#21

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 21.02.2011 20:11
von 94 | 10.792 Beiträge

Schön @ABV, wische mir gerade noch eine Lachträne aus dem Augenwinkel. Hat sich mal wieder sehr schön gelesen, brauch ich die Woche nicht mehr ran, danke *grins*


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#22

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 21.02.2011 23:22
von icke-ek71 (gelöscht)
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super abv, hat sich wieder gut gelesen..ist ja auch eine aufregende zeit gewesen..die man damals erlebt hatte..weiter so..bin schon auf den nächsten teil gespannt!!!gruß aus berln von bernd


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#23

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.02.2011 16:41
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von icke-ek71
super abv, hat sich wieder gut gelesen..ist ja auch eine aufregende zeit gewesen..die man damals erlebt hatte..weiter so..bin schon auf den nächsten teil gespannt!!!gruß aus berln von bernd



Alles klar Bernd! Das nächste Kapitel ist schon in Arbeit.

Viele Grüße vom Oderstrand
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#24

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.02.2011 16:55
von exgakl | 7.223 Beiträge

super zu lesen.. einfach weiter so!

VG exgakl


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#25

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.02.2011 17:38
von Zaunkönig | 624 Beiträge

Möööönsch Uwe, Du machst das immer so richtig schön spannend mit den Geschichten. Das ist ja wie der Fortsetzungsroman in der Zeitung, bloß den hat sich ein Schriftsteller aus den Fingern gesogen.
Aber ist wieder Klasse geschrieben.
Zaunkönig Peter


März 1959 bis Mai 1962 an der Grenze in Berlin vom Norden bis an die Stresemannstraße
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#26

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.02.2011 19:56
von Dorfsheriff (gelöscht)
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Hallo ! Ich habe mich gerade im Forum angemeldet und kann den Erlebnisbericht von Uwe nur bestätigen. Auch ich war war in der Wendezeit ABV in einem
kleinen Dorf in Sachsen Anhalt. Genau wie Uwe könnte ich einen Roman über diese Zeit schreiben, allerdings will ich hier Uwe den Vortritt lassen. Wenn es
Euch genehm ist kann ich ja zu einigen Zeitabschnitten, die Uwe hier beschreibt, kleine Erinnerungen aus meinem Dienst in dieser Zeit wiedergeben. Es war eine
verwirrende Zeit und von einem auf den anderen Tag waren wir nicht mehr die Volkspolizei sondern die Polizei. Und was gestern noch eine Konterrevolution war
war am nächsten Tag eine friedlicher Umschwung. Und vorallem war es ganz wichtig die Reden des Gen. Krenz intensiv zu studieren und natürlich auch im ND zu kennzeichnen.Und ich persönlich habe mich immer gefragt ob die die uns das jetzt täglich vortrugen selber glaubten was sie uns da sagten. Ein Polit Offz. der schon Jahre in der Dienststelle war, der war plötzlich Verfolgter des Sozialismus und macht heute noch Dienst bei der Polizei. Und so könnte ich das noch weiter fortsetzen. Ich habe 1990 selbst gekündigt, konnte den Planstellendruck nicht mehr ertragen. Aber die Erinnerung blieb, die schlechten und auch die guten.
Dorfsheriff Reinhard


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#27

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.02.2011 19:59
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Tja dann viel Spaß hier @Dorfsheriff und deine Erlebnisse werden sicher auch gern gelesen


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#28

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 23.02.2011 16:17
von Siggimann (gelöscht)
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Deine Beiträge sind lesenswert und Talent zu schreiben hast Du auch. Ich beneide Dich. Meine Homepage ist dagegen eine trockene, analytische Darstellung. Eigentlich habe ich für Comedie nicht viel übrig. Aber diese Form des Spots über Kleinbürger, Versager und Selbstdarsteller im Sozialismus gefällt mir. In vielen Abschitten ist auch zu erkennen, Du wärst ein guter Volkspolizei Offizier geworden und die Arbeit in der VP hat Dir auch gefallen. Leben und Erfindung sind kaum zu unterscheiden und es ist lesenswert. Leider kenne ich Dein Gesamtprojekt nicht.
Doch müßte es auch Leistungen und Ergebnisse gegeben haben. So wie ich die Wirkung bisher beurteile, hätte man die VP garnicht gebraucht. Und im heutigen Zeitgeist zu sprechen, das hätte die Stasi auch noch übernehmen können. Vielleicht liegt es daran,daß Du Dich auf 1989/90 konzentrierst.
Ich freue mich schon auf die nächsten Abschnitte.


