#161

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 19.06.2011 10:18
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Zitat von Gert


....................aus den veralteten Bundesländern. Ich protistuiere gegen diesen Begriff, exgakl



Gert prostituiert sich für die veralteten BL, oder protestiert er??? Na ohne Restalkohol geht das Wörtchen Sicht leichter und damit auch verständlicher über die Lippen.

Scherz am Morgen


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#162

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 19.06.2011 19:09
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Gert, exgakel, Commander und alle anderen nicht genannten Interessenten meiner Geschichtsstorys.

Hier folgt nun live und exklusiv das nächste update

Euch viel Spaß und mir viele Kommentare

wünscht euer Uwe
aus dem Oderbruch

Polizeiwache Seelow im Juli 1992:
Nun mehr ist es offiziell geworden: die Tage des Polizeigebäudes in der Seelower Mittelstraße, dem Sitz des einstigen Volkspolizeikreisamtes, sind nun endgültig gezählt. Für den Sitz der neuen Dienststelle hatte man ein Objekt in der Breiten Straße auserkoren. Völlig fremd war dieses Haus allerdings niemanden. Vor der Wende residierten hier neben Feuerwehr und Versorgungsdiensten, auch der frühere Leiter der Schutzpolizei Hauptmann und nunmehr Hauptkommissar Helmut T. Viele fleißige Hände bemühten sich den Um und Ausbau des Gebäudes, möglichst schnell über die Bühne zu bringen. Mit dem Einzug in die neue Polizeiwache sollte auch der Einzug eines neuen Geistes in der Seelower Polizei symbolisiert werden. Bis es soweit war, mussten sich die Polizisten einstweilen noch gedulden. Der Umzug war aber nicht nur ein Akt politischer Symbolik, er hatte auch ganz praktische Gründe. Nach dem 03. Oktober 1990 und der ersten Umstrukturierung, verlor die Polizei die gesamte untere Etage an das Landratsamt. Zusammengedrängt auf den früheren Stabsbereich und den oberen Bereich, mussten nun Schutz und Kriminalpolizisten ihren schwerer gewordenen Dienst verrichten. In einer warmen Julinacht fungierte ich zum ersten Mal allein als Diensthabender. Voller Anspannung nahm ich hinter dem „ODH-Tisch“, wo es beinahe noch genauso wie zu DDR-Zeiten aussah, Platz. Gut, die Direktleitungen zur SED-Kreisleitung und zur Staatssicherheit waren natürlich längst gekappt, aber der Tisch selbst und auch die vorhandene Technik konnte sich bisher über die Zeit retten. Keine Spur von einer modernen, westlichen Telefonanlage, von Computern ganz zu schweigen. Noch immer stand im Nebenraum ein antiker Vermittlungsschrank, der gut und gerne als Dekoration für alte „UFA-Filme“ hätte herhalten können. In der so „ Bürodienstzeit“ von 07:00 Uhr bis 16:00 Uhr, sorgte eine freundliche Telefonistin per Stöpsel für eine reibungslose Kommunikation. Es erschien beinahe so, als wäre in diesen Räumen, wie in einem überdimensionalen Bernstein, die DDR für alle Zeiten konserviert. Natürlich trog der Schein! Wir befanden uns mitten in einer im versinken begriffenen Welt, die nur noch für eine Übergangsphase am Leben erhalten wurde. Als besonderer Glücksumstand für mich erwies sich der Umstand, dass die Tonbandkassetten mit den von den „Operativen Diensthabenden“ geführten Telefongesprächen noch immer vollständig vorhanden waren. Das Abhören der Bänder brachte mir nicht nur ein Wiederhören mit längst aus dem Dienst ausgeschiedenen Kollegen, sondern auch weitere Einblicke in die Wendeereignisse. Nicht alles ist in meinem Gedächtnis haften geblieben, immerhin sind beinahe zwanzig Jahre seitdem ins Land gegangen. Aber einige wichtige Gespräche sind mir auch heute noch erinnerlich. Es ungeheuer bedauerlich, dass die Kassetten im Jahre 1993, während des Umzuges in die neue Polizeiwache, aus welchen Gründen auch immer, verloren gingen. Es wäre besser gewesen dem damaligen Wachenleiter auf den historischen Wert der ORWO-Kassetten hinzuweisen. Begeben wir uns aber nun über die Zwischenstation Juli 1992, zurück bis zum 01. November 1989. In der Bezirksstadt Frankfurt (Oder) demonstrierten an diesem Tag beinahe Fünfzigtausend Menschen für Reformen in der DDR. In der Bachgasse, vor dem Eingang der BdVP Frankfurt (Oder), hinterließen die Demonstranten ein Meer von Kerzen. Damit sollte, symbolisch, für Erleuchtung in den Köpfen der Polizeioberen gesorgt werden. Die Tochter eines meiner VP-Helfer hatte dort zu diesem Zeitpunkt Dienst in der Fernschreibzentrale. Er berichtete mir, welche Ängste die junge Frau angesichts der vielen Menschen vor dem Tor, ausstehen musste. Wer konnte auch mit einer solchen disziplinierten Friedfertigkeit der Massen rechnen?
Im VPKA Seelow erfolgte auch an diesem Abend der obligatorische telefonische Lageaustausch mit dem Operativen Diensthabenden ( bei den Grenztruppen kürzte man diese Funktion mit OpD ab), des Grenzabschnittskommandos Frankfurt (Oder).

OpD Grenztruppen: Die Grenztruppen in Frankfurt (Oder), schönen guten Abend.
ODH Volkspolizei : „ Das VPKA Seelow wünscht ebenfalls einen schönen guten Abend. Wollte mal horchen, was bei euch alles so los ist. Habt ihr die Demo heil überstanden?

OpD Grenztruppen: Na freilich mein Junge. Wenn der Major hier sitzt, wird zwischengekloppt, falls einer hier rein will.“
Beide lachen

ODH Volkspolizei: Ob das mal wieder ruhiger wird? An den Grenzen hier zu Polen, aber auch zur CSSR, da ist ja noch immer ganz schön was los. Die können doch nicht alle abhauen aus der DDR.

OpD Grenztruppen: Die ganzen Probleme die wir jetzt haben, an den Grenzen und anderswo, sind alle hausgemacht. Wie oft habe ich gesagt, gibt jedem einen Pass in die Hand. Wer reisen will soll das tun, ihr werdet sehen die kommen alle wieder.

ODH Seelow: Ja, da hast du Recht. Außerdem, wer unbedingt abhauen will, haut sowieso ab.

OpD Grenztruppen: Wir haben doch die ganze Scheiße schon lange kommen sehen. Aber die Partei und Staatsführung hat sich lieber feiern lassen, als endlich mal etwas richtiges zu unternehmen. Guck doch mal rein in unsere Presse! Jetzt hat sich das ja schon ein wenig geändert. Aber bis vor ein paar Tagen gab es nur Erfolgsmeldungen zu lesen, nur „heile Welt“ zwischen Fichtelberg und Kap Arkona. Bei der letzten Parteiversammlung hatte ich meinen Leiter geschockt. Es ging wie immer um die Ausreisewelle, da bin ich aufgestanden und habe gesagt: Genosse Oberstleutnant, nur das Sie es wissen. Ich habe auch einen Ausreiseantrag gestellt. Im gesamten Raume herrschte daraufhin eisige Stille. Was haben Sie getan?, fragte mich der Oberstleutnant. Ja, ich habe einen Ausreiseantrag gestellt und zwar in die DDR. Na da haben sie erst mal alle dämlich geguckt. Ich habe einen Ausreiseantrag in die DDR gestellt, die in der Zeitung steht, habe ich dann laut und vernehmlich gesagt. Wer möchte denn nicht in ein Land leben, wo es keine Sorgen und Probleme gibt? Na da war vielleicht was los.“

ODH Volkspolizei, lachend : Das kann ich mir gut vorstellen.

OpD Grenztruppen, redet sich mehr und mehr in Rage: „ Wie oft bin ich nach dem Dienst mit Kopfschmerzen nach Hause gegangen, nur um Lösungen für irgendwelche dringen Fragen zu suchen? Ach Mensch, dass ist doch nicht nur bei den bewaffneten Organen so, dass alles drunter und drüber geht. Mein Bengel arbeitet auf dem Bau, was meinst du wie oft die dort während der Arbeitszeit Karten kloppen müssen, weil kein Material da ist. Das ist es doch was die Menschen wütend macht, auf die Straße oder sogar außer Landes treibt. Hoffentlich wachen die oben endlich auf.“

ODH Volkspolizei, seufzt: „ Die Hoffnung stirbt zuletzt“

Ein Ausreiseantrag in die DDR, die in der Zeitung steht. Was für ein herrlicher Gedanke! Dieses zwischen zwei Offizieren von Grenztruppen und Volkspolizei zeigt, wie sehr mittlerweile auch Angehörige der „ Schutz & Sicherheitsorgane“ auf Distanz zur Politik der SED gegangen sind.

Der persönliche Mitarbeiter für Sicherheitsfragen des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung Seelow, Herbert Töpfer, lieferte ein unfreiwilliges Beispiel für die sprach und Hilflosigkeit der Partei.

ODH Volkspolizei: VPKA Seelow, Guten Abend

Herbert Töpfer: Guten Abend Genosse. Hier ist mal der Genosse Herbert Töpfer, von der SED-Kreisleitung. Du höre mir mal gut so: Jetzt kommt es darauf an, dass wir uns nicht von den ganzen Ereignissen verrückt machen lassen! Wir müssen jetzt schön ruhig bleiben, hast du gehört?

ODH Volkspolizei: Ja, ist in Ordnung.

„Schön ruhig“, ganz im Sinne von Herbert Töpfer, verhielt sich die SED-Kreisleitung auch weiterhin. Selbst als sich nun auch in der Seelower Kirche siebenhundert Menschen, für hiesige Verhältnisse eine ungeheure Zahl, ihren Unmut über das jahrzehntelange Versagen des Staates von der Seele schimpften, hüllten sich die Genossen weiter in tiefes Schweigen. Möglicherweise war das auch besser so! In solch einer aufgeheizten Situation wären altbekannte Phrasen das letzte gewesen, was die Bürger des Oderbruchs zu hören wünschten.

Aber auch zwischen dem VPKA und der Kreisdienststelle für Staatssicherheit im Stadtteil Zernikow, begann es leicht zu knistern.

ODH Kreisdienststelle: Wie sieht es aus bei dir?

ODH Volkspolizei: Wenn ich so aus dem Fenster schaue, muss ich draußen zunehmende Dunkelheit feststellen.

ODH Kreisdienststelle, leicht verwundert: Aber andere Sorgen, außer das es dunkel wird, habt ihr nicht?
ODH Volkspolizei: Nö, warum? Was soll denn sonst los sein?

ODH Kreisdienststelle: Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Anschließend legte er abrupt den Hörer auf die Gabel, um das unfruchtbare Informationsgespräch zu beenden.


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http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#163

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.06.2011 14:25
von pferdsdorfer | 29 Beiträge

Hallo, lieber Volkspolizist,
ich habe nich nicht alles gelesen, aber es ist wirklich alles glaubhaft und vor allem sehr schön einleuchtend geschrieben!
Ich werde es weiter verfolgen.
Ich habe auch schon in anderen Foren meine Erlebnisse in diesen Zeiten als Grenzer ab 1952 an der Westgrenze be- und geschrieben.
Pferdsdorfer
grüßt Euch alle


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#164

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.06.2011 15:14
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

na @abv, icke dann mal wieder...

