#41

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.02.2011 20:45
von ABV | 4.202 Beiträge

Au weia Frank. Aber da die Rasierklingen vom Bruderorgan überreicht wurden, konntest du wenigstens deswegen nicht gefeuert werden. Solche Dinge sind wert aufgeschrieben zu werden, zeigen sie doch das es auch bei den Sicherheitsorganen nicht immer streng korrekt zuging.

Viele Grüße vom Oderstrand
Uwe


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#42

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 01.03.2011 22:04
von ABV | 4.202 Beiträge

update wie immer, viel Spaß beim Lesen

Selten in meinem Leben hatte ich einen Montag mit solcher Spannung entgegengesehen, wie diesem. Vor lauter Aufregung fand mich schon eine viertel Stunde vor 07:00 Uhr in Dolgelin ein. Das ABV-Dienstzimmer befand sich im Verwaltungsgebäude der LPG. Der L-Förmige Trakt beherbergte praktischerweise auch eine Küche und den Speisesaal der LPG. Um mein leibliches Wohl brauchte ich mich also nicht zu sorgen. Weniger schön war allerdings der Umstand, dass auch die Belegschaft der benachbarten Schule, an der meine Schwiegermutter arbeitete, hier zu Mittag aß. Wer möchte schon ständig seiner Schwiegermutter über den Weg laufen? Voller Stolz betrachtete ich das gusseiserne Schild am Eingang des LPG-Gebäudes. „Deutsche Volkspolizei-Abschnittsbevollmächtigter“ stand dort in unübersehbaren Lettern. Bald würden hier Rat und hilfesuchende Bürger an den Sprechtagen nur so Schlange stehen! Einstweilen stand ich, selbst noch etwas hilfesuchend, vor verschlossenen Türen. Die Büroarbeitszeit begann erst um 07:00 Uhr und von VP-Obermeister L. war ebenfalls weit und breit noch nichts zu sehen. Kurz vor 07:00 Uhr trudelten die ersten Büroangestellten nach und nach ein. Sie betrachteten mich von der Seite, sagten aber nichts. Endlich, um 07:15 Uhr, rollte L. mit seinen alterschwachen Skoda auf den Hof. Voller Erstaunen registrierte er, dass ich bereits auf ihn wartete. „ Du hast es aber eilig“, wunderte er sich kopfschüttelnd. Der frühere Berufssoldat war erst vor gut zwei Jahren von der NVA zur Volkspolizei gewechselt. Er verkörperte auf seine Weise jene Ruhe und Souveränität, ohne die kein ABV bestehen konnte. In den Augen eines Heißsporns wie mir, schien L. allerdings ein unverbesserlicher Phlegmatiker zu sein. Sein Lieblingsspruch „ nun sei doch mal nicht so aufgeregt; sollte meinen Blutdruck in den kommenden zwei Wochen noch um ein und das andere Mal in die Höhe schießen lassen. Kurze Zeit später, allein agierend, bemerkte ich jedoch rasch, wie Recht Kollege L. mit seiner ruhigen Zurückhaltung doch hatte. Wir standen kaum im Dienstzimmer, als es an der Tür klopfte. Die Sekretärin des LPG-Vorsitzenden, eine schlanke Endvierzigerin, steckte den Kopf durch die geöffnete Tür. „ Ich koche gerade Kaffee, möchten Sie auch einen?“, erkundigte sie sich freundlich. So konnte es von mir aus ruhig weitergehen! Mein neuer Dienstort wurde mir schnell sympathisch. Ich schaute mir einstweilen mein zukünftiges Büro an. In seiner Aufmachung ähnelte es dem Dienstzimmer des S-Leiters. Ein brauner Schreibtisch mit einem Telefon und einer Schreibmaschine, an dem sich ein langer von mehreren Polsterstühlen umstandener Konferenztisch anschloss. In der rechten Ecke, direkt hinter der Tür, befand sich ein größerer Schrank. Dieser diente zur Aufbewahrung von Ausrüstungs- und Bekleidungsgegenständen. In einem kleineren Schrank lagerten Vordrucke und Formulare für jeden erdenklichen polizeilichen Zweck. Von der dem Schreibtisch gegenüberliegenden Wand lächelte uns Generalsekretär Erich Honecker an, so als ob uns dieser aus dem Rahmen seines Bildes den Polizisten bei der Arbeit zusah. Wer hinter diesem Schreibtisch Platz nehmen durfte, musste enorm wichtig sein. Vorerst musste ich mich jedoch mit einem der Stühle am Konferenztisch zufrieden geben. L. zündete sich eine Zigarette an, griff zum Telefon und wählte die Nummer des „Operativen Diensthabenden“. Die Vorschrift verlangte es, dass sich jeder ABV bis spätestens 09:00 Uhr telefonisch im VPKA zu melden hatte. Dort erfuhr er dann, ob es in der Nacht etwas besonderes gegeben