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#29

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 23.02.2011 18:32
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von Siggimann
Meine Homepage ist dagegen eine trockene, analytische Darstellung.


Na im Moment wohl nicht mal das *wink*


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#30

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 23.02.2011 18:42
von icke46 | 2.593 Beiträge

Hallo, Uwe,

Du verstehst es wirklich, Zeitumstände darzustellen, die man so eigentlich nirgendwo in den historischen Büchern findet; dort wird meistens die hohe Politik abgehandelt, ohne darzustellen, wie die Auswirkungen am anderen Ende der Gesellschaft, bei den sogenannten "kleinen Leuten" war. Das wird in Deinen Texten erlebbar.

Nur eine winziger Korrekturvorschlag: Ich denke, das erste Wort in dem Satz:

Attestiert wurde ich dabei von einem großgewachsenen fünfundzwanzigjährigen Unterwachtmeister,...

soll wahrscheinlich assistiert heissen, sonst macht der Satz nicht so recht Sinn.

Aber ansonsten bin ich wirklich auf Fortsetzungen gespannt.

Gruss

icke



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#31

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 23.02.2011 20:26
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von icke46
Hallo, Uwe,

Du verstehst es wirklich, Zeitumstände darzustellen, die man so eigentlich nirgendwo in den historischen Büchern findet; dort wird meistens die hohe Politik abgehandelt, ohne darzustellen, wie die Auswirkungen am anderen Ende der Gesellschaft, bei den sogenannten "kleinen Leuten" war. Das wird in Deinen Texten erlebbar.

Nur eine winziger Korrekturvorschlag: Ich denke, das erste Wort in dem Satz:

Attestiert wurde ich dabei von einem großgewachsenen fünfundzwanzigjährigen Unterwachtmeister,...

soll wahrscheinlich assistiert heissen, sonst macht der Satz nicht so recht Sinn.

Aber ansonsten bin ich wirklich auf Fortsetzungen gespannt.

Gruss

icke




Danke @icke. Natürlich sollte es assestiert heißen. Danke aber auch den anderen für die Kommentare, Lobe und Hinweise.
Das geplante Buch beschreibt die Ereignisse der Jahre 1989-1990 in dem früheren, heute zum Land Brandenburg gehörenden Kreis Seelow, aus der Sicht der Volkspolizei. Die "Wende" verlief in diesem Landstrich zwar weniger spektakulär als zum Beispiel in den Südbezirken, trotzdem gab es einige Ereignisse welche absolut nicht in Vergessenheit geraten dürfen! Ich hatte mich entschlossen einige Kapitel vorbab im Forum zu veröffentlichen, um das Interesse an diesem Thema zu testen. Einige Skeptiker aus meinem Umfeld meinten bisher, dass solch ein Thema kaum jemand interessieren würde. Ich bin allerdings anderer Meinung und die bisherigen Reaktionen eurerseits bestärken mich immermehr in der Annahme, dass sich die Mühe lohnen wird.
So nun werde ich m al weiter an dem nächsten Kapitel basteln.

Gruß an alle
Uwe


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#32

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 25.02.2011 23:32
von ABV | 4.202 Beiträge

