#121

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.05.2011 16:02
von Stabsfähnrich | 2.046 Beiträge

Zitat von ABV
Hallo Freunde!
Erstmal wieder vielen Dank für die Kommentare und das Interesse. So und nun zu dem Funkgerät: Es handelte sich dabei um ein so genanntes Selektivrufgerät. Damit konnte man tatsächlich nur gerufen werden, nicht aber selbst senden. Diese Geräte wurden entweder in einem speziellen Gehäuse an das Stromnetz angeschlossen, oder wurden in einer Tragetasche während der Streife getragen. Ich glaube zu dem Thema kann @ Stabsfähnrich mehr sagen. Übrigens die Kripo hatte bei uns die Dinger auch. Bei uns im VPKA verfügten nur die Schutz und Verkehrspolizei über richtige Funkgeräte, welche den Namen auch verdienten.
Übrigens an dem Selektivfunkgerät gab es eine Tasteneinstellung, mit der konnte der Funk des ODH mitgehört werden. Wenn sich eine Streife in der Nähe befand, nur dann, konnten deren Funksprüche mit diesem Gerät ebenfalls empfangen werden.
Wir waren halt tiefste Provinz

Gruß an alle
Uwe
P.S. hier noch eine wichtige Ergänzung: wenn ich mich recht erinnere, war jedem Selektivfunkgerät ein eigener Kanal zugeteilt. Das konnte man mittels Taste einstellen, um Verwirrungen auszuschließen. Also wenn ein Funkspruch einging, dann war mein auch der Empfänger. Oder, wie bereits gesagt, man änderte die Tastenstellung und hörte so, zumindest einen Teil, des gesamten Funkverkehrs mit.



.............ja richtig Uwe. Es gab - zum Zeitpunkt deiner wirklich tollen Geschichte - neben dem Sende-/Empfangsgerät UFT 721 bei der DVP, auch das UET. Letzteres war ein reines Empfangsgerät mit 3 Festfrequenzen - durch unterschiedliche Bequarzung festgelegt - sowie einem Sonderkanal (Notruf). Als Ladestation bzw. für den Stationärbetrieb, wurde das UET in ein Netzgerät (z.B. UNW 71-A2/1) geschoben. Eine etwas gefälliger aussehende Variante des UNW war, dass vom Stern Camping (Radio) das Gehäuse verwendet wurde wo in einem Einsteckschacht das FuG angeschlossen werden konnte. In meinem Fundus befindet sich ein derartiges Gerät, habe nur zur Zeit kein Bild. Die FuG der DVP arbeiteten im 2m Bereich. Auch mit Einführung des UFT 727 (ähnlich dem bei den GT verwendeten UFT 771 - 0,7m Band) wurde am 2m Band festgehalten. Zu dem vom Uwe angesprochenen Selektivruf............gab es wirklich. Sender und Empfänger waren auf spezielle Funkfrequenzen abgestimmt, wo bei die jeweilige Funkfrequenz zwar im Funkfrequenzbereich der DVP lagen, jedoch innerhalb der jeweiligen BdVP nicht im allgemeinen Funkbetrieb genutzt wurden. Die Funkfrequenz lag in der Regel bei 152,xxx MHz im 100 Kanal. Habe nachfolgend die Funkfrequenzen sowie ein UFT 422 als Bild eingestellt. Quellenangabe befindet sich auf dem jeweiligen Bild.

Angefügte Bilder:
Mit freundlichen Grüßen - Chris
www.polizeilada.de
www.grenzradio911.info
zuletzt bearbeitet 27.05.2011 17:57 | nach oben springen

#122

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.05.2011 16:11
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke Chris. Ich wusste doch, dass auf dich alten Fachmann Verlass ist.

