#181

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 11.07.2011 13:06
von exgakl | 7.236 Beiträge

Zitat von Gert
Uwe wie immer sehr lesenswert. Ich werde fast neidisch, dass ich diesen ganzen Umbruch nur von außen sehen und ihn nicht miterleben konnte.

Gruß an die Oder Gert



Tja Gert, DU hast die Veranstaltung anscheinend zu früh verlassen

danke Uwe, wie immer gelungen


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
nach oben springen

#182

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 11.07.2011 14:59
von Gert | 12.354 Beiträge

Tja Gert, DU hast die Veranstaltung anscheinend zu früh verlassen

so ist es Karsten, aber man kann ja nicht auf allen "Hochzeiten" tanzen

Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#183

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 11.07.2011 22:49
von 94 | 10.792 Beiträge

Na Du hast aber och ... @exgakl *wissendgrinszungerausstreck*

@ABV irgendwie wird Vergangenheit lebendig, Chapeau!


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#184

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 16.07.2011 22:33
von ABV | 4.202 Beiträge

Ein ganz großes Dank an alle Kommentatoren . Kommentare sind ja sozusagen das Brot des Künstlers. Na gut, ich will ja nun nicht gleich größenwahnsinnig werden.

Nun aber wird es Zeit für das nächste update

Viel Spaß damit
euer Uwe
Der November dieses in jeder Hinsicht denkwürdigen Jahres verabschiedete sich mit Schnee. Obwohl im Wetterbericht angekündigt, verursachte die weiße Pracht am ersten Tag das obligatorische Verkehrschaos. Zu diesem Zweck hatten findige Köpfe im Stab der BdVP Frankfurt (Oder) die „ Variante Glatteis“ ersonnen. Gegen 05:30 Uhr wurden alle Abschnittsbevollmächtigte des Oderbezirkes alarmiert und an die Hauptverkehrsstraßen befohlen. Dort sollten wir dann Präsenz zeigen und beruhigend auf die Kraftfahrer einwirken. So etwas liest sich natürlich leichter, als es in der Realität umgesetzt werden konnte. Schließlich musste ich ja selbst erst einmal mit heiler Schwalbe an dem mir zugewiesenen Punkt, die Fernverkehrsstraße 167 zwischen Libbenichen und Carzig, ankommen. Außerdem reagieren manche Kraftfahrer(innen) bei dem unverhofften Auftauchen einer Uniform erfahrungsgemäß besonders panisch. In meiner Eigenschaft als junger Familienvater verspürte ich natürlich wenig Lust mein noch junges Leben unter einem außer Kontrolle geratenen „Trabbi“ auszuhauchen. Aber wie durch ein Wunder überstand ich auch diesen Einsatz ohne jeden Kratzer. Wie im Oderbruch üblich, dauerte es nicht lange bis sich der Schnee in grauen, nassen Matsch verwandelte. Schon seit Kindesbeinen an hasste ich solch ein Wetter, dass stets auch mit einem bleigrauen Himmel und viel Schmutz einherging. Heute aber konnte es kein zum Anlass passenderes Wetter geben. Beinahe alle Volkspolizisten unseres VPKA’s hatten sich auf dem Sachsendorfer Friedhof versammelt, um den ehemaligen Abschnittsbevollmächtigten, Hauptmann der VP Alois F., die letzte Ehre zu erweisen. Mit ernsten Gesichtern warteten wir vor dem offenen, mit grünem Samt ausgeschlagenem Grab, auf das Ende der Trauerzeremonie in der gegenüberliegenden Friedhofshalle. Dort nahmen gerade die nächsten Familienangehörigen von Alois Abschied, während der Trauerredner noch einmal dessen Leben Revue passieren ließ. Mit scheuem Blick sah ich zu dem unscheinbaren dem Friedhof genau gegenüberliegenden Haus hinüber. Vor kurzem hatte ich noch mit Alois über die politische Entwicklung in unserem Land diskutiert. Ich sehe ihn noch vor mir, in seiner blauen Strickjacke, mit der unvermeidlichen Zigarette Marke „ Alte Juwel“ in der Hand. In Gedanken versuchte ich mich bei ihm wegen meiner in letzter Zeit weniger gewordenen Besuche zu entschuldigen. Mensch Alois, du weißt doch das man als Abschnittsbevollmächtigter so wenig Zeit hat. Ausgerechnet an seinem Sterbetag vor einer Woche, hatte ich ganz fest einen Abstecher zu Alois eingeplant. Wie es das Schicksal wollte, stritten sich ausgerechnet an diesem Tage besonders viele Leute in meinem Abschnitt. Als ich dann endlich gegen 18:00 Uhr meinen letzten Einsatz von meinem Dienstzimmer aus abmeldete, hatte der „ Operative Diensthabende“ noch eine unangenehme Überraschung für mich parat. „ Der S-Leiter möchte ich noch kurz sprechen,“ sagte er mit ungewohnt ernstem Unterton. Allen Anschein nach befand sich Hauptmann Helmut T., der „ Leiter Schutzpolizei“ im VPKA, direkt neben dem Diensthabenden. „ Guten Abend Genosse Bräuning,“ wurde ich vom S-Leiter begrüßt. Auch dessen Stimme klang, als wäre er stark erkältet. Hoffentlich will er mich jetzt nicht noch zu irgend einem Sondereinsatz verheizen, dachte ich voll Ingrimm. Schließlich wartete Alois bestimmt schon sehnsüchtig auf mich und die neuesten Nachrichten aus dem VPKA Seelow. „ Genosse Bräuning, bitte sage all deinen VP-Helfern Bescheid, dass unser Alois heute verstorben ist,“ murmelte der S-Leiter mit halblauter Stimme. Mit allem hätte ich gerechnet, nur damit nicht! Im ersten Moment glaubte ich noch an eine Sinnestäuschung, oder vielleicht war ja auch ein ganz anderer Alois gemeint? „ Ja, ist gut,“ sprach ich mechanisch in den Hörer, ohne die Nachricht wirklich erfasst zu haben. „ Komm Morgen bitte in mein Dienstzimmer. Dann besprechen wir beide die Modalitäten für die Trauerfeier. Für heute wünsche ich dir noch einen schönen Feierabend,“ sagte der S-Leiter zum Abschied. Schöner Feierabend? Nach solch einer Mitteilung? Verdammt, was sage ich nachher den VP-Helfern, warum Alois so plötzlich gestorben ist? Unfall oder Krankheit? Warum in aller Welt hatte ich den S-Leiter auch nicht danach gefragt? In diesem Augenblick fühlte ich mich leer und ausgebrannt, wie selten zuvor im Leben. In den nächsten Tagen erfuhr ich endlich die Gründe für den Tod meines Amtsvorgängers. Alois war Zeit seines Lebens ein glühender Idealist gewesen. Wie alle Idealisten so ging auch er davon aus, dass all seine Mitstreiter ebenfalls glühende Idealisten sind. In seinen vierzig Dienstjahren und auch in der folgenden Zeit als VP-Helfer setzte er alles daran, um seine DDR und den vermeintlichen Aufbau des Sozialismus mit aller Kraft zu schützen. Als schließlich das MfS seine beiden Söhne seine Reihen holte, war es Alois der mit väterlicher Überzeugungsarbeit ihre diesbezüglichen Zweifel zerstörte. Für Alois gab es keinen Zweifel, dass die DDR auf der besseren Seite der Geschichte stand. Als junger Mann hatte er die Schrecken des letzten Krieges noch hautnah miterleben müssen. Gerade hier im Oderbruch, wo ganze Orte komplett in Schutt und Asche sanken, waren die Nachwirkungen dieser größten menschlichen Tragödie noch lange spürbar. Was lag also für einen jungen engagierten Menschen wie ihn näher, als am Aufbau einer neuen, gänzlich anderen Gesellschaft mitzuwirken, welche sich die Abschaffung von Krieg und Ausbeutung auf die Fahnen geschrieben hat? Vier Jahrzehnte lang schützte er nun unermüdlich in seinem am Südrand des Oderbruches gelegenen Abschnitt den Aufbau der DDR. Gegen Ende der fünfziger Jahre kreuzte sich sein Lebensweg für eine kurze Zeit mit dem eines gewissen Rudolph Bahro. Dieser war damals von der SED nach Sachsendorf geschickt worden, um dort Agitationsarbeit für die sich im Entstehen begriffenen Landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaften zu leisten. Keine leichte Aufgabe, welcher freie Bauer wollte schon zum normalen Stallarbeiter degradiert werden?
Wer hatte wohl zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass dieser ebenfalls von den Idealen des Sozialismus durchdrungene Intellektuelle, einmal zu den verfemten „Staatsfeinden“ der DDR zählen würde? Dabei wollte auch Bahro, wie später das „Neue Forum“ den Sozialismus nur verbessern, aber keineswegs beseitigen. Während meiner Zeit als Abschnittsbevollmächtigter wusste ich von Bahros Sachsendorfer Intermezzo nichts. Gehörte er doch damals zu den absoluten „Unpersonen“ in der DDR, von denen niemand öffentlich zu sprechen wagte.
Viel lieber erinnerte man sich im Kreis Seelow an den ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, welcher in Zechin eine Zeitlang als Tischlerlehrling tätig war. Das Haus in dem sich die Werkstatt befand, Schauplatz so mancher Pflichtveranstaltung von Pionierorganisation und FDJ, mutierte mehr und mehr zum Wallfahrtsort. Auch Karl Liebknecht hatte seine Spuren im Oderbruch hinterlassen. Obwohl sein Job als Assessor im Seelower Gericht eines kommunistischen Arbeiterführers nicht so ganz würdig erscheint.
Indira Ghandi, Jassir Arafat und Kim Il-Sung, hatten das Oderbruch besucht und diesen und jenen Eindruck hinterlassen. Aber das Rudolph Bahro ausgerechnet in Sachsendorf wirkte, davon redete niemand. Vielleicht war der damals erst vierundzwanzigjährige vom Sozialismus Made in GDR noch überzeugte Bahro auch niemanden weiter aufgefallen? Schade das ich Alois nun nicht mehr nach seinem Wirken in Sachsendorf befragen kann.
Ja mein lieber Alois, du hättest einen guten Zeitzeugen abgegeben! Aber im November 1989 fiel innerhalb weniger Tage deine Welt plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Du musstest auf brutale Art und Weise erkennen, dass ausgerechnet die Menschen denen dein uneingeschränktes Vertrauen gehörte, deine Ideale über Jahre hinaus mit Füßen getreten hatten! So manch vorgeblich Tag und Nacht unermüdlich für das Wohl der Werktätigen kämpfende Parteiobere, entpuppte sich als korrupter, verkommener Provinzfürst. Du warst so stolz auf deine DDR, die ja zu den führenden Industrienationen der Welt gehörte. Und nun musstest auch du aus dem Munde eines gewissen Ernst Hofer, seines Zeichens Finanzminister der DDR, hören, dass diese DDR längst pleite ist. Zum monetären gesellte sich nun auch noch der weit schlimmere moralische Bankrott. Überall wurde gelogen und betrogen, selbst bei den Wahlen wurde kräftig beschissen! Seine Jungs schützten nicht die DDR und den Frieden, sondern lediglich Privilegien einer kriminellen Politikerkaste. Nun stehen sie vor dem Ende ihrer beruflichen Karriere und laufen Gefahr als Sündenbock fungieren zu müssen. Mensch und du hast sie dazu noch überredet! Ja, auch ich hätte es sehen müssen, wie dich jede Nachricht mehr und mehr erregte. Aber es war schwer, geradezu unmöglich in dieser Phase etwas vor dir geheim zu halten. Jede neue Enthüllung regte dich, den kleinen Polizisten der sich nie etwas gönnte und Tag und Nacht buchstäblich den Arsch aufriss, immens auf. Ich wusste es, ahnte aber nicht wie es wirklich um dich stand. Eines Abends hatte er sich dann so sehr aufgeregt, dass ihm buchstäblich „der Schlag traf“. An den Folgen dieses Schlaganfalls verstarb er just an diesem Tage, wo ich von einem Nachbarschaftsstreit zum anderen durch den Abschnitt hetzte. Nicht auszudenken, wenn ich ausgerechnet an diesem Tage im Hause F. aufgetaucht wäre! „ Macht euch fertig, sie kommen gleich mit dem Sarg“, gab der S-Leiter das Kommando zur Aufstellung. In unseren grünen Uniformen hoben wir uns farblich doch ein wenig von der dunklen Trauerkleidung der zivilen Trauergäste ab. Es war beinahe die gesamte Einwohnerschaft von Sachsendorf erschienen. Zwischen einfachen Arbeitern und Bauern befanden sich aber auch die Vertreter von Gemeinden und Betrieben, mit denen Alois in seiner aktiven Zeit zu tun hatte. Wenigstens hier, auf dem Friedhof, stimmte das Bild von einer homogenen sozialistischen Mustergesellschaft. Vier kräftige Männer trugen den mit einem Fahnentuch geschmückten Sarg zu seinem letzten Bestimmungsort. Hinter ihnen lief, von ihren Söhnen gestützt, die sich kurz vor dem psychischen Kollaps befindliche Witwe. Ich konnte den Anblick nicht mehr ertragen und schlug die Augen nieder. Behutsam setzten die Träger ihre Last vor dem Grab noch einmal ab. Auf ein Kommando trat eine Ehrenformation der Volkspolizei mit Maschinenpistolen in den Händen, an den Sarg heran. Nach einem weiteren Befehl zeriss mit lautem Krachen Ehrensalut die feierliche Stille. So etwas gehörte nun einmal zu einem Begräbnis mit militärischen Ehren dazu. Wer hätte wohl gedacht, dass Hauptmann a.D. Alois F. als letztem im VPKA Seelow diese zweifelhafte Ehre zuteil wurde?
Bevor der Sarg nun endgültig in die ewige Finsternis versenkt wurde, entfernte ein Offizier das Fahnentuch. Gibt es nun auch schon nicht mehr genügend Fahnen, oder warum gönnt man unseren Alois diesen Schmuck nicht auf seinem Weg in die Ewigkeit? In der Volkspolizei regelten aber nun einmal Vorschriften nicht nur wie ein Polizist gefälligst zu leben, sondern auch wie er am Ende in die Grube zu fahren hat. In den von nüchterner Sparsamkeit bestimmten Verordnungen fand sich ganz sicher kein Spielraum für solch sentimentale Verschwendung wertvollen Fahnentuchs. Mein Gott knappe zehn Monate später hätte der Lappen ohnehin nur noch fürs Museum getaugt. Als man den Sarg mit unseren Alois darin in die Tiefe versenkte, war mir als würde mit ihm auch ein Stück DDR beerdigt. Und zwar jenes Stücks welches man mit Fug und Recht als den anständigeren Teil dieses sich im Untergang befindlichen Landes bezeichnen darf. In was für einer eigenartigen Welt wir doch leben?
Dem einen trifft vor Wut und Enttäuschung der Schlag, während andere ohne Probleme ihr Mäntelchen in den Wind halten und sich auf die Seite der Sieger schlagen. Menschen vom Schlag eines Alois F. gab es in der DDR noch mehr. Es gab sie im Partei und Staatsapparat genauso wie bei den Schutz und Sicherheitsorganen. Heute weiß man aber auch, dass ihre
„ Blauäugigkeit“ dazu beitrug, dass der Gesellschaft die notwendigen Reformen bis zum Untergang vorenthalten wurden. Leider sind Idealisten wohl auch dazu verdammt, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen. Tragisch nur, wenn einem dann die Scheuklappen genommen werden!
Ruhe sanft, lieber Alois!


