#201

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 13:56
von Diskus303 | 485 Beiträge

Hallo SanGefr (und natürlich auch der große Rest der Forengemeinde);

habe mir eralubt (dem Überblick halber) nur die entsprechende Textpassage zu zitieren:

Zitat von ABV
Hallo Freunde!
Ich bin gerade dabei, meine persönlichen Erlebnisse als Volkspolizist in der Zeit von 1989-1990, aufzuschreiben. Ob ich das ganze je veröffentliche steht noch in den Sternen. Möglicherweise stelle ich das ganze dann als PDF zum Download auf meine Homepage.
Vorab gibt es hier schon mal ein Kapitel zum Lesen für euch. Eure Meinungen und/oder Kritiken würden mich sehr interessieren.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


....Nur einer aus unseren Reihen hat von vornherein auf die angebotene Beförderung verzichtet. Und nicht nur das, er hat auch gleich ganz darauf verzichtet ein Volkspolizist zu sein. Es handelte sich um den früheren Unterwachtmeister Hartmut Hasse, bis vor kurzem noch ein Schutzpolizist wie ich. Hartmut wollte nächsten Monat seine langjährige Freundin, die von ihm in kürze ein Kind erwartet, heiraten. Die zuständige Personalabteilung wollte ihm jedoch nicht die benötigte Heiratserlaubnis gewähren. Seine Auserwähle wollte in typisch weiblicher Sturheit, nicht den Kontakt zu ihren, in der Bundesrepublik lebenden Cousin abbrechen. Das hatte zur Folge, dass man die zu einem klärenden Gespräch mit den führenden Genossen des VPKA bestellte. Dort stellte man Hartmut vor die Wahl, entweder Freundin oder Polizei! Auf seinen Hinweis auf den Zustand seiner Freundin, bereitete man ihn ein geradezu unmoralisches Angebot: Hartmut wird am 01. Juli 1989 zum Wachtmeister befördert. Da mit einer Beförderung automatisch auch mehr Gehalt verbunden ist, kann er doch getrost die Alimente für sein Kind bezahlen! Wie gesagt, die Offerte erfolgte in Anwesenheit der werdenden Mutter! Hartmut zeigte Charakterstärke, schlug das Angebot in den Wind und verließ die Volkspolizei. Der Schritt fiel ihm sehr schwer, denn er hing an seinem Beruf. Jeder einzelne Polizist wusste von dem Vorfall, nahm ihn aber hin wie ein bedauerliches Naturereignis. Im Prinzip war man froh, nicht ähnlichen familiären Konflikten ausgesetzt zu sein. Denn Sinn des Ganzen in Frage zu stellen, fiel jedoch niemanden ein. ...



Zitat von SanGefr
Hallo ABV
Es freut mich, dass es noch ehemalige Volkspolizisten wie Dich gibt, die auch mal beschreiben, wie es "hinter der steinernden, griesgrämigen Fassade" eines Ordnungshüters der DDR ausgesehen hat. Ich zweifel die Geschichte mit dem Kollegen Hartmut H. nicht an, weil sie logisch klingt. Eine Frage habe ich aber doch noch dazu. Wenn Dein Kollege, wie Du schreibst, bis vor kurzem noch Schutzpolizist war, müsste er ja nach der Wende wieder eingestellt worden sein. Hat er auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst geklagt?






Im Grunde ist meiner Familie Meinetwegen das gleiche widerfahren:
Nach fast 28- jähriger DDR-Staatsbürgerschaft hatte ich mich mit meiner besseren Häjfte entschieden die Fronten zu wechseln und haben im Februar 1987 einen Ausreiseantrag zwecks Übersiedlung in die BRD gestellt.
Die "Wartezeit" betrug dann fast 2 1/2 Jahre und Anfang August 1989 ging es dann ab nach Giessen.
Soweit so gut ...
Innerhalb der kurzen Zeit bis zum Mauerfall waren dann die Genossen nicht untätig:
Mein kleiner Bruder (13 Jahre jünger als ich) war seinerzeit jugendlicher Sportkader an der Sportschule in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)- und er war nicht schlecht. Mehrmals DDR-Meister in seiner jeweiligen Altersklasse in seiner Sportart.
Nach meiner Übersiedlung kam es in Karl-Marx-Stadt zum finalen Treffen zwischen meinen (vorgeladenen) Eltern nebst noch nicht volljährigen Bruder, den Verantwortlichen der Sportschule und den "zuständigen Organen" der DDR.
Dort wurde meinen Eltern + Bruder erklärt, daß nur eine Lossagung von mir die weitere sportliche Karriere in diesem Haus (Sportschule) meines Bruders aufrechterhalten könne...
Meine Eltern und auch mein Bruder haben sich seinerzeit dagegen entschieden (es sind also meine Eltern geblieben und mein Bruder auch - ohne zunächst Konsequenzen ziehen zu müssen... den Rest hat dann die Geschichte ziemlich bald faktisch neu geschrieben...

Gruß Axel


Gruß Axel
zuletzt bearbeitet 10.08.2011 14:06 | nach oben springen

#202

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 14:05
von GZB1 | 3.286 Beiträge

Hallo @Diskus303

es ging also, (mit Geduld) auch ohne §213 (Grenzdurchbruch) die Seite zu wechseln.

Was waren deine Gründe dazu und was hast du in den fast 2 1/2 Jahren als Antragsteller diesbezüglich erlebt?


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#203

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 14:27
von Pit 59 | 10.124 Beiträge

es ging also, (mit Geduld) auch ohne §213 (Grenzdurchbruch) die Seite zu wechseln.@GZB1

Denke Bitte aber drann August 1989,da war die K....e schon am Dampfen.


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#204

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 14:31
von GZB1 | 3.286 Beiträge

@Pit59

es gab in den 80ern zwei große Ausreisewellen. Die Dritte war dann im Sommer 1989.


zuletzt bearbeitet 10.08.2011 14:33 | nach oben springen

#205

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 14:44
von Pit 59 | 10.124 Beiträge

Dem ABV seine Updates sind der Oberknaller.ist auch eine Gottes Gabe wenn man so gut schreiben kann.Vielen Dank dafür,und Hoffentlich kommen noch viele.

GZB1.Ich kenne nur die 3.Welle im Sommer 1989,da brauchte man aber nichts mehr zu schreiben.


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#206

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 14:46
von Diskus303 | 485 Beiträge

Hallo GZB1
Ja das ging durchaus und das sogar ohne größere Repressalien...
Naja wie (fast) immer und (fast) überall führen halt mehrere Wege nach Rom.
meiner war eher ruhig:
Die DDR hatte sich ja fast allen internationalen Massen- und Medienwirksamen Internationalen Regeln unterworfen (um internationale Anerkennung ringend)und diese auch unterzeichnet oder waren Mitglied internationaler Gremien.
Ich habe seinerzeit eine förmliches Schreiben aufgesetzt (es gab da übrigens Vordrucke dafür "Antrag auf Ausreise aus der DDR"- gib doch mal bei Tante Google AUSREISE ein...) und auf diese Dinge (internationales Recht) verwiesen: genannt sei hier uA.die Schlußakte von Helsinki (KSZE) sowie die UN-Charta der Vereinten Nationen.
Dort wurde unter anderm auch die freie Wohnortwahl international anerkannt und befürwortet (Unterzeichnung = Anerkennung).
Desweiteren habe ich ziemlich simpel die Reisefreiheit angeprangert und auch sonstige Mißstände aufgezeigt.
Da es ja viele Gleichgesinnte gab, die schon ausgereist waren oder aber einen Ausreiseanrag am Laufen hatten, gab es auch viele "Vordrucke" = Vorschreiben) an die man sich gedanklich halten konnte (muß man sich vorstellen wie die vielen Vodrucke, die es gibt und gab um zB. hierzulande den Wehrdienst zu verweigern).
Ich habe es seinerzeit vermieden, politisch allzuviel Krawall zu schlagen und bin eigentlich ganz gut gefahren (es gab aber auch Fälle in meinem Beanntenkreis, die sehr sehr lange auf Ihre Genehmigung warten mußten oder aber Ihren Antrag abgelehnt bekamen).
Grundsätzlich muß ich gestehen: ich habe nicht die geringste Ahnung, nach welchen Kriterien in den zuständige Organen "Ministerium des Inneren; MdI) Ausreiseanträge abgearbeitet wurden: meine pers. Empfindung: selbst Lotto scheint da berechenbarer gewesen zu sein.
Beruflich hatte ich nur wenige bis gar keine Repressalien zu erleiden: man schloss mich nur per sofort von allen beruflich weiterbildenden Maßnahmen aus - was mir wiederrum argumentativ zugute kam.
Waren es doch die Behörden, die mich immer wieder gebetsmühlenartig darauf hinwiesen wie gut es doch hier (in der DDR) wäre und alle wollten doch das ich bleibe, weil meine Arbeitskraft so dringend gebraucht würde: Diesen Zahn konnte ich dann den Leuten beizeiten ziehen.
Nach dem abschicken des Ausreiseantrages kam es ziemlich schnell zu einer Vorladung in das "MdI". Dort saßen dann auch schon Vertreter meines Betriebes (pers. Vorgesetzter, Parterisekretär) da wurde alles nochmal ausgiebigdurchgekaut warum und weshalb und, und, und.
Im weiteren Verlauf wurde man anfänglich monatlich/ zweimonatlich nochmals vorgeladen (es könnte ja sein, das man seine Meinung ändert).und nach einem Jahr gab es auch das nicht mehr. Dann hat man versucht einen am langen Arm in Unwissenheit verhungern zu lassen....
Schließlich war es in der Regel so: man wußte nie (bis fast zum Schluß) ob der Ausreiseantrag genehmigt oder abgelehnt wurde. Und mit Genehmigung hatte man sage und schreibe 14 (!) Tage Zeit seine ganzen privaten Dinge zu regeln (wie zB. von den verschiedenen Banken und vom Vermieter Schuldenfreiheit bestätigen lassen, Wohnung auflösen, beim Gas- und Stromversorger zu kündigen usw.- und das alles ohne priv.Telefon oder Auto
Falls noch Fragen offen sind: nur zu
Gruß Axel


Gruß Axel
zuletzt bearbeitet 10.08.2011 14:58 | nach oben springen

#207

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 14:53
von Diskus303 | 485 Beiträge

Hallo,

Zitat von Pit 59
es ging also, (mit Geduld) auch ohne §213 (Grenzdurchbruch) die Seite zu wechseln.@GZB1

Denke Bitte aber drann August 1989,da war die K....e schon am Dampfen.



Die Genehmigung flatterte Mitte/ Ende Juli 1989 ein. Anfang August saßen wir dann im Zug. Dann, nach etwas mehr als einer Woche in Giessen (Auffanglager) kamen tatsächlich einige Züge mit "Flüchtlingen" aus Ungarn /Österreich an. Einige auf der Suche nach Ihren Partnern, die Sie während der Flucht "verloren" hatten.
In der DDR selbst war da allgemein noch nichts zu spüren...

Um zum eigentlichen Tread zurückzukommen: Ich habe von "@ABV" noch nicht alles gelesen, aber es ist echt klasse, was da so an Erinnerung ausgegraben wurde und hoffentlich noch wird: @ABV weiter so

Gruß Axel


Gruß Axel
zuletzt bearbeitet 10.08.2011 14:58 | nach oben springen

#208

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 15:14
von GZB1 | 3.286 Beiträge

Zitat von ABV


...Schutzpolizist wie ich. Hartmut wollte nächsten Monat seine langjährige Freundin, die von ihm in kürze ein Kind erwartet, heiraten. Die zuständige Personalabteilung wollte ihm jedoch nicht die benötigte Heiratserlaubnis gewähren....



@ABV,

man mußte sich ne Heiratserlaubnis als Angehöriger der VP holen.

Du meinst damit jetzt nich nen Antrag auf Sonderurlaub, oder?


zuletzt bearbeitet 10.08.2011 15:15 | nach oben springen

#209

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 16:29
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von GZB1

Zitat von ABV


...Schutzpolizist wie ich. Hartmut wollte nächsten Monat seine langjährige Freundin, die von ihm in kürze ein Kind erwartet, heiraten. Die zuständige Personalabteilung wollte ihm jedoch nicht die benötigte Heiratserlaubnis gewähren....