So und nun kommt das neue update
In dieser Nacht wurde ich von einem Alptraum heimgesucht. Ich sah mich wieder als Kind, am Feldrand vor dem Hof meiner Eltern stehen. Dieser befand sich einsam und allein, in Mitten des weiten Oderbruchs. Über mich kreiste ein riesiges Passagierflugzeug, trotz der Höhe war es deutlich zu erkennen. Zu meinem Schrecken erkannte ich am Heck des Flugzeuges, dass nun sehr schnell zu sinken begann, eine lange schwarze Rauchfahne. Mein Gott, das Flugzeug stürzt ab, schoss es mir durch den Kopf. In diesem Augenblick befand es sich nur wenige hundert Meter von meinem Standort entfernt, über der Ruine eines seit vielen Jahren aufgegebenen Bauernhofes. Voller Panik wollte ich zurücklaufen, zum elterlichen Grundstück. Doch meine Beine fühlten sich an wie Blei, schwer und weich zugleich. In Erwartung des Aufschlages der Maschine wollte ich um Hilfe rufen, doch mein Mund blieb verschlossen. Verdammt noch mal ich muss hier weg! Was passiert, wenn das Flugzeug explodiert und die Teile herumschwirren? Kurz vor dem äußersten wachte ich endlich auf. Nach einigen Sekunden begriff ich, dass alles nur ein Traum war. Bei seelischer Anspannung werde ich häufiger von solchen oder ähnlichen Träumen geplagt. Obwohl über jeglichen Aberglauben erhaben, werte ich sie doch im Innersten als versteckte Vorboten irgend welchen Ungemachs. Immerhin, der befürchtete Alarm war ausgeblieben. Sollte sich nun doch alles zum guten wenden?
Ein Blick zur Uhr sagte mir, dass der neue Tag bereits acht Stunden auf dem Buckel hatte. Für heute stand nur die abendliche Grenzstreife auf dem Plan und Bereitschaftsdienst. Da dieser, meiner bisherigen Erfahrung nach, immer ruhig verlief, freute ich mich auf einen ungestörten Sonntag mit meiner Familie. Die Geräusche in der Küche verrieten mir, dass meine Frau gerade das Frühstück zubereitete. Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal zusammen gefrühstückt? Das muss schon lange her sein, irgendwann in einer anderen Zeit. Jetzt, wo der vierzigste Jahrestag der DDR nun endlich der Vergangenheit angehört, wird es auch wieder öfter ein gemeinsames Frühstück geben. Mein damals gerade einmal zwei Monate alter Sohn schlummerte noch tief und fest in seinem Bettchen. Bald aber wird dieser kleine Erdenbürger wieder lautstark seine Rechte einfordern. Hoffentlich wird aus dir später nicht auch mal ein Demonstrant! Wie alle Väter in der Welt wollte auch ich, dass mein Sohn später einmal so wird wie ich. Und wie so viele Väter musste auch ich mich später damit abfinden, dass die Kinder niemals „ 1:1-Kopien“ der Eltern sind. Und trotzdem, oder gerade deswegen, werden aus ihnen tüchtige Mitglieder der Gesellschaft. Das war aber noch weit nach dem Jahre 2000 angesiedelte Zukunftsmusik. Mit verklärtem Blick schaute ich noch einmal in sein Bett, als der altbekannte Summton meines Selektivrufgerätes einen Funkspruch ankündigte. Der Wortlaut war wie immer der selbe: „ Fasan 10/ 338, kommen Sie über Draht. Fasan 10/338, kommen Sie über Draht.“ Wenn ich jetzt nicht sofort reagiere, würde der Operative Diensthabende den Funkspruch spätestens in fünf Minuten erneut aussenden. So etwas bedeutete Arbeit, der gemeinsame Sonntag rückte nun in weite Ferne. Anders als mein Sohn, der seinen Unmut über die gestörte Ruhe hinausbrüllte, sah ich mich gezwungen dem Ansinnen sofort nachzukommen. Zum Glück war der Genosse Oberleutnant welcher das einzige Telefon im Hause „verwaltete“, bereits erwacht. Der Kriminalpolizist brüllte zwar nicht wie mein Sohn, viel glücklicher sah er ob der sonntäglichen Störung auch nicht aus. Innerlich hoffte ich noch immer, dass es sich um keinen größeren Auftrag handeln würde. Vielleicht ein kleiner Diebstahl oder eine andere rasch zu erledigende Lappalie. Diese Hoffnung sollte jedoch von Hauptmann Sch., der an diesem Tage im VPKA Seelow „ODH“-Dienst schob, brutal zerstört werden. „ Genosse Bräuning, Sie fahren sofort in die Maxim-Gorki-Straße nach Dolgelin. Vor der Auffahrt zum LPG-Gelände hat ein Bürger auf einer Mülltonne, eine zerrissene DDR-Fahne entdeckt. Sie sichern den Fundort bis zum Eintreffen des Kriminaldienstes. Alles weitere sprechen Sie mit dem Genossen der K vor Ort ab.“
Adieu du schöner Sonntag, mit Weib und Kind. Als wenn ich es nicht geahnt hätte! Wie kann man auch nur so viele Fahnen an einen Ort drapieren, wo der Alkohol in Strömen fließt. Vielleicht hatte sich ja jemand am Fahnentuch festgehalten, weil der Boden unter seinen Füßen so arg schwankte. Wenn dem so ist, dann wäre das wohl noch die bessere Variante. Die andere, eine Tat mit einem „staatsfeindlichen Hintergrund“ dürfte für alle Beteiligten weitaus unangenehmer sein. Nun hieß es rasch die Morgentoilette hinter sich bringen, den unausgesprochenen Vorwurf der „besseren Hälfte“ erdulden, ein paar Kekse herunterwürgen und dann ab aufs Moped.
Nach einer zwanzigminütigen Fahrt über Rathstock und Sachsendorf, erreichte ich meinen Einsatzort. Die Spuren des gestrigen Tages waren noch immer unschwer zu erkennen. Leere Pappteller, zerbrochene Biergläser, Zigarettenkippen und andere noch weniger appetitliche Hinterlassenschaften, legten Zeugnis davon ab das hier vor kurzem eine typisch deutsche Feier stattfand. Vor einer überquellenden metallenen Mülltonne stand, breitbeinig und die kräftigen Arme in die Hüften gepresst, ein etwa fünfzigjähriger Mann. An einer Lederleine führte er einen kleinen grauen Wolfsspitz mit sich. Es handelte sich unverkennbar um den Finder der geschändeten Fahne. „ Ich habe die Fahne gefunden und die VP informiert“, gab er sich zu erkennen. Die von mir erwartete Frage nach einer eventuellen Belohnung blieb zu meiner Überraschung aus. Ich zückte mein graues Notizbuch, um die Personalien des Mannes zu notieren. „ Halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung. Die Kriminalpolizei hat sicher noch ein paar Fragen an ihre Person“, sagte ich dem Mann, ehe er die morgendliche Runde mit seinem Hund fortsetzen durfte. Nach dem gestrigen Tanzvergnügen kam das Leben in Dolgelin an diesem Sonntagmorgen nur schwer in die Gänge. Auf einem postgelben Fahrrad der Marke „ Mifa“ radelte eine Frau an mir vorüber. Sie drehte ihren von einem bunten Kopftuch halb verdeckten Kopf nach mir um, setzte die Fahrt aber dann doch fort. Die wundert sich jetzt ganz bestimmt darüber, dass ich vor der Mülltonne stehe, dachte ich leicht amüsiert. Dem Zustand des Fahnentuches nach zu urteilen, muss hier jemand ziemlich wütend gewesen sein. Nicht nur das Tuch, sondern auch der Stock wiesen Beschädigungen auf. Verdammt, wenn doch endlich der Kriminaldienst eintreffen würde! Es gibt angenehmeres als vor einer Mülltonne Standposten zu beziehen. Der diensthabende Kriminalist lies auf sich warten. Dafür radelte erneut jemand die Maxim-Gorki-Straße hinunter. Scheinbar traute sich hier noch niemand, Restalkohol und Abschnittsbevollmächtigten fürchtend, ein Kraftfahrzeug zu benutzen. Bei dem zweiten Radler handelte es sich um einen kleinen, etwas korpulenten Mann von weit über sechzig Jahren. Der ansonsten völlig kahler Kopf wurde an den Seiten von grauen Haarresten umsäumt. Auf der Nase trug er eine unförmige Brille, mit so genannten „ MITROPA-Aschenbechern“. Für den nichteingeweihten, so wurden in der DDR ungewöhnlich dicke Brillengläser genannt. Fielmann gab es eben im „Osten“ nicht!
Der komische Dicke stieg vom Fahrrad und begann sofort zu schimpfen: „ Sag mal ABV, brauchst du deine VP-Helfer überhaupt noch? Du machst keine Versammlungen und nimmst uns nicht mal mit auf Streife. Und Verkehrskontrollen machst du mit uns auch keine,“ brabbelte er auf mich ein. Jetzt fiel es mir wieder ein, es musste sich bei ihm um den Rentner Kurt B. handeln. Mein Vorgänger hatte mich vor ihm gewarnt. Kurt B. war ebenso eifrig wie tollpatschig. In seiner kauzigen Art erinnerte mich sofort an „ Fuzzi“, den kauzigen, aus Westernfilmen bekannten Filmhelden. Ich hatte ihn an der Seite von John Wayne in „ El Dorado“ gesehen. Ich weiß, ein Abschnittsbevollmächtigter der Deutschen Volkspolizei sollte andere Vorbilder haben. Trotzdem, der Film war super! Ein wenig von der Art eines John Wayne würde mir auch gut zu Gesicht stehen, so fand ich jedenfalls. Schuldbewusst versuchte ich Kurt B. mit der gegenwärtigen Lage zu vertrösten. Bald schon wird alles besser und dann gibt es wieder Versammlungen und gemeinsame Verkehrskontrollen. „ Was treibst du eigentlich an der Mülltonne“, erkundigte sich Kurt B. plötzlich. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand deutete ich auf die heruntergerissene Fahne. „ Da kann ich dir sagen, wer das war“, brabbelte Kurt B. erneut. „ Wie bitte?“ Im ersten Moment glaubte ich meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. „ Gestern abend auf dem Tanz hat der Dieter H. herumgepöbelt und fürchterlich auf die SED geschimpft. Der hat sogar mit ein paar Leuten Streit angefangen, von denen er wusste das sie in der Partei sind.“ „ Und dann?“ „ Und dann? Nichts und dann! Ein paar Männer haben ihn rausgeschmissen und nicht mehr reingelassen. Der war ja auch total besoffen. Draußen hat der H. noch mindestens zehn Minuten herumgebrüllt und randaliert, ehe er nach Hause gegangen ist.“ Ich warf dem seltsamen „ Hilfssheriff“ einen dankbaren Blick zu. Mit so einer schnellen Lösung des Falles konnte wohl niemand rechnen. Wo nur der K-Dienst bleibt?“ „ Übernehme bitte für mich die Sicherung der Fahne. Ich muss die Dienststelle wegen deiner Information verständigen“, entschied ich aufgeregt. Klammheimlich entschloss ich mich dazu, den eher zufällig erhaltenen Hinweis, als Ermittlungserfolg darzustellen. Hauptmann Sch. zeigte sich auch durchaus zufrieden mit dem Ergebnis. „ Gut gemacht, Genosse Bräuning! Der Genosse von der K ist gegenwärtig noch bei einem Einbruch. Ich denke aber, dass er in einer Stunde bei dir ist. Sprecht dann alles notewendige ab.“ Noch eine Stunde warten? Das schmälerte meine Freude über den „Ermittlungserfolg“ etwas. Kurt B. erklärte sich immerhin bereit, mich noch ein wenig zu unterhalten. Im Laufe seiner Zeit als VP-Helfer hatte er schon einige Abschnittsbevollmächtigte kommen und wieder gehen sehen. Früher hatte der Rentner im Rinderstall gearbeitet. Heute besserte er nun seine Rente bei dem privaten Tischlermeister M. auf. Nach einer halben Stunde piepste mein Funkgerät erneut. Ich sollte wiedereinmal umgehend über Draht kommen, sprich anrufen. Bequemerweise befand sich der nächste „Draht“ nur fünfzig Meter entfernt, in meinem Büro. Die heruntergerissene Fahne stammte tatsächlich von der Fassade des LPG-Gebäudes. Wie gesagt, ich habe es ja geahnt! Beim besten Willen nicht ahnen konnte ich aber, was mir der Hauptmann Sch. so eiliges mitzuteilen hatte. „ Anweisung von ganz oben“ begann Sch. mit der Würde eines Pfarrers. Dabei ließ er offen, wen er nun mit „ganz oben“ eigentlich meinte. „ Sie übergeben die Fahne morgen früh dem LPG-Vorsitzenden. Es wurde entschieden, dass es in diesem Falle keinerlei polizeiliche Ermittlungen geben wird. Ich erkläre ihnen auch warum: Dieter H. sitzt für die CDU im Seelower Kreistag. Der politische Schaden wäre zu groß, wenn an die Öffentlichkeit gerät, dass ausgerechnet ein Mitglied einer mit der SED befreundeten Blockpartei, im Suff Fahnen abreißt. H. hat auch niemanden angepöbelt, haben Sie mich verstanden?“ „ Nicht so richtig“, murmelte ich mit einer vor Überraschung tonlos gewordenen Stimme. „ Was sollen die Leute denken, wenn das rauskommt? Die werden sich sagen, wenn schon so einer wie H. so denkt und handelt, dann kann er ja nur Recht haben! In der gegenwärtigen politischen Situation müssen wir jeglichen Schaden vom Ansehen der Partei fernhalten. Instruieren Sie den VP-Helfer B., dass er die Schnauze zu halten hat. Mit dem LPG-Vorsitzenden wird morgen auch noch gesprochen, dass übernehmen aber andere.“ Ja so war das, damals in der DDR.
Nein, ich war nicht besonders scharf darauf diesen Dieter H. bestraft zu sehen. Eine Gerichtsverhandlung oder ähnliches wegen der Beschädigung einer Fahne hielt ich schon damals für überzogen. Aber, ging es nicht auch um das Prinzip? Immerhin handelte es hier um eine Straftat, welche laut § 222 StGB mindestens mit öffentlichem Tadel bestraft werden kann. Kein Staat der Welt toleriert die Zerstörung seiner Symbole. Es gibt immer Gründe für eine Strafmilderung. Aber das in solch einem Falle überhaupt nicht ermittelt wird, nur weil der vermutliche Täter Kreistagsabgeordneter der CDU ist, war mir bisher völlig neu.
Dieter H. hatte für eine Dissonanz im Blockflötenorchester gesorgt. Und ich hatte nun dafür zu sorgen, dass niemand diesen Misston zu hören bekam. Immerhin dürften den Vorfall im Speisesaal genügend Dolgeliner mitbekommen haben. War man wirklich so naiv um zu glauben, dass sich die Leute nicht darüber unterhalten würden. Aber das war jetzt nicht mein Problem. Nun hieß es Kurt B. verständlich zu machen, dass er mit keinem Menschen über die abgerissene Fahne und den dringenden Verdacht auf H.. reden durfte. „ Haben die jetzt völlig einen Knall?“, schimpfte B. In einem Anflug heftiger Resignation antwortete ich: „ Tut mir leid. Aber ich fürchte, dass ich diese Welt nicht mehr verstehen kann.“

Fortsetzung folgt


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zuletzt bearbeitet 27.05.2011 16:18 | nach oben springen

#123

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 30.05.2011 19:01
von ABV | 4.202 Beiträge

So Freunde, nun wieder ein hoffentlich schon sehnsüchtig erwartetes update
Viel Spaß damit
euer Uwe