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#185

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.07.2011 09:57
von SEG15D | 1.121 Beiträge

@Uwe

Wow, habs grad verschlungen und sage: starker Tobak! Sehr emotional beschrieben, hab ein paar mal schlucken müssen..
Der ging unter die Haut!
Danke Dir

lieben Gruß SEG15D



zuletzt bearbeitet 17.07.2011 11:27 | nach oben springen

#186

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.07.2011 10:56
von Commander | 1.056 Beiträge

Hallo Uwe,wie immer
Gruß C.



nach oben springen

#187

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.07.2011 11:02
von Marder | 1.413 Beiträge

Hallo,
wie immer sehr interessant geschrieben und sehr gut zu lesen. Wenn es das mal in Buchform gibt möchte ich eines haben
MfG Jürgen

Ps. Die Fahne über dem Sarg wird normal den Angehörigen übergeben. So kenne ich es jedenfalls.


Er wirft den Kopf zurück und spricht: "Wohin ich blicke, Lump und Wicht!" Doch in den Spiegel blickt er nicht.
Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selber. Er lässt auch anderen eine Chance.
Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.
Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt.

Wer Rechtschreibfehler findet kann sie behalten.
nach oben springen

#188

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.07.2011 12:09
von Gert | 12.354 Beiträge

Uwe, wie immer sehr erfrischende Lektüre.

Schönen Sonntag


Grüße vom Rhein an die Oder
Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#189

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.07.2011 17:40
von PF75 | 3.293 Beiträge

gut wie immer ,freue mich auf die fortsetzung


nach oben springen

#190

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.07.2011 18:26
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Zu allererst mein obligatorischer Dank an alle Kommentatoren, Leser und sonstigen Interessenten meines Erlebnisberichtes.
@Marder Danke für deinen Hinweis. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob den Angehörigen von Alois die Fahne im Anschluss an die Trauerfeier ausgehändigt wurde. Mein, subjektiver Eindruck, besagt eher das Gegenteil. Aber beschwören möchte ich das natürlich auch nicht.

So nun folgt das nächste update
wie immer wünscht viel Spaß beim Lesen
der ABV vom Oderstrand

Anfang Dezember 1989 fand das folgende Telefongespräch zwischen dem Kaderoffizier Hauptmann der VP Sylvia R. und dem „Operativen Diensthabenden“ des VPKA Seelow, statt.

Hauptmann R. : Guten Morgen Genosse Oberleutnant. Hier ist die Genossin R.
Hat sich der Genosse Müller heute schon gemeldet?
ODH: Den Genossen Müller gibt es nicht mehr!
Hauptmann R. ( erschrocken): Mensch, mache keinen Mist!
ODH: Es gibt nur noch den Herrn Müller und du bist die Frau R.!
Hauptmann R. ( zu tiefst empört): Na höre mal! Ich bin die Genossin R., ich bin Genossin. Und das werde ich auch immer bleiben!
ODH im trockenen Ton: Das kannst du ja, aber bitte nach Dienstschluss.

