#101

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.05.2011 13:28
von ABV | 4.202 Beiträge

update

Wie immer viel Spaß beim Lesen
euer Uwe

Noch nie in meinem Leben hatte ich einen Republikgeburtstag sehnsüchtiger erwartet, als 1989. Nicht das ich mich je besonders auf diesen Tag gefreut hätte. Als Kind bzw. Jugendlicher war der siebente Oktober stets der Tag, an dem unsere ganze Familie zur Rübenernte schritt. Meine Eltern waren beide berufstätig und nutzten den freien Tag, zu meinem Leidwesen, zur Aberntung unseres privaten Rübenackers. Wenn andere feierten, musste ich mich nassem Kraut und Rüben „vergnügen“. Auch später weckte dieser Tag keine allzu besonderen Gefühle in mir, mit Ausnahme der sich nur selten erfüllenden Hoffnung auf eine Prämie. In diesem Jahr war aber alles anders. Der siebente Oktober sollte nun endlich die ersehnte Normalität zurückbringen. Wenn die Feiern erst vorbei sind, hat der „Klassenfeind“ keinen Grund mehr, der DDR akuten Schaden zuzufügen. So ein Blödsinn, wirklich daran geglaubt hatte schon damals keiner. Wenige Tage vor dem Ereignis musste ich wieder alleine auf Grenzstreife. Die in dieser Zeit im Objekt II (heutige Polizeiwache Seelow) stationierten Bereitschaftspolizisten wurden fast vollständig abgezogen. Nur wenige verblieben für den nun auch mit von der Westgrenze abgezogenen Soldaten verstärkten Abschnitt zwischen Lebus und Frankfurt (Oder). Mein Alltag bestand nun wieder aus vier Stunden Grenzstreife und dem normalen Aufgaben eines Abschnittsbevollmächtigten. Überall bekam man die Standartfrage jener Tage zu hören: „ Haben Sie schon gehört, wer auch abgehauen ist?“ Längst war es nicht mehr nur der anonyme „Südstaatler“, der über Ungarn oder Polen in den Westen flüchtete. Nun mischten sich mehr und mehr Leute von nebenan, mit denen man vielleicht vor kurzen noch ein paar Worte wechselte, unter die flüchtenden. Während meiner Streifengänge kam ich wiederholt mit Leuten aus den Dörfern ins Gespräch. Niemand nahm mehr ein Blatt vor dem Mund, warum auch? Nicht jeder hatte Verständnis für die Flüchtlinge, man kann nicht vor Problemen davonlaufen. In der LPG Dolgelin gab es einen jungen dynamischen FDJ-Sekretär. Es passte zu ihm und seinem Auftreten, dass er auch noch ein Namensvetter des früheren obersten FDJ-Chefs der DDR war. Ihr wisst schon, der Herr mit den großen Zähnen unter den trüben Augenringen. Dieser besagte „ Chefjugendliche“ in der LPG bezichtigte die Flüchtlinge unumwunden des Verrats. Was daran so erwähnenswert ist? Auf dem ersten Blick nichts. Als FDJ-Sekretär muss man, wie auch ein ABV, dass sagen was die obere Führungsriege von einem erwartet. Mir ist nur gerade eingefallen, dass dieser besagte FDJ-Funktionär nach dem 09. November 1989, ebenfalls zum „ Verräter wurde. Allerdings in einer Zeit, wo man das ohne Risiko tun konnte. „Egon“, so nannte ihn Naheliegenderweise, hatte seinen Onkel in der Bundesrepublik besucht. Betört von dortigen Lebensverhältnissen und einer von Onkelchen in Aussicht gestellten berufliche Karriere, ließ er flugs alle Prinzipien über Bord werfen. Wie sagte schon Konrad Adenauer? Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!
Aber in einem Punkt waren sich fast alle einig: es muss sich etwas ändern in der DDR! Auf den Punkt gebracht, stellte die Überalterung und die damit verbundene Lebensferne der Regierung die Wurzel allen Übels dar. Wie sagte mir eine Genossenschaftsbäuerin in Dolgelin: „ Mein Opa ist auch über achtzig Jahre alt geworden. Der hat sich doch in unserer Zeit nicht mehr zurechtgefunden und immer nur davon gesprochen, wie schön es doch früher war. Und genau solche Greise regieren uns heute. Die wissen doch gar nicht, was unsere Jugend bewegt, warum die alle abhauen.“ Stimmt, hätte ich am liebsten gesagt. Das durfte ich aber wiederum nicht. Aus diesem Grunde beschränkte ich mich auf ein paar hilflose Armbewegungen, welche mehr als tausend Worte über meine innere Zerrissenheit aussagten. In der DDR musste sich etwas ändern, Glasnost und Perestroika hießen die Zauberworte. Von der Sowjetunion lernen heißt Siegen lernen, so verkündete ein Plakat vor dem Eingang des „Rates des Kreises Seelow“. Warum zum Teufel folgt niemand dieser Parole, wo man doch sonst alles was aus der Sowjetunion kam, fraglos kopierte. Statt dessen verkündete das „ Neue Deutschland“ lieber, „dass man den Ausgereisten keine Träne nachweinte.“ Im nachhinein erfuhr die Welt, dass Erich Honecker persönlich diesen Satz in den Artikel eingefügt hatte. Was hatte doch die LPG-Bäuerin gesagt? Die da oben haben keine Ahnung was die heutige Jugend bewegt? Honecker hatte es in diesem Falle einmal mehr bewiesen.
Während der wöchentlichen Dienstberatung des „ Gruppenposten Süd“, in Alt Zeschdorf, „beglückte“ uns Hauptmann B. mit einer unerfreulichen Neuigkeit. „ Bereitet mal schon immer eure Frauen schonend darauf vor, dass ihr möglicherweise demnächst alle in Seelow kaserniert werden. Zu mindest über das kommende Wochenende, vom sechsten bis achten Oktober.“ Als so ernst wird die Lage also schon betrachtet? Wenige Tage später kam dann die „ Entwarnung“, das mulmige Gefühl in der Magengrube wollte dennoch nicht weichen.
Wie auch? Am Dresdener Hauptbahnhof kam es zu einer regelrechten Schlacht zwischen Ausreisewilligen Demonstranten und der Volkspolizei. Das „ Heute-Journal“ sendete unscharfe aber trotzdem beängstigende Bilder aus Dresden. Ein Vorgeschmack auf weit schlimmeres, oder ein Spuk der bald vorübergeht? Umgestürzte, brennende Einsatzfahrzeuge, Schwerverletzte auf beiden Seiten, wo rührt nur dieser Hass her? Offenbar hatte man aus diesem Desaster in Dresden nichts gelernt! Auch über Frankfurt (Oder) rollten die aus Warschau kommenden, mit Botschaftsflüchtlingen voll besetzten Reichsbahnzüge. Vielleicht ist es ja der ruhigeren Mentalität der Oderländer zu verdanken, dass uns Bilder wie aus Dresden in Frankfurt erspart blieben?
Am Vortag dieses obskuren „ Republikgeburtstages“ hatte ich am Nachmittag noch einmal in Seelow zu tun. In der Stadt herrschende eine eigenartige, angespannte Atmosphäre. Wie an einem heißen, schwülen Sommertag, wo abseits der strahlenden Sonne tiefschwarze Wolken den Horizont verdunkeln. Im Volkspolizeikreisamt herrschte eine unübersehbar gedrückte Stimmung. Oberleutnant der K Klaus W., der Fahndungsoffizier, hockte hinter seinem Schreibtisch und starrte wie gebannt auf die Tasten seiner mechanischen Schreibmaschine. Er hatte gerade den vierten „Grenzverletzer“ an diesem Tage vernommen. Auf Grund des nicht abreißenden Stromes der Flüchtlinge und der eingeschränkten Kapazitäten im Zellentrakt, musste nun Tag und Nacht Vernehmungen durchgeführt werden. Im Anschluss daran wurden die Leute nach Hause entlassen, ihnen drohte lediglich eine Ordnungsstrafe. Der § 213 StGB welcher den ungesetzlichen Grenzübertritt unter Strafe stellte, sah normalerweise Gefängnis für solch eine Tat vor. Da es sich aber hier um eine „Freundesgrenze“ handelte, konnte die Angelegenheit auch als Ordnungswidrigkeit behandelt werden. Trotz des Wissens das die meisten den Grenzübertritt an einer anderen Stelle erneut versuchen werden, verzichtete man auf größere Sanktionen. Bei der Aussicht auf die vielen Prozesse wegen „ Republikflucht“ fürchtete die Regierung, nicht zu Unrecht, um einen weiteren Imageschaden. Das konnte aber nichts daran ändern, dass das „Tischtuch zwischen Staat und Volk auf ewig zerschnitten war.“