Nun liegt wieder eine neue Woche vor mir. Bis 05:30 Uhr hegte ich noch die Hoffnung, dass nun endlich wieder Ruhe in meinen polizeilichen Alltag einkehrt. In der „Aktuellen Kamera“ wurde verkündet, dass „Rowdys und Randalierer“ am vergangenen Samstag die Volksfeste stören wollten. Wenn man dem Nachrichtensprecher Glauben schenken darf, so hatten die Schutz und Sicherheitsorgane gemeinsam mit den Besuchern der Volksfeste, den „Rowdys“ eine friedliche Abfuhr erteilt. Wenn solche Meldungen sogar in den Nachrichten verbreitet werden, dann konnte man mit Sicherheit davon ausgehen, dass es sich keinesfalls um die ganze Wahrheit handelt! Das Geräusch der Türklingel riss mich aus meinen Gedanken. Wer klingelt denn so früh an unserer Tür? Zu meiner Überraschung handelte es sich um den Kripo-Oberleutnant welcher eine Treppe unter uns wohnte. „ Guten Morgen! Der ODH hat angerufen. Heute um 07:30 Uhr findet für alle Abschnittsbevollmächtigten eine außerordentliche Dienstversammlung im VPKA statt.“ So wie der Oberleutnant aussah, musste ihm der Anruf geradewegs aus den Träumen gerissen haben. Ein Telefonanschluss war eben nicht nur von Vorteil. Vor allem wenn es sich um den einzigen Anschluss in einem vorwiegend von Polizisten bewohnten Haus handelt. Bis 07:30 Uhr blieb mir noch ein wenig Zeit. So konnte ich wenigstens heute in Ruhe frühstücken! So wirklich schmecken wollte mir die morgendliche Mahlzeit aber dann doch nicht. Was gab es denn so wichtiges, dass ausgerechnet am Montag der gesamte Bestand der ABV ins VPKA einrücken musste? Vielleicht wollte sich der Amtsleiter auch nur für die Einsatzbereitschaft der letzten Wochen bedanken und in kleiner Runde den am Freitag ausgefallenen Appell nachholen? So eine Prämie wäre bestimmt nicht der schlechteste Wochenstart, versuchte ich mir einzureden. Kurz vor 07:00 Uhr verließ ich meine Wohnung. Seit kurzem hatte mir Hauptmann B. eine Unterstellmöglichkeit für meine „Schwalbe“ besorgt. Bei dieser handelte es sich um einen Schuppen, welcher unmittelbar an das sich im Manschnower Weidenweg befindliche Gebäude des Gruppenpostens angrenzte. Die zweihundert Meter Fußweg nahm ich gerne in Kauf. Immer noch besser, als wenn womöglich jemand seinen Frust über Staat und VP an der unschuldigen Schwalbe abreagiert. Auf der Fernverkehrsstraße 112 fuhr langsam ein grüner Trabant-Kübel der Grenztruppen vorbei. Die grünen Balken auf den Schultern des Beifahrers ließen den Postenführer erkennen. Postenführer, überhaupt Soldaten im Grundwehrdienst, waren bisher an der Grenze zu Polen nicht notwendig. Sollte das nun anders werden?
Vor dem Schuppen traf ich auf Gerhard B. Dieser arbeitete als Hausmeister in dem im Westflügel des VP-Gruppenposten untergebrachten Schulhortes. „ Na alles in Ordnung?“, erkundigte sich der stets freundliche Gerhard B. „ Kann man so sagen“, erwiderte ich. „ Sei bloß froh, dass du kein Polizist in Berlin bist. Da soll ja am Wochenende ganz schön was los gewesen sein.“ Ich schob das Moped nach draußen und bockte es vor dem Eingang auf.
„ In Berlin ticken die Uhren ohnehin anders, als hier auf dem flachen Land. In unserem beschaulichen Oderbruch ist und bleibt alles friedlich. Ich denke mal, dass es sich nun langsam auch in Berlin und Leipzig beruhigen wird.“ Mit einer Bewegung seiner rechten Hand deutete Gerhard B. an, dass er anderer Meinung war. „ Hoffentlich hast du Recht.“
Stimmt, mein zur Schau getragener Optimismus war nichts anderes als „Pfeifen im Walde.“
Ich konnte und wollte mir einfach nicht vorstellen, dass es tatsächlich auch im heimatlichen Oderland zu Unruhen kommen könnte. Mit dem Hinweis auf die Versammlung im VPKA, verabschiedete ich mich von dem freundlichen Hausmeister. Manschnow und Seelow trennen ungefähr fünfzehn Kilometer. Den größten Teil der Strecke umfasste die Fernverkehrsstraße 1, von dort aus führte der Weg schnurgerade durch das sich nördlich und südlich weit ausbreitende Oderbruch. Im Westen wurden die auf dem Plateau der Seelower Höhen gelegenen Wohnblöcke der Kreisstadt sichtbar. Kurz hinter der aus nur ein paar Häusern bestehenden Ortslage Neu Tucheband, wurde ich von einem lichtgrauen Trabant-Kombi überholt. Im Anschluss an den Überholvorgang verlangsamte der Fahrer das Fahrzeug, während der Beifahrer die Seitenscheibe herunterkurbelte und den rechten Arm hinausstreckte. Mit abgespreiztren Zeige und Mittelfinger präsentierte mir der Beifahrer, ein noch sehr junger Mann von höchstens zwanzig Jahren, das so genannte „ Victory-Zeichen.“
Dabei handelte es sich um ein aus dem ausgestreckten Zeige und Mittelfinger geformtes V.
Vichtory stand für Sieg, dass war mir schon klar. Wollte mir der junge Mann damit andeuten, dass die DDR und in seinen Augen auch ich, besiegt waren? Tief in meinem Innern verspürte ob dieser respektlosen Geste einen schmerzhaften Stich. Aber warum wollte man mich denn besiegen? Verstand ich doch den Sinn meiner Tätigkeit darin, die Menschen vor dem Bösen zu schützen. Solcher Art zur Schau getragene Ablehnung schmerzte und verwirrte mich gleichermaßen. Ich registrierte, wie sich Fahrer und Beifahrer gegenseitig zujubelten, so als hätten sie gerade tatsächlich einen Sieg davon getragen. Nach nochmaligen Betätigen der Hupe fuhr der Trabant in Richtung Seelow weiter.
Noch immer unter den Eindruck des erlebten stehend, traf ich kurz darauf in der Kreisstadt ein. Vor dem VPKA befand sich damals noch ein extra für die Mitarbeiter reservierter Parkplatz. Ich hatte Mühe zwischen all den PKW, Mopeds und Motorrädern, einen Abstellplatz für meine Schwalbe zu finden.
Die Versammlung sollte im großen Schulungsraum stattfinden. Dieser befand sich in der oberen Etage des Kreisamtes und bot Platz für einen Großteil des Bestandes. In dem Raum wurden aber nicht nur Dienst und Parteiversammlungen, sondern auch die alljährlichen Weihnachtsfeiern abgehalten. Nach Feiern war heute aber niemanden zumute, dass lag nicht nur am Datum. Nach und nach trafen alle Abschnittsbevollmächtigten des Landkreises ein und platzierten sich rings um den langen Konferenztisch. Pünktlich um 07:30 Uhr betrat auch Oberstleutnant N. den Raum. Beim Erscheinen des Amtsleiters sprangen alle wie von einer unsichtbaren Feder getrieben, von den Plätzen auf. Die militärische Disziplin war uns allen in Fleisch und Blut übergegangen. Für einen guten Volkspolizisten war sie ebenso selbstverständlich, wie der tägliche Schuhputz. „ Genosse Oberstleutnant, der Bestand der Gruppenposten –Nord- und –Süd- ist auf ihren Befehl eingerückt“, meldete Oberleutnant W., der Leiter des in Seelow ansässigen –Grupenposten Nord. „ Guten Morgen meine Genossen Offiziere“, rief Obertleutnant N. in einem markigen Tonfall. „ Guten Morgen Genosse Oberstleutnant“, hallte es nicht minder zackig zurück. Für mich, als Hauptwachtmeister, stellte der Umstand als „Genosse Offizier“ angesprochen zu werden, natürlich so etwas wie einen Ritterschlag dar. Viel wahrscheinlicher war es aber, dass dem Oberstleutnant möglicherweise entgangen war, dass sich unter all den Hauptleuten und Oberleutnants, auch zwei Hauptwachtmeister befanden. Außer mir handelte es sich dabei um Norbert S., dem der Abschnitt Worin anvertraut war. Der Amtsleiter nahm hinter dem Rednerpult Aufstellung. Mit ernster Mine kam er ziemlich schnell und ohne Umschweife zum Punkt. In düsteren Worten schilderte der wegen seiner Haarfarbe hinter vorgehaltener Hand nur „ der Blonde“ genannte Offizier die Lage in der Republik in den schwärzesten Farben. „ Genossen, so ernst wie heute, war die Lage in der DDR seit dem 17. Juni 1953 nicht mehr. Am gesamten Wochenende hatte sich die Situation in einigen Städten der Republik weiter zugespitzt. Nicht nur das, es ist stündlich von einer weiteren Eskalation auszugehen. In der Hauptstadt, aber auch in den Südbezirken kam es erneut zu Auseinandersetzungen mit offen auftretenden Gegnern der Republik.“ Wie jetzt? Hatte nicht die „Aktuelle Kamera“ behauptet, dass die Besonnenheit von Volkspolizei und Bevölkerung eben diese Auseinandersetzungen verhindert hat? Was stimmt denn nun? N. legte jedes Mal nach ein paar Sätzen eine Kunstpause ein, so als wolle er das jedes einzelne Wort auf uns einwirkt.