@ABV,

man mußte sich ne Heiratserlaubnis als Angehöriger der VP holen.

Du meinst damit jetzt nich nen Antrag auf Sonderurlaub, oder?




Nein, Nein, dass war schon so gemeint wie es dort steht. Wir mussten einen Fragebogen mit Angaben über die Zukünftige und deren Familie ausfüllen. Dieser wurde dann überprüft, ob seitens der Familie Beziehungen ins kriminelle Milieu und vor allem in den "Westen" vorlagen. Verfügte die zukünftige Ehefrau über aktive Kontakte ins so genannte NSW, sprich sie bekam hin und wieder Besuch von Verwandten, musste sie diese Kontakte abbrechen. Wenn nicht, wurde verfahren wie im Falle des Hartmut H.
Ich hatte übrigens damals das erste Mal von unserer Kaderleiterin erfahren, dass meine Schwiegereltern in den fünfziger Jahren für kurze Zeit im Ruhrgebiet gelebt hatten. Konsequenzen hatte das keine, aber der wohlmeinende Hinweis "aufzupassen", durfte natürlich nicht fehlen. Es hatte mich übrigens sehr gewundert, weil meine Schwiegereltern beide in der SED waren, meine Schwiegermutter arbeitete noch dazu als Pionierleiterin. Aber auch solch treuen Genossen wurde offenbar nicht hundertprozentig getraut.
Übrigens vielen riesigen Dank für euer Lob. Das nächste update ist bereits in Arbeit

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#210

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 16:36
von GZB1 | 3.286 Beiträge

@ABV

danke für die Antwort, mal wieder was gelernt.


zuletzt bearbeitet 10.08.2011 16:36 | nach oben springen

#211

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.08.2011 21:20
von Holtenauer | 1.158 Beiträge

Ich kam erst jetzt dazu einiges zu lesen und wie die anderen schon schrieben, bin auch ich begeistert.
Dein Schreibstil ist echt super und es ist sehr interessant, die Wendezeit aus dieser Sicht zu erfahren. Mach weiter so


Gruß
Thomas
Zerstörer Lütjens - D185

Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erweisen sich viele von ihnen als falsch

Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast


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#212

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 12.08.2011 00:12
von ABV | 4.202 Beiträge

So Freunde, nun folgt das versprochene nächste update. Wie immer wünsche ich euch viel Spaß und mir viele Kommentare.

