#1

Mein Sohn in Stasihaft

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 30.01.2011 20:15
von YYYYYYYY (gelöscht)
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hier mal was zum lesen:

Mein Sohn in Stasihaft

Ein Bericht von Helga Brachmann, Leipzig

Das ist keine Liebesgeschichte! "Magdalene" war die spöttische Bezeichnung für das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR, gelegen in der Magdalenenstraße in Berlin-Lichtenberg.

Wie ich bruchstückhaft über die Haft meines Sohnes Christian Kunert, genannt KUNO, informiert wurde, und wie ich seine Zeit in der "Magdalene" durchlitt, will ich schildern. Christian war als Gitarrist, Sänger und Keybordspieler das jüngste Mitglied der Klaus-Renft-Kombo, die Anfang der 70er Jahre in dem kleinen Land DDR einen großen Bekanntheitsgrad hatte. Den jungen Musikern ging es gut, sie wurden gefördert und gefeiert, sie verdienten überdurchschnittlich. Wenn ich damals beruflich in ein Schulmusikzimmer kam, hing entweder dort eine Plakat der Kombo, oder aber mein Sohn lachte mich von einem Gruppenfoto her an.

An einem Sommerabend 1975 traf ich meine Schwiegertochter Karin in der Hochschule für Musik auf dem Korridor. Ich hatte gerade meinen Sohn auf dem Klavier bei seinem Staatsexamen begleitet. Warum sah Karin so elend aus? Kaum allein mit ihr, erfuhr ich es:


"Kuno wird immer übermütiger und unvorsichtiger. Dauernd höre ich, er brauche seine Freiheit! Freiheit privat -- denk nur, er will die Scheidung einreichen - auch Freiheit sonst! Neulich hat er vor Publikum auf dem Podium gesagt: "Ein Staat, der mich nicht hinreisen läßt dorthin, wo ich will, das ist nicht mein Vaterland oder meine Heimat! - Mama, ich habe so Angst!" Oh, das konnte ich verstehen, wer 1975 in der DDR gelebt hat, wird es nachfühlen. Ich war besonders aufgewühlt und besorgt, hatte ich doch erst vor zwei Jahren Befragungen, Verhöre und eine Hausdurchsuchung hinter mir, weil meine jüngste Tochter illegal durch den "Eisernen Vorhang" geschlüpft war!

Wenige Wochen später rief Karin an, die Scheidung sei ausgesprochen, man lebe aber weiter zusammen, auch wegen der kleinen Denise. Obwohl nur 20 Autominuten entfernt, sah man sich wenig. Der nächste Anruf meiner Schwiegertochter erschreckte mich wieder: "Die Kombo ist verboten. Christian - (d.h. sie nannte ihn immer 'Kuno') ist nun ohne Einnahmen. Ich habe eine Anstellung gefunden, auch einen Kindergartenplatz für Denise."

Was würde nun werden? Würde der SED-Staat Ruhe geben - konnte Christian in ein Sinfonieorchester als Posaunist gehen? Würde mein Sohn jetzt den Mund halten können, um sich und die Familie nicht zu gefährden?

Zu ihrem Geburtstag besuchte ich Karin und erfuhr, daß Christian mit dem Liedermacher Pannach zusammen Gemüsekisten zur Messezeit geschleppt hatte und daß beide an einem Programm zu Zweit bastelten, man hoffte, daß die neuen Texte der "Kommission" gefallen würden und daß man dann zu Zweit auf Tournee gehen könne.

Telefon hatten Karin und Christian nicht. Ein Brief meines Sohnes alarmierte mich - ich traute kaum meinen Augen, was ich da las:
"Mutter, ich war zur Musterung bestellt! Hab einfach eine Postkarte geschickt, ich wär verreist. Da haben mich doch eines Abends vier 'Bullen' abgeholt, ein paar Stunden dabehalten und gedroht, mein Verhalten könne für mich sehr unangenehm enden. Und zu Viert haben mich die Bullen auch wieder heimgebracht, die können mich mal ..."

Ich war bestürzt und erschrocken! Wollte sich Christian noch mehr mit der Obrigkeit anlegen? Genügte das Auftrittsverbot nicht? Sein Geld war ohnehin aufgebraucht, was ich von Karin erfahren hatte. Mein Sohn wußte doch, da gab es kein Erbarmen, ein Musterbescheid war doch kein Faschingsscherz!

Ich fuhr baldmöglichst zu der jungen Familie. Chris schimpfte auf den "Blödmann Egon Krenz" und ich höre mich heute noch sagen: "Wenn Du so weitermachst, landest Du im Kittchen!" "Na, dann lande ich eben dort, ist mir doch egal!"

War das Mut? War das Trotz? Ich versuchte es mit sanfter Art, doch an Karin und die Kleine, vielleicht auch an seine Schwester zu denken - ich redete gegen eine Wand. "Ich will meine Freiheit" - ich merkte, meine Argumente bremsten den "Jungen" nicht. War ich zu ängstlich, war ich feige, wie mein Sohn meinte?