Was war geschehen? Nachdem am 01. Dezember die Volkskammer den „Führungsanspruch“ der SED aus der Verfassung strich, fiel kurz darauf auch die übliche Anrede Genosse bzw. Genossin in den „ bewaffneten Organen“ dem sich rapide verändernden Zeitgeist zum Opfer. Der eine hatte damit mehr und der andere weniger Probleme, wie das oben zitierte Telefongespräch zeigt. Nachdem nun auch Volkspolizisten ohne dienstliche Konsequenzen fürchten zu müssen aus der SED austreten konnten, gab es nun auch nach Dienstschluss immer weniger Genossen im VPKA Seelow. Auch ich legte eines frühen Morgens dem Parteisekretär mein Dokument auf den Tisch, wie es so schön hieß. Dieser, ein schmächtiger Enddreißiger mit kurzen rotblonden Haaren, sah mich mit resigniertem Gesichtsausdruck an.
„ Na, gib es schon zu, du willst wohl auch Beamter werden?“ Ich schüttelte erstaunt den Kopf, eine Karriere als Beamter stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf meinem persönlichen Lebensplan. Warum auch? Es gab zwar bisher erste Erwägungen auch bei der Volkspolizei eine Beamtenlaufbahn einzuführen, aber dieser Gedanke war doch nur einer von vielen in dieser chaotischen Zeit. Nein, der Genosse Bräuning hatte einfach gestrichen die Schnauze voll! Im Prinzip war es aber auch der Versuch einer Flucht vor der eigenen Verantwortung, verbunden mit der Hoffnung das ich mit der Abgabe des Parteidokumentes mit dem ganzen Schlamassel Namens SED nun nichts mehr zu tun haben werde. Das war natürlich ein Trugschluss, wie neben mir noch sehr viele andere verspüren mussten. Mich plagte das schlechte Gewissen, als ich mit verlegenem Gesichtsausdruck das Ende meiner Mitgliedschaft per Unterschrift endgültig quittierte. „ Ich bin einfach enttäuscht und kann mich mit der SED nicht mehr identifizieren,“ murmelte ich eine wie mir schien, halbwegs nachvollziehbare Erklärung. Bis zur letzten Sekunde Phrasen, nichts als Phrasen! Hatte ich mich denn je mit der SED identifiziert? Ja, wenn es darum ging das Leben in der DDR zu verbessern und schöner zu gestalten, sicher! Aber konnte ein einfaches SED-Mitglied überhaupt Einfluss auf irgendwelche Vorgänge und Entwicklungen im Staate nehmen? In diesem Falle kann es wohl nur eine Antwort geben, ein klares und deutliches Nein! Für mich gehörte die Mitgliedschaft in der SED ganz einfach dazu, ansonsten wäre mir der Dienst als Abschnittsbevollmächtigter von vornherein verwehrt geblieben. Die Mitgliedschaft war genauso obligatorisch wie die einstimmige Zustimmung zu irgendwelchen längst abgesegneten Beschlüssen und die ehrliche Meinungsäußerung hinter vorgehaltener Hand. So etwas musste einfach schief gehen, wie die Geschichte nun eindrucksvoll bewies. Aber jetzt fehlte mir noch immer der Mut, dem Parteisekretär die ganze Wahrheit zu sagen.
Wie ein geprügelter Hund schlich ich mich nach draußen, statt der erhofften Erleichterung breitete sich in meinem Inneren eine tiefe, brennende Leere aus. Wie auch immer, mit dem Ende der Parteimitgliedschaft endete auch ein Teil meines Lebens! Wie bereits angedeutet, wirklich entfliehen konnte ich diesen Abschnitt meines Lebens auch später nie. Das ist auch gut so, ansonsten wären diese Zeilen wohl auch nie zu Papier gebracht worden. Nach so vielen Parolen wurde nun seitens der Polizeiführung verkündet, dass jeder der sich mit der neuen politischen Situation nicht arrangieren kann, sofort den Dienst quittieren kann. Wie hieß es doch noch vor ein paar Wochen? – Wem in Zeiten wie diesen die Knie weich werden, hat in meinen Augen für immer „abgegessen“. Wie so oft in der deutschen Geschichte, hielten die Verkünder solch markiger Worte am ehesten den eigenen Prinzipien nicht stand.
Ein einzelner gerade erst zum Unterleutnant ernannter Seelower VP-Angehöriger brachte die moralische Größe auf, in diesen Tagen seinen Dienst zu quittieren. Er konnte die plötzliche „Kehrtwendung“ nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren und suchte sich lieber eine andere Arbeit. Diesem Unterleutnant gehört noch heute mein tiefster Respekt!
Anfang Dezember ergab sich aber auch noch eine andere, längst überfällige Erneuerung: die bis dahin noch aufrecht erhaltene Reisebeschränkung für die Mitarbeiter der „bewaffneten Organe“ entfiel. Nun konnte tatsächlich jeder DDR-Bürger in den „ goldenen Westen“ reisen.
So kam es dann das sich nun zwischen den Ausweisstapeln die ich noch immer einmal in der Woche zum Abstempeln ins VPKA brachte, auch der meiner Ehefrau und mein eigener Personalausweis befand. „ Oh, du willst auch nach Westberlin,“ stellte eine freundliche Kollegin, im „normalen Leben“ als Sekretärin des Feuerwehrchefs fungierend, mit einem reizenden Lächeln fest. „ Ja, na ja,“ stotterte ich mit dem unangenehmen Gefühl gerade bei etwas sehr peinlichem ertappt worden zu sein. „ Ich war schon vorige Woche gucken gewesen. Aber wenn ich dir einen Rat geben kann, fahre nicht nach Kreuzberg. Dort sieht es genauso schmuddlig aus wie bei uns im Osten. Außer das es bei uns keine Türken gibt.“
Aha, da haben wir ja mal wieder einen bisher unbekannten Engpass festgestellt. Wir hatten ja nun mal gar nix in der DDR, nicht einmal Türken! Immerhin schaffte es die Kollegen meine kleinlichen Bedenken hinsichtlich meiner unverhofft in Aussicht getretenen „Westreise“ quasi mit einem Lächeln zu zerstreuen.
Ein paar Tage später war es dann endlich soweit. Vorher hatte ich mir von Hauptmann B. dienstfrei genehmigen lassen. Zu meinem Erstaunen wartete der alte Knabe gleich mit ein paar Tipps auf, wo man am günstigsten für die 100 DM-Begrüßungsgeld einkaufen konnte.
Mensch, jetzt war Eile geboten um nicht am Ende noch als letzter die offene Mauer zu passieren. „ Lass aber bitte deinen Dienstausweis Zuhause,“ ermahnte mich B. zum Abschied. „ Vielleicht bekomme ich dafür ja noch extra Zaster,“ flachste ich. Die Ermahnung erfolgte obligatorisch, noch immer bestand unterschwellig die Furcht vor irgendwelchen westlichen Geheimdiensten. Aber was sollten die wohl von mir wohl erfahren, jedenfalls nichts was nicht schon längst bekannt ist.
An einem frühen Dienstagmorgen machte sich nun ein kindlich aufgeregter Abschnittsbevollmächtigter der Deutschen Volkspolizei in Begleitung seiner Ehefrau auf dem Weg zum „ Klassenfeind.“ Unser Sohn befand sich derweil in der Obhut einer Nachbarin, welche sich gerade selbst im „Babyjahr“ befand. Für nicht eingeweihte, in der DDR konnten Mütter nach der Geburt ihres Kindes praktisch ein ganzes Jahr in den Urlaub gehen. War ja nicht alles schlecht, in der DDR.
Um die Menschenmassen von Seelow zum vierzig Kilometer entfernten S-Bahnhof Strausberg zu verfrachten, hatte der „ VEB Kraftverkehr“ eigens eine Sonderlinie eingerichtet. Mit zögernden Schritten, den Kopf leicht gesenkt, näherte ich mich nun dem Busbahnhof in der Breiten Straße, dort wo sich heute der „Netto-Markt“ befindet. Sinnigerweise erwartete ich jeden Augenblick dass irgend jemand mit dem ausgestreckten Finger auf mich zeigte und „ guckt mal der rote Bulle will auch in den Westen fahren“ brüllte. Zu meiner großen Erleichterung blieben solcherart Unmutsbekundungen aber aus. So reihten wir uns dann ein in die Schlange der mit erwartungsvollen Gesichtern auf die Abfahrt des bereitgestellten Ikarus-Busses wartenden Menschen. Endlich setzte sich das Gefährt in Bewegung, um über Müncheberg und Herzfelde den besagten S-Bahnhof anzusteuern.
„ Schau mal wie grau die Blätter sind,“ sagte meine Frau als wir gerade durch Herzfelde fuhren. „ Der ganze Dreck stammt vom Rüdersdorfer Zementwerk. Meine Schwägerin wohnt hier, an manchen Tagen können die nicht einmal die nasse Wäsche zum trocknen aufhängen. Aber das ist ja alles nicht wahr, wenn es nach den SED-Bonzen geht,“ meinte ein uns gegenüber sitzender Mann. Was sollte ich wohl dazu sagen? Immerhin veröffentlichten nun auch unsere Zeitungen die bis vor kurzem noch als Staatsgeheimnis geltenden Umweltdaten. Obwohl jeder ahnte das es nicht gut um unsere Umwelt stand, waren wir doch alle sehr geschockt. Wie hatte noch vor ein paar Jahren ein polnischer Kollege meines in der Zuckerfabrik Letschin arbeitenden Vaters so treffend gesagt: Wie schafft die DDR nur immer, dass die Smogbelastung immer vor der Mauer endet?“ Wie wohl, in dem man solche Erscheinungen einfach negiert. Auch dann, wenn die Umweltbelastung wie im Raum Herrzfelde-Rüdersdorf beim besten Willen nicht mehr übersehen werden kann. Immerhin brachte der Rüdersdorfer Zement, ein beliebter Markenartikel, dem Staat einiges an Devisen ein. Kein Wunder also, dass niemand die damit verbundenen Umweltzerstörungen auch nur erwähnen durfte! Nun nachdem wir auch Hennickendorf hinter uns gelassen hatten, war es nicht mehr weit bis zum Strausberger S-Bahnhof. In mir tobte eine unvorstellbare Euphorie, wie ein Kind das zum ersten Male eine bis dato unbekannte Welt erleben durfte. So war es ja auch, nur das ich natürlich kein Kind mehr war. Am liebsten hätte ich jedem einzelnen Fahrgast erzählt, das ich nach Westberlin fahre. Das war natürlich Schwachsinn! Erstens hätte das ohnehin keinen interessiert und zweitens hatten ohnehin alle im Bus sitzenden, mit Ausnahme des Fahrers, ohnehin das gleiche Reiseziel: Westberlin! Endlich erblickte ich nun den Bahnübergang, vor dem sich ausgerechnet jetzt die rot-weißen Schrankenbäume senkten. Nun musste der „Westen“ also noch mindestens drei Minuten länger auf mich warten. Bei dieser Gelegenheit tat meine Frau das, was sie an dieser Stelle immer tat. Sie zeigte auf den gegenüberliegenden Schuhladen und berichtete wie sie hier einst, kurz vor der Jugendweihe stehend, ein paar sündhafter teurer Schuhe dem mütterlichen Geize abtrotzte. Ich wollte mir lieber nicht vorstellen, welch peinliche Szene im Frühjahr 1977 den kleinen Laden erschütterte. Bei meiner Frau hatte sich jedenfalls dieses triumphale Ereignis so tief ins Gedächtnis eingegraben, dass ich die Heldenstory jedes Mal wenn wir in Strausberg waren, in haarkleinen Details präsentiert bekam. Ihre Worte erreichten meinen Gehörgang ohnehin nicht, zu viele Gedanken schossen mir im Kopf herum. Pfeilschnell flog die aus Richtung Neuenhagen kommende S-Bahn in Richtung Strausberg-Nord, dem Sitz des Ministeriums für Nationale Verteidigung, vorbei. Durch die Geschwindigkeit bedingt, verschwammen die Gesichter all der sich hinter den Fensterscheiben befindender Fahrgäste zu einer einzigen anonymen Masse.
Endlose Momente später hielt der Bus nun endlich in der Nähe des Strausberger Bahnhofes. Gut sechs Jahre vorher, im November 1983, begann an dieser Stelle die erste Etappe meines Wehrdienstes. Mit vielen anderen jungen Männern wurde ich von einem freundlichen Herrn in Empfang genommen und bis zum berüchtigten „ Schloss Schleifstein“, dem Ausbildungsobjekt der rings um und in Berlin stationierten Grenztruppen. Der Bahnhof Strausberg spielte auch später noch eine zentrale Rolle in meinem Leben. Sowohl als heimkehrender Soldat als auch später, während meiner Zeit als Berliner Volkspolizist, stellte der Bahnhof Strausberg so etwas wie eine Pforte in die Heimat für mich dar. Wie viele Stunden hatte ich wohl hier, in der Bahnhofsgaststätte oder draußen auf dem schmalen Bahnsteig mit Warten verbracht? Nie wäre mir aber in den Sinn gekommen, hier einmal auf eine S-Bahn zu warten, die mich in den „Westen“ bringt.
Auf dem Bahnsteig von dem laut Fahrplan in wenigen Minuten die S-Bahn in Richtung Friedrichstraße abfahren sollte, mühten sich ein paar sichtlich überforderte Transportpolizisten damit, die wartenden Menschenmassen in Schach zu halten. Ohne jegliche Rücksicht auf den Nebenmann, egal wie alt oder gebrechlich dieser auch erschien, drängten die Menschen zu den kurz zuvor eingefahrenen S-Bahnwagen. Wem es jetzt nicht gelang dort hineinzugelangen, musste mindestens fünfundvierzig Minuten bis zur Abfahrt der nächsten S-Bahn in Richtung Friedrich-Straße warten. Eine wohl unzumutbare Zeit, angesichts des lang ersehnten Reiseziels. So gut es ging versuchte ich meine Frau vor den Rempelein der uns wie ähnlich einem riesigen Moloch aufsaugenden Menschenmenge zu schützen. Das hier ist also der Beginn des „Ellenbogenzeitalters“ in der DR, dachte ich vol bitterem Sarkasmus. Mir fiel ein von meinem früheren Lehrwachtmeister in Berlin zum besten gegebener Witz ein: In der VP-Schule Neustrelitz wird ein angehender Volkspolizist von einer aus höheren Offizieren bestehender Kommission geprüft. So weit war bisher alles zur Zufriedenheit verlaufen, bis zur letzten Frage. „ Stellen Sie sich mal vor Genosse Unterwachtmeister, dass Sie während ihrer Streife ein Loch im Antifaschistischen Schutzwall feststellen. Was würden Sie denn in diesem Falle konkret unternehmen?“ Der junge Volkspolizist kratzt sich an den Ohren, verleiht seinem Gesicht einen „schwejkschen Ausdruck“ und antwortet kurz und knapp: „ Genosse Major, ich würde sofort beiseite gehen!
„ Was würden Sie? Warum das denn?“ erkundigt sich der etwas verwirrte Major. „ Na meinen Sie Genosse Major, ich bin so dämlich und lass mich von den Massen zu Tode treten?“
Ein Witz mit geradezu prophetischer Aussage, denn der Druck der rücksichtslos schiebenden Reisenden konnte tatsächlich zur lebensgefährlichen Falle werden. Ohne unser Zutun wurden wir glücklicherweise dann aber wie in einem Sog bis in das Innere eines S-Bahnwagen mitgezogen. Zusammengedrängt wie die Heringe in einer Büchse, hockten wir nun im dem Abteil. „ Wie viele Stationen sind es eigentlich bis in die Friedrichsstraße,“ erkundigte sich meine Frau. „ Keine Ahnung, zehn oder zwölf,“ antwortete ich auf Grund der Umstände etwas genervt. „ Noch zwölf Stationen bis in die Freiheit“ murmelte im salbungsvollen Ton eines orthodoxen Geistlichen, ein beinahe auf meinem Schoß hockender grauhaariger Mann. Mein Gott wie kann in dieser Enge, fast ohne Sauerstoff, noch zu so theatralisch sein? Mit einem lauten Pfiff gab eine blauuniformierte Reichsbahnangestellte kelleschwingend das Signal zur Abfahrt. Nach einer Weile zogen wie in einem Film, Schauplätze meines bisherigen Lebens draußen an mir vorbei. In Kaulsdorf, unweit des S-Bahnhofes, begann im Juni 1985 meine Laufbahn als Volkspolizist. Im benachbarten Biesdorf verbrachte ich drei Jahre im dortigen VP-Wohnheim. Gegenüber vom S-Bahnhof befindet sich der große Schlosspark, in dem ich mit meinem Zimmerkumpel so manch eine Joggingrunde absolvierte. In dem Schloss selbst existierte die umfangreichste Leihbücherei Berlins, die auch meinen Lesehunger stillen konnte. Auch der Imbissstand an dem ich so manche „Kettwurst“, das war die DDR-Variante des „Hotdogs“ verspachtelte, existierte noch. Achtzehn Monate zuvor hatte ich das alles hinter mir gelassen und war nach Hause ins Oderbruch zurückgekehrt. Für keinen Preis dieser Welt war ich länger bereit, die lichte Weite meiner Heimat gegen die engen übervölkerten Neubaugebiete von Marzahn und Hellersdorf einzutauschen! Auf dem ersten und auch auf dem zweiten Blick hatte sich da draußen nichts verändert. Auf der zum Wohnheim führenden Oberfeldstraße rollte wie immer eine aus Trabants und Wartburgs bestehende Blechkarawane. Vor dem Bahnübergang hatte sich ein Verkehrspolizist mit seinem Funkkrad postiert, nichts schien anders zu sein wie im Jahre 1988. Weiter ging die Fahrt, vorbei am Ehrenfriedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde. „ Wenn die Jungs wüssten wat heute los is in ihre DDR, denn würden die sich glatt im Grabe umdrehen,“ rief ein schnauzbärtiger großgewachsener Mann in der hiesigen Mundart. Nun tauchte der Fernsehturm, das Wahrzeichen (Ost)Berlins, im Blickfeld auf. Nun war es nicht mehr weit bis zum Grenzbahnhof Friedrichstraße. Mein Herz klopfte im Takt der Schienenstöße ein regelrechtes Stakkato, je mehr wir uns dem vorläufigen Ziel unserer Reise näherten.
„S-Bahnhof Friedrich-Straße, S-Bahnhof Friedrich-Straße, dieser Zug endet hier und fährt zurück nach Strausberg,“ knarrte eine nicht unsympathische Frauenstimme, etwas verzerrt, aus einem der Lautsprecher. Diesen Teil des Bahnhofes kannte ich ebenfalls noch aus meiner Berliner Zeit. Nicht weit von hier, am Reichstagsufer, befindet sich die zum „Wachkommando Missionsschutz“, zuständig für die Sicherung von diplomatischen Einrichtungen, gehörende „ Wache Mitte.“ Vor gut vier Jahren absolvierte ich hier im Herzen Berlins mein Praktikum, bis man mich nach Pankow verfrachtete. Im September 1987 war ich zum bisher letzten Mal auf dem Bahnhof Friedrich-Straße. Damals befand ich mich mit ein paar Kollegen oder auch Genossen wie es zu diesem Zeitpunkt noch hieß, auf dem Rückweg von einem Einsatz. An jenem Tag besuchte Erich Honecker die Bundesrepublik, wo er mit großem „Bahnhof“, wie unter Staatsmännern üblich, von Helmut Kohl empfangen wurde. Meine Dienstschicht musste derweilen gegenüber dem Gebäude der „ Ständigen Vertretung“ auf eventuelle Demonstranten warten. Es wurde befürchtet, dass einige Bürger ihren Unmut darüber bekunden könnten, dass ihnen eine Reise in die Bundesrepublik verwehrt wird, während ausgerechnet Erich Honecker dort empfangen wurde. Ich erinnere mich noch wie heute an die zynischen Worte von Major Sch., dem Leiter er für die Sicherung der „ StÄV“ zuständigen WKM-Abteilung, als er uns in die bevorstehenden Aufgaben einwies. „ Genossen, im Falle eines Einsatzes werdet ihr hinter einer Kette von jungen MfS-Leuten agieren. Die Jungs sind speziell ausgebildet, die machen das schon. Ihr braucht dann nur noch den „Dreck zusammenzufegen.“ Harte, vor allem dumme Worte, über die jeder einzelne meiner Kollegen im Anschluss den Kopf schüttelte. Gott sei Dank bekamen wir an diesem Tage keine Gelegenheit „ zum Dreckfegen“. Kein einziger Demonstrant „verirrte“ sich vor die ohnehin mit ständig von einem Großaufgebot von Sicherheitskräften abgeschirmte „ Ständige Vertretung“. Manchmal hängt es nur von Zufällen ab, ob man mit „sauberen Händen“ da steht, oder am Ende schwere Schuld auf sich laden musste. Auf dem Bahnsteig patrouillierten Volkspolizisten, mit umgehängten Funkgeräten.
Scheu sah ich mich nach eventuell bekannten Gesichtern um, konnte aber niemanden entdecken. Mit dem sicheren Instinkt eines Herdentieres folgten wir den vor uns herflutenden Massen zum Grenzübergang. Seinen unrühmlichen Beinamen, „Tränenpalast“, hatte diese Grenzstation seit dem 10. November 1989 wohl für alle Zeiten verloren. Schon von Anfang an, bei der so genannten Vorkontrolle, lächelten uns die Grenzer an. Soviel wie an diesem Grenzübergang im Spätherbst des Jahres 1989, wird heutzutage nicht einmal mehr im China-Restaurant gegrinst.
Was wäre wohl passiert, wenn plötzlich eine notwendig gewordene Festnahme die ungewohnte Harmonie zwischen Grenzern und Bevölkerung gestört hätte? Immerhin war es doch theoretisch möglich, dass sich auch einmal ein gesuchter Strolch zwischen all den fröhlichen Reisenden mogelt? Ich hatte immer mehr den Eindruck, bald aus einem Traum aufzuwachen. Das kann doch hier alles nicht wahr sein! Irgendwann hatte ich tatsächlich schon einmal geträumt, praktisch aus Versehen und unbemerkt, in Westberlin gewesen zu sein. Und zwar durch eine kleine versteckte Tür, mitten in der Mauer. Ja, ich weiß das ist natürlich Unsinn und wäre schon am Ausbau der Grenzanlagen gescheitert. Aber Träume richten sich nun einmal nicht nach menschlicher Logik! In meinem Traum hatte ich dann meiner Familie stolz von dem heimlichen Westtrip berichtet. Es ist wirklich skurril, welche Träume selbst einen Volkspolizisten nachts so heimsuchen! Aber das war nun kein Traum, sondern die unfassbare Wirklichkeit des Herbstes 1989! Prüfend, aber nicht unfreundlich, blickte nun ein sich hinter einem Schalter befindlicher Passkontrolleur in meinen Personalausweis. Widersinnigerweise befürchtete ich nun, dass der Genosse, Quatsch Herr Obertfähnrich, im letzten Moment noch „ ein Haar in der Suppe findet“ und mir damit den Trip nach Westberlin versaut! Ach i wo, unter dem freundlichsten Lächeln der Welt wurde mir nun endgültig die Weiterreise gestattet. Bekannte hatten uns den Tipp gegeben, bis zum „Hermann-Platz“ in Berlin-Charlottenburg zu fahren. Dort gab es ein großes Kaufhaus, mit dem schier unaussprechlichen Namen „ WOOLWORTH“ und auch sonst alles was das Herz eines DDR-Bürgers begehrt. Eigentlich wäre ich lieber in die Nähe von Reichstag und Brandenburger Tor gefahren, um das Treiben der Mauerspechte mit eigenen Augen zu sehen. Außerdem interessierte es mich brennend, ob dort tatsächlich Uniformen von Grenztruppen und VP als Souvenir verramscht werden. Das wäre ja tatsächlich so, als würde das Fell des Bären bereits zu seinen Lebzeiten verteilt werden! So wird doch nur mit im Krieg besiegten verfahren.