Zitat
Oberstleutnant sorgte zum Ende der Versammlung, mit einem eigentlich beiläufig geäußerten Nebensatz für Verwirrung: „ Der Druck im Kessel steigt stündlich. Es wird daher krampfhaft nach einem Ventil gesucht, um den Kessel nicht Platzen zu lassen. Daher wird eine baldige Öffnung der Grenzen zu Westberlin und zur Bundesrepublik nicht mehr ausgeschlossen.“



hast du den namen des osl bzw. das kürzel vergessen ? habe mir gestern dein kukaff angesehen.... fragen stelle ich aber erst nach dem vollständigen lesen


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#165

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.06.2011 15:24
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Feliks D.

Zitat von Gert


....................aus den veralteten Bundesländern. Ich protistuiere gegen diesen Begriff, exgakl



Gert prostituiert sich für die veralteten BL, oder protestiert er??? Na ohne Restalkohol geht das Wörtchen Sicht leichter und damit auch verständlicher über die Lippen.

Scherz am Morgen




rot, ist dieser unverständliche Ausdruck im Zusammenhang auch auf Restalkohol zurückzuführen

Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#166

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.06.2011 15:34
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Nein, auf die Autkorrektur da sollte sicher stehen


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#167

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.06.2011 15:34
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

so, jetzt endlich fertsch mit dem lesen

folgende fragen entstanden gestern bei einer vor ort besichtigung. du hattest in einer geschichte geschrieben, dass du über eine brücke der oder gelaufen bist und dabei in die kaserne der gssd in als küstrin reinschauen konntest. wie ich gestern sah, waren es zwei brücken... waren damals beide in betrieb oder nur eine davon ? die nächste frage wäre: jetzt wälzt sich doch eine riesen fahrzeugkolonne täglich durch deinen ort. konnte man das früher bei euch als etwas verträumt bezeichenen ?

kurz zu deiner geschichte von achim r. so ging es damals vielen ehem. operativen mitarbeitern des mfs. sie hatten sich täglich die finger wund geschrieben und die tatsächliche lage gemeldet und die politische führung spielte einfach blinde kuh. wer will es ihm verübeln seinen frust darüber im alkohol zu ertränken ??? das alkohol doch kein retter in der not ist, wissen nur leute die festen boden unter den füssen haben...


danke dir @abv, bitte weiter so...


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#168

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.06.2011 16:40
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
so, jetzt endlich fertsch mit dem lesen

folgende fragen entstanden gestern bei einer vor ort besichtigung. du hattest in einer geschichte geschrieben, dass du über eine brücke der oder gelaufen bist und dabei in die kaserne der gssd in als küstrin reinschauen konntest. wie ich gestern sah, waren es zwei brücken... waren damals beide in betrieb oder nur eine davon ? die nächste frage wäre: jetzt wälzt sich doch eine riesen fahrzeugkolonne täglich durch deinen ort. konnte man das früher bei euch als etwas verträumt bezeichenen ?

kurz zu deiner geschichte von achim r. so ging es damals vielen ehem. operativen mitarbeitern des mfs. sie hatten sich täglich die finger wund geschrieben und die tatsächliche lage gemeldet und die politische führung spielte einfach blinde kuh. wer will es ihm verübeln seinen frust darüber im alkohol zu ertränken ??? das alkohol doch kein retter in der not ist, wissen nur leute die festen boden unter den füssen haben...


danke dir @abv, bitte weiter so...



So Gilbert, nun zu deinen Fragen, mal der Reihe nach:
natürlich handelt es sich bei dem Oberstleutnant um den schon bekannten Oberstleutnant N. Jetzt zu der Brücke: wir sind damals über die Eisenbahnbrücke gelaufen. Wenn du nach Polen fährst, dann liegt sie links von der Straßenbrücke. Zu dieser Brücke gelangt man, rein theoretisch denn das Betreten der Bahnanlagen ist ja nach wie vor verboten, vom früheren Bahnübergang in Richtung Bleyen aus. Von dort kann man bis zu der Kaserne rechterhand schauen. Die Gebäude stehen ja auch heute noch. Das alte Gebäude mit den vergitterten Fenstern ist der von der Sowjetarmee zum Med-Punkt umfunktionierte frühere Bahnhof Küstrin-Altstadt. Dahinter gelangt man dann zur Eisenbahnbrücke. Die Straßenbrücke war damals nicht in Betrieb, die war verschlossen und wurde auf beiden Seiten bewacht. 1968 sollen über diese Brücke Militärtransporte in Richtung CSSR gerollt sein. Die Eisenbahnbrücke war in Betrieb, es fuhren aber nur Güterzüge von / nach Polen.
Durch meinen Ort rollen sich Blechlawinen? Ach Gilbert, seit der Fertigstellung der Umgehungsstraße, vor zwei Jahren, ist es dort genauso ruhig wie zu DDR-Zeiten. Der Verkehr schlägt einen großen Bogen um den Ort.
Nein, ich maße mir kein Urteil darüber an, wenn jemand Sorgen und/oder Frust im Alkohol ertrinkt. Darum hatte ich ja auch darauf hingewiesen, dass jeder der vorschnelle Häme verspürt, bitte weiterlesen möchte. Es ist immer tragisch und schlimm, wenn ein Mensch an den Zeitumständen oder anderen Dingen zerbricht. Das kann jeden, jederzeit ebenfalls passieren.
Übrigens was heißt hier eigentlich Kuhnest? Küstrin-Kietz war schließlich mal ein Stadtteil von Küstrin, wir haben rein theoretisch immer noch Stadtrecht. Obwohl eine "Stadt" mit achthundert Einwohnern, in der es weder einen Arzt, noch eine Einkaufsmöglichkeit von anderen Annehmlichkeiten mal ganz zu schweigen, reichlich bescheuert aussehen würde.
Bei uns gibt es aber einen Geschichtsverein, der allen Ernstes beim Innenministerium die Wiedervergabe des Stadtrechtes beantragen wollte. Sie wollten vorher aber noch eine Unterschriftensammlung starten, aber das ging wohl nach hinten los.

Viele Grüße vom Oderstrand
Uwe


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#169

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.06.2011 14:10
von ABV | 4.202 Beiträge

