#81

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 20.12.2012 18:50
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Zitat von Eisenacher im Beitrag #76
Ich wollte nicht die Aussage kritisieren, nur die Aufmachung. Ich habe es in 30Sekunden begriffen und dann sollten wir das eine Thema 3h lesen. ...

Bei allen Rosinen, die ich im Kopf hatte, waren mir zwei Dinge im Politunterricht von Anfang an klar, nämlich was passiert in der angeordneten Lesezeit und dass ich das Feuer der Revolution im Schulungsraum nicht mal mit einem ideologischen Flammenwerfer hätte wenigstens zum Glimmen bringen können. Dennoch tat ich, was verlangt wurde, vielleicht auch in der Hoffnung, dem einen oder anderen wenigstens einen kleinen Gedankenanstoß zu geben.

Bei dem Thema "Interressante Diskussionen" fällt mir aber noch was ein. Ich hatte zweimal streitbare Literaturauszüge eingesetzt. Einmal aus Alexander Beks "Wolokolamsker Chaussee" die Sequenz, in der der Bataillonskommandeur einen Mann erschießen lässt, der beim Probealarm wegrannte und sich selbst in die Hand schoss und zum anderen aus Walter Flegels "Es gibt kein Niemannsland" eine Sequenz, in der ein Offizier bei einer Übung unbeaufsichtigte Waffen einsammelt.

Die Diskussion war auch hier eher schleppend, weswegen ich das auch nicht öfter gemacht habe. Spannend war aber, dass die zur Diskussion direkt aufgeforderten Soldaten zumeist versuchten, meine Meinung zu erfahren, um dann etwas "Richtiges" zu sagen. Ihr Pech, dass ich selbst ergebnisoffen in die Diskussiionen gegangen war und in beiden Fällen pro und Contra vertreten konnte. Also frei nach dem Motto: Wenn ich mich schon mit den Typen rumärgern muss, dann will ich auch ein wenig Spaß haben.

Ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#82

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 20.12.2012 20:25
von Pzella 82 | 356 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #72
Na wenn der Thread schonmal wieder oben ist ...

Erst mal zu den Begriffen (Geltung 80-er Jahre):

- Vor dem Grenzdienst war eine 20-minütige "Tägliche Aktuellpolitische Lageinformation" (tAPLI) durchzuführen. Verantwortlich für die inhaltliche Vorgabe war der Politstellvertreter. Verantwortlich für die Durchführung war der "Kommandeur Grenzsicherung", weshalb das Thema der tAPLI Bestandteil des Grenzdienstbefehls war. Diese 20 Minuten gehörten offiziell zur Vorbereitungszeit zum Grenzdienst.

- Einmal in der Woche war eine "Wöchentliche Aktuell Politische Information" (WAPI oder nur kurz API) durchzuführen. Verantwortlich war hier der Politstellvertreter. Die Zeit dafür war mit, wenn ich mich recht entsinne, 30-45 Minuten angesetzt. Im Gegensatz zur tAPLI waren hier keine tagespolitischen, regionalen oder grenzdienstbezogenen Themen zu behandeln.

- Die politische Schulung war einmal monatlich zu halten. Die für die Politische Schulung eingesetzten WUK-Hefte hießen ausgesprochen "Wissen und Kämpfen". Es gab dafür 12 Rahmenthemen, die aber auch ersetzt werden konnten, wenn z.B. ein Parteitag oder ein besonders richtungsweisendes Plenum des ZK der SED stattgefunden hatte.

Ich habe damals an der Form dieser politischen Arbeit gezweifelt, aber im Grundsatz war ich überzeugt, dass es notwendig ist, die Inhalte zu vermitteln. Was bei der heutigen Bewertung der damaligen politischen Arbeit (wie gesagt, 80-er Jahre) etwas unter den Tisch fällt, ist die damalige Kriegsgefahr, die auch im Alltagsbewusstsein durchaus eine Rolle spielte. Insofern ist es interessant, Briefe der damaligen Zeit mal wieder zu lesen.

ciao Rainman




Moin, zum rot Markierten im letzten Absatz Deines Posts kann ich Dir nur zustimmen. Nicht umsonst wünschten sich zu dieser Zeit die Kollegen in den VEB´s (zumindest in Berlin) ein Atombomben freies Wochenende.