Eine freudige Botschaft

Es gibt Häuser die man nur betritt, wenn es denn unbedingt sein muss. Das sich auf einer Anhöhe am östlichen Stadtrand von Seelow befindliche zweistöckige Gebäude, gehört trotz der freundlich hellen Fassade zweifelsohne dazu. Ein am Eingang angebrachtes Schild kündet davon, dass sich hier das „Jobcenter“ befindet. Wer durch diese Tür geht, hat in aller Regel bereits einige Jahre ohne Arbeit und Einkommen, hinter sich. In der Strukturschwachen Oderregion sind solche Schicksale durchaus an der Tagesordnung! Es erscheint beinah wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass sich hier einst die Seelower Kreisleitung der SED befand. Jene Partei welche einst antrat eine bessere Gesellschaftsordnung zu erschaffen, in der „Jobcenter“ und ähnliche Behörden keinerlei Daseinsberechtigungen besitzen. Wo vor gut zwanzig Jahren wohlgenährte Funktionäre saßen, müssen heute Menschen mit traurigen Gesichtern staatliche Almosen beantragen. Weder das Jobcenter noch deren Mitarbeiter gehören zu den absoluten Sympathieträgern. Ursachen dafür gibt es verschiedene, so mancher projiziert seinen Frust auf die Sachbearbeiter der Behörde. Entgegen anderslautenden Bekundungen, hielt sich aber auch die Beliebtheit der SED-Kreisleitung Seelow, in sehr engen Grenzen. Galt sie doch in den letzten Jahren der DDR als ein Sammelbecken für ebenso systemkonforme wie unfähige Zeitgenossen. Nicht umsonst wurde die benachbarte „Förderschule“ im Volksmund gehässig als „Kaderschmiede der SED-Kreisleitung“ bezeichnet. Diese latente Antipathie war der Seelower Polizeiführung nicht entgangen. Aus diesem Grunde mussten sich die Streifenpolizisten mindestens einmal in der Nacht mit dem Betriebsschutz der Kreisleitung Kontakt aufnehmen. Am Abend des 11. Augustes 1989 trabte ich zum letzten Male zur örtlichen Parteizentrale. Einen Tag vorher hatte mich der S-Leiter überraschend in sein Büro bestellt. Solch plötzliche „Audienzen“ verursachen bei mir stets Magendrücken und weiche Knie. In Bruchteilen von Sekunden versuchte ich mein Sündenregister zu rekapitulieren, allerdings ohne Erfolg. Der Hauptmann erwartete mich hinter dem Schreibtisch sitzend, in seinem Zimmer. Auf der Tischplatte befand sich neben dem unvermeidlichen vollen Aschenbecher, ein ausgebreiteter Dienstplan. „ Hier bin ich“, sagte ich beim Eintreten und reichte dem Offizier die Hand zur Begrüßung. Der oberste Seelower Schutzpolizist pflegte normalerweise einen eher saloppen Umgangston mit seinen Unterstellten. Seine in Falten gelegte Stirn signalisierte mir allerdings, dass der Chef heute Wert auf militärische Disziplin legte. Uwe das ist kein gutes Omen, durchfuhr es mir eiskalt. „ Genosse Hauptmann, Hauptwachtmeister Bräuning auf ihren Befehl zur Stelle“, meldete ich unter strammen Hackenknallen. „ Na bitte es geht doch“, stellte der Hauptmann zufrieden fest. Mit der rechten Hand verwies er mich auf einen der zahlreichen rotgepolsterten Stühle, welche den langen Konferenztisch in seinem Büro umstanden. Wie es nun einmal seine Art war, kam er sofort zum Thema. „Du weißt sicher, dass der Genosse L. für ein Jahr zum Direktstudium an die ABV-Schule nach Wolfen geht. Das bedeutet, dass sein Abschnitt für ein ganzes verwaist ist. Genosse Bräuning, würdest du dir zutrauen, ab September als Schutzpolizist im Abschnitt zu fungieren und den Bereich Dolgelin zu übernehmen? Na und ob ich mir das zutraute! Endlich durfte ich meinen eigenen Abschnitt übernehmen und zeigen was wirklich in mir steckt, obwohl ich mich offiziell vorerst nur „Schutzpolizist im Abschnitt“ nennen durfte. Erst nach erfolgreich beendeten Studium und der Zuteilung der nötigen Planstelle, war man ein vollwertiger Abschnittsbevollmächtigter. Aber was kümmerten mich solche Feinheiten im Augenblick des größten beruflichen Glücks?
„ Na klar traue ich mir das zu, Genosse Hauptmann“, antwortete ich, ohne groß überlegen zu müssen. „ Ich habe von dir nichts anderes erwartet“, erwiderte der Hauptmann zufrieden lächelnd. „ Am Montag meldest du dich um 07:00 Uhr im ABV-Dienstzimmer Dolgelin. Der Genosse Obermeister L. hat zwei Wochen Zeit, dich einzuarbeiten. Danach musst du draußen alleine zurechtkommen!“ Zwei Wochen Einarbeitungszeit? Insgeheim hatte ich gehofft, sofort und ohne Aufsicht loslegen zu können. Aber egal, auch diese Zeit wird vorbeigehen!
