#321

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 13.02.2012 16:56
von EK 82/2 | 2.952 Beiträge

Zitat von ABV
Hallo!
Vielen Dank für die Kommentare, vor allem @S 51 für die Hilfe. Wir waren damals (1990) ganz schön verunsichert. Aber trotzdem funktionierte der Laden, abgesehen von ein paar Ausnahmen, prächtig. Irgendwie hatte man ja auch die Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Frustrierend empfand ich damals auch die Diskussionen einiger Mitbürger, welche andauernd verlangten das unter den Volkspolizisten dringend aussortiert werden muss. So als wären wir Kartoffeln oder Rüben und keine Menschen.

Gruß an alle
Uwe


nicht alle dachten so ABV. ich erinnere mich das unser ABV die erste zeit am händschen laufen muste mit einem KOB. den ABV kannte man, aber KOB? unabhängig das ich helfer der dvp war und schon entlassen, hatte ich ein dummes gefühl wenn ich sah wie kindergarten geht.
ek 82/2


Alles was ich schreibe, ist nur meine Meinung und keine Feststellung.
zuletzt bearbeitet 13.02.2012 16:58 | nach oben springen

#322

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 13.02.2012 17:00
von furry | 3.572 Beiträge

Uwe, für Deine niedergeschriebenen Erinnerungen als ABV möchte ich Dir herzlich danken. Schildern sie doch nicht nur Deinen Alltag als Polizist sondern auch die Veränderungen im ländlichen Leben besonders in der Zeit von November 1989 bis Oktober 1990.
Viele Deiner Erlebnisse decken sich mit meinen. Zu dieser Zeit war ich als stellvertretender LPG-Vorsitzender zwischen Harz und Kyffhäuser verantwortlich für die Tierproduktion (Rindermast)
Nach der Grenzöffnung wurden auf einmal die laut, die vorher kaum in der Lage waren, eine Schubkarre zu schieben. Und dann wollten am liebsten alle gleich und sofort gen gelobtes Land reisen, um ihr Besuchergeld zu kassieren. Die Autoschlange, die sich Richtung Grenze bewegte, reichte bis in unser Dorf (ca. 35 km von der Grenze). Ich weiß nicht mehr wie ich den Laden zusammengehalten habe, denn der Betrieb musste weiterlaufen und die Tiere mussten ja versorgt werden. Aber irgendwie konnte ich die „Meute“ (die man kurz zuvor noch Kollektiv nannte) im Zaum halten, so dass in Staffeln gereist wurde. Nachdem dann auch der Letzte sein Begrüßungsgeld in der Tasche hatte, erschienen die ersten ambulanten Händler im Dorf mit dem unmöglichsten Schnickschnack. Ab dem Zeitpunkt schmeckte das Bier, das bis dahin immer noch 48 Pfennige je Flasche kostete, nicht mehr. Vor allem die besonders „fleißigen“ Genossenschaftsbauern sorgten für einen ordentlichen Umsatz bei diesem Händler. Da war es einfacher mit einer Kuh französisch zu reden, als denen klar zu machen, dass das gemütliche LPG-Leben bald ein Ende haben wird, nicht nur für die, sonder auch für mich. Zwei oder drei Jahre später haben wir noch einmal einen Familienausflug an unsere ehemalige Wirkungsstätte unternommen. Statt des Verkaufsautos des Händlers stand zwar an dieser Stelle eine Bude, aber die Kundschaft war die gleiche, nur dass sie nicht mehr weder in der LPG noch an anderer Stelle arbeiteten. War zu LPG-Zeiten ich der üble Bursche, der sie zur Arbeit bewegt hat, was manchmal auch mit einem morgendlichen Hausbesuch begann, so waren es nun die anderen, die auf ihr Erscheinen keinen Wert legten.
Nach den ersten Turbulenzen und der Erkenntnis, dass diese LPG auseinanderfallen wird, haben wir dann als Familie den Entschluss gefasst, dass es besser ist, das Weite zu suchen.
Zumal wir, wie auch der LPG-Vorsitzende, nicht aus dem Dorf stammten. Die landbesitzenden LPG-Mitglieder standen schon in den Startlöchern, um ihre Flächen zurückzubekommen. Ob die dann noch Wert gelegt hätten auf meine Anwesenheit? Ich glaube kaum. Im Frühjahr 1990 begannen dann auch die ersten Auflösungserscheinungen des Betriebes. Viehhändler aus den westlichen Gebieten flogen ein und wollten unsere besten Tiere aufkaufen. Und wir mussten verkaufen, denn ab Juli wollten die Leute ihr Geld in DM haben.
In dieser Zeit konnte ich mich für eine Stelle im öffentlichen Dienst und auf meinem Spezialgebiet der Tierzucht in Niedersachsen bewerben. Zeitgleich habe ich mich auch im Vorstand der LPG abwählen lassen. Weil auch mein Vorsitzender sich absetzen wollte, musste ich schneller sein.
Im Gegensatz zu vielen anderen, hatten meine Familie und ich das große Glück, dass wir den Zuschlag für die ausgeschriebene Stelle für die Leitung eines Versuchsbetriebes bekommen haben. Das Tollste an dieser Stelle war, wir mussten als Dienstwohnung ein Einfamilienhaus beziehen, das nach unseren Wünschen renoviert wurde.
Ich möchte noch mal betonen, wir hatten sehr, sehr viel Glück. Ich bekam einen Chef, der mir sehr wohl gesonnen war, den man gern mit „Herr“ angeredet hat, der aber leider mit 58 Jahren viel zu früh verstorben ist.
Das sollte mal von mir ein etwas längerer Beitrag zu den Wirren der Wendezeit gewesen sein.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
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zuletzt bearbeitet 14.02.2012 05:12 | nach oben springen