Ansonsten ist mir die TAPI (ja täglich) auch noch schemenhaft in Erinnerung. Es ging thematisch vorrangig um Vorkommnisse während des Grenzdienstes auf Regimentsebene. Zeitungsschau war aber (glaube ich) ooch mit dabei. Der "Augenzeuge" der Printmedien diente auch in unserer Kompanie eher der Augenpflege.
Dit Problem war, dass ick nach Stabü bei dem richtigen Lehrer, es leid war mich konträr zu der allgemeinen Einschätzung der Lage zu äußern.
Ihr habt Recht, und ick meine Ruhe....

schönen Abend wünscht
Pzella 82


...poor man wanna be rich, rich man wanna be king
and a king ain´t satisfied ´til he rules everything....Bruce Springsteen
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zuletzt bearbeitet 20.12.2012 20:28 | nach oben springen

#83

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 07:03
von student | 89 Beiträge

@rainman2: Was Du über die Soldaten berichtest, galt aber auch für die GWW (Gesellschaftswissenschaftliche Weiterbildung) der Berufssoldaten. Allerdings mußte man da gar keine Orientierungsversuche unternehmen, weil die Aufgabenstellungen zu Diskussionsbeiträgen immer begannen mit "Weisen Sie nach, daß ..." Die gewünschte Aussage wurde in der Fragestellung gleich mitgeliefert. Ich habe nie eine offene Fragestellung erlebt wie "Was halten Sie von ..." Und wenn man es unternahm, bei "Weisen Sie nach, daß ..." auch nur marginal andere Ansichten als die vorgegebenen zu vertreten, dann kam sofort der alte Grundsatz zur Anwendung, daß niemand so unnütz ist, daß er nicht wenigstens als schlechtes Beispiel dienen kann. Insofern galt wohl auch für die Berufssoldaten, daß diese Art der Politschulung ein nicht zu umgehendes Übel war, mit dem man sich arrangieren mußte wie mit den Eigenarten eines Dackels. Daß damit eine Festigung von Überzeugungen hätte bewirkt werden können, halte ich bei dem, was ich erlebt habe, für ausgeschlossen, eher diente es doch der gebetsmühlenartigen Versicherung, fest hinter der weisen Politik von Partei und Regierung und blah blah. Hilfreich waren hohe Dosen von "Diskotant", vermittels derer man mit offenen Augen schlafen konnte, in schweren Fällen "Diskotant forte", das zusätzlich zum Schlafen mit offenen Augen auch noch ein interessiertes Gesicht zu machen ermöglichte.


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#84

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 07:15
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von student im Beitrag #83
@rainman2: Was Du über die Soldaten berichtest, galt aber auch für die GWW (Gesellschaftswissenschaftliche Weiterbildung) der Berufssoldaten. Allerdings mußte man da gar keine Orientierungsversuche unternehmen, weil die Aufgabenstellungen zu Diskussionsbeiträgen immer begannen mit "Weisen Sie nach, daß ..." Die gewünschte Aussage wurde in der Fragestellung gleich mitgeliefert. Ich habe nie eine offene Fragestellung erlebt wie "Was halten Sie von ..." Und wenn man es unternahm, bei "Weisen Sie nach, daß ..." auch nur marginal andere Ansichten als die vorgegebenen zu vertreten, dann kam sofort der alte Grundsatz zur Anwendung, daß niemand so unnütz ist, daß er nicht wenigstens als schlechtes Beispiel dienen kann. Insofern galt wohl auch für die Berufssoldaten, daß diese Art der Politschulung ein nicht zu umgehendes Übel war, mit dem man sich arrangieren mußte wie mit den Eigenarten eines Dackels. Daß damit eine Festigung von Überzeugungen hätte bewirkt werden können, halte ich bei dem, was ich erlebt habe, für ausgeschlossen, eher diente es doch der gebetsmühlenartigen Versicherung, fest hinter der weisen Politik von Partei und Regierung und blah blah. Hilfreich waren hohe Dosen von "Diskotant", vermittels derer man mit offenen Augen schlafen konnte, in schweren Fällen "Diskotant forte", das zusätzlich zum Schlafen mit offenen Augen auch noch ein interessiertes Gesicht zu machen ermöglichte.



Eigentlich bedauerlich wie das so ablief.
Es ging dann wohl folgerichtig den sozialistischen Gang.
Habe lange Jahre vor Rainman2 mal in seiner Funktion gewirkt,allerdings unter anderen Begleiterscheinungen.
Den real existierenden Kapitalismus vor Augen waren politische Schulungen etc.für die Teilnehmer immer hochinteressant.

