#221

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 18.08.2011 10:56
von exgakl | 7.223 Beiträge

Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#222

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 18.08.2011 18:52
von Commander | 1.055 Beiträge

Uwe,nach anstrengender Woche nach Hause gekommen u.was finde ich?
Wieder 2 neue tolle Updates von Dir,einfach Klasse!!
Laß nicht nach u. mache weiter so!
Gruß C.



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#223

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.08.2011 22:26
von ABV | 4.202 Beiträge

Vielen Dank an alle Kommentatoren und auch an jeden einzelnen Leser

Nun folgt das nächste update, welches sich mit den Ereignissen im Februar 1990 beschäftigt
Viel Spaß beim Lesen

euer Uwe

Nun blieben nur noch gute sechs Wochen bis zu jenem schicksalsschweren 18. März 1990. Meine ehemalige Partei nannte sich nun noch Partei des Demokratischen Sozialismus, kurz PDS. Wie nicht anders zu erwarten, blieb der insgeheim erhoffte Imagegewinn in der Bevölkerung aus. Namen sind nun einmal Schall und Rauch, es kommt vielmehr auf den Inhalt drauf an. Und der trug noch immer den Geruch des Vergangenen, wie konnte es nach so kurzer Zeit auch anders sein? Dennoch war es erstaunlich, mit welchem Optimismus manche der unbeirrbaren Genossen an den Wahlkampf gingen. Oder glich das ganze nur dem berühmten „Pfeifen im Walde“? Nun endlich wollte man einen richtigen Sozialismus in der DDR erschaffen, ohne Verzerrungen und Schönfärberei. Hört, hört! Der Sozialismus konnte also gar nicht scheitern, weil es ihn noch gar nicht gab! Nun aber, nach über vierzig Jahren, sollte es nun aber wirklich an den Aufbau einer besseren Gesellschaftsordnung gehen. Das war ganze war wohl mehr der Versuch öffentlich einzugestehen das man vier Jahrzehnte nur gelogen hat, als echte Wahlpropaganda. Auf mich machte die PDS eher den Eindruck eines müden alten Mannes, der mit gebrochenen Beinen an einem Marathonlauf teilnehmen möchte. Im März sollte nun endlich auch mein Vorbereitungsstudium in Potsdam weitergehen. Für eine Woche sollte ich in der dortigen Polizeischule die Schulbank drücken, nachdem die Maßnahme im November auf Grund der Ereignisse ausfallen musste. „ Du gehst im September auf jeden Fall nach Pretzsch zum Direktstudium. Es sei denn, dass du Vorprüfung vermasselst,“ hatte mir Hauptmann Manfred B., konfrontiert mit meinen diesbezüglichen Zweifeln, forsch geantwortet. Vielleicht sogar etwas zu forsch, um wirklich glaubwürdig zu klingen. Oder steigerte ich mir da nur in etwas hinein, was sich allmählich zu einer handfesten Sinnkrise auszuweiten drohte. Ich hatte ganz einfach den Glauben an eine Zukunft als Volkspolizist verloren und konnte beim besten Willen keine Motivation für das einjährige Studium im Herbst aufbringen. Ministerpräsident Modrow hatte mir mit seinen überraschend verkündeten Plan zu der nun auch von ihm anvisierten deutschen Einheit, endgültig alle Illusionen geraubt. Der Zug in Richtung Wiedervereinigung hatte den Bahnhof DDR nun verlassen, selbst die Weichenstellung lag nun nicht mehr in der Hand unserer Regierung. Modrow, im Sommer 1989 von den Medien noch als eine Art Hoffnungsträger und SED-Reformer gehandelt, wurde als erster aufs politische Abstellgleis geschoben. Seinen Plan für „ Deutschland einig Vaterland“, von ihm selbst so bezeichnet, blockte die Bundesregierung ab. Solche Dinge wolle man erst nach den Wahlen mit einer dann freigewählten Regierung besprechen. Wiedervereinigung bedeutete nach meiner damaligen Überzeugung nicht nur das Ende der DDR, sondern auch meiner beruflichen Laufbahn. Wie sollte ich da noch Kraft für ein Studium aufbringen, nur um dann doch entlassen zu werden?
Diese Angst teilte ich mit vielen meiner damaligen Kollegen. Haltlose Gerüchte, kolportiert und aufgebauscht, taten ihr übriges um die Motivation der Volkspolizisten auf den Nullpunkt zu bringen. Wie sich noch erweisen sollte, waren diese Ängste bei einem nicht geringen Teil der Seelower Polizisten nicht unbegründet. Für viele waren nun tatsächlich die letzten Monate ihres Berufslebens angebrochen, aber dazu später mehr.
In Seelow gab es damals einen quittegelben Zeitungskiosk, welcher wie ich ein ängstliches Mäuschen, in der äußersten Ecke des großen Parkplatzes, an eine Hauswand schmiegte Bei jedem Besuch in der Kreisstadt, lenkte ich meine Schritte zunächst zum besagten Kiosk. Wer Glück hatte, konnte dort literarische „Bückware“ wie das Jugendmagazin „ Neues Leben“, einer Art ostdeutscher „Bravo“, aber auch die durchaus informative „Wochenpost“ und last but not least, das „ Magazin“, erwerben. Letztere war wohl vor allem wegen der vielen, sich bestens als Schrankposter eignenden Aktfotos besonders beliebt und schnell vergriffen. Ob ich auch zu den Käufern des „ Magazins“ gehörte? Freunde, alles soll hier nun auch wieder nicht verraten werden. Ein paar Details der „Wende“ sollten bitte schön im Dunkeln bleiben! Obwohl solch ein Nackedei bestimmt ganz prima den dunklen Fleck welcher sich statt des Portraitbildes des in die Wüste geschickten Genossen Honecker an der Wand meines Dienstzimmers ausbreitete, verdeckt hätte. Eines kühlen Februarmorgens entdeckte ich eher zufällig eine mir bis dahin völlig unbekannte Gazette in den Auslagen. Ihr Name, „ Die Andere“, war gewissermaßen Programm. Unverkennbar, bei den Herausgebern handelte es sich um vor kurzem noch als subversive Staatsfeinde verschrieene „Bürgerbewegte“. Also, Leute welche schon von Hause aus nicht so gut auf Staat und Polizei zu sprechen waren. Was die wohl konkret so über uns schreiben? Meine jäh entflammte Neugier beschloss ich nun mit dem Kauf eines Exemplars zu befriedigen. Die freundliche Dame schaute etwas verdattert, dass ausgerechnet ein uniformierter Polizist eine Zeitung der Bürgerbewegung kauft. Vielleicht hielt sie mich ja jetzt für einen verkappten Oppositionellen? Oder für einen ausgemachten „Wendehals?“ Ihrem verkniffenen Blick nach zu urteilen, dürfte das letztgenannte wohl als die wahrscheinlichere Variante angesehen werden. Vielleicht hatte sie ja auch erwartet, dass ich das Ding einfach beschlagnahmen würde? Aber diese Zeiten waren ja nun einmal vorbei!
Im Dienstzimmer angekommen, las ich aufmerksam jeden einzelnen Artikel. Je intensiver ich mich damit beschäftigte, desto einleuchtender erschienen sie mir. Trotz, oder gerade wegen ihrer offenen und unverhohlenen Kritik an allem was mit der DDR auch nur im leisesten zusammenhing. Natürlich bekam auch die VP „Zunder“ verpasst, aber sogar diese Passagen gefielen mir. Vor ein paar Wochen wäre ich noch wie weiland das HB-Männchen in der Westwerbung der siebziger Jahre, an die Decke gegangen. Trotzdem blieb da so ein schales Gefühl in der Magengrube, man könnte es auch Unzufriedenheit nennen. Klar, die Jungs von „ Der Anderen“ waren schon helle Köpfe, an ihren Artikeln gab es nichts zu deuteln! Aber mal ehrlich, wer steht denn schon gerne auf der Verlierer? Mein Zeitungsstudium fesselte mich so sehr, dass ich die Ankunft meines Vorgesetzten überhaupt nicht bemerkte. Sonst warnte mich das Knattern seines Motorrades immer rechtzeitig genug, um alle nicht mit meinem Dienst im Zusammenhang stehenden Tätigkeiten rechtzeitig beenden zu können. Aber gehörte das Studium von Tageszeitungen nicht auch zum täglichen Dienst? Die sich in Abwicklung befindliche Politabteilung der Frankfurter BdVP soll sich sogar mit nichts anderem beschäftigt haben. „ Na schon wieder am Schmökern? Was für ein Wurstblatt hast du dir denn da wieder gekauft? Ich hatte gehofft bei dir endlich mal den „Playboy“ ausborgen zu können. Aber du liest immer nur solch harmloses Zeug“, flachste ein gutgelaunter Hauptmann B zur Begrüßung. „ So harmlos ist die Zeitung gar nicht. Hab sie heute früh in Seelow gekauft, es ist erstaunlich was heutzutage alles geschrieben und sogar gedruckt werden kann“, antwortete ich und reichte meinem Chef das „ Corpus delicti“. Interessiert überflog Manfred einige der von mir als besonders prägnant beschriebenen Artikel. „ Ja, mein lieber das ist Pressefreiheit. Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Pass bloß auf, dass du keine Scheiße baust. Sonst kommst du ganz schnell auf die Titelseite eines solchen Blattes.“ Die Aussicht auf unliebsame Publicity dämpfe meine anfängliche Begeisterung für das angebrochene Zeitalter journalistischer Freiheit nun doch etwas. Mit meinem angebornem Hang in jeden Fettnapf zu treten, wäre ich bestimmt ein gefundenes Fressen. „ Hast du was dagegen, wenn ich die Zeitung mitnehme? Ich muss anschließend zum Amtsleiter. Mal sehen was der zu den Artikeln sagt.“ Hauptmann B. schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Offensichtlich bereitete ihm die Aussicht auf die „Seelenpein“ unseres „Alten“ ein geradezu diebisches Vergenügen. Hohe Offiziere der Volkspolizei standen besonders im Fokus der Berichterstattungen. Nun wird ja besonders loyalen Mitarbeitern nachgesagt, „ dass sie ihrem Chef auf der Toilette die Zeitung vorlesen“. Es handelt sich natürlich nur um eine bildliche Umschreibung einer besonders widerwärtigen Form von Anbiederei. Auf den wackeren Hauptmann B. trifft dieses auch keineswegs zu, aber trotzdem habe ich stets, wenn ich an diese Begebenheit denke, genau dieses Bild vor Augen! Oberstleutnant N. hockt mit heruntergelassener Uniformhose auf der Toilettenschüssel und Hauptmann B. rezitiert vor der Box die unliebsamen Zeitungstexte. Und wenn man sich dann noch die nötige Geräuschkulisse vorstellt.... Nun möchte ich aber die fäkalen Niederungen verlassen und zum seriösen Ton zurückkehren. Egal ob nun auf der Toilette oder in seinem Dienstzimmer sitzend, Oberstleutnant N. konnte sich anfangs so gar nicht mit dem Inhalt dieser im wahrsten Sinne des Wortes „anderen Zeitung“ anfreunden. „ Das kann doch alles nicht wahr sein. Wo soll denn das nur hinführen?“, entfuhr es ihm spontan. So berichtete mir jedenfalls ein noch immer sichtlich vergnügter Hauptmann B., da ich natürlich bei der ungewöhnlichen Zeitungsschau nicht anwesend war. Von nun war ich so etwas wie ein „ heimlicher Presseoffizier“, kaufte so oft es ging die Zeitungen der Opposition. Mit einem Anflug von Masochismus interessierten mich vor allem all die Artikel, welche sich speziell mit der Rolle der Volkspolizei beschäftigten und diskutierte das gelesene mit Hauptmann B.
„ Wir müssen uns ganz schön drehen, um überhaupt noch eine Chance zu haben“, erwiderte Manfred eines Tages sehr nachdenklich. Auch sein berufliches Selbstbild als Volkspolizist schien immer mehr ins Wanken zu geraten. Einst gehörte er in seiner früheren Dienststelle, dem VPKA Schwedt, zu denjenigen dessen Werdegang sogar in einer Werbebroschüre für den Dienst bei der VP, Verwendung fand. Nun war die so heile Welt mit einem Schlag wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. „ Wir waren bisher nichts anderes als eine Armee mit polizeilichem Charakter. Von einer echten Polizei trennen uns noch Welten“, sagte er in tiefen Grübeln versunken. Armee mit polizeilichem Charakter? Gut, so einiges an und in der Volkspolizei erinnerte tatsächlich hin und wieder an die NVA. Aber was war daran denn so schlimm? Schließlich waren wir ja ein Schutz und Sicherheitsorgan, welches im Kriegsfall sogar das Vaterland verteidigen musste. „ Da haben die uns im Westen eine Menge voraus. Die ganzen Strukturen, auch die Ausbildung und letztendlich die Anforderungen an jeden einzelnen Polizisten. Da kommt noch eine Menge auf uns zu, wobei einige von uns die Anforderungen wohl kaum erfüllen dürften.“ Wem er konkret meinte, behielt Manfred in diesem Moment für sich. Möglicherweise zählte er sich sogar selbst dazu, wer konnte schon von sich behaupten als Polizist „westlichen Standards“ zu genügen? Waren wir nicht ein „toller Verein?“ Wir glaubten nicht mehr an uns selbst, wurden von der Presse zerrissen und von der Bevölkerung mit mangelndem Respekt bedacht, sollten aber trotzdem für Recht und Ordnung sorgen!
Das war bitter nötig, auch im Kreis Seelow drohte die Ordnung aus den Fugen zu geraten. Eines nachts ließ ein mehrfach vorbestrafter Mitmensch ganz unverfroren auf dem Dach seines Hauses eine Hakenkreuzfahne im rauen Oderbruchwinde flattern. Kurze Zeit später erschien die selbe Type vor der sowjetischen Kaserne in Kietz und teilte dem Posten mit, dass es Zeit wäre den deutschen Boden endlich zu verlassen. Was man sich mit 3 Promille Alkohol im Blut nicht so alles traut! Wider Erwarten rückten die Russen aber trotzdem nicht ab und sperrten den Kerl bis zum Eintreffen der Polizei kurzerhand in eine ihrer Arrestzellen. Schließlich hatten ihre Väter gerade hier an der Oder bei Küstrin einen wichtigen Sieg gegen den Faschismus errungen, da wird man sich ja wohl nicht von einem einzelnen Neonazi ins Bockshorn jagen lassen!
Ausgerechnet in meinem wohlverdienten Urlaub, um die Mitte des Monats, ereilte mich das nächste „Aha-Erlebnis“. Ich durfte mich einmal mehr von einem liebevoll gehegten Vorurteil verabschieden. In einem der vorangegangenen Kapitel erwähnte ich die Gemeindeschwester von Libbenichen, Marie-Luise J. und deren Auftritt bei einer öffentlichen Bürgerversammlung im November. Wie hatte ich mich damals über die Frau geärgert, als diese mit ernster Mine Erlebnisberichte von Leuten vortrug, welche am 07. und 08.. Oktober auf eine unglaublich brutale Art und Weise mit der Volkspolizei in Berührung gekommen waren. Unglaublich ist wohl auf meine Person bezogen; das absolut richtige Wort, denn mit jeder Faser meines Körpers weigerte ich mich das gehörte zu glauben. Wie hatte ich mich doch damals über die von Frau J. frech verbreiteten „Lügen“ geärgert. Mittlerweile musste aber auch der letzte Zweifler einsehen, dass es Frau J. die Wahrheit gesagt hatte. Trotzdem, so ganz konnte ich noch immer keinen Frieden mit ihr schließen. Bis zu jenem Abend an dem ich mit ihr einen völlig betrunkenen einsamen Rentner die steilen Treppen zu dessen Wohnung hinaufhelfen musste. Frau J. war in ihrer Eigenschaft als Gemeindeschwester zu dem besagten Rentner gerufen worden und hatte mich, da zufällig in Libbenichen anwesend, um Hilfe gebeten. Obwohl zu diesem Zeitpunkt wie schon gesagt, offiziell im Urlaub, konnte ich ihr Ansinnen natürlich nicht ausschlagen. Wie sehr sich doch das Bild eines Menschen nach gemeinsam erlebter Anstrengung ändern kann! Es gelang es uns nur unter Aufbietung aller physischen Kräfte den gefühlte einhundertfünfzig Kilo wiegenden Mann Stufe für Stufe seiner Koje näher zu bringen. Da war kein Platz mehr für persönliche Antipathien, eine falsche Bewegung und wir wären die Treppen heruntergestürzt. Noch viel wichtiger als dieser kraftraubende Einsatz, erscheint mir noch heute mein längst überfälliges Gespräch mit der Gemeindeschwester. Sie war nichts weniger als eine undifferenzierte Polizistenhasserin. Im Gegenteil, sie bestätigte mir mehrfach das sie die Arbeit der Volkspolizei achtet und schätzt. Zu einer guten Polizeiarbeit gehört aber nun einmal nicht, wahllos unschuldige Bürger zu verprügeln und zu demütigen. Nichts anderes wollte sie am November 1989 anprangern, nicht aber die Volkspolizei in ihrer Gesamtheit. Warum zum Teufel sind wir so geworden? Bei jeder Kritik wittern wir sofort einen ungerechtfertigten Angriff und ziehen uns in eine „innere Wagenburg“ zurück. Bin ich nicht Polizist geworden, um das Gute zum Sieg zu verhelfen? Leider gehörte wohl auch die Volkspolizei nicht länger mehr zu den Guten dieser Welt, hatten wir doch unser selbst propagiertes Idealbild spätestens im Oktober 1989 mit unseren Knüppeln gewissermaßen vor aller Welt selbst zerschlagen.


