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 Das Leben an und mit der Innerdeutschen Grenze
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Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.937


31.05.2009 10:45
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, heute ist wieder ein wunderschöner Sonntag , nachfolgend eine Geschichte von Hermann Kant, ich widme sie meinem amerikanischen Freund Captn Delta, dem, dem ich gestern aufrichtig die starke deutsche Arbeiterhand im Thema Zitate- Verordnungen- Anmerkungen entgegenstreckte und der mir gleich mit der Knute des Fabrikantenenkel darauf schlug, Mensch Delta, das tat schon weh. Hattest du ein Glück, das ich die alte Sense von meinem Großvater ordentlich verschlossen im Wirtschaftsraum aufbewahre…. Es wäre auch schade um dich als wunderbaren Übersetzer gewesen, nur gut, das meine Frau den Schlüssel verlegt hatte.. Dabei war dein alter Herr ein gerechter Mann im Gegensatz zu dem Junker auf der Zeichnung, die ich zitiert habe.
Aber so kommt es, wenn sich Texte überschneiden und es sagt mir, das doch keiner so richtig aus seiner Haut kann und kommt. Immer ist da diese Familie, in die man hinein geboren wurde, nackt und unbedarft hineingeboren wurde, diese verflixte Blutlinie oder sollte sich das doch überlebt haben.?
Den wie hatte Marion in der Geschichte „Verrat“, eingestellt im Thema Weiterführung Disk. BRD- DDR am 10.05.2009 schon richtig bemerkt: „ Ich glaube, vieles wird durch die Umwelt, in der man aufwächst gesteuert“…..
Aus Texte für den Literaturunterricht in der Berufsschule / Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1978 die Geschichte von Hermann Kant
Ein paar Leute aus Parchim, DDR


Ein Kursant der Volksarmee- Offiziersschule in Plauen fragte mich, warum in den meinen Büchern angefügten biographischen Notizen jeglicher Hinweis auf die Stadt Parchim fehle, von Hamburg sei die Rede, auch von Greifswald und Berlin, doch nicht mit einem Wort Parchim – aber schließlich hätte ich dort doch einmal gelebt, nicht wahr?
Er fragte es etwas indigniert, den er war, wie sich vielleicht denken lässt, aus Parchim. Nun scheint es mir zwar nach wie vor nicht so sehr mitteilenswert zu sein, wo ich wann gelebt habe, aber Parchim, glaube ich, Parchim in Mecklenburg, Parchim in der DDR, ist durchaus der Rede wert.
Eine Stadt ist vor allem das, was ihre Bürger aus ihnen machen, aber zugleich erhellt das Wesen einer Stadt aus dem, was sie aus ihren Söhnen macht.
Ich will von einigen dieser Söhne erzählen; nichts Sensationelles, eher sehr Normales, und gerade darum vielleicht doch Sensationelles.
Als ich in Parchim wohnte – das war während des Krieges -, lebte die Stadt vom Ruf eines einzigen, und der war, wer wundert sich, Militär.
Vom größten Platz bis zur größten Apotheke hieß alles nach dem Grafen von Moltke, dem Generalstabschef des Königs von Preußen. Über den Herrn wäre manches zu sagen, aber hier genügt die Erinnerung, dass er der Erfinder einer militärischen Praxis war, die mit dem Wort „ Getrennt marschieren, vereint schlagen“ bezeichnet wird. Auf das Halbdutzend Parchimer Nachbarsjungen, von dem ich sprechen will, kam nur noch die Hälfte dieser Parole in Anwendung. Wir marschierten in den letzten Kriegsjahren getrennt in die Schlacht, und vereint wurden wir geschlagen. Wir hatten unerhörtes Glück, den von sechsen kamen fünfe wieder, und zwar in eine Stadt, in der man nun von Herrn Moltke nicht mehr so viel wissen wollte. Einer fiel in Pommern. Einer war, bevor er Soldat wurde, Schlosser im Gaswerk, der ging dann nach Düsseldorf, und da ist er nun Schlosser in einem Gaswerk.
Einer war Flugzeugschlosser; der blieb, und nun ist er Oberst bei der Nationalen Volksarmee. Ich weiß nicht, was er von Moltke hält, aber dass er – im Gegensatz zu jenem – weder auf die Eroberung von Böhmen noch auf die von Paris aus ist, weiß ich gewiss. Denn, ich sagte es wohl, er ist bei der Volksarmee.
Der nächste war ein Gymnasiast, und wenn die Verhältnisse geblieben wären, wie sie es waren zu unserer Zeit in Parchim, dann wäre er womöglich nicht viel anders als sein Vater geworden, der ein bedeutender Direktor und ein ziemlich strammer Nazi war. Doch siehe, vor einer Woche erst las ich den Namen dieses Parchimers, diese heutigen Parchimers, in der Zeitung: Er hat sich um das Volkskunstschaffen verdient gemacht und bei den Arbeiterfestspielen in Dresden eine Silbermedaille bekommen.
Moltke hatte nur den Pour le merite.
Die beiden letzten aus dem Parchimer Halbdutzend leben heute in Berlin .Der eine arbeitet im Zentralkomitee der SED, der andere ist Schriftsteller. Beide waren sie einmal, vor jenem 8. Mai, Elektriker in Parchim an der Elde, und zwar bei ein und demselben Meister, dessen gesamtes Personal aus diesen beiden bestand. Der Schriftsteller war der Geselle, der Ökonom war der Lehrling.
Wir haben beide, wie ich mich erinnere, wilde Pläne geschmiedet, während wir Herrn von der Oelsnitz’ Dreschmaschinen reparierten; wir äußerten verwegene Absichten, während wir Herrn von Harz vom Kurz- schluss befreiten – dem in der elektrischen Anlage, meine ich - , ich glaube gar, wir träumten davon, einmal Elektromeister zu werden.
Aber das neue Parchim, das Parchim in der Deutschen Demokratischen Republik, kam uns dazwischen, es änderte vier von sechs Lebensläufen auf kaum fassbare Weise.
Nur vier von sechs, den dem einen von uns nahm der Krieg das Leben und der andere glaubte, weit westlich von Parchim ein besseres zu finden.
Sechs Parchimer Jungen ergeben noch keine Statistik? Ich wollte auch auf keine Statistik hinaus. Ich wollte nur das Wort „ demokratisch“ in unserer Staatsbezeichnung ein wenig erläutern. Und sagen möchte ich noch, dass die Demokratisierung nicht einmal vor den Sprüchen jenes ehemaligen Ober- Parchimers, des Feldmarschalls von Moltke, haltmachte:
„ Getrennt marschieren“ – einer kommandiert Piloten der Volksarmee, die den Frieden sichert; einer hilft den Kindern, das Schöne im Leben zu sehen und abzubilden; einer plagte sich mit der Ökonomie herum, ohne die man weder fliegen noch malen kann, und einer schreibt Bücher, an denen die Flieger und Maler und Ökonomen ihren Spass haben sollen.
Und vereint schlagen wir uns für die eine Sache, die Sozialismus heißt und Deutsche Demokratische Republik, und deshalb, glaube ich, durfte hier die Rede sein von ein paar Leuten aus Parchim – Parchim, ehemals Großherzogtum Mecklenburg – Schwerin, heute Parchim, DDR.