Durch eine Tür, dass „Schlupfloch“ aus meinem Traum existierte also wirklich, gelangten wir dann in den so lange für uns versperrten Westteil des Bahnhofes. Irgendwie erinnere ich mich dabei an ein Postenhäuschen aus dem ein Grenzer bis vor kurzem darüber wachte, dass keine unbefugten Personen in den Zug gen Westen stiegen. Das Postenhäuschen hatte nun wohl seinen Sinn verloren, wie wohl der gesamte Grenzübergang. Ich erschrak über diesen Gedanken, aber gab es denn wirklich eine andere Alternative? Langsam und allmählich aber dennoch unübersehbar, vollzog sich die schrittweise Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik. Es handelte sich lediglich um ein Spiel auf Zeit, dessen Sieger jedoch längst feststand. Über den von Kameras überwachten und noch zum Territorium der DDR gehörenden Westteil des Bahnhofs Friedrich-Straße, wehte ein Hauch wie aus einem Roman von John Le Carre. Irgendwie wirkte noch alles sehr düster und bedrohlich, so als wenn noch immer „ Spione aus der Kälte“ kämen.
Die Fahrt zum Hermann-Platz versetzte mich nun endgültig in Ekstase. Die Nase förmlich an die Fensterscheibe gepresst, sog ich jeden einzelnen Eindruck dieser imposanten Stadt in mir auf. Irgendwann erschien, wie eine Fata Morgana, die Mauer und das Reichstagsgebäude vor meinem Fenster. Wie eh und je flatterte die Deutschlandfahne hoch droben über der Kuppel des historischen Gebäudes. Erneut begaben sich meine Gedanken auf eine Zeitreise, zurück in das Frühjahr des Jahres 1986. Ich sah mich wieder als junger Volkspolizist, in dunkler Nacht auf dem Innenhof der „Wache Mitte“. Dieser befand sich unmittelbar an der Staatsgrenze und musste nachts von Doppelposten bestreift werden. Für diese langweilige, undankbare Aufgabe wurden vorwiegend Praktikanten eingesetzt. In dieser Nacht hatte ich gemeinsam mit meinem Zimmerkameraden, Hauptwachtmeister Rene S., Objektwache. Der aus dem sächsischen Riesa stammende S. hatte es bei der NVA immerhin bis zum Feldwebel geschafft. Aus diesem Grunde wurde er bereits als Hauptwachtmeister eingestellt, was sich vor allem auf dem Gehaltszettel recht angenehm auswirkte. Es war eine nasskalte, windige Frühlingsnacht. Im leisen Gespräch vertieft liefen wir bis zu der Stelle vor, an dem der Wachenhof direkt an die Berliner Mauer grenzte. Trotz des heftigen Windes, oder vielleicht gerade deswegen, vernahmen wir ein seltsames, scheinbar nie aufhörendes Klopfen, direkt in unserer Nähe. „ Weißt du was das ist?“ fragte mich Rene leise. Ich schüttelte den Kopf. „ Das ist die Fahne vom Reichstag.“ „ So nahe ist der?“ Meine Frage war natürlich reichlich einfältig. Vom Ostufer der Spree aus, hatte ich das nicht selten von einem immensen Krähenschwarm umflatterte Reichstagsgebäude mehr als einmal ausgiebig betrachtet. Es war eben nur so unvorstellbar, dass wir von einem Gebäude dass für uns unerreichbarer als der Mars erschien, eine Fahne im Winde flattern hören konnten. „ Das ist ja, als ob man Signale aus einer anderen Welt empfängt“, sagte ich mit leichtem Schauer und presste den Riemen der Kalaschnikow an mich. „ Was meinst du, ob wir jemals diese andere Welt betreten dürfen“ wurde ich von meinem noch immer andächtig lauschenden Kumpel gefragt. Ich schüttelte den Kopf. „ Nicht einmal als Rentner, schließlich sind wir doch Geheimnisträger.“ Wie ein Nebelschleier in der hellen Morgensonne, fiel das von mir reaktivierte Bild der Vergangenheit in sich zusammen. Nicht einmal vier Jahre waren seit dem Gespräch an der Berliner Mauer vergangen und nun fuhr ich ganz einfach so mit der S-.Bahn durch diese „andere Welt“. Immerhin, die Mauer wirkte aus dem Fenster meines Abteils, noch immer so gewaltig und abschreckend wie eh und je. Von den „ Mauerspechten“ schien noch niemand bis hierher vorgedrungen zu sein. Bunter als vom Osten gesehen, vor allem aber unbeschädigt, trennte der wohl am meisten gehasste Grenzwall Europas, eine Stadt. Ob in dem B-Turm dort noch immer Postenführer und Posten den „ Weltfrieden“ beschützten? Wenn ja, wie in aller Welt wurden diese Soldaten für den langweiligen, von jeglichen Sinn befreiten Dienst an der Grenze, motiviert? Wie mag sich wohl so ein Grenzsoldat fühlen, wenn er seine Nachbarn, Freunde oder seine Familie fröhlich winkend auf der anderen Seite der Mauer erblickt? Wer gibt ihm jemals die verlorene Zeit zurück, welche er nun auf seinem wahrhaft verlorenen Posten verschwendet? Statt der Mauer sehe ich nun Hochhäuser deren Fassaden so gänzlich anders aussehen, als ihre Gegenstücke im Osten. Unter mir, auf einer Straße rollen doppelstöckige Busse und Luxusfahrzeuge der Extraklasse. Alles, nicht nur die Berliner Mauer, erscheint hier in Westberlin so sehr viel bunter zu sein, als in meiner kleinen grauen DDR. In Anbetracht der vielen mehr oder weniger gelungenen an alle möglichen Wände gesprühten Graffitis, kam mir Westberlin schon wieder etwas zu bunt vor. In meinem Kopf ratterte ein Song umher, den ich zu Beginn der achtziger Jahre in der von „ Lord Knud“ moderierten Rias-Kultsendung „Schlager der Woche“ gehört hatte: „ Viele bunte Graffitis“. Dem Song besaß nicht das Zeug zum Ohrwurm, immerhin konnte er sich aber in meinen Gehirnwindungen festsetzen.
Am Hermannplatz angekommen, betrat ich nun zum ersten Mal Westberliner Gebiet. Mit offenem Mund, atemlos staunend, trabten meine Frau und ich gemeinsam durch eine Welt, die wir vorher nur aus dem (West)fernsehen kannten. Jetzt hieß es erst mal eine Bank finden, um das so genannte Begrüßungsgeld, pro Person 100 DM, in Empfang zu nehmen. Wie so oft an diesem Tag, mussten wir auch am Hermann-Platz nur der breiten Masse folgen. Es dauerte einige Zeit bis uns eine trotz allem Stress freundliche Angestellte die erste „harte DM“ in unserem Leben überreichte. Ehrfurchtsvoll betrachtete ich die natürlich ebenfalls bunten Geldscheine, mit denen wir uns nun in den nächsten Stunden ein paar Wünsche erfüllen werden. Zum Abschied schenkte ich der tapferen Dame hinter ihrem Schalter noch ein dankbares Lächeln, dann konnten wir uns endlich dem kapitalistischen Konsum widmen. Vor dem „Woolworth-Kaufhaus“ am Hermannplatz priesen fremd ausschauende Händler ihr sauber und ordentlich einsortiertes Gemüse an. Allein das Angebot dieser kleinen Stände übertrumpfte auch die für DDR-Verhältnisse immer gut bestückte Markthalle am Berliner Alexanderplatz. So viel Tomaten und Gurken gab es in allen Konsum-Läden zwischen Seelow und Ortwig das ganze Jahr über nicht. Trotzdem wollte ich mein Westgeld nicht für Gemüse ausgeben. Mit einem freudigen Ziehen in der Magengrube schritten wir nun in den „Konsumtempel.“ Ich erinnere mich noch wie heute an den Augenblick, als wir die Musikabteilung des Kaufhauses entdeckten. Kennt jemand das Gefühl, wenn man von einem extrem dunklen Zimmer hinaus ins helle Sonnenlicht tritt? Früher hatte ich darüber gelacht, wenn ein von einer Westreise heimgekehrter behauptet hatte, vom Warenangebot geblendet worden zu sein. Aber jetzt, in diesem Augenblick, überkam mich genau dieses schier unbeschreibbare Gefühl. Von allen Seiten lächelten berühmte Schlagerstars mit dessen Liedern auch ich groß geworden war, an. Nur unter Aufbietung sämtlicher Willenskräfte vermied ich, bereits hier das Begrüßungsgeld auszugeben. Eine MC von Gunther Gabriel und eine andere mit deutschen Schlageroldies, für die ich noch heute eine Schwäche hab, mussten fürs erste genügen. Weiter ging es durch die riesigen Abteilungen des Kaufhauses, durch die sich ununterbrochen ein riesiger menschlicher Lindwurm schlängelte. Trotz der sich offensichtlich in einen kollektiven Kaufrausch hineinsteigernden Kunden, waren Regale und Ständer ständig gefüllt. Für einen gelernten DDR-Bürger eine wahrhaft unglaubliche Erfahrung. Irgendjemand aus dem Bekanntenkreis hatte uns geraten, unbedingt einen Döner Kebab zu probieren. Um nicht gleich fünf kostbare D-Mark fürs Essen ausgeben zu müssen, teilten wir uns das mit Fleisch und Gemüse gefüllte Fladenbrot. So also schmeckt der Kapitalismus, dachte ich mir, dabei das frische noch warme Brot genießend. Jetzt sah ich auch zum ersten Male einen waschechten Westberliner Polizisten. Dieser, ein breitschultriger Mann von ca. fünfzig Jahren, dessen rundes gutmütiges Gesicht von einem dunklen Vollbart umrahmt wurde, lief in leicht vorgebeugter Haltung, die kräftigen Arme auf dem Rücken verschränkt, Streife. Aus der Brusttasche seines grünen Uniformanoraks ragte die Antenne eines schmalen rechteckigen Funkgerätes. Als der Polizist an uns vorbeilief, konnte ich ein Stück des scheinbar unablässigen Funkverkehrs mithören. „ Guck mal da läuft ein Kollege von dir,“ sagte meine Frau und wies mit der Hälfte ihres Döners in die Richtung des Polizisten. „ Na ja, ob wir beide wirklich Kollegen sind, möchte ich bezweifeln,“ gab ich meiner Skepsis Ausdruck. Würde ein Westberliner Polizist jemals einen Volkspolizisten als Kollegen akzeptieren? Zu unterschiedlich waren doch die jeweiligen ideologischen Ausrichtungen, von der Ausbildung ganz zu schweigen. Instinktiv verspürte ich Komplexe gegen über dem so eben aus meinem Blickfeld verschwundenem Polizisten. Nach dem Essen bummelten wir noch weiter durch Geschäfte und Straßen. In einem Laden, so unscheinbar dass ich dessen Namen vergaß, erwartete uns eine sehr sonderbare Begegnung. Der Beginn der Geschichte ist eben so banal wie symptomatisch für diese Zeit. Wir standen vor einem Regal mit Wegwerfwindeln der Marke „Pampers“. „ Oh schau mal Schatz, wollen wir nicht ein Paket davon mitnehmen? Die reichen doch für eine ganze Weile und ich brauche dann keine Windeln zu waschen,“ versuchte meine Frau an mein Gewissen als Ehemann und Vater zu appellieren. „ Du hast ja Recht, aber schau bitte auch mal auf den Preis,“ versuchte ich einzuwenden. „ Ja sicher. Warum sind die Dinger nur so teuer,“ grämte sich meine Frau.
In unseren Disput vertieft, hatten wir den älteren Herrn neben uns überhaupt nicht wahr genommen. „ Entschuldigen Sie bitte, dass ich ihr Gespräch belauscht habe. Aber legen Sie das Paket mit den Windeln ruhig in ihren Einkaufskorb. Ich werde für Sie bezahlen!“
Der Mann, dem äußeren Anschein nach längst im Rentenalter, wirkte selbst nicht eben wohlhabend. „ Das ist ja nett von ihnen, aber das können wir nicht annehmen,“ lehnte ich verdattert ab. „ Ach machen Sie mir doch die Freude und nehmen mein Angebot an. Die ganze Zeit wollte ich schon immer jemanden aus dem Osten etwas gutes tun. Das war und ist mein ganz persönlicher Wunsch in dieser Vorweihnachtszeit. Bitte erfüllen Sie mir meinen Herzenswunsch.“ Es war rührend und für jemanden wie mich beschämend, wie sehr sich dieser alte Mann darum bemühte zwei ihm völlig unbekannten DDR-Bürgern ein Paket Windeln zu schenken. „ Ich, wir können das wirklich nicht annehmen,“ versuchte ich noch einmal abzulehnen. In den Rehbraunen Augen des sich großherzigen Westberliners spiegelte sich eine tiefe Enttäuschung wieder. Wie konnte er auch ahnen, dass er mich mit seinem Verhalten gerade in eine tiefe moralische Krise gestürzt hatte? Es war mein dummer Stolz der es mir verbot in dieser netten Geste mehr als ein Almosen zu sehen. Ich kann mich doch als Volkspolizist nicht so weit erniedrigen und mich hier in Westberlin beschenken lassen! Andererseits erregte die gütige Art des Rentners mein Mitleid. Warum musste er sich auch unter den vielen Millionen, wie Heuschrecken in Westberlin einfallenden DDR-Bürgern, auch ausgerechnet einen Volkspolizisten welcher bis vor kurzem auch noch SED-Mitglied war, aussuchen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte er uns, verständlicherweise, keines Blickes gewürdigt. Vielleicht sollte ich mich ja zu meiner Tätigkeit bekennen? Ein leichter Schlag auf den Oberarm riss mich aus den Gedanken. „ Mensch habe dich bloß nicht immer so affig,“ zischte mir meine bessere Hälfte ärgerlich ins Ohr. Im nächsten Augenblick nahm sie das Angebot an und zauberte damit ein glückliches Lächeln in das Gesicht des Rentners.
Verstehe einer die Weiber! Statt männlicher Prinzipienfestigkeit überwiegt bei ihnen Pragmatismus. Na gut, wir Männer brauchen dafür eher selten die Windeln unseres Nachwuchses zu waschen. Meine Meinung über die Westberliner begann sich seit diesem Tage vollständig zu revidieren. Einmal mehr hatte sich für mich gezeigt, wie viel politischer Schwachsinn im Laufe der Zeit in unsere Hirne geblasen wurde.
Nicht unerwähnt bleiben soll hier eine schier märchenhafte Geschichte, welche ein hochrangiger VP-Offizier aus dem Bezirk Frankfurt (Oder) seinen Untergebenen aufzutischen gedachte. Sie berichtet nicht so sehr von westlicher Großherzigkeit als von östlicher Skrupellosigkeit, wenn es um den eigenen Vorteil geht.
Der Offizier, nennen wir ihn mal Oberstleutnant Schrader, besuchte zum ersten Male Westberlin. Ihm stand nicht so sehr nach Konsumgütern, der Herr Oberstleutnant interessierte sich mehr für Westberliner Polizeidienststellen. Schließlich könnte es ja sein, dass bald eine engere Zusammenarbeit mit den Kollegen von der anderen Seite der bröckelnden Mauer auf der Tagesordnung steht. Schrader, nicht feige, spazierte nun also frohgemut durch die Tür des nächsten Polizeiabschnittes. Als Oberstleutnant wollte er sich auch im Westteil Berlins nicht mit „einfachen Indianern“ abgeben. Aus diesem Grunde verlangte er sofort nach dem „Häuptling“, sprich Dienststellenleiter. Dieser besaß nicht nur keine Berührungsängste gegenüber Volkspolizisten, sondern auch viel Zeit. Gnädig gewährte er unserem Oberstleutnant eine Audienz. Im Verlauf des sich rege entwickelnden Gespräches, fiel beiden auf, dass sie über den selben, in deutschen Landen seltenen Familiennamen verfügten. „ Bist du etwa?....“ „ Bist du nicht... ? jetzt erinnere ich mich,“ stotterte beide glückselig. Wie es der Zufall so wollte, fand gerade in einer Westberliner Polizeidienststelle die private Wiedervereinigung zweier, durch die Nachkriegsereignisse getrennter Vettern statt. Vetter West zeigte sich derart gerührt, dass er Vetter Otter Ost, sobald einen nagelneues Auto, natürlich auch West, spendierte. Bei so viel Schmalz hätte wohl selbst Rosamunde Pilcher die literarische Reißleine gezogen! Es ist wohl eher davon auszugehen, dass der Genosse Oberstleutnant seine verwandtschaftlichen Beziehungen nie wirklich abreißen lies, auf welche Weise aber auch immer, geheim halten konnte. Ganz schön kaltschnäuzig der Mann! Immerhin gehörte er ja viele Jahre zu den Grossen im Establishment der Volkspolizei. Von ihm ist auch noch eine andere Anekdote überliefert. Kurz nach der Wiedervereinigung hatten ein paar seiner Mitarbeiter irgendwelchen Bockmist verzapft. Nun gehört es zu den Aufgaben eines Chefs seinen Unterstellten in solchen Fällen nicht nur in „ den Arsch zu treten“, sondern ihnen auch Hilfe zukommen zu lassen. Schrader aber wies seine über alle Maßen geknickten und um ihre Zukunft bangenden Kollegen mit den Worten, „ Seht mal zu wie ihr da wieder herauskommt. Ich kann euch auch nicht helfen, schließlich möchte ich ja nicht meine anstehende Übernahme in den höheren Polizeidienst gefährden!“
Müde und übersättigt von den vielen auf uns wie ein Sturzregen herabprasselnden Eindrücken, traten wir am späten Nachmittag die Heimreise ein. Vorher hatte ich mich noch einen Zeitungsladen aufgesucht, während meine Frau mit großen Augen durch ein Schmuckgeschäft wandelte. Inmitten der Presseartikel lieferte mir die große Auswahl an Pornoheften den ultimativen Beweis für die moralische Verkommenheit des Westens. Und für meine eigene, denn für die nächsten Minuten widmete ich mich ausgiebig den dort in allen möglichen Positionen abgebildeten Nackedeis. So unangenehm war die westliche Dekadenz nun auch wieder nicht. Gekauft habe ich mir so ein Heft aber nicht. Ich weiß nicht mehr was mich mehr von dem Erwerb abhielt, der Geiz oder die Furcht vor meiner Frau? Für unterwegs gönnte ich mir aber noch ein Exemplar der „ BILD-Zeitung“ und des Nachrichtenmagazins „Spiegel“, von denen ich schon sehr viel, aber nichts gutes, gehört hatte.
Zurückgekehrt am Grenzübergang Friedrich-Straße, erschienen die Grenzer noch immer so gut gelaunt wie Stunden zuvor. „ Männer wir sind alle wieder gekommen,“ rief ihnen eine sich augenscheinlich in Sektlaune befindliche Blondine mittleren Alters zu. „ Das will ich auch schwer hoffen,“ antwortete ein Feldwebel, den Zeigefinger mit gekünstelter Strenge in die Höhe streckend. Noch immer schien sich die gesamte DDR in einer einzigen Festtagslaune zu befinden. Herz, was willst du mehr?
Am Bahnhof Friedrichstraße spielten sich nun ähnliche Szenen ab, wie Stunden vorher in Strausberg. Erschwerend kam nun auch noch hinzu, dass die Menschenmassen mit irgend welchen Mitbringseln überladen waren. Allen Widrigkeiten zum Trotz, gelangten wir gesund und munter, ohne Verluste an unserem Einkauf, wieder in Strausberg an. Jetzt hieß es noch fünfundvierzig Minuten in der kalten Bahnhofshalle bis zur Abfahrt des Zuges in Richtung Kietz zu überstehen. Am Bahnhof Gorgast würde dann die Fahrt enden, wobei uns dann zum Finale noch ein Fußmarsch von über zwei Kilometern bevorstand. Dicht gedrängt standen nun die auf den Zug wartendende Gruppe, überwiegend aus Westberlin heimkehrender Leute. Aus Richtung der sich unmittelbar vor dem Eingang der leider verschlossenen Bahnhofsgaststätte befindlichen Toiletten drang eine nach Urin und Putzmitteln müffelnde Wolke in unsere Nasen. Warum hatte mich so etwas eigentlich früher nie gestört? Weil es „normal“ war und einfach zum Bahnhofsflair gehört? „ Schämt ihr euch nicht, ihr Arschlöcher?“, bellte ein Betrunkener, verkommen aussehender Kerl. Sein dunkles Haar hing ihm in dicken feuchten Strähnen ins Gesicht. Es schien als wolle er unbedingt Streit. „ Wisst ihr eigentlich wie erbärmlich ihr seid? Habt euch wohl in Westberlin gerade Bettelgroschen auszahlen lassen, ihr erbärmlichen Arschlöcher.“ Keine der Umstehenden erwiderte ein Wort, auf die Pöbeleien. Warum auch? Augenscheinlich wartete der Betrunkene doch nur darauf, dass irgend jemand „ den Ball zurückwarf.“ Nur ein kleines Mädchen, kaum älter als fünf oder sechs Jahre, bot dem Kerl die Stirn. Auf seine wiederholte provokative Frage, ob sich denn niemand schäme, trat die Kleine mit an den Hüften gepressten Händen, vor ihn hin. „ Du musst dich schämen! Ganz doll, denn du bist ja besoffen,“ krähte das Mädchen mit glockenheller Stimme. Laut lachend, zollten die Erwachsenen dem mutigen Kind Respekt. Das Lachen schien auch einen auf dem Bahnsteig stehenden Transportpolizisten angelockt zu haben. „ Na Herbert, belästigst du schon wieder die Reisenden,“ sagte er in gemütlichen Ton zu dem Betrunkenen. „ Ist ja gut Beppo,“ murmelte der Betrunkene und verlies ohne weitere Widerworte den Bahnhof. Hauptwachtmeister Küster, so lautete Naheliegenderweise der Name des Transportpolizisten, erkundigte sich noch ob vielleicht jemand Anzeige gegen „Herbert“ erstatten möchte und kehrte dann wieder zurück auf den zugigen Bahnsteig. Wenige Minuten später konnten wir unsere müden Knochen auf den abgeschabten Polstern eines Reichsbahnabteils ausruhen. Noch eine gute Stunde, dann waren wir wieder daheim im Oderbruch. Neben uns auf der Bank hockte ein einzelner, müde und apathisch wirkender Offizier der „Roten Armee“. Er war sicher auf dem Weg in die Kietzer Garnison, würde den Zug also erst nach uns verlassen. Seine Anwesenheit störte mich nicht, im Gegenteil. In der Gegenwart des sowjetischen Offiziers brauchte ich keine Hemmungen zu haben und mich nun der Lektüre der aus Westberlin mitgebrachten Zeitungen zu widmen.
„ Stasi deine Zeit ist um. Leipziger Bürger stürmen und besetzen die Leipziger Stasi-Zentrale“ titelte die „BILD-Zeitung“.
Erschrocken senkte ich die Zeitung, während meine Hände zitterten. Sollte aus dem Republikweitem Volksfest womöglich doch noch ein Bürgerkrieg werden?
Die Zeichen standen einmal mehr auf Sturm, in der DDR.