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#224

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.08.2011 21:14
von ABV | 4.202 Beiträge

So nun folgt das, hoffentlich mit Spannung erwartete, nächste update meiner Wendeerinnerungen.

Viel Spaß beim Lesen
euer Uwe


Im März 1990 erlebten wir eine Zeit, welche ohne Übertreibung mit Fug und Recht als
„ Politischer Frühling“ bezeichnet werden darf. Im Kreis Seelow, wie überall in der gesamten DDR, warben die sich am 18. März zur Wahl stellenden Parteien mit bunten, sich inhaltlich nicht selten erheblich unterscheidenden Plakaten. Die einen wollten den Sozialismus verbessern, während die anderen ihn gänzlich abschaffen und gegen eine „ soziale Marktwirtschaft“, sprich den Kapitalismus, eintauschen wollten. Immerhin solch einen Wahlkampf hatten die Bürger der DDR wohl noch nie erlebt. Wie sollten sie auch? Wo sie doch bisher nicht einmal richtige Wahlen kannten! Unabhängig vom politischen Couleur, die Verfasser der meisten Wahlplakate entwickelten in der Kürze der Zeit ein wahres Feuerwerk an Kreativität. So warb zum Beispiel die „ Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz“ mit dem Bildnis eines den „kleinen Michel“ in der DDR“ förmlich mit seiner physischen Erscheinung überrollenden Helmut Kohl. „ Ohne uns“ stand auf dem Wahlplakat und signalisierte, dass sich neben der PDS noch andere politische Kräfte um den Erhalt der DDR sorgten. Dem wollte die erwähnte PDS natürlich nicht nachstehen und warb dem Hype um ihren neuen Vorsitzenden folgend mit dem Slogan: „ Don’t worry take Gysi“. Von diesem, dem Rechtsanwalt und PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi, soll im folgenden noch die Rede sein. Besuchte er doch am 11. März, eine Woche vor der Schicksalswahl, auch die kleine Kreisstadt Seelow. Doch dazu später mehr! Zunächst einmal schickte mich die Polizeiführung in den ersten Märztagen für eine Woche auf die Polizeischule nach Potsdam zu einem Vorbereitungslehrgang für mein für den Herbst anberaumtes Studium. Wie nicht anders zu erwarten, entwickelte sich der Kursus zu einem absoluten Fiasko. So etwas wie ein Lehrplan existierte überhaupt nicht mehr. Niemand wusste wie und schon gar nicht ob es mit uns noch weitergehen würde. Politunterricht, aber auch der leidige Frühsport und das militärische Gehabe gehörten nun wohl der Vergangenheit an. Statt dessen versuchten sich die Lehrer soweit es ihnen möglich war, unseren Fragen zu stellen. Selbst aufs tiefste verunsichert und um die berufliche Zukunft bangend, gelang es ihnen nicht unsere tiefe moralische Krise in den Griff zu bekommen. VP-Obermeister Jürgen S. vom VPKA Strausberg brachte es in einer Diskussion bei der es darum ging das es künftig wohl auch in der VP notwendigerweise Entlassungen geben wird auf den Punkt: „ Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, nun darf er gehen!“ Treffender konnten wohl die Sorgen und Nöte der Volkspolizisten in jenen Tagen, nicht wiedergegeben werden. Für mich brachte das Zusammentreffen mit den Kollegen aus der gesamten DDR die Erkenntnis, dass ich in meinem plüschig beschaulichen Oderbruch bisher wohl nur eine Art „ Wende-light“, mithin eine „abgespeckte“ Variante des Umbruches in der DDR erlebt hatte. In einigen Städten waren weitaus mehr Demonstranten unterwegs gewesen, als der gesamte Kreis Seelow Einwohner hatte. „ Ich hatte verdammten Schiss, als direkt vor dem Fenster meines Dienstzimmers“ etliche tausend Menschen mit Plakaten und Kerzen vorbei liefen“, berichtete ein Kollege aus Frankfurt (Oder). Bedenklich auch die Worte eines angehenden Abschnittsbevollmächtigten aus Eisenhüttenstadt, welcher bei der Besetzung der dortigen Kreisdienststelle des MfS, im Dezember 1989, im Einsatz war.
„ Irgend wie hatten wir alle ein verdammt schlechtes Gewissen und fühlten uns sauelend dabei. Für die Stasi waren wir nichts anderes als Verräter und für die Bürgerbewegung traute uns auch nicht über den Weg. Zum Abschluss raunte mir einer der Stasi-Männer ins Ohr: Jungs, wenn die mit uns fertig sind, dann seid ihr dran!“ Bei diesen Worten verspürte ich sofort einen schmerzhaften Stich in der Magengrube. Hatte sich nicht der Zivilangestellte in der Manschnower „Stasi-Tischlerei“ nicht ebenso geäußert? Zu meiner großen Überraschung traf ich in Potsdam VP-Hauptwachtmeister Ulf G. aus Berlin wieder. Zusammen mit G. und noch ein paar anderen, hatte ich seinerzeit auf der VP-Schule in Neustrelitz ein Zimmer geteilt. Wir hatten wohl beide nicht erwartet uns ausgerechnet in einer Polizeischule wiederzutreffen. Ulf erhoffte sich als Offizier größere Chancen bei einer kurz oder lang bevorstehenden Bildung einer Gesamtberliner Polizei. Was wohl aus ihm geworden sein mag?
Wieder zurück in heimatlichen Gefilden, erwartete mich am Montag früh ein wahrer Paukenschlag. Mit fassungslosem Kopfschütteln verkündete Hauptmann B. während der jeden Montag im Alt Zeschdorfer Kulturhauses stattfindenden Dienstberatung des
„ Gruppenposten Süd“ eine Neuigkeit, welche in allen Dienststellen im Oderbezirk wie eine Bombe einschlagen sollte. „ Ab sofort befindet sich Oberstleutnant Klaus Radegast* wieder im Dienste der BdVP Frankfurt (Oder. Generalmajor Prüfer hat ihn in rehabilitiert und in seinem alten Dienstgrad wieder eingestellt.“ „ Wie bitte? Ich habe mich wohl jetzt verhört?“, fragte Hauptmann Walter K. mit schneidender Stimme nach. „ Nein, Walter du hast dich nicht verhört. So unglaublich es auch für den einzelnen klingen mag, aber Klaus Radegast gilt als so etwas wie ein politisch verfolgter in der DDR. Er ist also gewissermaßen ein Opfer des Stalinismus“, fügte Hauptmann B. hinzu. Was hier für den Leser wie die späte Rehabilitation eines zu Unrecht entlassenen, kritischen und noch dazu mutigen Geistes erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als die größte Posse in der gesamten Wendegeschichte. Um die Reaktionen der Abschnittsbevollmächtigten verstehen zu können, müssen wir uns kurz in das Jahr 1986 zurückbegeben. Zu dieser Zeit kommandierte Oberstleutnant Radegast, ein engagierter Radsportler, von seinem Dienstzimmer in der Frankfurter Bachgasse aus, noch die gesamte Schutzpolizei im Oderbezirk. An einem Dienstfreien Samstag Nachmittag brach er mit seinem privaten PKW vom Typ Lada zu einer ebenso privaten Ausflug in den Bezirk Dresden auf. Dort, irgendwo in der einsamen sächsischen Provinz, an einer nur wenig befahrenen Landstraße, erblickte er einen am Straßenrand abgestellten PKW vom selben Typ wie ihn Radegast sein eigen nannte. Vom Besitzer schien weit und breit keine Spur, eine Gelegenheit also die manches mal schon aus gesetzestreuen Bürgern Diebe machte. Bekanntlich gehörten diverse KfZ-Teile in der DDR zu den absoluten Raritäten. Auch