So und nun das nächste update. Wie immer viel Spaß damit

euer ABV vom Oderstrand


So wie überall in der Republik, standen nun auch im Kreis Seelow die Zeichen auf „Dialog“. Gemeint war das vielerorts längst überfällige Gespräch zwischen den Verantwortlichen von Städten und Gemeinden und ihren Bürgern. Fast überall mussten sich nun die vom Staat eingesetzten Bürgermeister unangenehme Fragen zu ihrer bisherigen Amtsführung gefallen. Für die meisten von ihnen war das eine neue, teilweise auch unangenehme Herausforderung, an der so mancher sang und klanglos scheiterte. In meinem Abschnitt musste zuerst die Bürgermeisterin von Libbenichen durchs „Fegefeuer“.
Hauptmann B. war der Meinung, dass ich als zuständiger „Sheriff“ bei solch einer brisanten Veranstaltung natürlich auf keinen Fall fehlen durfte. Im selben Atemzug befürchtete er aber auch, dass ich im Falle verbaler Angriffe auf Grund meiner Dienstdurchführung, sang und klanglos untergehen könnte. Aus diesem Grunde schlug er mir, mit mir gemeinsam nach Libbenichen zu fahren. Einer inneren Stimme gehorchend, nahm ich das Angebot meines Vorgesetzten dankbar an. Immerhin waren meine Bemühungen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit in Libbenichen beinahe zwangsläufig mit finanziellen Einbussen bei einigen Mitbürgern verbunden. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon von wütenden Protestlern konfrontiert und in die Ecke gedrängt.
Die öffentliche Veranstaltung fand an einem frühen Abend im Versammlungsraum der Gemeinde statt. Bis in die siebziger Jahre hinein lernten hier noch 1.-Klässler das „Einmaleins“. Irgendwie versprühte dieser Raum noch immer den spröden Charme eines Klassenzimmers, der bei mir stets Beklemmungen hervorrief. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass meine eigene Schulzeit erst neun Jahre zurücklag und die Schule nicht gerade zu meinen Lieblingsaufenthaltsorten zählte. Rasch zeigte sich der Versammlungsraum bis auf den letzten Platz gefüllt. Überrascht viele Einwohner waren, teils aus Neugierde aber in einigen Fällen auch mit der Absicht einen Redebeitrag zu leisten, erschienen. Trotz der Anwesenheit meines Chefs fühlte ich mich in Mitten all dieser Leute unbehaglich. In der etwas abgestandenen Luft lag eine nie gekannte Spannung, die nichts Gutes erahnen lies. Das schien auch die Bürgermeisterin, eine kleine etwas korpulente dunkelhaarige Frau von Anfang dreißig, zu spüren. Ihr rundes immer etwas keck erscheinendes Gesicht wirkte an diesem Abend ungewöhnlich bleich. Sie wird sich ganz sicher fragen, was die nächsten Stunden wohl bringen würden? Immerhin hatte der „ Rat des Kreises“ einen Mitarbeiter zwecks Schützenhilfe an ihre Seite gestellt. Um es vorwegzunehmen, das insgeheim befürchtete Abrechnen mit der Bürgermeisterin blieb aus. Es gab auch niemanden, der sich über den Abschnittsbevollmächtigten Luft machen wollte. Die Einwohner verlangten lediglich mehr Transparenz bei den gefällten Entscheidungen und mehr Mitspracherecht ein.
Vielleicht lag es ja daran, dass Libbenichen nur ein kleines Dorf ist, wo tatsächlich jeder jeden kennt. Die Bürgermeisterin lebte schon seit langem mit ihrer Familie im Ort und ins das Dorfleben integriert. Eine Amtsausübung aus der Ferne, weitab von dem Menschen und ihren Sorgen und Nöten, war somit überhaupt nicht möglich. Auf dem Dorf stand man sich einfach näher, obwohl auch hier selbstverständlich Ausnahmen die Regel bestätigten. Zu einer solchen möchte ich im Verlaufe dieses Buches noch einmal näher eingehen.
Mit Verwunderung erfüllte mich der Vorschlag eines im Ort ansässigen Kampfgruppenkommandeurs, eben diese Kampfgruppen sofort aufzulösen. „ Jetzt wo sich in unserem Land soviel zum positiven ändert, da brauchen wir doch diese Truppe nicht mehr. Die Fahrzeuge könnten dann anderweitig, für zivile Zwecke genutzt werden.“ Während ein Großteil der Libbenichener den Vorschlag mit begeisterten Klatschen die Zustimmung erteilte, verstand ich mal wieder die Welt nicht mehr. Wie kam ausgerechnet ein Kampfgruppenkommandeur dazu, jetzt wo sich unser Land in einer tiefen, den weiteren Fortbestand in Frage stellenden Krise befindet, die Auflösung der Betriebskampfgruppen zu fordern? Hatte man die Kampfgruppen nicht eigens für solche Situationen aufgebaut?
Alle Achtung, immerhin verstand es dieser Mann rechtzeitig auf den richtigen politischen Zug aufzuspringen. Es überrascht sicher niemanden, dass er ein halbes Jahr später selbst für das Bürgermeisteramt kandidierte und auch gewählt wurde.
Im weiteren Verlauf erfolgte, nicht ganz unerwartet, eine heftige Diskussion über die Lage in der DDR. Eines wurde schnell klar, die SED hatte auch auf dem Lande enorm an Vertrauen eingebüsst! Enttäuschung und eine enorm angestauter Wut, von den täglichen Enthüllungen über die Machenschaften einzelner bis ins groteske gesteigert, brach sich nun seine Bahn. Wie hatte Oberstleutnant N. vor kurzem gesagt: „ Von der SED nimmt kein Hund auch nur ein Stück Brot mehr.“ Mit ernster Mine meldete sich nun die Gemeindeschwester zu Wort. Außerhalb ihrer Arbeit engagierte sie sich für die Belange der Libbenichener Kirchengemeinde. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, musste sie etwas sehr wichtiges auf dem Herzen haben. „ Ich möchte de Gelegenheit nutzen, um das Gedächtnisprotokoll von jemandem zu verlesen, welcher am 07. Oktober von der Polizei verhaftet und brutal misshandelt wurde.“ Schlagartig verstummten die halblaut geführten Diskussionen. Glühenden Kohlestücken gleich, brannten die Blicke der anderen auf meiner Haut. Jetzt ging es nicht mehr nur um Funktionäre und Partei, sondern nun war ganz speziell die, meine!, Volkspolizei an der Reihe. „ Was ihr jetzt hört, ist die Leidensgeschichte eines jungen Mannes, der vor einem Monat friedlich an einer ebenso friedlichen Demonstration in Berlin teilnahm. Was ihm und vielen, vielen anderen in der Nacht vom 07. auf den 08. Oktober angetan wurde, hätte niemand, auch der junge Mann nicht, je in diesem Staat für möglich gehalten. Nun hört selbst:
Ich, Rainer S., 21 Jahre alt, habe mich immer als ein Kind der DDR betrachtet. Es war mein Staat und er ist es heute noch. Aber nicht nur erst seit diesem Sommer wissen wir, dass unser Staat schwerkrank ist. Unsere Regierung, die doch so mächtig stolz auf ihr Volk ist, weigert sich zur Kenntnis zu nehmen, dass eben dieses Volk zu tausenden aus dem Land flieht. So wie ich haben sich am Abend des 07. Oktobers in Berlin plötzlich ganz viele gleichgesinnte zusammengefunden, um denen da oben auf die Krankheitssymptome unseres Landes aufmerksam zu machen. Damit endlich eine Therapie stattfinden kann. Mit Plakaten in den Händen, singend und friedlich zogen wir zum „Palast der Republik“, wo sich gerade eine der gespenstischen Zeremonien in der deutschen Geschichte vollzog. Auf dem Weg dahin wurden wir von uniformierten Polizisten und zivilen Sicherheitsleuten aufgehalten. Obwohl wir ihnen keinerlei Anlass dafür gaben, stürzten sich die Polizisten auf uns. Die Rufe nach „ Freiheit“ und „ Glasnost“ erstarben im Klatschen der Gummiknüppel und den Angst und Schmerzensschreien so vieler Leute.“ Während die Gemeindeschwester fortfuhr den Augenzeugenbericht zu verlesen, hätte ich ihr am liebsten das Wort entzogen. Alles, aber auch alles in mir weigerte sich, auch nur ein Wort von dem Gehörten zu glauben. Aus den Augenwinkeln musterte meinen Hauptmann, der regungslos mit einem zur Maske erstarrtem Gesicht den Ausführungen lauschte. Warum lässt er zu, dass diese Frau in aller Öffentlichkeit solche Lügen über die Volkspolizei verbreitet? Mit zusammengepressten Lippen, die Finger fest ins Sitzpolster gekrallt, kam ich nicht umhin mir den Augenzeugenbericht weiter anzuhören. Besonders unerträglich gestaltete sich für mich, als der Augenzeuge, den ich innerlich als solchen ablehnte, auf die Behandlung der zugeführten Demonstranten zu sprechen kam. „ Wir mussten stundenlang in der so genannten Fliegerstellung an einer Wand stehen. Wem die Beine zu erlahmten und deswegen umzusinken drohte, bekam Schläge mit dem Gummiknüppel. Unter den Zugeführten befanden sich nicht nur Teilnehmer der Demo. Von den Polizisten, die ich nie wieder Volkspolizisten nennen kann, wurden auch gänzlich unbeteiligte, unter ihnen auch Menschen die sich bereits erkennbar im Rentenalter befanden, auf die Ladefläche der bereitstehenden Lastkraftwagen geworfen. Ja geworfen, wie Schlachtvieh! Ich habe einen alten Mann gesehen der mein Großvater hätte sein können. Ihm wurde von den Polizisten mehrfach der Gang auf die Toilette verweigert. Nachdem er sich dann eingenässt hatte und vor Scham weinte, wurde er von denselben Polizisten, alle samt nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, als „ alter stinkender Pisser“ verhöhnt.“
Jetzt reicht es aber wirklich, dachte ich mir! In meinen Ohren dröhnte regelrecht der vor Erregung rasende Herzschlag. So viele Lügen auf einen Haufen und wir müssen hilflos zuhören! Wir leben doch in der Deutschen Demokratischen Republik und nicht in Chile unter Pinochet! Zu solchen Gewaltorgien ist doch die Volkspolizei überhaupt nicht fähig, dass passt doch überhaupt nicht zu uns. Selbst wenn einzelne über die Stränge schlagen sollten, würden die Offiziere solch ein Verhalten niemals dulden. In der Volkspolizeischule Neustrelitz verlief die Formationsausbildung mit Helm und Schild stets unter absoluter Geheimhaltung. Eigens abgestellte Posten mussten darauf achten, dass kein Außenstehender sah, dass auch die Schutzpolizei über Sonderausrüstung verfügte. „ So etwas vereinbart sich nicht mit dem Bild des Volkspolizisten in der Öffentlichkeit“, hatten unsere Ausbilder erklärt. Volkspolizisten sollten freundlich und hilfsbereit sein. Der behelmte prügelnde Bulle galt dagegen als Synonym der Bundesrepublik.
Ich weiß nicht ob und wie lange ich in der folgen Nacht gefunden habe. Am nächsten Morgen hockte ich, noch immer innerlich aufgewühlt, in meinem Dienstzimmer. Wieder und immer wieder las ich einen in der neusten Ausgabe der Volkspolizeizeitung „ Die Volkspolizei“ erschienen Artikel, in dem Volkspolizisten den Lauf der Ereignisse aus ihrer Sicht schilderten. Deren Darstellung wich erheblich von dem am gestrigen Abend gehörten ab. Es war für mich somit glaubwürdig, weil es einfach in mein damaliges Weltbild passte. Die im Artikel zu Wort kommenden VP-Angehörigen berichteten von dem unglaublichen Hass der ihnen entgegenschlug. „ Wir wollen eine grüne Leiche sehen“, sollen die Demonstranten mit Sprechchören gefordert haben. Aha, so also klangen die vorgeblich so friedlichen Gesänge also in Wirklichkeit. „ Einer schwangeren Genossin wurde gedroht, dass man ihr das ungeborene Kind aus dem Leib reißt“, berichtete ein anderer Volkspolizist. Mein vor Wut vernebeltes Gehirn war nicht imstande den offenkundigen Widerspruch, dass eine hochschwangere Volkspolizistin offenbar zur Abwehr gewalttätiger Demonstranten eingesetzt wurde. Welcher Vorgesetzte würde denn so etwas zulassen? Aber solche Fragen stellte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht. Irgendetwas muss man doch tun können, aber was? Ein fataler Gedanke bemächtigte sich meiner: warum sollte ich nicht die Lokalredaktion des „ Neuen Tag“ einschalten, damit diese einen Artikel über die von der Libbenichener Gemeindeschwester verbreiteten Lügen verfassten? Gerade als ich im Telefonbuch die Nummer der Seelower Redaktion suchte, klopfte jemand an die Tür meines Büros. „ Herein“, rief ich mehr aus Reflex als in der Absicht in dieser Situation auch noch jemanden empfangen zu müssen. Zu meiner Überraschung erkannte ich den dunklen, wie stets etwas wirren Haarschopf meines Vorgesetzten im Türrahmen. „ Ach du bist es, komm rein“, sagte ich mit müder Stimme. Anders als sonst war Hauptmann B. heute mit seinem privaten PKW und nicht mit dem Dienstmotorrad unterwegs, so dass mich dessen Knattern diesmal nicht vorwarnte.
„ Ich wollte mal sehen wie es dir nach dem gestrigen Abend geht. War wohl ganz schön harter Tobak, was?“ Auch an Hauptmann B. schien der Abend nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Jetzt, an dieser Stelle wollte und konnte ich nicht mehr an mich halten. Diese ganze aufgestaute Empörung entlud sich nun in einem einzigen Schwall erregter Sätze. „ Ich habe mich entschlossen, die Zeitung über die Hetzkampagne der Gemeindeschwester zu informieren. Wenn wir schon nichts unternehmen, vielleicht können die erreichen das dieses verdammte Gehetze gegen die VP endlich aufhört.“
Manfred schlug die Augen nieder, kramte eine Zigarettenschachtel aus der Uniformjacke und hielt mir die Packung hin. „ Hier rauch mal eine“, sagte er mit abwesendem Blick. „ Ich rauch doch seit ein paar Jahren nicht mehr“, lehnte ich überrascht ab. „ Ach ja, das vergesse ich immer wieder.“ Noch immer gedankenverloren, zündete sich Manfred eine Zigarette an, wobei er mich für mehrere Sekunden unverwandt anschaute. „ Uwe, das mit der Zeitung lässt du schön sein! Als Volkspolizei haben wir für alle da zu sein, auch für die Gemeindeschwester.“ „ Aber deswegen kann sie doch noch lange nicht solche Scheiße in die Welt posaunen“, protestierte ich. „ Wer sagt denn das es Scheiße ist, was die Frau gestern vorgelesen hat? Woher willst du wissen, dass es nicht stimmt? Warst du am 07. Oktober in Berlin dabei?“ „ Natürlich nicht“, antwortete ich verblüfft. „ Aber glaubst du im Ernst, dass solche Dinge passiert sind? So etwas gibt es doch gar nicht!“ „ Bis vor kurzem hätte ich das auch nicht geglaubt. Aber ich habe das auch schon von anderen gehört, außerdem beschäftigt sich in Berlin eine ganze Kommission mit den Ereignissen. Meinst du wirklich, dass so viele Menschen lügen? Auch wenn wir beide das ganze nicht gutheißen und uns keine Schuld daran trifft, es ist zumindest sehr viel Wahres daran.“ Wortlos schob ich Manfred die aufgeschlagene VP-Gazette hin. „ Hier steht aber ganz etwas anderes!“ Manfred lächelte mitleidig, „ was hast du denn erwartet?“ Ich spürte wie die Erregung von mir abfiel wie ein schwerer, prall gefüllter Getreidesack. Besser aber ging es mir deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil, mir rutschte langsam aber sicher der Boden unter den Füßen weg. Es verging nicht ein Tag ohne Enthüllungen, wo nicht irgendeine langgehegte Illusion wie eine Seifenblase zerplatzte. Nun entpuppte sich auch noch meine Volkspolizei als ein Haufen stupider, knüppelnder Büttel. Nein, niemals! Das wird sich doch alles aufklären oder wenigstens relativieren. Wenn überhaupt geprügelt wurde, dann von den Bereitschaften. Hatten nicht schon die mir seinerzeit im Oktober an der Grenze zugeteilten Bereitschaftspolizisten von gewaltsamen Übergriffen berichtet? Genau! Jetzt fällt das auf die gesamte VP zurück, unglaublich! Um das unglaubliche nicht akzeptieren zu müssen, verschanzte ich mich hinter einer dicken Mauer aus Ausflüchten.
Einmal mehr hatte mich mein Vorgesetzter damals vor einer Dummheit bewahrt, dass sollte ich schon bald einsehen. Der Gemeindeschwester begegnete ich im Februar 1990 erneut, wobei sich der anfänglich so negative Eindruck ins absolute Gegenteil verkehrte. Aber davon später mehr!