Euer Uwe


Von der SED abgehaltene Parteitage waren stets mit einer ebenso weihevollen wie lächerlichen Aura umgeben. Selbstredend mussten die Delegierten während dieser mehrtägigen Veranstaltung stets ausreichend geschützt werden. Zu meinen frühen Erlebnissen bei der Volkspolizei gehören auch jene zahlreichen, gemeinsam mit anderen auf der Ladefläche eines LKW verbrachten kotzlangweiligen Stunden im April des Jahres 1986. Während die SED in Berlin ihren XI. Parteitag abhielt, mussten wir in irgendwelchen Seitenstraßen auf unseren Einsatz warten. Es könnte ja sein, dass irgendjemand diesen für unser Land so wichtigen und bedeutungsvollen Parteitag stört. Na ja, wie bereits oben gesagt, es war kotzlangweilig! Der für den 08. und 09. Dezember 1989 in aller Eile anberaumte Sonderparteitag hatte mit den vorangegangenen Veranstaltungen dieser Art nichts mehr gemein. Dieser in aller Eile anberaumte Krisengipfel sollte nun das makabere Ende eines von Jubelfeiern und Selbstbeweihräucherung überhäuften Jubiläumsjahres werden. Schon im Vorfeld machte im VPKA Seelow das Gerücht die Runde, dass sich die SED an diesem Wochenende womöglich selbst auflöst. „ Tut sie das nicht schon seit Wochen?“, fragte ich meinen Vorgesetzten als dieser mich mit dem Gerücht konfrontierte. Manfred zuckte mit den Schultern, schien aber so ganz mit meiner lapidaren Antwort nicht zufrieden zu sein. „ Hast du schon mal darüber nachgedacht, was anschließend passiert? Wer soll das entstandene Machtvakuum füllen, falls es die SED so Knall auf Fall einfach verschwindet?“ Stimmt, darüber hatte ich wirklich noch nicht nachgedacht. Seit meinem ersten Schrei in der Geburtsabteilung des Seelower Kreiskrankenhauses wurde ich praktisch von der SED regiert. Zu diesem Zeitpunkt, 1964, spielte das für mich natürlich noch keine Rolle. Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass einmal auch eine gänzlich anders ausgerichtete Politik mein Leben bestimmen könnte. In gewisser Hinsicht gleicht das menschliche Gehirn des einen Pferdes. Wer immer durch ein und dasselbe Tor gelaufen ist, hat nun einmal Schwierigkeiten wenn diese Pforte auf immer verschlossen wird. Manfred hatte noch eine weitere Neuigkeit für mich: „ Hast du schon gehört, dass Unterwachtmeister H. vorgestern gekündigt hat?“ Na das war ja mal ein Hammer! Er war doch erst seit kurzem dabei, außerdem stammte H. in direkter Linie vom Kampfgruppenkommandeur der LPG Diedersdorf ab. Bei solch einer familiären Vorgeschichte konnte man doch wohl etwas mehr Durchhaltevermögen erwarten!
„ Nein, woher sollte ich das denn wissen?“, antwortete ich etwas konsterniert. „ Hat er wenigstens den Grund genannt?“ Unterwachtmeister H. war mir ehrlich gesagt nie wirklich aufgefallen. So viel ich wusste hatte er noch nicht einmal den Grundlehrgang an der VP-Schule Neustrelitz besucht, Mitglied in der SED war er übrigens auch nicht. Im Prinzip war H. immer nur der Sohn des Kampfgruppenkommandeurs, er im Gegensatz zu seinem Filius, über eine beachtliche optische Präsenz verfügte. „ Der H. hat einfach keine Zukunft mehr in der Volkspolizei gesehen. Er will wieder zurück in seinen erlernten Beruf. Solche Entscheidungen müssen ganz einfach akzeptiert werden.“ „ Manfred, kann es sein das wir uns nun auch noch selbst auflösen?“ „ Wenn ich eine Antwort wüsste, dann würdest du sie auch bekommen,“ sagte Hauptmann B. voll Resignation. Nachdem bereits erwähnten Unterleutnant stellte H. nun bereits den zweiten unplanmäßigen Abgang aus unseren angeblich festgefügten Reihen innerhalb eines Monats dar. Vorher musste Unterwachtmeister H. die Volkspolizei verlassen, weil er sich geweigert hatte seine obendrein noch schwangere Freundin wegen ihrer „Westkontakte“ zu verlassen. Ob dieser Fall jetzt neu aufgerollt und H. reaktiviert wird? Im vergangenen Jahr schrieb ein aus Golzow stammender Volkspolizist sein Entpflichtungsgesuch. Angeblich konnte er sich mit den Anforderungen seines Dienstes bei der VP nicht mehr identifizieren. Den wahren Grund erfuhren wir erst später. Der ebenfalls erst kurze Zeit bei der VP dienende junge Mann musste erleben, dass sich sein bisheriger Bekanntenkreis plötzlich komplett von ihm abwendete. Eben weil er nun nicht mehr nur der nette Junge aus Golzow (Oderbruch) sondern auch ein Volkspolizist war! Obwohl keineswegs kriminell, konnten und wollten das seine Freunde nicht akzeptieren. In den Augen vieler DDR-Bürger galt ein Dienstverhältnis bei der Volkspolizei gleichzeitig auch als uneingeschränkte persönliche Zustimmung zur offiziellen Politik der SED. Wer in die grüne Uniform schlüpfte identifizierte sich mit dem Staat DDR und dieser „erfreute“ sich auch im Oderbruch Ende der achtziger Jahre weitgehender Unbeliebtheit. Um nicht völlig zu vereinsamen oder privat als Außenseiter behandelt zu werden, blieb nur die Alternative sich nur noch mit „Schicksalsgenossen“ zu umgeben. Publik gemacht durften solche Konflikte unter denen sehr viele Volkspolizisten litten, natürlich nicht. Widersprachen sie doch in krasser Weise dem propagierten Bild des überall geliebten und geehrten Volkspolizisten.
„ Übrigens Günther hat sich heute früh krank gemeldet. Du musst seinen Abschnitt solange mit übernehmen“, teilte mir B. fast beiläufig mit. „ Ich habe sowieso Bereitschaft am Wochenende, da fällt das nicht weiter ins Gewicht“, wiegelte ich ab. „ Wenn das Wochenende bloß schon vorbei wäre. Irgendwie habe ich ein ganz blödes Gefühl“, begann Manfred erneut mit seiner verdammten Unkerei. Wusste mein Chef mehr als er mir anvertraute, oder handelte es sich einmal mehr nur um Panikmacherei? Von dem Sonderparteitag in Berlin erwartete ich ohnehin nicht mehr viel und an eine Selbstauflösung wollte ich wie bereits gesagt, einfach nicht glauben.
Am Samstagvormittag beorderte mich der ODH zu einem Fahrraddiebstahl nach Lietzen. Irgendjemand hatte einem Zecher sein, angeblich angeschlossenes Fahrrad, direkt vor der Kneipe geklaut. Wie nicht anders zu erwarten fand sich das Vehikel leicht lädiert in der Nähe wieder an. Im Anschluss an meine erfolgreiche „Fahndungsaktion“ wollte ich schnell noch im VPKA vorbeischauen. Der kürzeste Weg von Lietzen nach Seelow führt über Zernikow und damit an der besetzten und so gut wie aufgelösten –Kreisdienststelle- vorbei. Von außen, im Vorbeifahren, sah das Gebäude nicht anders aus als sonst auch. Noch immer wachte das optische Auge einer Kamera über den menschenleeren Eingangsbereich. Ein hohes verschlossenes Blechtor versperrte wie eh und je den Blick auf den sich dahinter befindlichen Innenhof. Wenige Meter hinter der Dienststelle, in Richtung Seelow, lief in gebeugter Haltung ein schlanker junger Mann. Im Vorbeifahren erkannte ich ihn als den früheren persönlichen Kraftfahrer des KD-Leiters. Der sieht ja aus wie ein geprügelter Hund, schoss es mir unwillkürlich den Kopf, als ich ihn so über den Asphalt schleichen sah. Wahrscheinlich hatte er, wie alle anderen Mitarbeiter der Kreisdienststelle auch, vor kurzem seine Kündigung erhalten. Der junge Mann hatte jeden Morgen die speziell vorbereitete Tasche mit dem Tagesrapport des VPKA Seelow in Empfang genommen. Noch am 01. Mai 1989 stand er, mit einer roten Plastiknelke in der Hand, mit ein paar anderen Stasi-Mitarbeitern am Rande des „Puschkinplatzes“ um die traditionelle Maidemo zu beobachten. Damals deutete in Seelow nichts daraufhin, dass schon bald das abrupte Ende seines Berufslebens auf dem Plan stand. Auf meinem Gruß reagierte er nicht, so als wäre ich für ihm überhaupt nicht anwesend. Um keinen Preis dieser Welt mochte ich jetzt in seiner Haut stecken! Ein damals in der Kreisdienststelle eingesetzter Kollege hat die letzten Momente der Seelower Staatssicherheit folgendermaßen beschrieben:
„In den vergangenen Tagen mussten die Stasi-Leute unter Aufsicht des Bürgerkomitees dabei mithelfen, alle vorhandenen Akten, Waffen und die Funkausrüstung auf LKW zu verladen. Am letzten Tag, nachdem alle notwendigen Arbeiten verrichtet waren, mussten die MfS-Leute geschlossen in den Speiseraum der KD einrücken. Dort erfolgte dann einzeln und mit Hilfe einer Namensliste, ihre Entlassung aus dem Dienst. Zu guter letzt musste jeder einzelne seinen Dienstausweis, den berühmten „Klappfix“ in einen bereitgestellten Pappkarton werfen und im Anschluss für immer das Objekt verlassen.“
Wem verwundert es da schon, dass sich die MfS-Mitarbeiter im Anschluss an diesen als Demütigung empfundenen Rauswurf wie „ geprügelte Hunde“ fühlten.
Der vom Seelower Volksmund geprägte, dem letzten Leiter der KD, Oberstleutnant Kutschella gewidmete Spruch „ lieber fünf Stunden beim Konsum stehen, als fünf Minuten bei Kutschella sitzen“, hatte nun endgültig seine Bedeutung verloren.
Montagvormittag fand ich mich wieder in meinem Dienstzimmer in Dolgelin ein. Der von vielen mit Spannung erwarteten Sonderparteitag der SED war an mir „vorbeigesaust“. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich die Partei eben nicht in Luft aufgelöst. Im Gegenteil! Mit dem neuen Vorsitzenden Gregor Gysi an der Spitze und dem „demokratischen Sozialismus“ im Namen, ging es wieder einmal vorwärts in eine neue Zukunft. Nicht nur ich zweifelte wohl an dem Gelingen dieses ehrgeizigen Vorhabens. Überhaupt wer war schon dieser Gregor Gysi, der zur Amtsübernahme als Zeichen des Veränderungswillens einen Besen überreicht bekam? Mir persönlich wäre der charismatische während der Wende bereits positiv in Erscheinung getretene Dresdener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer als Vorsitzender lieber gewesen, als dieser kleine, bebrillte unscheinbare Rechtsanwalt Gysi. Aber was ging mich das ganze eigentlich noch an? Schließlich lag mein Austritt aus dem „Verein“ schon über eine Woche zurück! Noch war mir nicht bewusst, dass ich mit dem Parteibuch nicht auch gleichzeitig meine persönliche Vergangenheit abgegeben hatte.
Einstweilen beschäftigte ich mit meinem Telefon, das mir einen ebenso verbotenen wie verlockenden Zeitvertreib bot. Durch puren Zufall hatte ich bemerkt, dass nur ein paar beliebige Nummern gewählt werden müssen, um sich in irgendein laufendes Gespräch „einklinken“ zu können. Wie so etwas technisch möglich war, entzieht sich meiner Kenntnis, in Physik war ich schon immer ein Blindfisch. Ich tippe mal auf die maroden Telefonleitungen, die angeblich im Kreis Seelow noch vom Anfang der dreißiger Jahre stammen sollen. Natürlich weiß ich auch, dass das unbefugte Mithören von Telefonen absolut unanständig und obendrein verboten ist! Aber in jedem Manne steckt nun einmal auch ein Kind! In meinem Fall scheint es sich um ein wohl um eine regelrechte Lausegöre zu handeln. Nach einigen Fehlversuchen gelang es mir ausgerechnet in die telefonische Essenbestellung eines hörbar genervten Mannes zu platzen, welche dieser bei seiner ebenfalls nicht gerade bestens gelaunten Ehefrau durchgab.
Ehemann: „Was gibt es denn heute zu essen?“
Ehefrau: „Pellkartoffeln mit Quark, wie jeden Montag“.
An dieser Stelle brachte mich das sekundenlange Schweigen des Ehemanns auf eine spitzbübische Idee. Man konnte nicht nur mithören, sondern sich sogar an dem Gespräch beteiligen. Vom Teufel geritten, brubbelte ich alsdann mit verstellter Stimme: Iii gitt, nicht schon wieder“ in die Muschel meines Telefons.
„ Was hast du gesagt?“, kreischte die empörte Hausfrau folgerrichtig.
„ Na nichts“, erwiderte der Gatte wahrheitsgemäß.
„ Du hast doch gerade Iii gitt gesagt?“
„ Nein!“
„ Ich bin doch nicht taub.“
Um die Sache auf die Spitze zu treiben, murmelte ich „ bist du dir da ganz sicher?“ ins Telefon. Vielleicht wohnen die beiden ja in meinem Abschnitt, bekommen sich richtig in die Haare und ich kriege endlich was zu tun? Im „ Neusprech“ wird so etwas wohl als „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ bezeichnet. So weit kam es aber nicht, da bei der geplagten Ehefrau nun endlich der Groschen fiel. „ Hört hier etwa einer mit? Verschwinde du Stasi-Sau“ keifte sie mit einer Stimme welche einer Kreissäge zur Ehre gereicht hätte. „ Na sage ich, dass ich nichts gesagt habe“, äußerte der Ehemann erleichtert. Nun, nachdem ich für neue Gerüchte gesorgt und genügend Staub aufgewirbelt hatte, war es Zeit sich wieder der eigentlichen Polizeiarbeit zu widmen. Gerade als ich meine Kartentasche schnappen und hinaus auf Streife wollte, erinnerte mich das Klingeln des Telefons daran, dass diese Dinger auch noch einem anderen Zweck dienen, als damit Blödsinn zu veranstalten.
„ ABV Dolgelin“ meldete ich mich mit diesmal natürlich nicht verstellter Stimme.