Oberstleutnant Radegast klapperte seit längerem die „ IFA“-Läden Frankfurts vergeblich nach einer Wasserpumpe für sein Wägelchen ab. Kurz entschlossen ergriff er nun die Gelegenheit beim Schopfe, zusehen war ja bekanntlich niemand, um auf unredliche Art und Weise an das begehrte Teil zu kommen. Kaum hatte der Oberstleutnant, welcher natürlich in zivil und als solcher nicht zu erkennen war, aber das Werkzeug ausgepackt und angefangen zu schrauben, als er plötzlich von starken Händen gepackt und im Nullkommanix auf dem Boden lag. Dämlicherweise hatte sich der vom Pfad der Tugend so schnöde abgewichene VP-Offizier ausgerechnet einen von der Dresdener Kriminalpolizei als Köder ausgelegten PKW ausgesucht. Mit diesem wollte die Dresdener Polizei eigentlich eine Diebesbande schnappen, welche schon seit Monaten in dieser Gegend ihr Unwesen trieb. Spätestens nach der ersten Durchsuchung des vermeintlichen oder besser gesagt wirklichen Diebes, denn es handelte sich ja nun einmal um den Versuch einer Straftat, wurde den erschrockenen Kriminalisten bewusst, was ihnen für ein „Fisch“ ins Netz gegangen war. Sie ließen sich weder von dessen Dienstgrad und schon gar nicht von dem autoritären Auftreten des Delinquenten beeindrucken. Wie bei jedem anderen auch erfolgte auch im Fall Radegast eine vorläufige Festnahme mit anschließender Verbringung zur Dienststelle. Nun glühten zwischen Dresden und Frankfurt (Oder) die Drähte des polizeilichen Sondernetzes. Gott sei Dank, aus Sicht der Volkspolizei, war der Vorfall nicht öffentlichkeitswirksam geworden. Es galt jeglichen Schaden für das Ansehen der VP schon im Vorfeld abzuwenden. Unter keinen Umständen durfte bekannt werden, dass die jedermann bekannte Unterversorgung mit KfZ-Teilen selbst einen hohen Polizisten kriminell werden lies. Oberst Klaus B. von der Frankfurter BdVP bekam die undankbare Aufgabe, Radegast aus Dresden abzuholen. Wie auch immer, ungesühnt konnte der Vorfall nicht bleiben, da war man sich in der Frankfurter Polizeiführung schnell einig. Eine Strafanzeige aus deren Konsequenz sich möglicherweise ein Ermittlungsverfahren und noch schlimmer, ein öffentliches Gerichtsverfahren, ergeben hätten, wollte trotzdem niemand riskieren. Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft wurden die Ermittlungen gegen Radegast eingestellt. Da sich dieser aber, wie alle Offiziere der VP, Mitglied der SED war, warf man ihm statt dessen „ parteischädigendes Verhalten“ vor. Auf Grund dessen bekam er ein sattes Parteiverfahren „übergebügelt“ in dessen Ergebnis Radegast sowohl aus der SED als auch aus dem Polizeidienst entfernt wurde. Ohne es zu ahnen, stellte ihm die Führung der BdVP damit eine unverhoffte „Rückfahrkarte“ auf seinem einstigen Posten aus. Zunächst sah die Zukunft des in Ungnade gefallenen Offiziers wenig rosig aus. Als einfacher Arbeiter musste er in der Flaschenannahme einer Konsum-Kaufhalle nicht nur mit erheblichen finanziellen Einbußen, sondern auch mit dem einhergehenden Prestigeverlust klarkommen. Nicht selten begegneten ihm dabei ehemalige Unterstellte, welche ihre Schadensfreude nur allzu gern mit breiten Grinsen bekundeten. Aber dann im Herbst 1989, im Zuge der politischen Wende in Frankfurt (Oder), schlug endlich auch wieder die große Stunde des Klaus Radegast! Schon früh engagierte er sich im „ Neuen Forum“, wo man ihm schon seines immensen Wissens über die Volkspolizei mit offenen Armen empfing. Was er den Bürgerrechtlern wohl für einen Grund für sein unfreiwilliges Ausscheiden aus dem Polizeidienst aufgetischt haben mag? Um im „ Neuen Forum“ zu punkten, kam ihm natürlich sein Wissen über einige dienstinterne Abläufe in der Frankfurter BdVP sehr zu gute. So führte er eines Freitagnachmittags eine Abordnung von Bürgerrechtlern in die Bachgasse um eine vermeintliche Aktenvernichtung zu stoppen. Dabei handelte sich freilich lediglich um nicht mehr benötigte Fernschreiben, welche wie Radegast bestens bekannt war, jeden Freitag um Heizhaus verbrannt wurden. Aber immerhin, solcherart Einsatz hinterließ natürlich einen bleibenden Eindruck bei den Frankfurter Bürgerrechtlern. Woher sollten die Frauen und Männer auch wissen, dass sie für einen privaten Rachefeldzug gegen die Frankfurter BdVP missbraucht wurden? Ende Februar 1990 erschien Klaus mit smarten Lächeln in der Kaderabteilung und verlangte ohne Rot zu werden, die sofortige Wiedereinstellung. „ Schließlich habt ihr mich ja nicht wegen einer Straftat, davon ist nichts aktenkundig, sondern wegen „parteischädigendem Verhalten“ entlassen. Im Klartext heißt das, dass ihr mich aus politischen Gründen entlassen habt. Da werdet ihr mich wohl wieder einstellen müssen“, sagte Klaus dem verdatterten Kaderoffizier. Tatsächlich, im März 1990 zog er wieder mit seinem früheren Dienstgrad versehen, in die BdVP ein. Alle Mitarbeiter welche ihm am ersten Tag auf dem Flur begegneten, wollten ihren Augen nicht trauen. Nur etwas trübte die Wiedersehensfreude des in den Dienst zurückgekehrten Oberstleutnants: Ein Rennrad welches er bis 1986 zum Training nutzen durfte, war spurlos verschwunden. „ Sagt mal hier wird doch nicht etwa geklaut?“, sprach der wiederernannte Oberstleutnant darauf mit gespielter Empörung und grinste schamlos vor sich hin. Auf diese Art und Weise ebnete dieser eklatante Fall von Rechtsbeugung und Strafvereitelung wie er wohl nur in einem Staat wie der DDR möglich war, einem kriminell gewordenen Polizeioffizier später sogar den Einstieg in eine Beamtenlaufbahn. Seit einigen Jahren Pensionär, dürfte Radegast seinen Vorgesetzten von einst noch heute unendlich Dankbar sein.

* Name geändert


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#225

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 28.08.2011 08:10
von exgakl | 7.223 Beiträge

wie immer Uwe...


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#226

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 28.08.2011 10:48
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von exgakl
wie immer Uwe...



Danke Karsten

Fortsetzung ist schon in Arbeit.

Gruß an alle
Uwe


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#227

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 28.08.2011 17:07
von exgakl | 7.223 Beiträge

na denn mal flott... ick kann nicht mehr ohne meinen "Bullenschmöker"

VG Karsten


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#228

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 28.08.2011 17:54
von PF75 | 3.292 Beiträge

bin jedes mal begeistert,mach weiter so


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#229

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 28.08.2011 18:08
von Commander | 1.055 Beiträge

Uwe,ohne Worte,einfach nur
Schönen produktiven Abend noch,
Gruß C.