#323

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 13.02.2012 18:06
von Gelöschtes Mitglied
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@furry

Auch dein Beitrag ist sehr gut geschrieben und die damalige Situation beschrieben.

Gruß ek40


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#324

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 13.02.2012 18:55
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von ek40
@furry

Auch dein Beitrag ist sehr gut geschrieben und die damalige Situation beschrieben.

Gruß ek40



An dieser Stelle noch einmal vielen herzlichen Dank, an alle Kommentatoren und Interessenten. Vielleicht klappt es ja tatsächlich mit einem Buch. @ Fury, ich kann mich dem Lob von ek40 nur anschließen und dich ermuntern weiterzuschreiben. Von solchen echten Zeitzeugenberichten lebt doch unser Forum.

Gruß an alle
ein dankbarer Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


Svenni1980 und GeWa-8 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#325

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.04.2012 14:36
von Pit 59 | 10.134 Beiträge

Programmtipp:
Heute im MDR 22.05 Uhr

Der ABV-dein Freund und Helfer


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#326

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.04.2012 17:10
von Gert | 12.354 Beiträge

danke für den Tip. werde ich mir anschauen.

Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#327

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 24.04.2012 22:02
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Pit 59
Programmtipp:
Heute im MDR 22.05 Uhr

Der ABV-dein Freund und Helfer



Donnerwetter, haben die meine Memoiren schon verfilmt?

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

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#328

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 05.12.2012 15:59
von erkoe | 301 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #37
Hallo Frank!
Die Ereignisse in den Jahren 1990/ 1991 bei der Berliner Polizei, wären einen eigenen Threat wert. Ich habe gehört, dass die Kollegen im Osten der Stadt die Berater aus dem Westteil nicht selten als "Besatzer" empfunden haben. Aber wie so oft, wird es auch dafür wieder genügend Beispiele geben die das Gegenteil beweisen.
In Brandenburg gab es keine pauschale Verurteilung ganzer Laufbahngruppen oder Dienstzweige. Eine Überprüfung der Vergangenheit fand, trotz manch gegenteiliger Meinung, dennoch statt. Ob ein in Berlin entlassener Polizist in Brandenburg wieder eingestellt werden konnte, möchte ich bezweifeln. Ganz sicher bin ich allerdings, weil es möglicherweise auf den Einzelfall ankommt. Es soll ja zum Beispiel in Berlin vorgekommen sein, dass ein Wachpolizist noch seine frühere VP-Uniform im Schrank hatte. Als ihn ein Vorgesetzer nach dem Grund fragte, antwortete der Wachpolizist: " Man weiß ja nie, ob es nicht auch noch einmal anders kommt!" Diese Aussage hatte die Entlassung des Polizisten zur Folge. Ob es sich bei dieser Äußerung nur um einen makaberen Scherz handelt oder aus Überzeugung getätigt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Im ersteren Falle wäre eine Anstellung in Brandenburg unter Umständen durchaus möglich. Aber wie gesagt, dass ist jetzt nur meine persönliche Meinung.

Viele Grüße von der Oder nach Berlin
Uwe



Hallo Uwe, hallo ins Forum,

hierzu kann ich meine ganz eigene Geschichte als Ost- und West-Polizist beisteuern. Am 03.10.1990 wurde unsere Inspektion (Köpenick, ich war im K5) an 2 Kollegen aus W-Berlin übergeben. Die hatten sich eine Woche vorher mal kurz blicken lassen und ihr Erscheinen angekündigt. Zum damaligen Zeitpunkt war Eddi G. noch unser Kom-Leiter und wir hatten uns beeilt, den Vorrat an Cognac aus seinem Panzerschrank zu vertilgen. Zu arbeiten gabs ja nichts mehr so richtig... (Korrigiert mich bitte, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt den Eindruck, es herrschte eine Art Anarchie...)