hatte und Aufträge für ihn vorlagen. Dieses war heute anscheinend nicht der Fall, wie ich mit leichter Enttäuschung bemerkte. Es sollte nicht meine letzte Ernüchterung sein. L. machte mir rasch klar, dass meine Vorstellungen vom Alltag eines Abschnittsbevollmächtigten nicht in jedem Fall mit der Realität übereinstimmten. Insbesondere mein Traum vom Ermittler in Uniform, sollte schon bald einen ersten herben Dämpfer bekommen. Es gab nun einmal nicht jeden Tag einen neuen Fall zu bearbeiten. Falls es doch einmal zu einer kriminellen Handlung im Abschnitt gekommen war, entschied einzig und allein die Kriminalpolizei über das weitere Vorgehen. Der ABV durfte ohne Rücksprache nicht einmal eine Strafanzeige aufnehmen.
Nur wenige Tage später sollte ich am eigenen Leib erfahren, wie seltsam die damals verantwortlichen hin und wieder in punkto Kriminalitätsbekämpfung agierten.
Eines Morgens kam der LPG-Vorsitzende zu uns ins Dienstzimmer. Das war nichts ungewöhnliches, lag doch sein Büro genau gegenüber. Diesmal wirkte der untersetzte kräftige Mann ungewöhnlich bedrückt. Er berichtete uns, dass aus einem Rinderstall seiner LPG, ein Kalb auf mysteriöse Art und Weise verschwunden war. Natürlich wollte er niemanden von den Arbeitern des Diebstahls bezichtigen. Aber es gab leider keine andere Erklärung für das Verschwinden des Tieres.
L. überlegte einen kurzen Augenblick und entschied sich die Angelegenheit vor Ort zunächst in Augenschein zu nehmen. Vielleicht hatte sich das Kalb einfach nur unbemerkt entfernt und war in eine Jauchegrube gefallen? Die Kriminalpolizei konnten wir immer noch einschalten, falls der Verdacht eines Diebstahls sich dann erhärten sollte. .
Ich witterte natürlich sofort den so innig herbei gesehnten Kriminalfall und sah mich schon einem groß angelegten Wirtschaftsverbrechen auf die Spur kommen. Wie gesagt, ich war damals jung und ein unverbesserlicher Hitzkopf. Der vermeintliche Tatort befand sich in dem wenige Kilometer entfernten Dorf Alt-Mahlisch. Die dortigen Arbeiter nahmen unser Erscheinen nicht sonderlich zur Kenntnis. Es war ja auch durchaus nicht ungewöhnlich, dass der ABV hin und wieder nach dem Rechten sah. L. unterhielt sich zunächst unverfänglich mit den LPG-Bauern, um das Gespräch danach geschickt auf das verschwundene Kalb zu lenken. Donnerwetter, von dem Burschen kann direkt etwas lernen! Die Anwesenden, drei Männer und eine Frau, reagierten lediglich mit Schulterzucken. Am Spiel ihrer Minen wurde allerdings ersichtlich, dass sie uns irgend etwas verheimlichen wollten. „ Wir haben uns auch darüber gewundert, wie hier ein Kalb verschwinden kann“, antwortete die Frau zögernd. Ein buntes Kopftuch verdeckte teilweise ihr hageres Gesicht, welches sich in verräterischer Art und Weise zu verfärben begann. Spätestens an dieser Stelle wurde es Zeit, tatsächlich die Kriminalpolizei zu verständigen. L. tat vorerst, als gäbe er sich mit dem gehörten zufrieden. „ Kälber sind ungeschickt und können schon mal auf diese oder jene Art ums Leben kommen“, sagte er gleichmütig und schickte sich zum gehen an. Statt sich zurück zum Fahrzeug zu begeben, lief L. zielstrebig weiter auf dem Gelände herum. Vor dem Maschendrahtzaun welcher den Stallkomplex befriedete, hielt er plötzlich inne. „Hab ich es mir doch gedacht“, triumphierte L. im Angesicht des teilweise heruntergedrückten Zauns. Hinter diesem befand sich in dem von dichtem Gras und Unkraut überwucherten Gelände, ein nicht zu übersehender, ausgetretener Trampelpfad. Dieser war regelrecht übersät von Futtermitteln der verschiedensten Art. Wie in anderen Dörfern auch, besserten auch die Einwohner von Alt-Mahlisch ihr Einkommen mit privater Viehhaltung auf. Das notwendige Futter bezog man anscheinend verbotenerweise aus dem Stallkomplex der LPG. Aber hatte nicht auch Erich Honecker gesagt, „dass aus unseren Betrieben noch viel mehr herauszuholen sei?“. Selten wurde ein Honeckerzitat so oft bemüht und bewusst missverstanden wie dieses.