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#230

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 28.08.2011 22:00
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von exgakl
na denn mal flott... ick kann nicht mehr ohne meinen "Bullenschmöker"

VG Karsten



Na wenn ich so lieb gebeten werde, dann muss natürlich sofort das nächste update folgen.
An dieser Stelle vielen Dank an alle Kommentatoren und Interessenten. Ihr spornt mich jedes Mal zu neuen Taten an.
Euer Uwe
Gregor Gysi heißt der Mann, auf dessen schmalen Schultern nun die Hoffnungen einiger Genossen ruhten. Ruhelos reiste er als Wahlkämpfer durch die DDR. Heute sah man in Suhl und morgen schon in Rostock. An einem sonnigen Vorfrühlingssonntag im März 1990, erschien Gysi auch in Seelow. Von der Außentreppe des Kulturhauses wollte er hier zu seinen Anhängern sprechen, die sich in großer Zahl auf dem Vorplatz bis hin zu den gegenüberliegenden Plattenbauten in der Erich-Weinert-Straße, formierten. Frauen und Männer, weiß-rote Fähnchen mit der Aufschrift PDS schwenkend, jubelten dem kleinen bebrillten Mann mit dem schütteren Haar zu, als wäre er Popstar und Messias in einer Person. Nie zuvor hatte wohl ein Politiker soviel ehrlichen, nicht vorher arrangierten Jubel bekommen, wie dieser Gysi. Einige hatten sogar ihre kleinen Kinder dabei, welche nun auf den Schultern der Erwachsenen ein ihnen völlig unverständliches Spektakel erleben mussten.
Auch mich trieb die Neugierde an diesem Nachmittag in die Kreisstadt. Was mag das wohl für ein Mensch sein, der freiwillig Kapitän auf einem im Untergang befindlichem Schiff Namens SED geworden war? Soviel Enthusiasmus erschien mir, neben all den Parteiaustritten und „Gedächtnisstörungen“ vieler früher SED-Mitglieder geradezu unheimlich. Mit Jeans und Anorak bekleidet mischte ich unter die Menschen aller Alterstrufen, welche sich auf den wenigen Quadratmetern zwischen dem Sportwarengeschäft, der für den öffentlichen Straßenverkehr in diesem Bereich gesperrten Erich-Weinert-Straße und dem Kulturhaus zusammendrängten. Von meinen Polizeikollegen war, mit Ausnahme der beiden Stadt-ABV und vier VP-Helfern mit roten Armbinden, nichts zu sehen. Diese zahlenmäßig ohnehin kaum wahrnehmbare Ordnungsmacht zog es aus verständlichen Gründen vor im Hintergrund zu bleiben. Auf der niedrigen Mauer welche den Vorplatz von einem in Richtung Stadion führenden Seitenweg abgrenzte, hatte sich eine Gruppe Jugendlicher versammelt. Mein polizeilicher Instinkt verriet mir sofort, dass die Jungs wohl nicht zur Begrüßung von Gregor Gysi erschienen waren. „ Gysi du rote Sau verpiss dich aus Seelow“, brüllten sie im Chor und bestätigten damit meine Befürchtungen. Warum zum Teufel hatte unsere Führung keine Bereitschaftspolizei angefordert? Mir taten meine beiden Kollegen, zwei altgediente Hauptleute und deren Helfer unendlich leid. Auf deren Rücken sollten möglicherweise handfeste Auseinandersetzung verfeindeter politischer Blöcke ausgetragen werden. Wie sollte ich mich verhalten, wenn es hier tatsächlich zur Sache gehen sollte? In meiner zivilen Kluft war ich nicht sofort als Polizist erkennbar. Außerdem war ich nicht im Dienst, ergo ein Zuschauer wie alle anderen auch. Aber konnte ich meine Kollegen wirklich im Stich lassen, wenn es darauf ankommt? Frenetischer Lärm, ein unbeschreibliches Gemisch aus Jubelrufen, wüsten Schimpfworten, Pfeifen und Klatschen, quasi die gesamte Bandbreite von Zustimmung und Ablehnung, riss mich abrupt aus meinen Gedanken. Gregor Gysi, jener Mann welcher wie kein anderer zuvor die Menschheit nicht nur in Seelow polarisierte, trat bedächtigen Schrittes aus dem Innern des Kulturhauses hinaus auf die Eingangstreppe. Dort warteten bereits ein Mikrofon und zwei mächtige Lautsprecherboxen darauf, seine Wahlbotschaft über der kleinen Stadt weithin hörbar ertönen zu lassen.
Zwischen den an antike Tempel erinnernden Säulen des Kulturhauses, wirkte Gysi ein ganz klein wenig wie ein römischer Volkstribun. „ Liebe Genossinnen und Genossen, ich möchte mich zu aller erst ganz herzlich für eure Einladung bedanken. Ich freue mich sehr, dass ich hier und heute zu euch sprechen darf“, begrüßte Gysi seine Anhänger. Von meinem Standort aus, schweifte mein Blick über die vor und neben mir stehenden. Einige waren mir vom Sehen her bekannt. Es handelte sich beinahe durchweg um Lehrer, frühere Mitarbeiter der SED-Kreisleitung und Angestellte der Seelower Kreisverwaltung. Auf einer Wahlveranstaltung der „ Partei der Arbeiterklasse“ zeigte sich das Proletariat in der absoluten Minorität. Hinter der kämpferischen Fassade verbargen sich verzweifelte Staatsdiener, um Job und Zukunft bangend. Nicht die sozialistischen Ideale wollte man retten, sondern die eigene nackte Existenz. Das konnte nur gelingen, wenn am 18. März die PDS als Wahlsieger hervorgeht. Gysi redete in langen Sätzen über die „soziale Marktwirtschaft“, einem der Hauptwahlkampfthemen einiger anderer Parteien. „ Die Bezeichnung Soziale Marktwirtschaft ist eine einzige Lüge“, schmetterte Gysi von der Treppe des Kulturhauses. „Marktwirtschaft wird niemals sozial sein! Lasst euch nicht von solchen Parolen wie sie zum Beispiel die CDU so häufig verbreitet, einlullen. Eine wirklich soziale Zukunft kann es nur mit Sozialismus geben!“ „ Jawohl der Sozialismus und nur der Sozialismus ist unsere Zukunft. Mit der CDU geht es zurück in eine braune Zukunft“, skandierte direkt vor mir ein dunkelhaariger Mittvierziger unter dem beifälligen Nicken einiger anderer. Was redet der denn da nur für einen Blödsinn? Warum in aller Welt sollte es ausgerechnet mit der CDU zurück „ in eine braune Zukunft gehen?“ Weder Bundeskanzler Helmut Kohl noch das Parteiprogramm der CDU in Ost und West ließen auch nur den leisesten Bezug zum Nationalsozialismus erkennen. Wer kein Sozialist sein wollte, war automatisch ein Nazi? Was für eine erbärmliche Argumentation! . In Augenblicken wie diesen verspürte ich deutlich meine augenblickliche politische Heimatlosigkeit. Innerlich gehörte ich längst nicht mehr zu den fähnchenschwenkenden vermeintlich unbeugsamen Sozialisten. Im Gegenteil, sie verkörperten eine Welt die ich immer weniger verstand. Aber auch dieser pöbelnden, sich in Buhrufen und obszönen Bemerkungen ergehender Schar von Gegnern, gehörte meine Sympathie nicht. Gregor Gysi reagierte mit bewundernswerter Gelassenheit auf ihre ständigen Schmähungen. „ Ich bin gerne bereit mit all denen die hier ständig ihren Unmut durch lautes Pfeifen und Zwischenrufe bekunden, zu diskutieren. Bringt eure Argumente vor und dann reden wir über das was euch bewegt“, forderte Gysi zur sachlichen Diskussion auf. Mit einem Schlage verstummte auch der größte Schreihals. Wer lediglich aus der Anonymität einer Gruppe heraus Beleidigungen ausstoßen kann, fürchtet solch intellektuelle Herausforderungen wie der Teufel das Weihwasser. Darauf hatte der clevere Anwalt, nicht ohne temporären Erfolg, spekuliert. Es gelang ihm seine Rede wenigstens für die nächsten fünf Minuten ohne größere Störungen fortzusetzen. Er verdammte die Marktwirtschaft nicht in Bausch und Bogen, erwähnte auch deren in der Bundesrepublik Deutschland nicht zu übersehenden Vorteile. Schließlich konnte sich ja jeder einzelne DDR-Bürger nun selbst überzeugen, dass die Mär von den „ immer mehr verelendenden Werktätigen in der Bundesrepublik“ nichts anderes als eine unverschämte Propagandalüge war. „ Aber dennoch gibt es bei all dem anzuerkennendem Wohlstand noch genügend Menschen, die durch das weitmaschige soziale Netz rutschen“, warnte Gysi mit beschwörender Stimme. „ Wenn wir am nächsten Sonntag die Wahl nicht gewinnen, dann werden in Zukunft auch viele Seelower zu den Verlieren der angeblich so sozialen Marktwirtschaft gehören.“ Mit diesen Worten stellte Gysi, aus heutiger Sicht, beinahe prophetische Fähigkeiten unter Beweis. Zwanzig Jahre nach dieser Veranstaltung trafen sich vor dem Haus welches im März 1990 noch das Sportwarengeschäft beherbergte erneut Frauen und Männer aus Seelow und Umgebung. Es handelte sich bei ihnen um die von Gysi erwähnten Verlierer dieser durchaus nicht immer sozialen Marktwirtschaft. Wo einst mit Trainingsanzügen und Angelgerät gehandelt wurde, durften sie unter Vorlage eines besonderen Berechtigungsscheins verbilligt Lebensmittel erwerben. „Tafel“ nennt sich diese Einrichtung, von der im März 1990 selbst ein Gregor Gysi nichts ahnte. Immerhin, auch die ärmeren Schichten bleiben nicht ohne Unterstützung. Eine Tatsache für die uns einige europäische Nachbarländer beneiden! Gysis klug formulierte Warnung vor der Marktwirtschaft konnte dem unvoreingenommenen Zuhörer des Jahres 1990 nicht verhehlen, dass auch er, trotz aller Bedenken, keine andere Alternative präsentieren konnte. „ Unsere Zukunft heißt Sozialismus“, was für eine abgedroschene Phrase! Sozialismus made in GDR, war zu einem Pseudonym für Misswirtschaft, Umweltzerstörung, gewaltsame Trennung ganzer Familien und politischer Unfreiheit geworden! Hat ein solch kläglich gescheitertes Gesellschaftsexperiment überhaupt eine zweite Chance verdient? Vor allem wer in aller Welt wollte diesem so genannten Sozialismus überhaupt noch eine zweite Chance einräumen? Von dem Heer der Funktionäre und Staatsdiener zu denen ja auch ich gehörte, einmal ganz abgesehen. Verdammt, sieben Tage vor der Wahl war mir noch immer nicht klar, wem ich meine Stimme geben sollte. Die SPD erschien mir am sympathischen zu sein, aber was passierte mit mir, falls diese sympathische Partei tatsächlich bald die Geschicke im Staat lenkt? Verflixt! Einerseits wusste ich von der Notwendigkeit das sich dieses Land radikalen Veränderungen unterziehen muss, andererseits sollte aber bitte schön alles beim alten bleiben! So etwas nannte man wohl früher im Staatsbürgerkundeunterricht einen antagonistischen, also unlösbaren Widerspruch.
Neben wurde es plötzlich unruhig, es wurde gedrängelt und geschubst. Wenige Meter entfernt bemühte sich Stadt-ABV Horst Sch., möglichst ohne Aufsehen, einen am Boden liegenden betrunkenen, etwas verwahrlost erscheinenden stadtbekannten Säufer aufzuhelfen. Unter dem Einsatz beider Ellenbogen bahnte ich mir einen Weg zu meinem Kollegen. „ Warte Horst, ich helfe dir“, rief ich ihm zu. Dankbar und sichtlich erleichtert lächelte mich der um vieles ältere Kollege an. Gemeinsam bugsierten wir den Betrunkenen der in Seelow jedem Polizisten nur unter seinem Spitznamen, „Nuckel“, bekannt war, auf die gegenüberliegende Seite des Gehweges. Gott sei Dank schien sich niemand für unsere Aktion zu interessieren, oder gar Polizeiwillkür zu wittern. „ Da drüben steht sein Fahrrad“ keuchte Horst und deute auf ein altes klappriges Damenrad, an dem ein kleiner Hund angebunden war. Dieser, übrigens eine undefinierbare Promenadenmischung, war wohl „Nuckels“ treuester Begleiter. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals ohne seinen, ihm auf eine frappierende Art und Weise immer ähnlicher werdenden Vierbeiner gesehen zu haben. „ Ich kann jetzt alleine laufen“, protestierte „Nuckel“ kreischend gegen unsere Hilfeleistung. Inzwischen hatte sich auch einer der VP-Helfer zu uns gesellt. Der „Hilfssheriff“ bot sich an, den ihm bestens bekannten, ungeheuer gutmütigen „Nuckel“ in seine nur ein paar hundert Meter entfernte Wohnung zu begleiten. Kaum zu glauben, aber es sollte tatsächlich der einzig polizeilich relevante Vorfall dieses Nachmittags bleiben. Alle, egal ob „Pro oder Contra“ eingestellt, gingen im Anschluss friedlich nach Hause. Stoff zum diskutieren bot Gysis Auftritt ohne Zweifel genügend. Aber die erhoffte Klarheit, den inneren Frieden, blieb auch er mir schuldig.