Außerdem wusste der gelernte DDR-Bürger, dass man ihm den Versuch den Staat heimlich zu verlassen, dennoch niemals verzeihen wird. Die Verantwortlichen in Staat und Partei verfügten über ein breites Spektrum von „ Nadelstichen“, um dem Delinquenten die Verfehlung immer wieder ins Gedächtnis zurückzuholen.
Ich wollte mit der Kriminalpolizei nur eine Kleinigkeit wegen eines angezeigten Fahrraddiebstahls absprächen. „ Komm am Montag wieder, wir haben jetzt andere Sorgen“, vertröstete mich der Leiter des „ Kommissariates III“, Oberleutnant der K Peter Vo. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich hier unterschwellig auf einen Angriff von außen vorbereitete. Später erfuhr ich, dass in der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Frankfurt (Oder) die Weisung bestand, dass jeder einzelne, auch die Sekretärinnen, ständig seine Dienstwaffe am Mann bzw. an der Frau, haben musste.
Stand eine „ Neuauflage“ des 17. Juni 1953 unmittelbar bevor? Es gab zumindest Verantwortliche bei der Polizei des Oderbezirkes, die fest daran glaubten!
Da niemand ein offenes Ohr für mich besaß, verließ ich das VPKA bald wieder. An der Hauswache stand ein großer breitschultriger, mit einer Kampgruppenuniform bekleideter Mann. Es handelte sich um den Kommandeur einer Seelower Betriebskampfgruppe. Er wartete hier auf Hauptmann St., dem für die Ausbildung der Kampfgruppen verantwortlichen VP-Offizier. Mussten sich nun auch die „Kämpfer“ für irgendwelche unvorstellbaren Dinge bereithalten?
Der unter Flur, dort wo sich die Zimmer von Pass & Meldewesen und der Verkehrspolizei befanden, wirkte wie leergefegt. Draußen vor dem Eingang des Kreisamtes begegnete mir Hauptmann Gerhard Sch. Dieser stand in der Funktion eines „E-Offiziers“, wobei das „E“ für Erlaubniswesen stand. Über seinen Schreibtisch gingen unter anderem die Anmeldungen sämtlicher Veranstaltungen im Landkreis. „ Genosse Bräuning, lassen Sie morgen keinerlei Aktivitäten des „ Neuen Forums zu“, ermahnte er mich. „ Geht klar“, antwortete ich kurz und knapp. Verdammt noch mal, wenn mir doch nur jemand erklären könnte, wer oder was das „ Neue Forum“ eigentlich ist? Woran erkenne ich denn dessen Mitglieder? Dem Reden unserer Vorgesetzten nach zu urteilen, handelt es sich um eine Bande gemeiner, weltfremder Verbrecher, die aus dem Untergrund heraus feige Anschläge auf die Grundlagen des Sozialismus planen. In meinem Abschnitt war für den kommenden Tag lediglich in Dolgelin ein Volksfest mit anschließender Tanzveranstaltung im Speisesaal der LPG, geplant. Kaum anzunehmen, dass sich dort subversive finstere Elemente unter die Feiernden mischten. „ Achten Sie auch auf die Verkaufsstände, nicht das dort jemand antisozialistische Literatur anbietet.“ Hauptmann Sch. , war für seine Umsichtigkeit und Wachsamkeit geradezu berüchtigt. Bei der VP gab es nichts, was Hauptmann Sch. nicht schon einmal getan hatte. Vom ABV über die Kriminalpolizei bis hin zum „ Operativen Diensthabenden“ und jetzt eben der Funktion des „E-Offiziers“, Gerhard Sch. drückte jeder Tätigkeit seinen Stempel auf.
Mir wurde erneut flau in der Magengegend. In diesem Lichte hatte ich hatte ich das ganze bisher noch nicht betrachtet. Lieber Gott, bitte hilf einem gebeutelten Volkspolizisten und lass dieses Wochenende bitte, bitte ganz schnell und ohne Vorkommnisse vorübergehen, flehte ich in Gedanken. Wenn das mein Politoffizier wüsste, das ich heimlich bete! Aber woher auch, von Major Artur B. war schon seit Tagen nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich wartete er in seinem Dienstzimmer auf schriftliche Argumentationshilfen der SED. Ohne die vorgegebenen Argumente aus dem „ Hause Hager“ war Major B. hilflos. Unvergessen sein Auftritt, als er vor versammelter Mannschaft mit eben diesen „ Argumentationshilfen“ zu begründen versuchte, dass der neue PKW Wartburg unbedingt über Dreißigtausend Mark der DDR kosten sollte. Das dass Fahrzeug damit für den Otto-Normalverbraucher unerschwinglich wurde, konnten auch die besten Argumentationshilfen nicht erklären.
Auf der Fahrt nach Hause versuchte ich mich selbst aufzumuntern. Bange machen gilt nicht, du hast doch schon ganz andere Dinge überstanden, redete ich mir ein. Der Anblick der am Fuße der Seelower Höhen anschmiegenden, scheinbar endlos nach Osten dehnenden Fernverkehrsstraße 1, faszinierte mich immer wieder aufs neue. In solchen Augenblicken wurde mir immer wieder aufs neue bewusst, wie sehr ich mit meiner Heimat, dem Oderbruch, verwurzelt war. Nichts konnte schlimmer sein, als diese Heimat jemals verlassen zu müssen.
So wie es meinen Großeltern erging, die aus dem Land östlich der Oder nach dem Krieg vertrieben wurden. Wie oft hatte mein Großvater gedankenverloren in die Ferne gesehen, wo an klaren Tagen die Schornsteine der Zellulosefabrik Kostrzyn weit hinein ins Oderbruch „grüßten“. „ Da ist mein Zuhause“ murmelte er dann immer tieftraurig. Als Kind konnte ich damit nichts anfangen. Opa war doch hier, in Wilhelmsaue, Zuhause? Später, viel später, war ich in der Lage die Gefühle meines Großvaters wenigstens annähernd zu verstehen. Auch jetzt, an der Fernverkehrsstraße 1, die vor dem Krieg Reichsstraße 1 und von Aachen bis ins ostpreußische Königsberg führte, konnte ich diese Schornsteine deutlich. Sie begleiteten mich neuerdings und fast zum Greifen nah, während meiner beinahe täglichen Streifengänge an der Oder. Stimmt; das Oderbruch war meine Heimat. Aber das Oderbruch war nun einmal auch ein Teil der Deutschen Demokratischen Republik. In diesem Staat bin ich geboren und aufgewachsen. Ich habe geschworen, als Volkspolizist diesen Staat gegen all seine Feinde zu verteidigen. Leere Worthülsen, über deren Bedeutung zunächst niemand nachdenkt. Mit Ausnahme von Situationen von dieser! Wird man mich demnächst an diesen Eid erinnern und etwas von mir verlangen, was mein ganzes Leben für immer verändern könnte?
So viel stand für mich fest: egal was nun passiert. Die kommenden Tage werden eine Antwort auf diese Frage bringen!


