#1

Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 19.02.2011 15:37
von Angelo | 12.396 Beiträge

Warum ich Angela Merkel heute nicht mehr wählen könnte. Oder: Wieso ich ein Buch gegen die Kanzlerin schrieb

Wer ein Buch über Politik und Politiker schreibt, lernt dazu. Auch über die Stimmungslage seiner Zeitgenossen, eine zugegeben statistisch nicht relevante Population. Doch immerhin: Wen auch immer man fragt - die meisten haben zum Thema etwas zu sagen. Ach was: Alle wissen es besser. Vor allem, wenn das Sujet die Bundeskanzlerin ist. Eine der typischen Reaktionen ist unschwer dem hedonistisch-großstädtischen Milieu zuzuschlagen:

"Ein Buch über ...? Ach, das tut mir aber leid für Dich!"

Wieso Mitleid? Wegen Angela Merkel? Jein. Das Mitleid wäre mindestens so groß, wenn das Thema Sigmar Gabriel hieße. Die Antwort lässt erkennen: Politikerverdrossenheit, hart an der Grenze zur Verachtung, ist weit verbreitet und findet sich auch in sonst tolerant empfindenden Kreisen.

Beim kreativen, produktiven, intelligenten deutschen Metropolenbürger ist sie gemildert durch freundliches Desinteresse. Dort nimmt man den Staat noch nicht einmal mehr als Störfaktor wahr, man regelt längst seine Belange ohne ihn - Parallelgesellschaften gibt es eben nicht nur im Kiez. Solche Menschen ignorieren Politik mit Souveränität und Humor. Da sie aber gutwillig sind, empfehlen sie nach dem zweiten Glas Riesling, die Gehälter für Kanzler und Minister radikal heraufzusetzen. "Damit wir da mal eine positive Auslese reinkriegen." Nach dem dritten Glas lassen sie erkennen, dass sie sich unter Niveau regiert fühlen: "Die Merkel will das Weltklima retten, und bringt noch nicht mal eine vernünftige Steuerreform zustande."

Das stimmt. Die ungeheure Diskrepanz zwischen globalem Anspruch und politischem Alltagsgeschäft fiel schon in der großen Koalition auf. Das machte die Arbeit am Buch zu einer Abenteuerreise in die postdemokratische Moderne, in der es schon längst nicht mehr um eine politische Agenda oder gar um Problemlösungen geht. Man beschränkt sich auf die Ruhigstellung des Bürgers mit Brot und Spielen - und auf das Verwalten der Probleme. Die Klimakatastrophe dient dabei als ordnungspolitische Peitsche, als übergesetzlicher Notstand, der jegliches Regierungshandeln, auch das fehlende, als alternativlos erscheinen lässt. So wenig Politik war selten.
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"Ach das Merkel. Ein Irrtum. Und das merkst Du erst jetzt?"

So etwas sagen herablassend die, die eh schon alles wissen und gewusst haben. Eher links anzusiedeln im Meinungsspektrum. Sie unterscheiden sich allerdings in nicht ganz unwichtigen Nuancen. Die einen gehören zu der Fraktion, die Politiker generell für entweder korrupt und intrigant oder dumm und bestechlich halten. Die irren sich nie. Das wappnet gegen jede Enttäuschung. Die finden es naiv, überhaupt noch etwas zu erwarten von den Fehlzündern da oben. Wenn sie jünger sind, empfehlen sie die Revolution; wenn älter, trauern sie ihr hinterher.

Ein Irrtum in Bezug auf Angela Merkel wäre schon deshalb undenkbar, weil in diesem Milieu niemand die CDU wählen würde, die man in Verkennung der Realität für eine rechte Partei der sozialen Kälte hält. Und wenn es schon eine Ostfrau sein muss, dann steht man dort auf Regine Hildebrandt selig und nicht auf einem "Wendehals" wie Angela Merkel.

Die Primitiveren rufen: "Wie die schon aussieht!" Bei denen helfen kein pinkes Kostüm und kein Promifriseur. Auch nicht der Hinweis, dass Schmähungen, die das Äußere einer Person betreffen, selbst wenn sie weiblich ist, keineswegs politisch korrekt sind. Doch wenn es um "das Merkel" geht, sind auch Frauen und Feministen nicht frei von Menschenverachtung. Wäre Merkel als schwarze Alice aufgetreten, als Superfeministin, hätte sie sich unangreifbar gemacht. So aber musste sie sich gefallen lassen, angerüpelt zu werden.

Dass gerade die Frauen, die am lautesten nach der Quote rufen, so wenig zur Kenntnis nehmen, dass Merkel dem ersten Kabinett vorsteht, das zu mehr als einem Drittel mit Frauen besetzt ist, gibt allerdings zu denken.

"Sie will doch auch nur die Macht."