Im Hörer erklang nun die angenehme Stimme von Hauptmann Sylvia R., unserer hochgeschätzten Kaderleiterin. „ Ich möchte den Genossen Bräuning ganz herzlich zu unserer für heute abend anberaumten außerordentlichen Parteiversammlung einladen. Sie findet um 17:00 Uhr im Versammlungsraum des „Rates des Kreises“ statt.“ Verdammt noch mal wann begreifen die endlich dass ich kein Genosse mehr bin? „ Ich möchte dich höflich daran erinnern, dass mein Parteibuch schon seit über einer Woche bei der Kreisleitung liegt“, antwortete ich daher in einem etwas bockigen Tonfall. „ Und ich erinnere dich genauso höflich daran, dass es schließlich auch um deine Zukunft geht! Du kommst und damit basta! Der gesamte Personalbestand des VPKA erscheint übrigens, aus diesem Grunde sind wir extra auf den größeren Versammlungssaal im „ Rat des Kreises“ ausgewichen. Also, dann bis 17:00 Uhr.“ Einem Offizier, noch dazu wenn es sich um eine Frau handelt, sollte wohl besser nicht widersprochen werden! So kam es das ich zwar widerwillig, aber pünktlich zur vereinbarten Zeit vor dem Gebäude der Seelower Kreisverwaltung eintraf. Mit dem besagten Versammlungsraum verband mich die unangenehme Erinnerung an jene Mainacht, in der ich die dort gelagerten Wahlunterlagen vor wem auch immer beschützen musste. Ein halbes Jahr war seitdem vergangen. Dabei hatten sich, speziell in den letzten zwei Monaten, mehr Veränderungen vollzogen als in sonst in zehn Jahren.
Auf jeden Fall aber konnte sich die Kaderleiterin noch immer uneingeschränkter Autorität erfreuen. Ihrem Ruf waren tatsächlich alle Angehörigen des VPKA, vom Amtsleiter bis hin zu den Zivilangestellten, gefolgt. Vielleicht lag es aber auch an der diffusen Hoffnung endlich einmal Antworten auf die drängenden Fragen zu erhalten, mit denen sich jeder einzelne herumplagte. Aber egal, der Raum war beinahe bis auf den letzten Platz ausgefüllt mit einem bunten Gemisch aus grünen und blauen Uniformen, saloppen Anzügen und den weinroten Kostümen der weiblichen Zivilangestellten. Unsere Parteileitung hatte eigens einen Gastredner von der LPG Alt Zeschdorf engagiert, damit dieser über seine Erlebnisse vom Sonderparteitag berichten konnte. In amüsierten Tonfall berichtete er von der peinlichen Blamage eines gewissen Egon Krenz, der nach seinem Rücktritt als Staats und Regierungschef nun auch noch zum einfachen Abgeordneten degradiert und auf eine der hintersten Bänke verbannt worden ist. „ In der Pause hat doch der Egon in altgewohnter Manier den Journalisten Interviews gegeben“, plauderte der Gastredner, so als würde er von einer Kneipentour mit Kumpels berichten. „ Da kam von hinten ein einfacher Genosse, auch aus einer LPG und hat gesagt: „Abgeordneter Krenz machen sie lieber ihre Arbeit und hören auf hier irgendwelche Statements abzugeben! Was soll ich euch sagen, der Krenz ist rot angelaufen und zurück auf seine Bank geschlichen. Ganz ehrlich, das muss für den eine verdammt ungewohnte Situation gewesen sein.“ Die anwesenden Volkspolizisten reagierten ganz unterschiedlich auf die Schilderung des Genossenschafsbauern. Während sich einige ein mehr oder weniger schadenfrohes Grinsen abrangen, zeichnete sich in den Gesichtern der meist älteren Polizisten tiefe Nachdenklichkeit ab. Wie schlecht musste es wohl um Staat und Partei stehen, wenn derart respektlos mit jemanden umgegangen werden konnte, der bis vor kurzem noch an der Spitze stand? Unser Gastredner präsentierte uns nun ein Buch, dessen genauen Titel ich leider vergessen habe. Inhaltlich befasste sich das Werk mit der Notwendigkeit der deutschen Einheit. „ Dieses Buch hat man ganz ungehindert bei dem Parteitag verteilen können. Mensch, ich habe gedacht, nimm dir doch auch so ein Ding mit. Das war so spannend, dass ich es gestern nachmittag auf meiner Ofenbank gelesen habe. Mensch, vor kurzen wäre ich dafür noch eingesperrt worden!“, stellte der Gastredner unter dem Gelächter aller Zuhörer fest. Was gibt es da eigentlich zu lachen?, grübelte ich. Noch vor acht Wochen hätte dieses Buch statt Heiterkeit wohl eher einen Großeinsatz ausgelöst. Nun wurde der Redner plötzlich nachdenklich: „ Ich muss aber auch sagen, dass unsere DDR am vergangenen Wochenende in einer großen Gefahr schwebte. Wir als Partei haben es uns mit der Frage ob wir die SED nun auflösen, nicht leicht gemacht. Sicher, nach dem riesigen von uns verschuldetem Vertrauensverlust wäre solch ein Schritt auf dem ersten Blick wohl das beste gewesen. Aber Genossen, wer hätte dann das dadurch entstehende Machtvakuum schließen sollen? Die DDR wäre mindestens für mehrere Tage vollständig ohne Führung gewesen. Das trifft nicht nur auf die Regierung, sondern auch auf Armee, Polizei und den übrigen Sicherheitsapparat zu. Unser Land wäre möglicherweise in Chaos und Bürgerkrieg versunken, wenn die SED als politisch führende Kraft sich plötzlich in Wohlgefallen aufgelöst hätte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass zum Beispiel Neonazis nur darauf warten in der DDR die Macht zu ergreifen. Eine Rückkehr zum Faschismus wäre plötzlich sehr real gewesen.“
Alle Wetter, dass war starker Tobak! Vor allem für einen Nichtraucher wie mich! Draußen lauern also die Faschisten drauf in der DDR gewissermaßen ein „ Viertes Reich“ zu errichten? So richtig glauben konnte ich das ganze nicht. Sicher, gab es auch in der DDR, obgleich offiziell verleugnet, Neonazis. In Frankfurt (Oder) musste vor einiger Zeit sogar die Berufsfeuerwehr zur Unterstützung des VP-Reviers herangezogen werden, weil die regulären Volkspolizisten den gewalttätigen Skinheads zahlenmäßig nicht gewachsen waren. Außerdem berichtete der „ Neue Tag“ von ein paar Spinnern welche im Bezirk Schwerin die „ SS“ wieder gründen wollten. Trotz aller nicht zu unterschätzender Gefährlichkeit konnte man doch wohl kaum davon ausgehen, dass solche Elemente nun auch noch die Regierungsgeschäfte im Land übernehmen konnten. Oder wollte die SED mit ihrer halbherzigen Umbenennung einfach nur den unausweichlichen Machtverlust verhindern? Wem konnte in dieser Zeit der Widersprüche überhaupt noch Glauben geschenkt werden?
Im Anschluss an die Rede des LPG-Bauern sollte laut Tagesordnung, eine Diskussion folgen. Einige Mitarbeiter konnten nun ihren seit Monaten angestauten Frust nicht mehr zügeln. Kornelia K. , Zivilangestellte in der Abteilung Pass & Meldewesen, ergriff als erste das Wort.
„ In den letzten Wochen mussten wir erfahren, dass nichts aber auch gar nichts was man uns in all den Politschulungen erzählt hat, der Wahrheit entspricht. Wir haben den ganzen Scheiß bis zuletzt mitgemacht und sogar noch ehrlichen Herzens daran geglaubt. Die Partei wird schon Recht haben, unsere führenden Genossen werden schon wissen was zu tun ist. Ich frage Sie Genosse Oberstleutnant, was soll bloß meinen Kindern erzählen, falls mich diese eines Tages fragen was ich im Herbst 1989 getan habe?“ Oberstleutnant N., der Adressat dieser äußerst emotional gestellten Frage, senkte hilflos und verlegen seinen Blick nach unten. In Augenblicken wie diesem fehlten auch einem Rhetoriker wie N. die Worte.
Im Laufe der Diskussion wurde nun auch das Amt des Politoffiziers zur Disposition gestellt.
„ Wo war er denn unser feiner Politoffizier, als wir im August und September der Wut unserer Bürger ausgeliefert waren, weil ihnen ganz plötzlich lange geplante Urlaubsreisen nach Ungarn verweigert wurden?“, rief Leutnant Petra K., die Leitern der Meldestelle. Als zunächst keine Reaktion erfolgte, beantwortete sich die zierliche blonde Frau ihre Frage der Einfachheit gleich selbst. „ Eingeschlossen hat er sich, in seinem Dienstzimmer. Alleingelassen hat uns der Feigling! Nein, wir brauchen wirklich keinen Politoffizier mehr!“
Major Artur B., der heftig kritisierte Politoffizier, sprang wild gestikulierend wie von einer unsichtbaren Feder getrieben von seinem Stuhl auf. „ Ich habe doch gedacht das alles richtig ist was Hager und Mittag sagen. Mensch ich habe doch immer fest daran geglaubt.......
Aber es kam doch nichts vom Politbüro zu diesen Fragen.....“ Von einem heftigen Schluchzen geschüttelt, sah sich Major B. außerstande den begonnen Satz zu einem sinnvollen Ende zu bringen. Von einem Moment zum nächsten herrschte im gesamten Raum eine unheimliche Ruhe. Selbst die eben noch so zornige Petra K. hüllte sich angesichts des in Tränen aufgelösten, verzweifelt um Fassung ringenden Politoffiziers in betretenes Schweigen. Es stand ganz sicher nicht ihre Absicht den Major derart vorzuführen. Aber ihre Wut war aber auch mehr als berechtigt. Gehört es nicht zu den vornehmen Aufgaben eines Politoffiziers seinen Mitarbeitern gerade in solch angespannten Situationen ideologisch den Rücken zu stärken. Statt dessen nichts als hilfloses Schweigen, allenfalls Phrasendrescherei. Weinende Männer sind eine emotionale Herausforderung, vor allem wenn es sich dabei um einen Vorgesetzten, mithin also eine Respektperson, handelt. Irgend jemand hat einmal den folgenden klugen Satz geprägt: „Wenn ein Offizier weint, dann ist die Schlacht verloren!“ Die Schlacht um DDR und Sozialismus schien nun tatsächlich verloren zu sein, daran gab es keinen Zweifel mehr. Hauptmann Manfred B. drohte leise jedem einzelnen Konsequenzen an, falls sich jemand über die Schwäche unseres Politoffiziers lustig machen würde. Jedoch niemanden stand in diesem Augenblick wohl der Sinn nach üblen Scherzen! Für mich persönlich gehört dieser kleine dicke Major Artur B. zu den besonders tragischen Figuren des Wendeherbstes. Wirklich Respekt gezollt hatte ihn schon vor seinem „Auftritt“ kaum jemand. Seine etwas plumpe jedoch gutmütige Wesensart, verbunden mit einem allseits bekannten Hang zu „geistigen Getränken“ ließen ihn schnell zum beliebten Objekt polizeiinternen Spottes werden. Unter anderem ist folgende Begebenheit aus dem Jahre 1985 überliefert:
Kurz nach seiner Amtsübernahme wollte sich der frischgebackene Major B. auch den gerade einer Schulungsmaßnahme wegen im VPKA versammelten Abschnittsbevollmächtigen vorstellen. „ Genossen Offiziere, es ist mir eine große Freude vor ihnen zu stehen. Niemand kann besser beurteilen als ich, was sie täglich zu leisten haben. Schließlich war ich auch einmal ABV.“ „ Dann musst du ja nicht viel getaugt haben, oder warum bist du Polit geworden?“, unterbrach ihn Oberleutnant Lothar R. unter dem heftigen Gelächter seiner Kollegen. Dennoch, war Artur B. auch ein von Grund auf ehrlicher Mensch. Im Gegensatz zu anderen mangelte es ihm an „ Wendigkeit“ und Skrupellosigkeit, um sich der eigenen Verantwortung mental entziehen zu können. Mit der Situation überfordert und von kritikloser Obrigkeitshörigkeit erfüllt, erwies er sich im entscheidenden Augenblick seiner Aufgaben nicht gewachsen. Später, nach der Wende, herabgestuft zum Polizeihauptmeister, erwies er sich bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst als durchaus angenehmer Kollege. Sein krankes Herz beendete bald darauf das Leben eines der merkwürdigsten Volkspolizisten denen ich je begegnet bin.
Zum Schluss ergriff die Kaderleiterin das Wort. Sie ging auf die unvermeidlich erscheinende Neuwahl ein, der sich die SED auf jeden Fall in der nächsten Zeit stellen muss. Ohne den verfassungsmäßig verankerten Führungsanspruch, ein schier aussichtsloses Unterfangen.
„ Genossen, wir müssen alles dafür tun, um das Verlorene Vertrauen in die Partei zurückzugewinnen,“ mahnte sie uns, dabei außer acht lassend das die Zahl der echten Genossen mehr und mehr im Schwinden begriffen war.
„ Es soll keiner denken das er nicht auch arbeitslos werden kann, wenn unsere Partei am Ende unterliegen sollte!“ Das hat gesessen! Mit diesen drohenden Worten wurden wir einmal mehr an die unheilvolle Liaison zwischen SED und Volkspolizei erinnert. Wie ein Ertrinkender klammerte sich die Partei an ihre einstigen „ Beschützer“ um diese mit in den Abgrund zu reißen. Ohne SED würde es auch für die Volkspolizei keine Zukunft geben. So lautete jedenfalls die gerade übermittelte Botschaft. Dagegen schützte auch ein Parteiaustritt nicht. Einmal SED-Mitglied, immer SED-Mitglied! Niedergeschlagen und deprimiert fuhr ich eine Stunde später nach Hause. Einsetzender Nieselregen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt verwandelten die Fernverkehrsstraße 1 in eine gefährliche Rutschbahn. Mit 10 km/h, die Füße zur Stabilisierung meines Mopeds auf den Asphalt gepresst, tuckerte ich über die endlose Gerade zwischen Seelow und Manschnow. Was wird sein, wenn sich die Voraussage der Kaderleiterin tatsächlich erfüllen sollte? Werde auch ich mich dem Wohl und Wehe neuer Kollegen in irgend einem Betrieb aussetzen müssen, wie die entlassenen Stasi-Mitarbeiter? Unversehens drehte sich mein Moped, vom Grübeln unaufmerksam, konnte ich den Sturz nicht verhindern. Hilflos wie ein Ritter in seiner Rüstung, schlidderte ich auf dem Bauch über das Straßenpflaster. Nur gut, dass ich in diesem Moment allein auf der Straße war. Gott sei Dank war nichts schlimmes passiert! Handschuhe und Lederolkombi hatten den Sturz abgefangen. Zum Glück hatte auch die „Schwalbe“ die Begegnung mit dem Asphalt ohne Folgen überstanden. Trotz des glimpflichen Ausganges meines Sturzes, erschien er mir doch als ein böses Vorzeichen.