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#170

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.06.2011 18:59
von Commander | 1.037 Beiträge

Hallo Uwe,wieder ein tolles Update.Zeigt es doch auch die inneren Konflike,die Euch damals zu schaffen machten.Einerseits als Machtorgan des Staates für Ruhe u.Ordnung zu sorgen,andererseits gerade als ABV an der Basis die Sorgen u.Nöte der Leute zu bemerken.An wen konntet Ihr euch wenden,wenn die Vorgesetzten schon resigniert haben,von wem erfährt man die Wahrheit,aus der Zeitung,von Augenzeugen?
Manch einer ist an dieser Zerissenheit kaputtgegangen.Zum Glück nicht Du,sonst könnten wir Deine Erinnerungen hier nicht lesen.Also schreibe schön weiter,in Erwartung des nächsten Kapitels grüßt Dich,Frank.



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#171

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.06.2011 10:20
von Gert | 12.354 Beiträge

Guten Morgen aus Erfurt, Uwe,

bin zur Zeit in der"alte Heimat" und habe gerade(wieder nach dem Früstück) dein neuestes Update gelesen. Sehr schön, kann ich nur sagen. Das müssen spannende Tage für dich gewesen sein, aber auch sicher schmerzlich wenn ein Weltbild " zusammenbricht". Ich habe das natürlich anders erlebt aber ich kann dir das nachfühlen.

Einen schönen Sommertag von der Gera (so heisst der "Bach", der durch diese Stadt fliesst)

Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#172

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.06.2011 16:56
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke Gert und Commander, für eure Kommentare. Ja das war schon eine aufregende Zeit, die nun einmal jeder anders erlebt hat. Beim Schreiben kommt vieles wieder hoch, so was kann man nicht einfach abschütteln. So aufregend wie es war, missen möchte ich diese Zeit trotzdem nicht.

Schöne Grüße vom Oderstrand
Uwe


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#173

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.07.2011 22:15
von ABV | 4.202 Beiträge

So und nun folgt das nächste update. Wie immer wünsche ich allen interessierten viel Spaß beim Lesen