Als die 2 Kollegen aus W-Berlin bei uns aufschlugen passierte was? Nichts. Wir fahndeten weiter mit unserem Wartburg, schrieben jeden morgen die Fernschreiben ab (ins Fahndungsbuch) und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Und die kamen auch. Eddi flog als erster raus, hat wohl für die andere Feldpostnummer gearbeitet. Erich und ich waren sozusagen noch Eigentum des PdVP und wurden zur Landespolizeidirektion Berlin versetzt. Da verloren wir uns aus den Augen. Ich kam in Schöneberg unter, Referat OK (Organisierte Kriminalität). Na das war vielleicht cool. Die konnten mit einem Kriminalmeister gar nichts anfangen und ich landete in der Lokalkartei.

Völlig sinnfrei an den Stuhl im Innendienst gefesselt begann ich, ähnliche Sachverhalte wie in der DDR auf eine Karteikarte zu schreiben. Das Wort "Prostitution" musste ich erst schreiben lernen, aber ich hatte ziemlich schnell begriffen, worum es ging. Eines Tages kam der Kom-Leiter auf uns zu, gab meinem Kollegen und mir einen Autoschlüssel, einen Fotoapparat und den dienstlichen Auftrag, im "randberliner" Raum die Aktivitäten der WGT aufzuklären. Man beachte hier: Wir waren zu diesem Zeitpunkt Angestellte der Berliner Polizei, versehen mit einem vorläufigen Dienstausweis gelb. (Waffenträger)

Wir also rein in den Ford Transit und das Berliner Umland abgeklappert. Aus meiner früheren Tätigkeit kannte ich noch einige Stützpunkte der WGT. Wir machten ein paar Fotos und brachten unsere Beobachtungen auch verbal zu Papier. Völlig sinnfrei, denn das Land Berlin war gar nicht zuständig. Hat sich im Nachhinein herausgestellt. Aber scheinbar stand ich bei OK eh auf verlorenem Posten. Und so verschlug es mich auch folgerichtig in die nächste Dienststelle... Und das war der Hit.

Das LKA Berlin gab es ja damals noch nicht, also wiederum Landespolizeidirektion (Gothaer Str.). Ab in den Gewahrsam. Haftbücher führen usw. Ich dachte, die wollten mich verarschen. 2-Schicht-System... ups. Ich hatte keinen Plan mehr über meine berufliche Zukunft. Sollte es das gewesen sein? Nö... Vor mir standen unsere ehemaligen Regierungsgrößen und trugen sich ins Haftbuch ein. Ein unglaubliches Erlebnis. Allerdings anders als ihr vielleicht vermutet.

Als der E. Mielke im Haftbuch unterschrieben hatte, blickte er zu mir auf und fragte nach einem Glas Wasser. Meine Kollegen aus Berlin-W blieben da ziemlich gelassen, ich bin sofort losgetrabt und hab ihm seinen Becher besorgt. Naja, er war vielleicht 2h bei uns (Eröffnung des Haftbefehls), dann auch schon wieder weg. Einen gewissen Spott konnten sich die W-Kollegen nicht verkneifen...

Tja, und dann begann meine Odyssee durch diverse Dienststellen.... Fortsetzung folgt zeitnah, wenn ihr wollt.


Nicht alle Beulen im Helm eines Offiziers stammen vom Klassenfeind...


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#329

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 05.12.2012 16:28
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Wir wollen.


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#330

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 05.12.2012 16:30
von Schmiernippel | 244 Beiträge

Gut geschrieben ,erkoe, und spannend. Ich will auch.
Gruß Schmiernippel



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#331

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 05.12.2012 18:54
von dergrenzer | 11 Beiträge

Ich selbst habe als 24-jähriger Schutzpolizist auf einem LO in der Leipziger Innenstadt gesessen (Brühl) während meine Freunde, Eltern und andere gute Bekannte ca. 100 m weiter (auf`m Ring) mit ca. 100.000 anderen Leuten demonstriert haben (Wir sind das Volk).
Das war wirklich beklemmend und wir waren alle froh, dass die Entscheidungsträger auf Gewalt verzichtet haben und wir zum Feierabend alle noch gesund und munter waren.


In Freude nicht jubeln, im Leid nicht klagen - das Unvermeidliche mit Würde tragen.
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#332

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 06.12.2012 12:54
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von dergrenzer im Beitrag #331
Ich selbst habe als 24-jähriger Schutzpolizist auf einem LO in der Leipziger Innenstadt gesessen (Brühl) während meine Freunde, Eltern und andere gute Bekannte ca. 100 m weiter (auf`m Ring) mit ca. 100.000 anderen Leuten demonstriert haben (Wir sind das Volk).
Das war wirklich beklemmend und wir waren alle froh, dass die Entscheidungsträger auf Gewalt verzichtet haben und wir zum Feierabend alle noch gesund und munter waren.