Gruss


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zuletzt bearbeitet 28.12.2012 07:23 | nach oben springen

#85

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 08:00
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Zitat von student im Beitrag #83
@rainman2: Was Du über die Soldaten berichtest, galt aber auch für die GWW (Gesellschaftswissenschaftliche Weiterbildung) der Berufssoldaten. Allerdings mußte man da gar keine Orientierungsversuche unternehmen, weil die Aufgabenstellungen zu Diskussionsbeiträgen immer begannen mit "Weisen Sie nach, daß ..." Die gewünschte Aussage wurde in der Fragestellung gleich mitgeliefert. Ich habe nie eine offene Fragestellung erlebt wie "Was halten Sie von ..." ...

Hallo student,

richtig, die GWW war mir schon wieder entfallen. Wenn ich mich recht entsinne, war da der Kompaniechef verantwortlich. Ich jedenfalls hatte als Polit damit nichts zu tun. Aber was Du beschreibst war ein grundlegendes Funktionsprinzip. Etwas anders ausgedrückt bestand der Gipfel der Diskussion darin, eine Erscheinung zu betrachten und dann, mit Hilfe von Klassikerzitaten und Parteidokumenten, zum Wesen der Sache vorzudringen. Gelang einem das nicht, hatte man ein Defizit und war verpflichtet, an sich selbst zu arbeiten. Ich bin immer wieder über mich selbst erstaunt, wie wenig kritisch ich bisweilen noch heute an bestimmte Fragen gehe. Ich versuche immer irgendwie zuerst eine Erklärung zu finden. Es kann also durchaus sein, dass mir diese Methode noch in den Knochen steckt. Aber vielleicht ist es einfach nur Denkfaulheit ... wer weiß?!

Das Problem war dadurch, dass die so ausgebildeten Partei- und Politkader nur in den seltensten Fällen wirklich mit kritischen Auseinandersetzungen umgehen konnten. Es ist ja nicht so, dass es nicht immer mal wieder lebhafte und auch interessante Diskussionen gab. Die Voraussetzung war aber, dass der Richtige sie führte, nämlich einer, der mit einem wachen und kritischen Geist umherging und dazu noch eine Portion Lebenserfahrung oder einfach nur gesunden Menschenverstand mitbrachte. Nun muss ich nicht darauf herumreiten, dass ich damals mit meinen 22/23 Jahren einfach viel zu grün hinter den Ohren war, aber bei Lichte besehen war ich genau das. Ich hatte mich auf die Sache eingelassen und war somit auch der Methode gefolgt.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 28.12.2012 08:01 | nach oben springen

#86

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 09:31
von schulzi | 1.756 Beiträge

hallo raiman ich mus dir recht geben die offiziere der politverwaltung gingen stur nach den was in der zeitung stand .wen man beweisen konnte das es anders war wurde man als lügner hingestellt und mir wurde angetragen dies noch einmal zu überdenken wie es einen sed -mitglied würdig wäre.doch ich mus dir auch recht geben so wie wir in der jugend erzogen wurden steckt immer noch in uns drin.mach weiter so den deine beiträge sind immer interesant. danke schulzi


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#87

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 09:34
von Gert | 12.354 Beiträge

ich habe 1963/64 auch diese politische Schulung erleben dürfen. Meine heutige Meinung über den Sozialismus/Kommunismus war in Grundzügen damals schon bei mir im Kopf verankert. Wie es so ist im Leben eines jungen Menschen, wenn man sich eine Meinung gebildet hat, sucht der Kopf ständig das Terrain nach Signalen ab, die diese Meinung bestätigt. So entsteht dann ein gefestigter Klassenstandpunkt, bei mir mit dem Ergebnis, dass ich zu allem auf der Welt gehören wollte, aber nicht zu dieser Arbeiterklasse, die hier ständig im Gespräch war.
Eines Tages hat unser Polit den Unterricht damit begonnen, über die sogenannten Feindsender zu referieren. Er zog alle möglichen Dinge heran, die diese Sender verbreiteten, um zu beweisen welche imperialistischen, bösen Absichten diese Radiostationen hatten. Dann spielte er den Sender Radio Luxemburg ( heute RTL) ein um das am lebenden Objekt vorzuführen. Gert wippte bei der eingespielten Musik ganz interessiert mit und es entfuhr ihm die Bemerkung,"Klasse". Na, da war ja was los. Ich wurde entsprechend zusammengefaltet und von da an war aussitzen und angesagt bis zum Ende der Dienstzeit.


