Das Wasser stand zentimeterhoch und tropfte von der Decke und den Bottichwänden."Hier oben ist deine Arbeitsbühne", schrie der Meister gegen das allgegenwärtige Geräusch von strömendem Wasser und zischendem Dampf an. "Die Brühe kommt an, du kriegst vom Labor deine Menge von Zusatzstoffen die läßt du möglichst gleichmäßig aufs Abwasser rieseln, soundsoviele Kilo pro kubikmeter und achtest darauf daß die Schlämme unten sauber aufs band schmieren. Manchmal setzt sich nämlich was fest, und dann mußte ganz schnell sein, mit der Schaufel, weißte, sonst ist die ganze Kacke dicht, und dann hammern Salat. Klar also?"

Eine Stunde später wußte Guy Neumann nicht mehr, ob er fror oder schwitzte, ob er männlichen oder weiblichen Geschlechts war, ob draußen Sommer oder Winter regierte, ob Tag oder Nacht herrschte. Ständig setzten sich die zähen grauen Schlämme am Bottichauslauf fest, und wenn er ungeschickt mit der Riesenschaufel hantierte, spritzten die Abwässer auf ihn ein, liefen ihm in den Kragen, unter den Schutzanzug, in die Stiefel. Nichts, was ihn vor der allgegenwärtigen stinkenden Nässe schützte, nicht eine Minute Ruhe.

Erst nach drei Stunden zeichnete sich eine Änderung ab. Von einer Art freilich, wie sie Neumann nicht erwartet und Meister Quecksilber sie ihm wohlweislich nicht erklärt hatte. Der hielt es überhaupt für besser, nicht zu viel zu erklären. Die Männer stutzten sich selbst schon zurecht. Das hatte ihnen der Knast beigebracht. Die wußten, weshalb und wohin der Hase lief und daß es allemal besser war, den Kopf als den Arsch oben zu behalten. Allemal!

Bisher hatte Guy Neumann keine Gelegenheit gefunden, seine neuen Kollegen von Z 117 zu begrüßen. Ein flüchtiger Wink mit der Hand war das einzige Zeichen gewesen, das er mit der Gestalt auf der benachbarten Arbeitsbühne ausgetauscht hatte. Und dieser Mann stand plötzlich über ihm und schloß den Zulauf für das Fällungsmittel."Willst dir wohl die Beine ausreißen, was?" schrie der Mann hinunter zum Fällungsbottich. Nachdem der Zustrom des Fällungsmittels aufhörte, floß der Schlamm ruhiger und gleichmäßiger auf das Förderband. "Und jetzt stellste den Zulauf so ein, daß das Band ordentlich läuft", schrie der Kollege und drehte das Handrad vorsichtig wieder auf. "Willst schließlich auch mal Zeit für 'ne Zigarette haben, oder?"

Guy Neumann war inzwischen wieder auf seine Arbeitsbühne geklettert. Die beiden Männer gaben sich die Hand. Der andere rauchte trotz seiner Handschuhe eine Zigarette, und die war pulvertrocken. Neumann dagegen tropfte von Kopf bis Fuß."Machst dich doch fertig, Mann! Da hat dich der Alte ganz schön angeschissen! Also, Fällungsmittel immer nur so viel, wie Schlamm vom Band transportiert werden kann, okay?" "Und die Laborwerte?" - "Vergessen! Hauptsache, es läuft! Holzauge, sei wachsam!"

Etwa ein Drittel der vom Labor austitrierten Fällungsstoffe vermischte sich mit den Abwässern. Das Band transportierte eine gleichmäßige Schlammschicht ab. Eine Stunde lang hatte Neumann jetzt relativ ruhige Arbeit. Da floß also das Abwasser nahezu unbehandelt ab, weil die Anlage für eine ordnungsgemäße Fällung viel zu klein und noch dazu technisch total veraltet war. Da griffen die Kollegen von Z 117 notgedrungen zur Selbsthilfe und fällten nur noch jenen Teil aus, der auch von den Bändern bewältigt werden konnte ...


'nen ruhigen Montag,
-Th

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"We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness."

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29.06.2009 21:40
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Als zusammenfassende Antwort auf den Beitrag von Rainer-Maria zu Krupp uva, auch im Thread System DDR-gut oder schlecht, oder Zitate....


Hallo Rainer, (liebe Interessenten- lasst euch von der Textmenge bitte nicht abschrecken..)

wahrscheinlich werden wir nie so ganz einer Meinung werden. Das ist auch ganz klar. Du trauerst den angeblich vergebenen Chancen der DDR hinterher, und ich bin nun mal davon überzeugt, dass diese Chancen dieses Land in den letzten 10 Jahren ihres Bestehens nie gehabt hat. Wenn, dann gab es diese Chancen vielleicht in den 50er Jahren. Und hier haben Sie unsere Großeltern bzw. Eltern nicht nutzen können. Aus unterschiedlichsten Gründen, die sicher auch noch aus den Erfahrungen des untergegangenen 3. Reiches resultierten.