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#231

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 01.09.2011 21:21
von ABV | 4.202 Beiträge

So Freunde, un folgt das nächste update meiner Wendegeschichte.
Wie immer viel Spaß, wünscht euer Uwe


An einem milden Frühlingsnachmittag Mitte März 1990 raffte ich mich auf, den bisher wohl schwierigsten Auftrag meiner Polizeilaufbahn hinter mich zu bringen. Im VPKA Seelow wurde beschlossen, dass jeder Abschnittsbevollmächtigte unverzüglich mit dem für seinen Abschnitt zuständigen Pfarrer in Kontakt aufzunehmen hat. Das ganze war Teil eines schon seit Monaten anhaltenden Imagewechsels, mit dem sich die Volkspolizei hinüber in die neue Zeit retten wollte. In der Woche vor den Kommunalwahlen sollten erste Gespräche stattfinden, ohne dass wir konkret wussten was wir mit dem Pfarrer eigentlich besprechen sollten. „ Du wirst es schon machen“, antwortete Hauptmann auf meine diesbezügliche Skepsis. Selbst wenn er wollte, auch ein Mann wie Hauptmann konnte mir diesen Auftrag nicht abnehmen.
Von Anfang an fühlte ich mich dem Auftrag nicht gewachsen, ja geradezu überfordert. Obwohl sich das Pfarrhaus in Sachsendorf nur gute einhindert Meter von meinem dortigen Büro entfernt befand, wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen dort hineinzugehen. Galt doch die Kirche bisher immer als ein „überlebtes Relikt“ der Vergangenheit, von der Regierung „großmütig“ geduldet. Langsamen gemächlichen Schrittes näherte ich mich dem weißgetünchten Pfarrhause an. In diesem Augenblick ertönte eine Lautsprecherdurchsage. Irgend jemand erklärte den Sachsendorfern unüberhörbar, warum sie am Sonntag zur Wahl gehen und unbedingt die SPD wählen sollten. Erst jetzt sah ich den weißgrauen zum Lautsprecherwagen umfunktionierten Lada, welcher gelenkt von einem jungen Mann mit kurzen blonden Haaren, im Schritttempo über die Dorfstraße fuhr. Nun war auch im Oderbruch der Wahlkampf in seine „heiße Phase“ geraten. Mit allen Mitteln kämpften die zugelassenen Parteien um jede einzelne Wählerstimme. Überall, an Laternen und Stromkästen, klebten bunte Wahlplakate. Zwei ältere Frauen, beide um die siebzig, unterbrachen wegen der Lautsprecherdurchsage sogar ihren Plausch am Gartenzaun. Mit gereckten Hälsen blickten sie dem sich in Richtung Dolgelin entfernendem Fahrzeug hinterher. Selbst jemand in ihrem Alter hatte wohl bisher noch keinen richtigen Wahlkampf erlebt.
Zögernd trat ich vor die Eingangstür des Pfarrhauses, um mit zittriger Hand die Klingel zu betätigen. Jetzt weiß ich endlich wie sich König Heinrich IV bei seinem Gang nach Canossa fühlen musste, dachte ich in einem Anflug von Selbstironie. Dieses so genannte Kontaktgespräch war nun einmal nichts anderes als eine demütigende Unterwerfung. Nun öffnete sich diese aus schwerem dunklem Holz gefertigte Eingangstür. Direkt vor mir, im Türrahmen, verharrte eine grauhaarige Frau und musterte mich misstrauisch.
Verständlich, gehörte doch ein Volkspolizist, auch wenn es sich dabei um den „Dorfsheriff“ handelte, nicht gerade zu den „Schäfchen“ ihres Mannes. „ Guten Tag, ist ihr Mann Zuhause?“, fragte ich mit fester Stimme. Wohl zu fest, denn ihr Blick wurde nun geradezu feindselig. „ Was wollen Sie denn von ihm?“ Sie neigte bei dieser Frage ihren Kopf leicht zur Seite, so als erwartete die Frau einen Angriff von mir. „ Ich möchte mich nur mit ihrem Mann unterhalten, einfach mit ihm reden.“ Langsam aber sicher fühlte ich mich immer mehr in die undankbare Rolle eines Bittstellers hineingedrängt. „ Mein Mann ist nicht Zuhause. Er ist aber in zwei Stunden wieder da. Ich denke dann wird er Zeit für sie haben“, erklärte die Pfarrersfrau und zog die Tür hinter sich zu. Mein erster Kontakt mit der holden Geistlichkeit hatte damit ein vorläufiges Ende gefunden. Außerdem verlängerte die Nichtanwesenheit des Pfarrers meine Leidenszeit um mindestens weitere zwei Stunden, was meine Laune nicht gerade verbesserte.
Auch während meiner anschließenden Fußstreife gelang es mir nicht den Kopf frei zu bekommen. Ohne das ich es mir direkt eingestehen wollte, ich hatte regelrecht Angst vor dieser Begegnung mit dem Pfarrer. Endlich nach zwei Stunden stand ich Kurt K., dem in Ehren ergrauten, noch immer kräftig erscheinenden Gemeindepfarrer von Sachsendorf gegenüber.
„ Sie wollen sich wirklich mit mir unterhalten?“ Pfarrer K. schüttelte den Kopf, so als wolle er selbst seinen Augen nicht trauen.
Er führte mich in sein auf der rechten Seite des Flures gelegenes Arbeitszimmer. Neben den antiken Möbeln nahm ein überdimensionales Wahlplakat der „ Allianz für Deutschland“, versehen mit dem Konterfei Helmut Kohls, sofort meine Aufmerksamkeit ein.
Quer über dem rustikalen Schreibtisch verteilt, lagen Flyer und Prospekte dieses rechtskonservativen Wahlbündnisses von dem ausgerechnet so jemand wie ich nichts gutes erwarten konnte. Pfarrer K. wollte mir wohl damit von Anfang demonstrieren, wem seine politische Sympathie galt. Ohnehin schon von Beklemmungen geplagt, lähmten mich diese Wahlplakate vollends.
„ Hat man Sie beauftragt mit mir zu reden, oder wie soll ich ihren Besuch verstehen? Außerdem, überhaupt wollen Sie denn eigentlich mit mir sprechen?“ Pfarrer K. schien meine offenkundige Unsicherheit förmlich zu genießen. Wer weiß welches Unrecht ihm oder Angehörigen seiner Gemeinde durch Vertretern meiner Zunft bereits zugefügt wurde? Verständlich also das der über Jahrzehnte mehr oder weniger von der Staatsmacht ignorierte Pfarrer mit grimmiger Befriedigung auf meine Anwesenheit reagierte. „ Es ist eine neue Zeit angebrochen und darum sollten wir miteinander sprechen,“ sprach ich mit kratziger Stimme. „ Das ist löblich“ sagte der Pfarrer und nickte dabei. Inzwischen servierte uns seine Frau Kaffee und Kekse, was die Stimmung etwas auflockerte. „ Ich habe gehört das Polizisten viel Kaffee trinken. Oder ist das nur bei den Fernsehkommissaren so?“, plauderte Pfarrer K. in lockerem Ton. „ Das ist nur ein Klischee“, antwortete ich mit gequälten Lächeln. Behutsam trank ich einen Schluck aus der geblümten Tasse, dabei gegen die noch immer andauernde Enge in meinem Innern ankämpfend. „ Sie sind also für uns zuständig. Schön das wir uns nun endlich auch einmal kennen lernen. Ohne die politischen Veränderungen in unserem Lande wäre solch eine Zusammenkunft schwerlich möglich gewesen. Junger Mann, Sie glauben gar nicht wie froh und glücklich ich über den Untergang des Kommunismus bin.“ Irritiert registrierte ich, dass für den Pfarrer der Ausgang der Kommunalwahlen bereits feststand. „ Wir hatten ja bisher noch keinen Kommunismus, nicht einmal einen richtigen Sozialismus. Aber vielleicht hat diese Gesellschaftsordnung ja doch noch eine Chance? Immerhin verfolgt der Kommunismus doch humanitäre Ziele.“, wagte ich zu widersprechen. „ Um diese angeblich humanitären Ziele zu erreichen, hat der Kommunismus eine Spur von Blut und Tränen in der Welt hinterlassen.“ „ Ja, Sie meinen bestimmt die Stalin-Ära. Da fingen die Abweichungen vom eingeschlagenen politischen Weg an.“ Kurt K. schüttelte energisch den Kopf: „ Nein, das fing schon bei Lenin an! Der Kommunismus ist nichts weiter als eine Illusion, für deren Verwirklichung die Menschheit überhaupt nicht ausgelegt ist.“ Im Stillen musste ich ihm beipflichten, hatten sich doch bekanntlich selbst höchste SED-Funktionäre als „ weinsaufende Wasserprediger“ erwiesen.