Warst du da persönlich in einem inneren Gewissenskonflikt?
Ich stelle mir das nicht so einfach vor in so einer Situation zu sein.


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#333

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 06.12.2012 14:28
von erkoe | 301 Beiträge

So Freunde, dann mal weiter im Text:

Man hatte beschlossen, uns ehemaligen VoPo's einen Crashkurs (halbes Jahr) in demokratischer Gesetzeskunde zu verpassen. So war es erstmal vorbei mit dem Gewahrsam. Was für ein Glück. Mittlerweile hatte sich bei mir fast die Verblödung breit gemacht. Allerdings lag das definitiv nicht an den Kollegen, sondern einfach an der geistigen Unterforderung. Im Alter von 23 Jahren war man geistig rege, ein Beamter kurz vor der Pensionierung sieht das dann sicher anders...

Also ab nach Biesdorf, wieder mal Polizeischule. Es fing alles sehr geruhsam und ohne die üblichen Spielchen Vorgesetzter - Unterstellter an. Und das Ganze auch in Zivil. Unsere "Klasse" bestand ausschließlich aus Angehörigen der K. Dann kam es aber doch recht dicke. Einige Kollegen, ich nenne sie mal Ausbilder, entpuppten sich als so eine Art Sieger. Vor allem gegenüber den älteren Kollegen, denen ihr Weltbild ja eh schon verloren gegangen war. Ich hätte nie gedacht, dass man z.B. beim Dienstsport oder der Ausbildung am Computer so über Leute herziehen kann. Aber auch wir Jungspunde hatten so unsere Probleme mit den Damen und Herren. Jeder von uns hatte gedient, sich bei der K etabliert und seinen Platz im Leben gefunden. Dann kommt ein Schnösel (im gleichen Alter) aus der Pol-Schule Spandau und denkt, er ist der Nabel der Welt… Ein wirklich komisches Gefühl.

OK, man hat sich dann arrangiert und auch die Lehrkräfte merkten schnell, dass gerade die älteren Kollegen über ein sehr fundiertes Wissen verfügten. Da ich schon an der OHS ein Faible für Computer hatte, fiel mir die Ausbildung sehr leicht und ich hab die alten Kämpfer dann in dieser Hinsicht prüfungssicher gemacht. Dafür gab es ne ordentliche Packung an Wissen, z.B. im Bereich KT oder Vernehmungstechnik, zurück.

Nach einer eingehenden Untersuchung und Prüfungen in verschiedenen Fächern wurden wir offiziell wieder in den Polizeidienst entlassen. Allerdings immer noch als Angestellte und ohne Marke in der Tasche, denn die Stasi-Überprüfung stand noch aus.

Mich verschlug es wieder in den Gewahrsam. Aber nur für 2 Wochen. Dann ab nach Moabit, Kripo City, Direktion 3, Kfz-Diebstähle. Zu einem Menschen, dem ich heute noch höchsten Respekt zolle und der mein Denken als „West“-Polizist sehr beeinflusst hat. KHK Otto T., damals schon Ende 50. Er hat mich sozusagen in das Geschäft eingeführt und wir hatten gut zu tun.

Ein knappes halbes Jahr später zog ich zum ersten Mal um, was einer Degradierung gleichkam. Fahrraddiebstahl… Ich hab gedacht, ich spinne. Außer den Stempel „Kein Anhalt für erfolgversprechende Ermittlungen“ auf den 900er (Anzeige) zu drücken, war nix mehr zu tun. Man kam sich vor wie ein Verwalter. Ist sicher auch heute noch so. Aber dafür gibt es ja die s.g. Angestellten im Ermittlungsdienst.

Ich tat meinen Unmut kund und es vergingen vielleicht 4 Wochen, bis ich mich im nächsten Kommissariat wiederfand. In der Hehlereigruppe. Echt spannend. Und endlich wieder an der frischen Luft…. Wir haben uns auf allen möglichen und unmöglichen Märkten herumgetrieben. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf geklauten C-Netz-Telefonen, damals noch so groß wie ein kleiner Aktenkoffer und richtig teuer. Die waren alle bei Siemens registriert und wir konnten fast jede Ident-Nummer zuordnen. Klasse Aufklärungsquote. Stellt euch das heute mal vor, bei der Anzahl an Handys…

Irgendwann wurde mir die Dir 3 aber zu eng. Am schwarzen Brett las ich eine interne Stellenausschreibung von der Abt. Staatsschutz. Die suchten mehrere Kollegen für den Bereich Linksextremismus. Klingelt’s? Ein Schelm, wer böses dabei denkt… Aber alles in allem, mein persönliches Fiasko. Und nur, weil ich keinen Observationslehrgang hatte. So ein paar Spießer…

Aber man war wieder auf mich aufmerksam geworden und erinnerte sich, dass ich doch Eigentum des PdVP war und somit auch zur Landespolizeidirketion bzw. des LKA in Gründung gehöre.