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#191

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.07.2011 21:47
von Marder | 1.413 Beiträge

Hallo ABV,
habe dies gleich mehrmals gelesen, weil enorm viel emotionales und informatives drin ist.
Einfach SUPER. Hättest evtl. statt Polizist Schriftsteller werden sollen.
Ich befürchte schon, dass die Wende bald vollzogen ist und deine Wendeerlebnisse damit enden und du mit dem Schreiben aufhörst. Dann kommste hoffentlich mit den Nachwendeerlebnissen.

Erkläre mir bitte folgendes.
"In der Gegenwart des sowjetischen Offiziers brauchte ich keine Hemmungen zu haben und mich nun der Lektüre der aus Westberlin mitgebrachten Zeitungen zu widmen."

Hat der Offizier dich dazu ermuntert oder hast du mehr das Gefühl des Schutzes gehabt?? ( Evtl. blöd ausgedrückt von mir)
In wie fern brauchtest du keine " Hemmungen" zu haben?
MfG Jürgen


Er wirft den Kopf zurück und spricht: "Wohin ich blicke, Lump und Wicht!" Doch in den Spiegel blickt er nicht.
Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selber. Er lässt auch anderen eine Chance.
Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.
Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt.

Wer Rechtschreibfehler findet kann sie behalten.
nach oben springen

#192

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.07.2011 22:48
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Marder!
Das ist ganz einfach zu erklären. Im Dezember 1989 war es noch nicht normal und selbstverständlich, dass ein Volkspolizist in der Öffentlichkeit Westzeitungen liest. Auf der Bahnstrecke Strausberg-Kietz musste ich natürlich damit rechnen von jemanden erkannt zu werden. In dem Falle wären mir auf jeden Fall Kopfschütteln, wenn nicht gar Hohn und Spott sicher gewesen. Vor ein paar Wochen hätte ich die Dinger noch konfisziert, zumindest theoretisch und heute schmökere ich selbst darin. Der sowjetische Offizier kannte mich ja nicht, so dass ich ihm gegenüber keinerlei Hemmungen haben musste.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#193

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.07.2011 22:56
von Marder | 1.413 Beiträge

Hallo ABV,
hatte ich falsch interpretiert.
So ist es logisch. Ich dachte der Offizier hätte direkt etwas damit zu tuen.
Schönen Abend noch ABV.
MfG Jürgen


Er wirft den Kopf zurück und spricht: "Wohin ich blicke, Lump und Wicht!" Doch in den Spiegel blickt er nicht.
Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selber. Er lässt auch anderen eine Chance.
Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.
Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt.

Wer Rechtschreibfehler findet kann sie behalten.
nach oben springen

#194

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 23.07.2011 13:59
von exgakl | 7.236 Beiträge

wie immer Klasse Uwe


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
nach oben springen

#195

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 23.07.2011 14:54
von Gert | 12.354 Beiträge

Uwe super, das war aber eine erstaunliche "Westreise", habe es gern gelesen.


Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
zuletzt bearbeitet 23.07.2011 14:54 | nach oben springen

#196

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.07.2011 19:11
von 94 | 10.792 Beiträge

Hallo ABV, neben den (inzwischen üblichem) Lob diesmal och'ne Frage ...
Biste Dir beim 1.12. als Datum für den Wegfall der dienstlichen Anrede Genosse sicher? War das nicht sogar schon im Spätsommer/Frühherbst? Mann, ich weiß es echt nimmer *verlegengrins*


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#197

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 29.07.2011 12:19
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo 94, erstmal Danke ich Dir und auch den anderen für euer anspornendes Lob.