Kurt K. lehnte sich zurück und knabberte nachdenklich an einem der Kekse. „ Bendenken Sie doch nur einmal wie viele Menschen in der so genannten Deutschen Demokratischen Republik im Gefängnis landeten, nur weil sie eine andere Meinung zu dieser neuen Gesellschaftsordnung besaßen? Oder die Opfer von Mauer und Stacheldraht, stehen sie auch im Einklang mit humanitären Zielen? Egal welche Ziele ein Staat verfolgt, sie rechfertigen auf keinen Fall solche Verbrechen!“ Was sollte ich wohl darauf antworten? Immerhin, einen letzten Versuch versuchte ich doch noch. „ Es gibt aber auch sehr viele Menschen in der DDR welche mit diesen ganzen Dingen nichts zu tun hatten. Sie haben sich aufgerieben für diesen Sozialismus, sollen all diese Menschen nun pauschal als Verbrecher gelten? Ich denke da nur an meinen Amtsvorgänger. Dieser Mann ist vor Enttäuschung und Gram über all die aufgedeckten Schweinereien sogar gestorben“, redete ich mich in Rage. Aber auch diese Worte parierte Pfarrer K. lediglich mit einem Kopfschütteln. „ Meinen Sie nicht, dass Alois F. Zeit genug hatte um zu erkennen, was für einem Regime er diente? Wer Augen zum Sehen und ein Gehirn zum Nachdenken besitzt, der hat all diese Enthüllungen doch überhaupt nicht nötig gehabt!“ In die angenehm dunkle Stimme des Pfarrers mischten sich mehr und mehr harte Dissonanzen. Seine Worte über Alois ärgerten mich, ich hätte mehr Verständnis von dem Pfarrer erwartet. „ Jeder Mensch auf dieser Welt muss damit rechnen, eines Tages für sein Tun oder Unterlassen Rechenschaft ablegen zu müssen. Wer von sich behauptet, irgend etwas nicht gewusst zu haben, lügt in aller Regel. Wie viel ehrlicher wäre doch an dieser Stelle das Eingeständnis: Ich habe es nicht Wissen wollen!“ Mit solchen Argumenten konnte wohl nur ein Pfarrer aufwarten! Ich habe es nicht wissen wollen, welch zutreffende Worte! Hatte ich nicht auch jeden zweiten Mittwoch das von einem gewissen Gerhard Löwenthal moderierte „ ZDF-Magazin“ mit seinen recht drastischen Berichten über die DDR angesehen? Hatte nicht auch ich mich dem Selbstbetrug das es sich dabei nur um hasserfüllte Propagandalügen handelte, hingegeben? Nur um auch die leisesten Zweifel am wahren Charakter des Sozialismus bereits im Keim zu ersticken? Hatte ich mich nicht dafür geschämt, als der Anblick der „ Berliner Mauer“ mit all dem Stacheldraht, Türmen und bewaffneten Posten, bei mir Assoziationen an ein Gefängnis weckten? Hatte nicht auch ich meinen gesunden Menschenverstand ausgeschaltet, nur um etwas nicht wissen zu wollen?
„ Wie sind Sie eigentlich zur Polizei gekommen?“, wurde ich plötzlich gefragt. „ Ich wurde während meines Wehrdienstes angeworben. Mir macht der Beruf auch Spaß, hoffentlich kann ich ihn noch recht lange ausüben.“ Nichts konnte meine innere von Zukunftsangst geprägte Stimmung so sehr ausdrücken, wie der letztgenannte Halbsatz. Unsinnigerweise erhoffte ich ausgerechnet von diesem Pfarrer eine beruhigende Auskunft. „ Das kann und will ich ihnen nicht versprechen“, lautete statt dessen seine erschreckend barsche Antwort. „ Es wird sich erst nach intensiver Prüfung zeigen, wer auch in einer freiheitlich-rechtlichen Grundordnung das Gesetz vertreten darf. Ich bin mir heute schon sicher, dass wohl nicht jeder heutige Volkspolizist den hohen Maßstäben gerecht werden kann.“ Deutlicher konnte wohl nicht gesagt werden, was wohl nicht nur den Volkspolizisten in naher Zukunft bevorstand! Wieder versuchte ich mich in die absurde Hoffnung eines Wahlsieges der PDS zu flüchten. „ Sie sind noch sehr jung und haben sicher bessere Chancen auf eine Übernahme als ihre älteren Kollegen“, versuchte der Pfarrer nun die Wirkung seiner eigenen Worte zu mindern.
„ Diktaturen besitzen nun einmal die fatale Eigenschaft Menschen zu deformieren. Niemand möchte den Schutz einer Demokratie ausgerechnet in die Hände solch deformierter Charaktere lege. Ich bin jetzt fünfundsechzig Jahre alt und habe den größten Teil meines Lebens in solchen Diktaturen verbracht. Den Rest meines Lebens möchte ich nun endlich die Vorzüge einer Demokratie genießen.“ Mit rhetorischem Geschick gelang es dem Pfarrer im weiteren Verlauf unseres Gesprächs meine persönliche Entwicklung inklusive der Entscheidung ausgerechnet Volkspolizist zu werden, in Erfahrung zu bringen. Zum ersten Male sah ich mich mit der unangenehmen Situation konfrontiert, Rechenschaft über mein bisheriges Leben abgeben zu müssen. Langsam aber sicher fühlte ich tatsächlich wie ein durchschauter, auf Absolution hoffender Sünder. Schließlich, nach einer Stunde welche mir wie eine gefühlte Ewigkeit erschien, konnte ich das Pfarrhaus wieder verlassen. Verwirrt, keines klaren Gedankens mehr fähig, zog ich mich in die Einsamkeit meines Büros zurück. Beim Gedankenlosen herumkramen in den Tiefen meines Schreibtisches, stieß ich auf eine bislang unbeachtete Hochglanzbroschüre, welche Anfang der achtziger Jahre von der „BdVP Frankfurt (Oder) herausgegeben wurde. Auf mehr als dreißig Seiten wurden besonders vorbildliche Volkspolizisten vorgestellt, deren Wirken außenstehende wohl für den Dienst bei der Volkspolizei animieren sollten. Ein Foto zeigte den Leiter des VP-Reviers Frankfurt (Oder), Hauptmann Helmut H. Täuschte ich mich, oder hatten die Autoren tatsächlich „Parteilichkeit“ als eine seiner positiven, einen guten Volkspolizisten auszeichnenden Charaktereigenschaften herausstilisiert? Sollte ein guter Polizist nicht statt dessen „Unparteiisch“ sein? Warum nur sind mir solche Dinge nicht früher aufgefallen? Allmählich dämmerte mir, was Pfarrer K. wohl mit seiner Aussage das nicht alle Volkspolizisten den hohen Maßstäben einer Demokratie gerecht werden können, im Sinn hatte. Polizisten müssen für alle da sein, unabhängig von Weltanschauung und Parteibuch. Auf einer weiteren Seite wurde „ Der ABV von der Mückenbar“ vorgestellt. Zu meiner großen Überraschung wies der Unterleutnant aus dem VPKA Schwedt große Ähnlichkeit mit Hauptmann Manfred B. auf. Hatte Manfred nicht auch erwähnt, dass seine polizeiliche Laufbahn vor fast zwanzig Jahren in der Industriestadt an der Oder begann? Ob ihm diese Broschüre wohl heute unangenehm ist? Egal welche Seite ich aufschlug, überall sah man zufrieden lächelnde, vom Sozialismus überzeugte Menschen. Welch Diskrepanz zu den Worten von Pfarrer K. über den Sozialismus oder der Wirklichkeit dieses „heißen politischen Frühlings“