Und so zog ich wieder mal um. Diesmal ins LKA, ins Rauschgiftreferat.

Fortsetzung folgt…


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#334

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 06.12.2012 17:29
von dergrenzer | 11 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #332
Zitat von dergrenzer im Beitrag #331
Ich selbst habe als 24-jähriger Schutzpolizist auf einem LO in der Leipziger Innenstadt gesessen (Brühl) während meine Freunde, Eltern und andere gute Bekannte ca. 100 m weiter (auf`m Ring) mit ca. 100.000 anderen Leuten demonstriert haben (Wir sind das Volk).
Das war wirklich beklemmend und wir waren alle froh, dass die Entscheidungsträger auf Gewalt verzichtet haben und wir zum Feierabend alle noch gesund und munter waren.


Warst du da persönlich in einem inneren Gewissenskonflikt?
Ich stelle mir das nicht so einfach vor in so einer Situation zu sein.



Ja, das war schon ein komisches Gefühl. Mann konnte (und wollte) sich nicht vorstellen tatsächlich gegen die Leute vorgehen zu müssen. Man war ja in den meisten Dingen gleicher Meinung. Frag mich bitte nicht was ich getan hätte wären wir wirklich zum Einsatz gekommen wären. Ich weiß es nicht.


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#335

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 06.12.2012 20:01
von DoreHolm | 7.692 Beiträge

Zitat von dergrenzer im Beitrag #334
Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #332
Zitat von dergrenzer im Beitrag #331
Ich selbst habe als 24-jähriger Schutzpolizist auf einem LO in der Leipziger Innenstadt gesessen (Brühl) während meine Freunde, Eltern und andere gute Bekannte ca. 100 m weiter (auf`m Ring) mit ca. 100.000 anderen Leuten demonstriert haben (Wir sind das Volk).
Das war wirklich beklemmend und wir waren alle froh, dass die Entscheidungsträger auf Gewalt verzichtet haben und wir zum Feierabend alle noch gesund und munter waren.


Warst du da persönlich in einem inneren Gewissenskonflikt?
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Ja, das war schon ein komisches Gefühl. Mann konnte (und wollte) sich nicht vorstellen tatsächlich gegen die Leute vorgehen zu müssen. Man war ja in den meisten Dingen gleicher Meinung. Frag mich bitte nicht was ich getan hätte wären wir wirklich zum Einsatz gekommen wären. Ich weiß es nicht.



Man möchte es sich nicht vorstellen. Nach dem ersten tödlichen Schuss, egal von welcher Seite, wäre möglicherweise ein Damm gebrochen und da hätte es auch bei den bewaffneten Organen gehießen, "Schieße ich (oder gebe den Befehl dazu) oder schieße ich nicht und was macht mein Kamerad neben mir. Damals war ich Mitglied der KG. Mit meiner Frau hatte ich mich auch darüber unterhalten, was ist wenn die Sache eskaliert. Meine Aussage war damals, daß ich nicht schießen werde, mich aber auch nicht erschießen lasse, falls die andere Seite es darauf anlegen sollte.



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#336

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 12.12.2012 13:31
von erkoe | 301 Beiträge

Und weiter geht's: (Ich bitte um Verständnis, dass dieser Abschnitt nur meine persönlichen Erfahrungen und keine Bezüge enthält. Die Bewandtnis erschließt sich sicher von selbst.)

Das Telefon schellt (und ich bin im Keller, Helge S.) und ich am sortieren der Asservate. Eine nette Dame am anderen Ende der Leitung lädt mich zu einem Gespräch in die Gxxxxx Str. ein. Wie jetzt, schon wieder Gewahrsam? Nö, 3 Etagen höher. Der Herr K-Oberrat S. möchte sich mit mir unterhalten. Ich wörtlich: "Was'n das für eine Dienststelle?" Sie wörtlich: "Rauschgiftreferat." Ich wörtlich: "Wann?" Sie wörtlich: "Gleich." Ich hab mich erst mal hingesetzt und mir den Begriff Rauschgift auf der Zunge zergehen lassen, bin zu meinem Kom-Leiter und der wusste es schon. Also ab in die Bahn nach Schöneberg. Erst mal im Gewahrsam vorbei, den Kollegen einen guten Tag und Achim H. viel Erfolg mit seinem Gaul gewünscht. (Das war ein Traber, der aber mehr gallopierte. In Mariendorf haben sich die Leute über die Mähre kaputtgelacht...)