Nein, mein literarischer Gegenspieler, auf Krupps Lohnliste stand und stehe ich sowenig, wie auf einer Lohnliste einer Gruppierung, die meinte, die unreifen und unmündigen Arbeiter und Bauern führen zu müssen, indem man sie wie Vieh auf einer riesigen Weide einsperrte und zu erziehen versuchte. Dessen Führer meinte, ein Dach über den Kopf und eine volle Speisekammer zu haben, wäre genug für das Volk. Man bedachte nicht, dass sich das Volk schneller als die Regierung geistig weiterentwickelte.
Aber wie ich dich kenne, war die Bemerkung mit der Lohnliste auch gar nicht ernst gemeint. Denn du weißt, spätestens seit Thüringen, dass ich meine Freiheit für nichts auf der Welt hergeben würde.

Ich verteidige Krupp keinesfalls, ich habe nur versucht darzustellen, dass Krupp mit seinen Leuten nicht wie Sklaven umgegangen ist, wie du es beschrieben hattest.
Du bist von dem DDR-System überzeugt, weil du meinst, hier hatte es der Arbeiter am besten. Genauso war es bei den Krupp-Arbeitern. Sie hatten es richtig gut, meinten sie. Oder warum kamen die nicht alle in die DDR? Schätzt du sie so unmündig ein, dass sie von der Westpresse dauerhaft für unwissend gehalten werden konnten? Das war nicht einmal in der DDR möglich, wo man in den 60er Jahren versuchte, die TV-Antennen des Volkes gewaltsam zu drehen.

Was die Schulbildung betrifft, die Weisheit habe ich hier auch nicht, aber für mich ist es logisch, dass eine gute Schulbildung, die Ausstattung usw. viel Geld kostet. Und das hatte Krupp, die DDR anfangs nicht. Auch wenn du es anzweifelst, für die Aus- u. Weiterbildung tut man auch im kapitalistischen System etwas. Nicht zuletzt aus Eigeninteresse, klar. Und oft machen große Unternehmen mehr als der Staat. Siehe unser heutiges marodes Bildungssystem. Das gebe ich gern zu.
Zur Staatsverschuldung schreibe ich heute nichts, die Zahlen unterschiedlichster Quellen sprechen für sich. Stellst du hier die Aussagen der letzten DDR-Kämpfer (Mittag, Schürer…) in Frage? Andere im Forum hatten auch gut darauf geantwortet.
Was ich überhaupt nicht begreife ist, wieso hast du als Arbeiter mit deinen vielen Jahren im Einsatz nicht erkannt, dass das System am Ende war? Das war doch unübersehbar.
Viele Jüngere haben das frühzeitig erkannt, nicht zuletzt durch ihren Job im Betrieb- ein Beispiel dafür, dass ein höheres Alter manchmal nicht zu einer weiseren Entscheidung führen muss.


Was den FDGB-Urlaub betrifft, hier hast du mich total falsch verstanden. Das war nicht meine Meinung! Ohne meine Reisen hätte ich sicher nicht meine heutige Meinung bekommen.


Zu der Luftverschmutzung folgendes. Dir ist beim Vergleichen ein kleiner Fehler passiert.
Dein Zitat aus dem westdeutschen Unterrichtswerk bezieht sich auf 1965, meine Schilderung über Buna, Bitterfeld, Leuna auf 1988!! Hier hatte sich das Ruhrgebiet in eine grüne Landschaft verwandelt, weil man die Fehler eingesehen hatte.

Übrigens kann ich hier sehr gut mitreden. Mein Opa wohnte in Merseburg. Und immer wenn ich ihn besuchte, fuhr ich an Buna vorbei. Im Januar 1989 durfte ich in die DDR reisen, da er im Sterben lag. Nie zuvor war mir die umweltpolitische Katastrophe deutlicher geworden, als damals. Ich hatte mich hier weiterentwickelt, dort war die Zeit stehen geblieben…..
Erinnere dich an den Smogalarm- er war nicht im Westen, weil es dort schlimmer war…

Nicht zuletzt möchte ich Captndelta für seine realitätsnahe Schilderung zu Leuna danken. So war es, leider.
In dem Sinne- ich sag es mal wie Rainy,

Ciao, Augenzeuge

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30.06.2009 19:45
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

"Bitterfeld, die schmutzigste Stadt Europas", 1981- hielt Monika Maron 1981 in ihrem Romandebüt „Flugasche“ fest.

„B. ist die schmutzigste Stadt Europas“, hielt Monika Maron 1981 in ihrem Romandebüt „Flugasche“ fest: Eine Reporterin will über Gift und Dreck im Bitterfeld der 70er Jahre schreiben, die Wahrheit aber hat es schwer. Im Osten wurde der Roman verboten, im Westen gefeiert – womöglich, mutmaßt Maron heute, hat mancher Westler „B.“ mit Brokdorf verwechselt und das Braunkohle- mit dem Atomkraftwerk.
Maron, damals noch angestellt bei der „Wochenpost“ in Berlin, war selbst als Reporterin in den 70ern mehrfach im „B.“ des Ostens. Nun kehrt die Schriftstellerin zurück nach Bitterfeld. Und zur Reportage.