Einen schönen Sonntag allen von Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.937


01.06.2009 11:18
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, heute, zum Kindertag eine Geschichte für die Kleinen. Ich hoffe, die Eltern rücken mal ein Stück und lassen die Knirpse vor den PC und wenn es nötig sein sollte, erklären sie hinterher ihrem Spross noch ein wenig
Aus einem Lesebuch für das dritte Schuljahr / DDR Ausgabe 1959 die Geschichte
Der Edelmann und der Bauer


Es war einmal ein Edelmann, der hatte viele Pferde, und darunter waren zwei Schimmel. Und es war einmal ein Bauer, der hatte bloß zwei Schimmel.
Nun wollte der Edelmann alle vier Schimmel haben, und der Bauer hätte so gern auch alle vier Schimmel besessen, weil er sie nötig brauchte.
Darum gingen sie miteinander eine Wette ein: Sie wollten sich etwas erzählen, und wer da sagte: „Das ist gelogen“, der sollte seine beiden Schimmel dem anderen geben.
Nun ging das Erzählen los. Zuerst erzählte der Edelmann: „ Ich habe auf meinem Feld Rüben gehabt. Dabei war eine so groß, das sieben Mann sie zum Wagen tragen mussten.“
„Oha,“ sagte der Bauer, „das war aber eine Rübe!“
„ Die Rübe wurde nun nach Hause gefahren ,“erzählte der Edelmann weiter, „ und abgeladen. Auf dem Hof war aber eine Sau, die hat immer davon gefressen. Eines Tages war die Sau verschwunden, und alle suchten sie immerzu. Zuletzt haben sie die Sau doch gefunden. Sie saß mit vierzehn Ferkeln in der Rübe. So weit hatte sie sich in die Rübe hineingefressen.“
„ Oha“, sagte der Bauer, „ das war aber eine Rübe!“
Jetzt kam der Bauer an die Reihe.
Er erzählte: „Mir hat geträumt, ich bin gestorben und in den Himmel gekommen. Da saß links die Mutter vom Edelmann und hütete Gänse, und rechts davon saß der Vater vom Edelmann und hütete Schweine.“
„ Das ist gelogen!“ rief der Edelmann.
„ Ja“, sagte der Bauer, „ gelogen sollte es auch sein. Alle vier Schimmel sind mein!“


Der Edelmann war wütend, das der Bauer alle vier Schimmel bekommen hatte. Er überlegte hin und her, wie er dem Bauern schaden könnte. Eines Tages ging der Edelmann in den Wald zur Jagd. Da sprang ein Hase vor ihm auf, und der Edelmann schoss hinter ihm her. Der Hase rannte aber weiter und lief auf die Koppel, wo der Bauer harkte, und kam geradewegs auf den Bauern zu.
Da nahm der Bauer seinen Harkenstiel und legte so auf den Hasen an, als wenn er ihn totschießen wollte. Und bauz! fiel der Hase vor ihm hin und war tot.
Der Bauer meinte, dass er ihn totgeschossen hätte. Er nahm seinen Harkenstiel, beguckte ihn von hinten und vorn und sagte: „ Teufel! Das hätte ich nicht gedacht, das der so schießen kann.“ Nun kam der Edelmann schimpfend auf den Bauern zu und drohte ihm: „ Du hast meinen Hasen totgeschossen! Dafür sollst du Prügel haben! Morgen kommst du aufs Schloß!“
Als der Bauer am anderen Morgen ins Schloß ging, kam er durch einen Seitengang. Dort hingen Würste und lange Speckseiten. Da nahm er rasch eine Seite Speck herunter und steckte sie sich auf seinen Buckel unter den Kittel. Und dann ging er dahin, wo er seine Prügel bekommen sollte.
Als er nun wieder herauskam lauerte der Edelmann schon auf ihn und freute sich.
Da sah er, dass der Bauer einen so dicken Buckel hatte. Er meinte, der wäre vom Prügeln angeschwollen, und sagte darum zu ihm: „ Na, hast du nun genug?“
„ Ja“, sagte der Bauer. „ Ich habe so viel, dass ich, meine Frau und meine Kinder davon vier Wochen leben können.“
Der Edelmann meinte die Prügel, und der Bauer meinte den Speck.

Volkserzählung

Ich hoffe, sie hat euch Knirpsen gefallen, meine kleine Geschichte.

Einen schönen Gruß noch vom Onkel Rainer- Maria

CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.818


01.06.2009 13:40
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Hallo alle zusammen, heute ist wieder ein wunderschöner Sonntag , nachfolgend eine Geschichte von Hermann Kant, ich widme sie meinem amerikanischen Freund Captn Delta, dem, dem ich gestern aufrichtig die starke deutsche Arbeiterhand im Thema Zitate- Verordnungen- Anmerkungen entgegenstreckte und der mir gleich mit der Knute des Fabrikantenenkel darauf schlug, Mensch Delta, das tat schon weh. Hattest du ein Glück, das ich die alte Sense von meinem Großvater ordentlich verschlossen im Wirtschaftsraum aufbewahre…. Es wäre auch schade um dich als wunderbaren Übersetzer gewesen, nur gut, das meine Frau den Schlüssel verlegt hatte.. Dabei war dein alter Herr ein gerechter Mann im Gegensatz zu dem Junker auf der Zeichnung, die ich zitiert habe.
Aber so kommt es, wenn sich Texte überschneiden und es sagt mir, das doch keiner so richtig aus seiner Haut kann und kommt. Immer ist da diese Familie, in die man hinein geboren wurde, nackt und unbedarft hineingeboren wurde, diese verflixte Blutlinie oder sollte sich das doch überlebt haben.?
[snip]
Einen schönen Sonntag allen von Rainer- Maria


Hi, Rainer-Maria,
sorry, war mit dem Boot im California Delta unterwegs uebers Wochenende, da draussen ist die Internetverbindung gerade noch zum Lesen gut, allerdings zum Schreiben reichts nicht. Von daher die spaete Antwort, jetzt bin ich wieder da. Allerdings bin ich Dir zeitmaessig sowieso immer 9 Stunden hinterher. Allerdings: ich bin auch einer aus dem stoerrischem, widerspenstigem Bergvolk, ich bin da aufgewachsen, hab da Schnitzen, Drexeln und den (jaemmerlichen) Fussball gelernt, inzwischen wohn' ich halt einfach hier an der Westkueste der USA (und ich glaub' Du wuerdest Dich wundern wieviele von den Ostlern inzwischen hier sind)...

Ich bin mir allerding nicht sicher, was Du meinst wenn ich Dir "gleich mit der Knute des Fabrikantenenkel" komme, weil ich das eben witzigerweise nicht bin: Meine Grosseltern hatten keine Fabrik, und der "Fabrikherr" war einer aus Deiner "Arbeiterklasse": Mein Grossvater, der aus aermlichen Verhaeltnissen kommend, nach Russland marschieren musste. Und dann wurde die Zeit knapp: er hatte da das Maedel aus G...., die mochten sich schon seit der Schule, man wurde einberufen, die Zeit war knapp, also wurde geheiratet.

Also, nochmal wegen der "Knute": Manchmal wirkt halt Geschriebenes einfach haerter als es gemeint ist, deswegen hat Manudave vielleicht auch Deinen Beitrag ueber Hohenstein "als Knute" empfunden und geloescht: Vielleicht war da zu viel 'drin das man falsch verstehen konnte, allerdings, again: Halten wir's doch lieber mit Voltaire: "I disagree with what you say, but I will defend to the death your right to say it".

Intermezzo: Irgendwann muss ich mal die Geschichte meiner zwei Grossvaeter schreiben, es gab die zwei Leute die haetten Zwillinge sein koennen, bis zu dem Tag als sie gerade mal 19 1/2 waren, und gefangen genommen wurden (ungefaehr 400KM apart, aber zu der Zeit schon in unterschiedlichen Welten.)

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Mein Grossvater (ja, der aus der "Arbeiterklasse") hat da die "Fabrik" uebernommen, (gerade von den "Freunden" wieder zurueck, er war total krank). Die "Fabrik" hatte damals 8 Leute. Dann waren da 15 Gute Jahre, es ging bergauf, jeder der da geschafft hat, hat's genossen. Dann waren eben leider 1972 fuenf Leute zuviel in der Firma.

Rainer-Maria, Du musst mir kurz erklaeren warum das so dermassen konterrevolutionaer, junkerisch, und unsozial war, das man 5 Leute (von 15) haette 'rauschmeissen muessen 1972, um den sozialistischen Normen zu entsprechen. Der Laden ist eben ohne die fuenf (extra) Leute einfach nicht gelaufen. Und die Firmenleitung (einfach nur meine Grossmutter zu der Zeit) war einfach mit anderen Sachen beschaeftigt als sich da 'nen neuen Geschaeftsplan auszudenken.

Rainer-Maria, meine Grossmutter hat eben da wiedersprochen, wollte die 5 (von 15) Leuten nicht 'rauschmeissen um der damaligen sozialistischen Kultur Deiner "Arbeiterklasse" zu entsprechen. Irgendwann wars zuviel, und irgendwann war sie dann 'ne zeitlang in Hoheneck. Einfach nur wegen ihrer Loyalitaet zu ihren Arbeitern aus Deiner "Arbeiterklasse", Rainer-Maria.