Also mit dem Wegfall der Anrede Genosse im Zeitraum in etwa ab dem 01. 12. 1989, bin ich mir ganz sicher. Im Spätsommer/ Frühherbst 1989 hatte ja noch niemand an den Untergang der DDR geglaubt. Auch die SED stand, zumindest glaubte sie es, noch fest auf dem Sockel. Aus welchem Grunde sollte zu diesem Zeitpunkt die übliche Anrede, Genosse, also weggefallen sein?
Das ging damals einher mit der Streichung des Führungsanspruchs der SED aus der Verfassung und dem Sonderparteitag der SED im Dezember 1989. Auch wenn es meiner Polizistenseele widerspricht, ich ärgere mich damals die noch vorhandenen Kassetten mit den Mitschnitten der Telefongespräche vom Herbst 1989 nicht beiseite geschafft zu haben. Für Historiker wäre der ungeschönte Wortlaut sicher eine wahre Fundgrube gewesen. Das wäre ja auch kein Diebstahl, sondern Sicherstellung von Beweismitteln gewesen. Na ja, leider liegt nun auch das Jahr 1992 nun schon wieder fast zwanzig Jahre zurück.

Viele Grüße
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 29.07.2011 12:20 | nach oben springen

#198

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.08.2011 20:14
von ABV | 4.202 Beiträge

So und nun ist mal wieder soweit. Das nächste update liegt bereit.