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#88

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 11:16
von DoreHolm | 7.677 Beiträge

In Folge meines mich erwischen lassens mit "Feindsender" (DF) durch den KC (1967/68) hatte ich mich dazu hinreißen lassen, diesen Slogan "die Partei hat immer Recht" anzuzweifeln. Dabei hatte ich argumentiert, daß dann und wann Parteibeschlüsse korrigiert wurden, deren Unrichtigkeit der normalen Bevölkerung schon Jahre vorher klar war und das zeigt, daß auch die Partei Fehler macht, sowas überhaupt erst zu beschließen und die Partei ja aus Menschen besteht und Menschen bekanntlich auch Fehler machen. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie die Diskussion ausgegangen ist, aber ich hatte kein Einsehen und wohl auch meine mit mir diskutierenden Vorgesetzten nicht. Es hatte jedenfalls keine für mich spürbaren Folgen.



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#89

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 11:18
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Zitat von schulzi im Beitrag #86
hallo raiman ich mus dir recht geben die offiziere der politverwaltung gingen stur nach den was in der zeitung stand .wen man beweisen konnte das es anders war wurde man als lügner hingestellt und mir wurde angetragen dies noch einmal zu überdenken wie es einen sed -mitglied würdig wäre.doch ich mus dir auch recht geben so wie wir in der jugend erzogen wurden steckt immer noch in uns drin.mach weiter so den deine beiträge sind immer interesant. danke schulzi

Hallo schulzi,

zunächst danke. Das mit dem Darstellen als Lügner, oder auch dem "entlarven" eines ungefestigten oder gar dem Klassenfeind hörigen Geistes hatte einen interessanten Aspekt zugrunde liegen. Zunächst lernte man an der Offiziershochschule das Denken und Studieren nach der hier bereits geschilderten Methode - Erscheinung betrachten und dann auf das Wesen schließen. Und immer wieder hatte man die falschen Zitate, das falsche Wesen, die falschen Zusammenhänge oder einfach nur in der Vorlesung gepennt. Die Kritik nahm man sich aber an und verwandelte sie zuehmend in Selbstkritik. Ich war in dieser Zeit, was meinen Umgang mit den Klassikern anging, sehr selbstkritisch. Diese slebstkritische Haltung blieb auch während des Truppendienstes, nur jetzt war ich der, der Recht zu haben hatte. Und in dieser Gemengelage verwandelte sich die Selbstkritik in eine merkwürdige Attitüde. Ich meinte, alle anderen müssten auch so selbstkritisch mit sich umgehen. Nun gut, ich akzeptierte schon die graduellen Unterschiede und verlangte von einem UAZ oder GWD keine stramme Haltung. Aber von einem Parteimitglied erwartete ich definitiv mehr als von den anderen. Und daraus formte sich dann irgendwo der Grundsatz: Wenn ich schon hart mit mir umgehe, dann darf ich das auch mit anderen. Ich glaube, da war auch immer so ein leichter Pawel-Kortschagin-Touch drin, man fühlte sich sozusagen vom Feuer einer Revolution durchdrungen. Tja, guter Boden für einen Hardliner.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#90

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 13:22
von GeMi | 556 Beiträge

Hallo,

ich erinnere mich nur noch an dieses allgegenwärtige "Einrücken", Begrüßung, Platznehmen und die verzweifelten Versuche nicht einzuschlafen.
Mit einem Ohr wurde hingehört und mit dem anderen in sich hinein. Darin war man ja am Kanten Spitze.
Freiwillig hat sich wohl niemand an der Diskussion beteiligt und auf Fragen kamen dann die vorgefertigten Antworten. Immerhin hatte man sich in all den Jahren des Pionier- und FDJ-Unterrichtes einen recht umfassenden Fundus an Antworten erarbeitet. Also wurden auf eine Frage blitzschnell das Archiv durchforstet und die passenden Antwort in schneidigem Ton dem Polit gegeben. Anschließend konnte man getrost wieder in den Halbschlaf verfallen, denn nach einer mäßig guten Antwort kam man nicht so schnell wieder drann. War sie zu gut, wurde man in ein endloses Zwiegespräch mit dem Vortragenden verwickelt. Na ja, da hatten die anderen wenigstens ihre Ruhe.
Das war schon ein trauriges Spiel, oder?


Die Menschheit besteht aus einigen wenigen Vorläufern, sehr vielen Mitläufern und einer unübersehbaren Zahl von Nachläufern.