Die freudige Botschaft lang jetzt sechsunddreißig Stunden zurück. Nun war sie gekommen, die vermeintlich letzte Schicht als Streifenpolizist. Vor mir lag eine Zeit beruflicher Weiterentwicklung, die spätestens 1992 mit meiner Ernennung zum Leutnant ihren vorläufigen Höhepunkt finden sollte. Nichts in der Welt lies mich zu diesem Zeitpunkt an dieser Vision zweifeln, die doch schon bald wie eine bunt schillernde Seifenblase zerplatzen sollte. Petrus hatte mir für meine Abschiedsrunde in Seelow, das schönste Wetter beschert. Es war einer jener Augustnächte, welche man am liebsten mit einem kühlen Bier auf der Bank vor dem Haus verbringt. Die noch immer warme Luft kühlte sich trotz der vorgerückten Stunde auf kaum weniger als 25 Grad Celsius ab. An dem von Sternen übersätem Himmelszelt blinkten in größer Höhe, die Positionslichter eines einsamen Flugzeuges. Das richtige Flair für einen unverbesserlichen Romantiker wie mich! Die Stimme des Unfalldienstes der Verkehrspolizei unterbrach für wenige Augenblicke das monotone Rauschen meines Funkgerätes. Der Kollege meldete die Aufnahme eines Verkehrsunfalls, irgendwo in der Nähe Letschins. Nichts besonderes, nur ein lapidarer Blechschaden. Wirklich? Hoffentlich verfügten die Unfallbeteiligten über die nötigen Beziehungen zu einer Autowerkstatt, um nicht sechs Monate auf eine Reparatur warten zu müssen. Wie schon oft, nun aber zum letzten Mal, inspizierte ich die nähere Umgebung der SED-Kreisleitung. Vor den gegenüberliegenden Wohnblöcken standen ein paar Jugendliche. Sie schienen die laue Nacht zu genießen, verhielten sich aber wohltuend ruhig dabei. Nichts deutete auf irgend eine Gefahr für das Parteigebäude hin. Pflichtgemäß betätigte ich nun die Klingel an der Umzäunung, um dem „Betriebsschützer“ meine Anwesenheit zu signalisieren. Nach wenigen Augenblicken kam ein schlanker grauhaariger, mit einer Makarowpistole bewaffneter Endfünfziger gemächlichen Schrittes ans Tor. Es handelte sich um einen zivilen Angehörigen des für die Sicherung der Kreisleitung verantwortlichen „Betriebsschutzes“. Seine Uniformierung bestand aus einer blauen Hose und der silbergrauen Bluse der VP. „ Alles in Ordnung bei euch?“ Es war eine jener rhetorischen Fragen, auf denen man keine Antwort erwartete. Der Wachhabende verfügte über eine Direktleitung zum „Operativen Diensthabenden“. Falls irgend etwas nicht in Ordnung gewesen wäre, hätte er wohl längst Alarm geschlagen. „ Ich habe gerade Kaffee aufgesetzt, möchtest du auch einen?“, wurde ich stattdessen gefragt. Natürlich hatte ich nichts dagegen. Welcher Polizist schlägt schon die Einladung zu einem Kaffee ab? Zum Kaffeetrinken begaben wir uns in den Wachraum des Betriebsschutzes. Dieser befand sich im unteren Flur der Kreisleitung, unmittelbar hinter der Eingangstür. In dem Raum befanden sich neben den üblichen Schlüsselbrettern und Telefonen, auch eine Couch sowie ein Fernsehgerät. Ich erzählte dem Wächter von meiner anstehenden beruflichen Veränderung. Danach kamen wir auf das Thema Nummer 1 jener Tage, die anhaltende Massenflucht über Ungarn, zu sprechen. „ Ich versteh die Ungarn nicht, dass sind doch unsere Verbündete“, sagte der Wächter mit nachdenklicher Mine. „ Vielleicht bezahlt der Westen ja gut dafür, dass sie unsere Leute abhauen lassen?“, mutmaßte ich. Über das schmale bleiche Gesicht des Mannes begann sich ein Schatten zu legen, so als ob ihn schwere Sorgen plagten. „ Weißt du mein Junge, ich habe richtig Angst um den Fortbestand des Sozialismus. Wenn das so weitergeht, dauert es höchstens noch fünfzehn Jahre bis es auch bei uns so kommt wie in Ungarn“ Ich stimmte ihm zu, wobei mir der Kaffee plötzlich nicht mehr schmeckte. Eine Zukunft ohne Sozialismus konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. „ Soweit wird es bei uns nicht kommen!“ Mit meinem forschen Tonfall versuchte ich vergeblich die aufsteigende Unruhe zu bekämpfen. Die politische Situation in der DDR konnte bizarrer nicht sein. Die Tatsache das uns jeden Tag so viele hoffnungsvolle junge Leute verließen, fand in den Medien der DDR keinerlei Beachtung. Die größte Fluchtwelle seit 1961 beherrschte überall die Gespräche und fand offiziell doch gar nicht statt! Der Staat ließ nicht nur die Bürger, sondern auch seine Diener mit all den Fragen und Sorgen allein.
Beim Abschied wünschte mir der Wächter viel Glück für meine neue Tätigkeit. „ Bloß gut das ich bald in Rente gehe. Meine Nachfolger werden eines Tages mit der Mpi vor dem Tor stehen müssen.“ Der Mann schien sich tatsächlich große Sorgen um die Zukunft der DDR zu machen. Zu Recht, wie die folgenden Monate zeigen sollten. Als ich ein Jahr später in den Streifendienst zurückkehrte, sollte es keine SED-Kreisleitung mehr geben. Anders als von dem Wachmann vorausgesagt, blieben der DDR nicht fünfzehn Jahre, sondern nur noch knappe fünfzehn Monate bis zum Untergang.