Wie immer viel Spaß beim Lesen

wünscht euer Uwe


An einem nasskalten, nebligen Dezemberabend des Jahres 1989, stiegen dicke schwarze Rauchwolken aus dem Schornstein eines Heizhauses, welches zu einem kurz vorher in der Oderbruchgemeinde Manschnow entdeckten Stasi-Objektes gehörte. Eine einzelne, uniformierte Gestalt, schlich sich nach vollendeter Tat über den in völliger Dunkelheit liegenden Innenhof des Objektes zurück zum direkt an der Friedensstraße liegenden Hauptgebäude, aus dessen mit Hilfe von schwarzen Vorhängen verdunkelten Fensterscheiben kein Lichtstrahl nach außen drang. Wer jetzt einen spannenden Wendekrimi gewürzt mit heimlicher Aktenvernichtung erwartet, erlebt möglicherweise gleich eine herbe Enttäuschung.
Bei dem besagten Stasi-Objekt handelte es sich lediglich um eine Tischlerei, welche allerdings tatsächlich von der „ Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt (O)“ betrieben wurde. Offiziell wusste darüber natürlich bisher niemand im Dorf Bescheid. Von außen wies kein Schild auf den wirklichen Eigentümer dieses von einem Wellblechzaun umfriedeten Firmengeländes hin. Das sich zur Straße hin befindliche Hauptgebäude wirkte auf dem ersten Blick wie ein ganz normales Eigenheim. Auf dem hinteren Bereich des Innenhofes befand sich das Herzstück des Objektes, eine rechteckige, außen mit grünem Blech verkleidete Tischlerwerkstatt. In diesen Tagen wurden im Bezirk Frankfurt (Oder), wie überall in der DDR, beinah jede Dienststelle des MfS von den „Bürgerbewegten“ besetzt. Im Altkreis Seelow traf dieses, neben der Seelower Kreisdienstsstelle und der besagten Tischlerei, noch auf einen zwischen Frankfurt (Oder) und Treplin gelegenen „Horchposten“ der Funkaufklärung und auf ein ebenfalls bei Treplin befindliches Schulungs & Ausbildungsobjekt zu. In der Manschnower Tischlerei, in der neben Akten auch hochmoderne Werkzeuge aus westlicher Produktion vermutet wurden, trafen die Vertreter der Bürgerbewegung zwei Mitarbeiter an. Bei ihnen handelte es sich um den im Range eines Leutnants stehenden Verantwortlichen des Objektes und um einen Zivilangestellten. Während der Leutnant sofort den „tschekistischen ´Hobel“ aus der Hand legen und das Areal für immer verlassen musste, durfte der Zivilangestellte noch einige Tage bleiben und quasi die Übergabe an eine zivile Stelle vollziehen. Bis es soweit war, sollte die Tischlerei rund um die Uhr von der Volkspolizei geschützt werden. In der damaligen Situation drohte das VPKA Seelow langsam aber sicher in den personellen Abgrund zu stürzen. Alle Einsatzkräfte waren schon seit Tagen mit der Auflösung und Bewachung der Kreisdienststelle vollends ausgelastet. Neben dem nicht gerade geringen Waffenarsenal der Kreisdienststelle mussten auch noch die Betriebskampfgruppen aufgelöst und entwaffnete werden. Für die Bewachung der Stasi-Tischlerei in Manschnow griff die Seelower Polizeiführung auf die Abschnittsbevollmächtigten zurück. Für mich ein besonderer Glücksfall, da sich die Tischlerei kaum mehr als einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt befand. So konnte ich, statt einer langwierigen Fahrt durchs Oderbruch, ganz entspannt zum Dienst laufen. Der für Manschnow zuständige ABV, Hauptmann Walter K., musste als erster, von früh um 07:00 Uhr bis abends 19:00 Uhr, Wache schieben. Animiert von einem im „ Neuen Tag“ erschienen Artikel über die am Vortag erfolgte Enttarnung des Objektes, waren immer wieder aufgebrachte Bürger vor dem Tor erschienen, um ihren Unmut herauszubrüllen. Hin und wieder wurden auch Steine in den Hof geschleudert, bis es dem alten Haudegen Walter K. schließlich zu bunt wurde. „ Ihr könnt aufhören mit dem Unsinn, das Objekt wird aufgelöst,“ versuchte er die in Wallung gekommene Volksseele zu beruhigen. Angesichts des allen bekannten breitschultrigen Abschnittsbevollmächtigten trollten sich die Leute schließlich, so dass sich die Situation bei meinem Eintreffen bereits vollständig beruhigt hatte. „ Wir wussten ja nicht das Sie hier sind,“ entschuldigte sich einer der erregten Manschnower zum Abschied.
Unsere Dienstübergabe fand in dem als Aufenthaltsraum und Büro fungierenden, bereits erwähnten Wohnhaus statt. In einem größeren Zimmer befanden sich, neben einer typischen DDR-Schrankwand, auch Tisch und Couch. Für die Bequemlichkeit war also für heute Nacht gesorgt. Zur Ausstattung des Zimmers gehörten aber auch ein Telefon, ebenfalls eine DDR-Standartausführung, sowie ein RFT-Fernsehgerät, natürlich schwarz-weiß! Von der Mattscheibe flimmerte grau und verschleiert, eine vom Fernsehen der DDR übertragene Demonstration. Unübersehbar hatte sich nun auch deren Charakter immer mehr verändert. Statt Reformationen hin zu einer besseren DDR, forderten die Demonstranten nun mehr ein einheitliches Deutschland. „ Deutschland einig Vaterland“ skandierte eine zipfelmützentragende Gruppe junger Männer in unnachahmlichen sächsisch. Ob ihnen wohl bewusst war, dass sie in diesem Augenblick ein unfreiwilliges Abbild des in der Geschichte so oft belächelten „ Deutschen Michels“ abgaben? Wiedervereinigung und ein damit verbundenes unvermeidliches Ende der DDR waren zu jenem Zeitpunkt für uns Volkspolizisten untrennbar auch mit dem Ende unserer beruflichen Karriere verbunden. „ Die sollen bloß keinen Scheiß machen,“ stöhnte ich entsetzt. Walter K., bisher aufmerksam das Geschehen auf dem Bildschirm verfolgend, wandte mir das Gesicht zu. „ Mein Junge, dass ist so, als ob der Oderdamm bricht. Die Kräfte jetzt freiwerden, reißen alles mit sich. Auch das, was möglicherweise gut und erhaltenswert ist.“ Die Worte des beinahe sechzigjährigen Polizisten waren nicht dazu angetan, mein ohnehin angeschlagenes Gemüt aufzumuntern. Es gab keinen Grund für mich an seiner beinahe prophetisch anmutenden Aussage zu zweifeln. In seinen nunmehr vierzig Dienstjahren hatte Hauptmann K. ausreichende Lebenserfahrungen angehäuft, um die eingetretene Situation richtig beurteilen zu können. Auch in der BdVP Frankfurt (Oder) schätzte man den verdienten Abschnittsbevollmächtigten aus Kietz. Ihm wurde die seltene Ehre zuteil, in Uniform von einem beauftragten Künstler gemalt zu werden. Eine Kopie dieses Bildes befand sich bis zum 02. Oktober 1990 im VPKA Seelow. Wo mag jenes nun dem neuen Zeitgeist nicht mehr entsprechende Kunstwerk wohl anschließend verblieben sein?
Trotz aller Möblierung wirkte das Zimmer in dem ich die nun folgende Nacht wachen sollte, ungemütlich und trist. „ Die Heizung ist ja kalt“, stellte ich mit einem kurzen Griff an einen der sich an der Wand befindlichen gusseisernen rippenförmigen Heizkörper fest. „ Du kannst ja im Heizhaus eine Schippe nachlegen. Aber geh sparsam mit den Kohlen um,“ ermahnte mich Hauptmann K. , bevor er sich nach Hause begab. Für ein paar Sekunden blickte ich den sich rasch in Richtung Ortsmitte entfernenden Rücklichtern seines Trabants hinterher, um mich sofort ins Heizhaus zu begeben. Dort wartete ein riesiger Berg nachtschwarzer Briketts und eine Unmenge von Pappe nur darauf von mir im wahrsten Sinn des Wortes verheizt zu werden. Warum soll ich mit dem Brennmaterial sparsam umgehen? Papperlapapp! Es ist doch schließlich genügend da von dem Zeug, außerdem wollte ich mir schließlich keine Lungenentzündung einfangen. Also, ran an die Schaufel und schwungvoll flogen die Briketts in den Schlund des Ofens, in dessen Tiefe ein paar glühende Kohlereste auf Nachschub harrten Ich fühlte mich ganz so wie ein Heizer auf der berühmten Harzquerbahn, nur eben ohne Harzquerbahn. Zufrieden, mit geschwellter Brust, patrouillierte ich danach über den Hof. Bei der oben erwähnten obskuren uniformierten Gestalt handelte es sich also um meine Wenigkeit! Na gut, um wem wohl sonst? Zufrieden, mich mit allen Fasern meines damals noch etliche Kilo leichteren Körpers auf eine wohlige warme Stube freuend, blickte ich hinüber zu dem sich in unmittelbare Nähe befindlichen, im Volksmund „Steintal“ genanntem Neubaugebiet. Die hellerleuchteten Wohnzimmer vermittelten einen Eindruck von plüschiger Gemütlichkeit, zu der ich mich auf meinem einsamen Posten regelrecht hingezogen fühlte. Träumend blickte ich den schwarzen Rauchwolken aus der Esse des Heizhauses, die wie Krähenschwärme gen Himmel stiegen hinterher. Verdammte Scheiße! Von einer Sekunde auf die andere war jegliche Poesie wie weggeblasen. Plötzlich war mir bewusst geworden, dass schwarze Rauchwolken über einem Stasiobjekt in diesen Tagen verdammt viel Ärger bedeuten konnten. In Seelow hatten solch Qualmerei unlängst den vorletzten Auslöser zur Erstürmung der Kreisdienststelle geliefert. Den allerletzten Grund lieferte das MfS mit der öffentlichen Behauptung das nur Schulungsmaterial von den zur Entlassung vorgesehenen Mitarbeitern, aber keineswegs irgendwelche Akten vernichtet werden, selbst. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon ganze Heerscharen von Bürgerrechtlern vor dem Tor erscheinen und Auskunft von mir verlangen welche Beweismittel hier vernichtet werden. Wir hatten damals eine Heidenangst vor den Bürgerbewegten. Niemand wollte in deren Fokus geraten, da dies stets mit großen beruflichen Problemen einherging. Die Angst war ziemlich diffus, da mir bisher noch kein richtiger Bürgerrechtler in meinem näheren Umfeld über den Weg gelaufen war. Im Prinzip hielt ich sie für Menschen welche bisher nichts zu sagen hatten, dieses Manko aber nun so energisch und lautstark wie möglich nachzuholen gedachten. Zu allem Überfluss drückte der verdammte Nebel die Rauchschwaden hinunter auf das Pflaster der Friedensstraße, womöglich direkt in die ständig nach Unbill schnuppernden Bürgerrechtler. Mit schnellen Schritten eilte ich hinein ins Bürogebäude und verschloss die Tür. Aus dem Dunkeln des Zimmers heraus starrte ich nun mit einem unangenehm beklemmenden Gefühl auf die Gott oder wer weiß wem sei Dank, menschenleeren Straße. Was sollte ich tun? Etwa dem Operativen Diensthabenden meine Eselei beichten? Wohl kaum, Unterleutnant Klaus R. bei dem in dieser Nacht die Fäden zusammenliefen, hätte mich, bildlich gesprochen, durch den Hörer gezogen! Mir blieb nichts weiter übrig, als abzuwarten und auf ein Wunder zu hoffen.
Etwas gutes hatte das trübe Wetter wohl doch: wer nicht unbedingt hinaus musste, blieb Zuhause! Das traf wohl auch auf die wenigen Bürgerbewegten in Manschnow zu, denn mein Fauxpas blieb tatsächlich unentdeckt. Lediglich ein Betrunkener blökte irgend etwas das sich wie „Stasischweine“ anhörte, eher schwankend seinen Weg fortsetzte. Seine vom Alkohol verschleierten Augen hatte die Rauchschwaden wohl nicht mehr registriert. Glück gehabt!
Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch kurz eine weitere, in der Geschichte der Wende bisher unbekannte Episode erwähnen. In der allgemeinen Hysterie dieser Tage erging auch an uns Abschnittsbevollmächtigte die Weisung, alle in den Dienstzimmern vorhandenen, nicht unbedingt benötigten schriftlichen Unterlagen sofort zu vernichten. „ Mensch das „ Neue Forum“ rennt uns bald die Bude ein, dass Zeug muss unbedingt weg,“ stöhnte Hauptmann B. angesichts des Sammelsuriums von Auszügen aus Rapporten, Einsatzberichten und Kopien von Vernehmungsprotokollen, welche in den Schubfächern der ABV-Büros lagerte. Leider spielte es damals der unermessliche, zeitgeschichtliche Wert dieser Unterlagen keine Rolle. Ein Teil der in meinen Dienstzimmern, sowohl in Sachsendorf als auch Dolgelin, vorhandenen Papiere reichte bis in den Anfang der fünfziger Jahre zurück! So es meine Zeit erlaubte, hatte ich die Unterlagen in freien Momenten regelrecht verschlungen. Schon damals historisch interessiert, waren sie für mich wie ein Fenster aus dem man in eine ferne Zeit blicken konnte. Meine Vorgänger mussten sich schon früher mit banalen Dingen des Alltags beschäftigen. So wurde im Jahre 1964 gegen einen Dolgeliner Genossenschaftsbauern ermittelt, weil eine Genossenschaftsbäuerin aus dem selben Ort behauptete, dass ihr dieser an die „Pflaume“ gefasst hätte! Ich gehe mal davon aus, dass die werte Dame nicht das gleichnamige Kernobst meinte, als sie ihren Kollegen beim Sheriff anschwärzte. Aus den Unterlagen ging aber auch hervor, dass die Dolgeliner Kirche keineswegs während der Kämpfe im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurde. Das aus dem 13. Jahrhundert stammende altehrwürdige Gemäuer wurde zwar beschädigt, aber erst in den sechziger Jahren auf Befehl der SED-Kreisleitung gesprengt. Dem ABV fiel die undankbare Aufgabe zu, vor, während und nach der Sprengung, die Dolgeliner von unbedachten Handlungen abzuhalten.
1968, während der Ereignisse des „Prager Frühlings“ mussten Seelower VP-Angehörige in Zivil durch die Gaststätten ziehen und die Gespräche der Leute belauschen. Mit dieser Maßnahme gedachte die Führung des VPKA in Erfahrung zu bringen, wie im Kreis Seelow über den Einmarsch in Prag gedacht wurde. Es ist schon befremdlich, in wie weit die Polizei hin und wieder missbraucht wurde! Die Unterlagen gaben aber auch darüber Auskunft, dass so manch kriminelle Karriere bereits in frühen Kindertagen begann. So wurde einmal ein sechsjähriges Kind mit den Namen Edmund H. des mehrfachen Diebstahls aus dem Lehrerzimmer der Sachsendorfer Schule, überführt. Von Edmund H., wird an anderer Stelle noch ausführlich zu lesen sein, da er mittlerweile ein Mann von über dreißig Jahren, auch mich noch in Atem halten sollte. Ja, all diese Unterlagen sind auf immer und ewig verloren. Befehlstreu füllte ich meine Taschen mit den Papieren, um sie nach und nach in meine Wohnung zu transportieren. Dort wurden sie, im Kachelofen des Wohnzimmers und im Badeofen, ein Opfer der Flammen. Nur ungern erinnere ich mich an einen mordsmäßigen Zoff mit meiner Alten, Pardon Ehefrau, weil die halbverbrannten Papiere unseren Badeofen hoffnungslos verstopft hatten. Ja, ja es ging schon manchmal reichlich turbulent zu in jener wilden Wendezeit! Es ist aber auch eine Ironie des Schicksals, dass diese unnötige Vernichtungsaktion just zur selben Zeit stattfand, in der andere Volkspolizisten das MfS just vor der Vernichtung ihres papiernen Arsenals abhalten sollten. Schizophrenie pur, vergleichbar nur mit der Situation auf einem gerade im Sinken begriffenem Schiff. Beim Kampf um die Rettungsboote gibt es auch keine Freundschaften mehr, dort ist sich jeder selbst der Nächste.
Nachdem sich der Rauch endlich verzogen hatte und niemand vor dem Objekt aufgetaucht war, verließ ich meinen Beobachtungsposten am Fenster. Von Neugier getrieben lief ich durch die Räume des Hauses, bei dem es sich immerhin um ein richtiges Geheimobjekt handelte. Falls hier irgendwelche konspirativen Dinge gelagert wurden, dann waren sie jedenfalls bestens getarnt! Nichts als leere Räume und Schränke mit Arbeitsanzügen, Handschuhen und Gehörschützern. Nur ein unscheinbares Plastikschild auf dem Schwert und Schild, die Insignien des MfS, abgebildet waren, erinnerte an den Charakter des Gebäudes. Nichts da mit geheimen Funkanlagen oder gar Aktenbündeln! Statt dessen stinknormaler Hausmüll und feine Sägespäne, welche sich wahrscheinlich in den Arbeitsanzügen eingenistet hatten.
Immerhin konnte ich im unteren Teil eines Schrankes ein Radio ausfindig machen. Mit Tanzmusik lässt sich auch der ödeste Wachdienst, immerhin lagen noch mehr als acht Stunden vor mir, ertragen. Ab Mitternacht „düste“ ich mit dem „ARD-Nachtexpress“ und Schlagern der siebziger Jahre durch die Finsternis. Immerhin war es nun in der Bude mollig warm, was wiederum die Müdigkeit verstärkte. Um nicht einzuschlafen ging ich nun wieder ab und an vor die Tür. Bei dem immer stärker werdenden Nebel betrug die Sichtweite kaum mehr als fünf Meter, es war fast wie in einem der bekannten „Edgar-Wallace-Verfilmungen mit Blacky Fuchsberger. Soho im Oderbruch, nur das Gott sei Dank weder „ Der Hexer“ noch die „ Bande des Schreckens“ ihr Unwesen trieb. Frösteln begab ich mich zurück in das warme Zimmer, um mir einen Kaffee zu genehmigen. Im Radio sang gerade Freddy Quinn gerade „ Hundert Mann und ein Befehl“, ein schmissiges Lied das meinen Kreislauf zusätzlich in Schwung brachte. So langsam aber sicher konnte ich meiner Aufgabe sogar etwas gutes abgewinnen. Freddys Gesang versetzte mich geradezu in Euphorie. Irgendwie fühlte ich mich jetzt sogar selbst ein wenig wie ein tapferer Legionär auf einsamen Posten. Unermüdlich und vor allem unerschrocken, stand ich auf Wacht! Oder besser gesagt, ich saß auf Wacht. Stühle gab es ja genug, in dem großen Zimmer.
Auch wenn es diesem der jenem albern erscheinen sollte, aber irgendwie musste ich mich schließlich doch motivieren! Alternativ hätte ich auch einfach nach Hause zu meiner Familie gehen können. Aufgefallen wäre das in dieser Nacht ganz sicher niemanden! Sie endete, erwartungsgemäß ohne Vorkommnisse, morgens um 06:00 Uhr mit der Ablösung. Immerhin konnte ich dem etwas morgenmuffligen Kollegen eine noch immer kuschelig warme Hütte übergeben. Mir blieb nur noch hundemüde nach Hause zu wanken, um den Tag schlafend zu verbringen.