Jean Cocteau
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#91

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 14:25
von student | 89 Beiträge

@rainman: An der OHS kam ja auch noch die vielleicht naive, aber doch ehrlich empfundene Überzeugung dazu, daß man gerade als Militär (und ich fühlte mich damals gewaltig als solcher) die Pflicht und das Recht hat, ohne Beschönigungen das objektiv zu bewerten, was für die eigene Sache vielleicht nicht positiv oder wünschenswert ist. Wenn man aber aus der eigenen Beschäftigung mit dem Marxismus-Leninismus zu anderen Schlußfolgerungen gelangte als den vorgegebenen, dann folgte sehr schnell der Satz, den ich immer als besonders niederträchtig empfand: "Sehen Sie, Genossen, das ist genau die Methode, mit der der Gegner vorgeht ..." Meine Frau studierte damals Staatsbürgerkunde und Geschichte, und in diesem Studiengang fand man nur sehr wenige "Regimekritiker". Und trotzdem, weil meine liebe Frau, nur weil ich Urlaub hatte, keine Veranstaltung schwänzen wollte (wegen des Titels "Sozialistisches Studentenkollektiv"), habe ich mich eben mit in die Vorlesungen und Seminare gesetzt, und dabei habe ich einen Umgang mit dem Marxismus erlebt, wie ich ihn mir auch an der OHS vorgestellt hatte. Da kam es vor, daß ich im Seminar an der OHS einen Satz von Aristoteles zitierte, der mir an der Uni besonders gefallen hatte, und die Reaktion des Lehroffiziers war die Frage, ob ich etwa die Absicht hätte, den Anwesenden einen vierten Klassiker unterzujubeln. Ich hielt das für einen guten Witz und antwortete, daß es den ja für einige Zeit schon gegeben hätte, und da ging es dann richtig los. Was eben nicht kalkulierbar war, das war die Tatsache, daß man uns einerseits beigebracht hatte, dialektisch zu denken, und andererseits verlangte, an den offiziellen Marxismus-Leninismus wie an eine Religion zu glauben. Und was die Hardliner angeht: Ich vergleiche uns immer mit den Hunden in Orwells "Farm der Tiere". Die Schweine hatten sie nach dem Tod des Farmers als kleine Welpen eingesperrt und und relativ gut behandelt, und als die Rebellion losging, da wurden sie freigelassen und ihnen gesagt, daß die Tiere den wohltätigen Schweinen an den Kragen wollen. Wenn man nichts anderes kennt, wenn man noch dazu glaubt, man habe die Richtigkeit einer bestimmten Darstellung logisch verstanden, dann neigt man sehr schnell zu rigorosen Einstellungen und auch Handlungsweisen. Die Frage ist, ob man im Laufe zunehmender Lebenserfahrungen versucht, die Realität nach seinen Vorstellungen zu interpretieren, oder ob man bereit ist, Einstellungen und Überzeugungen anhand der Praxis, wenn notwendig, auch zu revidieren.


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#92

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 14:39
von schulzi | 1.756 Beiträge

es gab sogar noch einen vierten und fünften klassiker (mao und stalin) wurde an parteischulen gelehrt unter der massgabe es nicht in die grundorganissationen zu tragen


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#93

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 14:56
von seaman | 3.487 Beiträge

Wann soll das gewesen sein?
Welche Art von Parteischule?

Gruss


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#94

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 15:05
von schulzi | 1.756 Beiträge

bezirksparteischule seminar kriegskommunismus


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#95

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 15:07
von seaman | 3.487 Beiträge

Kannst Du zum Jahr noch was sagen?


zuletzt bearbeitet 28.12.2012 15:17 | nach oben springen

#96

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 15:29
von schulzi | 1.756 Beiträge

1982 wir in dem lehrgang in der hauptsache angehörige der kampfgruppe


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#97

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 15:46
von seaman | 3.487 Beiträge

Hmm,
bei uns wurde das nur sehr oberflächlich behandelt und war auch eher ein missliebiges Thema.
Das,obwohl einige Teilnehmer von uns schon mal eine Mao-Bibel in deutsch,englisch o.ä. gelesen hatten.