Für uns ergab sich in dieser Situation nur eine Schlussfolgerung: Wir waren tatsächlich Diebstahl von sozialistischem Eigentum, noch dazu in großem Stil, auf die Spur gekommen. Wer so dreist ist und Futter klaut, macht auch vor einem Kalb nicht halt. Der größte Verdacht fiel natürlich auf die Stallarbeiter. Jetzt hatte es auch L. eilig zu verschwinden. Wir fuhren nun auf direktem Wege nach Seelow, zum VPKA. Leider trafen wir den für solch knifflige Fälle geradezu prädestinierten Oberleutnant Peter Vogel nicht an. Dieser in jeder Hinsicht legendäre Ermittler, hätte durchaus als lebendes Vorbild für seine „Kollegen“ in der Fernsehserie „ Polizeiruf 110“ herhalten können. Groß, kräftig, stets in der Lage auf sein Gegenüber einzugehen und obendrein noch mit gesundem Humor gesegnet, so stellt man sich einen richtigen Kriminalisten vor. Wenn es einen Kriminalfall aufzuklären galt, standen persönliche Belange für ihn stets weit hinten an. Tragischerweise könnte gerade dieser dabei betriebene Raubbau an den eigenen Kräften, mit Schuld an seinem frühen Tod gewesen sein.
Peter starb im Jahre 2002 an einem Herzinfarkt, als er mit Kollegen seinen fünfzigsten Geburtstag nachfeiern wollte.
Da Peter wie gesagt an diesem Tag nicht aufzufinden war, mussten wir uns an Hauptmann Dietrich St., dem Leiter der Seelower Kripo, wenden. Wir trafen ihn in seinem Dienstzimmer in Gesellschaft des Kreisstaatsanwalts an. Somit konnten wir gewissermaßen den beiden wichtigsten Männern, hinsichtlich der Aufklärung von Straftaten, Bericht erstatten. Eine bessere Ausgangsbasis für einen erfolgreichen Abschluss der Ermittlungen konnte man sich doch eigentlich nicht wünschen.
L. schilderte so nüchtern wie möglich, die von uns gerade festgestellte Ungeheuerlichkeit. Hauptmann St. legte die Stirn in Falten, während sich ein skeptischer Ausdruck über sein Gesicht legte. Zweifelte er etwa am Wahrheitsgehalt unserer Ermittlungen? Hauptmann St., der mich auf Grund seines schütteren Resthaarkranzes auf beiden Kopfseiten stets an den Fernsehclown Ferdinand erinnerte, tauschte merkwürdige Blicke mit dem Staatsanwalt aus. Dieser, ein verbittert aussehender, hagerer Endvierziger, gehörte ebenfalls nicht zu den Sympathieträgern. Sein offenkundiges Alkoholproblem war weit über die Seelower Stadtgrenzen hinaus bekannt. Es gab nur wenige Abende, an dem man ihn nicht in seiner Stammkneipe, der HO-Gaststätte „Oderbruch“, antraf. Es kam durchaus vor, dass die Seelower Schutzpolizei den obersten Ankläger des Kreises, schnell und diskret vom harten Boden des „Puschkinplatzes“ aufsammeln und in die Arme seiner nicht gerade erfreuten Gattin befördern musste. Selbst der Umstand das er als Kreisstaatsanwalt zu den „ständigen Waffenträgern“ zählte, hielt ihn nicht vom Saufen ab.
Der Vortrag von L. schien bei ihm größtes Unbehagen hervorzurufen. Sein schmales Gesicht wirkte noch einen Tick vergrämter, als zum Zeitpunkt unseres Erscheinens. Es war beinahe so, als stände er kurz vor dem Ausbruch einer heftigen Gallenkolik. „ Das kläre ich mit dem LPG-Vorsitzenden unter vier Augen! Eine Anzeige wird jedenfalls deswegen nicht aufgenommen!“ Diese scharfen Worte waren nicht an uns gerichtet, sie galten ausschließlich dem Leiter der Kriminalpolizei. Dietrich St. wagte gegenüber dem Kreisstaatsanwalt keinerlei Widerspruch. Er gab sich alle Mühe, uns unmissverständlich zu instruieren.
„ Ihr haltet den Mund über die Sache. Zu keinem ein Wort! Ich verbiete euch hiermit Ermittlungen in dieser Angelegenheit zu führen. Weder zu dem Futtermitteln und auch nicht wegen des angeblich verschwundenen Kalbs. So und nun macht das ihr zurück auf Streife kommt!“
Wir konnten in diesem Augenblick die Welt nicht mehr verstehen. Statt der erwarteten lobenden Worte, erlebten wir einen regelrechten Rauswurf. Der Grund des ganzen sollte uns erst viel später klar werden. Die Dolgeliner LPG galt im Kreismaßstab als Musterbetrieb. Es hätte wohl bei der SED-Kreisleitung erhebliches Unbehagen verursacht, wenn ausgerechnet diese LPG in dem Zusammenhang mit Schlamperei und Diebstahl gebracht wird. Weil nicht sein kann was nicht sein darf, nahm man auch hin und wieder in Kauf, dass kriminelles Handeln unaufgeklärt bleibt.
Mein vor kurzem noch uneingeschränktes Vertrauen in das sozialistische Rechtssystem bekam nun erste Risse.