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#213

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 14.08.2011 22:46
von ABV | 4.202 Beiträge

So Freunde, jetzt kommt das nächste update. Ich hoffe es gefällt euch.

Viel Spaß beim Lesen

wünscht der ABV vom Oderstrand

Das langsam ausklingende Jahr 1989 bescherte tausenden von Häftlingen in den Haftanstalten der DDR eine umfassende Amnestie. Es braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden, dass diese ihre unverhoffte Freiheit nicht dem „besonderen Humanismus“ der SED sondern ihren eigenen eisernen Protesten zu verdanken hatten. Für mich als Abschnittsbevollmächtigter bedeutete dieses „Weihnachtsgeschenk“ der Regierung die vorzeitige Rückkehr von Edmund H., eines von den meisten Seelower Polizisten gefürchteten Straftäters. Der untersetzte, muskulöse H. erweckte mit seinem rötlich schimmernden Kopfhaar unweigerlich Assoziationen an irische Eisenbahnarbeiter aus alten John-Ford-Filmen. In Wahrheit stammte seine Familie ursprünglich aus Rumänien, von wo aus diese mit anderen Angehörigen der dortigen deutschen Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg in die DDR eingewandert waren. Im Sachsendorfer Ortsteil Werder, einst eine mit Schilf bewachsene Insel in Mitten der Wildnis des Oderbruchs, fand Familie H. ein neues Zuhause. Edmund, allgemein nur als Eddy bekannt, geriet bereits im zarten Alter von sechs Jahren auf die schiefe Bahn. Nichts schien vor ihm sicher zu sein, weder die Schultaschen seiner Mitschüler noch die verschlossenen Schränke im Lehrerzimmer. Nach seinem nur wenige Jahre andauerndem Schulintermezzo, startete Eddy in krimineller Hinsicht so richtig durch. Einbrüche, Körperverletzungen und Widerstand gegen die Staatsgewalt, unterbrochen immer nur von Gefängnisaufenthalten, bestimmten sein weiteres Leben. Verschlagen wie er war, schlug er eines Tages auch der Strafvollzugsanstalt Rüdersdorf, in deren Räumlichkeiten er einmal mehr eingekehrt war, ein besonderes Schnäppchen. Ohne mit der Wimper zu zucken, „ lies er seinen Vater sterben“, um sich ein paar Tage Hafturlaub zu erschwindeln. Unglaublicherweise ging ihm die Knastleitung tatsächlich zunächst auf den Leim. Später, zu spät um die Blamage abzuwenden, erkundigte sich man nun doch bei Hauptmann Alois H., dem damals zuständigen ABV ob alles seine Richtigkeit hat. Der fiel natürlich aus allen Wolken, weil er Papa H. kurz vorher noch quietschlebendig im Sachsendorfer Konsum gesehen hatte. Und das zu einem Zeitpunkt wo man ihn eigentlich gerade zu Grabe trug, jedenfalls laut Angabe seines missratenen Sohnes. Na gut, wer an Rumänien, der früheren Heimat der Familie H. denkt, denkt manchmal auch an Transsilvanien, dem Reich Graf Draculas. War Papa H. also ein
„ Untoter“? Neben vielen anderen Dingen, gab es so etwas im sozialistischen Oderbruch natürlich nicht. Es kostete dem VPKA Seelow einiges an personellen Aufwand, um den Hafturlauber aus eigenen Gnaden wieder einzufangen und den in arge Erklärungsnöte geratenen Genossen vom Rüdersdorfer Strafvollzug eine noch größere Blamage zu ersparen. Eddys Leitspruch, „ Ick sitze sowieso nur wegen nen Appel und Ei ein“, charakterisierte ziemlich treffend seine von Unrechtsbewusstsein geprägte Lebensmaxime. Mit großer Erleichterung hatte ich seine erst im Sommer 1989, kurz vor meiner Amtsübernahme, erfolgte Verurteilung zu zwei Jahren Haft wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, aufgenommen. Gott sei Dank brauche ich mich mit dem nicht herumärgern, dachte ich erleichtert. Meine Dienstzeit als ABV in diesem Bereich endete ohnehin im August 1990, so dass ich mich wegen dieses Outlaws keine grauen Haare wachsen lassen musste. Wie pflegte aber schon mein seliges Großmütterlein zu sagen: „ Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“ Kurz vor Weihnachten spazierte Eddy wieder als freier Mann durch die Gefilde. Während eines Streifengangs begegnete ich ihm zum ersten Mal im Abschnitt. Er radelte gerade gemeinsam mit zwei anderen, ebenfalls nicht gerade als gesetztreu bekannten Zeitgenossen durch Sachsendorf, als sich unsere Wege kreuzten. So musste sich wohl Marshall Kaine alias Garry Cooper in „ High Noon“ gefühlt haben, durchfuhr es mich. Als bekennender Westernliebhaber neige ich auch noch heute zu solchen, nicht immer passenden Vergleichen. Oder hat schon mal jemand Gesetzlose auf klapprigen Fahrrädern Marke „ Diamant“ über die Leinwand „ reiten“ sehen? Unser Zusammentreffen, ich nenne es einfach mal so, beschränkte sich zunächst auch nur auf eine wenige Momente. „ Ist det der Fotzkopp der jetzt für uns zuständig ist?“, erkundigte sich Eddy im hiesigen Dialekt bei seinen Kumpanen. „ Jawoll det isser,“ bestätigte ihm sein Kumpel, ein grobschlächtiger Kerl dessen breite Boxernase von unzähligen Kämpfen zeugte. „ Meiner Mutter haben sie vor einem halben Jahr das Fahrrad geklaut, aber die Bullen warn zu doof es wiederzufinden. Wenn der sich da keine Mühe gibt, dann muss ich wohl mit dem Knüppel nachhelfen.“ Na wenn das nicht der Beginn einer tiefen auf gegenseitige Sympathie fußenden Freundschaft ist! Konsterniert, keiner Regung fähig, blickte ich dem sich in Richtung Dorfmitte entfernenden Trios hinterher. Ade du ruhige Streifenzeit! Von nun an musste ich mit dem Gedanken leben, irgendwann und völlig auf mich allein gestellt, diesem „ Billy the Kid des Oderbruchs“ bei irgendeiner strafbaren Handlung zu ertappen. Die für diesen Fall in Frage kommenden Handlungsvarianten erschienen mir, jede auf ihre Art, undurchführbar. Zum ersten könnte ich natürlich beide Augen kräftig zudrücken, was aber mit meiner Polizistenehre schwerlich in Einklang zu bringen war. Bei der zweiten Variante, dem entschlossenen Einschreiten, würden mir sehr wahrscheinlich beide Augen ganz fest zugedrückt werden. Ebenfalls keine sehr erstrebenswerte Aussicht. Niemals hätte ich geglaubt, einmal mit solchen Konflikten konfrontiert zu werden. Monate später sollte sich die vorzeitige Haftentlassung von Edmund H. als ein Fehler mit tödlichen Konsequenzen erweisen! Aber dazu komme ich später noch einmal zurück.
Während einer feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier im VPKA sah ich mich gemüßigt, die neueste Enthüllung des sich in diesen Dingen geradezu überschlagenen DDR-Fernsehens zu verkünden. Na ja, die Jungs hatten ja auch vierzig Jahre Nachholbedarf! „ Habt ihr schon gehört, dass unsere frühere Regierung sogar Internierungslager geplant hatte? Das ist doch unglaublich,“ streute ich mal so nebenbei in die Runde. „ Erzähle hier nicht solchen Mist,“ maßregelte mich Hauptmann B. in ungewohnt scharfen Ton. „ Die Reporter haben einfach keine Ahnung, von dem was sie da berichten. Solche Lager sind nur für außergewöhnliche Krisenfälle, zum Beispiel der Ausbruch eines Krieges, vorgesehen. Jeder Staat der Welt verfügt über solche Lager, in denen dann unsichere Kantonisten oder bestimmte Ausländer untergebracht werden. Das dient zur Sicherheit des Staates, hat aber nichts mit Internierungslagern zu tun!“ Ich zog es vor lieber zu schweigen, für einen Disput mit einem Offizier war ich wohl noch nicht besoffen genug. Aber der sonst so scharfsinnige Hauptmann irrte an dieser Stelle erheblich, wie weitere entdeckte Dokumente bald beweisen sollten.
Es war durchaus vorgesehen, im Zuge eines so genannten Vorbeugekomplexes eine Vielzahl von „Staatsfeinden“, oder solche Menschen welche man dafür hielt, in einer stabsmäßig geplanten Aktion festzunehmen und in ausgewählten Objekten zu internieren. Ein paar Jahre später sah ich im Fernsehen einen Bericht über eben diesen „ Vorbeugekomplex“. Zu meinem großen Erstaunen wurde dabei auch die frühere Seelower Kreisdienststelle Seelow erwähnt. Eine der sich auf dem dortigen Gelände befindlichen Garagen hatten perfide Planer zur Unterbringung von „subversiven Elementen“ auserkoren. Zu diesem wurde eigens eine speziell angefertigte eiserne Gittertür in Auftrag gegeben, welche nun sinnlos auf dem mit Unkraut überwucherten Innenhof der ehemaligen Kreisdienststelle lag. Vorgesehen für die Bewachung dieser Menschen waren laut Plan, Volkspolizisten. Spätestens jetzt dürfte es wohl auch dem letzten Ignoranten klar geworden sein, dass wir alle haarscharf an einer moralischen Katastrophe vorbeigeschrammt sind! Um einen Platz in der Seelower Garage, oder in einem anderen Internierungsobjekt zu bekommen, musste man durchaus kein Staatsverbrecher, Agent oder Saboteur gewesen sein! Wie aus den Dokumenten hervorgeht, genügten mithin wirklich schon öffentlich geäußerte Kritiken am Staat, um in Krisenzeiten interniert zu werden! Solch eine Krise war im Herbst 1989 eingetreten, überrollte die in keinem Planspiel vorgesehene Dynamik der Ereignisse auch den obskuren „ Vorbeugekomplex“. Ich bin glücklich und den Demonstranten aus heutiger Sicht unendlich dankbar dafür, dass sie mich davor bewahrt hatten, womöglich Freunde, Nachbarn oder Verwandte bewachen zu müssen.
Im Gegensatz dazu erscheinen die Stunden in der Manschnower Stasi-Tischlerei vergleichsweise angenehm! Wie hätte ich wohl heute in den Spiegel sehen können, wenn die Geschichte dieses Herbstes anders verlaufen wäre?
Der Jahreswechsel 1989/90 verlief in meinem Abschnitt ruhig und friedlich. Daher konnte ich den Sylvesterabend ungestört mit meiner Frau vor dem Fernsehgerät verbringen.
Es wunderte mich schon nicht mehr, dass die beliebte Entertainerin Helga „Henne“ Hahnemann öffentlich ihre Freude darüber „ das die olle Mauer nun endlich gefallen ist“, zum Ausdruck bringen konnte. Neben Parteifunktionären hielt ich DDR-Künstler bis zum Beginn der Wende immer für besonders staatstreu. Aber auch hatte sich einmal mehr als Irrtum erwiesen. Gab es überhaupt jemanden, der bedingungslos zur Politik der DDR stand? Hin und wieder machte dieses im Umbruch befindliche Land den Eindruck, von kommunistischen Außerirdischen besetzt gewesen zu sein. Jetzt wo sich das Experiment offenbar als gescheitert erwies, waren die Außerirdischen zurück in ihr Raumschiff geflüchtet und nach Hause zum Planeten Utopia gedüst. Blödsinn, aber wo waren sie denn plötzlich all die überzeugten Genossen hin? Im VPKA Seelow übte sich die Führung nun mehr in einem ungewohnten kumpelhaften Ton. Jeder einzelne wollte plötzlich nur noch ein „kleines Licht“ gewesen sein, dass schon immer alles genauso habe kommen sehen. Selbst der militärisch immer so korrekte Stabschef, Major W., sprühte nun vor lauter Liebenswürdigkeit geradezu über. Mit nachdenklichem Gesicht berichtete er davon, wie ihm einst als junger Schutzpolizist der Sohn eines hohen SED-Funktionärs mit Konsequenzen drohte, nur weil der damalige Oberwachtmeister W. eine ausgesprochene gebührenpflichtige Verwarnung partout nicht zurücknehmen wollte. Aber W. blieb trotz aller Drohungen mit dem in Aussicht gestellten väterlichen Zorn des Sünders, unbeugsam wie eine deutsche Eiche. Ich habe es doch schon immer gewusst, so ein kleiner Widerstandskämpfer steckt doch in uns allen! Oberstleutnant N. brachte derweilen einmal mehr seine tiefe Abscheu gegen das MfS zum Ausdruck. „ Die Bürgerbewegung hat in einem Frankfurter Außenobjekt der Staatssicherheit ein paar hundert Blanko-Dienstausweise der Volkspolizei gefunden. Da haben doch diese Schweinebuckels tatsächlich auch unsere Ausweise benutzt,“ sagte N. mit ergriffenem Gesichtsausdruck. Jetzt fehlt nur noch, dass er voller Ekel auf die Tischplatte spuckt, dachte ich mit leisem Unbehagen. Das die Staatssicherheit zuweilen auch unter „ falscher Flagge segelte“ war ein offenes Geheimnis in der Volkspolizei und dürfte daher wohl auch Oberstleutnant N. bekannt gewesen sein. Wenn es dem Einsatzziel entsprach, benutzte die Staatssicherheit nicht nur Dienstausweise, sondern auch Uniformen und Fahrzeuge der Volkspolizei. Oder besser gesagt um stilechte Duplikate der selbigen. Soweit das ein MfS-Mitarbeiter mal so eben einem Volkspolizisten die Uniform oder den Streifenwagen abnehmen konnte, ging der Respekt vor den „ Geheimen“ nun auch wieder nicht! Ein früherer Frankfurter Verkehrspolizist berichtete mir viele Jahre später, von einem ihm zu erst äußerst seltsam erscheinenden Erlebnis.
Nach einer Frühschicht hatte er wie stets seinen Streifenwagen in die Garage des VPKA Frankfurt (Oder) gestellt und danach den wohlverdienten Feierabend angetreten. Auf dem Heimweg, im Bereich der so genannten Magistrale, der Frankfurter Geschäftsstraße, erblickte er plötzlich im Gegenverkehr seinen Funkstreifenwagen. Ein grün-weißer Wartburg mit haargenau demselben amtlichen Kennzeichen, nur dass sich eine ihm völlig unbekannte Besatzung im Innern befand. Völlig verwirrt und an seinem Verstand zweifelnd, rief er sofort nach seiner Ankunft von Zuhause aus in seiner Dienststelle an.“ „ Du sag mal, wer ist denn mit meinem Funkwagen unterwegs?“ „ Wer soll denn mit dem Funkwagen unterwegs sein, der steht doch in der Garage?“ , antwortete der Diensthabende. Am nächsten Tag bekam er dann den Tipp von einem Kollegen, dass es doch wohl nicht so schwer zu erraten sei, um was für eine Art „ Verkehrspolizisten“ es sich wohl gehandelt hat. In Berlin war es gang und gebe, dass in den VP-Uniformen nicht immer auch Volkspolizisten drin steckten. Warum sollte es in der Frankfurter Provinz anders sein?“ Ausgerechnet so etwas war dem Genossen oder korrekter ausgedrückt Herrn Oberstleutnant bislang entgangen?
Im Fernsehen wurden in zeitlichen Abständen immer mal wieder live zum Brandenburger Tor nach Berlin geschaltet. Dort hatten sich, auf beiden Seiten der Grenze die doch eigentlich schon gar keine mehr war, viele tausend Menschen zusammen gefunden um gemeinsam Sylvester zu feiern. Deutsch-deutsche Besoffenheit in Reinkultur, mein Gott wie gerne wäre ich dabei gewesen! Selbst die Quadriga auf dem Brandenburg Tor zeigte sich in dieser Nacht besetzt, erklommen von besonders leichtsinnigen Zeitgenossen. Wer sollte sie auch daran hindern? Die Westberliner Polizei besaß in diesem Bereich (noch) keine Befugnisse, während sich Volkspolizei und Grenztruppen aus gegebenem Anlass absolut im Hintergrund hielten.
Vor knapp vier Jahren absolvierte ich dort in der Nähe meinen ersten selbstständigen Dienst als Volkspolizist. Um keinen Preis dieser Welt mochte ich aber in dieser Stunde dort im Einsatz sein. Wie sollte eine ihrer Autorität verlustig gegangene Polizei um Himmels Willen in solch einem Hexenkessel für Ordnung sorgen? Mein auf dem Teppichboden platziertes Funkgerät schwieg in wohltuender Art und Weise, so dass ich dem Verlangen nach einem gut gekühlten Bier ohne Gewissensbisse nachgeben konnte. Obwohl noch lange nicht Mitternacht, zuckten überall in meinem Wohnort Manschnow die bunten Schweife explodierender Feuerwerkskörper am Nachthimmel. Unter lautem Lachen und Rufen zog eine ausgelassene Personengruppe die Kirchstraße entlang. Nicht nur am Brandenburger Tor in Berlin, auch im Oderbruch herrschte eine nie gekannte Euphorie. In diesem Augenblick überkam mich so etwas wie eine Vision, zukunftsweisend und abwegig zugleich. „ Ob sich die Grenze nach Polen auch einmal öffnen wird? Was meinst du, werden wir mit unseren polnischen Nachbarn gemeinsam Sylvester feiern, so wie jetzt die Ost und Westberliner“, fragte ich meine Frau. „ Ist dir das Bier schon in den Kopf gestiegen, oder wie kommst du jetzt darauf?“ So sind sie, die Frauen! Da ist man einmal poetisch verträumt, schon holen einen die Weiber mit brachialer Gewalt wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurück. Nichts aber auch gar nichts deutete auf gut nachbarliche Beziehungen zwischen DDR-Bürgern und Polen hin. Im Gegenteil, erst vor kurzem hatte doch unsere Regierung per Gesetz, die „ Hamsterkäufe“ polnischer Touristen im Grenzgebiet unterbunden. Manche Waren durften von Polen nur in geringen Umfang oder überhaupt nicht erworben werden.
„ Die Polacken kaufen uns noch alles weg. Wenn man sieht was die so alles hier einkaufen, furchtbar“, echauffierte sich eine etwas in die Jahre gekommene Dame im Fernsehen. Mit dem faktischen Ausfuhrverbot verschiedener Handelsgüter nach Polen heimste sich die Regierung der DDR sogar den seltenen Beifall der Bevölkerung ein. Heute schleppen deutsche Kunden weit mehr polnische Waren über die Grenze, als es damals umgekehrt der Fall sein konnte. Wie viele dieser damaligen Beifallklatscher werden sich wohl heute in das Heer der deutschen Schnäppchenjäger eingereiht haben und Woche für Woche über polnische Märkte herfallen? Zum Jahreswechsel 1989 /90 konnte so etwas natürlich noch niemand voraussehen. Noch herrschte Friedhofsruhe an der „ Oder-Neiße-Friedensgrenze.“
„ Stasi ade“ sang nun ein gemischter Chor, ausgerechnet auf DDR I und schaffte damit die perfekte Überleitung ins neue, nicht weniger bedeutungsschwere Jahr 1990. Gepackt von einem Gefühlsgemisch irgendwo zwischen Hoffnung, Neugier und blanker Existenzangst, stießen wir Punkt Mitternacht auf das neue Jahr an. In diesem Moment ereignete sich in Alt Friedland, einem malerisch am Rande der „ Märkischen Schweiz“ umgeben von Fischteichen, Seen und Wäldern gelegenem Dorf, der bisher erste im Zusammenhang mit der Wende stehende Vorfall im Kreis Seelow. Ein völlig betrunkener Einwohner des Dorfes griff unvermittelt eine ebenfalls in Alt Friedland wohnende fast sechzig Jahre alt Frau an und begann sie zu würgen. Dabei rief er lautstark „ euch Kommunistenschweine muss man alle umbringen“. Schließlich gelang es einigen beherzt eingreifenden Alt Friedländern das schlimmste zu verhindern und die Polizei zu informieren. Später stellte sich heraus, dass er sein Opfer wahllos angegriffen hatte. Beide kannten sich viele Jahre, hatten sich aber nie etwas Böses angetan.
Wieder einmal wurde ersichtlich, wie schnell die Situation noch immer eskalieren konnte, vor allem wenn Alkohol im Spiel war. Nein die Gefahr einer „ Nacht der langen Messer“ war auch im Oderland noch lange nicht gebannt!