Mit dem Paternoster in die Dritte und rein ins Vorzimmer. Irgendwie hatte ich die Hosen voll. Rauschgift??? Kannte ich gar nicht. Naja, vielleicht sollte es wieder so ein Innendienstposten wie bei OK werden. Weit gefehlt, nach ca. 1 h war ich beim Referatsleiter raus und wurde von meinem neuen Kom-Leiter durch die Räumlichkeiten geführt und den Kollegen vorgestellt. Allerdings hatte ich die Nase gleich voll. Katzentisch. Mit dem Rücken zur Tür. Höchststrafe.

Na egal, 2 Tage später schlug ich mit meinem Krempel beim LKA xxxx auf. Erste Amtshandlung: Ab zum Platz der Luftbrücke und Ernennung zum Beamten auf Probe. Sozusagen "All inclusive". Ordentlicher Dienstausweis, Kripomarke und P6. Tja, nun war ich ein richtiger Polizist und fuhr voller Erwartung in meine Dienststelle. 2. Amtshandlung: Dienstschluss --> Kneipe. Spaß beiseite, am 3. Tag ging's auch gleich los. Ein Beschluss war zu vollstrecken. Mir zitterten die Hände, die Knie und was sonst noch so zittern konnte.

Rein in die Karre und ab. Wenn ich mich recht entsinne waren wir 7 Leute, naja 6,5. Ich hatte absolut keinen Plan und sollte mich im Hintergrund halten. Was ich natürlich auch tat. Klopf, klopf... Bei dem Wort "Moment" war die Tür schon auf. Wenn ihr versteht, was ich meine. Wir rein in die Butze und erstmal Sicherheit hergestellt. Leute, ich muss euch sagen, so eine "Wohnung" hatte ich noch nicht gesehen (ich sollte im Verlaufe meiner Arbeit aber noch ganz andere zu Gesicht bekommen). Nun ja, ich stand auf einmal im Wohnzimmer und die Durchsuchung nahm ihren Lauf. Die Gestalten hockten auf dem Sofa und ich nahm mir einfach eine Jacke, krempelte die Taschen um und siehe da... Ausgewogene 20 g Heroin. Doing. Alle Mann eingesackt und ab auf die Dienststelle. Nun hatte ich mir was eingebrockt... Den Papierkram. Aber irgendwie musste ich es ja lernen.

Lob von allen Seiten für den Neuen... Abends im Bette sank dann der Adrenalinspiegel und ich fragte mich, was mich noch so erwarten würde. Hätte ich das zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, ... Naja, andere Kanne Bier.

Fortsetzung folgt...


Nicht alle Beulen im Helm eines Offiziers stammen vom Klassenfeind...


94, Eisenacher, S51, Svenni1980, Hackel39 und GeWa-8 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#337

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.01.2013 12:43
von der glatte | 1.356 Beiträge

Hallo Uwe,

ist denn nun schon etwas für eine Veröffentlichung Deiner Erlebnisse im Buchformat geworden?

Gruß vom Glatten


ACRITER ET FIDELITER


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#338

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.01.2013 15:26
von erkoe | 301 Beiträge

Nun mal weiter im Text... Auch wenn die Wende (zum Berichtszeitpunkt) schon 3 Jahre zurückliegt und vielleicht nicht ganz zum Betreff passt... Ich hoffe, der ABV'er verzeiht mir das.

Das Tagesgeschäft hatte den ehemaligen VoPo schnell eingeholt. Als junger Kerl kann man sich halt ad hoc auf neue Situationen einstellen. Eine davon war das Ende der Dir VB (Direktion Verbrechensbekämpfung). Wir wurden zum LKA. Klasse, das hatte doch was. Landeskriminalamt. Wow. Mit der Dienststellenbezeichnung konnte man glatt angeben, es gab neue Dienstausweise und mit stolz geschwellter Brust fielen wir trotzdem wie gewohnt bei unserer Klientel ein.

Mittlerweile hatte ich die letzte Reihe verlassen, bekam meine eigenen Ermittlungsvorgänge und stand an der Wohnungstüre immer mit vorn. Was sich eines Tages als nicht so ganz gesund hätte erweisen können. Türe auf, rein ins Vergnügen und STOP. Mir standen 2 Doggen gegenüber, fletschten die Zähne und sahen mich grimmig an. In der hinteren Ecke des Flur’s stand Herrchen und lachte sich scheckig. Nach einer Schrecksekunde hatte ich die Knarre in der Hand und mir fiel ein: unter- aber nicht durchgeladen. Das wusste aber nur ich. Ich hab also nicht auf die Tölen gezielt, sondern auf Herrchen. Dem verging das Lachen, er legte die Köter an die Leine und wir fanden in seinem Spülkasten was wir gesucht hatten.