Was nun folgte, stellte eine rhetorische Ungeheuerlichkeit dar, etwas schier unglaubliches, aus dem Munde eines VP-Oberstleutnants. „ Genossen, es ist momentan so weit, dass es tatsächlich um die Macht geht! Wir befinden uns mitten in einer Konterrevolution. Den Ernst der Lage hat man auch in der Seelower SED-Kreisleitung noch nicht erkannt. Ich wurde dort noch am Freitag gemaßregelt, als ich die Genossen darauf hinweisen wollte. Man sagte mir, dass ich nicht solchen Unsinn verbreiten solle.“ Das war offene Kritik an der SED-Kreisleitung! Es musste schon sehr schlimm stehen, wenn sich jemand wie N. auf einen Konflikt mit der SED-Kreisleitung einlässt und darüber sogar seinen Unterstellten berichtet. Das Wort Konterrevolution bereite mir Angst! Für mich war Konterrevolution gleichbedeutend mit Lynchmord, Terror und Chaos. Vor kurzem erst hatte ich in der ARD eine Reportage über den Volksaufstand in Ungarn gesehen. Besonders beeindruckte mich, dass Geheimdienstmitarbeiter von einer aufgebrachten Menge, welche vorher den Sitz der Geheimpolizei stürmte, aus den Fenstern geworfen wurden. Unwillkürlich ging mein Blick nach draußen. Es war ein grauer, aber trockener Herbsttag.
Auf der gegenüberliegenden Clara-Zetkin-Straße rollten wie immer die Fahrzeuge, während ein paar vereinzelte Fußgänger, mit oder ohne Einkaufstaschen, am „Kaufhaus des Friedens“ vorbeiliefen. Nein, nach Konterrevolution sah es in Seelow nicht aus. Trotzdem konnte ich mich dieses unangenehmen Gefühles nicht erwehren, dass eine große, letztendlich die eigene Existenz bedrohende Gefahr auf uns zukommt. Die angespannten Gesichter der anderen Polizisten zeigten mir, dass ich nicht alleine mit meinen Ängsten war.
Oberstleutnant N. setzte mit eindringlichen Worten, bei denen selbst gestandenen Offizieren der kalte Schauer den Rücken hinunterlief, fort. „ Eines müssen wir uns klar werden Genossen. Wenn wir die Macht nicht aus den Händen geben wollen, dann werden wir auch in der DDR nicht um solche Bilder wie dem vom „ Tien an men-Platz“ in Peking, herumkommen.“ Wieder legte N. eine seiner schon erwähnten Pausen. In den ohnehin bereits bleichen Gesichtern zeichnete sich nun blankes Entsetzen ab. Der 59-jährige Hauptmann Günther L. aus Falkenhagen sprach aus, was in diesem Moment wohl jeder dachte. „ Es kann kommen wie es will, aber es darf kein Blut fließen!“ Der aus der neumärkischen Kleinstadt Drossen stammende L. wusste wovon er sprach. In seiner Jugend hatte er 1945 miterlebt, welches Leid Menschen anderen Menschen zufügen können. Unwillkürlich musste ich an meinen Sohn denken, was würde aus ihm werden, wenn es tatsächlich zu einem Bürgerkrieg kommt? „ Für heute abend ist in Leipzig wieder eine große Demonstration geplant. Mein Gott, wenn man solche Bilder wie aus Leipzig sieht, da möchte man doch am liebsten die MPI rausholen,“ setzte N. seine Rede fort. Nach einigen allgemeinen Sätzen, kehrte N. wieder zu seiner Dramatik zurück. „ Genossen, ich hoffe das ihnen nun der wahre Ernst der Lage bewusst geworden ist. Sie haben sich ab heute mindestens zweistündlich beim ODH zu melden. Das hat den Hintergrund, dass wir einfach sicher sein wollen, dass Sie noch am Leben sind. Ich erwarte stündlich Meldungen das irgendwo Volkspolizisten oder SED-Mitglieder erhängt worden sind. Im Anschluss an diese Versammlung empfängt jeder von ihnen einen starren Schlagstock. So können Sie sich wenigstens im Ernstfall verteidigen.“
Vor meinen Augen begannen sich Rednerpult und Oberstleutnant zu drehen. Am liebsten wäre ich jetzt nach Hause zu meiner Familie gefahren, um ihnen Schutz zu gewähren. Es war als befände ich mich in einem Alptraum. Mein Gott Uwe, du hast wieder zuviel geschmökert, dass tut nicht gut! Jetzt erlebst du den Inhalt des Buches plastisch und voller Realität, noch einmal. Aber Nein, dass war kein Traum! Das war nur der Anfang von einer Entwicklung, deren Konsequenzen unabsehbar waren. So waren damals meine von einem Konglomerat aus Pflichtgefühl und Zukunftsangst bestimmten Gefühle. Heute denke ich über die von mir geschilderte Dienstversammlung ganz anders. Ich möchte noch einmal an das Datum der Versammlung erinnern. Es handelte sich um den 09. Oktober 1989, An diesem Vormittag konnte noch niemand ahnen, dass dieser 09. Oktober in die deutsche Geschichte eingehen sollte. In Seelow und andernorts ahnte auch niemand, dass sich Zweihundertfünfzig Kilometer südwestlich, in Leipzig, tatsächlich gerade tatsächlich unser Schicksal entschied. Über diesen Tag wurde viel geschrieben und noch mehr Legenden in die Welt gesetzt. Fakt ist aber nun einmal, dass die Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt eine gewaltsame Auflösung der geplanten Montagsdemonstration mit allen Mitteln, was für mich auch die Anwendung der Schusswaffe beinhaltet, nicht mehr ausschlossen. In diesem Zusammenhang betrachtet, bekommen die eindringlichen Worte des Amtsleiters einen ganz eigenen Sinn. Hatte er etwa den Auftrag erhalten uns auf ein Massaker in Leipzig, was tatsächlich eine ungeheure Eskalation der Lage bedeutet hätte, vorbereiten? War es ein Zufall, dass er immer wieder betont auf Leipzig hinwies? Was sollte der beschwörende Hinweis auf bevorstehende „Lynchaktionen“ gegen Volkspolizisten, obwohl es dafür keine reale Veranlassung gab. Zu mal es im Kreis Seelow, von der Situation an der Staatsgrenze abgesehen, noch immer sehr ruhig war. Der stets kühl und distanziert wirkende N. war kein Freund „plumper Panikmache.“ In diesem Falle musste etwas anderes dahinter stecken. Es ist zweifelhaft, ob diese Frage jemals beantwortet wird. Möglicherweise wäre die Antwort zu unangenehm für eine Vielzahl damals Verantwortung tragender.
Nun wieder zurück in das Jahr 1989. Wie im Trance fuhr ich anschließend zurück in meinen, unmittelbar an den südöstlichen Stadtrand von Seelow angrenzenden Abschnitt. In Friedersdorf erschien nichts anders als sonst. Auf dem Gelände der LPG, dort wo sich heute der Kunstspeicher befindet, standen ein Bauer Bauern um einen Traktor herum. Produktionsberatung oder schöpferische Pause? Auch im benachbarten Dolgelin war alles so ruhig und freidlich wie eh und je. Niemand bastelte an einem Galgen für Angehörige der Staatsmacht. Welch ein absurder Gedanke! Vor dem Eingang des LPG-Gebäude kam mir Werner R., der Vorsitzende, entgegen. „ Ich habe gehört, dass du eine von meinen Fahnen in deinem Büro für mich verwahrt hast“, sprach er mich bezugnehmend auf den gestrigen Vorfall, an. Ohne weiter darauf einzugehen, schließlich hatte es die Angelegenheit offiziell nicht gegeben, bejahte ich die Frage. „ Du siehst so komisch aus. Ist irgend etwas?“, erkundigte sich R., dem meine Seelenpein offensichtlich nicht entgangen war. R. dessen Familie über etliche Volkspolizisten verfügte, war ein geschätzter Gesprächspartner von mir. Zu dem über zwanzig Jahre älteren LPG-Vorsitzenden besaß uneingeschränktes Vertrauen. Auch R. war, seiner Funktion entsprechend, Mitglied der SED. Dennoch hatte er sich ein hohes Maß an Realitätssinn bewahrt. Mit kurzen Worten schilderte ich ihm, was uns Oberstleutnant N. vor kurzem mitgeteilt hatte. Werner R. blickte mich an, als zweifelte er an meinem Verstand. „ Schau dich doch mal um. Meinst du wirklich, dass dich hier jemand aufhängen will?“ In diesem Moment wäre ich am liebsten vor Scham im Erdboden versunken. Kopfschüttelnd stieg R. in seinen blauen Dacia ein, um zu dem in Alt Mahlisch gelegenen Betriebsteil zu fahren. Es blieb ruhig an diesem Tage im Kreis Seelow. Um 19:30 Uhr lobte die „Aktuelle Kamera“ erneut die Besonnenheit der Schutz und Sicherheitsorgane. Neu war allerdings, dass zum ersten Mal eine der später so berühmten Leipziger Montagsdemos, offiziell erwähnt wurde.
Viel später erfuhren wir erst, in welcher Gefahr sich das Land an diesem Tag tatsächlich befand.