Fortsetzung folgt


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#214

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.08.2011 14:37
von Boelleronkel (gelöscht)
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Herrlisch ABV....
Weiterschreiben büdde!
Gruss BO


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#215

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.08.2011 18:37
von ABV | 4.202 Beiträge

Nur Geduld, Boelleronkel. Das update ist in Arbeit

Gruß an alle
Uwe


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#216

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.08.2011 21:54
von Holtenauer | 1.158 Beiträge

Zitat von ABV
Nur Geduld, Boelleronkel. Das update ist in Arbeit

Gruß an alle
Uwe



Bin jetzt fast durch. Super geschrieben und sehr interessant für mich , aus deiner Sicht, die Wende zu erleben.

PS. Nicht persönlich nehmen: Lass mal die Rechtschreibprüfung drüber laufen


Gruß
Thomas
Zerstörer Lütjens - D185

Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erweisen sich viele von ihnen als falsch

Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast


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#217

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.08.2011 21:58
von Gert | 12.354 Beiträge

Uwe war 10 Tage in der Pampa ohne PC. Jetzt muss ich mich auf einer tschechischen Tastatur herumquaelen, ist aber besser als nix. Deine Updates haben mir langweilige Zeit in kurzweilige verwandelt. Danke dir dafuer es war koestlich.

Gruss Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#218

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.08.2011 18:20
von ABV | 4.202 Beiträge

So Freunde, nun wird es mal wieder Zeit für ein neues update. Danke für euer Lob und natürlich auch für den Hinweis mit der Rechtschreibprüfung. Nein, ich nehme so etwas nicht persönlich. Wenn euch Fehler oder Ungereimtheiten auffallen bin ich mehr als dankbar dafür. Schließlich seid ihr ja mein "Testpublikum".