Wenigstens hatte der Kollege seine Wohnungstür freiwillig geöffnet und ihm blieben die Kosten eines neuen Verschlages erspart. Ganz im Gegenteil zu einem anderen Zeitgenossen. Nach dem Hinweis auf Polizei mit Beschluss war die Toilettenspülung zu vernehmen und jedem Beamten war klar, dass hier Gefahr im Verzuge ist. Just in dem Moment, als sich der arme Kerl entschloss, die Tür zu öffnen, lag er auch schon drunter… Aber auch hier wurden wir fündig, denn der Depp hatte die Päckchen in Zellophan eingehüllt und sie somit zum schwimmen gebracht.

In vielen Tagen und Nächten versuchten wir weiterhin unser Berlin möglichst frei von diversen illegalen Rauschmitteln zu halten, was uns mehr oder weniger auch gelang. Besonderes Augenmerk legten wir bei Festnahmen auf den Zustand des Täters/der Täterin. War er/sie auf Entzug --> Gewahrsam. Dann mussten sich die Kollegen mit der vollgekotzten Zelle beschäftigen und wir hatten einen sauberen Vernehmungsraum. Böse und unkollegial, ich weiß.

Eine weitere Story möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich lache heute noch drüber, wenn ich die vermummten Überflieger des SEK im Fernsehen zu Gesicht bekomme. Nach mehr als einem halben Jahr Ermittlungsarbeit war ein Beschluss zu vollstrecken. Spandau, einzeln stehende Gartenlaube. Da wir wussten, dass der Kollege nicht ohne war, haben wir gleich das SEK rangelassen und uns ca. 50 m weiter hinten im Gras versteckt. Massive Holztür, riesengroße Scheibe mit Balkontür. Mit dem Fernglas war der Delinquent, seine Olle und eine schlafende Töle auszumachen.

Tja, und was machten unsere Elitekämpfer? Sie versuchten, die nach AUßEN zu öffnende Tür mit der Ramme einzuschlagen. Das gab ordentlich Krach. Delinquent, Olle und Hund waren sofort wach, die Tür blieb allerdings zu. Ein blitzgescheiter Kollege schmiss die Ramme schließlich durch’s Fenster und Delinquent, Olle und Hund konnten überwältigt werden. Der Köter hatte sich derart erschrocken, dass er sich widerstandslos an einem Pfahl anbinden lies und nur noch winselte. Wir haben dann Hütte und Nebengelass zerlegt…. Hat sich gelohnt. Delinquent: 4 Jahre, Olle: 1 Jahr, Hund: vermutlich Tierheim.

VG
Erik


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Hackel39 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.01.2013 23:21 | nach oben springen

#339

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 01.05.2013 14:16
von peterv | 10 Beiträge

Hallo Uwe,
Danke für das Überliefern deiner Erkebnisse, die Biographien von irgendeinem König dem 127. sind ja Fad dagegen. Was mich aber wundert ist die Tatsache dass es überhaupt, ich glaube man sagt Kleinkriminalität dazu, gegeben hat. Ich dachte immer, in der DDR gibt es aufgrund strenger Gesetze und der lückenlosen Überwachung keinen der sich traut auch nur eine Zeitung zu stehlen, geschweige denn, ein Fahrrrad oder sonst was. Jetzt wird mir aber klar, warum bei den Trabis in Sopron (Ich wohne wenige Kilometer von der ungarischen Grenze) immer die Scheibenwischer gefehlt haben. Ich dachte zuerst, es gibt halt keine, aber wenn es zu Regnen begann, standen alle Trabis am Strassenrand und es wurden die Wischer montiert.

Danke auch für die schönen Landschaftsaufnahmen, die machen Gusto auf eine Reise zum Oderbruch.
Wenn du deine Beiträge wirklich als Buch bringst, hätte ich noch den Vorschlag, deine Erlebnisse mit vielleicht vorhandenen Bildern von Früher und als Vergleich von jetzt, sowie mit Kartenausschnitten zu ergänzen. Als Ortsunkundiger muss ich so halt immer auf google Maps suchen.
Grüsse aus dem Burgenland.
Peter