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#124

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.06.2011 17:20
von ABV | 4.202 Beiträge

[b]So Freunde und nun das nächste update

Viel Spaß beim Lesen

euer Uwe

Am Nachmittag des zehnten Oktober nahm ich am „Kulturhaus der Eisenbahner“ in Kietz, meine beiden „ Polizeisoldaten“ wieder in Empfang.
Mir konnte es nur Recht sein, musste ich doch nun meine noch immer obligatorische „Grenzstreife“ an der Oder bei Kietz, nicht mehr alleine laufen. Noch lieber wäre mir allerdings ein freier Tag gewesen. Seit Anfang September schoben wir nun ununterbrochen Dienst. Dabei blieben die kleinen profanen Dinge des Alltages immer mehr auf der Strecke. Die Familie kam ebenso zu kurz, wie die kleinen Freuden des Lebens. Mein Gott wann habe ich eigentlich das letzte mal ein richtig schönes kühles Bier getrunken? Meine momentane Müdigkeit hatte allerdings noch einen anderen Grund. Ich hatte am vergangenen Abend noch bis Mitternacht ferngesehen. Die „ ARD“ zeigte einen Bericht über die Ereignisse am 07. und 08. Oktober in Berlin. Was ich dort hörte und sah, versetzte mich in Wut. Junge Leute, allesamt Bürger der DDR, erzählten von angeblichen Übergriffen der Sicherheitsorgane. Natürlich, die Polizei hat völlig grundlos auf euch eingeprügelt. Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht, dachte ich voller Empörung. Ungläubiges Erstaunen löste bei mir der Auftritt des Liedermachers Kurt Demmler aus. Mit einer Gitarre auf den Schultern sang Demmler, „von den glattrasierten Schnauzen der „Sicherheit“. Kurt Demmler? Hatte er nicht früher „rote Lieder“ getextet und gesungen? Aus welchen Gründen trällert dieser sozialistischer Vorzeigebarde ein offensichtlich auf die Staatssicherheit gemünztes Spottlied? Noch dazu in einer Kirche, vor den laufenden Kameras der Westmedien!
Den heutigen Vormittag hatte ich in meinem Dienstzimmer mit der Aufarbeitung irgend welchen Papierkrams verbracht. Dafür konnte ich nun am Nachmittag an der Oder, einen wunderschönen goldenen Oktobertag genießen. Wir durften von nun an unseren Streifenbereich bis zum so genannten „ Entenfang“, einen etwa zwei Kilometer südlich der Kietzer Karl-Marx-Straße gelegenen Altarm der Oder, ausdehnen. Am Ufer des Vorflutkanals warf ein Angler auf der Jagd nach den hier zahlreich vorkommenden kapitalen Hechten, seinen Blinker aus. Neidisch schaute ich zu, wie der Mann immer und immer wieder das goldene Fischimitat mit dem Drillingshaken am Ende, durch das trübe Wasser zog. Im Licht der Oktobersonne schwebten feine weiße Spinnenfäden durch die Luft. Im Oderbruch herrschte „Altweibersommer“, eine der schönsten Zeiten in dieser Region. Von den am Ufer stehenden Weidenbäumen fiel gelb und rotgefärbtes Laub herab, um anschließend träge und langsam wie herrenlose Miniaturkähne auf der glatten Wasseroberfläche zu treiben. Über unseren Köpfen schwebte ein Reiher, seltsam anmutende Urlaute ausstoßend, über unsere Köpfe. „ Schaut mal, der fliegt jetzt nach Polen. Vielleicht hat sich ja ein Grenzverletzer unter seinen Flügeln versteckt?“ Mit dieser Äußerung versuchte ich die beiden Bereitschaftspolizisten aufzuheitern. Irgendwie erschienen sie mir heute bedrückt und einsilbig zu sein. Wer weiß, wann die beiden das letzte Mal daheim im Urlaub waren.
„ Habt hier Tagedrücken, oder was ist mit euch los?“ „ Ja, es wird Zeit das wir endlich wieder entlassen werden“, platzte es aus dem Unterwachtmeister heraus. „ Du kannst dir gar nicht vorstellen, was wir am Wochenende erlebt haben,“ fügte der VP-Anwärter hinzu. Jetzt wurde mir einiges klar. Sie waren wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrer Dienstzeit mit gewalttätigen Demonstranten konfrontiert worden. „ Wart ihr auch bei einer dieser Demos dabei? Es soll ja zu regelrechten Schlachten gekommen sein.“ Der Unterwachtmeister schüttelte den Kopf. „ Was für Schlachten? Davon haben wir nichts gesehen.“ Seine Antwort klang fast trotzig, so als hätte ihn meine Frage gereizt. „ Unser Zug wurde auch in Berlin eingesetzt,“ fing der Anwärter zu erzählen an. „ Wir standen vor einer Gruppe von jungen Leuten, sie waren alle in unserem Alter. Plötzlich kam das Kommando „Schlagstock frei“, überall ertönten Schreie und das eklige Klatschen der Gummiknüppel.“ „ Und was hatten die jungen Leute getan?“ „ Was? Sie hatten „ We shall overcome gesungen“, antwortete der Unterwachtmeister mit starrem Blick. „ Was haben sie gesungen?“ Diese Aussage irritierte und verwirrte mich gleichzeitig. We shall overcome, die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, gehörte zu meinen erklärten Lieblingsliedern. Gudrun F., meine frühere Englischlehrerin, hatte uns diesen Song in der Version von Joan Baez, auf einer „ Amigaplatte“ vorgespielt. „ Da muss doch noch mehr vorgefallen sein!“ „ Nein! Die Menschen haben sich vor uns hingestellt und einfach nur gesungen. Einfach nur gesungen“, der Unterwachtmeister schüttelte wieder den Kopf, so als könnte er das erlebte selbst nicht glauben. „ Da war so ein hübsches Mädchen darunter. So eine dunkelhaarige, rassige Schönheit. Unser Leutnant hat ihr den Gummiknüppel quer durchs Gesicht gezogen. Einfach so, verstehst du?“ Nein, ich verstand nicht! Jede einzelne Zelle in meinem Gehirn wehrte sich dagegen, die wirkliche Dimension des eben gehörten zu erfassen. „ Das kann doch nicht wahr sein! Auf so etwas warten doch das Westfernsehen nur. Wie kann man sich als Polizeioffizier nur so gehen lassen?“, schimpfte ich voller Empörung. In meinen Augen handelte es sich um die Entgleisung eines einzelnen. Bedauerlich und verachtenswert! Aber auf keinen Fall typisch für die Volkspolizei! „ Du hättest mal die Räumpanzer mit den Schiebeschilden sehen sollen“, setzte der Anwärter fort. „ Was denn für Schiebeschilder? Zur Beräumung von Straßensperren, oder wofür sind die Dinger gut?“ „ Zur Beräumung von Menschenmassen“, murmelte der Unterwachtmeister. Begriffen hatte ich noch immer nichts! Ich hielt die Jungs einfach nur für überfordert, möglicherweise waren sie den Dingen nicht gewachsen? Immerhin durfte nicht vergessen werden, dass es sich bei ihnen, trotz der grünen Volkspolizeiuniform, nur um Wehrdienstleistende handelt. Arme Kerle, da hat man euch wohl zu viel aufgebürdet, dachte ich mitfühlend.
Aus Richtung Reitwein näherte sich ein wild gestikulierender älterer Herr. Auf seiner Schulter trug er ein Stofffutteral in dem sich unverkennbar seine Angelausrüstung befand.
„ Ich suche unseren Grenzer,“ schnaufte der Mann. „ Vorhin ist er mit seinem Motorrad in Richtung Kuhbrücke gefahren. Vielleicht können wir ja auch helfen?“ Es war nicht zu übersehen, dass der erregte Mann Hilfe benötigte. Mit einem Griff beförderte er nun einen Klappausweis aus der Innentasche seiner abgewetzten Jacke. „ Grenzhelfer Paul P.“, stellte er sich ordnungsgemäß vor. „ Ich habe ca. zweihundert Meter nördlich vom Entenfang geangelt. Auf der Nachbarbuhne standen drei junge Männer, die kamen mir verdächtig vor. Einer von denen hat immerzu die Gegend beobachtet, ob jemand kommt. Ich dachte mir, die wollen bestimmt abhauen.“ Sind die Personen noch da?“ Ich konnte mir die Unterbrechung nicht verkneifen, der Mann sollte endlich zum Punkt kommen! „ Weiß ich nicht. Ich wollte sie kontrollieren und habe ihnen meinen Helferausweis gezeigt. Dann hat einer von denen einen Stock genommen und gedroht, dass er mich verprügelt, falls ich nicht sofort verschwinden würde.“ Tja, das hatte der Grenzhelfer dann wohl vernünftigerweise auch getan. Von unserem jetzigen Standort bis zu der besagten Stelle trennten uns gute zwei Kilometer. Falls es sich tatsächlich um „ Grenzverletzer“ handelte, dann würden sie bei unserem Eintreffen längst in Polen sein. Dennoch mussten wir den Hinweis nachgehen. Wobei gehen wörtlich zu nehmen ist, da wir, abgesehen von meiner vor dem Kulturhaus abgeparkten „Schwalbe“, über kein Fahrzeug verfügten. Von einer Funkausrüstung möchte ich schon gar nicht mehr reden. Obwohl tatsächlich irgend jemand den Bereitschaftspolizisten ein UFT-Sprechfunkgerät in die Hand gedrückt hatte. Ob dieser jemand wohl wusste, das die maximale Reichweite dieser Dinger kaum mehr als fünf Kilometer betrug? Uns blieb also nichts weiter übrig, als im Schweinsgalopp über den Oderdamm zu laufen. Mit feuchter Stirn und etwas außer Atem erreichten wir nach einer guten viertel Stunde die besagte Buhne. Erwartungsgemäß war natürlich niemand zu sehen. Mit dem Fernglas suchte ich das von dichtem Strauchwerk und Schilf umstandene polnische Ufer der Oder nach den dreien ab. Vergeblich, bis auf einen einsamen Angler, konnte ich nichts und niemanden entdecken. Der Unterwachtmeister bückte sich und hob eine Postkarte vom Boden auf. „ Wir melden uns ab in die Freiheit“, stand dort in großen Druckbuchstaben. Mit verklärtem Gesicht schaute der junge Volkspolizist, der doch eigentlich gar keiner sein wollte, über die vorbeiströmende Oder. Heute weiß ich, dass er den dreien in diesem Augenblick wohl am liebsten gefolgt wäre.


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#125

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.06.2011 17:46
von exgakl | 7.236 Beiträge

Dein heutiges Update Uwe sehe ich als absolute Bereicherung des Herrentages an... danke


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#126

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.06.2011 19:47
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke Karsten. Ich hoffe doch das du dir vor dem Lesen nicht erst einen antütern musstest

Gruß an alle
Uwe


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#127

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.06.2011 20:49
von exgakl | 7.236 Beiträge

Nee Uwe, ich war völlig nüchtern und meiner Meinung nach auch im vollbesitz meiner geistigen Kräfte


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#128

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.06.2011 21:32
von SEG15D | 1.121 Beiträge

Mann, Uwe!
Ich lese Deine Geschichte schon von Anfang an mit....bisher ohne Kommentar.
Aber nun sag ich erstmal danke! Für die Ehrlichkeit der Beschreibung des von Dir Erlebten...sowie auch die Deiner Gefühle in diesem Moment!

Und ich könnte 1:1 alles nachvollziehen, was an Zweifel , was an Glauben an die Sache in Dir vorging!
Hut ab, Du schreibst über das innerste Deiner Seele.....meine Hochachtung!

Ich kenne ebenfalls Menschen wie Dich, die damals in Ihrer Uniform dafür gesorgt haben, das auch in dieser Zeit nichts
Schlimmes passiert ist.
Danke und freundliche Grüße an Dich vom
SEG15D

Ich freue mich sehr auf Deinen nächsten Beitrag!



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#129

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.06.2011 13:45
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke für die Kommentare. Ich stelle mit Freude fest, dass es sich lohnt weiterzuschreiben. Mein Anliegen besteht darin, aufzuzeigen das auch die ehemaligen Angehörige der "bewaffneten Organe" keine willenlosen Automaten waren. Das dieser Eindruck damals bei vielen bestand, hat eben auch seine Ursachen. Ich werde versuchen, diese Ursachen so weit wie möglich darzulegen. Sehr oft haben wir hinter der "starren Maske" nur unsere Unsicherheit, Angst und vorhandene Zweifel versteckt. Bei allen Zweifeln, die DDR war nun einmal unser Vaterland. Niemand wollte schließlich sein Vaterland verraten oder aufgeben. Tatsache ist aber auch, dass nun einmal zwischen den propagierten Ansprüchen und der Realität in der DDR eine riesengroße "Schere" klaffte. Zu guter letzt wollten sich viele einstmals Mächtige in der DDR aus ihrer Verantwortung stehlen, in dem sie einen großen Teil der Schuld auf ihre einstigen Getreuen abzuwälzen versuchten. So entstand die absurde Situation, dass am Ende ein Staat einen nicht geringen Teil seiner "Diener" verriet.

Gruß an alle
Uwe


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#130

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.06.2011 17:36
von Pit 59 | 10.142 Beiträge

Nein ABV gegen die damaligen Volkspolizisten haben glaube ich die wenigsten etwas gehabt.Wir haben 1989 immer bei den Montags Demos vorm VPKA halt gemacht und gebrüllt" Reiht Euch ein". das Sie nicht mitlaufen konnten war klar,aber viele haben uns am fenster immer deutliche Zeichen gegeben.


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#131

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.06.2011 23:57
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Pit 59
Nein ABV gegen die damaligen Volkspolizisten haben glaube ich die wenigsten etwas gehabt.Wir haben 1989 immer bei den Montags Demos vorm VPKA halt gemacht und gebrüllt" Reiht Euch ein". das Sie nicht mitlaufen konnten war klar,aber viele haben uns am fenster immer deutliche Zeichen gegeben.