Gruß an alle
euer Uwe

Verdammt, was ist das denn? In meinem Schädel hämmert und pocht es, als ob dort eine ganze Kompanie Bergmänner eine „Hennecke-Schicht“ fährt. Mühsam, nur unter äußerster Kraftanstrengung gelingt es mir, die Augen zu öffnen. Selbst das trübe Licht dieses zehnten Novembers 1989 schmerzte so stark, dass ich mir die Nacht zurückwünschte. Verdammt, der Zeiger dieses ebenso unverwüstlichen wie oft verdammten Ruhla-Weckers, zeigte bereits die elfte Stunde des Tages an. Meine tägliche Morgenmeldung beim „Operativen Diensthabenden“ war somit bereits seit zwei Stunden überfällig. Bei meinem Zustand wäre es ohnehin am besten, wenn ich mich Krankmelde. Egal wie, ich musste irgendwie aus dem Bett raus, wenn das Ding doch nur jemand anhalten würde! In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und meine Frau trat herein. „ Mensch warst du gestern abend besoffen! Ich habe mich für dich geschämt.“
Ihre verkniffenen Gesichtszüge ließen nichts gutes ahnen, da half wohl nur aufrechte Reue!
„ Kannst du für mich meine Dienststelle anrufen und Bescheid sagen das ich krank bin?“, bat ich mit der schwachen Stimme eines zu Tode verwundeten. „ Du konntest doch alleine saufen. Dann kannst du auch alleine anrufen!“ Anschließend verschwand sie zurück in die Küche, nicht ohne dafür zu sorgen, dass die Tür besonders laut ins Schloss fällt. Versteh einer diese Weiber! Langsam senkte ich meinen noch immer bis in die letzte Faser schmerzenden Körper zurück ins Bett. Nur noch ein Viertelstündchen, belog ich mich selbst. Immerhin kehrte nun langsam aber sicher das Erinnerungsvermögen in meinen von Goldbrand und Bier durchfeuchteten Kopf zurück. Und damit auch die Bilder des vergangenen Abends, die den Grund für meinen Absturz bildeten. Es war eigentlich eine ganz normale Geburtstagsfeier bei einem flüchtigen Bekannten, abgehalten im Manschnower Neubaugebiet „Steintal“. Ich war hundemüde, verspürte wenig Lust, lies mich aber dann fatalerweise doch von meiner Frau überreden mitzukommen.
Wie von mir befürchtet, bildete die aktuelle Politik das beinahe einzige Thema dieses Abends. Aber konnte ich denn etwas anderes erwarten? Unser Land gerät gerade aus den Fugen, so etwas birgt nun einmal Gesprächsstoff für einen ganzen Abend in sich. Nur ein Narr konnte in solch einer Situation auf Ablenkung und Spaß hoffen. Das allein war es auch nicht, was mich letztendlich in den Alkohol flüchten lies. Nein, es lag an der ebenso plötzlichen wie offenbar selbstverständlichen Kehrtwendung einiger vor ein paar Wochen noch von den Prinzipien des Sozialismus überzeugter Anwesender. „ Mein Gott was jetzt alles so enthüllt wird, was die von der SED so getrieben haben. Das sind doch alle Verbrecher,“ schnaufte ein für seine knapp dreißig Jahre bereits reichlich korpulenter in Frankfurt (Oder) wohnender Mann, voller Verachtung. Noch im Juni hatte sich genau der selbe Typ befriedigt darüber geäußert, dass ein bis dato privates Rundfunkgeschäft endlich verstaatlicht wurde. Wie seltsam doch dieses – die von der SED- aus dem Munde eines Genossen klingt? Oder war er schon keiner mehr? „ Bist du nicht selbst in der SED?“, fragte ich ihn folgerichtig. Er musterte mich abschätzig, zog die Mundwinkel nach unten und schüttelte heftig den Kopf. „ Denen habe ich das Dokument auf den Tisch geknallt. So richtig überzeugen konnte mich ihre Politik ohnehin noch nie. Ich musste ja mehr oder weniger da eintreten.“ Aha, wer im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) irgendwelche Elektronikteile zusammenschustert, muss also in die SED eintreten? Niemand fuhr dem Kerl in die Parade, auch die nicht, welche schon immer eine kritischere Meinung zur DDR vertraten. Im Gegenteil, sie taten so als wäre der Dicke schon immer auf ihrer Seite gewesen.
Jetzt wurde kollektiv über Volkspolizei und Staatssicherheit geschimpft, alle samt nur „überbezahlte Nichtstuer“. „ Das ist ja ein Ding, dass schon so ein normaler Stasi-Mitarbeiter fünftausend Mark im Monat dafür verdient, dass er uns bespitzelt“, krähte eine lockenköpfige bebrillte Dame, offenbar die Ehefrau des Korpulenten. „ Na die Bullen sind doch auch nicht besser. Dumm, unfreundlich und gewalttätig. Und so etwas bezahlen wir nun von unseren Steuerngeldern. Es wird Zeit das die Leute endlich auf die Straße gegangen sind!“ Die harschen Worte verletzten und isolierten mich nun endgültig. Am liebsten wäre ich gegangen, aber meiner Frau lag anscheinend viel an diesem Abend. Nun schlug sie auch noch in die selbe Kerbe wie alle anderen, da blieb nur noch Trost im Goldbrand zu suchen. Jeden unbeobachteten Moment ausnutzend, goss ich mir einen nach dem anderen hinter die Binde.
Da schlagen sich mit der größten Selbstverständlichkeit dieser Welt ein paar selbstzufriedene Mitläufer von einem Tag auf den anderen, mental auf die Seite der Sieger. Keine Spur von Reue oder Einsicht, nein warum auch? Man hatte das was jetzt gerade passiert schon längst vorher gesehen. Aber sagen konnten sie das ja nicht, weil ansonsten sofort die Handschellen der Staatssicherheit geklickt hätten. Mit kopfschüttelnder Verachtung zog man nun über all diejenigen her, welche nicht so einfach vor ihrer Verantwortung davon laufen konnten.
„ Der Vorsitzende vom Rat des Kreises Seelow soll seinen Rücktritt angeboten haben. Aber der wurde wohl nicht angenommen,“ wusste ein anderer zu berichten. „ Richtig, der hat die Karre in den Dreck gefahren. Nun soll er auch sehen wie er sie wieder herausbekommt,“ tönte ein anderer voll Befriedigung. Schon zu hören, dass der gesamte Kreis Seelow offensichtlich nur aus einer einzigen Person, der des Ratsvorsitzenden, besteht. Er hat die Karre sicher nicht alleine in den Dreck manövriert. Denn ihr Arschlöcher habt nämlich kräftig beim Schieben geholfen, dachte ich zwischen zwei Schnäpsen. Inzwischen begannen die all die Visagen vor meinen leicht umflorten Blick mehr und mehr zu verschwimmen. Schade nur, dass Alkohol nicht auch das Gehör betäubt. So wäre vieles einfacher gewesen. „ Hast du dir eigentlich schon einmal Gedanken gemacht was passiert, wenn du deinen faulen Job los wirst?“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff das diese unverschämte Frage mir galt. „ Ich habe keinen faulen Job! Außerdem macht mir meine Arbeit Spaß“, antwortete ich trotzig. Der Dicke verzog erneut seine Mundwinkel, so als hätte er soeben auf eine besonders saure Zitrone gebissen. „ Was bitte soll denn daran Spaß machen? Den ganzen Tag spazieren fahren und ab und zu ein paar Leute anscheißen. Und dass nennst du arbeiten?“ Mit Aufbietung aller mir in diesem Augenblick noch zur Verfügung stehenden psychischen Kräfte schaffte ich es, in diesem Augenblick nicht zum Mörder zu werden. Von dem Gequatsche ohnehin isoliert, verkürzte ich die Pausen zwischen den einzelnen Schnäpsen auf eine Zeitspanne von unter zwei Minuten. Dir schmeckt es wohl heute?“, stellte meine Frau mit bedrohlichem Unterton fest. Inzwischen kannte ich sie so gut, um die kodierte Aussage in Klartext umwandeln zu können: „ Reiß dich gefälligst zusammen und blamier mich nicht!“ Nun gehörte ich schon damals zur Kategorie der folgsamen Ehemänner, wenigstens bis zu meiner Scheidung aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. An diesem Abend aber war ich viel zu besoffen und vor allem viel zu aufgewühlt, um den braven Pantoffelhelden zu mimen. Trotz der dämpfenden Wirkung des Alkohols wollte die verdammte Wut einfach nicht vergehen. Wie auch, bei diesen Gesprächspartnern? Irgendwie kam man dann darauf zu sprechen, dass in einem Kindergarten, irgendwo in den Südbezirken, Kindern die Hände verbrüht wurden. Einzig und allein aus dem einzigen Grunde, weil deren Eltern bei der Staatssicherheit waren. Ich denke mal, dass es sich dabei nur um eine letztendlich unbewiesene Horrorstory handelte. „ Ist ja auch kein Wunder, bei dem was die Staatssicherheit so auf dem Kerbholz hat,“ versuchte einer der Anwesenden das normalerweise unverständliche zu erklären. „ Ach und das rechtfertigt Gewalt gegen Kleinkinder?“, protestierte ich mit schwerer Zunge. Es wurde langsam Zeit nach Hause zu gehen, was ich meiner Frau mit einem dezenten Tritt gegen ihren Fuß zu signalisieren versuchte. Nachdem empörten Blick den mir die Frau des dicken Wendehalses zuwarf, hatte ich wohl das falsche Bein getroffen. Mittlerweile gab der Dicke, dessen feiste Visage besser zu einem riesigen Baby als zu einem erwachsenen Mann passte Volkspolizistenwitze zum besten. Sicher, wie so vieles besaß auch diese Art von Humor einen realen Hintergrund. Es gab so einige in unseren Reihen, welche dort eigentlich nicht hingehörten. Aber das jemand alle meine Kollegen und auch mich pauschal als Idioten bezeichnen durfte, ging mir dann doch über die berühmte Hutschnur. Zu allem Überfluss glotzte mich das Riesenbaby nach jeder Pointe, oder was er dafür hielt, provokatorisch an. „ Verstehst wohl keinen Spaß? Du musst noch viel toleranter werden“, laberte er mich zu. Mit flinken Füßen eilte ich auf die Toilette. Der Schnaps wollte wieder hinaus aus der Finsternis meines Körpers. Außerdem musste ich mich dringend abreagieren. Hilflos, mit der ohnmächtigen Wut eines Betrunkenen, schlug ich mit der flachen Hand gegen die unschuldigen Badfliesen.
Für den Rest vom Abend dieses 09. November 1989 fehlen mir einige „ Meter Film“. Während VP-Hauptwachtmeister Bräuning voll wie ein Amtmann schließlich irgendwann im heimatlichen Bett landete, wurde im achtzig Kilometer entfernten Berlin Weltgeschichte geschrieben. Davon ahnte aber weder meine Person, noch die Runde der vermeintlich vom Saulus zum Paulus gewandelten Ex-Genossen irgend etwas.
Auch der späte Vormittag des zehnten November sah nicht nur einen verkaterten, sondern auch einen noch immer unwissenden Abschnittsbevollmächtigen. Versuch die Augen auch nur einen Spaltweit zu öffnen, bohrten sich tausend Nadeln in mein Gehirn. Mein Gott was würde ich jetzt für eine Kopfschmerztablette geben? Aber dazu hätte ich in die Küche gehen und vorher das Bett verlassen müssen. Mit der rechten Hand tastete ich nach dem Transistorradio sowjetischer Produktion, auf meinen Nachttisch. Mit Musik geht alles besser, vielleicht verscheucht sie ja auch den verdammten Kater. Im Radio, auf „ Rias 2“, interviewte ein Reporter gerade eine Gruppe Jugendlicher. „ Na wie sind eure ersten Eindrücke vom Westen?“ Solche und ähnliche an DDR-Bürger gerichtete Fragen liefen im Herbst 1989 so oft über den Äther, dass ich mich schon an sie gewöhnt hatte. Na da sind wohl wieder ein paar über Tschechien oder Ungarn in den Westen gelangt, dachte ich beinah mechanisch. Gerade als ich einen neuen Sender einstellen wollte, nahm das Interview eine ungeahnte Wendung.