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zuletzt bearbeitet 01.03.2011 22:06 | nach oben springen

#43

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 01.03.2011 22:43
von exgakl | 7.237 Beiträge

Uwe ich könnte jetzt sagen.... "schreibe weiter so" ...oder ich sage "hör auf damit, ich will das komplette Buch lesen"... sehr unterhaltsam und man sieht längst vergangene Zeiten irgendwie wieder vor sich....

VG exgakl


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#44

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.03.2011 15:11
von josy95 | 4.915 Beiträge

Hallo Uwe,

hab aus Zeitgründenn erst die ersten zwei (größeren) Beiträge von Dir lesen können.

Im Moment bin ich über diese real- zeitgeschichtlichen und mit der nicht zu vergessenen aber unbedingt notwendigen unterschwelligen Priese Humor gewürzte Perfektion einfach sprachlos.

Kann mich nur den anderen Usern anschließen und symbolisch ein Smiely für eigentlich wenigstens tausend setzen:

Mach weiter so!


josy95


Sternbild Krebs, eine seiner herausragenden Eigenschaften: Krebse kommen immer an ihr Ziel..., und wenn sie zei Schritt vorgehen und einen zurück...

Zu verstehen als Abmahnung an EINEN Admin... bitte lächeln!
zuletzt bearbeitet 02.03.2011 15:27 | nach oben springen

#45

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.03.2011 15:19
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

...man findet sich in deinen beiträgen selbst immer wieder: jung, dynamisch und erfolglos


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#46

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.03.2011 18:31
von Dorfsheriff (gelöscht)
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Klasse geschrieben Uwe, kommt mir auch alles bekannt vor. Bis zum Besuch der ABV Schule in Wolfen war ich auch Schutzpolizist im Abschnitt. Mit den Vorsitzenden meiner beiden LPG's wurde ich nie richtig warm. Die LPG Pflanzenproduktion war auch eine Vorzeige LPG und ich frage mich was da so alles vertuscht wurde.


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#47

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.03.2011 19:52
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
...man findet sich in deinen beiträgen selbst immer wieder: jung, dynamisch und erfolglos


Und was ist uns nach dem Krieg geblieben? Nix mehr mit jung und dynamo *grins*

Also @ABV einfach mal wieder köstlich, habe Deine Texte mal wieder sehr genossen. Wobei, mit Erschrecken stelle ich bei mir eine Schreibblockade fest. Ist aber nicht schlimm, deine Texte sind wesentlich realistischer,
danke


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 02.03.2011 19:56 | nach oben springen

#48

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.03.2011 19:52
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
...man findet sich in deinen beiträgen selbst immer wieder: jung, dynamisch und erfolglos



Dem Gefühl des wiederfindens kann ich mich vorbehaltlos anschließen


P.S. Uwe da ich meine alte Forderung nicht immer wiederholen möchte nur eine Anmerkung, für mich dann bitte ein Exemplar mit Widmung des Autors.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#49

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.03.2011 11:23
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Karsten, Felix, Josy und Gilbert
Vielen Dank für eure Kommentare. Das ist der richtige Ansporn für neue Kapitel. Die bereits fertigen werde ich an dieser oder jener Stelle noch bearbeiten. Da fällt einem ja noch immer wieder etwas neues dazu ein.
Gilbert, was das jung, dynamisch und erfolglos betrifft: ich glaube da waren wir damals alle gleich. Wir wollten die Welt einreissen und dachten das wir schon soooo erfahren sind. Jeder einzelne ist aber ganz schnell an seihe Grenzen gestoßen und auf dem Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Schön das man heute darüber lachen kann

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


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#50

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.03.2011 11:25
von ABV | 4.202 Beiträge

Hmmm
Entschuldigung @94, vielen Dank natürlich auch an dich!
Das Problem mit der Schreibblockade kenne ich auch. Vor allem wenn man nach einem stressigen Arbeitstag nicht unbedingt den Kopf frei hat um zu schreiben. Das vergeht aber wieder, glaube mir.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


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#51

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.03.2011 17:43
von Zkom IV | 323 Beiträge

Hi Uwe,
hat wieder Spaß gemacht Deine Zeilen zu lesen. Wenns nicht von Dir käme- ich würde es kaum glauben. Da hat man Straftaten gedeckt, nur weil es sich um einen sozialistischen Vorzeigebetrieb handelte. ?!? Unglaublich.
Nur weiter so. Freue mich auf neue Berichte.

Gruß Frank



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#52

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.03.2011 12:47
von ABV | 4.202 Beiträge