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zuletzt bearbeitet 24.05.2011 13:30 | nach oben springen

#102

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.05.2011 14:02
von bendix | 2.642 Beiträge

Uwe,ich ertappte mich in diesem Augenblick beim stellen der selben Fragen,solche Gedanken hatte ich damals auch und ich war nur ein "einfacher Arbeiter",Brigadeleiter auch und für 12 Mann "verantwortlich".
Was schwirrten einem damals für Gedanken im Kopf herum...und nun ist mir bewusst,das das alles nun schon fast 22 Jahre her ist.
So etwas spannendes hab ich schon lang nicht mehr gelesen,mach weiter so.

Gruß bendix


Das Zufriedene ist leise,das Unzufriedene ist laut.
Gefreiter der Grenztruppen -1980 GAR 40 Oranienburg/Falkensee-GR 34 Groß-Glienicke 1981-1982
zuletzt bearbeitet 24.05.2011 14:04 | nach oben springen

#103

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.05.2011 15:29
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Super man wird des Lobes einfach nicht müde. Sehr tiefgründig und ich denke es gibt wenige hier, zumindest von denen in staatstragender Tätigkeit, die nicht die selben Gedanken hatten, bis tief in die Nächte mit Freunden mögliche Zukunftszenarien und Widersprüche diskutierten und letztendlich doch von der Schnelle und der Totalität der Ereignisse überrascht, ja geradezu überrollt wurden.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#104

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.05.2011 19:38
von Zkom IV | 323 Beiträge

Hi Uwe,
wieder zwei sehr gute, neue Up Dates. War beim Lesen so angespannt, dass ich fast den Feierabend verpasst hätte. Diese Zeit vor dem Mauerfall ,mit den vielen offenen Fragen und sicherlich auch der Angst vor dem was vielleicht noch kommen kann, hat euch damals bestimmt sehr beschäftigt.
Ist für mich immer wieder interessant diese Zeit geschildert zu bekommen. Habe damals an der DL auch oft darüber nachgedacht wie es "drüben" wohl weitergeht?
Das sich dann alles so schnell auflöst, hätte sicherlich keiner gedacht.
Weiter so. Bis demnächst.