Ja, sicher. Im Reich der Macht kann man von der Macht nicht schweigen. Da geht es nun einmal darum, wer das Sagen hat. Und das hat sich Angela Merkel hart erkämpfen müssen, bis zuletzt. Schon der knappe Wahlsieg 2005 wurde ihr streitig gemacht - von einem bräsigen Gerhard Schröder, der seine Niederlage nicht erkennen wollte, man erinnere sich an die legendäre Elefantenrunde. Bei den darauffolgenden Koalitionsverhandlungen wollten ihr die Koalitionspartner sogar die Richtlinienkompetenz streitig machen. Und die Jungs vom "Andenpakt", ihre Konkurrenten aus der CDU, hielten die "Krankenschwester" für einen Unfall der Geschichte. Merkel erlegte einen nach dem anderen. Wer sich nicht frustriert zurückzog, wurde, wie Christian Wulff, weggelobt. Man darf gespannt sein, wie sie mit ihrer weiblichen Konkurrenz verfährt. Auch das war ein Lehrstück in Sachen politischer Kultur: Die Männer haben Merkel unterschätzt - ihr Machtgespür, ihr taktisches Geschick und ihre Rachsucht. Doch Macht kann sie. Dafür scheint sich Angela Merkel sogar die Bewunderung Gerhard Schröders eingehandelt zu haben. Und der versteht was davon.

"Merkel? Das ist die Rache Honeckers."

Dieser Aufschrei kommt eher von denen, die ihre CDU nicht mehr wiedererkennen: Vollfeminin und durchsozialdemokratisiert, pfui Teufel! Die brechen angesichts der Tatsache, dass eine Frau die Kanzlerin auch kritisch sehen möchte, schon mal in ein frustriertes "Ich versteh' Sie nicht!" aus. "Nun ist mal eine Frau ganz oben, und das reicht Ihnen auch wieder nicht. Was wollen Sie denn noch?"

Hier liegt ein Missverständnis vor. Ich halte es da mit Merkel, die mal gesagt hat: "Ich glaube nicht, dass es ein Vorteil oder ein Nachteil ist, eine Frau zu sein. Es kommt mehr darauf an, dass man sich durchsetzt." Sie hat sich durchgesetzt. Prima, nur von ihren einst so mutigen Projekten ist nichts übrig geblieben. Man würde sie allerdings beleidigen, wenn man sie dafür nicht kritisieren dürfte - nur, weil sie eine Frau ist.

Ob sie die Rache Honeckers ist? Nun ja. Wer Bücher wie das von Thilo Sarrazin "nicht hilfreich" und Entscheidungen alternativlos nennt, der muss sich nicht wundern, wenn jemand das totalitär findet. Doch die Ähnlichkeiten liegen woanders. Auch im vereinigten Deutschland lebt man, wie einst in der DDR, auf Kosten anderer, werden milde Gaben ohne finanzielle Deckung verteilt. Merkel macht, was vor ihr alle taten: den Sozialstaat füttern, um Verfügungsmasse für Wahlgeschenke zu haben. Die DDR war ein Reich der Wunder: Dort gab es Vollbeschäftigung ohne produktive Arbeit. Auch im vereinigten Deutschland gibt es Wunder über Wunder. Dort entstehen ständig neue Arbeitsplätze, die der Verwaltung der Nichtarbeit dienen. In der Sozialbürokratie. 2005 noch wollte sie das ändern. Warum ihr das nicht gelungen ist, ist ein spannender Krimi, der viel verrät über die Mechanismen unseres Wahlsystems und unserer Politik.

"In einer Demokratie hat das Volk die Regierung, die es verdient."

Das sagen die ganz Süffisanten. Außerdem hätten die Deutschen ja schon Hitler gewählt. Dumm, wie sie sind. Respektvoll ist der Vergleich nicht. Vor allem aber stimmt er nicht. Und Angela Merkel? 2005 ist sie mit dem schwächsten Ergebnis für die CDU/CSU zur Kanzlerin gewählt worden. 2009 haben gerade noch 14,6 Millionen Wahlberechtigte sie gewählt. Die größte Partei auch dieser Bundestagswahl stellten mit 18 Millionen die Nichtwähler. Keine von Merkels Regierungen hatte also eine Mehrheit der Wahlberechtigten hinter sich. Die Krux ist das im Grundgesetz eingebaute Misstrauen gegen "das Volk". Föderalismus und Wahlrecht sollten nach den Erfahrungen mit Hitlerdeutschland dafür sorgen, dass in Deutschland nicht "durchregiert" werden kann, weil Koalitionen Kompromisse erzwingen. Die aber werden umso unwahrscheinlicher, je öfter sich die Koalitionspartner in Wahlkämpfen gegeneinander profilieren müssen. In solchen Zeiten bleibt man besser vage. Da der von Angela Merkel angekündigte "Herbst der Entscheidungen" ausgeblieben ist, wird es angesichts des Superwahljahrs 2011 auch kein Frühjahr der Entscheidungen geben. Es kommt hinzu, dass die beständig wahlkämpfenden Politiker am liebsten jene Klientel bedienen, die Stimmen versprechen. Und das sind alle, die ungern am Ast sägen, auf dem sie sitzen: Rentner, Beamte, Staatsangestellte, Arbeitslose und Harz-IV-Empfänger. Auch deshalb lohnt es sich nicht, die Minderheit der produktiven, am Bruttosozialprodukt arbeitenden Bürger, ohne die das Ganze nicht funktionieren kann, zu umwerben. Sie sind die Kuh, die zu melken ist. Im öffentlichen Diskurs kommen sie nicht vor.