update
Viel Spaß beim Lesen
euer Uwe

VP-Obermeister L. gab sich große Mühe, um mich in der Kürze der Zeit mit den Besonderheiten seines Abschnittes vertraut zu machen. Unterstützt wurde er dabei vom Hauptmann der VP Manfred B. Dieser leitete den so Gruppenposten-Süd, zu dem auch der Abschnitt Dolgelin gehörte. Manfred war rein menschlich gesehen ein Kumpeltyp durch und durch. Er legte großen Wert auf einen saloppen Umgangston, bei dem der Unterschied zwischen den Dienstgraden keine Rolle spielte. Leider neigte er hin und wieder zur Hektik und zu übergroßem Respekt gegenüber Vorgesetzten. Niemand konnte so schön und betont „ Ach du Scheiße, Mensch der Alte reißt mir der Arsch auf“ sagen, wie Manfred. Es gab nur einen Menschen den Manfred noch mehr fürchtete und das war seine Frau. Aber dazu später mehr. Zunächst einmal begeleitete uns Manfred zu den einzelnen Gemeindebüros des Abschnitts, um mich bei den Bürgermeistern vorzustellen. Dort bedauerte man allgemein das L. für ein ganzes Jahr nicht zur Verfügung stehen würde. Der Obermeister besaß offenbar einen guten Draht zu den örtlichen Verwaltungen. Mir wurde schnell bewusst, dass von dem künftigen Verhältnis zwischen mir und dem Bürgermeister einiges abhängt. Bei der dienstlichen Beurteilung eines Abschnittsbevollmächtigten hatten die lokalen Dorfoberhäupter ein gehöriges Wörtchen mitzureden!
Eine weitere „tragende Säule“ bildeten die „ Freiwilligen Helfer der VP“. Ähnlich wie bei der Freiwilligen Feuerwehr, wirkten diese hin und wieder belächelten „Hilfssheriffs“ grundsätzlich ehrenamtlich. In jedem Dorf existierte ein, je nach Größe in Gruppen und Züge unterteiltes „ Helferkollektiv“. Äußerlich zu erkennen waren die VP-Helfer an ihrer roten Armbinde mit der Aufschrift „ Helfer der Volkspolizei“. Ohne die Mithilfe dieser Leute, die den ABV nicht nur bei der Streife unterstützten, sondern hin und wieder auch mit wertvollen Tipps versorgten, würde ich wohl nicht weit kommen. Mir wurde zunehmend bewusster, dass sich meine neue Aufgabe schwieriger gestaltete, als ursprünglich angenommen. Auf jeden Fall würde ich mich von der Vorstellung als „Einzelkämpfer die Welt einzureißen“, wohl oder übel verabschieden müssen. Natürlich blieben aber noch genügend Flausen übrig, von denen mich die Realität nach und nach befreien sollte.
Manfred erklärte mir höchstpersönlich, dass auf mich tatsächlich eine Vielzahl von Ermittlungen wartet. Dabei handelte sich allerdings weniger um die erhoffte kriminalistische Kleinarbeit. Es handelte sich vielmehr um Auskunftsberichte für die Abteilung Pass & Meldewesen. In erster Linie betraf das natürlich diejenigen welche eine Reise in den „Westen“ beantragt hatten. Aber da man neuerlich auch jeden Ungarnurlauber unter die Lupe nahm, brauchte ich mich mangelnde Arbeit wohl nicht zu beklagen. Manfreds Worte bei der Einweisung für diese zweifelhafte Tätigkeit, sind es wert noch heute wiedergegeben zu werden. Passen sie doch so gar nicht zu der undifferenzierten Klischeevorstellung vom gehorsamen DDR-Staatsdiener. „ Eines sage ich dir gleich, wir legen den Leuten keine Steine in den Weg. Die Menschen wollen einfach nur ihre Verwandten besuchen, weiter nichts! Wer meckert ist noch lange kein Staatsfeind, wir meckern schließlich alle mal. Es werden nur Fakten berichtet, keine Vermutungen oder irgendwelche persönlichen Schlussfolgerungen. Wer einen Ausreiseantrag gestellt hat, darf sowieso nicht in den „Westen“ fahren. Solche Leute werden sofort abgelehnt. Bei allen anderen gilt, was ich dir eingangs gesagt habe.
In den Berichten müssen folgende Punkte enthalten sein: 1. lebt der Bürger in geordneten familiären Verhältnissen, 2. besitzt er möglicherweise ein Eigenheim oder einen PKW und 3. das er zur Politik von Staat und Partei stets loyal eingestellt ist. Als loyal gilt für uns jeder, der nicht wegen einer politischen Straftat vorbelastet ist. Die Art und Weise wie ein Abschnittsbevollmächtigter solch einen Auskunftsbericht formulierte, trug tatsächlich wesentlich bei der abschließenden Entscheidungsfindung bei. Auch wenn das MfS auch in Reiseangelegenheiten das „letzte Wort“ hatte. So mancher der vor dem 09.11. 1989 bereits die andere Seite der Mauer sehen durfte, wäre ohne Manfreds indirekte Mithilfe wohl nicht dorthin gekommen.
Ich brannte trotz aller gut gemeinten Ratschläge noch immer vor Ehrgeiz. Es gab so viele Probleme dies es zu lösen galt. Da gab es die Unsitte, dass die Traktoristen ständig vor dem Konsum in Libbenichen gegen Mittag pausierten und dabei Bier tranken. So sagte es jedenfalls der örtliche Dorfklatsch, für den ich mich damals sehr empfänglich zeigte. Des Weiteren gab es noch immer Mopedfahrer, die allen Gefahren trotzend, auf den Schutzhelm verzichteten. Das waren nur ein paar Dinge, welche ich mit Bravour beseitigen wollte. Klammheimlich zählte ich schon die Tage, bis L. endlich seinen Schulbesuch antreten würde. Zwischenzeitlich lies ein Ereignis aus meinem persönlichen Lebensbereich, allen dienstlichen Ehrgeiz in den Hintergrund treten. Ich wurde zum ersten Mal Vater! Mein Sohn schien meine Ungeduld geerbt zu haben. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass er unbedingt sechs Wochen zu zeitig auf diese Welt wollte? Oder er hatte, ebenfalls wie sein Vater, Angst etwas zu verpassen? Immerhin war es eine politisch brisante Zeit in der mein Junior in Klinikum Frankfurt (Oder)-Markendorf am 20.08. 1989 das Licht der Welt erblickte. In dem Augenblick in dem die DDR um einen kleinen Erdenbürger reicher wurde, verlor sie im Gegenzug die Einwohnerschaft einer kompletten Kleinstadt In meinem Kopf schwirrten noch immer die Bilder vom "Paneuropäischen Picknick" im ungarischen Sopron. Beinahe unwirklich der Anblick von 671 DDR-Bürgern, die über die für ein paar Stunden geöffnete Grenze nach Österreich liefen. Die Menschen lagen sich in den Armen, einige weinten vor lauter Glück. So als wären sie gerade dem Kerker entronnen. Was hat sie zu diesem Schritt getrieben? Nur die Sehnsucht nach Konsumgütern? Oder gab es vielleicht doch noch etwas anderes im Leben?