„ Könnt ihr euch vorstellen, dass die Mauer nun für immer offen bleibt? Oder denkt ihr das die Regierung der DDR die Grenzen zu Westberlin und zur Bundesrepublik wieder schließt?“
Was labert der denn da? Geradezu im Zeitlupentempo passierte das eben gehörte meine vom Goldbrand gemarterten Gehirnwindungen. Moment mal, die Frage lautet doch, ob sich die Jugendlichen vorstellen könnten das die Mauer nun für immer offen bleibt. Das bedeutet doch........“
Ohne den noch immer unvorstellbaren Gedanken zu Ende zu denken, schnellte ich wie von einer unsichtbaren Feder getrieben, aus dem Bett. „ Das war wieder ein Bericht aus Berlin, der glücklichsten Stadt dieser Welt. Heute, in einer wahrlich historischen Nacht, ist nun endlich nach über achtundzwanzig Jahren die Mauer gefallen. Nun sind diese Stadt und ihre Menschen nicht mehr geteilt.“ Der an diesem Zusammenhang berechtigte Pathos in den Worten des Reporters, vertrieb nun auch meine letzten Zweifel. Mit noch immer weichen Knien, woran nicht nur der Restalkohol Schuld war, tapste ich nun ins Wohnzimmer. „ Ich muss sofort den Fernseher anschalten, die Mauer ist offen“, rief ich meiner in der Küche mit grantiger Mine Gemüse putzender Frau zu. „ Was ist los? Bist wohl immer noch besoffen? Ich habe mich ganz blamiert wegen dir.“ Meine Güte, wie kann man angesichts solch prekärer Neuigkeiten nur an solch profane Dinge denken? Frauen ticken eben anders als Männer. Auch in diesem Punkt unterschieden sich DDR und Bundesrepublik kein bisschen.
Quälend langsame Sekunden verrannen, bis sich in unserem Schwarz-Weißfernseher Marke „Stassfurt“ endlich ein Bild aufbaute. ARD und ZDF berichteten live von der Westseite der Mauer, auf deren Krone sich eine kaum zu überblickende Menschenmenge versammelt hatte.
Männer und Frauen mit Spitzhacken in den Händen, die so genannten „Mauerspechte“, pochten, frenetisch „die Mauer muss weg“ rufend, ungehindert Löcher in den „Antifaschistischen Schutzwall“. Irgendwann schwenkte die Kamera auf hilflos überforderte, sichtlich resignierte Grenztruppenangehörige, welche sich vergeblich bemühten etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. „ Das war der erste und wichtigste Schritt in Richtung Wiedervereinigung“, rief ein überglücklicher Mann von Anfang fünfzig ins Mikrofon. Noch immer konnte ich das wahre Ausmaß des Geschehens nicht völlig begreifen. Es genügte aber, um wenigstens einen ersten Eindruck zu erhalten. Irgend etwas für mich schwer vorstellbares hatte sich in Berlin ereignet. Egal was dort vorgefallen ist, es konnte nicht ohne Folgen für meine Arbeit sein. Um endgültig Klarheit zu erlangen, musste ich die Dienststelle kontaktieren. Auch wenn ich dabei einen kräftigen Anschiss riskiere. Natürlich war um diese Tageszeit in der Wohnung des einzigen Telefonanschlussinhabers weit und breit, niemand anwesend. Die nächste Telefonzelle befand sich über einen Kilometer entfernt. Für einen von Brechreiz und Kopfschmerz geplagten Volkspolizisten, eine schier unüberwindbare Strecke.
Aber was blieb mir anderes übrig? Aus reinem Selbstschutz, mein Zustand vertrug sich nicht mit dem Tragen einer Uniform, schlüpfte ich in Jeans und Pullover. Nach gefühlten zehn Kilometern gelangte ich an die Stele, an der sich die Fernverkehrsstraßen 1 und 112 kreuzten. Ein gelbes Telefonhäuschen der „ Deutschen Post“ mit einem hoffentlich von den Manschnower Vandalen verschonten Münzfernsprecher, war mein Ziel. Gott sei Dank; Hörer und Strippe waren fest miteinander verbunden, konstatierte ich mit einiger Erleichterung. Ich wählte den Notruf 110, um das ansonsten unabdingbare goldene Zwanzigpfennigstück zu sparen. „ Volkspolizeinotruf“ bellte eine dunkle Männerstimme auf der anderen Seite der Leitung. „ Hauptwachtmeister Bräuning, ich wollte mich mal melden. Es ging nicht eher, mein Magen streikt.“ Mit einer halben Lüge brauchte ich mein Gewissen nicht all zu sehr belasten. „ Wie dein Magen streikt? Mensch dann geh gefälligst zum Arzt“, bellte es erneut aus dem vom jahrelangen Ge und bestimmt auch Missbrauch etwas lädierten Hörer des Münzfernsprechers. „ Gibt es irgend etwas besonderes?“ Diese Frage war wohl die dämlichste in meinem bisherigen Leben und nur mit dem reichlich genossenen Alkohol zu entschuldigen. Was mich in den Augen des Diensthabenden natürlich noch mehr diskreditiert hätte. „ Ob es etwas besonders gibt? Mensch hier in Seelow ist die Hölle los und du fragst ob es etwas besonderes gibt? Kommst du eigentlich aus dem Mustopf, oder was ist heute mir los? Geh zum Arzt oder sieh dir die Scheiße selbst an.“ Im Hintergrund des Gesprächs hörte ich Stimmengewirr, offenbar hatten sich mehrere Offiziere im Lagezentrum des VPKA versammelt. Es ertönten Rufe, jemand gab irgendjemanden irgendwelche Anweisungen. Zusätzlich schienen nun auch noch alle Telefone in der Nähe des „ Operativen Diensthabenden“ gleichzeitig zu klingen. Kein Wunder also, dass der Offizier sich so genervt zeigte. Das Monotone Tut Tut im Hörer sagte mir, dass mein Gespräch ohne Vorankündigung beendet wurde. Nicht gerade die feine englische Art, aber angesichts der dramatischen Ereignisse mehr als verständlich. Für mich gab es jetzt nur noch eine Devise: Rein in die Uniform und mit eigenen Augen sehen was los ist. Marschierte etwa die Konterrevolution auf Seelows Straßen? Hatten sich die düsteren Prognosen von Oberstleutnant N. nach exakt einem Monat doch noch bewahrheitet? Vielleicht brauchen sie jetzt im VPKA jeden Mann?
Für den Rückweg in meine Wohnung benötigte ich nicht mehr als zehn Minuten. Geschwind wie seit meinem Wehrdienst nicht mehr, streifte ich Uniform und Kradkombi über. In diesem Augenblick war es mir völlig gleichgültig, dass ich im Begriff stand einen Gesetzesverstoß zu begehen. Mir ging es zwar bedeutend besser als noch eine Stunde vorher, aber die Straßenverkehrsordnung der DDR verlangte nun einmal von jedem Kraftfahrer absolute Nüchternheit. Von Nullkommanull Promille trennten mich sicher noch mindestens noch gefühlte 0, 5 Promille, für einen Volkspolizisten ein Unding. Aber besondere Zeiten verlangen nun einmal noch besonderen Maßnahmen. So geschah es dann, dass am Nachmittag des zehnten Novembers 1989 ein blauer „Grüner“ auf einem Moped selbiger Farbe durch das südöstliche Oderbruch ratterte. Ich gelobe es war wirklich das einzige Mal und entspricht nicht meinen sonstigen Gepflogenheiten. Zuerst fuhr ich über Rathstock und Sachsendorf, nach Dolgelin. In meinem Abschnitt zeigte sich „ konterrevolutionstechnisch“ alles in Ordnung. Im Gegenteil, die Straßen erschienen mir noch unbelebter als gewöhnlich.
Waren etwa alle nach Seelow gefahren um dort zu demonstrieren? Angetrieben von banger Neugierde lenkte ich meine „Schwalbe“ über das Pflaster der Fernverkehrsstraße 167, dem Ortseingang meiner Geburtsstadt entgegen. Warum mir der Umstand das ich vor über einem Vierteljahrhundert im so genannten „Storchennest“, der Entbindungsstation des Seelower Krankenhauses das Licht der Welt erblickte, plötzlich ins Bewusstsein rückte, ist mir bis heute nicht klar. Hin und wieder überkommen einem eben die abstrusesten Gedanken, ohne das man dafür sofort eine Erklärung parat hat. Kurz hinter Friedersdorf schimmerten die Silhouetten von Plattenbauten, typische Sinnbilder der sozialistischen Wohnraumpolitik, im matten Licht des Tages. Wenige Zeit später fuhr ich nun mit gespannter Aufmerksamkeit in die Kreisstadt hinein. An der von hier aus sichtbaren Rückfront der Kreisdienstselle des MfS war nichts auffälliges zu entdecken, jedenfalls keine Belagerer oder Randalierer. Weiter ging es nun, vorbei an der „ BHG“ dem Stadtzentrum entgegen. Was ist das denn? Auf dem Fußweg in Höhe der Karl-Marx-Straße, von der Einmündung der –Straße der Jugend- an den Gebäuden von Staatsbank und Sparkasse entlang bis hin zur Mittelstraße, hatte sich eine riesige Menschenschlange gebildet. Diese Schlange schien sich immer mehr zu verbreitern, bis sie schließlich direkt vor der Treppe des Volkspolizeikreisamtes endete. Solch eine überdimensionale Warteschlange suchte selbst in der DDR ihres ihresgleichen vergeblich. Zumindest erschien es mir in diesem von ungläubigem Erstaunen geprägten Augenblick so zu sein. Anders als sonst, schienen die wartenden ungewöhnlich heiter und ausgelassen zu sein. So als wären sie von der Aussicht auf etwas sehr wertvollen beseelt. Zu allem Überfluss versagte mir mein Moped vor den Augen der Wartenden seinen Dienst. Ruckelnd und wie ein Ziegenbock springend, blieb es mit ersterbendem Motor auf der Fahrbahn stehen. „ Guckt mal dem Bullen ist vor Schreck das Moped ausgegangen. Mensch du brauchst keine Angst zu haben, wir wollen uns nur mal den Westen angucken. Aber wir kommen alle, alle wieder“, rief jemand unter Gelächter und Beifall der Umstehenden. Mit hochrotem Kopf, innerlich nicht druckreife Flüche ausstoßend, schob ich mein „ungetreues Gefährt“ auf den separaten Polizeiparkplatz, gegenüber dem Eingang des VPKA. Ich verkniff mir jegliche Bemühungen vor den auf was auch immer wartenden, mein Moped in Gang zu bringen. Es genügte voll und ganz, einmal zur Belustigung beigetragen zu haben. Schließlich war ich Volkspolizist und kein Komiker! Mühsam bahnte ich mir einen Weg durch die nur widerwillig weichenden. Ich bemerkte, dass die Schlange durchaus noch nicht auf der Treppe endete, sondern sich im unteren Flur fortsetzte. Mit einer Bewegung meiner rechten Hand deute ich dem hinter der Glasscheibe hockendem Hausposten, dass er mir bitte die Zugangstür zu den oberen Etagen öffnen möchte. „ Sag mal was ist denn heute hier los?“, erkundigtre ich mich bei dem Hausposten. Dieser, ein älterer grauhaariger VP-Meister aus einem kleinen Dorf bei Seelow, musterte mich mit mitleidigen Lächeln. „ Was lost ist? Ab heute Nacht darf jeder, mit Ausnahme der –bewaffneten Organe- in den Westen fahren. Jetzt wollen sich die Leute hier ihr Visum abholen.“ Man braucht also ein Visum um in den Westen zu reisen, davon hatte ich im Fernsehen nichts mitbekommen. Aber gestern war doch noch überhaupt nichts davon bekannt. Alle Welt redete doch von diesem neuen Reisegesetz, aber das war doch überhaupt noch in Kraft. Nun bekam plötzlich jeder ein Visum erteilt, ging das denn überhaupt so schnell? Mussten da nicht erst umfangreiche Prüfungen in Gang gesetzt werden? War das ganze etwa nichts anderes, als eine schleichende Bankrotterklärung des Staates? „ Wenn die Mauer fällt, dann kannst du als Polizist einpacken“, hatte vor kurzem mein Amtsvorgänger Alois F. orakelt. Niemals hätte ich nicht geglaubt, dass diese Situation tatsächlich und vor allem so schnell, eintritt. Nicht nur die Zukunft der DDR, mittlerweile auch meine eigene, erschien mir nun ungewisser denn je zu sein.