Die Berlinerin weiß Erstaunliches zu berichten. Von einer Gruppe linker Kreuzberger, die an Solarenergie glaubt, sich mit spitzen Fingern und tumben Vorurteilen einen Ex-McKinsey-Berater ins Boot holt, mit 40 Angestellten und viel Idealismus in Thalheim bei Bitterfeld beginnt und – einmal Luft holen! – heute ein börsennotiertes Unternehmen leitet, das 3000 Menschen Lohn und Brot gibt. Irre.

Windräder verschandeln die Landschaft
Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Schriftstellerin Windenergie hasst, weil Windräder die Landschaft verschandelte, und auch Biogasanlagen nicht mag. Die Firma Q-Cells aber begeistert sie bis zu einem Punkt, an dem das Wort „verliebt” fällt. Dabei sind es weniger die ebenfalls ausführlich behandelten technischen Details der Produktion von Solaranlagen oder die wirtschaftspolitischen Feinheiten der Firmengründung, die Marons Bericht Strahlkraft verleihen, sondern die Begegnungen mit den damals handelnden Personen.

Der Thalheimer Bürgermeister Manfred Kressin berichtet, wie die Stadtoberen eine Viertelstunde hinter verschlossenen Türen ausharrten, bis sie alle Forderungen der Q-Cells-Gründer erfüllten: „Damit die nicht denken, wir hätten nicht gründlich überlegt.“ Dabei war man ja froh um jeden, der sich überhaupt ansiedeln mochte. Der damals arbeitslose Anlagenbauer (Ost) Uwe Schmorl erzählt von einem vermeintlich „vergeigten” Vorstellungsgespräch, in dem die Firmengründer (West) nur von sich selbst sprachen. Das kannte er noch nicht. Heute ist „Schmorli“ Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und Millionär. „Im autoritärpädagogischen Gefüge der DDR“, so Maron, blieben seine Führungsqualitäten „offenbar unerweckt.“
Gleichnis vom Untergang der DDR

Viele, viele dieser Menschlichkeiten fügen sich zu einem Bild, das 20 Jahre nach dem Mauerfall ein neues, schöneres Bitterfeld ergibt, eins mit blauem Himmel. Das Gewitter der Finanzkrise hat aber auch die einst so sonnigen Aussichten der Solaranlagenbauer erheblich getrübt; da ist Marons Reportage, deren Recherche im Februar 2009 endete, jetzt bereits Zeitgeschichte. Auch Q-Cells hat Kurzarbeit angemeldet.

Das Zeitgeschichtliche aber wird zeitlos, wenn man Marons Buch als Gleichnis vom Untergang der DDR und der Wiedervereinigung liest. Allerdings bejubelt sie diese so optimistisch, dass es in einer Zeit allgemeiner Miesepetrigkeit kaum zu glauben ist. Denn zumindest in seinen Vorurteilen ist Deutschland sich ja inzwischen einig.

Monika Maron: Bitterfelder Bogen. Ein Bericht mit Fotos von Jonas Maron. S. Fischer Verlag, 176 Seiten, 18,95 Euro

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Angefügte Bilder:
bf.jpg   bf2.jpg   bf3.jpg  
Heldrasteiner Online





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01.07.2009 11:14
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Bitterfeld?
Mir hat 1990 mal ne Freundin Bilder gezeigt aus der Gegend.
Ich meinte daraufhin, sie hätte es mit dem Filter aber sehr übertrieben. Da entgegnete sie, daß die Fotos ohne Filter gemacht wurden. Hat mich tief bewegt, denn es sah aus wie eine Mondlandschaft.

Hilfe noch am Grabesrand wird vom Heldrastein gesandt

Berliner Online





Beiträge: 1.990


01.07.2009 23:02
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

CaptnDelta, vielen Dank fuer die Story ueber den Chemiebetrieb.
Sie ist unheimlich interessant, nur wenn man dabei bedenkt wieviel dadurch die Umwelt und die Menschen geschadet wurden. Es war ein leises Verbrechen.

Berliner

Nichts auf dieser Welt kann die Beharrlichkeit ersetzen.
Talent kann es nicht - nichts ist verbreiteter als erfolglose Maenner mit Talent.
Genie kann es nicht - unbelohntes Genie ist nahezu ein Sprichwort.
Ausbildung kann es nicht - Die Welt ist voll von ausgebildeten Obdachlosen.

Beharrlichkeit und Ausdauer alleine sind allmaechtig.