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zuletzt bearbeitet 04.03.2011 14:23 | nach oben springen

#53

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.03.2011 18:32
von js674 | 231 Beiträge

Hallo Uwe,

ich finde es wieder super wie du geschrieben hast, voll aus dem Leben....so wird es ja jeden mal ergangen sein.
Also wenn du es als Buch rausgibst, gehört es zu meiner Bibliotek.

gruß Jens


"Sein Erbe hochzuhalten und gleichzeitig neue Wege zu beschreiten ist kein Widerspruch.
Tradition zu bewahren heißt nicht Asche aufzubewahren, sondern eine Flamme am Brennen zu halten"
(Hans-Josef Menke)

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#54

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 14:01
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Zitat von ABV
Auf dem Puschkinplatz versammelten sich mehrere Gruppen junger Leute. Die meisten von ihnen kamen von einer Discoveranstaltung im nahen Kulturhaus, die an Wochentagen bereits gegen 22:00 Uhr endete. Der herrliche Sommerabend hielt die jungen Leute offensichtlich davon ab, rasch nach Hause zu gehen. Rasch füllte sich der um diese Zeit sonst menschenleere Platz im Herzen Seelows. Erfahrungsgemäß trugen Personenansammlungen, besonders um diese späte Stunde, einiges Potential für Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten mit sich. Jugendliches Imponiergehabe und Alkohol hatten bereits zu Großvaters Zeiten die Gendarmen beschäftigt, dass wird wohl auch immer so bleiben. Aber an jenem Abend lag mehr in der noch immer warmen Luft, als nur ein paar harmlose Jugendstreiche. Natürlich blieb mir die ungewöhnliche Bewegung auf dem Puschkinplatz nicht verborgen.
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Erfüllt von Pflichtgefühl und mit dem trügerischen Gefühl der eigenen Unverletzlichkeit, beschloss ich auf dem Puschkinplatz polizeiliche Präsenz zu zeigen. Die Jugendlichen sollten wissen, dass die Staatsmacht ein waches Auge auf sie hat. Zu diesem Zwecke stellte ich mich auf die obere Treppe der altehrwürdigen „Adlerapotheke“. Hier wurden schon Pillen verkauft, als Seelow noch in Preußen lag und von einem König regiert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg versank der Ort in Schutt und Asche, sogar die Kirche büßte ihren Turm ein. Vieles war nicht mehr so wie es einst war. Nur in der Apotheke wurden bald wieder Medikamente verkauft.
Nun stand ich hier, als unübersehbarer Repräsentant der Staatsmacht, gewandet in die grüne Uniform der Volkspolizei. Mit dem über der Schulter baumelndem Funkgerät und der Kartentasche an der Seite, kam ich mir vor wie der „Leutnant vom Schwanenkietz“ aus dem Fernsehen. Ich lies meinen Blick über den Platz schweifen, vom Schäferbrunnen hinüber zum „Cafe Schmidt“ und der HO-Gaststätte „Oderbruch“. Überall standen in losen Gruppen, diskutierend und gestikuliert, junge Leute. Schon hörte ich die ersten Schmährufe gegen die Polizei, ausgestoßen aus der Anonymität der Gruppe. „ Hau ab Bullenschwein“, brüllte ein mit einem blauen Jeansanzug bekleideter junger Mann. Es folgten Pfiffe und Buhrufe, schon bald schlugen irgendwo leere Flaschen klirrend aufs Pflaster. Ich verspürte ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend, beschloss aber trotzdem auf der Stelle zu verharren. „ Wir wollen endlich Freiheit haben und nicht mehr eingesperrt sein“, rief ein junges, höchstens achtzehnjähriges Mädchen. „ Heute haben schon wieder ein paar tausend euren Lügenstaat verlassen, bald sind wir auch weg“, hallte es aus einer anderen Gruppe.



Wie sich die Dinge in den verschiedenen Bezirken doch gleichen, ähnliche Vorfälle gab es zu dieser Zeit auch im Bezirk Neubrandenburg. Hier wurden jedoch im Zusammenwirken der VPKA und KDfS die meisten "Veranstaltungen" aufgelöst. Auch am Nationalfeiertag 89 kam es gegen Mitternacht nach einer Tanzveranstaltung im KKH Prenzlau ebenfalls zu einer Zusammenrottung von ca. 30-40 Jugendlichen vor dem KKH und auch hier wurde unter dem Einfluss von Alkohol lebhaft diskutiert. Im weiteren Verlauf kam es jedoch zur Mißachtung staatlicher und gesellschaftlicher Symbole durch das zerreissen von 2 Staatsflaggen der DDR. Weitherin machten Rufe wie "Es lebe das Neue Forum" und "Stasi raus" die Runde, was ein Eingreifen der Sicherheitsorgane erforderlich machte. Während der Auflösung wurden durch Einsatzkräfte des VPKA 8 Personen zugeführt und der Platz innerhalb von 50 Minuten nach der ersten Meldung geräumt. Gegen 2 Täter wurden anschließend EV eingeleitet, ein weiterer später an den Militärstaatsanwalt übergeben.

Wie wurde bei euch zu der Zeit auf die sich extrem häufenden Angriffe auf die Staatsgrenze DDR - Polen reagiert?