Rainer-Maria, "zum Glueck" ist mein Grossvater (ja, der kapitalistische Fabrikant, der Kerl aus deiner Arbeiterklasse, der Mann meiner Grossmutter da oben, und ich bin der "Fabrikantenenkel") schon 1968 gestorben, nachdem er in der DDR eine Kur genossen hat und da nur einfach infiziert wurde. Sei froh das Du immer gesund warst, im Sozialismus.

Sorry, ich werd' manchmal eher bitter wenn's um dieses Thema geht. Natuerlich geb' ich Dir da keine Schuld, es war einfach nur ein wirklich armseliges Geselschaftssystem, der Sozialismus in der DDR, der eigentlich nur auf Pump existierte (und mich manchmal an Gegebenheiten hier in California erinnert).

Ausserdem hat da unsere Generation im Osten auch Glueck gehabt: Die Zeit war Anfang der 1960er eingefroren, die allgemeinen gesellschaftlichen Standards blieben aus den 1960ern bestehen: Es gab im Osten keine 68er, Baader-Meinhof, Oel-Krise oder 'Neue-Heimat' Skandale, es gab hoechstens in den 70ern ABBA und Glockenjeans. Das man "den ganzen westlichen Schrott" nicht hatte war dann eher einfach fuer unsere Eltern im Osten zu ueberschauen (nachdem wir mittendrin abgehauen sind, wars nicht so einfach fuer meine Eltern).

Als die Wende kam, war eben die lange Zeit da man im Osten zeitlich auf "Pump" gelebt hatte, schlagartig vorbei. Und dann wollte man auch noch die Waehrung 1:1 ....

So, ich hoffe Du verstehst mich nicht falsch, Rainer-Maria: Wenn immer ich mit meiner Schwester uber unsere jungen Jahre im Osten reden kommen uns beiden die Traenen, weil's fuer einfach genial einfach und ausserdem genial schoen war.
Spaeter, nachdem wir beide in unseren 'Teens und im Westen waren, muss ich eben auch sagen das die 80er von der Westseite her einfach um laengen besser waren, jeder der das verpasst hat: Sorry (kuck mal "Irgendwo und Sowieso" wenn's irgendwo kommt)
Vor allem auch weil wir Chancen gehabt (und genutzt) haben, die wir im Osten nie gehabt haetten. Und glaub' ja 'net das es so einfach war, als Teenagers Anfang der 80er irgendwo in Bayern aufzuschlagen.

So, also mal auf die Literatur zu kommen, ehrlich gesagt halt ich vom Kant nix', der war einfach nur ein Funktionaer (und das manchmal genial, wie z.B. bei der Biermann Ausbuergerung), der hat einigermassen schriftstellermaessiges Talent gehabt, hat das allerdings gegen 'nen gut gepolsterten Sessel im ZK getauscht. Sorry, von daher ist der bei mir unten durch, vor allem weil es eben in der DDR bessere Talente gegeben hat.

Die Geschichte mit dem Lokfuehrer war gut, meistens zumindest. Da waren ein paar Sachen drin, da weis man einfach da hat der Parteisekretaer oder der Zensierer oder das MfS oder weisichwas mit 'reingepfuscht, das waren allerdings meistens nur ein paar Zeilen, der Rest war stimmig. Allerdings, es gibt da anscheinend auch 'ne wirklich gute Lokfuehrergeschichte ueber Harry Deterling, vielleicht kannst Du das mal mit 'reinstellen.

Nix fuer Ungut,
-Th

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"We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness."

Rainer-Maria-Rohloff Offline


Beiträge: 1.937


03.06.2009 09:38
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Captn Delta, wo fange ich am besten an, vielleicht bei den privaten Kleinstbetrieben zu Zeiten des Sozialismus, wo diese Höchstzahl der Beschäftigten gesetzlich vorgeschrieben war oder wurde. Aus eigenem Erleben, darüber hatte ich hier auch schon einmal einen Text eingestellt kann ich bestätigen, das mein damaliger Arbeitgeber Mitte der 80er Jahre einen Handwerksbetrieb mit maximal zehn Beschäftigten betreiben durfte. Eine Bilanzierung zum Jahresanfang war notwendig, über das Material, was im Laufe dieses Kalenderjahres verbaut wurde, ja und eben diese Begrenzung an Leuten. Das war auch so ein Quatsch weil keiner genau sagen konnte, wie die Auftragslage sich entwickelt. Zur Not musste er sich halt wieder verkleinern, an Leuten. Das war übrigens sehr unkompliziert. Weiß der Teufel, was die obersten Zehntausend damit bezweckt haben, vielleicht sollte der kleine private Handwerker nicht zum Multimillionär mutieren den die Arbeit war da, wie in der Ernte und nicht zu knapp, das kann ich bestätigen weil meine Lohntüte immer so gut gefüllt war. Aber mein Chef war ein schlauer Mann und ich nehme einmal an, tausende andere kleine Privatleute auch, es war dieses Prinzip des Geben und Nehmen, kenne die richtigen Leute im VEB ( Volkseigener Betrieb) und Sie dich.. Deine Großmutter mit dem gerechten Herz konnte das bestimmt bestätigen, bis ihr so ein paar dumme Betonköpfe das Leben richtig schwer machten.
Aber ohne dir gleich zu widersprechen was das „ wirklich armselige Gesellschaftssystem“ des Sozialismus in der DDR angeht und es dich an Gegebenheiten in California erinnert. Da muss ich sagen, und ich denke nicht falsch zu liegen, „ es gibt einen sehr großen Unterschied zwischen Mangel und Armut,“ so hatte es einmal ein westdeutscher Journalist formuliert, als man ihn auf eine seiner vielen Reisen nach Kuba ansprach, oder erinnerst du dich in deiner Jugend in der DDR an Bettler, oder Leuten die auf dem Abluftschacht der Kaufhäuser schliefen, Suppenküchen, Obdachlosen und Junkies und vielen Schmutz mehr, den die heutige Gesellschaft geradezu gebiert und noch weiter gebären wird. Also ich nicht, aber es kann natürlich sein, das du etwas Anderes gemeint hast.
Das Aufwachsen ohne diesen ganzen Schrott, da hast du Recht, er wurde von uns ferngehalten, gut ferngehalten auch mit Hilfe dieser Grenze, so müsste man ergänzen und wir sind halt etwas unbedarft groß geworden aber im Schnelllebenskursus, praktisch mit dem Nudelholz, ist dieses nach 1989 nachgeholt worden was dann auch nicht jeder verkraftet hat.
Aber es ist der Mensch, er ist stark, schwach, sensibel, wehleidig und Himmel hoch jauchzend, manchmal auch zu Tode betrübt Und der Mensch wollte es ja so, also „ keine Schmerzen, keine Schmerzen“ oder wie hatte einer meiner Lieblingsschauspieler in Rocky, diesem Kultboxerfilm immer unter dem Mundschutz gemurmelt, wenn sie ihm so richtig eine rein gehauen haben.
Es freut mich, das dir der Lokführer Steckel gefallen hatte. Für Kant, da finde ich mal eine andere Geschichte, vielleicht eine über die Gründerzeit in den USA den da sind auch schon viele Ossis im Zuge dieser ersten Auswanderungswelle ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten ausgereist. Gut, da gab es noch einige, die zur Katharina der Großen gingen und heute fast alle wieder zurück sind. Wie hatte mein Nachbar einmal so schön gesagt, als wir bei einem guten sächsischen Birnenschnaps beisammen saßen: „ Sie waren die Stärksten der Starken, die Edlen der Edelsten.“ Nun werden manche fragen: Und wer blieb dann hier? Und genau derselbe Einwand kam von mir an diesem Abend. Dumme Frage, meinte er, na die Klügsten der Klugen, die Standhaftesten der Standhaften!

Gruß Rainer- Maria und vergiss die Knute, war ein Scherz, ein Arbeiterscherz.

turtle Offline



Beiträge: 1.459


03.06.2009 11:09
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo Rainer Maria,
Nun muss ich doch noch etwas zu Deinen Zeilen loswerden .Ich zitiere einige Zeilen von Dir!!
erinnerst du dich in deiner Jugend in der DDR an Bettler, oder Leuten die auf dem Abluftschacht der Kaufhäuser schliefen, Suppenküchen, Obdachlosen und Junkies und vielen Schmutz mehr, den die heutige Gesellschaft geradezu gebiert und noch weiter gebären wird. Also ich nicht, aber es kann natürlich sein, das du etwas Anderes gemeint hast.
Das Aufwachsen ohne diesen ganzen Schrott, da hast du Recht, er wurde von uns ferngehalten, gut ferngehalten auch mit Hilfe dieser Grenze,

In der DDR hast Du diese Typen nicht gesehen da asoziales Verhalten vom Staat nicht gebilligt wurde! Sie bekamen Arbeitserziehung, Jugendwerkhof oder Knast! Arbeit wurde ihnen ja zugewiesen. Ohne staatliche Maßnahmen gegen diese Personen hätte es bestimmt keinen Unterschied zur BRD gegeben. Oder denkst Du wirklich in der DDR hat es nur Menschen mit edlem sozialistischem Charakter gegeben!
Deine Worte „ gut ferngehalten auch mit Hilfe dieser Grenze“ bringen mich wieder auf die Palme! Kein Penner aus der BRD musste diesen Weg nehmen um in die DDR zu kommen. Er konnte einfacher einreisen!! Gefallen hätte es ihn sicherlich nicht in der DDR da er es in der BRD mit ihren liberaleren Gesetzen besser hatte. Na dann bis übermorgen in Eisenach ,da werde ich Baldrian einnehmen damit mich derartige Worte für was die Grenze alles gut war nicht aufregt! Gruß Dein Freund Peter(Turtle)

Augenzeuge Offline





Beiträge: 2.675


03.06.2009 18:37
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten
Zitat von turtle

Deine Worte „ gut ferngehalten auch mit Hilfe dieser Grenze“ bringen mich wieder auf die Palme! Kein Penner aus der BRD musste diesen Weg nehmen um in die DDR zu kommen. Er konnte einfacher einreisen!! Gefallen hätte es ihn sicherlich nicht in der DDR da er es in der BRD mit ihren liberaleren Gesetzen besser hatte. Na dann bis übermorgen in Eisenach ,da werde ich Baldrian einnehmen damit mich derartige Worte für was die Grenze alles gut war nicht aufregt! Gruß Dein Freund Peter(Turtle)


@Hallo Turtle: Bitte rege dich nicht darüber auf. Rainer-Maria benutzt so häufig in seinen Worten den Geist der Bücher dieser Zeit. Die Begründung entspricht so oft der Argumentation des "ND", der "Freiheit" und anderer volksverdummender Zeitungen der DDR. Wir wissen es doch heute besser.
Leider bin ich erst am Sonnabend in Eisenach. Aber ich möchte keine Gruppe antreffen, die permanent in diesem Geist kommuniziert oder unter Baldrian-Einfluß steht, weil der Vorabend schon so "heiß" war.
@Rainer-Maria: Ich freue mich trotzdem auch einen so hartnäckigen Verfechter wie dich kennenzulernen, auch wenn ich weiß, dass ich dich nur schwer von meiner Einstellung begeistern kann.
Nun gut, letztlich weiß ich Rainmen an eurer Seite am Freitagabend und bin mir deshalb sicher, dass es sachlich und gut laufen wird.

Gruß, Augenzeuge

"Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das:
Den Standpunkt des anderen verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu betrachten."

manudave Offline




Beiträge: 2.839


03.06.2009 19:08
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Rainman also als...

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Der Sozialismus wurde in Coca Cola ersäuft und von Haribo-Bären gesteinigt.

manudave
Forum-Admin und Jungpionier a.D.
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Angefügte Bilder:
schiri.jpg  
Rainman2 Offline




Beiträge: 1.840


03.06.2009 19:48
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Nein, das machen wir anders. Ich bringe eine kleine "transportable Reisemauer" mit, die bauen wir in einer Ecke auf. Da kann sich dann jeder eine Seite aussuchen um "Ost-West-Belöffeln" zu spielen. Wer die Mauer vor Wut einreißt, verliert, wer auf die andere Seite einreist gewinnt einen Bonus und für Aufrechten Gang und Menschenketten gibt es Sonderpunkte. Alle fünf Minuten muss die Debatte unterbrochen werden, um das gerade Gesagte in einer gestischen Tanzdarbietung ohne Worte zusammenzufassen. Ziel des Spieles ist es, die andere Seite zum Lachen zu bringen.

Dafür mache ich dann gerne den Schiedsrichter. Wenn jemand meint, ich würde mit diesem Beitrag das hier Geschriebene nicht ernst nehmen, nur soviel: Oh doch, das tue ich - auf meine Art und Weise.

ciao Rainman

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Forum Admin
http://www.forum-ddr-grenze.de
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manudave Offline




Beiträge: 2.839


03.06.2009 19:56
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Und falls das nicht klappt:

Ich bin wirklich seit 15 Jahren Schiedsrichter und hab so manchmal, wie der arme (hochbezahlte) Teufel dort unten, auch zwischen den "Fronten" gestanden.

"Transportable Reisemauer" - eine Marktlücke für Ehekrach ?

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Der Sozialismus wurde in Coca Cola ersäuft und von Haribo-Bären gesteinigt.

manudave
Forum-Admin und Jungpionier a.D.
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turtle Offline



Beiträge: 1.459


03.06.2009 22:18
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Nee nee meine Herren damit wird nischd! Jede Gegenseite kann da den Schiedsrichter wegen Befangenheit ablehnen! Dazu kennen wir uns bereits zu gut um einzustufen wohin sich bei wem die Waage bewegt.Trinken wir lieber ein Bier mehr zusammen !

Augenzeuge Offline





Beiträge: 2.675


03.06.2009 22:26
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Zitat von turtle
Nee nee meine Herren damit wird nischd! Jede Gegenseite kann da den Schiedsrichter wegen Befangenheit ablehnen! Dazu kennen wir uns bereits zu gut um einzustufen wohin sich bei wem die Waage bewegt.Trinken wir lieber ein Bier mehr zusammen !


...ok, wenn du Baldrian nicht mehr brauchst, haben wir gewonnen.

Bis demnächst liebe Schildkröte, sagt der Augenzeuge

"Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das:
Den Standpunkt des anderen verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu betrachten."

CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.818


04.06.2009 08:38
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo, Rainer-Maria,

Na, jetzt hast Du Dir aber wieder einen Schiefer eingezogen, und nebenher Deinen Freund Turtle fast schon in die Notfallaufnahme geschickt. Und dabei haste mich irgendwie auch noch falsch verstanden (wie Du dann noch angedeuted hattest).

Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Aber ohne dir gleich zu widersprechen was das „ wirklich armselige Gesellschaftssystem“ des Sozialismus in der DDR angeht und es dich an Gegebenheiten in California erinnert. Da muss ich sagen, und ich denke nicht falsch zu liegen, „ es gibt einen sehr großen Unterschied zwischen Mangel und Armut,“ so hatte es einmal ein westdeutscher Journalist formuliert, als man ihn auf eine seiner vielen Reisen nach Kuba ansprach, oder erinnerst du dich in deiner Jugend in der DDR an Bettler, oder Leuten die auf dem Abluftschacht der Kaufhäuser schliefen, Suppenküchen, Obdachlosen und Junkies und vielen Schmutz mehr, den die heutige Gesellschaft geradezu gebiert und noch weiter gebären wird. Also ich nicht, aber es kann natürlich sein, das du etwas Anderes gemeint hast.


Ich hab' geschrieben:
Zitat von CaptnDelta
...Natuerlich geb' ich Dir da keine Schuld, es war einfach nur ein wirklich armseliges Geselschaftssystem, der Sozialismus in der DDR, der eigentlich nur auf Pump existierte (und mich manchmal an Gegebenheiten hier in California erinnert).

und damit gemeint das die DDR halt einfach wirtschaftlich immer auf toeneren Fuessen gestanden hat, immer schoen kurz vorm Zusammenbruch: am Anfang vom Grossen Bruder mit Oel gestuetzt, bis die sich die DDR nicht mehr leisten konnten. Dann hat der "Klempner vom Devisennotdienst" wahllos entweder Sachen aus dem gruenen Gewoelbe, Pflastersteine aus irgendwelchen Staedten oder Gefangene aus Hoheneck oder Bautzen verhoekert. Bis halt (fast) nix mehr da wahr. Nebenher hat der Wirtschaftler die komplette Wirtschaft verschlissen. Bis nix mehr gegangen ist.

So hat man in der DDR ueber 30 Jahre in einem Vaccuum gelebt, und dann war schlagartig Luft da. Die Umstellung kann einem schon wie ein Nudelholz vorkommen, oder auch so aehnlich als wenn man beim Tauchen zu schnell hochkommt.

Ironischerweise waren's aber nur die ehemaligen Ossies, die schon eine zeitlang Wessies waren, die vor zu vielen Schnellschuessen gewarnt haben: Weil wir eben das ganze schon durchgemacht hatten, und obwohl wir uns dabei noch schneller hatten umstellen muessen, war die Umstellung einfacher: bei uns war's einfach klar wer sich umzustellen hatte, da war einfach niemand anders dem man die Schuld haette geben koennen. Es war nicht einfach, aber zurueckblickend war es immer noch bei weitem das beste das mir in meinem Leben passiert ist.

Aber die "Wessies die mal Ossies waren", die waren halt 'ne ziemlich verschwindende Minderheit zur Wiedervereinigung. Die Mehrheit der Westler waren sich nicht bewusst was sie sich da aufladen (die kannten sich in Italien besser aus als in der DDR), und Ostler eben auch nicht (da war die D-Mark erst mal wichtiger). Es gab' auch keinen Praezedenzfall fuer die Sache, da waren keine geheimen Plaene in irgendwelchen Schubladen. Von aussenpolitischen Faktoren und Einschraenkungen (die einen riessigen Einfluss gehabt haben) mal ganz abgesehen.

Nur mal als Notiz: Kalifornien lebt im Moment auch recht gut auf Pump, eine Finanzkrise nach der anderen, mich wundert's ja schon dass unser Gouvernator nicht den Alexander mal anruft, vielleicht weiss der ja Rat. Allerdings, wir sind hier in Kalifornien auch die Versuchskaninchen fuer jeden Schmarren (z.B. Energie-Deregulation, Benzin mit MTBE, unkontrollierte Einwanderung,...), von daher ist's schon fast verstaendlich.

Uebrigens, bei Schauspielern gehen unsere Meinungen anscheinend auch auseinander, Sylvester Stallone war nie richtig mein Ding, auch nicht in den 80ern als die Filme alle in waren. Eher Clint Eastwood, vor allem in dem letzten Film Gran Torino (den Film musste kucken, der ist gut). Oder auch Armin Mueller-Stahl in Illuminati. Der wohnt uebrigens nicht so weit weg von hier, wie der Thomas Gottschalk auch.

Mal noch was zu dem angesprochenen Bettler, Penner, etc, die man in der DDR nicht gefunden hat:
Zitat von § 249, Strafgesetzbuch DDR

Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten.
(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.


Man hat also diese Leute einfach kriminalisieren und wegsperren koennen...
Video "Asozial" in der DDR - aufsässig oder arbeitsscheu? Teil 1
Video "Asozial" in der DDR - aufsässig oder arbeitsscheu? Teil 2
Video "Asozial" in der DDR - aufsässig oder arbeitsscheu? Teil 3
Da hab' ich uebrigens auch noch 'ne andere Geschichte aus meinem Leben in der DDR dazu, die muss ich Dir mal bei Gelegenheit schreiben. Allerdings mach' ich jetzt besser Schluss, sonst sagt der Rainman wieder ich haette Deinen Beitrag "gnadenlos zerfetzt".

Ausserdem, und um einigermassen Paritaet herzustellen, ein aehliches Video gibts auch ueber die Bundesrepublik in den 1960ern.
"Asozial" in der BRD - "Freiheit statt Sozialismus" Teil 1
"Asozial" in der BRD - "Freiheit statt Sozialismus" Teil 2
"Asozial" in der BRD - "Freiheit statt Sozialismus" Teil 3
Die haben sich da auch nicht mit Ruhm bekleckert, ist eher traurig. Der Unterschied ist allerdings: es gab keinen § 249, das wurde nicht vom Staat veranstaltet (allerdings geduldet). Traurig.

Nun, Dir und allen anderen viel Spass in Eisenach, trinkt einen auf die daheimgebliebenen, vergesst nicht Bilder 'reinzustellen, und pass' auf das der Turtle nicht so viel Baldrian braucht.

Servus,
-Th

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"We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness."

Rainer-Maria-Rohloff Offline


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09.06.2009 16:27
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, ohne jetzt im einzelnen auf die letzten Texte von Delta, Augenzeuge und Peter einzugehen, die ich vor E. nicht gelesen hatte, würde ich vorschlagen, stelle ich erst einmal zwei Erzählungen aus Ost und West ein. Anschließend oder schon zwischendrin könnte man ja schon darüber reden, hier eine erste Geschichte in 3 Teilen von Eva Zeller/ Westdeutschland aus der Reihe Erzählungen vom Verlag Volk und Welt ° Berlin 1978 mit dem Titel:
Wer ist das Opfer von wem / Teil 1