-Calvin Coolidge

Rainer-Maria-Rohloff Offline


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12.07.2009 09:46
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, am 9.07.1919 erfolgte die Ratifizierung des Vertrages von Versailles. In einem Beitrag in „ DIE WELT“ vom 9.07.2009 bezeichnet ihn Ernst Cramer, heute Vorsitzender der Axel- Springer- Stiftung mehr als einen Kriegs- den als einen Friedensvertrag. Auf die Frage von Sven Felix Kellerhoff : „ Hätten ohne den Frieden von Versailles Hitler und seine NSDAP eine Chance auf die Machtübernahme gehabt?“ antwortet er: Darüber kann man natürlich nur spekulieren. Ich glaube aber, wenn nach dem Ersten Weltkrieg ein vernünftiger, ein echter Friedensvertrag geschlossen worden wäre, wäre die Entwicklung in Deutschland anders verlaufen. Unter diesen Voraussetzungen hätte es Hitler wohl nicht gegeben.

Ich nehme das Datum des Vertrages hier nur zum Anlass, den der Text schildert den Zeitraum vorher und werde meinen Beitrag mit einem kurzen Schlusswort beenden. Aus dem Buch von Walter A. Berendsohn „ Martin Andersen Nexös Weg in die Weltliteratur“, Copyright 1949 by Dietz Verlag Gmbh, Berlin. Veröffentlicht unter Liz. – Nr. 341 der Sowjetischen Militär – Administration in Deutschland, mit einem Vorwort des Autors:


Am deutlichsten kommt seine eigene Verurteilung des Völkermordes in dem Aufsatz“ Krigens Ansigter III“ ( Die Gesichter des Krieges) heraus, der unter dem Titel „ Patriot eller Menneske“ ( Patriot oder Mensch) später mehrfach wieder gedruckt worden ist; in dieser Form füge ich ihn hier ein