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
zuletzt bearbeitet 09.03.2011 16:57 | nach oben springen

#55

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 18:40
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Felix!
Zu den sich extrem häufenden Grenzübertritten nach Polen komme ich später noch einmal ausführlich. So viel kann ich dir aber schon sagen, dass ab Mitte September in Seelow Bereitschaftspolizei stationiert war. Die Jungs, es handelte sich bei ihnen um Wehrpflichtige, kamen Anfangs nur im Abschnitt zwischen Lebus und Frankfurt (Oder) zum Einsatz. Dort verlief die Fernverkehrsstraße 112 teilweise parallel zum Lauf der Oder und das auch nur in gut 150 m Entfernung. Günstige Bedingungen also, um schnell und unbemerkt an das Ufer zu gelangen. Es kam in jeder Nacht in diesem Bereich zu mehreren Festnahmen. Der Funkstreifenwagen der Schutzpolizei musste sich die ganze Nacht ausschließlich für Zuführungen von der Grenze bereithalten. Einen anderweitiger Einsatz durfte nur noch in dringenden Ausnahmefällen passieren. Ab Ende September wurden sämtliche ABV und auch die VP-Helfer gemeinsam mit Bereitschaftspolizisten im gesamten zum Kreis gehörenden Grenzabschnitt eingesetzt. Wie gesagt, dazu gibt es später mehr zu lesen.

Viele Grüße von der Oder nach Bayern
Uwe


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#56

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 18:58
von icke46 | 2.593 Beiträge

Ist schon interessant:
VPKA, KDfS, KKH usw isf...

UAwg

Aber mal ernsthaft: Das nun VPKA das Volkspolizei-Kreisamt ist, ist mir klar - ob es zur Allgemeinbildung gehört? KDfS meint nach meiner Spekulation wohl Kreis-Dienststelle für Staatssicherheit - lasse mich aber gerne korrigieren - und KKH hat mich ins stolpern gebracht - weil ich das als Nicht-DDR-Bürger mit Kreiskrankenhaus assoziere - und mich schon wundern wollte, wo in der DDR so Tanzveranstaltungen stattfanden - womöglich sogar in der Pathologie des KKH?

Langer Rede kurzer Sinn: denkt doch einfach auch mal an die Leser, denen diese ganzen Abkürzungen nicht so geläufig sind - es würde die eh schon guten Texte noch lesbarer machen.

Gruss

icke



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#57

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 19:04
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Entschuldige, das meiste steckt so drin... da denkst Du beim schreiben des Textes gar nicht drüber nach.

Alles richtig und KKH meint in diesem Fall Kreiskulturhaus...


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
zuletzt bearbeitet 09.03.2011 19:06 | nach oben springen

#58

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 21:34
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Feliks D.
Entschuldige, das meiste steckt so drin... da denkst Du beim schreiben des Textes gar nicht drüber nach.

Alles richtig und KKH meint in diesem Fall Kreiskulturhaus...



Hm.... auch ich gelobe mal im Voraus Besserung, falls mir so ein Lapsus unterläuft. Das ist aber, wie Felix schon sagte, ein regelrechter Automatismus.

Gruß an alle
Uwe


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#59

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 21:35
von ABV | 4.202 Beiträge

Und jetzt das nächste Update
Viel Spaß beim Lesen
euer Uwe aus dem Oderland

Am Vormittag des 25. August 1989 legte VP-Obermeister L. endgültig die alleinige Verantwortung über den Abschnitt in meine Hände. Er hatte das Übergabeprotokoll mit der Auflistung des vorhandenen Schriftgutes und der Ausrüstungsgegenstände, schon vorbereitet. L. hatte so kurz vor seinem Studienbeginn noch einige private Dinge zu erledigen, so dass er sich schon vormittags um 11:00 Uhr verabschiedete. „ Halt mir meinen Abschnitt sauber!“, ermahnte er mich zum Abschied. „ Zu Befehl, Genosse Leutnant in spe“, antwortete ich gespielt zackig. Kurz darauf war ich nun allein in dem großen Dienstzimmer. Von nun würde der Platz hinter dem Schreibtisch mir gehören! Zufrieden lächelnd schob ich meine Beine unter das hellbraune Möbelstück. Ich fühlte mich jetzt tatsächlich wie Marshall Mad Dillon persönlich. Nur das ich nicht auf einem feurigen Rappen, sondern auf dem Sitz meiner „Schwalbe“ durch den Abschnitt „reiten“ würde. Wie schön wäre es doch, wenn jetzt das Telefon klingeln und ich zu einem spannenden Einsatz beordert werden würde.
Voller Erwartung starrte ich den grauen Kasten an, aber dieser blieb zu meiner Enttäuschung stumm. Draußen eilte jemand den Flur entlang. Die Schritte verloren sich aber im benachbarten Büro des LPG-Vorsitzenden. Mein Gott nun bin ich schon seit fast einer halben Stunde ein richtiger Abschnittsbevollmächtigter und niemand benötigt meine Hilfe!
Ich beschloss die Zeit bis zum Mittagessen und der anschließenden Streife mit einer Sichtung des vorhandenen Schriftgutes zu überbrücken. .
In der untersten Schublade des Schreibtisches fand ich mehrere dicke Ordner. In diesem befanden sich Kopien von Strafanzeigen, Vernehmungsprotokolle und Einsatzberichte, aus der Zeit von 1952 bis zum Jahre 1988. Neben allerlei Banalem, fanden sich unter anderem Berichte über die Reaktionen der Bevölkerung zur umstrittenen Sprengung des Dolgeliner Kirchturms und auf den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die CSSR, im Jahre 1968. Wer immer in diesen Jahrzehnten gegen das Gesetz verstoßen hatte, war mit Name, Anschrift und Delikt verzeichnet. Es war schon erstaunlich, wie sehr mancher heute angesehene Mitbürger, einst über die berühmten „Strenge schlug.“ Die vergilbten Blätter erzählten durchaus nicht nur von harmlosen Jugendstreichen. Der Bogen reichte von schweren Verkehrsunfällen, Vergewaltigungen, Körperverletzungen, bis hin zu Tötungsdelikten.
Es war nichts wirklich spektakuläres darunter, fast immer spielte „ Bruder Alkohol“ die Hauptrolle in diesen vom Leben inszenierten Dramen.
Zum Beispiel im Falle des damals ungefähr dreißigjährigen Mannes, welcher zwischen Libbenichen und Alt Mahlisch im betrunkenen Zustand seine eigene Frau überfuhr.