Zu den Fotos: das erste Foto zeigt die traurigen Überreste meines Dienstzimmers in Sachsendorf. Hier wurde scheinbar alles geklaut was nicht niet und nagelfest war. Nur der Lichtschalter ist noch erhalten, sonst ist alles zerstört oder entwendet worden.

Bild 2: zeigt das Sachsendorfer Pfarrhaus

Bild 3 gewährt einen Einblick in die Dorfstraße von Sachsendorf. So ruhig und beschaulich war es auch schon 1990

Angefügte Bilder:

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zuletzt bearbeitet 02.09.2011 20:05 | nach oben springen

#232

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.09.2011 18:43
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Hier ist nun das nächste update meiner Wendeerlebnisse. Das update liegt diesmal aber in PDF-Form als Dateianhang vor. Ich hoffe, dass das geschriebene nun besser als vorher zu lesen ist. Sagt mal bitte Bescheid, welche Variante ihr in Zukunft bevorzugt.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


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#233

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.09.2011 19:39
von PF75 | 3.292 Beiträge

war mal wieder sehr interessant dein bericht,freue mich schon auf die fortsetzung.
als PDF ist auch ok. läst sich auch gut lesen und die bilder darin lockern alles ein bißchen auf,also mir gefällts.


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#234

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.09.2011 21:44
von Commander | 1.055 Beiträge

Uwe,ich finde es auch gut.
In Erwartung weiterer interessanter Geschichten,schönes WE,
Gruß C.



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#235

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.09.2011 09:16
von Harsberg | 3.247 Beiträge

sehr schön und verständlich geschrieben, bleib mal bei pdf


Phantasie ist wichtiger denn Wissen, denn Wissen ist begrenzt!
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#236

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 04.09.2011 18:01
von ABV | 4.202 Beiträge

Da scheint mir ja mit dem PDF etwas gutes eingefallen zu sein. Das nächste update ist schon in Arbeit

Einen schönen Sonntag

euer Uwe


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#237

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 19.09.2011 22:05
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Nach etwas längerer Abwesenheit nun das nächste update. Heute geht es um den Wahlsonntag am 18. März 1990. Wie immer viel Spaß beim Lesen wünscht

euer Uwe


Dateianlage:

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#238

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.09.2011 12:53
von 94 | 10.792 Beiträge

War mal wieder nötig, Danke!


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#239

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 21.09.2011 19:01
von PF75 | 3.292 Beiträge

gut wie immer ,danke für deine mühe


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#240

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.09.2011 20:33
von ABV | 4.202 Beiträge

So Kameraden, viel Dank für die Kommentare und das Interesse.

Und nun folgt das nächste update

Viel Spaß damit, wünscht euer Uwe


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