So nun aber und viel Spaß beim Lesen

euer Uwe
Dolgelin hatte wahrlich schon bessere Tage gesehen. Theodor Fontane, der unermüdliche Wanderer durch Mark Brandenburg, hinterließ hier seine literarischen Spuren. König Friedrich II. von Preußen pflegte bei seinen Inspektionsfahrten durch die Lande, von den Dolgelinern bestaunt und begrüßt wie ein Popstar, des Öfteren beim hiesigen Pfarrer einzukehren. War es die besondere Gastfreundschaft des Geistlichen die den König immer wieder nach Dolgelin zog? Oder lag es an dem Umstand, dass sich in diesem kleinen Ort der geographische Mittelpunkt des Preußenreichs befand? Egal, wir wissen es nicht und werden es wohl nie erfahren. Um das Dolgelin des Jahres 1990 hätte der König wahrscheinlich einen großen Bogen geschlagen. Von der jahrhundertealten aus den Anfangszeiten der deutschen Besiedlung des Oderlandes stammenden Feldsteinkirche, sicher einst der Stolz eines jeden Dolgeliner Pfarrers, war nur noch eine Ruine übriggeblieben. Grau und trist schmiegten sich die in ihrer Mehrheit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erbauten Häuser an die den Ort teilende Fernverkehrsstraße 167. Mit gemächlichem Schritt streifte ich an einem milden Winterabend Anfang Januar 1990 durch Dolgelin. In der Seelower Stadtbibliothek hatte ich vor ein paar Tagen ein Exemplar der fontaneschen „ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ entdeckt und geradezu mit literarischem Heißhunger verschlungen. Vor einer Stelle in unmittelbarer Nähe des heutigen Pfarrhauses verharrte ich ehrfürchtig. Hier ungefähr musste, laut Theodor Fontane, die königliche Kutsche, gestanden haben. Im Geiste malte ich mir aus wie der legendäre Preußenkönig sein Gefährt verließ und von seinen devoten Untertanen empfangen wurde. Vergleichbar nur mit dem Aufriss, welcher beim Auftauchen irgendeines hohen SED-Funktionärs noch bis vor kurzem zum guten Ton gehörte. Nur mit dem Unterschied, dass solche Herrschaften in aller Regel dem Herrn Pfarrer die kalte Schulter zeigten. Mittlerweile hatte sich aber das Blatt gewendet! Nun waren auch einst führende Genossen froh, wenn ihnen die verpönte Kirche Unterschlupf gewährte und die Pfarrer begannen mehr und mehr die Geschicke im Lande in die Hand zu nehmen. In Berlin lagen sich in der Sylvesternacht Menschen aus Ost und West glücklich in den Armen. Selbst die Grenztruppen an der Westgrenze tranken offiziell mit Bundesbürgern am Sperrzaun Sekt. Kurios der Moment, als ein Offizier seine Mütze krampfhaft vor Souvenirjägern schützen wollte. „ Nein, nein! Die wird noch gebraucht!“, schien er gestikulierend, aber nicht unfreundlich, mitteilen zu wollen. Ob er sich in diesem Augenblick wirklich sicher war, dass sein „Deckel“ auch in Zukunft noch eine Verwendung hätte? Oder war sich der gestandene Mann bereits bewusst, dass sich seine Zeit als Grenzer nun einweigerlich dem Ende zuneigte? Grübelnd setzte ich meine Streife in Richtung Fernverkehrsstraße fort. Ein Lada fuhr mit abgeblendeten Scheinwerfern in Richtung Lebus davon. Noch immer in Gedanken versunken, lauschte ich dem langsam in der Ferne abklingenden Motorengeräusch. Vor der Bushaltestelle stand ein ungesichertes Damenrad. Gut, es handelte sich nicht mehr um das neueste Modell. Aber warum müssen die Leute immer so leichtsinnig mit ihrem Krempel umgehen? ärgerte ich mich still. Routinemäßig leuchte ich mit meiner Taschenlampe, ein „Dreifarbmodell“ welches auch von Regulieren benutzt wird, die Umgebung der Bushaltestelle ab. Ein Blick ins Innere lies mir den Atem gefrieren und das ungesicherte Fahrrad sofort vergessen. Überall an der gesamten Wand befanden sich Aufkleber der rechtsradikalen „Republikaner“. Zusätzlich lagen überall auf der hölzernen Sitzbank verstreut Infomaterialen jener Partei, welche in der DDR als Synonym für den Neonazismus schlechthin galt. Ein mit Kreide aufgemaltes Hakenkreuz rundete den makaberen Eindruck zusätzlich ab. Wieder und wieder tastete sich der matte Lichtkegel meiner Taschenlampe über das Symbol einer doch längst überwundenen geglaubten Zeitepoche. Da haben wir den Salat, der Faschismus kriecht zurück aus seinen Löchern! Und das nicht nur in Berlin-Treptow, wo das sowjetische Ehrenmal unlängst geschändet wurde, sondern ausgerechnet auch in meinem persönlichen Polizeibezirk. Wild entschlossen wollte ich dem Frevel Einhalt gebieten, quasi einen lebenden „Antifaschistischen Schutzwall“ abgegeben. Der richtige, aus Beton, bröselte, einem löchrigen Schweizer Käse nicht unähnlich geworden, im nahen Berlin bekanntlich nutzlos vor sich hin. Rasch entfernte ich die Aufkleber und legte sie gemeinsam mit dem übrigen Kram in die Kartentasche.
Eilenden Schrittes begab ich mich in mein Dienstzimmer um von dort aus dem Operativen Diensthabenden die Ungeheuerlichkeit mitzuteilen. „ Ach bei dir hängt die Scheiße auch?“, erkundigte sich der Diensthabende mehr gelangweilt als erstaunt. „ Vorhin hat dein Lebuser Amtsbruder auch solchen Plunder entdeckt, aus Podelzig kam die Nachricht schon heute Nachmittag. Schreibe einen kurzen Bericht und bring die Dinger morgen hier vorbei.“
In Seelow schien man die Aktivitäten der Republikaner erstaunlich gelassen zu sehen, stellte ich mit Ernüchterung fest. Immerhin erteilte mir Hauptmann Helmut T., der Leiter der Seelower Schutzpolizei, am nächsten Tag ein dickes Lob meiner Wachsamkeit wegen ein dickes Lob. „ Aber wegen dem Hakenkreuz hast du dich aber echt dämlich angestellt“, relativierte er sofort seine ehrenden Worte. „ Warum das denn?“, erkundigte ich mich uneinsichtig. „Na so wie das Ding aussieht, wurde es schon vor längerer Zeit gemalt. Das waren bestimmt Schulkinder gewesen. Jedenfalls besteht ganz sicher kein Zusammenhang mit den Republikaneraufklebern. Der K-Dienst hat sich das Ding vorhin angeschaut und für unrelevant befunden. Schau mal das macht man so“, sprach Hauptmann T. und kritzelte mittels ein Hakenkreuz auf das vor ihm liegende Blatt Papier. Während ich noch darüber grübelte ob der oberste Seelower Schutzpolizist völlig den Verstand verloren hat, verwandelte er mittels ein paar Strichen das verfemte Symbol in ein harmloses Fenster. „ Von nun wirst du immer ein Stück Kreide mitführen und die Dinger unkenntlich machen. Es gibt schon genug Arbeit, da müssen wir uns nicht mit solchen Kinderkram beschäftigen.“ So viel Pragmatismus hätte ich dem immer etwas überanstrengt wirkenden T. überhaupt nicht zugetraut. Zugegeben ein äußerst merkwürdiger Pragmatismus, vor allem wenn man die Hysterie wegen des beschmierten sowjetischen Ehrenmals in Berlin betrachtet. Aber Dolgelin war eben doch nur Provinz und dort wurden nun einmal keine richtigen Neonazis vermutet.
Wer auch immer hinter der Aktion mit den Aufklebern stand, es war nicht das einzige Vorkommnis welches die Seelower Volkspolizei in Atem hielt.
In Letschin, mit seinen dreitausend Einwohnern mithin das größte Dorf im Oderbruch und im 19. Jahrhundert Wohnsitz der Familie Fontane, waren Listen mit angeblichen „ Inoffiziellen Mitarbeitern“ der aufgelösten Seelower Kreisdienststelle für Staatssicherheit aufgetaucht. Mit gewichtiger Mine wurden in öffentlicher Versammlung die Namen aller in Letschin wohnenden und bis vor kurzem noch angeblich tätigen „IM“ verlesen. Es konnte bis heute nicht geklärt werden, woher diese Listen stammten und wer sie in Umlauf brachte. Gemunkelt wurde, dass sie von entlassenen MfS-Mitarbeitern stammten. Andere vermuteten „ Beutestücke“ aus der Zeit der Dienststellenbesetzung. Ob es sich bei allen genannten tatsächlich um „ IM“ oder um Opfer einer gezielten Verleumdung handelte, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist aber, dass sich in der ohnehin aufgeheizten Stimmung niemand gegen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wehren konnte. Es grenzt an ein Wunder und spricht für den besonnenen Charakter der Menschen im Oderbruch, dass es trotz allem zu keinen Übergriffen kam.
Es verging nun keine Woche mehr ohne die fast schon traditionellen Einwohnerversammlungen. An Stelle der sprachlos gewordenen Bürgermeisterin hatte in Libbenichen Pfarrer Olaf Sch. die Moderation übernommen. Innerlich verweigerte ich mich noch immer seinen Argumentationen. Pfarrer Sch. ging mit der Staatsmacht hart ins Gericht. Dabei schien er es zu genießen, nun endlich trotz meiner uniformierten Anwesenheit, kein Blatt mehr vor dem Mund nehmen zu müssen. Obwohl die geäußerten Kritiken nicht direkt an mich gerichtet waren, ärgerte ich mich trotzdem über den, meiner damaligen Meinung nach, „ besserwisserischen Pfaffen.“ Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden, dass hatte schon Rosa Luxemburg treffend erkannt. Warum ist es nur so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren? Wieso ist jemand ein „Feind“, oder geistig nicht auf der Höhe, nur weil er eine andere Sicht auf gewisse Dinge besitzt, als man selbst? Mensch Bräuning, du musst wohl noch eine Menge lernen um in der neuen Zeit anzukommen!
Neben all den politischen Kram den die Wende nun einmal mit sich brachte, musste ich mich auch noch zusätzlich mit ganz profanen Dingen herumschlagen. Einbrecher suchten in den Nächten mehrfach die Verkaufsstellen in der Region heim. Ihre Beute bestand hauptsächlich aus alkoholischen Getränken und Zigaretten, was den Kreis der Verdächtigen nicht gerade einengte. Nur gut das die Seelower Kriminalpolizei den Täter, ja es handelte sich tatsächlich um einen aus der Gegend stammenden Einzeltäter, recht bald habhaft werden konnte.
Derweilen startete in Berlin Generalleutnant Lothar Ahrendt, seit kurzem neuer Innenminister und Chef der Deutschen Volkspolizei in Personalunion, eine Imagekampagne um unser ramponiertes Bild in der Öffentlichkeit aufzupolieren. Bürgerfreundlichkeit und auch das äußere Erscheinungsbild sollten nun radikal den Erfordernissen angepasst werden. Im „ Neuen Tag“ konnte der geneigte Leser nun endlich auch einmal einen realistischen Bericht über den Seelower Polizeialltag genießen. Bisher wurden dort, in der Rubrik „ die Volkspolizei berichtet“, Verkehrssünder an den öffentlichen Pranger gestellt. Die dabei verwendeten Namenskürzel sorgten dabei für keinerlei Persönlichkeitsschutz. Wenn zum Beispiel vom Bürger Otto H. aus Sietzing, einem Dorf von knapp fünfhundert Einwohnern, zu lesen war, wusste garantiert jeder in dem Nest um wem es sich dabei handelte. Im Januar 1990 wurde erstmals eingehend von den Schwierigkeiten und Konflikten des Polizeidienstes in diesen schwierigen Zeiten, geschrieben. Der zugrundeliegende eigentlich banale Vorfall, stellte doch ein exemplarisches Beispiel für den zunehmenden Autoritätsverlust der Volkspolizei dar. Ein Seelower Lokalredakteur begleitete die Verkehrspolizisten Hauptwachtmeister Bernd K. und Hauptwachtmeister Frank G., bei einem Einsatz. In Alt Rosenthal, einer kleinen Gemeinde nordwestlich von Seelow, hatten beherzte Bürger einen völlig betrunkenen Traktoristen gestoppt. Bis hierhin noch nichts besonders. Bemerkenswert war aber das der Mann sich weigerte den herbeigerufenen Volkspolizisten zur Blutentnahme ins Seelower Krankenhaus zu folgen. „ Ihr verfluchten Stasiknechte könnt mir überhaupt nichts. Ihr habt hier nichts mehr zu sagen, die Zeit für Kommunistenschweine ist um,“ schrie der Traktorist. In der weiteren Folge berichtete der Redakteur, von den geduldig und beherrscht auf den Delinquenten einredenden Polizisten. Solche Vorfälle gab es natürlich auch schon früher, nur blieb dieser brisante Konfliktbereich zwischen Bürger und Volkspolizei stets im journalistischen Dunkel. So etwas passte nicht in das offiziell vermittelte Idealbild eines vom Volke inniggeliebten Polizisten. In diesen Tagen zeiget sich aber auch zunehmend die gelinde gesagt, etwas merkwürdige Vorstellung von persönlicher Freiheit bei einigen Mitbürgern. Manche verwechselten gar Demokratie mit Anarchie, wollten am liebsten überhaupt keine Polizei mehr sehen. „ Ich war eine ganze Woche in der Bundesrepublik und habe nicht einen Streifenwagen gesehen“, verkündete ein mahnender Bürger aus Libbenichen während einer Einwohnerversammlung. Die Bundesrepublik Deutschland ein Polizeifreier Raum? Wohl kaum, kein Staat kann auf Ordnung und Sicherheit versichern. Außerdem beschränkte sich die polizeiliche Präsenz in den Dörfern des Kreises Seelow im wesentlichen nur auf den jeweils zuständigen Abschnittsbevollmächtigten. Merkwürdig, so wie es heutzutage eine starke Diskrepanz zwischen realer und gefühlter Kriminalität gibt, traf dieses in dieser Zeit auf die angeblich allgegenwärtige Anwesenheit der Polizei zu. Wie dem auch sei, die Volkspolizei benötigte dringend ein neues Image! Mitten in diese Kampagne platzte ausgerechnet in meinem Abschnitt ein an Peinlichkeit kaum mehr zu überbietender Vorfall. Oberwachtmeister Rudi Hermann*, eine Knallcharge vor dem Herrn und personifizierter Volkspolizistenwitz schlechthin, hatte sich in der Dolgeliner Dorfkneipe wieder einmal „ die Kante gegeben“. Gemessen an seinem damaligen Pensum wäre selbst Amy Winehouse noch als Abstinenzlerin durchgegangen! Außerdem stellte die Dolgeliner Dorfkneipe nicht gerade eine Örtlichkeit dar, in der sich ein Volkspolizist nach Dienstschluss aufhalten sollte. Die interne Bezeichnung, „ Gasthof zur dreckigen Windel“ verriet mir meine damalige Frau fieser Weise erst nachdem ich dort, vor meiner Zeit als ABV, mit einem Schwiegervater ein Bier getrunken hatte. Frau Wirtin, welche übrigens über einen bemerkenswerten Bartwuchs verfügte, soll einst ihre Windeln oder besser ausgedrückt die ihrer Kinder, im selben Spülwasser am Tresen gewaschen haben. Also erst die vollen Windeln und dann die Biergläser, oder anders herum. Jedenfalls genügte die Schilderung um mich von einem weiteren Besuch der Kneipe abzuhalten. Sogar beim Schreiben wird mir immer noch schlecht, wenn ich nur daran denke.
Wie in einem Dorf üblich, kannte Rudi natürlich jeder persönlich und wusste auch über dessen Tätigkeit bei der VP Bescheid. Bald hagelte es Beschimpfungen aber auch derbe Witze auf Rudis Kosten. Dieser, bereits reichlich angetrunken und somit jenseits von gut und böse, glaubte sich die Gunst seiner Zechkumpane mit ein paar Saalrunden erkaufen zu können. Nun durfte sich Rudi in der Gunst aller regelrecht sonnen, ohne freilich zu bemerken das man ihn nach allen Regeln der Kunst verscheißerte. Zur Krönung, stimmte der ganze Schankraum, in der Melodie des „ Sanitätsgefreiten Neumann“, eines bekannten Soldatenliedes, eine Lobeshymne auf unseren Rudi an. „ Ein dreifach hoch, ein dreifach Hoch, dem Polizeigefreiten Hermann, Hermann, der uns beschert diese schönen Runden“ und so weiter und so fort, klang es in vom Original leicht abgeänderter Form, aus ebenso kräftigen wie durstigen Dolgeliner Männerkehlen. Bald schunkelte und sang die ganze Kneipenmannschaft, während Rudi rhythmisch auf einem der Tische eine „fesche Sohle“ auf die Platte legte.. Nicht das jetzt einer denkt, dass wäre schon alle gewesen. Weit gefehlt! Nach der dritten und letzten Runde, mehr Geld hatte Rudi wohl nicht bei sich, sank auch dessen Beliebtheitsgrad wieder auf das ursprüngliche Niveau. Schmollend ob dieser offensichtlichen Undankbarkeit, verzog sich Rudi nun endlich nach Hause. Dort überkam ihm eine wahre Schnapsidee. Oberwachtmeister der VP Rudi Hermann würde es allen zeigen! Rasch warf er sich in die Uniform und schwankte zurück in die Destille. „ Hi.. hi hier spricht die Deutsche Volkspolizei. Ihr seid a..a a alle ver ver ver haftet“, lallte Rudi voller Tatendrang. Nach einer kurzen Schrecksekunde, wer hätte schon mit solch einer Vorstellung gerechnet, drang ein mehrstimmiges, markerschütterndes Lachen aus den Kehlen der Anwesenden. „ Ihr, ihr, ihr sollt mitkommen“, beharrte Rudi bockig auf seinem Standpunkt. Statt der „Staatsmacht“ Folge zu leisten, griff ihm ein bärenstarker Genossenschaftsbauer in den Uniformkragen. Kurz darauf verließ Rudi, nun etwas unsanft, die Gaststätte zum weiten Mal an diesem Abend. „ De de de, das hat Folgen“ drohte er zum Abschied.
Schon am nächsten Tag bekam ich von einem genüsslich grinsenden Dolgeliner den nächtlichen Vorfall „ aufs Brot geschmiert.“ Es war nicht das erste Vorkommnis mit diesem Hermann, warum musste der auch ausgerechnet in meinem Abschnitt wohnen? Vor ein paar Tagen hatte er, ebenfalls sturzbesoffen, einer Küchenfrau Blumen aus dem Fahrradkorb geklaut. Selbst vor dem LPG-Vorsitzenden, einer absoluten Respektperson, zeigte Rudi wenig Achtung. Eines Abends wollte dieser Rudis Vater bitten, für einen erkrankten Kollegen einzuspringen und eine Sonderschicht im Viehstall zu übernehmen. „ Vadda det machste nich“, brüllte Rudi und verwies den LPG-Vorsitzenden kurzerhand des Hauses. Eine Ungeheuerlichkeit, gleichzusetzen mit einer Gotteslästerung! Aber das war natürlich nichts, im Vergleich zu dem blamablen Vorkommnis in der Gaststätte.
„ Der ist doch wohl total bescheuert“, brüllte daher folgerichtig Hauptmann B, als ich ihm von dem Vorkommnis berichtete, „ Wenn der S-Leiter davon erfährt, der reißt dem den Arsch auf“, verkündete B. weiter. Kaum zu glauben, aber Rudi hatte in seiner erst halbjährigen Dienstzeit schon für mehr unfreiwillige Komik gesorgt, als andere in vierzig Dienstjahren. Bereits an seinem ersten Tag sorgte er bei dem stets überaus korrekten VP-Obermeister Gerhard M. für einen Schock. Gerade von einem Streifengang zurückgekehrt, stellte uns Hauptmann T. den neuen Genossen, Oberwachtmeister Hermann, vor. Gerhard legte ungläubig die Stirn in Falten und musterte Rudi von oben bis unten. „ Kann das sein, dass wir uns schon mal begegnet sind?“ Rudi verzog sein Gesicht zu einem dämlichen Grinsen. „ Ja, kann schon sein.“ Mit Hilfe einer Lesebrille, die ihm den seichten Touch eines Oberlehrers verlieh, durchforstete Gerhard sein Diensttagebuch. „ Habe ich es doch gewusst,“ triumphierte der Obermeister. „ Du hattest im April total besoffen vor dem Eingang der „ Lindenquelle“ gelegen. Und ich habe dir damals ein Ordnungsstrafverfahren übergebügelt.“ „ Det stimmt genau“, bestätigte Rudi dämlich grinsend. „ Solche Eskapaden sind von nun an vorbei. Sonst hat das Konsequenzen, Genosse Hermann“, drohte Hauptmann in einem väterlich-strengen Tonfall. Meine Schwiegermutter, damals Lehrerin in Dolgelin, kannte Rudi noch als Schüler. „ Jetzt glaube ich wirklich das die Polizistenwitze wahr sind. Also wenn sogar so einer wie Rudi Polizist werden kann, ist alles möglich“, sagte sie als ich ihr von unserem „Neueinsteiger“ berichtete. Später stellte sich heraus, dass sogar sein eigener Bruder, seit Jahren ein geachteter Volkspolizist und mittlerweile Offiziersschüler, die Kaderleiterin händeringend vor Rudi gewarnt hatte. Auch Hauptmann Benno K, der die Familie Hermann bestens kannte, schüttelte entsetzt den Kopf. Doch vergebens, Rudi hatte sich bei seiner Einstellung in die VP eines fiesen Tricks bedient. Geworben hatte ihm nicht ein hiesiger Volkspolizist, sondern ein Abschnittsbevollmächtigter aus einem Dorf an der innerdeutschen Grenze. Er war dort mit Rudi, der bei den dortigen Grenztruppen seinen „Ehrendienst“ ableistete, ins Gespräch gekommen. „ Hast du nicht Lust nach dem Ende deiner Armeezeit bei der VP anzufangen“ fragte listig der Genosse ABV. Na ja, es gab auch in meiner Zunft „ Schwarze Schafe“! „ Ja, aber nicht hier. Was soll ich in der Altmark?“ Ade du schöne Werbeprämie! Aber so schnell gibt ein guter ABV bekanntlich nicht auf. Bald konnte er Rudi eine wichtige Neuigkeit überbringen. „ Du wirst im VPKA Stendal eingestellt, kannst aber sofort die Versetzung in deine heimatliche Dienststelle beantragen. Ich gebe dir mein Wort, das dass sofort und ohne Schwierigkeiten über die Bühne geht.“ Sicherlich war dem altmärkischen Dorfpolizisten nicht entgangen, dass Rudi nicht unbedingt eine Bereicherung für das Stendaler VPKA sein würde.
In Hilfe dieses, mit der Amtsleitung ausgehandelten Kniffs, konnte er aber nun zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ihm war die Werbeprämie trotzdem sicher und Rudi blieb den Bürgern der Altmark trotzdem erspart.
Nun war er in Seelow angekommen, ohne dass wir uns dagegen wehren konnten. Fatalerweise stellte sich bald heraus, dass Rudi in Folge seiner Eskapade in der Seelower „Lindenquelle“ nicht nur fünfundsiebzig Mark der DDR, sondern auch seine Schneidezähne eingebüßt hatte. Trotz dieses nicht zu übersehenden kosmetischen Mankos wurde er bald als Posten in der Objektsicherung, im Empfangsbereich des VPKA, eingesetzt. Ein uniformierter, zahnloser Volkspolizist, mit Rudi wurde ein Alptraum wahr! Major Artur B., unser Politstellvertreter, sah sogar das Ansehen der gesamten DDR in Gefahr. „ Ich möchte auf keinen Fall, dass der Genosse Hermann Samstags Vormittag in der Objektsicherung Dienst verrichtet. Dort kommen doch immer die Besucher aus der Bundesrepublik um sich anzumelden. Also, wenn die Bundesbürger den zahnlosen Hermann sehen, dann denken die alle das es in unserer Republik nur hartes Brot zu essen gibt“, zeterte der Politstellvertreter. Auf den vorgebrachten Alternativvorschlag Rudi bis zum Erhalt eines Gebisses der Reichsbahn zum Fahrkartenlochen zur Verfügung zu stellen, ging er allerdings nicht ein. Hartes Brot, so ein Politoffizier hat schon so seine Sorgen! Der ständigen Frotzelein überdrüssig, konnte Hauptmann T. aber schon vier Wochen später im Rahmen eines Schulungstages berichten, „dass der Genosse Hermann nun endlich ein Gebiss bekommen hat. Und will ich keine blöden Bemerkungen deswegen mehr hören“, beeilte sich T., leicht entnervt, hinzuzufügen.
Selbstverständlich dauerte es nicht lange, bis Oberwachtmeister Rudi das erste Mal über die berühmten Strenge schlug. Eines Montagsvormittags stand Hauptmann T. fassungslos vor der scheinbar unbesetzten Pförtnerloge. „ Genosse Hermann. Wo ist der Genosse Hermann“, hallte es über den Gott sei Dank von Zivilisten entblößten Flur. „ Das kann ja wohl nicht wahr sein“, rief T. voller Zorn nach einem kurzen Blick nach unten. Dort lag der gesuchte, friedlich schlummernd wie ein Baby, auf dem Fußboden. „ Mir ist mit einem Mal schwindlig geworden“, versuchte er sich gegenüber seinem Vorgesetzten herauszureden. Auf dem Schreibtisch neben dem Telefon entdeckte Hauptmann T. eine angebrochene Tablettenpackung. „ Sind das deine? Wogegen sind die denn?“ „ Ich habe zu hohen Blutdruck, dass sind meine“, brubbelte Rudi verlegen. In der Tablettenpackung lag auch des Rätsels Lösung. Rudi hatte sich am Abend vorher kräftig „ einen auf die Lampe gegossen“ und um die spürbar eingetretenen Folgen für den Kreislauf, mit eben diesen Pillen bekämpft. Beta-Blocker und Restalkohol, das haut den stärksten Bullen vom Hocker! Damals blieb es noch bei einer eindringlichen Ermahnung. Nun aber, nach dem Auftritt in der Dolgeliner Kneipe schien das Maß endgültig voll zu sein. Aber auch diesmal endete der ganze Skandal lediglich in einem gepfefferten Anschiss. Immerhin mied Rudi für eine längere Zeit die Gastlichkeit in Dolgelin, nicht aber den Alkohol. Kurz nach der Wiedervereinigung schied er wegen eines Dienstunfalls, welcher ausnahmsweise nichts mit Alkohol zu tun hatte, aus dem Polizeidienst aus. Seine immer stärker werdende Alkoholabhängigkeit trieb Rudi ein paar Jahre später zu der überfälligen Erkenntnis, dass ihn nur noch eine Entziehungskur vor dem sicheren Untergang retten konnte. Trotz aller Unkenrufe und Zweifel, Rudi hat es geschafft dem Teufel Alkohol zu entkommen. Seit vielen Jahren nun führt er gemeinsam mit Frau und Kind, ein solides Leben frei von Eskapaden und Peinlichkeiten. Manche Geschichten haben auch ein Happy end!
Nun aber wieder zurück in das Jahr 1990. Ende Januar verkündete Ministerpräsident Hans Modrow, völlig überraschend, dass die Volkskammerwahlen auf Grund der Situation nun mehr schon am 18. März stattfinden würden. Ich sah dieser Wahl mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits begrüßte ich die Veränderungen, logisch! Aber was passiert mit der DDR im Falle einer Niederlage der momentan noch herrschenden SED? Vor allem, was passiert mit uns, den vereidigten Wächtern des alten Systems? Fragen über Fragen, auf die es noch keine Antwort gab.

* Name geändert


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#219

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.08.2011 20:23
von küchenbulle | 196 Beiträge

Hallo ABV !

wieder mal ein herrlicher Beitrag aus deiner Feder !

Solche Typen wie den Oberwachtmeister Rudi gab es wohl in einigen Dienststellen. Auf der Polizeischule in Potsdam hatten wir auch
so einige Kunden die dann ebenso peinliche Vorfälle lieferten. Zum Beispiel früh Morgens noch noch blau wie ne Picke einen 3000m-Lauf laufen zu wollen ! der liebe Genosse ist so auf der Bahn hingeknallt ,das ganze Gesicht abgeledert. Ein anderer aus Schwedt wurde nach einer Sauftour total hilflos von einer Streife eingesammelt. Also manche waren einfach nur eine Schande für die VP.
Naja die Personalwahl ging manchmal komische Wege,bei den GT insbesondere bei den BU,s gab auch recht eigenartige Zeitgenossen.Aber so ist das Leben der eine ist so ,der andere wiederum Vorbildlich.

VG
der küchenbulle


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#220

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 17.08.2011 22:02
von ABV | 4.202 Beiträge

Hier noch eine Ergänzung zu dem Beitrag von Küchenbulle:
Während des Grundlehrgangs auf der VP-Schule in Neustrelitz mussten wir bei den Fahrten nach Hause und zurück zur VP-Schule natürlich auch, Uniform tragen. Da die meisten Teilnehmer mit der Bahn reisten, erhoffte sich die Führung der Volkspolizei dadurch eine größere Polizeipräsenz in den Zügen. Ein fataler Fehler, der Ansehen der VP überhaupt nicht gut bekam. Spätestens in Berlin-Ostbahnhof füllte sich der Bahnsteig mit angetrunken oder sogar völlig betrunkenen Volkspolizisten. Die Reisenden, welche sich eigentlich sicherer fühlen sollten, schüttelten voller Unverständnis über die schwankenden und gröhlenden Gestalten in Uniform den Kopf. Es wusste ja niemand, dass es sich "nur" um Polizeischüler, nicht aber um fertig ausgebildete Polizisten handelte. In meiner Anfangszeit sind mir etliche solcher " Schwarzen Schafe" begegnet. Die meisten von ihnen hatten allerdings binnen eines Jahres den Polizeidienst wieder quittiert. Entweder sie hatten die durchaus nicht leichten Prüfungen vermasselt oder kamen anderweitig mit dem Dienst in der Volkspolizei nicht klar. Wer nur allein mit dem Gedanken " nun wieder arbeiten zu müssen" zur Volkspolizei gegangen war, wurde recht schnell desillusioniert. Spaß am Beruf und das notwendige Interesse benötigte man auch schon damals bei der Polizei.

Gruß an alle
Uwe


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