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#98

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 18:57
von jecki09 | 422 Beiträge

@student
Die gewünschte Aussage wurde in der Fragestellung gleich mitgeliefert. Ich habe nie eine offene Fragestellung erlebt wie "Was halten Sie von ..." Und wenn man es unternahm, bei "Weisen Sie nach, daß ..." auch nur marginal andere Ansichten als die vorgegebenen zu vertreten, dann kam sofort der alte Grundsatz zur Anwendung, daß niemand so unnütz ist, daß er nicht wenigstens als schlechtes Beispiel dienen kann. Insofern galt wohl auch für die Berufssoldaten, daß diese Art der Politschulung ein nicht zu umgehendes Übel war, mit dem man sich arrangieren mußte wie mit den Eigenarten eines Dackels.


und nicht vergessen: Beim Studium der Werke der Klassiker und der SED immer das Lineal und die Stifte in den Farben gelb, rot und mind. blau, bei der Hand haben. Eine "bunte" Seite im Buch oder im Zeitungsartikel zeugte von "intensiven Studium".

Ich wusste für mich schon immer: Polit werde ich nicht!

Meine erste Frau (auch Genossin) - Grund warum ich nach Oranienburg ging - war auch Lehrerin für Geschichte und Stabü in Hohne Neuendorf. Wir hatten manchmal auch häftige Diskussionen bzgl. der Richtung von Partei und Staat. Zumal ich Infos aus "Schloss Schleifenstein" und Sie aus Ihrer Parteigruppe mit nach Hause brachte. Das war nicht immer einfach für uns.

Im einer Munikiste im Keller habe ich auch noch Lehrmittelhefte für Lehrer.


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#99

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 20:11
von DoreHolm | 7.677 Beiträge

Zitat von jecki09 im Beitrag #98
@student
Die gewünschte Aussage wurde in der Fragestellung gleich mitgeliefert. Ich habe nie eine offene Fragestellung erlebt wie "Was halten Sie von ..." Und wenn man es unternahm, bei "Weisen Sie nach, daß ..." auch nur marginal andere Ansichten als die vorgegebenen zu vertreten, dann kam sofort der alte Grundsatz zur Anwendung, daß niemand so unnütz ist, daß er nicht wenigstens als schlechtes Beispiel dienen kann. Insofern galt wohl auch für die Berufssoldaten, daß diese Art der Politschulung ein nicht zu umgehendes Übel war, mit dem man sich arrangieren mußte wie mit den Eigenarten eines Dackels.


und nicht vergessen: Beim Studium der Werke der Klassiker und der SED immer das Lineal und die Stifte in den Farben gelb, rot und mind. blau, bei der Hand haben. Eine "bunte" Seite im Buch oder im Zeitungsartikel zeugte von "intensiven Studium".

Ich wusste für mich schon immer: Polit werde ich nicht!

Meine erste Frau (auch Genossin) - Grund warum ich nach Oranienburg ging - war auch Lehrerin für Geschichte und Stabü in Hohne Neuendorf. Wir hatten manchmal auch häftige Diskussionen bzgl. der Richtung von Partei und Staat. Zumal ich Infos aus "Schloss Schleifenstein" und Sie aus Ihrer Parteigruppe mit nach Hause brachte. Das war nicht immer einfach für uns.

Im einer Munikiste im Keller habe ich auch noch Lehrmittelhefte für Lehrer.


Mein Vater hatte uns so manches erzählt und in seinen Memoiren geschrieben, wie es bei ihm zu Hause zuging, wenn Familienfeier war (etwa Anfang der 20er bis 33). Sein Vater war SPD-Funktionär, der eine Onkel Kommunist und der andere war Deutsch-Nationaler. Spätestens nach einer Viertelstunde und den ersten Selbstgebrannten flogen dann die Fetzen.



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#100

RE: Politische Schulung der Grenztruppen

in Grenztruppen der DDR 28.12.2012 21:00
von damals wars | 12.113 Beiträge

In meiner Kompanie war der Polit so etwas wie die Mutter der Kompanie, der sich auch mal für die Soldaten und Unteroffiziere einsetzte.
Der Hauptfeld/Fähnrich war hauptsächlich mit Organisieren beschäftigt, und genoss nicht annähernd soviel Vertrauen.

Leider hatte so eine Spruch drauf, am Beginn der aktuell politischen Information, "die Stimmung ist guut!" egal, wie die Stimmung tatsächlich war.
Dadurch habe ich das nicht vergessen.

Ich empfand den Politunterricht als angenehm, endlich konnte man sich mal ausruhen.
Und, wie hier schon verschiedentlich beschrieben, war er so anspruchsvoll nicht.

Die "Bösen Bonner Ultras" waren zu meiner Zeit aber schon ausgestorben.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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