Er holte ein Büchlein, Texte von Wolf Biermann, der mir damals nur dem Namen nach bekannt war. "die Sachen sind gut gemacht" mußte ich anerkennen, "mit Scharfsinn und Witz - aber so etwas kann man doch unmöglich bringen!" Ich erfuhr, daß Biermanns Vater als Jude den Nationalsozialismus nicht überlebt hatte. "Und für diese Scheiß-DDR ist Biermanns Vater nicht gestorben!" Christian schwärmte fast von dem wesentlich älteren Liedermacher, er schien so eine Art Vaterfigur für ihn zu sein. Den eigenen Vater hatte mein Sohn verloren, als er vier Jahre alt war.

Was hatte Christian vor? Er schien so unbedacht, schien Angst und Furcht nicht zu kennen!Konnte ich denn nie in Ruhe meinem Beruf nachgehen?

War es denn zu viel verlangt, daß ich meine erwachsenen Kinder ebenfalls zufrieden in ihren Berufen und in ihren Familien wissen wollte? Unvorstellbar - im Herbst 1976 - daß die "Mauer" einmal fallen würde, daß die Sowjets ohne Kampf Mitteldeutschland räumen würden! Aussichtslos schien mir die Rebellion meines Sohnes!

Anfang November 1976 weckte mich mein Lebensgefährte mitten in der Nacht, der Fernseher lief nebenan. Sehr aufgeregt - ganz gegen seine Art - hörte ich ihn berichten: "Biermann gibt gerade im Westfernsehen ein Konzert. Zum Teil: toll! aber eben hat er geäußert: "Falls 'Die in der DDR' mich nicht wieder einreisen lassen, werden meine Freunde Christian Kunert und Gerulf Pannach mir helfen!"

Das hatte Biermann im "Westen" auf der Bühne gesagt? Ja, war denn der Mann verrückt geworden? Wie konnte er seine jungen Bewunderer dort nennen? So etwas Egoistisches, Rücksichtsloses, der Mann kannte doch die DDR-Verhältnisse! WAS würde jetzt mit Chris und seinem Freund passieren? Wut, Angst, Ungewissheit machten die Konzentration beim Unterrichten schwer, andrerseits lenkte die Arbeit auch etwas ab.

Ich wagte nicht, zu meinem Sohn zu fahren nach der unerfreulichen Debatte vor kurzer Zeit. Endlich - wohl nach etwa 14 Tagen - rief Karin an. "Ich bin in der Telefonzelle." "Was ist passiert?" die Stimme der jungen Frau verriet Kummer und Aufregung. "Kann ich Dir nicht sagen!"
"Ich komme heute abends zu Euch!" "Nein, tu das nicht. Ich komme zu Dir!" "Aber, ich hab doch das Auto, das geht schneller!" "Nein, ich bin Sonntag gegen 10 Uhr bei Dir!" - Warum das alles?

Noch 3 Tage warten! Was war bloß passiert? Doch nicht etwa eine Flucht meines Sohnes oder gar Inhaftierung? Er war so leichtsinnig gewesen! Endlich war Sonntag. Wortlos und weinend gab mir die Schwiegertochter eine Postkarte! "Lies selbst!"
"Ihr Ehemann Christian Kunert wird zwecks Klärung eines Tatbestandes vorläufig bei uns festgehalten ... Unterschrift, Datum. Adresse."

Also doch Haft! Es verschlug mir die Sprache. Trotz böser Ahnungen hoffte ich doch inständig bzw. hatte inständig gehofft, daß dies nicht kommen würde! "Wieso Ehemann, Ihr seid doch geschieden?" brachte ich endlich hervor. "Kuno hat das nicht in seinem Ausweis eintragen lassen. DIE denken, wir sind noch verheiratet!" "Aber d a s bekommt doch die Stasi baldigst heraus!" "Ja, aber hör zu. Ich habe schon Verbindung zum Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Du weißt, wer das ist?" "Habe davon gehört." "Also, Vogel sagt. es darf nur eine Kontaktperson zu Kuno geben, die schreiben und besuchen darf. Gilt er als geschieden, bist Du, Mama, diese Person. Sind wir noch ein Ehepaar, dann bin ich das! Darum habe ich schon an Chris geschrieben, habe schon einen Antrag für die Besuchserlaubnis gestellt. Bitte, bitte, Mama, lass mich das machen! Sag mir, daß Du mich lässt, vielleicht kommen wir dadurch wieder zusammen und heiraten wieder, und alles wird gut."