Gruß Frank



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#105

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 09:00
von Pit 59 | 10.152 Beiträge

Hallo ABV

Ich Lese selten so lange Posts,aber das ist Klasse geschrieben und auch sehr Spannend,man muss es zu Ende Lesen.Danke dafür.

letztendlich doch von der Schnelle und der Totalität der Ereignisse überrascht, ja geradezu überrollt wurden.@feliks

Stimmt Feliks,es soll Organisationen gegeben haben die sind einfach Überrollt wurden.


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#106

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 09:08
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

@uwe, was hälst du von einer nächtlichen buchlesung am lagerfeuer in der zeit vom 02. - 04. juni in jüterbog - altes lager ??? vor ort würde ich dir auch erzählen, warum dich der gen. o. "verarscht" hat... (um jottes willen sei nur nicht nachtragend.... )

p.s. du meinst doch den manfred oder ?


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#107

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 13:08
von josy95 | 4.915 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
@uwe, was hälst du von einer nächtlichen buchlesung am lagerfeuer in der zeit vom 02. - 04. juni in jüterbog - altes lager ??? vor ort würde ich dir auch erzählen, warum dich der gen. o. "verarscht" hat... (um jottes willen sei nur nicht nachtragend.... )

p.s. du meinst doch den manfred oder ?




@Gilbert, dann organisier das mal....! Incl. meiner "Zuführung" vom Bahnhof Jüterborg zum "Alten Lager", dann bin ich auch garantiert mit von der Partie und setz mich gern mit an`s Lagerfeuer! Auch wenn`s dem @Weichmolch nicht gefällt, den Kasten "Radauberger" lass ich springen...


josy95


Sternbild Krebs, eine seiner herausragenden Eigenschaften: Krebse kommen immer an ihr Ziel..., und wenn sie zei Schritt vorgehen und einen zurück...

Zu verstehen als Abmahnung an EINEN Admin... bitte lächeln!
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#108

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 13:57
von ABV | 4.202 Beiträge

Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht, Gilbert.
Ich wurde also verarscht. Leider muss ich an dem von dir genannten Wochenende arbeiten, aber neugierig bin ich jetzt trotzdem.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


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#109

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 14:30
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von josy95

@Gilbert, dann organisier das mal....! Incl. meiner "Zuführung" vom Bahnhof Jüterborg zum "Alten Lager", dann bin ich auch garantiert mit von der Partie und setz mich gern mit an`s Lagerfeuer! Auch wenn`s dem @Weichmolch nicht gefällt, den Kasten "Radauberger" lass ich springen...


deine zuführung per gaz 69 und in russsischer uniform lässt sich leicht organisieren... (nur am samstag nicht - da kommt auf grund des besucherandranges keiner mehr aus dem gelände raus). zu deinem kasten "radauberger" : bier ist doch keen aljohol und die aussage war, dass bitte jeder etwas regionales zu essen und zu trinken mitbringt und da stellt sich mir sofort die frage: bist du nen sachse ???

der hinweis von @weichmolch ist richtig. viele denken man muss bei einem treffen "eine eule" wie auf´m bau als einstand mitbringen. soviel fusel schafft kein mensch würde man die mengen von dem fusel wirklich trinken wollen, würde man nicht nur marodieren sondern auch die tagesgäste, nach altem soldatischen brauch, noch vergewaltigen und das willst du doch nicht, oder ???





lese eben mit bedauern das aus der buchlesung mit unserem abv nichts wird

@Stabsfähnrich: der letzte Satz im Beitrag wurde entfernt


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
zuletzt bearbeitet 27.05.2011 16:13 | nach oben springen

#110

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 14:32
von ABV | 4.202 Beiträge

Vielen Dank an alle Kommentatoren und die anderen Interessenten meiner "Memoiren". Ich arbeite schon fieberhaft an einer Fortsetzung.

Gruß an alle
euer Uwe


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#111

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.05.2011 14:55
von Polter (gelöscht)
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@ABV

Du schreibst u.a. Du hast " geschworen " einen " Eid ".
Neulich war an meinem Stammtisch die Rede auch von der Polizei der ehemaligen DDR. Mir wurde erklärt, daß in der DDR nur
der unter Eid gestellt wurde, der " Wehrdienst " leistete.


zuletzt bearbeitet 25.05.2011 15:01 | nach oben springen

#112

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 12:53
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Polter!
Auch die Angehörigen der Deutschen Volkspolizei wurden vereidigt. Es gab dafür einen speziellen Fahneneid für die Volkspolizei. Dieser besagte unter anderem aus, dass der Volkspolizist die ihm gestellten Aufgaben, auch unter Einsatz seines Lebens!!!!, erfüllt. So etwas lässt immer leicht nachreden, in der Praxis hat das nicht selten Konsequenzen. Die Vereidigung fand an der VP-Schule statt und war ein ähnlich feierlicher Akt wie bei der Armee. Nur das die Familienangehörigen der Polizisten nicht extra anreisten.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


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#113

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 13:46
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Nach § 4 der Dienstlaufbahnordnung aus dem Jahr 1976 war von den Angehörigen der DVP ein Eid analog dem der Angehörigen der Organe Feuerwehr und Strafvollzug des MdI zu leisten. Dieses könnte man allerdings auch aus dem § 3 (1) S.1 des Gesetz über die Aufgaben und Befugnisse der Deutschen Volkspolizei ableiten.

Der Eid lautete:

Ich schwöre,


meinem sozialistischen Vaterland, der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Regierung allzeit treu ergeben zu sein, Dienst- und Staatsgeheimnisse zu wahren und die Gesetze und Weisungen genau einzuhalten. Ich werde unentwegt danach streben, gewissenhaft, ehrlich, mutig, dizipliniert und wachsam meine Dienstpflichten zu erfüllen.                            

Ich schwöre,      

daß ich, ohne meine Kräfte zu schonen, auch unter Einsatz meines Lebens. die sozialistische Gesellschafts-, Staats- und Rechtsordnung, das sozialistische Eigentum, die Persönlichkeit, die Rechte und das persönliche Eigentum der Bürger vor verbrecherischen Anschläagen schützen werde.