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#340

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 02.05.2013 16:03
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von peterv im Beitrag #339
Hallo Uwe,
Danke für das Überliefern deiner Erkebnisse, die Biographien von irgendeinem König dem 127. sind ja Fad dagegen. Was mich aber wundert ist die Tatsache dass es überhaupt, ich glaube man sagt Kleinkriminalität dazu, gegeben hat. Ich dachte immer, in der DDR gibt es aufgrund strenger Gesetze und der lückenlosen Überwachung keinen der sich traut auch nur eine Zeitung zu stehlen, geschweige denn, ein Fahrrrad oder sonst was. Jetzt wird mir aber klar, warum bei den Trabis in Sopron (Ich wohne wenige Kilometer von der ungarischen Grenze) immer die Scheibenwischer gefehlt haben. Ich dachte zuerst, es gibt halt keine, aber wenn es zu Regnen begann, standen alle Trabis am Strassenrand und es wurden die Wischer montiert.

Danke auch für die schönen Landschaftsaufnahmen, die machen Gusto auf eine Reise zum Oderbruch.
Wenn du deine Beiträge wirklich als Buch bringst, hätte ich noch den Vorschlag, deine Erlebnisse mit vielleicht vorhandenen Bildern von Früher und als Vergleich von jetzt, sowie mit Kartenausschnitten zu ergänzen. Als Ortsunkundiger muss ich so halt immer auf google Maps suchen.
Grüsse aus dem Burgenland.
Peter


Hallo Peter!
In der DDR hat es eine ganze Menge Kleinkriminalität gegeben. Ohne das jedes Delikt unbedingt angezeigt wurde. Das mit der " lückenlosen Überwachung", ist wirklich nur ein Gerücht. Allein aus personeller Hinsicht wäre die Volkspolizei da sehr schnell an ihre Grenzen gestoßen.
Eine durchschnittliche Nachtschicht im Volkspolizeikreisamt Seelow setzte sich folgendermaßen zusammen:
Ein " Operativer Diensthabender" , ein Gehilfe des " Operativen Diensthabenden, ein Hausposten und maximal zwei Schutzpolizisten. Dazu gab es noch je einen Bereitschaftsdienst von Verkehrs und Kriminalpolizei. Ergo standen für die " Überwachung", sprich den operativen Streifendienst, lediglich zwei Polizisten zur Verfügung. Deren Einsatzgebiet sich jedoch auf die Kreisstadt selbst beschränkte. Für die Sicherheit im Kreisgebiet sorgten die Abschnittsbevollmächtigten. Wobei ein ABV-Abschnitt fünf bis zehn Orte umfasste. Eine Ausnahme bildete lediglich die Stadt Seelow, deren Gebiet sich zwei ABV teilten.
Überschätzt wird auch das Wirken der VP-Helfer. Wo von es, auf dem Papier, sicher eine ganze Menge ab. Wirklich aktiv zeigten sich lediglich maximal fünfundzwanzig Prozent des Gesamtbestandes. Bei dem großen Rest handelte es sich um " Karteileichen".
Eine Hauptursache von Eigentumsdelikten in der DDR bestand, meiner Meinung nach, in dem vorherrschenden Mangel an Dingen des persönlichen Bedarfs. Von Baumaterialien, KfZ-Teilen bis hin zu Genußmitteln. Wobei beispielsweise der " Klau auf dem Bau" in großen Kreisen der Bevölkerung eher als " Volkssport", nicht aber als kriminelles Delikt angesehen wurde.
Seitens der Verantwortlichen im VPKA wurde alles getan, um die Kriminalitätszahlen im Kreisgebiet so gering wie möglich zu halten. Das geschah, zum einen, durch engagierte Polizeiarbeit. Zumindest im Rahmen der Möglichkeiten. Andererseits aber auch durch den so genannten " Spitzen Bleistift". In der DDR galten Eigentumsdelikte mit einer Schadenshöhe unter fünfzig Mark, als Verfehlungen. Nicht aber als Straftat! Was bedeutete, dass diese Dinge nicht in die offizielle Kriminalitätsstatistik einflossen. Es konnte durchaus vorkommen, dass ein Einbruch zu einer Verfehlung heruntergerechnet wurde. Obwohl auf Teufel komm raus geklaut wurde, vermeldete die VPKA-Leitung stets einen Rückgang der Kriminalität. Zur Freude der SED-Kreisleitung. Der ABV-Abschnitt Alt Zeschdorf galt als Abschnitt mit " Null-Kriminalität". Ich weiß noch, dass der zuständige ABV jedes Mal die Augen verdrehte, wenn davon gesprochen wurde. Wusste er doch genau, auf welche Art und Weise diese " Null-Kriminalität" zustande kam.
Peter, wenn du noch Fragen hast, frage ruhig. Egal ob zur VP, der DDR im allgemeinen oder dem Oderbruch im besonderen

Viele Grüße aus dem Oderbruch zurück ins Burgenland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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