„ Im Frühjahr 1917 fuhr ich auf einer Reise in Deutschland im Abteil zusammen mit einem deutschen Offizier, der von der Ostfront kam. Wir kamen ins Gespräch; die Weltpresse war damals gerade beschäftigt, zu verkünden, das der Russe ein schlechter Soldat sei, feige usw, und ich fragte ihn:, Wie sind die Russen?“
„ Wie sie sind? Gute Menschen sind sie, wie die Franzosen, die Engländer- und wir selbst.“ Ich war gerade nach Deutschland gekommen und stutzte ein wenig, das er so bereitwillig allen Feinden gute menschliche Eigenschaften zugestand; ich wusste damals noch nicht, dass der Nationalhaß als das Kunstprodukt, das er ist, während des Krieges durchaus nicht zunahm, sondern im Gegenteil dem Druck des Krieges weichen musste.
„ Ja, aber wie kämpfen sie? Sind sie tapfer?“
„ Tapfer?“ Er zog eine Grimasse, als ob ihn der Ausdruck ekelte. „ Sie schlagen sich wie Sklaven- wie wir anderen. Sie sind also tapfer- wie wir.“
„ Ich habe gehört, das sie nur ungern angreifen.“
Er zuckte die Achseln. „ Glauben Sie, unsere greifen zu ihrem Vergnügen an? Oder aus Liebe zum Vaterland? Die Tage sind vorbei. Man muß, man kommt nicht drum herum, deshalb kann man ebenso gut hineinlaufen wie hineinkriechen. Viele Russen können nicht einmal lesen, man hat es deshalb nicht so leicht, sie mit den üblichen Phrasen vollzustopfen.
Napoleon gab seinen Soldaten Pulver in den Branntwein, damit sie drauflos gehen sollten, heutzutage wird man vollgepfropft mit patriotischen Phrasen, Proklamationen, vaterländischer Lektüre, Zeitungen mit zubereitetem Text. Wir sind ja alle zusammen nur Vieh für jene, die an der Macht sitzen.“
„ War das schon immer ihre Auffassung?“
„ Nein, nicht immer. Im bürgerlichen Beruf bin ich Stadtbaumeister, bekam also durch meine Arbeiter allerlei mit dem Sozialismus zu tun, doch nicht im guten Sinne. Er zeigte sich mir zum ersten Male sympathisch, als der Krieg ausbrach und die Arbeiter so bereitwillig mit in die Schützengräben zogen. Trotz ihrer Erziehung zum internationalen Denken glaubten sie ja ebenso wie wir an das Schlagwort, dass das Vaterland und unsere schwer erworbene Kultur in Gefahr sei. Wir glaubten in guter Eintracht, dass wir gegen die Reaktion zogen, dass wir Freischaren waren im Dienste des Fortschrittes und der Entwicklung. Und es tat gut zu sehen, wie vorbehaltlos sich der Arbeiter dem internationalen Einfluss zum Trotz, einem großen Heiligen- dem Vaterland hingab. Seitdem haben wir gemeinsam gelernt, wessen Geschäfte wir besorgten, die der Reaktion. Wir waren das Schlachtvieh des Kapitals und opferten Leib und Leben für die Mächte, die uns übelwollen.
Sie mögen mir glauben, der Krieg desillusioniert. Er sollte ja die große Belastungsprobe für die Idee sein, die man die größte und erhabenste von allen genannt hat- die nationale, die Probe auf Fähigkeit und Willen jedes einzelnen, sich für das große Gemeinwesen zu opfern, für das Vaterland. Aber was tut der Krieg? – Er entlarvt alles, was die nationale Idee angeht, als Phrasen. Selbst Deutschland, das Land, das sich am stärksten auf das Nationale stürzte, auf die selbstlose Aufopferung des einzelnen, zeigte, das es nicht als Einheit existierte, als es darauf ankam. Ganz gemeiner Klassenegoismus setzte den Krieg in Gang, und führte ihn – mit Hilfe der gutgläubigen Massen.
Als Offizier habe ich reiche Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie der Krieg den Interessenten eines einzelnen Standes dient und in Wirklichkeit gegen das Volk geführt wird, also gegen das Vaterland. Immer wird sorgfältig darauf geachtet, das ein Sieg über den Feind nicht auch ein Sieg des Volkes wird.
Als denkendes Wesen konnte man nicht umhin, zu sehen, dass das Vaterland nur als Agitationsphrase existiert. Unter den Führern gab es welche, und es waren besonders die Vertreter der Junker, die geradezu den Nutzen des Krieges darin sahen, dass dem einfachen Volk Blut abgezapft , das es zur Ader gelassen wurde.
Es war ihnen zu aufsässig geworden, zu sozialistisch! Andere – aus der neuen industriellen Oberklasse – betrachteten den Krieg ganz einfach als einen Kampf um Absatzmärkte, um Profit. Nur der einfache Mann, auf dem ja alles lastete, ging drauflos in dem Glauben, dass er für das Vaterland kämpfte
Da verstand ich, wieviel größer die Gesellschaftsauffassung war, die er aufgab, um in die Schützengräben zu springen, seine internationale Auffassung aller Menschen als gleichberechtigter Bruder, und wie traurig er war, das er diese Anschauung im Stich lassen musste. Und da tauchte der Gedanke in mir auf, ob nicht der ganze Apparat des Vaterlandskults in Schule und Literatur denselben Zweck hatte wie die patriotische Agitation während des Krieges – sein proletarisches Gefühl wieder zu ersticken, die Massen niederzuhalten.
„ Sie meinen also: Wie man früher durch die Kirche die religiösen Gefühle des Volkes ausgenutzt hat, um seine Aufmerksamkeit von seinen Lebensinteressen abzulenken, benutzt man jetzt auf gleiche Weise das Vaterland?“
Er sah mich verwundert an. „ Glauben Sie, dass das die Aufgabe der Kirche gewesen ist?“
Ja, die wesentliche. Wenn einmal die wirkliche Kulturgeschichte der Menschheit geschrieben wird, wird der durchgängige rote Faden eine Schilderung sein, wie die Herrschenden die guten Eigenschaften der Völker ausnutzen – ihren Glauben, ihren Idealismus, ihre Opferwilligkeit -, um sie niederzuhalten.
Die Medizinmänner bilden die erste Gruppe Sklavenwächter, die wir in der Geschichte antreffen, die Priester die nächste. Jahrhunderte hindurch ist die Kirche mit ihrer Belohnung und ihrer Strafe, mit Himmel und Hölle, die eigentliche Polizeimacht des herrschenden Systems gewesen. Mit ihrer allumfassenden Organisation, ihrer Kontrolle jedes einzelnen von der Wiege bis zum Grabe, ihrem Einhämmern derselben Lehrsätze gleichzeitig von allen Kanzeln, hält sie das Volk in Zucht, Gefängnisse und Gerichte sind ja nur für für die Ausnahmen berechnet, für die allzu Widerspenstigen; auf ein ganzes Volk lassen sie sich nicht anwenden. – Aber es kam der Tag, an dem die Kirche ihre Macht über die Gemüter verlor.
„ Und so musste man etwas Neues erfinden, meinen Sie?“
„ Ja. Zuerst versucht man, ihren begreiflichen Haß gegen das, was ihnen den Weg vorwärts versperrt hat, auszunutzen, um sie noch einmal zurückzuhalten. Man hetzt sie auf die Kirche – das ist die Ära der Freidenker. Nach und nach entdecken die Massen die Fruchtlosigkeit dieses Kampfes, sie haben ihre eigenen Forderungen an das Dasein und wollen sie hier auf Erden erfüllt sehen -, und dann –
,--macht man ihnen vor, dass das Vaterland jenes Paradies ist, von dem sie geträumt haben. Ich habe mich oft darüber gewundert, dass der Patriotismus, so jung er ist, so berauschend wirken konnte. Er hat die religiösen Elemente in uns in seine Dienste genommen, meinen Sie? Ja, man muss ihnen auf alle Fälle zugeben, dass der Patriotismus gut in diese Entwicklung passt! Beide Faktoren, Kirche und Vaterland gehen – das ist überzeugend – auf dasselbe hinaus: den gemeinen Mann abzustumpfen, ihn in Ruhe zu wiegen und ihn in einen hypnotischen Zustand blinden selbstlosen Opferwillens zu versetzen; von oben betrachtet man Kirche und Vaterland als Verdummungsfaktoren, nur für die große Masse berechnet. Das ist schon richtig. Er saß und nickte nachdenklich vor sich hin.
Über all dieses habe ich niemals nachgedacht, ehe ich an die Front kommandiert wurde, sagt er bald darauf. Aber der Krieg lehrt denken. Nun verstehe ich, warum eine so einfache und selbstverständliche Sache wie die Erkenntnis, dass jenseits der Grenze und innerhalb der anderen Religionen und Rassen auch Menschen wohnen, dem erwachenden Proletariat vorbehalten war.
Religionshaß und Nationalhaß und Rassenhaß sind Appelle an Krähwinkel in uns, Verdummungsmittel, dazu bestimmt, den massiven Aufstand der Menschheit niederzuhalten. Draußen wurde rücksichtslos an das alles zusammen appelliert, um uns zum Angriff zu hetzten, mit dem Erfolg, dass nicht nur der Proletarier, sondern auch der eine oder andere von uns – diejenigen, die menschlich denken konnten – Aufruhr machte.
„ Denken viele Offiziere so wie Sie?“
Unter den Reserveoffizieren der eine oder andere, kaum unter den eigentlichen Offizieren. Für sie ist der Krieg ein Beruf mit ziemlich großem Arbeitsrisiko – das ist die Prämie, die sie als Söhne des Systems bezahlen müssen, der Klasse ihre Vorrechte zu sichern. Was ich denke, hat nur Bedeutung für mich selbst. Aber ich glaube, dass die vielen draußen in den Schützengräben etwas Neues vorbereiten. Man hat sie gezwungen, ihre Hände allzu tief in das Blut ihrer Brüder zu tauchen, und nun erwacht der Mensch in ihnen. Beachten Sie doch, das niemand von uns mehr diejenigen zu hassen vermag, die man unsere Feinde nennt. Mit dem Vaterlandsgefühl hat der Krieg endgültig Schluß gemacht, denke ich – und die, die ihm lebend entrinnen -?“
Ich sah ihn fragend an.
„ Ich glaube, die haben mit der alten Weltordnung einiges abzurechnen. Ist der Mensch erst wach, ist schwerlich noch Raum für all das andere, womit unsere Gesellschaft behaftet ist. Mit den Patrioten sind wir gründlich fertig, die überwiegende Mehrzahl von uns. Meine Leute werfen die Waffen weg und fliehen, einer nach dem anderen. Sie haben entdeckt, dass der Feind nicht ihnen gegenüber in der anderen Kampffront liegt, sondern zu Hause zu suchen, Tür an Tür mit ihnen selbst.
Was kann man dazu sagen? Man sollte sie niederschießen, aber man kann es nicht. Sie haben ja recht!“

Schlusswort des Einstellers. In Gedanken sah ich einen jungen Offizier der Bundeswehr, er saß mir gegenüber in einem ICE, ich war auf dem Weg zum nächsten Forumtreffen und er auf dem Weg zu seiner Einheit irgendwo in Niedersachsen. Die bundesdeutschen Medien ließen sich gerade über die Guerilliataktik der Taliban aus, die doch so hinterhältig und…… Er erzählte vom letzten Einsatz in Afhganistan und ich formulierte meine erste Frage, die in etwa so lautete: „Wie sind die Taliban?“

Gruß und einen ruhigen Sonntag allen von Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.945


14.07.2009 18:36
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, am 20. Juli jährt sich zum 65. Mal das Gedenken an die Opfer des Staatsstreiches gegen Adolf Hitler. Aus dem Buch Belastet – Meine Eltern im dritten Reich / Gespräche mit den Kindern von Tätern, von Gerald Posner / Deutsch von Manfred Schmitz / Verlag Das Neue Berlin 1994 aus dem Kapitel 8 / Erzählung in 6 Teilen. Entgegen dem ursprünglichen Anliegen dieses Treads, Bücher aus Ost – und West zwischen 1949-1989 bzw. Texte daraus einzustellen, ist es neueren Datums. Aber egal.