 Sollte ich dennoch diesen meinen feierlichen Eid brechen, so möge mich die Strafe der Gesetze unserer Republik treffen.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
zuletzt bearbeitet 26.05.2011 13:50 | nach oben springen

#114

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 14:41
von Pit 59 | 10.152 Beiträge

Ein Griff ins Regal,und da stehen die Ordner.Vorbildliche Ordnung Feliks.


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#115

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 15:14
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke Felix, für das Heraussuchen des Eides.

Zur Belohnung nun das nächste update:

Heute nun ist Republikgeburtstag. Endlich nun ist der Tag gekommen, auf den wir mit bangen, zwiespältigen Gefühlen schon seit Wochen warteten. Was aber wird dieser Tag uns bringen? Gibt es ein zurück zur Normalität oder werden wir am Ende völlig ins Chaos stürzen. Hauptmann B. meinte, dass Honeckers Berater bereits fieberhaft an einem „Masterplan“ arbeiten. „ Die Proteste müssen kanalisiert werden, um zu einer vernünftigen Lösung zu kommen. Aber eines ist Fakt, auch Honecker wird an Europa nicht vorbeikommen.“ Wie meint er denn das nun wieder? Nach dem Frühstück mit meiner Frau las ich noch ein wenig im „ Neuen Tag“, der Regionalzeitung für den Bezirk Frankfurt. In fetten Lettern wurde die erfolgreiche Politik der SED und die Einheit zwischen eben dieser Partei und dem Volk der DDR beschworen. Namenslisten von Brigaden und einzelnen Werktätigen die anlässlich des vierzigsten Jahrestages der Republik ausgezeichnet wurden. Es bestand kein Zweifel, jeder einzelne von ihnen hatte es sicher verdient ausgezeichnet zu werden. Fleiß und Strebsamkeit galten auch im Sozialismus als Grundtugenden. Nur leider verzweifelten gerade die fleißigen und strebsamen an „Schlendrian“ und Mangelwirtschaft. Großformatige Fotos von strahlenden, optimistischen Werktätigen komplettierten den gedruckten Selbstbetrug. Mit keinem Wort wurde erwähnt, dass die DDR nun jeden Tag die Einwohnerschaft einer größeren Gemeinde verlor. Warum auch? Nichts durfte die Jubelfeiern stören.
Während sich unsere lokale Gazette krampfhaft bemühte, den schönen Schein einer längst untergegangenen heilen Welt zu wahren, fiel auf Grund der angespannten Situation im VPKA Seelow sogar der Ehrenappell zum Republikgeburtstag aus. Noch krasser konnten Anspruch und Wirklichkeit wohl nicht auseinander klaffen. „ Uns steht jetzt nicht der Sinn nach feiern“, erklärte mir der Diensthabende, Unterleutnant Klaus R,. während meiner morgendlichen Meldung. Er fügte aber hinzu, dass der Appell in den nächsten Tagen, wenn es ruhiger geworden ist, selbstverständlich nachgeholt wird. Unterleutnant R. ahnte noch nicht, dass es mit der Ruhe im Kreis Seelow nun bald endgültig vorbei sein wird. Niemand fand mehr Zeit für Ehrenappelle, Orden und andere Auszeichnungen. Es ist doch absurd, da bereitet sich die Volkspolizei das ganze Jahr auf diesen einen Tag vor und am Ende kann und will an diesem Tage niemand mehr feiern.
Am Freitagvormittag fuhren vom Seelower Kulturhaus mehrere Ikarus-Busse nach Berlin .
An Bord befanden sich ausgewählte FDJler, welche dazu auserwählt wurden, am Abend an Erich Honecker und den Staatschefs der sozialistischen Staatengemeinschaft vorbeizumarschieren.
In Honeckers Ohren müssen die – Gorbi, Gorbi-Rufe- der vorbeidefilierenden Blauhemden so schmerzlich wie schrille Buhrufe geklungen haben. Wer bei der Fernsehübertragung des Ereignisses genau hinsah, konnte die Unsicherheit in dem von Krankheit gezeichnetem Gesicht Honeckers deutlich erkennen. Er tat mir leid, dieser alte, seine Welt nicht mehr verstehende Mann. Aber verstand ich sie denn noch?


Am Nachmittag fuhr ich hinaus in meinen Abschnitt. Dort war alles ruhig und friedlich. Hatte ich tatsächlich etwas anderes erwartet? Etwa eine gewalttätige Situation auf der Lindenstraße in Libbenichen? Kutscher zieh die Zügel an, du bist hier auf dem Lande!