Am nächsten Tag hatte ich nun die zweifelhafte Ehre, am Tage die Tischlerei zu bewachen. Immerhin hatte meine Frau versprochen, mir pünktlich um 12:00 Uhr das Mittagessen zu servieren. So ein heimatnaher Einsatz brachte durchaus Annehmlichkeiten mit sich. Aus gegebenem Anlass nahm ich mir vor, dass Heizhaus nur noch im äußersten Notfall zu betreten. Lieber wollte ich frieren, als noch einmal solch bange Stunden wie vorgestern Nacht zu erleben. „ Gegen 07:30 Uhr kommt übrigens der Zivilangestellte, dann hast du jemanden zum Quatschen“, erzählte mir mein Vorgänger bei der Übergabe. „ Gut das du mich daran erinnerst, an den hatte ich gar nicht mehr gedacht“, antwortete ich voll Dankbarkeit. Immerhin hatte mich der Kollege ohne es zu wissen, vor einer peinlichen Situation gerettet. Innerlich hatte ich mich nämlich auf ein paar ruhige Stunden auf der Couch gefreut. Was sollte schon passieren? Haus und Pforte waren verschlossen und die Bürgerbewegten zeigten sich auch nicht mehr. Stattdessen musste ich nun den Zivilangestellten im Auge behalten, eine Aufgabe die mir aus den verschiedensten Gründen so gar nicht behagte. Lustlos in einem Buch blätternd, erwartete ich das Erscheinen des Zivilangestellten. Das Fernsehgerät kam als Mittel zum Zeitvertreib natürlich nicht in Frage. Auf den „Genuss“ von „ Medizin nach Noten“ einer Art musikalisch begleiteter und moderierter Turnübung oder gar auf eine Sendung des Schulfernsehens in der Art von „ Wir sprechen Russisch- für Schüler der 8. Klasse“, konnte ich gern verzichten. Mein Sohn hatte sich in der vergangenen Nacht die Aufgabe gestellt, seinen Eltern keinen Schlaf zu gönnen. Kaum war ich wieder in Morpheus Armen versunken, da quakte es schon wieder mit einer für solch einen kleinen Körper beachtlichen Phonzahl aus der hinteren Ecke unseres Schlafzimmers, wo sich sein Bettchen befand. „ Geh du mal, es ist auch dein Kind“, murmelte meine Frau schlaftrunken vor sich hin. Im Prinzip habe ich ja nichts gegen Vaterpflichten einzuwenden. Nur wenn dieses „ geh du mal“, fünfmal in der Nacht wiederholt, dann könnte durchaus auch mein ansonsten friedfertiges Gemüt in Wallung geraten. „ Ich war schon so oft“, wagte ich den schwachen Versuch eines Protestes. „ Na und? Denk an den verstopften Badeofen! Das ist die beste Gelegenheit deine Sauerei wieder gut zu machen. Außerdem du willst ja mal wieder was von mir.“ Frauen können so gemein sein! Wobei meine Frau wie immer offen lies, an was sie nun mit diesem nebulösen „ du willst ja mal wieder was von mir“ gemeint hatte. Diesen Satz, in der einen oder anderen individuellen Abänderung, kennt wohl jeder Ehemann. Wohl oder üblich, um keine schwerwiegenden Übel zu riskieren, fügte ich mich in mein Schicksal. Meine Einsatzbereitschaft bezahlte ich nun mit einer bleiernen Müdigkeit. Zu allem Überfluss grinste mich dieses Monstrum von einer Couch geradezu verführerisch an. Im Glauben das die Bürgerbewegten den Zivilangestellten bereits die Schlüssel abgenommen hatten, so dass dieser gezwungen war am Tor zu klingeln, streckte ich meine von ehelichen Pflichten, oder besser gesagt Vaterpflichten, nicht dass jemand etwas falsches denkt, ermatteten Knochen, auf der Liegefläche der Couch aus. Wenige Sekunden später schwebte ich leicht wie eine Feder hinein ins Reich der Träume. Gefühlte fünf Sekunden später rüttelte mich jemand an der Schulter. Meine leicht verklebten Augen blickten in das runde, gutmütige leicht gerötete Gesicht eines ungefähr fünfundvierzigjährigen Mannes. Sein blauer Arbeitsanzug schien für den kräftigen, mit einem Bauchansatz versehenen Körper ein wenig zu eng zu sein.
„ Na Genosse Hauptwachtmeister hatten wohl eine anstrengende Nacht?“ „ Nee, ich bin wohl gerade irgendwie…“, stotterte ich verlegen an der Uniform herumzupfend. Der Kerl schien sich diebisch über meinen nicht gerade das Ansehen der Volkspolizei fördernden Anblick zu freuen. „ Wer sind Sie? Und wie sind Sie denn überhaupt hier hereingekommen?“ Anstelle einer Antwort, hielt er mir einen sonderbaren Ausweis unter die Nase. „ Bernd Borchert* mein Name. Ich arbeite hier als Tischler. Genaugenommen bin ich Zivilangestellter bei der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Frankfurt….“ Er schluckte einen Moment, diesmal misslang ihm sein Lächeln gründlich. „ Vielleicht sollte ich wohl besser sagen, dass ich noch Zivilangestellter bin. Die Kündigung zum 15.12. habe ich ja schon in der Tasche. Heute ist mein letzter Tag hier, dann gehe ich noch in den Urlaub und dann war es das.“ Das war natürlich bitter, die Schlüssel hatte man ihm jedenfalls noch nicht abgenommen. Wenn man sich schon mal auf die Bürgerbewegten verlässt!
„ Ich muss in meiner Dienststelle Bescheid sagen, dass ich hier bin“, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger in Richtung Telefon. „ Na sicher, da brauchen Sie mich doch nicht extra zu fragen“, antwortete ich etwas pikiert. Der Tischler betätigte die Wählscheibe und lauschte in den Hörer. „ Bezirksamt für Nationale Sicherheit“, ertönte eine angenehme männliche Stimme gleich darauf. Ich saß nahe genug am Telefon, um das Gespräch mitzuverfolgen. „ Ja Bernd Borchert. Ich bin hier in Manschnow und erledige noch das wenige was für mich hier zu tun ist,“ sagte der Tischler mit einem traurigen Unterton. „ Ist in Ordnung, du sag mal sind die Bullen immer noch da?“ Die Stimme dieses Frankfurter Stasi-Mannes klang plötzlich alles andere als angenehm. „ Ja, sind sie“, antwortete Borchert und warf mir einen entschuldigenden Seitenblick zu. „ Ja bei uns sind die auch. Furchtbar überall sind die und behindern uns an der Arbeit“, fluchte mit unverhohlener Wut der Telefonist am Frankfurter Ende der Leitung. Dieses Gespräch war sicher nicht für meine Ohren bestimmt. Bei meiner Nähe zum Telefon und der lauten Stimme des MfS-Mitarbeiters, musste ich unweigerlich mithören. Ich konnte den Zorn des Mannes durchaus nachvollziehen. In seinen Augen waren wir nun nicht mehr die Genossen von der Volkspolizei, sondern einfach nur noch Bullen! Büttel die jeden Befehl der derzeit Mächtigen bedingungslos ausführen. In Planspielen von SED, VP und MfS war eine Szenerie wie diese überhaupt nicht vorgesehen. Sollten wir doch eigentlich gemeinsam, Schulter an Schulter „ die Konterrevolution“ bekämpfen. Stattdessen halfen wir bei den Besetzungen der MfS-Dienststellen. Kein Wunder also, dass sich so mancher, nicht nur in der Bezirksverwaltung Frankfurt (Oder), von der VP im Stich gelassen und verraten fühlte.
Bernd Borchert erwies sich als netter und kompetenter Gesprächspartner. Er hatte auch nichts dagegen, dass ich ihn während seiner Anwesenheit auf dem Gelände ständig wie ein Schatten folgte. Ehrlich gesagt, ich kam mir dabei selbst über alle Maßen bescheuert vor. Aber das war nun einmal mein Auftrag. „ Was machst du eigentlich nach deiner Entlassung? Für einen handwerklich fähigen Mann sollte sich doch schnell wieder eine Arbeit finden lassen?“, erkundigte ich mich nach seinen Zukunftsplänen. „ Eine Arbeit zu finden ist nicht das Problem. Es muss aber auch eine Arbeitsstelle sein, wo man kein Problem mit meinem früheren Brötchengeber hat.“ „ Wie meinst du das denn? Du warst ja schließlich nur Tischler.“ „ Ein Unterleutnant aus der BV der früher dort als Busfahrer tätig war, hat im VEB Kraftverkehr auch sofort nach der Entlassung wieder Arbeit als Kraftfahrer gefunden. Aber seine neuen Kollegen machen ihm dort die Hölle heiß. In der Kantine wurde ihm ins Essen gespuckt, hin und wieder findet er auch mal eine geknüpfte Schlinge auf seinem Platz. So etwas möchte ich nicht unbedingt erleben.“ Der Umgang mit dem einstigen Unterleutnant versetzte mir einen tiefen Schecken. So groß war also der Hass gegen die Staatssicherheit?
„ Auch anderen von uns ist es dort draußen bisher nicht gut ergangen. Staatssicherheit ist nun einmal Staatssicherheit! Es spielt keine Rolle, ob man Tischler, Busfahrer oder operativer Mitarbeiter war. Überall schlägt einem dieser bodenlose Hass entgegen. Wer Glück hat, kommt erst einmal bei den Grenzern oder bei euch unter.“ Borchert richtete nun seine Augen direkt auf mich, so dass ich Mühe hatte seinem Blick stand zu halten. „ Aber auch das wird nur eine vorübergehende Lösung sein. Wenn die mit uns fertig sind, dann seid ihr dran. Oder bildest du dir etwa ein, dass sie euch verschonen?“ Mit dem unpersönlichen Wörtchen –sie- meinte Borchert ganz sicher die nun mündig gewordenen Bürger der DDR. Auch in seinen Worten klang nun unüberhörbar der unausgesprochene Vorwurf des Verrates mit. Ich schüttelte nachdenklich den Kopf und starrte den mit Flecken und Brandlöchern übersäten Teppichboden an. „ Nein, dass bilden wir uns nicht ein“, presste ich mit starrem gedankenverlorenem Blick heraus. Wie eine heimtückische Katze überfiel mich eine geradezu beängstigende Zukunftsvision und schlug ihre Krallen in mein ohnehin längst angekratztes Gemüt. Ich sah mich, gemieden wie ein Aussätziger und von den Blicken meiner neuen Kollegen durchbohrt, am Tisch irgendeiner Betriebskantine sitzen. Irgendwer er hob sich grinsend von seinem Platz, um mir einen kleinen selbstgebastelten Galgen direkt vor den Teller zu stellen. Spinnerei? Keineswegs! Für einige Menschen in diesem Lande war das wohl schon zur bitteren Realität geworden. „ An was für wichtigen Projekten habt ihr denn eigentlich hier gewerkelt?“, fragte ich mehr um mich von meinen Visionen zu befreien, als aus wirklicher Neugierde. Über Borcherts Gesicht huschte ein spöttisches Lächeln, während seine Augen zu leuchten begannen. „ Projekte? Wir haben hier lediglich Schränke und Stühle repariert. Gut, hin und wieder hatte auch jemand von der Frankfurter Generalität einen kleinen Sonderwunsch. Eine Schatulle für die Orden, oder anderer Quatsch. Nein, die wirklich großen Aufträge hat die BV Frankfurt (Oder) lieber den privaten Tischlereien im Umland übergeben. Die waren ganz wild auf Aufträge von der Staatssicherheit. Schließlich haben wir immer gut bezahlt. Eine Firma in der Seelow war besonders erpicht für uns zu arbeiten. Die Bezirksverwaltung hat bei denen sogar ein Bierfass für den Genossen Ex-Minister Mielke in Auftrag gegeben.“ „ Ein Bierfass für Erich Mielke?“ Irgendwie konnte ich dem ganzen nicht mehr so richtig folgen. Warum zum Teufel lies man für Mielke extra in einer Tischlerei Bierfässer herstellen. Borchert schmunzelte erneut, mein naives Staunen schien ihn zu amüsieren. „ Kein normales Bierfass! Es sollte ein wunderschön gedrechseltes, verschnörkeltes überdimensionales Fass sein, welches Generalmajor Engelhardt dem Minister zum Geburtstag schenken wollte.“ Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen, langsam begriff ich was mir Borchert sagen wollte. „ Da hat die Wende ja dieser Firma einen äußerst lukrativen Auftrag vermasselt“, stellte ich fest. „ Du hast es erraten. Da Erich Mielke nun seit kurzem in einer Zelle schmort, wird er wohl für solch ein nobles Geschenk weder Platz noch Verwendung haben.“ „ Teufel aber auch“, sagte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „ Da haben nun die Bürgerrechtler so viel Kraft und Energie investiert eure Tischlerei zu enttarnen, dabei habt ihr nichts weiter als Schränke repariert.“ Der geheimnisvolle Stasi-Tischler sah mich erneut mitleidig lächelnd an. „ Junge, kann es sein das du ein wenig naiv bist?“ „ Hier waren keine Bürgerrechtler! Die Abordnung die hier wichtigtuerisch erschienen ist, bestand überwiegend aus Tischlern. Na Mensch, jeder einzelne von denen wusste doch nicht erst seit gestern, wer der Betreiber dieser Tischlerei ist. Nun haben sie ganz einfach die Gunst der Stunde genutzt und sich Konkurrenz vom Halse geschafft. Was meinst du wie enttäuscht die waren, weil sie eben nicht die erwarteten High-Tech- Werkzeuge aus westlicher Produktion bei uns fanden. Immerhin, das Objekt ist ganz passabel für jemanden der sich möglicherweise privat machen möchte. Ich kenne übrigens einen dieser angeblich so empörten Bürger. Bei dem bin ich mir zu hundert Prozent sicher, dass er solche Absichten hegt.“ Ich begab mich in die gegenüberliegende Küche, um uns einen Kaffee zu kochen. Verwirrt, gefühlsmäßig hin und her gerissen, schaufelte ich den schwarzen „ Mokka-Fix“ in die Tassen. Nichts schien so zu sein, wie es im ersten Moment ausschaute. Dass das vorgebliche Erfolgsmodell „Sozialismus in den Farben der DDR“ in Wirklichkeit einen ungeheuren Flop darstellte, hatte ich ja nun mittlerweile begriffen. Ebenso, dass Bürgerrechtler keine marodierenden Staatsfeinde sondern verantwortungsvolle, sich um die Zukunft unseres Landes sorgende Menschen sind. Aber das scheinbar auch unter ihnen Typen sind welche die politische Umwälzung eiskalt für eigene Belange ausnutzen, war nun wieder eine neue Erfahrung. Mein bewährtes Schwarz-Weißschema, hier die Bösen da die Guten, funktionierte nicht mehr. Eine Frage brannte mir aber nun doch noch auf den Nägeln, so dass ich sie unbedingt loswerden musste: „ Warum bekleidet eigentlich ein stinknormaler Tischler wie der Kollege mit dem du hier gewerkelt hast, einen Offiziersdienstgrad? Oder hatte er etwa irgendwelchen Bockmist verzapft? Ich meine unter dem Dienst beim MfS stellt man sich nun nicht gerade vor, acht Stunden hinter einer Werkbank zu stehen.“
Borchert zündete sich eine „ Cabinet“ an und blies den blauen Rauch genießerisch in Richtung Zimmerdecke. „ Ich rauche ja nur selten, aber zum Kaffee brauche ich immer eine Kippe“, sagte er und kratzte sich wohlig hinter dem rechten Ohr. „ Ein Tschekist muss eben dort seinen Dienst verrichten, wo ihn Vorgesetzte und Parteileitung hinstellen.“ Sein ironischer Unterton verriet, dass auch ein Bernd Borchert längst den Phrasen überdrüssig geworden war. „ Nein, mein Kollege Leutnant war überhaupt nicht glücklich über seine Verwendung. Er wollte ja schließlich etwas erleben, na ja wer will das nicht mit Mitte Zwanzig? Seine Eltern arbeiten beide bei der Staatssicherheit, auch er träumte davon mal so ein richtiger operativer Mitarbeiter zu werden und Agenten zu jagen. Aber er hatte nun einmal Tischler gelernt und das Objekt Manschnow benötigte eine qualifizierte Führung.“ Nun ja, warum sollte es nicht einen tischlernden Leutnant bei der Staatssicherheit geben? Die Ehefrau unseres Politoffiziers diente ja auch als Feldwebel in der Seelower Kreisdienststelle, obwohl sie von der Aufgabenstellung her nur eine stinknormale Putzfrau war. Quasi eine Agentin mit der Lizenz zum Bohnern, wobei der Dienstgrad Feldwebel zu ihrem Typus passte wie der berühmte Arsch auf dem (Wisch)eimer. In den kommenden Stunden begleitete ich Borchert, der übrigens zum letzten Mal in seiner Arbeitsstelle weilte, auf seinen letzten Gängen. Viel zu tun gab es für ihn nicht mehr, dafür um so zu reden. Wie pflegte schon meine selige Oma zu sagen. „ Wenn das Herz voll ist, läuft die Seele über.“ Oder war es umgekehrt? Es spielt ja auch keine Rolle, Bernd Borchert verfügte jedenfalls über großen Redebedarf. „ Da habe ich gedacht, hier kannst du es bis zur Rente aushalten. Weit weg von dem ganzen Affentheater in Frankfurt, gehst einfach deiner Arbeit und jetzt? Jetzt wird man einfach davon gejagt“, stellte Borchert voll Resignation fest. Es gab nicht viel tröstliches, was ich ihm in diesem Moment hätte sagen können. Bestenfalls Verbalinjurien in der Art von „ Kopf hoch, das Leben geht doch weiter“. Ebenso passend wie austauschbar, wohl mehr ein Ausdruck eigener Ratlosigkeit. Um 15:00 Uhr verließ Borchert für immer seine einstige Arbeitsstelle. Zum letzten Mal in seinem Arbeitsleben ging er die Friedensstraße entlang, bis zu der fünfhundert Meter entfernt liegenden Bushaltestelle, um zurück nach Frankfurt (Oder) zu fahren. Von nun an wird sich wohl so einiges in seinem Leben ändern. Müde und desillusioniert schleppte sich Borchert durch das bereits im trüben Dämmerlicht eines zu Ende gehenden spätherbstlichen Tages liegende Manschnow. „ Wenn die mit uns fertig sind, dann seid ihr dran“, ich erinnerte mich an seine Worte die sich wie ätzende Säuretropfen in meine Seele brannten. Sollte es wirklich keine andere Zukunft geben, als für die Sünden anderer den Kopf hinhalten zu müssen? Kurze Zeit später informierte mich der „ Operative Diensthabende“ das ich die Schlüssel für das Manschnower Stasi-Objekt im VPKA hinterlegen sollte, da die Bewachung ab sofort eingestellt wird. Anscheinend waren sowohl Bürgerbewegung als auch Polizeiführung von der geringen Bedeutung der Tischlerei überzeugt. Zu Beginn des Jahres 1990 übernahm die damalige „ PGH Holz Seelow“ das Areal. Irgendwann übernahm dann ein privater Tischler die Werkstatt, während eine junge Familie mit Kindern in das Wohnhaus einzog. Heute kennt kaum noch jemand die ungewöhnliche Vergangenheit des Objektes. Fleißige Hände gehen ihrer Arbeit nach, so als wäre es nie anders gewesen.
* Name geändert ( den wirklichen Namen hatte ich ohnehin längst vergessen, aber Bernd Borchert lautete er definitiv nicht)


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#199

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 03:47
von Zkom IV | 321 Beiträge

Hi Uwe,
heute im Nachtdienst ist es extrem ruhig. So konnte ich mich in Ruhe deinen Updates widmen. Wie immer super geschrieben. Hoffe noch auf lange Fortsetzungen, denn sicherlich hatte auch die dann beginnende Zeit in der brandenburgischen Polizei ihre interessanten Seiten. Dabei interessiert mich immer besonders was so aus den einzelnen Figuren nach Wende geworden ist. Haben darüber ja schon zum Teil gesprochen, als wir bei dir waren. Also bitte weiter so. Freue mich wie immer auf neue Geschichten.

Gruß Frank



nach oben springen

#200

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 07:49
von exgakl | 7.236 Beiträge

Moin Uwe,

wie immer sehr spannend und unterhaltsam.... sag mal, haben wir eigentlich schon über Deine künftige Urlaubssperre gesprochen? Du brauchst ja schließlich Zeit zum weiterschreiben.

VG exgakl


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
nach oben springen



Besucher
20 Mitglieder und 51 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: gerhard
Besucherzähler
Heute waren 901 Gäste und 84 Mitglieder, gestern 3956 Gäste und 189 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14369 Themen und 557951 Beiträge.

Heute waren 84 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen