#1

Neugier

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 05.04.2009 23:34
von rapper19 (gelöscht)
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1979 hatte ich das Glück mit einigen Gewerkschaftern in die DDR reisen zu dürfen.Starke Eindrücke nahm ich mit positiv, manche negativ. Ich habe eine Frage,die viele für dämlich und primitiv halten. Ich hoffe aber trotzdem, eine Antwort zu erhalten.Hinzu kommt,das ich in meinen Urlauben in MV nie eine Antwort bekommen habe und ich habe LKW Fahrer aus der ehem. DDR gefragt und keine Antwort bekommen.Und heute habe ich einen Bekannten gefragt und auch der konnte mir die Frage nicht beantworten.Hier ist sie.

Wir waren 1979 in Merseburg zu Gast und zwar 5 Personen. Kamen wir in eine Gaststätte in der Tische standen mit vier Stühlen, durften wir keinen Stuhl von einem anderen Tisch nehmen damit unser fünfter Kollege bei uns sitzen konnte. Das gipfelte darin, das ein Koch, uns seinen Hocker aus der Küche gab, damit wir nur nicht einen Stuhl von einem anderen Tisch nahmen. Was steckte dahinter? gibt es darauf eine Antwort? Das mit dem Stuhl war nicht nur in einer Gaststätte so, sondern übrall da, wo wir einkehrten.Wir durften keinen Stuhl von einem anderen Tisch in Anspruch nehmen.

Danke für eine Erklärung und viele Grüße and dieses Forum





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#2

RE: Neugier

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 06.04.2009 01:27
von Rainman2 | 5.763 Beiträge
Hallo rapper19!

Erstmal ein herzliches Willkommen im Forum. Ich wäre gespannt darauf mal zu erfahren, welche positiven und welche negativer Eindrücke Du seinerzeit aus meinem Heimatländchen mitgenommen hast. Die Überschrift des Threads passt da ja ganz gut.

Nun zu Deiner Frage: Hinter die Geheimnisse der ostdeutschen Gastronomie zu steigen, ist ein schwierig Ding. Leere Gaststätten mit Reserviert-Schildern auf allen Tischen und im Eingang der Hinweis "Sie werden platziert" - das war ein häufiges Bild. Unfreundliche Bedienungen und schlechter Service aus den Küchen heraus gehörten auch zum Gesamtbild. Zwei kurze Illustrationen, bevor ich mich an eine Antwort mache. In einem durchaus renomierten Restaurant in Leipzig (Zum Cafebaum):
- Antwort auf eine Beschwerde meiner Mutter, das Essen sei zu kalt: "Iss so, isch hab hier och immer galde Beene".
- Antwort auf die Frage eines Gastes, warum es im "Cafebaum" keinen Kaffee gibt: "Na grieschen'se in dr Löw'nabbodeke vielleischd'n Löwn?" (Na kriegen Sie in der Löwenapotheke vielleicht einen Löwen?)

Die Einrichtungen der staatlichen Gastronomie hatten sich dem DDR-typischen Dienstleistungsbetrieb angepasst. Die Sache funktionierte auf der Basis von Beziehungen oder auf der Basis von Schmiergeld. Nahezu jeder DDR-Bürger hätte auf das "Ansinnen", die Bestuhlung ändern zu wollen, die gleiche Antwort bekommen wie Ihr damals. Es sei denn, man konnte den Servicekräften etwas liefern, was sie brauchten, man war Stammgast oder gab ihnen regelmäßig einen aus. Das Schlimmste, was dem Oberkellner und seiner Mannschaft passieren konnte, waren "Westler" (und die roch man schon Meilen gegen den Wind), die mit Ostmark ihre Zechen bezahlen wollten (und auch das roch der Oberkellner schon Meilen gegen den Wind). Woran erkannte der Oberkellner letzteres? Wenn Ihr Stühle umstellen wolltet, ohne wenigstens einen West-Zehner locker zu machen, würdet Ihr auch die Zeche in der falschen Währung bezahlen. Erkennst Du jetzt Euren Fehler, rapper19? Mit Vorschriften konnte man damals immer kommen, wer sollte das überprüfen. Insofern hatten die "Servicekräfte" immer "das Recht" auf ihrer Seite.

Das klingt irgendwie sehr negativ? Naja, es gab schon noch eine ganze Reihe Gaststätten und Kneipen, wo es anders oder nicht ganz so extrem lief. War man auf die schlechten Gaststätten angewiesen, nahm man eben die Spielregeln in Kauf. Gestört hat es viele. Es gab unzählige Zeitungsartikel, Kabaretttexte und Persiflagen darauf. Ließ sich etwas daran ändern? Viele Gaststätten gehörten der "HO" (Handelsorganisation = zentrales Versorgungskombinat in der DDR) an. Sie mussten existieren und ihren Plan erfüllen. Erfüllten sie ihren Plan nicht, gab es mal keine Prämie oder keinen Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit". Pleite ging keine HO-Gaststätte an schlechtem Geschäft. So war's, zumindest soweit, wie ich reingeschaut habe.

ciao Rainman

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 06.04.2009 01:29 | nach oben springen

#3

RE: Neugier

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 06.04.2009 08:11
von nightforce (gelöscht)
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Hallo,
dazu kann ich auch noch ne Geschichte anfügen.
Wir waren schon ein schlimmer Haufen, richtig gemein.
Wir hatten eine Baustelle in Gotha, die Brauerei bekam von der Dortmunder Aktienbrauerei Kessel und Zubehör für das Schnellbrauverfahren.
Wir gingen zum Frühstück und Mittag immer in Gothaer Gaststätten, aber die Mitropa im Gothaer Bahnhof, nee wenn ich schon daran denke muß ich lachen.
Wir hatten uns mit Eqipment der Dortmunder Verpackung reichlich ausstaffiert und gingen in die Mitropa.
Dort war ein Tisch frei zugänglich, an dem wohl Stammgäste saßen, der Rest war durch Seil abgesperrt.
EWir also da rein und wollten an einen Tisch.
Die unfreundliche Bedienung, etwas nuttig überschminkt, nörgelte was von hier is zu.
Wir laberten etwas von Dortmunds Bahnhofsgegend und die Dame wurde hellhörig.
Ahh Westkundschaft, und schon saßen wir an unserem Tisch und wurden exzelent bedient, in der Hoffnung auf Devisentrinkgeld.
Wir zahlten dann aber mit Ostgeld und das auf den Pfennig genau, man war die sauer.

Gruß nf


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#4

RE: Neugier

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 06.04.2009 11:40
von rapper19 (gelöscht)
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hallo Rainman, hallo Nightforce,
herzlichen Dank für die Aufklärung und für die schönen Geschichten. Noch mal zu meiner Geschichte. Wir hatten damals bei unserem Aufenthalt in der DDR, immer zwei Funktionäre am Hintern und so hatten wir kaum Möglichkeiten irgendjemanden eine Trinkgeld in West zu geben. Dazu kam noch, das ich persönlich auch ängstlich war in solchen Dingen. Tauschen durften wir nur bei den Funktionären und das manchmal auf offener Straße, was aber auch staunend von den Passanten registriert wurde.Dann noch zwei DKP Wessis die uns in die DDR mitgenommen hatten. Ich fand die DDR schaurig schön. Ich sah mich zurückversetzt in die Kulisse der vierziger Jahre, in einem Film praktisch. Alles war grau. Wir waren in Merseburg in einem Hotel untergebracht,das von außen fast schwarz war. Ich erinnere mich, auf der "Straße der Deutsch Sowjetischen Freundschaft".Morgens wenn ich aus dem Hotelzimmer sah, gab es sehr viel Betrieb auf den Straßen, als die "Werktätigen" (für mich eine schöne Bezeichnung für arbeitende Menschen) zur Arbeit gingen und fuhren. Es erstaunte mich, das so viele Menschen zum Frühstücken in das Hotel kamen, das war ich von zu Hause nicht gewöhnt, hier ging man morgens nicht irgendwohin um zu Frühstücken, das machte man zu Hause.Ich fand das aber nicht schlecht. Die Menschen die ich beobachtete waren sehr zurückhaltend und ruhig. Ich empfand das vielleicht auch nur so. Die DDR gefiel mir, aber bleiben wollte ich nicht. Ich hatte immer die Mauer im Kopf und dachte, hoffentlich kommst du wieder nach Hause, weil man ja unsere Pässe einbehalten hat während unseres Aufenthalts. Ich war damals in der SPD (damals!)und wir waren von der DKP eingeladen, weil man Hoffnung hatte, uns in die DKP zu bringen.Die Geschichte der Arbeiterbewegung hatte mich immer interessiert und ob es jemand glaubt oder nicht, bis ich in die DDR kam, kannte ich nichts vom Leben des Ernst Thälmann. Den hatte man hier wohl in der Literatur vergessen. Schöne Bücher habe ich gekauft, ansonsten war nichts zu kaufen was mir gefallen hätte. Mir fiel auf, das die beiden Funktionäre, genau wie ich eine ganz moderne Uhr anhatten, die es hier bestimmt nicht zu kaufen gab.Damals kamen Uhren raus mit Leuchtziffern.Hier fällt mir ein: Wir fuhre mal mit der Straßenbahn und ich hielt mich oben an einer Haltestange fest. Die Leute guckten auf meinen Arm und jetzt wußte ich das sie meine Uhr ansahen.Später saß ich neben einem jungen Mann der mir erzählte wie lange er schon auf ein Ersatzteil für eine Super 8 Kamera wartete. Ich hatte beim Aussteigen meine Uhr neben dem Mann liegen lassen, hoffentlich hat er es gemerkt. Ich habe micht getraut sie ihm zu geben, ich wollte nicht hochmütig erscheinen und so habe ich sie "verloren". Es kam in mir ein bisschen Groll auf, weil meine DKP Kollegen mir mächtig auf den Geist gingen. Das waren nämlich keine Kommunisten, das waren Leute die noch nicht einmal gute Argumente FÜR die DDR gesammelt hatten. Ich hingegen suchte gute Argumente, ich war ja kein Feind der DDR sondern ich war ich war ihr von Herzen freundschaftlich gesonnen. Hier machten aber auch die beiden Funktionäre einiges in meinem Kopf kaputt.

Ich könnte so viel über die sieben Tage in der DDR schreiben, ich weiß nur nicht ob das jemanden interessiert. Hat vielleicht jemand Lust darauf, dann werde ich mehr schreiben.

Noch einmal herzlichen Dank für die Aufklärung

ich verbleibe mit freundlichen Grüßen

rapper19


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#5

RE: Neugier

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 30.12.2009 18:16
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Es geht weiter mit den ollen Kamellen, ist auch ein bißchen was zum Lesen. Dazu noch eine eigene Geschichte, etwas abseits der Gastronomie.
Die letzten Jahre der DDR habe ich in einem Privatbetrieb gearbeitet, habe auch schon mehrere Texte darüber in anderen Themen eingestellt....aber hin zu den Stühlen, in den Kantinen der VEB-Betriebe ( Volkseigene Betriebe)
Kamen wir also im Laufe unser Arbeiten in einen solchen Betrieb und es hieß Frühstück/ Mittag, dann waren da schon "personengebundene Stühle", da saßen welche 30 Jahre und länger drauf.
Mein Kollege, ein Kerl wie ein Schrank machte sich dann immer den Spass, er hob den Stuhl an, drehte ihn herum und fragte den " Stuhlbesitzer", ob denn da sein Name draufsteht?
Keiner, nicht Einer wollte sich mit ihm anlegen, und so hatten wir stets unsere Ruhe.
Das was mein Bruder Rainmann weiter oben schreibt, da ebenfalls ein Leipziger Jung kann ich nur bestätigen.
Der Zauber war, du musstest den Kellner kennen, ein kleines Trinkgeld in die hohle Hand und schon gehörte die Kneipe dir und deiner jeweiligen Freundin.
Meine Stammkneipe war Pfeiffers Weinstuben unterhalb am Ring, die kennt der Seemann Peter ebenfalls.
Denn während ich unten anständig mit den Mädchen saß, fummelte er obendrüber an seinem Hosengürtel...oder er ließ fummeln.

R-M-R


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