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#174

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.07.2011 00:35
von gtofw | 18 Beiträge

Herzliche Glückwünsche nachträglich zum Jahrestag der DVP !!!


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#175

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.07.2011 14:10
von exgakl | 7.223 Beiträge

Uwe super wie immer, aber wie konnte man nur im Suff die Grenzöffnung verpennen?

VG exgakl


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#176

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.07.2011 15:08
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von ABV
Aber besondere Zeiten verlangen nun einmal noch besonderen Maßnahmen. So geschah es dann, dass am Nachmittag des zehnten Novembers 1989 ein blauer „Grüner“ auf einem Moped selbiger Farbe durch das südöstliche Oderbruch ratterte.




herrlich....


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#177

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.07.2011 18:23
von ABV | 4.202 Beiträge

Großer Dank an alle Kommentatoren und Interessenten und jetzt folgt das nächste update

Viel Spaß damit
euer Uwe



In den kommenden Tagen bemühte ich mich darum, dass unbegreifliche zu verstehen. Immer, solange ich denken konnte, existierte zwischen der DDR und dem damals noch so genannten westlichen Ausland eine schier undurchdringliche Staatsgrenze. Immer und immer wieder wurde auf die Notwendigkeit dieses, dem Worten Erich Honeckers zufolge noch für die nächsten hundert Jahre notwendigen Bauwerks hingewiesen. Nun plötzlich, buchstäblich über Nacht, besaß alles gesagte keine Gültigkeit mehr. Zwischenzeitlich, wohl zum letzten Mal, keimte in mir so etwas wie eine Hoffnung auf die Möglichkeit eines Neuanfangs. An einem alten baufälligen Haus am Ortseingang von Frankfurt (Oder) prangte eine Losung: Lieber Egon wir danken dir, dass nun in dieser Stadt weitergebaut werden kann. Egon Krenz hatte verfügt, dass die Bauarbeiter aus den Bezirken nun wieder vorrangig statt in Berlin auch wieder in ihrer Heimat eingesetzt werden konnten. Wie so vieles, kam auch diese Maßnahme um Jahre zu spät. Dennoch konnte auch ich mich der Euphorie dieser einzigartigen Zeit nicht entziehen. Überall auf den Straßen des Kreises Seelow rollten ganze Kolonnen von vollbesetzten PKW, überwiegend der Marken Wartburg und Trabant in Richtung Strausberg. Von dort aus ging es dann mit der längst an die Grenzen ihrer Kapazitäten geratenen S-Bahn weiter bis zum Grenzübergang Friedrichstraße. So unwahrscheinlich es auch klingen mag, aber ich hatte tatsächlich das Gefühl, von einem ungeheuren Druck befreit worden zu sein. Voll heimlicher Wehmut sah ich an der Fernverkehrsstraße 167 zwischen Dolgelin und Friedersdorf den vorbeifahrenden Autos hinterher. Nie zu vor musste ich so viele freundliche Grüße von Kraftfahrern und deren Insassen erwidern, wie in diesen Tagen. Es fällt verdammt schwer sich so etwas einzugestehen, aber wie gerne hätte ich jetzt in einem dieser Autos gesessen! Warum konnte ich mir nicht auch einmal den „Westen“ anschauen? Alle durften reisen, nur für die Angehörigen der „bewaffneten Organe“ blieb die Grenze weiterhin geschlossen. Mittlerweile hatte ich mich mit den vielen Einschränkungen die der Dienst bei der Volkspolizei abgefunden. Aber wer würde denn heute noch einen solchen Beruf ergreifen wollen, wenn er dafür auf selbstverständlich gewordene Freiheiten verzichten muss? Auf Initiative meines umtriebigen Vorgesetzen Hauptmann Manfred B., richteten die Abschnittsbevollmächtigten im Kreis Seelow einen besonderen Service ein. Jeder Bürger konnte seinen Personalausweis beim zuständigen ABV abgeben und diese brachte ihn dann zum VPKA. Natürlich nicht jeden einzelnen, aber das war auch nicht notwendig. Schon wenige Stunden nach dem sich die Neuigkeit herumgesprochen hatte, rannten uns die Leute praktisch die Bude ein. Jeder wollte reisen, aber wer konnte sich schon während der Arbeitszeit stundenlang wegen eines Visums anstellen?
Dort bekam dann jeder Ausweis das begehrte Ausreisevisum, ohne das übliche stundenlange Warten.
. Mit dieser Aktion gelang Hauptmann Manfred B. ein beträchtlicher Imagegewinn für seine Abschnittsbevollmächtigten. Wir konnten uns nun tatsächliche wie echte Volkspolizisten fühlen. Als ich das erste Mal mit einem Stapel der blauen Personalausweise im VPKA erschein, es bereits weit nach 17 :00 Uhr und normalerweise längst Dienstschluss, erwartete mich eine Szene wie aus einem Film von Detlev Buck. Natürlich kannte den zu diesem Zeitpunkt noch kein Schwein, aber dieser Anblick hätte ihm ganz sicher einiges an Inspiration geboten.
Auf dem Flur, vor den Dienstzimmern vom Pass & Meldewesen stand ein langer Tisch.
Dahinter stempelten im Akkord eigens zu diesem Zweck abgestellte Polizisten Ausreisevisen in Personalausweise. Unter ihnen befand sich, man sollte es kaum glauben, auch Major Artur B., unser Politoffizier. Was konnte wohl das Versagen der bisherigen Politik besser verdeutlichen, als ein stempelnder Politoffizier? Das gesamte Szenario im halbdunkel des Flurs wirkte beklemmend und lächerlich in einem. Über das runde Gesicht des Majors huschte ein verlegenes Lächeln, als ich ihm den Stapel Personalausweise zur Abfertigung bereitlegte. So ganz wohl fühlte sich der dicke Politoffizier anscheinend nicht in seiner neuen, ungewohnten Rolle. So etwas musste schließlich erst einmal verarbeitet werden und zwar ohne das man dabei den Verstand verliert.
Niemand kontrollierte, ob sich nicht etwa ein unberechtigter unter die zukünftigen „Westreisenden“ geschummelt hatte.
Für einen winzigen Moment spielte ich mit dem Gedanken, dem Stempelkommando auch meinen eigenen Personalausweis unterzujubeln. Doch das Pflichtbewusstsein erwies wieder einmal als stärker. Außerdem liebte ich meinen Beruf und wollte ihn auf keinen Fall nur wegen eines Kurztrips in das nun plötzlich sehr nahe Westberlin aufs Spiel setzen.
Wolfgang K., der für das VPKA zuständige MfS-Mitarbeiter aus der Kreisdienststelle, betrat nun den Flur.
Sein Erscheinen war rein privater Natur, da sich seine Ehefrau unter den emsig stempelnden VP-Angehörigen befand. Schon zu hören, dass selbst in Zeiten wie diesen noch Platz für solch banale Dinge wie die Abstimmung des Einkaufs bestand.
Der hagere Stasioffizier wirkte ernst und bedrückt. „ Na Wolfgang, wer wird denn nun euer Minister?“, erkundigte sich der Politoffizier, auf den kurz zuvor erfolgten Rücktritt Erich Mielkes anspielend. „ Was weiß ich? Vielleicht der Opa von Mielke?“, erwiderte Wolfgang K. mit mattem Lächeln. Er hatte wohl, wie so viele, noch immer den blamablen Auftritt des Ministers für Staatssicherheit vor Augen, als dieser zum ersten Mal vor den Abgeordneten der Volkskammer Rede und Antwort stehen musste. Seine, allerdings aus dem Zusammenhang gerissenen Worte „ Ich liebe euch doch alle“, wurden rasch zum geflügelten Schlagwort. Ich selbst konnte das makabere Schauspiel erst viel später, in einer Aufzeichnung, im Fernsehen erleben. In kürzester Zeit mutierte der einst ebenso gefürchtete wie gehasste Erich Mielke zu einem hilflos stammelnden Tattergreis. Was für Mielke galt, traf in vollem Umfang auch auf die Mitarbeiter seines Ministeriums zu, dass wusste nicht nur Wolfgang K. in diesem Augenblick. Nach einem kurzen Gespräch mit seiner Frau, , verlies K. die kleine Runde. Major B. stempelte sich tapfer durch den Berg von Personalausweisen, den ich vor ihm auf den Tisch gelegt hatte. Mit seinen vor Eifer leicht aufgeblähten Wangen wirkte er wie ein munteres pausbäckiges Kind, dass nun endlich mit dem lang ersehnten Stempelkasten spielen durfte. Das diffuse Licht im Flur verstärkte zusätzlich die scheinbare Unwirklichkeit dieser obskuren Szene. Mir war als befände ich mich in Mitten eines jener Träume, aus dem an anschließend verwirrt und schweißgebadet aufwacht und grübelt, was für einen Scheiß man doch schon wieder geträumt hat. Aber das war kein Traum, sondern die Realität des Herbstes 1989! Wie lange war das jetzt her, als genau an dieser Stelle eine verzweifelt weinende Frau auf dem Flur stand? Aus irgend einem Grunde hatte man ihr die Genehmigung versagt, zu ihren Verwandten in die Bundesrepublik zu reisen. Wie viele Tränen werden hier wohl im Laufe der Jahrzehnte geflossen sein? Wie viel sinnloses Leid und auch Hass wären diesem Lande wohl erspart geblieben, wenn es keine Reisebeschränkungen gegeben hätte? Es fiel mir immer schwerer, noch an den Sinn dieser restriktiven Gesetze zu glauben. Ein rigoros angewandtes Gesetz welches von einem Tag auf dem anderen seine Notwendigkeit verliert, büßt damit auch rückwirkend seine Legitimität ein!
Dankend nahm ich die „veredelten“ Ausweise an mich und packte sie in meine lederne Tasche. Morgen würde ich sie dann den strahlenden Besitzern, zu meist Beschäftigte der LPG Dolgelin, zurückgeben.
Wenige Tage später erlebte ich endlich einen richtigen Kriminalfall in meinem Abschnitt. Von einem Neubaublock in Sachsendorf hatte ein besonders dreister Dieb Teile der Antennenanlage gestohlen. „ Mein Gott gerade jetzt wo auch die Nachrichten im DDR-Fernsehen immer spannender und interessanter werden,“ barmte ein trauriger Hausbewohner. Zum Glück war der Diebe nicht nur besonders dreist, sondern obendrein noch besonders dämlich. Das hat aber nun überhaupt nichts damit zu tun, dass der Bursche aus der Umgebung stammten! Nur mal nebenbei bemerkt. Nein, er war mit seinem PKW, einem recht ramponierten, relativ auffälligem „Trabbi“, bis zum Tatort gefahren. Dort wurde er natürlich gesehen, der jemand merkte sich auch Teile des Kennzeichens. Der Rest war dann Routine, wie es immer so schön heißt. Keine vierundzwanzig Stunden nach dem Ereignis flimmerte es wieder von den Mattscheiben und die freundliche Seelower Volkspolizei konnte sich einen weiteren Pluspunkt anrechnen. Wir hatten das aber auch bitter nötig, wie die öffentlichen Diskussionen zeigten. Bei einer dieser Veranstaltungen in Seelow, forderte ein Redner tatsächlich die komplette Abschaffung von Polizei, Armee und Staatssicherheit. Besonders letztgenannte gerieten auch im Kreis Seelow nun immer stärker in das Kreuzfeuer der Kritik. Etwas sonderbar klingt wohl heute die Forderung eines Seelowers, dass sich die MfS-Mitarbeiter gefälligst eine Uniform anziehen und auf Streife gehen sollten. „ Wir wollen nicht bespitzelt, aber beschützt werden,“ äußerte der Mann. Nun gut, die Mehrheit der Meinungen repräsentierte er damit sicher auch nicht. Zu groß waren inzwischen die Vorbehalte und das Misstrauen gegen die Staatssicherheit, welche sich seit kurzem „ Amt für Nationale Sicherheit“ nannte. Das in diesem Zusammenhang in Seelow-Zernikow aus der früheren „ Kreisdienststelle für Staatssicherheit“ entstandene „ Kreisamt für Nationale Sicherheit“, stand von Beginn an unter einem mehr als ungünstigen Stern. Mit dem Namenswechsel ging auch ein Abbau des Mitarbeiterbestandes im Bereich des gesamten Ministeriums einher. In wie weit diese Kreisämter in Zukunft überhaupt noch Bestand hatten, konnte niemand sagen.
Der Leiter des Seelower Volkspolizeikreisamtes reagierte darauf auf eine überraschende Art und Weise: er verweigerte den Mitarbeitern der „ Nasi“ kurzerhand den Zutritt zur Kreismeldekartei. Des Weiteren musste man in Zernikow von nun auf gewohnte Morgenlektüre, den allmorgendlichen Rapport des VPKA Seelow, verzichten. Bei soviel Wendigkeit konnte einem schon schwindlig werden! Vor ein paar Wochen wurde noch der enge Schulterschluss mit den Genossen vom MfS propagiert und nun durften die werten Genossen nicht einmal mehr wissen, was im Kreis Seelow polizeilich so alles abgegangen ist.
Trotzdem musste sich auch Oberstleutnant N. in der Öffentlichkeit schwere Vorwürfe, hinsichtlich ihm nicht zustehender Privilegien erwehren. Die Lokalreporter des „ Neuen Tag“ hatten schnell begriffen was der geneigte Leser so alles vorgesetzt bekommen möchte und berichteten genüsslich über die „Ungeheuerlichkeit“. In seiner Seelower Plattenbauwohnung wollten kritische Bürger, auf welche Weise auch immer, eine so genannte „Forsterheizung“ entdeckt haben. Heutzutage wäre so etwas kaum der Erwähnung wert, schon gar nicht, wenn solch ein Ding die Gemächer eines höheren Polizeioffiziers wärmt. Aber in der vom Mangel geprägten DDR gehörten Forsterheizungen zu den Raritäten, wer solch ein Dinge besaß verfügte entweder über Westgeld oder Privilegien. Da ein Oberstleutnant der VP nun einmal keine Westkohle scheffeln durfte, kam nur noch die zweite Variante in Betracht. Übrigens Oberstleutnant N. konnte den Vorwurf entkräften, in seiner Wohnung stand auch nur ein ganz normaler Kachelofen, Made by „Produktionsgesellschaft des Handwerks Seelow“.