Das war sicher von Region zu Region verschieden @Pit. Im Prinzip war die Tätigkeit von Schutzpolizei, Verkehrspolizei und im wesentlichen der Kriminalpolizei, unpolitisch. Wenn da nicht immer diese " enge Umklammerung" durch die SED gewesen wäre. Es hat ganz schön Mühe gekostet, sich von der SED zu lösen. Vor allem auch gedanklich!

Gruß an alle
Uwe


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#132

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 05.06.2011 13:03
von Gert | 12.354 Beiträge

Hallo Uwe, komme erst jetzt dazu, deine neuesten Updates zu lesen. Wie immer ein Vergnügen. Du hast nach meiner Einschätzung wirklich ein Talent zum Schreiben.
Noch was : Wenn ich so die einzelnen Teilberichte vor meinem Auge Revue passieren lasse, so muss ich immer wieder feststellen, dass ich meine Meinung über die VP sowohl aus der Zeit als ich noch in der DDR wohnte aber auch später als Besucher,revidieren muss. Ich hielt die VP in erster Linie für eine Polizei nicht des Volkes sondern für die SED. ihr Auftreten war manchmal so roboterartig, so gar nicht natürlich, irgendwie wollte ich mit denen keinen Kontakt haben
Ich stelle fest, in den grünen Uniformen steckten aber auch richtig sympathische und kluge Menschen wie du. Eben ein Mann aus dem Volk mit allen Stärken und Schwächen. Du hast die Bezeichnung Volkspolizist damals wirklich verdient.


LG von der Pfütze(Rhein) an den Fluss Oder Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
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#133

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 07.06.2011 00:34
von Manfred B. (gelöscht)
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Zitat von ABV

Zitat von Pit 59
Nein ABV gegen die damaligen Volkspolizisten haben glaube ich die wenigsten etwas gehabt.Wir haben 1989 immer bei den Montags Demos vorm VPKA halt gemacht und gebrüllt" Reiht Euch ein". das Sie nicht mitlaufen konnten war klar,aber viele haben uns am fenster immer deutliche Zeichen gegeben.



Das war sicher von Region zu Region verschieden @Pit. Im Prinzip war die Tätigkeit von Schutzpolizei, Verkehrspolizei und im wesentlichen der Kriminalpolizei, unpolitisch. Wenn da nicht immer diese " enge Umklammerung" durch die SED gewesen wäre. Es hat ganz schön Mühe gekostet, sich von der SED zu lösen. Vor allem auch gedanklich!

Gruß an alle
Uwe





Uwe, Du sprichst ein Thema an, was ich selber mit meinen damaligen ABV erlebt hatte. Er selber war ein total netter Mensch. Man konnte mit Ihm reden und er auch mit uns. Hatte er auch mal ein Auge zugedrückt, vom dem was wir Lausbuben angestellt haben.
Es gab leider auch eine Zeit, wo mich mein ABV, zu Ihm hinzittierte. Ja, einfach war es nicht.... Der nette ABV, hat die Kidi's aus unserm Block, an seinem Tisch gerufen. Wir damaligen Kids und saßen nun da. Was will nun der ABV von uns ? Ok, das mit Kid's, ich war damals um die 15 Jahre jung. Jedenfalls sagte uns unser ABV, dass hier im Block( Wohnsiedlung-Neubau) für Sicherheit gesorgt werden muss. Gehört habe ich es ja, und was habe ich damit zutun... Was will mir nun der nette Mensch(ABV) sagen... Ich, jung wie ich bin, verstehe davon nichts, aber auch gar nichts.

Uwe, Du wirst es nicht glauben, aber dieser nette ABV hat nix aber auch garnix in meiner später folgenen "Akte" geschrieben. Leider gab es von diesen Menschen, einfach zu wenig. Ich denke oft an solche Menschen. Nach lesen Deiner Zeilen, denke ich Du warst mein ABV.


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#134

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 07.06.2011 22:43
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke @ Gert und ManfredB. für euer Lob. Manfred, ich war möglicherweise kein so ganz netter ABV. Damals befand ich mich quasi in der Ausbildung und wollte erst ein richtiger ABV werden. Wobei ich natürlich fälschlich dachte, dass ich einer wäre. Die wirklich guten, netten ABV hatten meist schon etliche Dienstjahre und Erfahrungen auf dem Buckel. Wer als ABV bestehen wollte, konnte es sich mit der Bevölkerung nicht verderben. Das zu erkennen war für einen jungen, heißspornigen Polizisten natürlich sehr schwer. Man wollte ja etwas leisten, Ergebnisse bringen. Dabei wurde natürlich auch übers Ziel hinausgeschossen,.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


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#135

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 07.06.2011 23:56
von S51 | 3.733 Beiträge

Zitat von ABV
.. ich war möglicherweise kein so ganz netter ABV. ... Die wirklich guten, netten ABV hatten meist schon etliche Dienstjahre und Erfahrungen auf dem Buckel. .. Dabei wurde natürlich auch übers Ziel hinausgeschossen,.
...



Mit der Einschätzung biste nicht alleine.
Geht mir und bestimmt vielen auch so. Wir waren noch grün nicht nur uniformmäßig. Da ist man immer schärfer nicht nur im besten Sinne als jene, die statt der unveränderbrüchlichen Prinzipien eben Erfahrung setzen können.
Ich lese deine Erfahrungen gerne. Sie sind authentisch.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#136

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 08.06.2011 18:23
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke S 51, für deinen Kommentar. Ich glaube das es beinahe normal ist, dass die jungen Polizisten "schärfer" sind, als ihre um Dienst und Lebensjahre reiferen Kollegen. Das ist oder war auch kein spezifisches Problem der Volkspolizei, heute ist das oft auch nicht anders. Wie schon mal erwähnt, war ich eigentlich für den Job als ABV noch viel zu jung. Aber so bekommt man auch ein riesige Portion Lebenserfahrung verpasst und sieht hinterher doch vieles lockerer.

Gruß an alle
Uwe


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#137

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 08.06.2011 20:43
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Also bist Du heute der Bremser der die jungen Heißsporne einspurt


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#138

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 08.06.2011 21:03
von Stabsfähnrich | 2.046 Beiträge

Zitat von ABV
Danke S 51, für deinen Kommentar. Ich glaube das es beinahe normal ist, dass die jungen Polizisten "schärfer" sind, als ihre um Dienst und Lebensjahre reiferen Kollegen. Das ist oder war auch kein spezifisches Problem der Volkspolizei, heute ist das oft auch nicht anders. Wie schon mal erwähnt, war ich eigentlich für den Job als ABV noch viel zu jung. Aber so bekommt man auch ein riesige Portion Lebenserfahrung verpasst und sieht hinterher doch vieles lockerer.

Gruß an alle
Uwe



...............wie Recht Du doch hast.


Mit freundlichen Grüßen - Chris
www.polizeilada.de
www.grenzradio911.info
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#139

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 13.06.2011 23:27
von ABV | 4.202 Beiträge

So Freunde und nun wieder das nächste update.
Viel Spaß beim Lesen, ich freue mich schon auf eure Kommentare. Sie sind schließlich das Salz in meiner Suppe

