#1

Das schweigende Klassenzimmer

in DDR Grenze Literatur 22.01.2011 09:45
von Angelo | 12.397 Beiträge

Westerkappeln - Als die Mauer fiel, waren die heutigen Realschüler noch nicht einmal geboren. Als Dietrich Garstka ungefähr im Alter seiner Zuhörer war und sich auf das Abitur vorbereiten wollte, flüchtete er in den Westen - und mit ihm fast seine ganze Klasse. Und das nur, weil alle geschwiegen haben. Das war der real existierende Sozialismus. Dietrich Garstka nennt die DDR unverblümt das, was sie war: eine Diktatur.Seine Geschichte und die seiner Klassenkameraden ging 1956 um die Welt. Damit sie nicht in Vergessenheit gerät, hat Garstka sie aufgeschrieben. Aus seinem Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ hat er gestern Morgen vor der Jahrgangsstufe 10 der Realschule vorgelesen. Die Schülerinnen und Schüler waren gut vorbereitet. Im vergangenen Herbst waren sie auf Klassenfahrt in Berlin. Im Deutschunterricht wurden die Zusammenhänge der deutsch-deutschen Trennung vertieft. Garstka gelang es, die jungen Leute mit seiner autobiografischen Erzählung der Geschehnisse vor rund 55 Jahren zu fesseln. In der Aula blieb es über 90 Minuten mucksmäuschenstill. Was auch wohl daran lag, dass der 72-Jährige weniger buchstabengetreu seinem Text folgte, sondern seine Erlebnisse weitgehend frei schilderte.

Alles hatte mit dem Volksaufstand in Ungarn gegen die kommunistische Diktatur und die Besetzung durch die Sowjets begonnen. „Wir fanden das toll, dass die sich gewehrt haben“, sagt Garstka, damals Primaner in der 12 Klasse der Oberschule in Storkow (Mark Brandenburg). Er war, wie er seine Generation beschreibt, „hochpolitisiert“. Als der freie Rundfunksender im amerikanischen Sektor Berlin (Rias), der in der DDR nicht gehört werden durfte, zu Schweigeminuten für den Toten der Revolution aufrief, entschließt sich die Klasse spontan, die ersten fünf Minuten im bevorstehenden Geschichtsunterricht nichts zu sagen. „Wir wollten Flagge zeigen gegen die Scheiß-Russen.“

Einen Tag später kursiert das Gerücht, die ungarische Fußballlegende Ferenc Puskás sei getötet worden. „Wir waren stinksauer und haben gedacht ,Diese Schweine`“, erinnert sich Garstka. Mit einer Minute Schweigen formulieren die Schüler ihren Einspruch.

Dieses harmlose Signal war dem Regime zu viel. Irgendjemand muss den Vorfall aus der Schule weitergetragen haben. „In der Diktatur kannst du nichts verbergen. Da läuft alles unter Angst“, weiß Garstka aus eigener Erfahrung. 14 Tage später gibt es das erste Tribunal: Direktor, Lehrer und Kreisschulrat - alle in der Partei - wollen wissen, wer den stillen Protest angezettelt hat. Alle Schüler schweigen.

Beim montäglichen Fahnenappell kassiert die Klasse eine Rüge, ein Mitschüler, der die Vernehmungen mit denen der Gestapo im Dritten Reich verglichen hat, einen Tadel.

Doch bei dieser Strafe bleibt es nicht: Am 13. Dezember 1956 steht statt dem Mathelehrer plötzlich ein dicker Mann vor der Klasse: DDR-Volksbildungsminister Fritz Lange persönlich. Er will den Klassenfeind entlarven, droht den jungen Leuten unverhohlen, wer den konterrevolutionären Putsch in Ungarn verteidige dem werde er „mit der blanken Faust die Fresse polieren, dass er sich dreimal überschlägt“.

Dabei spricht der Minister die Einzelnen so gezielt an, als kenne er sie genau. Das tat er auch, denn der Hausmeister der Schule - auch in der SED - habe ihn mit Informationen gefüttert. „Wir wurden beobachtet. Nichts, was wir machten, wurde nicht gesehen.“ Nach der Wende fand Garstka eine Stasi-Akte über seine Klasse.

Trotz aller Einschüchterungen schweigen sich die 15 Jungen und 5 Mädchen weiter aus. Der Minister stellt ein Ultimatum: Wenn nicht innerhalb einer Woche die Rädelsführer benannt sind, darf keiner der Schüler das Abitur machen.

Alle halten den Mund. Doch in einer Vernehmung nennt die Staatssicherheit den Namen von Dietrich Garstka. „Wenn das in einer Diktatur passiert, bist du dran“, wusste er schon damals. Noch in der selben Nacht flüchtet er nach West-Berlin. Ihm droht Schlimmeres als der Schulrausschmiss. In Leipzig habe eine Klasse ebenfalls eine Schweigeminute abgehalten. „Da hat der Rädelsführer zehn Jahre Zuchthaus bekommen.“

Als Republikflüchtiger hätte Garstka gut als Anführer abgestempelt werden können. Doch seine Klasse will das nicht. Drei Mitschüler werden sofort aus der Schule entlassen, die anderen wenig später.

Einen Tag vor Heiligabend treffen sich die Geschassten auf einem Sportplatz und beschließen, gemeinsam in den Westen zu fliehen. Die Grenze war noch durchlässig. Im hessischen Bensheim wird für die Primaner aus dem Osten bald darauf eigens eine Klasse in einem Internat eröffnet, wo sie ihr Abitur machen.

Dietrich Garstka arbeitete nach dem Studium in Köln als Gymnasiallehrer. Er lebt in Essen. In der DDR wurde seine Geschichte, die im Westen Furore machte, totgeschwiegen. „Wir waren von Amts wegen vergessen“, berichtet der 72-Jährige.

Seit der Wende scheint das so geblieben zu sein. Auf der Homepage des kleinen Städtchens Storkow findet sich kein Hinweis auf die heldenhaften Schüler und ihre mutige Flucht. „Die Diktatur ist in vielen Köpfen nicht verschwunden“, glaubt Garstka.

Er würde heute, 55 Jahre später, alles noch einmal genauso machen und gibt den Realschülern eine Lebenserfahrung mit auf den Weg: „Es ist gut, wenigstens einmal im Leben Flagge zu zeigen.“

Quelle http://www.ivz-online.de

Bestellen kann man das Buch hier
Das schweigende Klassenzimmer: Eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg


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#2

RE: Das schweigende Klassenzimmer

in DDR Grenze Literatur 22.01.2011 10:27
von wosch (gelöscht)
avatar

Mit ihrem damaligen "Schweigen" hatten sie mehr "ausgesagt" als wenn sie sich lautstark geäußert hatten. Ich kann mich auch noch daran erinnern, wie wir 1956 die "Hilferufe" Ungarn´s über RIAS-Berlin gehört hatten, allerdings durch die ostzonalen Störsender so "verknattert, daß es kaum verständlich war. Zu diesem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt und kann bestätigen, daß der Druck in der Schule damals sehr, sehr groß war!!
Schönen Gruß aus Kassel.


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