Gegen 16:00 Uhr schaute ich in Dolgelin vorbei. Auf dem Gelände des LPG-Hofes in der Maxim-Gorki-Straße hatte sich fast das ganze Dorf versammelt. Aus einem Lautsprecher dudelte, leicht verzerrt, irgendwelche Schlagermusik Es gab Bier vom Fass, während der Geruch frisch gegrillten Fleisches verführerisch meine Nase kitzelte. Vor der Verwaltung der Dolgeliner LPG, einem L-förmigen Flachbau in dem sich auch mein Büro befand, flatterte eine regelrechte Batterie von Fahnen im Herbstwind. Hoffentlich hängen die Morgen auch noch da, schoss es mir durch den Kopf. Es gab in der DDR nichts schlimmeres, als eine Fahne herunterzurupfen. So etwas grenzte schon an ein Sakrileg, noch dazu an einem runden Republikgeburtstag! Auf den „ großen Bahnhof“ mit Kriminalpolizei und MfS und den dazugehörigen Überstunden, konnte ich gern verzichten!
. Damals fehlte mir noch die ruhige Abgeklärtheit vieler Berufsjahre. Beim Betreten solcher Feste fühlte ich mich stets wie auf einem Minenfeld. Ich hatte das Gefühl, jeden Augenblick mit einem unerwarteten Angriff rechnen zu müssen. Ein unsichtbarer Kloß stieg aus den Tiefen meines Körpers bis zum Hals hinauf und machte mir das Atmen schwer. Ich bemühte mich meine Unsicherheit, mit einer möglichst geraden Haltung und einem entschlossenen Blick zu kompensieren. Ich wechselte ein paar belanglose Worte mit Bürgermeister und LPG-Vorsitzenden um im Anschluss das Festgelände zu inspizieren. Wie hatte der E-Offizier gestern gesagt? „ Lassen Sie keine Aktivitäten des „ Neuen Forum“ zu, Genosse Bräuning!“ Nun gut, falls das „ Neue Forum“ hier in Dolgelin wirklich geheime Aktivitäten entwickelt hatte, dann waren sie ausgezeichnet getarnt! Es gab nichts aber auch gar nichts zu entdecken, was auch nur im Ansatz den Eindruck einer staatsfeindlichen Aktivität erwecken könnte.
Von einigen Anwesenden wurde ich freundlich begrüßt, was mir half die eigene Unsicherheit wenigstens etwas in den Griff zu bekommen. Es gab aber auch andere, deren boshafte Blicke ich geradezu körperlich spürte. Noch war niemand betrunken genug, um eine offene Konfrontation mit der Polizei zu wagen. „ Verpiss dich, Bullensau“, rief ein großer dunkelblonder Kerl, aus dem Schutze einer fünfköpfigen Personengruppe. Die Gruppe spendete ihrem Kumpel mit höhnischem Gelächter auch noch Unterstützung. In solchen Situationen ist man als einzelner Polizist völlig hilflos. Was bleibt einem anderes übrig, als „wegzuhören?“ Etwa den Helden spielen und den Schreihals zur Rede stellen? Wer in der Unterzahl ist, sollte sich seiner Kräfte, oder besser gesagt seiner Schwäche, stets bewusst sein! Solche Dinge kommen immer mal wieder vor, es hat auch nichts mit der jeweiligen politischen Situation zu tun. Der Rufer war mir bekannt, er war vor ein paar Wochen von der Verkehrspolizei beim Autofahren unter Alkoholeinfluss erwischt worden. Statt den Fehler bei sich selbst zu suchen, versuchte er seinen Frust über den verlorenen Führerschein an mir auszulassen. Mein Herz klopfte und im Magen meldete sich ein ziehender Schmerz, Ausdruck der nervlichen Anspannung. „ Eh, du da“, quakte ein anderer aus der bereits erwähnten Gruppe. „ Morgen früh haue ich ab in den Westen und du kannst mir gar nichts, du Arsch!“
Ich spürte wie mein Gesicht brannte, langsam wurde es Zeit die Örtlichkeit zu wechseln. Mit betont langsamen Schrittes wandte ich mich von der Gruppe ab und ging hinüber zu einem Tisch, an dem ein mir bekannter „ VP-Helfer“ mit seiner Ehefrau saß. „ Na Sheriff, alles im Griff? Der VP-Helfer hatte die Szene offenbar von seinem Platz aus verfolgt. „ Lass dich von den Bengels nicht herausfordern. Einer alleine ist so klein mit Hut“, er deutete die „Größe“ mit einer Bewegung von Daumen und Zeigefinger an, „ aber in der Gruppe fühlen sie sich stark. Besonders dann, wenn auch noch Alkohol im Spiel ist.“ Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn mich dieser Helfer für den Rest des Tages begleitet hätte. An der Seite dieses über fünfzigjährigen, breitschultrigen Genossenschaftsbauern, dessen Hände Assoziationen an ein Schaufelblatt erweckten, hätte ich mich gleich viel sicherer gefühlt. Leider war die Arbeit mit den VP-Helfern bisher für mich zu kurz gekommen. Außerdem wollte der Mann sicher lieber mit seiner Familie feiern, statt mit mir Streife zu laufen. Ich werde dafür bezahlt und das nicht einmal schlecht. Also war es auch meine Pflicht, so gut wie möglich alleine klar zu kommen. Der VP-Helfer nahm mich kurz zur Seite, offenbar hatte er mir etwas wichtiges mitzuteilen. „ Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll“, druckste er herum. „ Einfach frei von der Leber weg“, versuchte ich ihn aufzumuntern. „ Na gut, Junge du bist auf dem besten Wege dich unbeliebt zu machen. Ich weiß, du bist jung und eifrig. Aber schalte mal einen Gang zurück.“ „ Wie meinen Sie das?“ Ich war nicht nur verblüfft, sondern auch etwas verärgert. Einen Gang zurückschalten, was meint der denn damit? „ Du musst nicht immer sofort jeden Geld abknöpfen, nur weil diesen oder jenen ein kleiner Fehler unterlaufen ist! Ich meine es doch nur gut mit dir. Wenn du so weitermachst, bekommst du irgendwann aus dem Dunkeln heraus einen Knüppel auf die Rübe. So schnell kannst du gar nicht gucken, um zu wissen wer zugeschlagen hat. Außerdem, stell dir mal vor hier passiert wirklich mal irgend ein Verbrechen. Meinst du, dass dir die Leute noch irgend etwas erzählen werden? Denk daran, du bist auf die Menschen hier angewiesen. Ich bin schon seit fünfundzwanzig Jahren „Hilfspolizist“. Da habe ich schon manchen Heißsporn jämmerlich „ Wasser saufen sehen“.
Alle Wetter, der Hieb hatte gesessen! Solche Worte aus dem Munde eines VP-Helfers zu hören, dass ist für einen jungen dynamischen Volkspolizisten wie mich nicht gerade angenehm. Was ging dem eigentlich mein Arbeitsstil an? In meinem Bereich herrscht Ordnung und damit basta! Ich versprach darüber nachzudenken und setzte meinen Rundgang fort. Nach ein paar weiteren kurzen Gesprächen mit anderen Dorfbewohnern, wurde es Zeit das Feld zu räumen. Zum krönenden Abschluss des Tages sollte im Speisesaal der LPG noch eine Tanzveranstaltung stattfinden. So lange wollte aber natürlich nicht warten.
Meine Pflicht mich einmal auf dem Dorffest sehen zu lassen, hatte ich schließlich erfüllt. Es gab keine Vorkommnisse, sollte ich etwa so lange warten, bis sich jemand durch meine Uniform vollends provoziert fühlt?