Erschütternd auch das tragische Ende eines fröhlichen Polterabends in Sachsendorf, Mitte der sechziger Jahre. Zwei junge Männer, einer von ihnen war geradeerst das zweite mal Vater geworden, begannen sich aus nichtigem Anlass zu streiten. Als die Worte nicht mehr genügten, sprachen die Fäuste. In der Folge stürzte einer der beiden Kontrahenten zu Boden und schlug unglücklich mit dem Kopf auf dem harten Steinfußboden auf. So unglücklich, dass er noch in der selben Nacht verstarb!

Da war der Sexualstraftäter aus Libbenichen, welcher eine junge Frau mit vorgehaltenem Luftgewehr am Bahndamm zum Geschlechtsverkehr zwang. Ich kannte den Kerl, hatte doch dieser erst im Mai 1989 einen sechsjährigen Jungen sexuell missbraucht.

Eine Strafanzeige aus dem Jahre 1964 dokumentierte den besonders dreisten Diebstahl in der Sachsendorfer Schule. Dort hatte jemand aus dem verschlossenen Schrank im Lehrerzimmer Bargeld entwendet. Als Täter wurde das Kind Edmund H. ermittelt. Dieser Edmund H. war und ist wohl auch noch heute, jedem Seelower Polizisten wohl bekannt. Von ihm soll in diesem Buch auch noch die Rede sein.

In einem der Ordner fanden sich aber auch ein Beispiel, wie schnell harmlose Jugendliche von staatlicher Seite kriminalisiert werden konnten. Mitte der siebziger Jahre schloß sich eine Handvoll Motorradbegeisterter junger Leute aus Libbenichen zusammen. Die Gruppe nannte sich „ Steppenwolf“. Die Inspiration erfolgte vermutlich von dem damals sehr populären Spielfilm „Easy Rider“. So wie im Film Peter Fonda und Dennis Hopper, brausten auch sie über die Straßen des Oderlandes. Im beschaulich-spießigen Seelow löste der Anblick in Leder gekleideter Motorradfahrer Befremden aus. Nach den ersten harmlosen Vorkommnissen wurde die Gruppe mit „sanftem Druck“ aufgelöst. So wurde beispielsweise ein junges Mädchen vor die Wahl gestellt, entweder mit ihren Aktivitäten aufzuhören, oder den angestrebten Studienplatz zu verlieren.
Das Studium der Papiere fesselte mich so sehr, dass ich darüber sogar das Mittagessen vergaß.
Leider stehen mir die besagten Aktenordner heute nicht mehr zur Verfügung. Sie sind im Dezember 1989 der allgemeinen Wendehysterie zum Opfer gefallen. Da unsere Amtsleitung befürchtete das über kurz oder lang die Bürgerbewegung auch vor den Dienstzimmern der Abschnittsbevollmächtigten nicht Halt machen würde, mussten solche Dokumente vernichtet werden. Ich könnte mich heute noch Ohrfeigen, diesen Befehl Folge geleistet zu haben! Durch diese Aktion wurden Dokumente von einem hohen zeitgeschichtlichen Wert für immer unwiederbringlich vernichtet. Mir wurde in jenen Tagen aber auch bewusst, welchen Zündstoff solch detaillierte Sammlung polizeilicher Dokumente in sich birgt. Das Wissen über Verfehlungen einzelner, darf auch nach Jahrzehnten niemals in die falschen Hände geraten und missbraucht werden.


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#60

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.03.2011 21:57
von werner | 1.591 Beiträge

Lese Deine Abhandlungen mit größtem Vergnügen und finde mich, wie auch schon von Gilbert angemerkt, über weite Strecken wieder, wenn auch aus anderer Perspektive. Die kleinen, scheinbaren Nebenepisoden, machen das Lesen zum Genuss. Wirklich köstlich! Muss ich jetzt ne Nummer ziehen, um auch ein signiertes Exemplar zu erstehen?


Und irgendwo saßen die ganz anonym die leitenden Hirne, die den ganzen Betrieb koordinierten und die politischen Richtlinien festlegten, nach denen dieses Bruchstück der Vergangenheit aufbewahrt, jenes gefälscht, und ein anderes aus der Welt geschafft wurde.
George Orwell, 1984
zuletzt bearbeitet 09.03.2011 21:57 | nach oben springen



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