Gruß an alle
Uwe


Oberstleutnant N. kreierte Mitte Oktober 1989 eine Losung, die sowohl als Ansporn, als auch als Drohung verstanden werden sollte: „ Wer in dieser schwierigen Zeit schwach wird, der hat für mich auf immer und ewig abgegessen!“ Erinnert das nicht ein wenig an die Durchhalteparolen der Nazis im Frühjahr 1945? Ja, ein wenig schon, denn in beiden Fällen stand ein Regime vor dem Untergang. Das auch die DDR kurz ihrem Ende stand, wollte damals nur keiner wahrhaben. Nach wie vor fand die politische Wende überall, aber nicht im Oderlandkreis Seelow statt. Während sich nun sogar in der kaum zwanzig Kilometer entfernten Bezirksstadt Frankfurt (Oder) die ersten zaghaften Protestzüge formierten und es im altehrwürdigen mit dem goldenen Hering der Hansezunft verziertem Rathaus zu Diskussionen mit den „Stadtvätern kam, herrschte zwischen Gieshof und Alt Zeschdorf noch angespannte Ruhe. Lediglich an der Staatsgrenze zu Polen, bemühten sich Volkspolizei und Grenztruppen noch immer vergeblich, die „Abstimmung mit den Füßen“ zu beenden.
Gerade hier zeigte sich mehr und mehr der unaufhaltsame Zerfall der einst auf Ewigkeit zementierten sozialistischen Staatengemeinschaft. Am 16. Oktober wurde Oberstleutnant N. mitten aus einer Dienstberatung mit den Abschnittsbevollmächtigten, von seiner Sekretärin ans Telefon gerufen. Wenig später wandte er sich mit bitterernster Mine an die Anwesenden: „ Genosse Generalmajor Prüfer * hat soeben angerufen. Wir stehen an der Staatsgrenze zu Polen vor einer dramatischen Eskalation der Lage. Ab sofort nimmt der polnische Grenzschutz keine illegalen Grenzgänger welche aus der DDR kommen, mehr fest. Jetzt kann jeder ungehindert bis nach Warschau durchmarschieren. Ich nehme an die Polen werden sich ihren Verrat gut bezahlen lassen. Ich brauche euch ja wohl nicht zu sagen was uns blüht, wenn diese Meldung in den Westmedien verbreitet wird.“ In dem letzten Satz schwang die ganze Verachtung mit, die Oberstleutnant N. und sicher nicht nur er, in diesem Moment für den einstigen Verbündeten empfand. Sofort ging es, in Erwartung wahrer Heerscharen von illegalen Grenzgängern, hinaus an die Oder. Seit heute war ich nun wieder alleine in Kietz. Ohne Vorankündigung hatte man die beiden Bereitschaftspolizisten wieder irgendwo anders in der unruhigen Republik eingesetzt. Trotz aller theatralisch vorgetragenen Visionen wurde ich auch an diesem Tage nicht von irgendwelchen Flüchtlingen überrannt. Es wurde jetzt zeitiger dunkel, so dass der einsame Streifengang in dem mit alten Bäumen bestandenen Odervorland meine Phantasie zum blühen brachte. Nie zuvor und nie wieder danach, hatte ich in Gedanken so oft den „ Erlkönig“ zitiert, wie in diesen finsteren Herbstabenden an der Oder.
Ein noch junger Fähnrich der Grenztruppen berichtete mir, dass auf der dem Dorf Reitwein gegenüberliegenden polnischen Seite der Oder, eine männliche Leiche geborgen wurde. Zwanzig Jahre später stieß ich zufällig bei Recherchen im Internet, auf der Online-Ausgabe des „Spiegels“ auf die tragische Geschichte des ertrunkenen Flüchtlings. Bei ihm handelte es sich um einen jungen Mann aus dem Harz, der schon seit frühester Jugend an von einem Leben im „Westen“ träumte. Wie der „Spiegel“ schrieb, hatte er sehr unrealistische Vorstellungen von der Bundesrepublik. Sie war für ihm das Land „ wo Milch und Honig fließen.“ Wie hätte er auch eine Sicht auf die Dinge erhalten sollen? Als die Fluchtwelle in bzw. aus der DDR immer stärker anschwoll, hielt es auch ihm nicht mehr im Lande. Sein in die Pläne eingeweihter Vater beschwor den Jungen eindringlich, statt über Polen, lieber die ungefährlicher erscheinende Route durch die CSSR zu nehmen. Was ihn letztendlich bewog doch durch die Oder schwimmen zu wollen, ist mir nicht bekannt. Wäre er doch nur drei Wochen länger Zuhause geblieben, dann hätte dieser junge Mann seinen Traum ohne jedes Risiko verwirklichen können. Möglicherweise wäre ihm dabei so manche Enttäuschung nicht erspart geblieben. Aber was sind schon Enttäuschungen, gegen Leid, Schmerz und die quälenden Selbstvorwürfe seiner Angehörigen?
Am 18. Oktober konnte ich endlich mein Versprechen gegenüber dem VP-Helfer Kurt B. einlösen und mit ihm Streife in Dolgelin laufen. Bis auf zwei Fahrradfahrer an deren Rädern sich weder Beleuchtung noch Dynamo befanden, passierte nichts besonderes. Vor der Bushaltestelle warteten ein paar Leute auf den letzten Bus in die Kreisstadt. „ Honecker ist zurückgetreten, es kam soeben in den Westnachrichten“, rief jemand der Gruppe im Vorbeigehen zu. Kurt und ich sahen uns überrascht an. „ Weißt du was davon?“, brabbelte Kurt. „ Dann hätte ich es dir doch gesagt,“ antwortete ich. In die vor kurzen noch reglos wartende Menschengruppe kam nun unversehens Bewegung. „ Das wird ja auch Zeit, dass der alte Sack abtritt“ jubelte eine Frau. „ Hoffentlich kommt jetzt jemand vernünftiges an die Macht“, mutmaßte ihr männlicher Begleiter. Jemand vernünftiges, wer aus der „alten Riege“ des Politbüros sollte das denn bitteschön sein? Noch war die Zeit nicht reif für den als Hoffnungsträger angesehenen Dresdener SED-Bezirkschef Hans Modrow. Ausgerechnet der am wenigsten geeignete, selbst diskreditierte Egon Krenz, übernahm nun die Nachfolge. Er war wohl doch zu krank, um in dieser angespannten Zeit regieren zu können. So glaubte ich jedenfalls. Unvorstellbar die Vorstellung, dass „Honni“ von den eigenen Genossen, mit Krenz an der Spitze, aus dem Amt geputscht wurde.
Für uns brachte der Wechsel im „obersten Chefsessel“ der Republik nur eine einzige Veränderung: statt des ewig jung aussehenden Honeckers, lächelte nun der Egon von den Wänden. Die Reaktionen der Bevölkerung sollten aber auch dem einstigen Kronprinzen der DDR, schnell das Lächeln gefrieren lassen.
Am Nachmittag des 19. Oktober bescherte mir der Grenzdienst ein Erlebnis, dass mich wie keines vorher dazu bewegte, den Sinn meines Dienstes an der Oder in Frage zu stellen.
Am Nachmittag des besagten Tages traf ich mich am Bahnübergang in der Nähe des Kietzer Vorflutkanals, mit einem Oberleutnant der Transportpolizei. Obwohl auch er der Volkspolizei angehörte, unterschied uns nicht nur die Farbe unserer Uniformen. Das Metier des blauuniformierten Offiziers war der Schienstrang und alles was dazu gehört. Als Abschnittsbevollmächtigter sollte er in einem fest umrissenen Territorium, zu denen auch einige Bahnhöfe gehörten, für Recht und Ordnung sorgen. Jedenfalls in normalen Zeiten, momentan beschäftigte er sich genauso wie ich, mit der polnischen Grenze.
Das dienstliche Schicksal hatte den sonst in der Nähe von Frankfurt (Oder) eingesetzten ABV, nach Kietz verschlagen. Anfangs musste er dort, gemeinsam mit einem Angehörigen der Transportpolizeikompanie, einen Ableger der Bereitschaftspolizei, von einem Stellwerk aus die nach Osten führenden Gleise beobachten. Nun endlich durfte auch er, sich etwas freier bewegen. Bei einem seiner Streifengänge lernten wir uns schließlich kennen. Zu unserer gegenseitigen Freude stellten wir schnell eine grundlegende Übereinstimmung fest: der Oberleutnant war genau wie ich, ein leidenschaftlicher Hobbyhistoriker. Woher auch immer, dieser Offizier kannte sich in der Geschichte der im Zweiten Weltkrieg untergegangenen und auf polnischer Seite unter den Namen Kostrzyn neu entstandenen Stadt Küstrin bestens aus. Das dieses unscheinbare Kietz einst ein Stadtteil der berühmten preußischen Festungsstadt war, wurde mir durch die geführten Gespräche zum ersten Male so richtig bewusst. Ein Bruder meiner Großmutter war einst Feldwebel in der ehemaligen Artilleriekaserne auf der nun schon seit Jahrzehnten von der sowjetischen Armee besetzten Oderinsel. Trotz Fernglas, konnte ich bisher nicht viel von den Kasernengebäuden erkennen. Als ich dem Oberleutnant von meinem quasi familiären Interesse an dem gegenüberliegenden, jedoch für mich unerreichbarem Militärareal berichtete, huschte ein überlegenes Lächeln über sein von markanten Zügen geprägtes Gesicht. „ Weißt du was? Ich melde im Trapo-Amt für Morgen eine Kontrolle der Eisenbahnbrücke über die Oder an. Um dorthin zu gelangen, müssen wir ja über die Insel, vorbei an den Kasernen. Dann darfst du dir mal die Wirkungsstätte deines Verwandten aus der Nähe betrachten.“ Vor lauter Freude wäre ich dem Mann beinahe um den Hals gefallen. Aber wie sieht denn das aus, wenn sich zwei Uniformierte in aller Öffentlichkeit umarmen? Um meine Freude zu verstehen muss man wissen, dass in den letzten über vierzig Jahren nur sehr wenige DDR-Bürger die Oderinsel betreten durften. Einst führte hier die als „ Reichsstraße 1“ bezeichnete von Aachen bis ins ostpreußische Königsberg führende längste Trasse Deutschlands hindurch. Mittlerweile davon nichts mehr zu erkennen. Hohe Zäune und bewaffnete Wachposten in erdbraunen Uniformen versperrten den Weg und nichts deutete auf eine baldige Änderung dieses Zustandes hin. In Gedanken stellte ich das ungläubig staunende Gesicht meines Großonkels vor, wenn ich ihm bei passender Gelegenheit berichten kann, wie seine frühere Kaserne heute ausschaut. Im nächsten Augenblick wurde mir aber die Sinnlosigkeit dieses Gedanken bewusst. Mein Großonkel wohnte doch seit einiger Zeit in der Nähe von Celle. Ich durfte doch, aus Geheimhaltungsgründen, überhaupt keinen Kontakt zu ihm pflegen! Also würde ich ihm wohl nie von dieser Episode berichten können.
Trotz dieser, aus heutiger Sicht so albernen Einschränkung, freute ich mich auf die ungewöhnliche Streife. Der diensthabende Offizier im Frankfurter Transpolizei-Amt, hatte erwartungsgemäß keinerlei Einwände gegen die Bestreifung der Oderbrücke. Wurde sie doch in den letzten Tagen, allerdings ausschließlich nachts, von illegalen Grenzgängern genutzt.