Nach Hause konnte ich jedoch noch immer nicht. Erst mussten noch die sowjetischen Ehrenmäler in Alt Mahlisch, Sachsendorf und Friedersdorf kontrolliert werden. Nicht auszudenken, wenn tatsächlich irgend jemand etwas auf einem der Steine geschmiert hat. In Alt Mahlisch existierte neben dem Denkmal auch ein kleiner „Heldenfriedhof“. Einige der Grabsteine waren mit Portraitfotos geschmückt. Die kleinen Bilder gaben den hier liegenden Toten ein Gesicht. Jeder der es wollte, konnte sehen wer sich hinter dem kyrillischen Namenszug verbarg. Nein, es war kein Held der von dem hellroten Grabstein her ansah. Ich sah einen scheu vor sich hin blickenden Jungen, der einen weiten Weg hinter sich bringen musste, nur im hier in diesem Alt Mahlisch, von dem er bisher sicher nie etwas gehört hatte, zu sterben. Neunzehn Jahre, beschissene neunzehn Jahre nur waren ihm vergönnt gewesen. Sein Leben musste so früh enden, weil irgend welche durchgeknallten Politiker die Welt in Schutt und Asche legen mussten. Immer und immer wieder müssen einfache Menschen für die Fehlentscheidungen von Politikern den Kopf hinhalten. Vielleicht hat er das schon hinter sich, was du noch vor dir hast? Unwillkürlich schoss mir dieser Gedanke durch den Kopf. Was wird denn, wenn in der DDR tatsächlich der Sozialismus gewaltsam beseitigt werden soll? Da war sie wieder diese Frage, die mich so quälte und auf die ich einfach keine Antwort fand.
Auf der Rückfahrt sah ich zwischen Dolgelin und Sachsendorf, an der mit Obstbäumen bestandenen und von Schlaglöchern übersäten früheren Heerstraße, einen betrunkenen Mann im Grase liegen. „ Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich halte hier nur ein Nickerchen, Meister“ stammelte der Betrunkene, ein kleiner schmaler Mann um die sechzig. Verdammte Scheiße, fluchte ich innerlich. Liegen lassen konnte ich den Herrn auf keinen Fall, so betrunken wie er war. Als Abschnittsbevollmächtigter verfügte man zwar über ein Funkgerät. Mit diesem konnte aber nur empfangen, nicht aber gesendet werden. Im Notfall taugte das Gerät nur im Nahkampf, für dessen vom Hersteller vorgesehene Bestimmung als Nachrichtenmittel war es weniger geeignetIch konnte höchstens in mein Dienstzimmer nach Sachsendorf fahren und von dort aus einen Funkstreifenwagen ordern, um den Suffkopp nach Hause zu bringen. Aber was ist, wenn ihm in meiner Abwesenheit etwas passiert? . Außerdem war der Streifenwagen sicher wieder mit der Zuführung von „Oderschwimmern“, so nannten wir intern die „Grenzverletzer“, beschäftigt. Ich entschloss mich daher zu einer pragmatischen Lösung des Problems. „ Wo wohnen Sie denn?“ „ In Sachsendorf, nach Rathstock raus.“ „ In Ordnung, ich werde sie jetzt nach Hause, zu Muttern fahren.“ Der Mann lallte etwas was mit etwas gutem Willen auch als Dankeschön durchgehen könnte. Irgendwie schaffte er es tatsächlich, hinter mir, auf dem Rücksitz meiner „Schwalbe“ Platz zu nehmen. „ Schön festhalten und bloß nicht schaukeln“, flehte ich ihn förmlich an. Er umklammerte meinen Bauch mit beiden Händen, während ich mich darum bemühte, seine unwillkürlichen Schaukelbewegungen abzufangen. Zum Glück war es schon gegen 20:00 Uhr, es war so gut wie kein Fahrzeug auf der Straße. Ein uniformierter Polizist, der auf seinem Moped einen Besoffenen transportiert. Na das hätte aber Gesprächsstoff für die nächsten Wochen gegeben! Zum Glück konnte ich den Mann bei seiner sichtlich verstimmten Gattin abliefern, ohne dass wir von irgend jemanden gesehen wurden. So jetzt nur noch schnell zum Dienstzimmer, um von dort aus beim ODH die Streife abmelden. Dann ist endlich Feierabend! Morgen erwartet mich wieder ein neuer Tag. Wie immer stellte ich mein Moped unter der Straßenlaterne vor dem Fenster meines Büros ab. Ebenfalls wie immer, tastete ich zur Kontrolle mein unter der Jacke verborgenes Pistolenhalfter ab. Nun ja, die Makarov war noch dort wo sie hingehört. Was sollte schon passieren, schließlich sicherte eine spezielle Fangschnur die Waffe vor Verlust. Aber, jetzt durchfuhr es mich sieden heiß, mein Herz trommelte ein regelrechtes Stakkato. Die schon lange etwas ausgeleierte Tasche des Reservemagazins stand offen, von dem Magazin selbst, keine Spur. Auch das noch! Der Verlust von Munition und Waffenteilen wurde drakonisch bestraft, eine Degradierung war das mindeste was mich erwartete. Krampfhaft suchte ich nach einer Lösung. Sollte ich den ganzen Weg noch einmal abfahren? Unsinn, das Magazin war genauso schwarz wie diese Oktobernacht Und wer weiß, wo ich wann ich das Magazin schon verloren hatte. Melden musste ich den Verlust, koste es was es wolle. Für einen Augenblick war sogar die Sorge über die Lage im Land in den Hintergrund getreten. Vor meinem „geistigen Auge“ sah ich den gesamten Bestand des VPKA Seelow, fluchend und schimpfend nach dem verlorenen Magazin suchen. Ich war „unten durch“, dass war wohl klar. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich kaum in der Lage war, den richtigen Schlüssel zu finden. Endlich stand ich, trotz der Abendkühle schweißgebadet, im Büro. Hastig entledigte ich mich meiner grünen Motorradjacke. Das dumpfe Geräusch eines zu Boden gefallenen Gegenstandes erregte meine Aufmerksamkeit.. Das war doch nicht?... Doch, es handelte sich um mein Reservemagazin! Es hatte sich in einer der Bundfalten meiner Jacke verfangen. Mein Gott war ich erleichtert. Wenn es jetzt zum zweiten Male plumpste, dann war es der Felsen der von meinem Herzen rollte. Ich sammelte mich noch etwas und wählte dann die Telefonnummer des VPKA. „ Die Ehrenmale in Sachsendorf, Friedersdorf und Alt Mahlisch sind in Ordnung. Auf dem Dorffest in Dolgelin war auch alles ruhig. Heute Abend findet im Speisesaal der LPG noch eine Tanzveranstaltung statt, aber ich denke mal nicht das dort etwas passiert.“ „ Das ist schön, dass bei dir im Abschnitt alles in Ordnung ist. Leider ist es nicht überall so ruhig. In Berlin wird schon geknüppelt. Wollen wir mal hoffen, dass es in der Nacht bei uns ruhig bleibt und kein Alarm ausgelöst werden muss.“ Die Stimme des Offiziers am anderen Ende der Leitung klang ungewöhnlich ernst. Meine kurzzeitige Euphorie wich nun wieder dieser bangen, nervenzerfetzenden Ungewissheit. Nur schnell nach Hause, zu meiner Frau und dem kleinen Sohn, der bestimmt schon wieder satt und zufrieden schlummerte. Was wird diese Nacht unserem Land bringen?