Quelle http://www.welt.de/print/die_welt/vermis...kers-Rache.html


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#2

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 19.02.2011 19:18
von Oss`n | 2.779 Beiträge

Mensch Angelo,
Erich`s Rache sieht "so" aus !!!
Quelle: meine eigenen

Oss`n

Angefügte Bilder:
DSCF2847.JPG

Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
zuletzt bearbeitet 19.02.2011 19:19 | nach oben springen

#3

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 19.02.2011 19:24
von Backe | 480 Beiträge

Zitat von Oss`n
Mensch Angelo,
Erich`s Rache sieht "so" aus !!!
Quelle: meine eigenen

Oss`n


Meine Quelle für Erich´s Rache ist ein Getränkemarkt.
Am Mittwoch erst wieder Erfahrung damit gehabt.
VG vom Getränkehandel


"Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab" Gotthold E. Lessing
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#4

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 19.02.2011 19:31
von sestrelevante | 45 Beiträge

Wen die Merkel die rache von Erich ist ,,dan stimmt das sprichwort vom Regen in die Traufe kommen ........... schönen abend allen aus Österreich..



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#5

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 19.02.2011 19:48
von Oss`n | 2.779 Beiträge

Zitat von sestrelevante
Wen die Merkel die rache von Erich ist ,,dan stimmt das sprichwort vom Regen in die Traufe kommen ........... schönen abend allen aus Österreich..





Oss`n


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
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#6

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 19.02.2011 19:57
von PF75 | 3.294 Beiträge
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#7

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 20.02.2011 19:39
von sestrelevante | 45 Beiträge

Zitat von Oss`n

Zitat von sestrelevante
Wen die Merkel die rache von Erich ist ,,dan stimmt das sprichwort vom Regen in die Traufe kommen ........... schönen abend allen aus Österreich..





Oss`n



Nicht ärgern Ossn deine geliebte Angie hat ja heute in Hamburg wieder gewaltig abgeladen,,,weiter sojavascript:returnTag('')



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#8

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 20.02.2011 19:56
von praeceptor507 | 233 Beiträge

Das hat das MfS 1989 schön eingefädelt. Die BRD einfach einkassiert.
Jahre lang geplant und über Nacht ausgeführt. Einfach toll gemacht!
Und das schönste daran ist, die Wessies haben es bis heute nicht gemerkt.


Komm'se mal zurück Gefreiter! Könn'se denn nich grüßen?
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#9

RE: Honeckers Rache

in DDR Politik Presse 21.02.2011 19:51
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von sestrelevante
Wen die Merkel die rache von Erich ist ,,dan stimmt das sprichwort vom Regen in die Traufe kommen ........... schönen abend allen aus Österreich..



Immerhin würden wir nächstes Jahr alle gemeinsam Erichs 100. Geburtstag feiern, wenn vor etwas mehr als 20 Jahren alle Ossis so wären wie A.Merkel, soviel ist sicher.
Es war einfach nur putzig wie Merkel meinte, den Ägyptern ein paar Tipps zu Großdemonstrationen geben zu müssen.
Merkel ist eine Verwalterin, genau so ideen- und mutlos wie die SED- Kreissekretäre die sich irgendwie im System integrieren mußten und meinten, wenn sie mal einen Alleingang gewagt haben, nachträglich zu Widerstandskämpfern umdeklariert werden müßten.
Ich weiß bis heute nicht, warum sie sich an der Ausschreibung für alle möglichen politischen Posten beworben hat, es war wohl eher eine Initiativbewerbung für den Fall, daß der angestammte Arbeitsplatz im Institut wegfallen könnte.
Zwar hat sie sich beim Verbot der kreditfinanzierten Aktienleerverkäufe und der Befürwortung einer Freigabe der Steuerhinterzieher- CD mal vor gewagt, aber im Großen und Ganzen ist ihre Amtsführung doch eine ziemliche Enttäuschung.



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