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zuletzt bearbeitet 25.02.2011 23:35 | nach oben springen

#33

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.02.2011 08:42
von Bunki (gelöscht)
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Das ist wirklich super geworden!!
Sowas kann sich auch sehen lassen.
Wenn du es jemals veröffentlichen würdest, würde ich es mit sicherheit kaufen!

Mach weiter so!! :-)

glg Bunki


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#34

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.02.2011 09:44
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat
Das bedeutet, dass sein Abschnitt für ein ganzes verwaist ist.



@abv, ist das hier ein tip- oder nur ein kopierfehler ?


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#35

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 26.02.2011 17:35
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow

Zitat
Das bedeutet, dass sein Abschnitt für ein ganzes verwaist ist.



@abv, ist das hier ein tip- oder nur ein kopierfehler ?




Danke Gilbert. Da fehlt das Wörtchen Jahr. Es muss richtig heißen: Das bedeutet, dass sein Abschnitt für ein ganzes Jahr verwaist ist.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


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#36

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.02.2011 00:02
von Zkom IV | 320 Beiträge

Hallo ABV

heute im Nachtdienst ist gerade mal nichts los in Schöneberg, so konnte ich in einer Funkwagenpause in Ruhe Deine Beiträge aus der Wendezeit lesen.
Auch ich finde Deine Zeilen sehr interessant und aufschlußreich. Freue mich schon auf weitere Fortsetzungen. Ich galube es ist sehr wichtig die Ereignisse von damals festzuhalten und zu lange daf man da nicht warten, wie Du schon sagtest "man wird nicht jünger" und je weiter die Zeit verstreicht, desto mehr vergisst man auch.
Toll, dass Du noch soviele Kleinigkeiten behalten hast. Eine Frage ist bei mir aufgetaucht, bei der Story über den Kollegen, der die VP verlassen musste, da seine Frau Westverwandtschaft hatte.
In Berlin wurden ja fast alle höheren Dienstgrade nach der Wende, also spätestens ab 1.10.1990 entlassen oder auch "weggegauckt".
Hier in Berlin ist es so ein Gerücht, dass im Land Brandenburg nicht so "hart" verfahren wurde.
Daraus entnehme ich, dass wahrscheinlich viele ehemalige, ich nenne es mal ganz allgemein "stramme Genossen" den Weg in die Landespolizei Brandenburg gefunden haben. Kannst Du das so allgemein bestätigen?
Wir hatten hier bei uns nämlich 1991 einen Kollegen der ehem. VP, welcher nach einer etwas merkwürdigen Äußerung auf der Wache, die Berliner Polizei verlassen musste. Seit damals wird gemunkelt, dass er einfach nach Brandenburg gegangen ist,um dort als Hauptkommissar übernommen zu werden.
Wäre das Deiner Meinung nach möglich gewesen?

Wie gesagt, schreib weiter.