Weil sich keine Mark für den Zigarettenautomat fand, ging ich in die Kneipe. Weil ich unbedingt noch rauchen musste so spät in der Nacht und im ganzen Haus keine Zigarette zu finden war und kein Markstück, blieb mir nichts übrig, als in die Kneipe zu gehen und nach Lord Extra zu fragen.
Man könnte die Kette der Voraussetzungen beliebig zurückverfolgen. Weil wir wieder mal eine Auseinandersetzung darüber hatten, ob eine Frau in meiner Lage berufstätig sein soll oder nicht, und uns wie immer nicht einigen konnten, rauchte ich noch eine Zigarette und noch eine, bis keine mehr da war, und Karl- Georg sagte, das sei auch so ein wunder Punkt, meine Qualmerei, und da musste ich erst recht weiterrauchen und fand keine Zigarette und kein Geld für den Automaten und war wieder mal das Opfer meiner Wünsche und lief in die Kneipe, die noch geöffnet hatte um diese Zeit. Einmal Lord Extra bitte.
Der Mann hinter der Theke langte mit der einen Hand hinter sich, mit der anderen gab er mir das Wechselgeld heraus, mit den Augen hing er an dem Mädchen, das eingepfercht zwischen leeren Stühlen und Tischen dasaß mit seinem Schafsgesicht und seinen verknoteten Beinen, als sollte es geschoren werden. So verstellt war der Raum, dass das Mädchen zwischen alle Stühle zu sitzen kam, die Beine übereinander geschlagen, man wusste nicht, welcher Fuß an welches Bein gehörte. Als es aufstand, sah ich, wie dünn ihre Waden waren .Es schob ein paar Stühle beiseite und kam auf mich zu. Zu allem Überfluß war es auch noch betrunken und schwanger. Als ich die Kneipe verließ, kam es mit.
Hinter uns drehte der Mann die Stühle mit den Sitzflächen auf die Tischplatten.
Später hat man mir in diesem Zusammenhang das Attribut barmherzig beigelegt. Es sei barmherzig gewesen, das arme Ding mitzunehmen. Eine Dame, die nie einen Schluck zuviel getrunken hat, nimmt ein betrunkenes Mädchen mit in ihr Haus. Wenn das nicht barmherzig ist. Von Mitnehmen konnte aber keine Rede sein. Von Mitlaufen höchstens. Das Mädchen lief mit. Ich hätte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen müssen. Das ich das nicht tat, hat weniger mit Barmherzigkeit als mit Verlegenheit zu tun.
Wohin mit jemand, der sich kaum auf den Beinen halten kann. In solchen Situationen tut man, was zu tun ist, richtet eine Mahlzeit her, schlägt ein Notbett in der Wäschekammer auf, legt Handtücher heraus, zeigt die Örtlichkeiten, sagt im Flüsterton: Nun schlafen Sie sich erst mal ordentlich aus, morgen früh sehen wir weiter.
Morgen gedachte ich die Wohlfahrt anzurufen.
Ach du lieber Himmel. Noch ahnte ich nichts: Dazu war es bereits zu spät. Monika hatte sich eingenistet in ihrer Ausnüchterungszelle, gehört sie doch zur species der Parasiten, die nicht ohne Nährboden fortkommt, mit größter Selbstverständlichkeit einem Wirt aufsitzt. Zu den Flechten zum Beispiel, die sich als Überzüge über Felsen und Baumstämme ziehen, in die feinsten Risse senken und durch rasch aufeinander folgende Teilungen neue Zellen bilden.
Monika überkroch uns mit hundert Gefälligkeiten. Am nächsten Morgen war die Geschirrspülmaschine ausgenommen, der Kaffeetisch für sechs Personen gedeckt mit allen Kinkerlitzchen – wie Monika Servietten, Serviettenringe, Eierlöffel, Eierwärmer nannte -, waren Schuhe geputzt, die Zimmer gelüftet, die Ascher geleert. Vom ersten Tag an ging Monika mir nicht nur zur Hand. Monika ging in alle Ecken, damit wir um Gottes Willen nicht sagen könnten: Was machen wir jetzt mit dir? Den Antrieb dieser Arbeitswut begriff ich durchaus. Sollte das von Dauer sein, dachte ich bei mir, hätte ich ja eine Perle im Haus. Wenn nur ihre Blicke nicht gewesen wären. Für diese seitlichen Blicke müsste man ein Eigenschaftswort finden, das zwischen dreist und hündisch läge, zwischen unverfroren und gottergeben, oder eins, das beides gleichzeitig besagt.
Ich brauchte ein Jahr, bis ich einsah: Auch ihr Mundwerk – diese Schandschnauze, wie meine Schwiegermutter sagte; dieser Volksmund, so Karl Georg bei Gelegenheit – wurde von Angst betrieben, Angst vor eingeschriebenen Briefen der Stadtverwaltung Abteilung Jugendamt als Amtsvormund, Angst vor Briefen der Stadtbausparkasse betrifft Unterhaltsleistungen betrifft Heimpflegekosten, Angst vorm Telefon und Auf die dieserhalb gehabte fernmündliche Rücksprache wird im nächsten Schreiben Bezug genommen, Angst, vom Arbeitsamt in der vorerwähnten Angelegenheit erneut gebeten zu werden, Angst vor dem neu in Kraft getretenen Nichtehelichenrecht und je größer die Angst, wir könnten sagen, sie solle sich dahin scheren, woher sie gekommen sei ( als ob sie irgendwoher gekommen wäre)- desto größer ihre Klappe, und wenn ihr gar nichts mehr einfiel, warf sie mit Streichholzschachteln und – was vorkam –mit Messern nach diesen verdammten Felsen und Baumstämmen, auf die sie nun einmal angewiesen war, um sich festzuklammern. Risse gab es genug bei uns, in denen sie Wurzeln schlagen konnte, und sie fand rasch heraus: Karl Georgs schlechten Kreislauf morgens; seine Pingeligkeit mit Oberhemden und Bügelfalten; meine Unordnung; meine Affenliebe zu Karlemann – was mein Sohn ist -, Karl Georgs zu Karlinchen; die Angst der Kinder, wenn wir ausgingen.
Vom ersten Tag an konnte Monika nichts anderes tun als sich unentbehrlich machen. Ich erwog, sie erst einmal hier zu behalten und herauszufuttern. In der Zeit – erwog ich – würde ich meine Angelegenheiten betreffs der PH in die Wege leiten, und während ich noch erwog, bügelte Monika Oberhemden, nahm die Geschirrspülmaschine aus, verschaffte den Blumen im Vorgarten Luft, die sogleich eine Stengelkrümmung weiter zum Licht rückten. Monika sah nach dem Rechten. Den Trick mit dem Fünfzigmarkschein unter dem Teppichboden ersparte sie mir, den ehrlich, sagte sie, ehrlich währe am längsten, also mein und dein, das habe sie immer unterscheiden können, darauf könne ich Gift nehmen, bloß in einem Punkt, da sei sie nun mal schwach, nämlich wenn es sich um Zigaretten drehe.
Monika ließ uns nicht im unklaren über ihr Woher und Wohin. Woher? Aus Heimen natürlich. Sieben an der Zahl. Eins so beschissen wie das andere ( mit einer Ausnahme)
In Heimen, da darf man nichts, bloß den Mund halten, und den Fraß kriegt man so lange vorgesetzt, bis man ihn runter hat. Strafen gibt’s da, also die gibt’s gar nicht. Die Kleinen müssen Durcheinanderwolle aufwickeln, die Großen kommen für zehn Minuten in die Leichenhalle. Die Großen haben natürlich immer bloß ein Thema drauf. Das ich da nicht auf die schiefe Bahn gekommen bin, sagt Monika, ist ein wahres Wunder.

Gruß Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


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10.06.2009 23:55
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Wer ist das Opfer von wem – der Geschichte 2. Teil