Die kleine Denise schaute verstört hin und her - auf die weinende Mama, auf die weinende Oma. Was konnte ich Anderes tun, als zuzustimmen? Merkwürdigerweise hat man von Seiten der Staatssicherheit aus Karin und Christian auch bis zuletzt als Ehepaar dann behandelt.
"Ja, aber warum hat man Chris eingesperrt?" Nun erfuhr ich es. Auch Karin war, von meinem Sohn in der Nacht des Biermannkonzertes geweckt worden! "Ich fahre nach Berlin sofort, mit Pannach, wir müssen Biermann helfen!" "Ja, aber wie denn?" "Kuno und Pannach wollten Unterschriften sammeln gegen die Ausweisung des Freundes. Dann wollten sie die Listen irgendwem vom ZDF bringen. Pannachs Frau hat es mir erzählt. Irgend etwas ist dabei schief gegangen!" Mein Junge im Gefängnis! Würde man Ihn anständig behandeln? Fror er, hungerte er? Wie würde er die Haft durchstehen? Was würde auf meine beiden großen Töchter, was würde auch auf mich zukommen? Und wie couragiert hatte meine kleine, schüchterne Schwiegertochter schon gehandelt!

Wie konnte ich Karin helfen? Nun ja, vielleicht materiell? Sie nahm das Geld an. "Wanzen haben die mir bei der Wohnungsdurchsuchung so blöd angebracht, daß ich es gemerkt habe. "Darum", fuhr Karin sachlicher fort, "komm Du nicht zu mir, schreib mir nicht, ich melde mich wieder von einer Telefonzelle aus." Ich fuhr Karin zu einer Freundin.

Mein Sohn - nun war er wieder "mein Kleiner" - nicht mehr der langhaarige, selbstbewußte junge Rocker. "Mein armer Kleiner" - aber solche Gefühlsausbrüche nützten jetzt nichts. Ich suchte meinen Abteilungsleiter auf. Daß er Mitglied der SED war, wußte ich damals noch nicht, ich hielt ihn, und halte ihn heute noch für einen anständigen Kerl. "Sprechen Sie mit Frau B. Sie wissen doch, das ist unsere Parteigruppenorganisatorin!" (Ich glaube, so hieß die Bezeichnung). "Frau B. sagt Ihnen, was Sie tun oder nicht tun sollen." Also, Frau B. angerufen, eine sachliche Person. "Sie tun gar nichts, Frau Brachmann. Wohnt Ihr Sohn noch bei Ihnen? Nein, seit 4 Jahren nicht mehr. Gut! sie geben Ihren Unterricht, als sei nichts passiert. Immer freundlich, so, wie man sie kennt. Zu keinem Kollegen, zu keinem Studenten ein Wort! Warten Sie ab, lassen Sie sich nichts anmerken!

Also, Abwarten! Nichts tun dürfen! Angst und Alpträume haben! Warten ... Wie hilflos fühlte ich mich! Niemand befragte mich, ich wurde tatsächlich in Ruhe gelassen. Fast unheimlich war dieses Schweigen!

Einmal im Monat fuhr Karin zum Besuch ins Gefängnis. Jedesmal hörte ich dann telefonisch: "Es geht Kuno gut, er läßt Euch alle grüßen." Das war alles. Dann - vielleicht 4 Monate später: "Der Vogel tut überhaupt nichts, hat zu Kuno gesagt, er solle mit Intelligenz die Haft ertragen! So ein Quatsch!" Einen Monat später dann eine verzweifelte Karin: "Chris hatte lauter blaue Flecke an den Armen und im Gesicht. Ich dachte, man hätte ihn geschlagen. Ich durfte ihn nicht fragen. Man hat mir kurz vorher gesagt, das sei der normale Haftkoller, die Gefangenen rennen mit Gewalt gegen die Zellenwände aus Verzweiflung!" Stimmte das? Inzwischen hatte man Karin ihre Sekretärinnenstelle an der "Hochschule für Körperkultur" gekündigt. Sie besuchte uns. "Entweder Sie distanzieren sich deutlich von Ihrem Mann oder Exmann - oder wir müssen Ihnen kündigen." Karin hatte sich nicht distanziert. In ihr war die Hoffnung - woher nahm sie die? - ich wußte es nicht - aufgekommen, Christian können nach dem Westen abgeschoben werden, und sie könne mit Denise mit. Damals 1977, etwa im Mai, war diese Abschiebepraxis noch nicht publik.





und hier geht es weiter----------->http://www.uni-leipzig.de/fernstud/Zeitzeugen/zz106.htm


Cambrino hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#2

RE: Mein Sohn in Stasihaft

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 30.01.2011 23:38
von SET800 | 3.094 Beiträge

Zitat: Christian können nach dem Westen abgeschoben werden, und sie könne mit Denise mit. Damals 1977, etwa im Mai, war diese Abschiebepraxis noch nicht publik.


Im Psychobereich nennt man das Krankheitsgewinn, ausrasten, Rabbaz machen, sich selbst schädigen um einen Vorteil zu erlangen....



zuletzt bearbeitet 30.01.2011 23:38 | nach oben springen



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