Viele Grüße aus Berlin-Schöneberg

Frank



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#37

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.02.2011 18:01
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Frank!
Die Ereignisse in den Jahren 1990/ 1991 bei der Berliner Polizei, wären einen eigenen Threat wert. Ich habe gehört, dass die Kollegen im Osten der Stadt die Berater aus dem Westteil nicht selten als "Besatzer" empfunden haben. Aber wie so oft, wird es auch dafür wieder genügend Beispiele geben die das Gegenteil beweisen.
In Brandenburg gab es keine pauschale Verurteilung ganzer Laufbahngruppen oder Dienstzweige. Eine Überprüfung der Vergangenheit fand, trotz manch gegenteiliger Meinung, dennoch statt. Ob ein in Berlin entlassener Polizist in Brandenburg wieder eingestellt werden konnte, möchte ich bezweifeln. Ganz sicher bin ich allerdings, weil es möglicherweise auf den Einzelfall ankommt. Es soll ja zum Beispiel in Berlin vorgekommen sein, dass ein Wachpolizist noch seine frühere VP-Uniform im Schrank hatte. Als ihn ein Vorgesetzer nach dem Grund fragte, antwortete der Wachpolizist: " Man weiß ja nie, ob es nicht auch noch einmal anders kommt!" Diese Aussage hatte die Entlassung des Polizisten zur Folge. Ob es sich bei dieser Äußerung nur um einen makaberen Scherz handelt oder aus Überzeugung getätigt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Im ersteren Falle wäre eine Anstellung in Brandenburg unter Umständen durchaus möglich. Aber wie gesagt, dass ist jetzt nur meine persönliche Meinung.

Viele Grüße von der Oder nach Berlin
Uwe


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#38

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.02.2011 19:00
von Dorfsheriff (gelöscht)
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Hallo Frank, Hallo Uwe !
Ich kann mich erinnern das ein ABV aus meinem Gruppenpostenbereich 1988 entlassen wurde, weil er sich von einem VP Helfer Rollgurte aus der BRD mitbringen ließ. Nach der Wende wurde er rehabilitiert und er stellte den Antrag wieder eingestellt zu werden, bekam aber eine Absage.
Eine Überprüfung der Vergangenheit fand auf jeden fall statt. Die meisten ABV aus unserem VPKA wurden zur Abt. K versetzt. Und das der ABV den Mitarbeitern des MfS auskunftsbereit seien mußten war ja allgemein bekannt. Ich traf dann mal einen ehemaligen ABV und er sagte mir das er entlassen wurde, weil er seinen Dienstherren belogen hatte. Er hatte in einem Fragebogen nicht angegeben das er dem MfS zu einem Reiseantrag Auskunft gegeben hatte.
Gruß Reinhard


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#39

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.02.2011 19:27
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Dorfsheriff
Hallo Frank, Hallo Uwe !
Ich kann mich erinnern das ein ABV aus meinem Gruppenpostenbereich 1988 entlassen wurde, weil er sich von einem VP Helfer Rollgurte aus der BRD mitbringen ließ. Nach der Wende wurde er rehabilitiert und er stellte den Antrag wieder eingestellt zu werden, bekam aber eine Absage.
Eine Überprüfung der Vergangenheit fand auf jeden fall statt. Die meisten ABV aus unserem VPKA wurden zur Abt. K versetzt. Und das der ABV den Mitarbeitern des MfS auskunftsbereit seien mußten war ja allgemein bekannt. Ich traf dann mal einen ehemaligen ABV und er sagte mir das er entlassen wurde, weil er seinen Dienstherren belogen hatte. Er hatte in einem Fragebogen nicht angegeben das er dem MfS zu einem Reiseantrag Auskunft gegeben hatte.
Gruß Reinhard



Hallo Reinhard!
Meines Wissens nach standen dienstliche Kontakte zwischen ABV und MfS bei der Überprüfung nicht zur Debatte. Das war in allen fünf Bundesländern so üblich. Den Ermittlungsauftrag an den ABV erteilte stets die Abteilung PM. Es war bekannt, dass die Kreisdienststellen gesonderte Ermittlungen führten. Ganz sicher hatte das MfS Zugriff zu dem Ermittlungsbericht des ABV, schon um etwaige Abweichungen zu eigenen Ermittlungen festzustellen. Zu dem Thema "Reiseermittlungen" komme ich in einem späteren Kapitel.

Viele Grüße von der Oder
Uwe


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#40

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 27.02.2011 19:58
von Dorfsheriff (gelöscht)
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Hallo Uwe !
Im Prinzip hast Du Recht, aber es gab auch Mitarbeiter des MfS die zu faul waren eigene Ermittlungen zuführen. Ich kenne das aus eigenem Erleben. Ich habe den Bericht geschrieben, unterschrieben hat der MfS Mann. Natürlich gabs dann auch mal ein Päckchen Wilkinson Rasierklingen für gute Arbeit
Die offiziellen Ermittlungsaufträge für Westreisen gabs natürlich von der Abt. PM.
Gruß Reinhard


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