Für den Vorsitzenden des „ Rates des Kreises Seelow“, Christian R., kam es nun ganz dicke. Seit Jahren pfiffen die Spatzen von den Dächern des Oderbruchs, dass das Seelower Kreisoberhaupt gewissermaßen ebenfalls zur Vogelfamilie gehört. Oder genauer gesagt, zu der weit verbreiteten Gattung der „ Schluckspechte.“ Immerhin prädestinierte ihn das gewissermaßen in besonderem Maße die Geschicke gerade jenes Kreises zu lenken, der sowohl die wenigsten Einwohner als auch den höchsten Alkoholverbrauch zu verzeichnen hatte. Die Entschuldigung des Ratsvorsitzenden wirkte dagegen doch etwas dröge: „ Nun versetzen sie sich doch mal in meine Lage. Jeden Tag muss ich zu irgend einer Tagung oder Beratung im Kreis. Und jedes Mal steht Alkohol auf dem Tisch.“ Ach Gott der Ärmste! Christian R. ein Opfer seines Berufs? Mitnichten! Mangelnde charakterliche Festigkeit, gepaart mit amtlicher Unantastbarkeit erscheinen mir als wahrscheinlichere Ursachen für sein Dilemma. Über Christian R. erzählte man sich Mitte der achtziger Jahre folgende Anekdote:
Eines Nachmittags hatte R. alle Bürgermeister des Kreises zu einer turnusmäßigen Beratung eingeladen. Im Anschluss an den offiziellen Teil lud R. die Bürgermeister zu einem Umtrunk ein. Als einige der Bürgermeister mit Hinweis auf ihr draußen auf dem Parkplatz stehendes Kraftfahrzeug ablehnten, reagierte R. prompt. Er griff zum Hörer, rief im benachbarten VPKA an und untersagte kurzerhand sämtliche Verkehrskontrollen im Landkreis. Die VP reagierte devot wie immer, wenn ein Funktionär eine Weisung erteilte. Auch wenn, wie in diesem Falle, nicht nur Gesetze übertreten, sondern auch Menschenleben gefährdet wurden.
Zur Ehrenrettung der Seelower Polizei muss aber auch gesagt werden, dass Christian R. im März 1990 von einer aufmerksamen Streife, natürlich besoffen wie ein Stint, aus dem (Straßen)verkehr gezogen wurde. Ein gefallener Fürst hat es eben doppelt schwer!
Auch die wöchentlichen Dienstbesprechungen und Parteiversammlungen glichen nun immer mehr erregten Bundestagsdebatten. Kaum einer, der noch ein Blatt vor dem Mund nahm.
Oberstleutnant N. zeigte sich erfreut über die Demonstrationen in der Kreisstadt und meinte dass so etwas einfach zum Leben dazu gehört. Das brachte ihm die peinliche Frage ein, „ ob Genosse Oberstleutnant schon vergessen hätte, dass er noch vor gut vier Wochen am liebsten die Kalaschnikows sprechen lassen wollte.“
In einer Versammlung wurde nun auch wieder über das „ Neue Forum“ gesprochen, einst ein Dauerbrenner in Partei und Dienstversammlungen. Neu war, dass man uns nun endlich mit den wirklichen Absichten der vormals verfemten Bürgerbewegung konfrontierte. Wort für Wort, wurde jede einzelne These des „ Neuen Forums“ verlegen. Hauptmann Walter K. ABV von Manschnow und Kietz, fand als erster seine Sprache wieder, nachdem für einige Augenblicke betretenes Schweigen im Raum herrschte. „ Das würde ich alles sofort unterschreiben!“ Wir waren geschockt darüber, wie sehr man uns belogen hatte. Niemand vom „ Neuen Forum“ wollten DDR und Sozialismus abschaffen. Im Gegenteil, sie hatten nur das zum Ausdruck gebracht was alle, auch die Mehrheit aller Mitarbeiter der „ bewaffneten Organe“ bewegte. Alles was auch bei uns im VPKA hinter verschlossenen Türen, im kleinen Kreise diskutiert wurde, fand sich in den Forderungen des „ Neuen Forums“ wieder. Ein besserer Sozialismus sollte es werden und nicht wie von der SED behauptet, ein zurück in den Kapitalismus. Das „ Neue Forum“ sprach uns allen aus der Seele. Das aber machte es wohl in den Augen der verkalkten Funktionärsclique in Berlin und anderswo, tatsächlich gefährlich.
Für solche Typen waren denkende Menschen mit Verantwortungsbewusstsein eher ein Problem, als Rowdys und Randalierer. Es war sicher das die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger so etwas ablehnen würde. Darum hatte die SED versucht, das „ Neue Forum“ zu einer „konterrevolutionären Vereinigung“ zu diskreditieren. Nicht ganz erfolglos, wie leider eingestehen muss. Dem ersten Schock folgte ohnmächtige Wut, über diesen Betrug durch die SED. Zu meinen Lieblingsfilmen in der DDR gehörte die „ Abenteuer des Werner Holt“. Ich musste nun unwillkürlich an eine Sequenz denken, in der ein frustrierter Feldwebel ständig „ Kinder wie haben die uns beschissen,“ brubbelte. Wie dieser Feldwebel fühlte ich mich nun auch, voll Zorn und Frustration. Immer neue Lügen kamen ans Tageslicht. Sie verschärften nicht nur die Wut, sie minderten auch die Hoffnung auf eine Chance für den Sozialismus.
Eines späten Novembernachmittags begegnete mir auf der in die obere Etage führenden Treppe eine Gruppe junger Männer. Ich kannte sie lediglich vom Sehen, wusste aber das es sich um Mitarbeiter der Seelower „ Nasi“ handelt. Sie gingen grußlos, mit hängenden Köpfen an mir vorüber. Na Jungs, ihr habt wohl auch den Kopf voll, dachte ich, ohne dass mir das gesehene unnötig Kopfzerbrechen bereitet hätte. Wir waren eben alle angespannt und verunsichert, dass gehörte beinah schon zur Normalität. Wenige Tage später lieferte Oberstleutnant in einer Dienstversammlung die Erklärung für den Missmut der Stasi/Nasi-Leute. „ Die Staatssicherheit wird in den kommenden Monaten personell drastisch reduziert. Was aus der Kreisdienststelle in Zernikow wird, kann bisher noch niemand sagen. Aber die dortigen Mitarbeiter beginnen sich bereits vorsorglich nach neuen Arbeitsstellen umzusehen. Vor ein paar Tagen hatten sich einige von ihnen bei mir nach einer Möglichkeit erkundigt, um zur Volkspolizei zu wechseln. Ich habe den klipp und klar gesagt, dass sie in meinem VPKA nicht eingestellt werden. Na ich lasse mir doch nicht von denen meine Polizei versauen!“
Respekt, Respekt! Es war schon bewundernswert wie schnell dieser Oberstleutnant die Zeichen der Zeit erkannte und stets die Entscheidungen fällte, die ihn in den Augen der „Bürgerbewegten“ geradezu adeln mussten. Dabei nahm er weder auf einstige Verbündete und noch weniger „auf sein Geschwätz von gestern“ Rücksicht. „ Wem in solchen Zeiten die Knie weich werden, hat in meinen Augen für alle Zeiten abgegessen,“ so lautete jedenfalls sein Slogan noch Mitte Oktober. Von dem im September mit Hinblick auf die prekäre Lage an der Staatsgrenze zu Polen propagierten „ Schulterschluss mit dem MfS“ mal ganz zu schweigen. Die Entscheidung keine hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter in den Dienst des VPKA Seelow zu stellen war sachlich gesehen vollkommen richtig! In einer Kleinstadt wie Seelow kannte jeder die Mitarbeiter der Kreisdienstsstelle mit Namen und Adresse. Nehmen wir mal an der einstige Oberleutnant des MfS XY läuft nun als Hauptwachtmeister der VP XY in Seelow Streife. In dieser Eigenschaft erwischt er einen Verkehrssünder und möchte diesen gebührenpflichtig verwarnen. In der aufgeheizten Situation im Herbst 1989 war das schon für einen „normalen“ Volkspolizisten schwierig. Bei einem ehemaligen Stasi-Mann wären Widerstand und böse Worte schon vorprogrammiert gewesen. Auch aus dieser Hinsicht gab es keine Alternative zu der Entscheidung von Oberstleutnant N. Dennoch bleibt, wie der Schwabe sagt, ein gewisses „ Geschmäckle.“ Es war nicht so sehr die Entscheidung selbst, als das Tempo des damit verbundenen Meinungswechsels was mich irritierte In kürzester Zeit wurde aus schwarz plötzlich weiß und umgekehrt. Damals entwickelte sich allmählich eine Mentalität, welche mit Fug und Recht mit der auf einem sinkenden Schiff verglichen werden kann. All und jeder drängte in die Rettungsboote und warf dabei unnötigen Ballast ab. Für die Volkspolizei war das einst enge Verhältnis zur Staatssicherheit längst zum Ballast geworden, der den Kurs auf die Zukunft behinderte. Also, weg damit! Genauso verfuhr auch die SED, die das Kunststück vollbrachte einen erheblichen Teil ihrer eigenen Schuld auf ihre treuesten Wächter, wieder die Staatssicherheit, abzuwälzen. Mit der These vom angeblichen „ MfS-Staat im Staate“ ist der SED ein Coup gelungen, welcher die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit bis heute behindert. Die werten Genossen vom Politbüro angefangen bis hinunter in die SED-Kreisleitungen hatten anscheinend völlig vergessen, dass sie die Auftraggeber der Sicherheitsorgane waren. Alles was in der DDR geschah, erfolgte auf Wunsch und Weisung der SED! Niemand in den Führungsetagen von MfS, NVA und VP wäre auch nur im Ansatz auf die Idee gekommen, ein eigenes „Schattenreich“ zu etablieren.
Der Monat November brachte für mich ein Ereignis, was mich ebenso beschämte wie zum nachdenken anregte. Eine einfache ältere Dame brachte mich dazu in all dem wechselnden Farbenspiel von „ schwarz und weiß“, auch noch ein paar Zwischentöne zu sehen.
Eines Vormittags sollte in Sachsendorf eine lange geplante Kranzniederlegung vor dem dortigen kleinen sowjetischen Ehrenmal stattfinden. Als Abschnittsbevollmächtigter war es meine Pflicht auch daran teilzunehmen. Im Zuge der Ereignisse verspürte natürlich niemand mehr Lust auf dieses ohnehin längst zu einer Pflichtveranstaltung verkommenem Ritual. Ich hielt mich zwar in Sachsendorf auf, zog es aber vor in meinem Dienstzimmer zu verbleiben. Schreibarbeit gab es genug, außerdem war es draußen nass und kalt, versuchte ich mir einzureden. Irgendwie hatte ich doch ein schlechtes Gewissen! Nicht zu Unrecht, wie sich bald erweisen sollte. Ich wollte gerade den Vordruck einer „Ordnungswidrigkeiteinanzeige“ in meine Schreibmaschine einspannen, als es laut und kräftig an der Bürotür klopfte.
„ Herein“ rief ich ebenso laut, um mich sofort einer zornigen älteren Dame gegenüberzusehen. Der gebeugte Rücken und das nicht nur vom Alter zerfurchte Gesicht der Frau zeugten davon, dass sie den Großteil ihres Lebens mit harter Arbeit zugebracht haben muss. „ Sagen Sie mal ABV, schämen Sie sich überhaupt nicht?“ Es gab sicher tausend Gründe für einen Mann wie mich sich zu schämen, würde jedenfalls meine Exfrau heute behaupten, aber zu diesem Zeitpunkt fiel mir spontan kein einziger ein. „ Nein“ antwortete ich irritiert und blickte dabei wohl auch etwas blöd aus der Wäsche. „ Nein?“, raunzte mich die Frau voller Empörung an. „ Von ihnen hätte ich am wenigsten erwartet, dass Sie nicht bei der Kranzniederlegung erscheinen!“ Aha, daher wehte also der Wind. Wahrscheinlich hatte ich eine etwas verbohrte Genossin vor mir, glaubte ich zu wissen. „ Sind denn solche Kranzniederlegungen überhaupt noch zeitgemäß?“ Meine Frage wurde mit ungläubigem Kopfschütteln quittiert. „ Warum soll es nicht mehr zeitgemäß sein junge Menschen die ihr Leben noch vor sich hatten und trotzdem hier im Oderbruch krepieren mussten zu ehren? Gönnt man ihnen denn nicht einmal mehr solch einen lumpigen Kranz? Haben Sie nicht früher auch Drushba, Drushba gerufen.....“ „ Ist ja gut, ist ja gut“, unterbrach ich ihren Redefluss. Irgendwie hatten mich die Worte dieser kleinen verhärmten Frau die meine Großmutter hätte sein können, beschämt. Ich wollte mich bei dem Versuch ertappt, mich aus einem Teil meines früheren Lebens davonzustehlen. Hatte ich nicht solch ein Verhalten bei anderen verachtet. Schwungvoll warf ich meine Jacke über, setzte mir die Schirmmütze auf den Kopf und ging mit der Frau hinüber zum Ehrenmal. Dort warteten noch zwei Sachsendorfer, zitternd und frierend in der grauen Novemberkühle darauf ihre Pflicht zu erfüllen. Aus diesem Blickwinkel hatte ich das ganze noch nie gesehen. Irgendwie waren die Sowjetsoldaten für uns entweder heldenhafte Übermenschen oder primitive Besatzer gewesen. Dazwischen gab es nichts! Vielleicht sollte man die Welt viel öfter aus dem Blickwinkel solcher kleinen verhärmten Frauen sehen, um die vielen Facetten des Lebens zu erkenen?


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#178

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.07.2011 18:50
von Commander | 1.037 Beiträge

Eeendlich ein neues Update,amüsant,aber auch nachdenklich machend,die Mischung machts.
Gruß u. schönen Abend noch,C.



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#179

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.07.2011 19:04
von PF75 | 3.291 Beiträge

Wieder ein guter beitrag,warte schon auf die fortsetzung
Danke an den autor für die mühe.


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#180

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 11.07.2011 12:51
von Gert | 12.354 Beiträge

Uwe wie immer sehr lesenswert. Ich werde fast neidisch, dass ich diesen ganzen Umbruch nur von außen sehen und ihn nicht miterleben konnte.

Gruß an die Oder Gert


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All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
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Mahatma Gandhi
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