Wohin? In die Wäschekammer. Sie benötigte dafür noch einen zweiten Stuhl, falls sie mal Besuch bekäme, und an den Fenstern Vorhänge, sonst könne ja jeder sehen, wie sie sich aus – und anziehe. Auch eine Decke auf dem Tisch wäre nicht schlecht. Und wenn wir eines Tages vielleicht einen Fernseher….
Das Kind? Ach, du grüne Neune, das gebe sie dann wieder weg wie die beiden anderen. Da sollte ich mir mal keine grauen Haare wachsen lassen. In dem Zustand sei sie mit zweihundert Mark im Monat zufrieden und Kost und Schlafen. Oder? Hinterher könne man dann weitersehen. Mein Haushalt glänzte. Monika ging in alle Ecken und sang dabei Let it be, Let it bihi. Meine Schwiegermutter sagte, dieses Mädchen habe mir der Himmel geschickt, es würde mir alles abnehmen und ich könnte mir endlich meinen Herzenswunsch erfüllen und mich wieder auf die Hörbank setzen. Meine Schwiegermutter zitierte in diesem Zusammenhang sogar die Bibel, es hätten schon etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Freilich fielen solche Äußerungen lediglich in den ersten Wochen nach Monikas Erscheinen. Später kam das Wort Engel nur noch in Zusammenhang mit Geduld vor.
Ich bewundere deine Engelsgeduld mit diesem Frauenzimmer. Meine Schwiegermutter fand keine Worte für so ein Biest. Es dauerte auch nicht lange, da verließ nicht etwa Monika, sondern meine Schwiegermutter das Haus.
Solange Monika in anderen Umständen war, gestanden wir ihr Alüren zu. Monika aß keine Suppen, keine Kartoffeln, keinen Pudding, kein Gemüse. Monika aß hauptsächlich Fleisch und Wurst. Eben weil sie das in Heimen wenig bekommen hatte, erklärte Karl – Georg den Kindern die alles zu essen hatten, was auf den Tisch kam; und setzte hinzu, die Kinder wüssten ja gar nicht, wie gut sie es hätten.
Monika aß aber auch kein Obst, keinen Salat. Ihr Kind braucht Vitamine, gab meine Schwiegermutter zu bedenken, aber Monika meinte, sie sei schließlich kein Rindvieh, die Oma könne das Grünzeug essen, solange sie lustig sei.
Monika brennt beim Zigarettenausdrücken Löcher in Tisch – und Schreibtischplatten, und immer reißt sie alle Türen auf, den sie kann nicht so eingesperrt sein, das macht sie wahnsinnig. Monika schläft so fest, das kein Wecker sie zu wecken vermag. Aber bloß, wenn sie schwanger ist, beteuert sie. Sie habe sich da ein prima Patent ausgedacht. Der Wecker ( der lauteste, den ich hatte auftreiben können) kommt auf den Hals einer Flasche zu stehen, die Flasche auf ein Kuchenblech, und wenn es klingelt, fällt der Wecker auf das Blech, ohne kaputtzugehen .Monika schläft weiter. So glücklich ist sie, endlich ein eigenes Bett zu haben, sagt Karl- Georg zu den Kindern. Ach, ihr müsst ja von morgens bis abends Gott auf Knien danken, so gut habt ihr es.
Monika kann sogar kochen. Gelernt hat sie das in dem vorletzten Heim. Es hieß Haus zur Allergnädigsten Hilfe Mariä und war eigentlich das beste aller Heime gewesen. Dahin hatte man sie mit der Geschichte mit Tommy gebracht, weil sie seelisch zu verwahrlosen drohte. Eine Schwester war da, so richtig nach Monikas Geschmack . Die redete nicht immer so geschwollen daher. Kein einziges Mal hat sie: Was machen wir jetzt mit dir gesagt. Der konnte man aber auch alles sagen, ohne dass sie gleich in Ohnmacht fiel.
Auch die Geschichte mit Tommy. Aus dem Heim davor, da war Monika ja ausgerissen. Das hatte kein Mensch aushalten können, den ganzen Tag eine einzige Zigarette und so gut wie kein Taschengeld. Gefängnis ist nichts dagegen. Da ist sie mit noch einer anderen aus dem Fenster im ersten Stock gesprungen – wie im Krimi-, mit einer, die sie eigentlich gar nicht leiden konnte, weil die immer geschminkt bis dorthinaus gewesen war.
Aber der Freund von der hatte von draußen alles vorbereitet. Auf Matratzen sind sie gesprungen und haben einen guten Schutzengel gehabt, das sie nichts abgekriegt haben. Direkt schade, das sie da nicht schwanger gewesen ist, das wäre dabei garantiert hops gegangen.
Mit den Matratzen sind sie dann in einen Lagerschuppen gezogen, und dafür, dass der Freund Monika mit rausgeholt hat, wollte er natürlich was haben, und dann sind noch mehr Jungs gekommen, einer musste immer Schmiere stehen. Männer sind ja alle Tiere und wollen alle dasselbe, Monika hat noch nie was davon gehabt, und von ihr aus können ihr die Herren der Schöpfung, wie man so sagt, im Mondschein begegnen. Falls sie mal heiratet, und heiraten tut sie, klar, dann nur einen, der sie in Gottes Namen auch mal zum Schlafen kommen lässt. Aber der muss erst noch geboren werden.
Am schlimmsten war, dass die anderen Jungs immer zusehn wollten, also Monika denkt, sie steht im Wald, das ist ja nun das wohl das letzte. Bloß einer war dabei, der hat sie wirklich geliebt. Er hieß Tommy und war genau ihr Typ, groß und mit schwarzen Locken, der hat sie dann auch zu seinem Bruder mitgenommen, der ein Stukkateurgeschäft hatte, aber geheiratet hat sie auch keinen von beiden, und da ist sie dann einfach zurück ins Heim, wie ihr das zu bunt wurde, und die haben sie gar nicht erst behalten und ins Heim Zur Allergnädigsten Hilfe Mariä gebracht, und was die Schwester gewesen ist, die ist richtig dufte gewesen und hat das alles nicht so tragisch genommen und sich nicht so angestellt wie die Schwester in dem Heim davor, die hatte vielleicht Nerven und hat gesagt, Monika soll mal nicht den Mut verlieren und sich auf ihr Kindchen freuen.
Nicht das ich in Ohnmacht viel. I wo. Die Zeiten, wo unsereins von Unterhosen als von Unaussprechlichen sprach, sind gottlob vorbei. So ein armes Ding ist doch nur das Opfer unserer Gesellschaft, und das Herz dreht sich einem im Leibe um. Ich versprach Monika, ihr die Pille zu besorgen, wenn sie ihren Bauch erst mal los ist. Ich dachte, Monika würde mich nun dufte finden. Aber wo denke ich hin. Pillen nimmt Monika zum Verrecken nicht. Da weiß man nie. Sie hatte mal eine Freundin, die hat von Pillennehmen Zwillinge gekriegt.
Monika tut vieles nicht. Zum Beispiel zum Zahnarzt gehen. Lieber kriegt sie noch mal drei Kinder. Die Zahnlöcher stopft sie mit Kaugummi zu, und früher, da hat sie einen Zwirnsfaden um den kranken Zahn gebunden, den Zwirnsfaden an die Türklinge, und ihre Freundin hat die Tür aufgerissen, zack, der Zahn war raus.
Die Kinder hängen an Monikas Lippen. Monika spricht von ersten, zweiten und dritten Kindesvätern. Wenn sie etwas sucht, betet sie zum heiligen Antonius, und wie gerufen findet sich daraufhin das Gesuchte. Ehe sie einkaufen geht, sagt sie: Na den bis neulich. Karlemanns ausgefallene Zähne wirft sie mit geschlossenen Augen hinter sich über die Schulter, damit Karlemann neue Zähne wachsen, die besser beißen, und tatsächlich kann er bald die scharfen Spitzen der neuen Zähne mit der Zunge fühlen.
Das Schönste aber ist: Monika hat ihre Leiche verkauft, ob ihr das nun glaubt oder nicht. Ihr könnt eure auch verkaufen .Warum verkauft ihr eure Leiche nicht? Monika trägt die Bestätigung, dass sie ihre Leiche der Universität vermachte, immer bei sich. Man weiß ja nie. Eine Freundin hat ihr erzählt, man bekäme tausend Mark für seine Leiche. Die tausend Mark bekam Monika leider nicht, wohl aber die Zusicherung, dass das Anatomische Institut der Universität die Überführungs- und Bestattungskosten übernimmt sowie auch die Anfertigungskosten für ihre Grabplatte und die Grabpflege für zwei Jahre. Das ist doch auch was wert, wenn man sich darum nicht kümmern braucht. Der Zusicherung beigefügt ist der Brief eines berühmten Professors, der Monikas idealistische, selbstlose Einstellung lobt, mit der sie der Forschung einen wertvollen Dienst erweist.
Monika sagt ungestraft Wörter wie Scheiße und Arsch. Kalinschen dachte zuerst, Arsch sei das katholische Wort für Pode. Meine Schwiegermutter sagt, Monika habe ja einen herrlichen Ton am Leib und wir würden schon sehen, was die Kinder da für Schaden nähmen an ihrer Seele. Das sei nie im Leben wieder gut zu machen. Karl- Georg sagt, das seien eben Wörter aus Heimen. Karlemann sagte, am Bauch habe Monika eine Narbe, die stamme aus einem Fernlaster, der fürs Mitnehmen gewollt war, aber Monika habe nicht gewollt. Mit der Narbe kann Monika Wellen machen und ein bisschen Bauchreden, auch mit den Ohren wackeln kann sie und kann dreist mit Lockenwicklern zu Tisch erscheinen. Monika versetzt uns permanent in Verlegenheit. Unser mit allen Kinkerlitzchen ausgepolstertes Dasein. Monika kriegte ihr Kind in der Wäschekammer, weil sie die Wehen verschlief. Noch zwei Presswehen und zack, das Kind war da. Es war ein Junge. Er war 52 Zentimeter lang und hatte schwarze Locken. Dann ist bestimmt Tommy der Vater, sagte Karlemann.

Gruß Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Offline


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12.06.2009 16:14
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Wer ist das Opfer von wem – der Geschichte 3. und letzter Teil

Meine Schwiegermutter zog aus. Eine Fürsorgerin holte das Kind ab, denn Monika wollte es nicht zu Gesicht kriegen, bestand aber darauf, daß es auf den Namen Karl –Georg getauft würde. Wehe, wenn es nicht getauft wird. Das überlebt sie nicht. Die Fürsorgerin muss es ihr schwören bei allem, was ihr heilig ist. Karl – Georg wird getauft werden. Karlinchen kommt zur Schule. Meine Schwiegermutter zieht immer noch aus. Ereignisse, von denen man hinterher sagt, sie hätten sich überstürzt.
Mittlerweile war es Oktober geworden, und Monika fing an, sich wahnsinnig auf Weihnachten zu freuen. Das sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Familie feiert, denkt mal, sagte Klaus - Georg. Monika musste schwer rechnen, obwohl wir ihr Gehalt erhöht hatten. Das zweite Kind war auch noch nicht adoptiert. Nach dem neuen Nichtehelichengesetz ist nur derjenige nicht unterhaltspflichtig, der bei Berücksichtigungseinersonstigen Verpflichtungen außerstande ist, ohne Gefährdung seines angemessenen Unterhaltes den Unterhalt zu gewähren. Trotzdem kaufte Monika Geschenke für uns, die wir gar nicht würden annehmen können, so groß waren sie. Die Wäschekammer reichte nicht aus, sie zu verstecken. Ich durfte diese Schranktür nicht öffnen, hinter jenes Möbel nicht sehen. Monika erging sich in Andeutungen.
Leer ausgehen würde nur Karlinchen. Die verwöhnte Göre war immer am Petzen, außerdem hatte sie schon ein paar Mal gesagt, Monika solle sich dahin scheren, woher sie gekommen ist. Wer ist denn schon Karlinchen. Die hat überhaupt kein Recht, so was zu sagen. Darum existiert sie auch für Monika nicht und kann gefälligst ihren Dreck alleine weg machen. Monika denkt ja gar nicht daran, auch nur ein Stück, das Karlinchen gehört, in die Hand zu nehmen. Mit spitzen Fingern fischt sie jeden Schlüpfer jeden Strumpf, der Karlinchen gehört, aus der schmutzigen Wäsche und drapiert ihn um das neue Schreibpult im Kinderzimmer. Oder sie versteckt Karlinchens Fibel. Oder ihre Steiftiere. Sogar die Zahnklammer, die über tausend Mark gekostet hat. Sind Sie verrückt? Nein, katholisch.
Es half auch nichts, das es Karl- Georg zu bunt wurde .Mit einemmal wollte er von Anfang an gewarnt haben. Hatte er nicht schon immer gesagt, das könne nicht gut gehen und ich sei mal wieder das Opfer meiner Wünsche. Er sprach ein sehr ernstes Wort unter vier Augen mit Monika. Ich weiß nicht, was für Worte da gefallen sind, auf jeden Fall muss im Eifer des Gefechts von „ sich nie mehr hier blicken lassen“ die Rede gewesen sein.
Karl- Georg war mit seiner Geduld am Ende. Monika nannte es das größte Donnerwetter ihres Lebens, schmiß einfach den ganzen Kram hin und schloß sich drei Tage und drei Nächte in der Wäschekammer ein, aß nicht, trank nicht, schlief nur, lief, als der Zigarettenvorrat erschöpft war, nachts in die Kneipe, die noch geöffnet hat um diese Zeit, und ließ noch noch mal ordentlich vollaufen.
Dort muß sie, meiner Rechnung nach, einem Kerl in die Hände gefallen sein, jedenfalls war sie unversehens wieder in anderen Umständen. Meine Schwiegermutter begriff meine Engelsgeduld nicht mehr und zog endgültig aus, man könne sich ja in diesem Hause noch sonst was holen. Ich sagte nicht, Monika solle sich auf ihr Kindchen freuen. Die Tür vor der Nase zuschlagen können wir ihr nicht. Pillen schluckt Monika nicht. Zum Arzt geht sie nicht, da würde sie ja in den Boden sinken vor Scham. Das Kind behalten will sie um nichts in der Welt. Wer hat die Stirn, ihr zu sagen, sie müsse nun Verantwortung übernehmen, für das, was da in ihrem Bauch passiert. Mittlerweile ist das Kind schon kein Embryo mehr, sondern ein Fötus. Die Hauptstadien der Entwicklung des Lebens hat es schon hinter sich, den Sprung an Land schon geschafft auf der wunderbaren Stufenleiter der Evolution. Die Kiemen sind verknöchert, an den Händen die Schwimmhäute verschwunden, die seitlichen Augen zur Mitte gewandert, es wird atmen, greifen, einen wieder ansehen mit Blicken. Ich will damit nicht sagen, das es bis zum zweiten Monat ein Molch gewesen ist.
Von Anfang an steuern die Gen – Kommandos das Endziel Mensch an. Monikas Kind ist auf dem Wege, ein Warmblüter zu werden. Mutter Natur macht das schon.
Was dabei herauskommt, ist ein Säugetier, hilfloser als die meisten Tiere, dessen Bindung an die Mutter lebensbestimmend ist. Woher soll Monika das wissen. Die Fürsorgerin wird das Kind abholen, das irgend jemanden ähnlich sehen wird, und es wird wie Monika und wie schon Monikas Mutter und vielleicht deren Mutter in Heime kommen. Von Vätern ist keine Rede.
Heime müssen sein. Heime sind das Armutszeugnis einer Gesellschaft, deren Strukturen mehr als fragwürdig sind. Die Gesellschaft ist das Opfer ihre Strukturen. DieStrukturen sind das Opfer falschen Denkens, kapitalistischen zum Beispiel, individualistischen zum Beispiel. Ich bin das Opfer kapitalistischen individualistischen Denkens, sonst würde ich ja das Kind adoptieren, dies oder das davor .Nun aber wird das Kind wieder das Opfer von Heimen. Wer ist das Opfer von wem.
Monika schuftet für zwei. Bloß damit ich nicht sage: Was machen wir jetzt mit dir. Aus Angst, Karl- Georg könnte sagen, sie solle sich nie mehr hier blicken lassen. Monika ist uns ausgeliefert. Sie macht mir alles recht. Mein Haushalt glänzt, weil einer um sein Leben putzt. Ich kann mir meinen Herzenswunsch erfüllen und wieder auf der Hörbank sitzen. Ich bin Monika ausgeliefert. Wenn ich erst mitverdiene, werde ich ihr Gehaltserhöhung geben. Monika hält uns in Atem. Eines Tages ist der silberne Serviettenring mit dem eingravierten Karl – Georg verschwunden. Monika betet:

Heiliger Antonius, voll Vertraun
Wir auf deine Hilfe schaun
Gib, dass Gottes Wunderkraft
Den Serviettenring wiederschaft.

Aber diesmal versagte Gottes Wunderkraft. Das ist Monika noch nie passiert.
Mit einem silbernen Kuli, der noch aus der Zeit von vor Monika stammt, fülle ich Verdienstbescheinigungen aus, denn Monika ist ja keineswegs außerstande, sich selbst auszuhalten, und infolgedessen unterhaltspflichtig für die beiden letzten Kinder, die noch nicht adoptiert sind.
Außerdem bestätige ich, dass Monika auch mir gegenüber Tommy als den Kindesvater des dritten Kindes bezeichnet hat. Aber Tommy bestreitet die Vaterschaft und ist nicht bereit, seinen Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen. Das soll ihm erst einmal einer beweisen, das er der Vater ist. Mit anderen Worten: Solange dieser strittige Punkt nicht geklärt ist – und nach Monikas Erfahrung wird er nie geklärt -, kann Monika von ihrer Unterhaltspflicht gegenüber Karl- Georg nicht entbunden werden. Zur Beurteilung ihrer Unterhaltsfähigkeit ist es unerläßlich, Auskunft über ihre wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse auf beigefügten Vordruck zu erhalten.
Monika reißt alle beigefügten Vordrucke kurz und klein. So ist sie immer noch am besten gefahren. Ich beantrage neue Vordrucke und fülle sie aus, den Monikas Auskunftspflicht ergibt sich nach Paragraph116 des BGHG.

Monika unterschreibt nicht. Monika schließt sich in der Wäschekammer ein. Ihre Flucht in den Schlaf. Wir kennen das. Wir haben eine Engelsgeduld. Was lassen wir uns nicht alles bieten. Ich gebe ihr schon jetzt Gehaltserhöhung. Ich stelle ihr einen Fernseher in die Wäschekammer.






Ich gebe mir große Mühe mit ihr.
Ich sage: Nun seien Sie doch vernünftig.
Ich rede ihr gut zu.
Ich lege meinen Arm um ihre Schultern.
Ich schüttele sie ein bisschen.
Ich tätschele sie.
Ich klopfe ihr auf die Schulter
Unterschreiben Sie doch schon.
Nun stellen Sie sich doch nicht so an.
Monika stellt sich an. Monika steht stocksteif. Schließlich hat sie noch nie jemand in den Arm genommen.
Ich nehme sie in den Arm.
Ich bin barmherzig.
Ich bin verlegen.
Monika ist jemand, den man sich warm halten muß.
Monika ist jemand, den man warm halten muß.

Grüß Rainer- Maria

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