Operation Walküre

Einen Putsch gegen die Naziführung hatte der deutsche Widerstand für den März 1943 geplant. Einzelheiten der Revolte waren von zwei deutschen Generalen festgelegt worden: Nach Hitlers Ermordung sollte die Wehrmacht bereitstehen, um den Widerstand der Nazis zu brechen, die Regierungsgewalt zu übernehmen und einen Friedensvertrag mit den Alliierten zu schließen. Entscheidend war jedoch Hitlers Tod – keine leichte Aufgabe. Umgeben von einer Eliteleibwache der SS, änderte Hitler unentwegt seinen Zeitplan, um jede denkbare Falle zu meiden. Seit 1942 hatte man ihn nicht öffentlich gesehen, und nur die vertrautesten höchsten Offiziere hatten Zugang zu ihm. Selbst seine übergroße Mütze war mit dreieinhalb Pfund Stahlplatten ausgekleidet.
Die Verschwörer entschlössen sich, im Flugzeug des Führers eine Bombe zu legen. Der Vorteil bestand darin, dass die Explosion wie ein Unfall aussehen würde, so das es kein Aufbegehren von Seiten der starren Hitleranhänger geben dürfte. Die Entscheidung war perfekt, nachdem die Verschwörer mehrere neuartige britische Bomben erstanden hatten. Eine benutzte man 1942 zur Ermordung Reinhard Heydrichs, des für die Endlösung zuständigen SS – Offiziers. Die englischen Sprengkörper galten als den deutschen überlegen, weil sie nach dem Entsichern keinen Pfeiflaut von sich gaben.
Zwei Sprengstoffpakete wurden als Weinbrandflaschen getarnt, und ein unverdächtiger Oberst nahm sie am 13. März 1943 mit an Bord des Führerflugzeuges. Als man dem Oberst die Bombe überreichte, griff ein Verschwörer in das kleine Paket und löste den Zeitmechanismus aus. Das war keine Uhr. Zu der raffinierten Konstruktion gehörte ein Fläschchen, das beim Zerbrechen eine Chemikalie freisetzte, die einen Draht durchfraß, was wiederum die entscheidende Feder der Zündkapsel entspannte. Die Explosion erwartete man eine halbe Stunde nach dem Start. Nach zwei Stunden vernahmen die verdutzten Verschwörer, dass Hitler sicher in Rastenburg gelandet sei. Die Bombe wurde nicht entdeckt, und zwei Tage später gelang es einem der Aufrührer unter hohem persönlichen Risiko, sie sicherzustellen. Der Draht hatte sich aufgelöst, doch war der Zünder nicht aktiviert worden. Die Verschwörer fürchteten, Himmlers SS sei ihnen auf der Spur und könnte die Bemühungen vieler Jahre zunichte machen; sie änderten unverzüglich alle Pläne, um ein neues Attentat auf Hitler vorzubereiten. Acht Tage darauf, als Hitler, Göring und Himmler an einer Feierstunde für deutsche Kriegshelden teilnahmen, bot sich die Gelegenheit. Nach einer Ansprache sollte Hitler eine halbe Stunde lang erbeutete russische Kriegstrophäen besichtigen. Ein am Komplott beteiligter Oberst hatte sich zu einer selbstmörderischen Aktion verpflichtet: Er plante, zwei Bomben unter seinem Mantel zu verstecken und sich dann dicht an den Führer zu halten, bis sie explodierten. Der Zündmechanismus der Bomben war auf zehn Minuten eingestellt, doch in Folge der an jenem Tag herrschenden Kälte brauchte die Flüssigkeit fünfzehn bis zwanzig Minuten, um den Draht durchzufressen.
Im letzten Augenblick änderte Hitler seine Pläne und beschränkte sich auf eine achtminütige Besichtigung. Die Bomben konnten nicht scharf gemacht werden.
1943 gab es noch drei „ Mantelaktionen“, und jede scheiterte auf ähnliche Weise. Bei drei weiteren Gelegenheiten versuchte man vergeblich, in Stabsbesprechungen Bombenanschläge auf den Führer zu übernehmen. Stets änderte Hitler in den letzten Minuten seinen Zeitplan. Im späten 1943 befand sich die Verschwörung in der Defensive; mehrere Rebellen aus dem inneren Kreis wurden von der Gestapo verhaftet. Zwei prominente Feldmarschälle, die der Widerstand hofiert hatte, versicherten Hitler ihre Treue und Ergebenheit und trugen so zur weiteren Demoralisierung der Bewegung bei. Die Verschwörer hatten viel von ihrer Hingabe und Beherztheit eingebüßt. Sie schienen desorganisiert und unfähig, einen weiteren, erfolgreichen Versuch zu unternehmen, den Makel des Nationalsozialismus zu tilgen. Im Herbst 1943 sollte ein Mann beinahe im Alleingang diese trostlose Situation verändern: Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Als erstaunlich begabter sechsunddreißigjähriger Wehrmachtsoffizier setzte er seine dynamische Persönlichkeit, seinen Scharfsinn und sein bemerkenswertes Organisationstalent ein, um die Anti – Hitler – Bewegung zu neuem Leben zu erwecken. Nicht nur, das er den nachlassenden Bemühungen zur Eliminierung des Führers neue Kraft verlieh, er war es auch, der noch vor Ablauf eines Jahres den eigentlichen Tötungsversuch unternahm. Zu Recht steht sein Name heute symbolisch für die Anti- Hitler- Bewegung.
Stauffenberg hatte fünf Kinder. Franz Ludwig Schenk, geboren am 4. Mai 1938 , war das dritte. Wie seine Geschwister und sein Vater trägt er den Grafentitel. Mit vierunddreißig Jahren wählte man ihn in den Bundestag, heute ist er Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Vorsitzender von dessen Rechtsausschuß. Er erinnert sich genau an die Ereignisse während des Krieges und hat sich eingehend mit der Rolle seines Vaters in der Anti. Hitler- Bewegung beschäftigt. Analysiert hat er auch seine eigenen Gefühle als Sohn eines deutschen Offizier, der seine Berühmtheit nicht durch das erwarb, was er für das Dritte Reich tat, sondern damit, was er tat, um ihm ein Ende zu bereiten. Seine Erfahrungen stehen in deutlichem Gegensatz zu denen der Kinder von Vätern, deren Laufbahn sich auf die Treue zum Führer gründete.
Claus Philipp Schenk von Stauffenberg wurde am 15. November 1907 als jüngster dreier Söhne einer der ältesten und vornehmsten süddeutschen Familien geboren. Durch seine Mutter, Gräfin von Uxküll- Gyllenband, war er ein Urenkel Neithardts von Gneisenau, eines der Helden des napoleonischen Befreiungskrieges und Mitbegründer des preußischen Generalstabs. Über sie bestehen auch verwandtschaftliche Beziehungen zu Yorck von Wartenberg, einem weiteren gefeierten General aus der Ära Bonapartes. Claus Vater war beim letzten württembergischen König Oberhofmarschall gewesen. Die Familie gilt als zutiefst katholisch und höchst gebildet.
Stauffenberg wuchs in einem großen, mit Türmen verzierten Renaissanceschloß auf, einem traditionsreichen gräflichen und herzoglichen Sitz. Von auffallend schönen Äußeren und guter Statur, tat er sich sowohl in akademischen als auch in sportlichen Disziplinen hervor. Er entwickelte eine Leidenschaft für Pferde, die ihn für einen Platz in der Olympiamannschaft qualifizierte. Er bewies einen ebenso wissbegierigen wie klugen auf Kunst und Literatur gerichteten Geist und sprach fließend Griechisch und Latein.
„Mein Vater wuchs in einer Umgebung auf, die stets von humanistisch –liberalem Gedankengut geprägt war“, sagt Franz Ludwig. „ Ich meine nicht liberal im amerikanischen, sondern im kontinentaleuropäischen Sinne. Es war das Stuttgarter Umfeld mit vielen Professoren und Literaten, mit Philosophen und so weiter. Sie bot meinem Vater eine ganz besondere Mischung, die, glaube ich, ziemlich wichtig für sein Denken und auch für sein Verhältnis zur katholischen Kirche war.
Es stimmt wirklich, dass mein Vater von Stefan George beeinflusst war. Er war sehr stark von ihm beeinflusst, und das bildete einen ganz wichtigen Teil seines Lebens. In seine frühen Erfahrungen des Erwachsenwerden gingen Georges Werke ein. Ich denke aber auch, dass das Ausmaß des Einflusses Georges in vielen Berichten über meinen Vater übertrieben wird. Er bildete einen ganz bedeutsamen Bestandteil seines Lebens, ist aber nicht die Erklärung für sein gesamtes Tun. Er bedeutete nicht den hauptsächlichen, sondern lediglich einen wichtigen Einfluß in seinem Leben.“
Eine Weile lang dachte der junge Stauffenberg an eine musikalische Laufbahn, dann interessierte er sich für Architektur; doch 1926, im Alter von neunzehn Jahren meldete er sich zu den Offizierskadetten beim berühmten Bamberger Kavallerie- Regiment 17.
In den hektischen Jahren des wirtschaftlichen Chaos in Deutschland und des Aufstieges der Nazis zur Macht blieb Stauffenberg ein unpolitischer Offizier. Im Jahre 1930 begegnete er der siebzehnjährigen, einem alten bayrischen Adelsgeschlecht entstammenden Nina von Lerchenfeld. Nach dreijähriger Verlobung heirateten sie. „ Es steht völlig außer Zweifel, dass sie eine sehr gute Ehe führten“ sagt Franz Ludwig. „ Auch sie kam aus einer angesehenen Familie, mit ähnlichen Bindungen und familiären Hintergrund wie mein Vater. Nur eins: Mein Vater war katholisch, meine Mutter lutheranisch. Andererseits war auch die Mutter meines Vaters bereits lutheranisch, so das ihm das nicht völlig fremd oder unbekannt vorkommen musste. Die Kinder wurden im katholischen Glauben erzogen. In Familien wie der meinen galt das als Tradition.
Die Religion folgte der väterlichen Seite, dem Namen, der Familientradition.“
Im Jahre 1936, als Stauffenberg an die Heeresschule in Berlin abkommandiert wurde, hatten er und seine Frau bereits eine Familie gegründet; ihr erster Sohn wurde 1934 geboren. In Berlin erregte Stauffenbergs umfassende Bildung die Aufmerksamkeit hochrangiger deutscher Offiziere, und so sah man ihn zwei Jahre später, im Alter von neunundzwanzig Jahren, als Offizier beim Oberkommando. Er war ein treuer Patriot und, mit Franz Ludwigs Worten, „ im Grunde ein Monarchist. Er war nicht dogmatisch. In der Monarchie sah er einen besseren Verfassungstyp als den der Weimarer Republik.

Gruß Rainer- Maria

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