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#116

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 16:38
von Polter (gelöscht)
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Zitat von ABV
Hallo Polter!
Auch die Angehörigen der Deutschen Volkspolizei wurden vereidigt. Es gab dafür einen speziellen Fahneneid für die Volkspolizei. Dieser besagte unter anderem aus, dass der Volkspolizist die ihm gestellten Aufgaben, auch unter Einsatz seines Lebens!!!!, erfüllt. So etwas lässt immer leicht nachreden, in der Praxis hat das nicht selten Konsequenzen. Die Vereidigung fand an der VP-Schule statt und war ein ähnlich feierlicher Akt wie bei der Armee. Nur das die Familienangehörigen der Polizisten nicht extra anreisten.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


Wieder was gelernt! Danke!!


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#117

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 17:33
von werner | 1.591 Beiträge

Hallo Uwe, habe mich auch diesmal wieder köstlich amüsiert. Die Szene auf dem Dorffest hätte auch schon ein paar Jahre vorher ablaufen können und derartige Umgangsformen gegenüber der Polizei soll es ja auch heute noch gelegentlich geben.

Ähm, mit Deinem Funkgerät - hat man Dir ein defektes UFT gegeben?


Und irgendwo saßen die ganz anonym die leitenden Hirne, die den ganzen Betrieb koordinierten und die politischen Richtlinien festlegten, nach denen dieses Bruchstück der Vergangenheit aufbewahrt, jenes gefälscht, und ein anderes aus der Welt geschafft wurde.
George Orwell, 1984
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#118

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.05.2011 18:57
von Zaunkönig | 624 Beiträge

Hallo Uwe, na das wär was geworden, 2 ausgewachsene Kerle auf der Schwalbe. Ich habes übrigens bis nach Berlin bumsen gehört, als Dir das Ersatzmagazin vor die Füße gefallen ist.
Gruß von
Peter dem Zaunkönig


März 1959 bis Mai 1962 an der Grenze in Berlin vom Norden bis an die Stresemannstraße
zuletzt bearbeitet 26.05.2011 18:59 | nach oben springen

#119

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.05.2011 08:13
von Pit 59 | 10.152 Beiträge

Ähm, mit Deinem Funkgerät - hat man Dir ein defektes UFT gegeben?@werner

Also da muss ich@werner mal recht geben,das kann ja nun Überhaupt nicht sein das ein Polizist im Jahre 1989 nur einen Empfänger hatte.
Wir hatten diese Geräte sogar bei der FFW mit zu Hause,wurde sich viel Unterhalten Abends.


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#120

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.05.2011 13:06
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Erstmal wieder vielen Dank für die Kommentare und das Interesse. So und nun zu dem Funkgerät: Es handelte sich dabei um ein so genanntes Selektivrufgerät. Damit konnte man tatsächlich nur gerufen werden, nicht aber selbst senden. Diese Geräte wurden entweder in einem speziellen Gehäuse an das Stromnetz angeschlossen, oder wurden in einer Tragetasche während der Streife getragen. Ich glaube zu dem Thema kann @ Stabsfähnrich mehr sagen. Übrigens die Kripo hatte bei uns die Dinger auch. Bei uns im VPKA verfügten nur die Schutz und Verkehrspolizei über richtige Funkgeräte, welche den Namen auch verdienten.
Übrigens an dem Selektivfunkgerät gab es eine Tasteneinstellung, mit der konnte der Funk des ODH mitgehört werden. Wenn sich eine Streife in der Nähe befand, nur dann, konnten deren Funksprüche mit diesem Gerät ebenfalls empfangen werden.
Wir waren halt tiefste Provinz

Gruß an alle
Uwe
P.S. hier noch eine wichtige Ergänzung: wenn ich mich recht erinnere, war jedem Selektivfunkgerät ein eigener Kanal zugeteilt. Das konnte man mittels Taste einstellen, um Verwirrungen auszuschließen. Also wenn ein Funkspruch einging, dann war mein auch der Empfänger. Oder, wie bereits gesagt, man änderte die Tastenstellung und hörte so, zumindest einen Teil, des gesamten Funkverkehrs mit.


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zuletzt bearbeitet 27.05.2011 13:16 | nach oben springen



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