Selbst das Wetter meinte es an diesem Tage gut mit uns. Über das gesamte Oderbruch spannte sich ein azurblaues Himmelzelt, von dem aus Richtung Frankfurt (Oder) eine geradezu goldgelbe Sonne auf die Menschheit herablächelte. Beim Anblick der Gleisanlagen rutschte mir aber nun doch das Herz in die Hosentasche. Immerhin lagen mehrere Hundert Meter Schienstrang vor uns, für einen Straßenpolizisten wie mich eine geradezu unerträgliche Vorstellung! „ Und du bist dir wirklich sicher, dass hier in der nächsten Stunde kein Zug fährt?“ „ Na sage mal, was denkst du denn von mir? Meinst du, ich latsche mit dir über die Eisenbahnbrücke, ohne mich vorher bei der Reichsbahn erkundigt zu haben?“ antwortete der Oberleutnant, leicht beleidigt. Na dann, Augen zu und durch! Zunächst fühlte ich mich wie früher beim Schwimmunterricht, als mir zum ersten Male der feste Boden unter den Füßen verschwand. Dann aber, nach kurzer Zeit, kehrten Ruhe und Gelassenheit wieder zurück. Dieser Oberleutnant strahlte eine Souveränität aus, die auch das furchtsamste Gemüt hätte beruhigen können. Außerdem, welcher Polizist gibt denn schon gerne zu das er Angst verspürt? Der Anblick der sich mir nach nur wenigen Metern bot, sollte mich für das erlittene Herzklopfen mehr und mehr entschädigen. Wir waren tatsächlich in eine fremde Welt, einen sich den Blicken der Außenstehenden völlig entziehenden Mikrokosmos eingetreten. Mit dem Feldstecher vor den Augen betrachte ich die gegenüberliegenden Kasernengebäude. In der Militärbauten in aller Welt eigenen beklemmenden Schmucklosigkeit, hatten sie das Kaiserreich und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Ihre neuen, zeitweiligen Besitzer, hatten ihrer Pflege und Instandsetzung offenbar wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Überall bröckelte der schadhaft gewordene Putz von den Wänden. In diesem Augenblick verspürte ich Erleichterung, dass ich meinem Großonkel, der ohnehin nicht gut auf „die Russen“ zu sprechen war, Bericht erstatten konnte. An dem Zaun vor der Kaserne beseitigten ein paar Soldaten unter der Aufsicht eines Offiziers Unkraut. Sinnlose Beschäftigungstherapie die wohl jeder kennt, der einmal in seinem Leben in einer Armee diente. Der Offizier brüllte ein paar Kommandos, eher er sich Zigarette anzündete. In meinem Fernglas konnte ich deutlich das braune Pappmundstück der Zigarette erkennen. Auf dem zwischen den Bahngleisen und der Kaserne gelegenen Sportplatz grasten seltsam anzuschauende Rinder. Wir liefen weiter die Gleise entlang, bis zu einem, ebenfalls sehr heruntergekommenen flachen Gebäude.
„ Kannst du dir vorstellen, dass das mal ein Bahnhof war?,“ wurde ich abrupt gefragt. Ein Bahnhof, hier? Nein das konnte ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen. „ Ja, das war mal der Bahnhof „ Küstrin-Altstadt. Der erste in Küstrin erbaute Bahnhof, die Russen haben nun einen Med-punkt daraus gemacht.“ Die Stimme des Oberleutnants klang seltsam rau, man konnte ihm seine nur unter größter Anstrengung unterdrückte Bitterkeit deutlich ansehen.
Wie eigentlich beinahe jeder in der früheren DDR, nannte auch er die sowjetischen Soldaten „Russen“. Angesichts des nicht zu übersehenden bunten Völkergemischs der Soldaten, eine ebenso abfällige wie unzutreffende Bezeichnung. Fasziniert starrte ich auf das Vorgelände dieses Zweckentfremdeten Bahnhofsgebäudes. Auf dem Bahnsteig, auf dem schon seit Ewigkeiten kein Reisender mehr auf einen Zug wartete, stand ein einzelner Sowjetsoldat. Er schaute uns misstrauisch hinterher, bewegte sich aber nicht von der Stelle. „ Keine Angst, die sind den Anblick der Trapo gewöhnt,“ beruhigte der Oberleutnant meine erneut aufflammende Besorgnis. Nach ein paar weiteren Schritten hatten wir nun endlich die Eisenbahnbrücke, ein von einem Stahlgitterkonstrukt umgebenes Monstrum, erreicht. Direkt vor der Brücke befand sich, neben einem mit dem Staatswappen der DDR versehenen schwarz-rot-goldenen Grenzpfahl, ein Beobachtungsbunker. Bisher glaubte ich immer, dass es solche Bauwerke nur an den Grenzen zur Bundesrepublik oder Westberlin geben würde. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, diente dieser Bunker aber schon seit langem nicht mehr seinem vorgesehenen Zweck. „ Hier legen die Grenzer ab und an mal eine Pause ein,“ bestätigte der Oberleutnant meine Vermutung. Gut einhundertfünfzig Meter weiter südlich von unserem Standort, befand sich eine weitere Brücke. Auf dem ersten Blick erschein sie mir eine „1:1-Kopie“ der Eisenbahnbrücke zu sein. Wie mir der Oberleutnant sagte, handelte es sich bei dem gegenüberliegenden Viadukt um eine Straßenbrücke. Ungenutzt, sowohl von polnischer als auch von Seiten des sowjetischen Militärs streng bewacht, mit Stacheldraht verschlossen, dämmerte das Bauwerk im Lichte der späten Herbstsonne vor sich hin. Wer hätte wohl in diesem Augenblick daran geglaubt, dass sich vier Jahre später Tag für Tag mehrere Tausend Fahrzeuge über diese Brücke bewegen würden? Mit einer Bewegung seiner rechten Hand deutete der Oberleutnant nun auf eine sich am anderen Oderufer entlangziehendes Mauerwerk. „ Das ist die Festung Küstrin, oder besser gesagt was davon übrig geblieben ist.“ Auf der vorderen, wie der Rücken einer überdimensionalen Nase hervorragenden Bastion prangte eine Panzerabwehrkanone, von sowjetischem Fabrikat. Unbegreiflicherweise zielte das Rohr direkt auf die sich am anderen Ufer befindliche sowjetische Kaserne. „ Da haben die Russen einen Soldatenfriedhof eingerichtet,“ erfuhr ich gleich darauf von meinem uniformierten „ Fremdenführer“. Hinter der Kanone erhob sich eine riesige, von einem Stern geschmückte Stele. Mittlerweile hatte sich der einst leuchtend rote Stern tiefschwarz verfärbt. Und nicht nur das! Das einstige Wahrzeichen der kommunistischen Weltherrschaft hing völlig schief herab, so als könne es jeden Moment herabstürzen. „ Hoffentlich ist das jetzt kein Omen für die Zukunft des Sozialismus,“ unkte ich, seltsam berührt. „ Wie meinst du das? Glaubst du das der Sozialismus den Bach heruntergeht?“ Der Oberleutnant zuckte mit den Schultern, als wäre es ihm egal. „ Fakt ist, bei uns muss sich etwas ändern. Und zwar grundlegend, ansonsten fällt der Rote Stern tatsächlich bald herunter und uns schmerzhaft auf die Füße.“ „ Aber jetzt wo Honecker weg ist und Krenz an der Macht ist....“ „ Hörst du mir nicht zu? Ich habe gesagt, es muss sich etwas ändern. Ändern kann sich aber nur etwas, wenn nicht nur Gesichter sondern auch Köpfe ausgetauscht werden. Mensch, der Krenz war doch Erichs „Ziehsohn!“ Den nimmt doch keiner Ernst. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall das Krenz tatsächlich richtige Reformen will, wer sollte ihm das glauben?“ Ich war ratlos, der Oberleutnant sprach nur das aus was in diesen Tagen so viele dachten. Langsam, weiter im Gespräch vertieft, bewegten wir uns weiter auf der Brücke. Mein Begleiter redete weiter über die Notwendigkeit von Veränderungen, aber mittlerweile beschäftigte etwas anderes mein Denken. Müssen wir nicht langsam umdrehen? Gehörte doch eine Hälfte der Eisenbahnbrücke bereits zum polnischen Hoheitsgebiet! Nun konnte ich bereits den auf dem anderen Ufer vor einem Schilderhaus in den polnischen Landesfarben postierten Grenzsoldaten deutlich erkennen. Offenbar hatte auch er uns längst bemerkt. Der Soldat sprach irgend etwas in das Mikrofon seines Funkgerätes, offenbar meldete er seine Beobachtung seinem Führungspunkt. Mein Gott was haben wir getan? Zwei Volkspolizisten, bewaffnet und uniformiert, haben soeben unerlaubt die Grenze nach Polen überschritten! Eine unvorstellbare Ungeheuerlichkeit, die eine strenge Bestrafung nach sich ziehen muss. „ Wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald in Polen,“ unterbrach ich mit einem Anflug von Verzweiflung den Redefluss des Bahnpolizisten. „ Du irrst schon wieder“, entgegnete dieser lächelnd. „ Die Staatsgrenze verläuft in der Mitte des Stroms. Das bedeutet, dass wir uns schon schlappe hundert Meter auf polnischem Gebiet befinden.“ Trotz dieser, beinahe beiläufig getroffenen Feststellung, trabte der Oberleutnant weiter auf den polnischen Grenzposten zu. Dieser hatte bereits seine Maschinenpistole von der Schulter genommen, vielleicht hielt er uns ja für desertierte Sowjetsoldaten? Wenige Meter vor dem Schilderhaus wandte sich der Oberleutnant, nicht ohne dem verunsicherten Grenzsoldaten freundlich zuzuwinken, dem heimischen Oderufer zu. „ War doch ein schönes Gefühl, malö so eben einfach das Land verlassen zu können?“ erkundigte er sich schelmisch grinsend. Tatsächlich, jetzt wo der erste Schreck gewichen war, verspürte ich in meinem Innern eine unbändige Freude. „ Mensch, wenn ich heute Abend meiner Frau erzähle das ich in Polen war, die glaubt mir kein Wort. Ebenso gut kann ich ja auch behaupten, auf dem Mond gewesen zu sein,“ sprudelte es aus mir heraus. Polen war im Jahre 1989 für einen normalen DDR-Bürger nicht ganz so unerreichbar wie unser Lichtjahre entfernte Nachbarplanet. Wer über gute Kontakte verfügte und eine beglaubigte Einladung vorweisen konnte, durfte durchaus hin und wieder nach Polen reisen. Für die Angehörigen der „ bewaffneten Organe“ aber, galt Polen seit „ Solidarnoscz“ quasi als „Feindesland“. Ich fühlte einen regelrechten, undefinierbaren Stolz in mir, so als hätte ich soeben den „Mount Everest“ bestiegen. Zum ersten Mal konnte ich nun auch all diejenigen verstehen, deren Grenzübertritt ich doch gerade verhindern sollte. Was wäre wohl in dieser Situation absurder gewesen, als das Zusammentreffen mit Flüchtlingen. Wie hätten wir wohl reagiert, gerade erst von unserer verbotenen „Dienstreise“ zurückgekehrt? Ein Funktionieren wie immer, wäre zumindest mental, nicht mehr möglich gewesen. „ Wenn jeder einfach so über eine Staatsgrenze gehen kann, dann kommt er in aller Regel auch wieder zurück,“ philosophierte der Oberleutnant.
„ Du meinst also, wenn wir unsere Grenzen öffnen, dann muss keiner mehr dorthin auswandern, wo ein Grenzübertritt schon jetzt das Normalste der Welt ist?“ Ein Gedanke, der trotz aller Euphorie über das soeben erlebte, für mich noch schwer vorstellbar war. „ Nur die Zeit kann diese Fragen beantworten,“ wich der Oberleutnant salomonisch einer konkreten Antwort aus. Als wäre ein Stein ins Rollen gekommen, setzte für mich nun mehr und mehr eine Phase des Nachdenkens ein. Um wirklich einen kritischen Abstand zur Politik der SED zu bekommen, war es an diesem Oktobertag noch zu früh. Aber ein Anfang war da, war auch der Weg noch weit!

* Generalmajor Klaus Prüfer, bis Oktober 1990 Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Frankfurt (Oder)


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 14.06.2011 19:11 | nach oben springen

#140

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 14.06.2011 09:20
von Gert | 12.354 Beiträge

Hallo Uwe, habe sogar meine Morgenzeitung nach dem Frühstück liegen lassen um dein neuestes Update zu lesen. Wie immer Klasse. Sehr schön fand ich die Beschreibung des Gefühls " Grenzübertritt ". Ich konnte gedanklich gut mitgehen, denn ich habe das Gefühl ja auch erlebt und das bei gefühlten mindestens Minus 25 Grad des sog. Kalten Krieges (1965)

Lieben Gruß an die Oder Gruß Gert

P.S. habe gestern eine Radtour entlang des Rheins gemacht, glaube, es ist wieder etwas mehr Wasser in der "Badewanne"


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All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
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