#21

RE: Mordanschlag auf der Güst Marienborn/A.

in Mythos DDR und Grenze 04.01.2011 09:01
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Zitat von S51

Zitat von Zermatt
Rabe,

schlimme Sache,keine Frage.Wieso Mordversuch,kein versuchter Totschlag ?



"Unfaire" Frage, kennst doch die Antwort.
Den Mordversuch kann man tatbestandsmäßig dadurch definieren, dass hier geschossen wurde, um durch die gezielte Tötung die weitere Durchführung einer Straftat (Schleusung) zu ermöglichen oder eben die Flucht des Täters (versuchte Tötung zur Verdeckung einer Straftat, § 211, II StGB der BRD oder § 112, Abs. 1 und 2, Satz 1 und 3 und Absatz 3 StGB der DDR, hier vorsätzliche Tötung aus besonderer Feindschaft zur DDR).
In der Realität jedoch hätte sich ein heutiges Gericht auf versuchten Totschlag zurückgezogen, ja. Die unterschiedliche Sicht auf die Dinge ist eher politisch bedingt, nicht sachlich.




Bei dem zweiten Punkt gehe ich sofort mit, beim ersten jedoch nicht. Sagt das Gesetz „entweder eine andere Straftat zu ermöglichen oder eine solche zu verdecken“, wäre genau dies zu prüfen. Verdecken ließe sich diese Tat nicht mehr, nur noch eine Flucht vor strafrechtlichen Maßnahmen wäre möglich gewesen und damit fällt dieser Punkt weg. Das „befreien“ einer Deutschen aus „sowjetzonaler Knechtschaft“ war keine Straftat aus Sicht der BRD! Somit war der Waffeneinsatz auch nicht geeignet eine Straftat zu ermöglichen, da diese zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu realisieren war, sondern im Höchstfall noch die Flucht des Täters möglich gewesen wäre und die ganze Handlung („Befreiung“) nach BRD Recht ja gar keine Straftat war. Deshalb hast Du vollkommen recht, dass dieser „heldenhafte Befreiungsversuch“ in der BRD aus rein politischen Gründen maximal als Totschlag gewertet worden wäre.

Das Verbrechen wurde allerdings auf dem Territorium der DDR begangen und wenn @Rabe jetzt von Mordversuch schreibt, dann bezieht er sich auf die dort geltenden Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik und hat die Tat vollkommen korrekt eingeordnet.

Um dies zu untermauern prüfen wir den Vorfall doch einfach einmal auf die schnelle und ohne auf jedes Detail einzugehen, jedoch auch für Laien nachvollziehbar. In Frage kommen auf den ersten Blick die §§ 112 und 113 StGB, die ich dazu als erstes in der 1976 gültigen Fassung im Wortlaut wiedergeben will.

Zitat

§ 112 Mord
(1) Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren oder mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Auf Todesstrafe kann erkannt werden, wenn die Tat
1. ein Verbrechen gegen die Souveränität der Deutschen Demokratischen Republik, den Frieden, die Menschlichkeit und die Menschenrechte oder ein Kriegsverbrechen ist oder aus Feindschaft gegen die Deutsche Demokratische Republik begangen wird;
2. mit gemeingefährlichen Mitteln oder Methoden begangen wird oder Furcht und Schrecken unter der Bevölkerung auslösen soll;
3. heimtückisch oder in besonders brutaler Weise begangen wird;
4. mehrfach begangen wird oder der Täter bereits wegen vorsätzlicher Tötung bestraft ist;
5. nach mehrfacher Bestrafung wegen Gewaltverbrechen (§§ 116, 117, 121, 122, 126, 216) begangen wird.
(3) Vorbereitung und Versuch sind strafbar.

§ 113 Totschlag
(1) Die vorsätzliche Tötung eines Menschen wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren bestraft, wenn
1. der Täter ohne eigene Schuld durch eine ihm oder seinen Angehörigen von dem Getöteten zugefügte Mißhandlung, schwere Bedrohung oder schwere Kränkung in einen Zustand hochgradiger Erregung (Affekt) versetzt und dadurch zur Tötung hingerissen oder bestimmt worden ist;
2. eine Frau ihr Kind in oder gleich nach der Geburt tötet;
3. besondere Tatumstände vorliegen, die die strafrechtliche Verantwortlichkeit mindern.
(2) Der Versuch ist strafbar.


Anhand der Ziffern 1-3 des §113 kann hoffe ich jeder erkennen, dass dieser in unserem Fall nicht zur Anwendung kommen kann. Daher bleibt uns nur den §112 zu prüfen. Dieser sagt auf den ersten Blick für den Laien jedoch nicht viel aus, daher werde ich aus persönlichen Unterlagen nur die wichtigsten Punkte und Niederschriften zitieren um diesen jeden verständlich zu machen und letztendlich die Einschätzung von @Rabe zu bestätigen.

- Verbrechen oder Vergehen?
„Vorsätzlich begangene Straftaten gegen das Leben gehören zu den schwersten Kriminalitätserscheinungen. Die vorsätzliche Vernichtung fremden menschlichen Lebens verstößt gegen Grundinteressen der sozialistischen Gesellschaft und jedes Bürgers und steht in derart krassem Gegensatz zu den sozialistisch-humanistischen Lebensprinzipien, dass es sich bei diesen Straftaten wegen ihrer Gesellschaftsgefährlichkeit ausnahmslos um Verbrechen handelt. (§1 Abs. 3)“ Also ganz klar und wie bereits erwähnt ein Verbrechen!

- Mord oder Totschlag?
„Jede vorsätzliche Herbeiführung des Todes eines anderen Menschen ist Mord, soweit nicht die besonderen Voraussetzungen des §113 vorliegen.“ Diese haben wir bereit geprüft, also ganz klar Mord. Da das Opfer zum Glück überlebt hat jedoch kein vollendeter, Abs. 3 prüfen wir jedoch erst später

- War der Täter für den Tot, bzw. die versuchte Tötung verantwortlich?
„Zwischen dem Handeln des Täters und dem Tod des Opfers muss ein ursächlicher Zusammenhang bestehen. Kausalzusammenhang ist z.B. gegeben, wenn das Opfer auf Grund eines Messerstiches in den Körper verblutet, wenn …...“ Ich denke hier ist eindeutig ersichtlich, dass die Verletzung in Zusammenhang mit dem Schuss des Täters steht.

- War Vorsatz gegeben?
„Strafrechtliche Verantwortlichkeit setzt Vorsatz voraus. Entscheidet sich der Täter bewusst zur Tötung eines Menschen (§6 Abs. 1), kann es für die Beurteilung der Schuldschwere von Bedeutung sein, ob er den Tötungsentschluss situationsbedingt, d. h. Spontan fasst und umgehend realisiert, oder ob er die Tat mehr oder weniger langfristig plant.... Strebt der Täter die Tötung eines Menschen nicht unbedingt an, findet sich jedoch mit einem bestimmten Handeln bewusst damit ab (§6 Abs. 2), ist allein dieser Umstand nicht bedeutsam für die Beurteilung der Schuldschwere der Tötungshandlung. Das Vorliegen eines bedingen Vorsatzes ist allein kein Schuldminderungsgrund. Besonders massives und gefährliches Vorgehen, z.B. Anwendung gefährlicher Gegenstände, massive Einwirkung auf besonders lebenswichtige oder -gefährdete Körperregionen, oder die Lebensgefährlichkeit der eingetretenen Verletzungen schließen in der Regel ein, dass der Täter mit tödlichen Folgen einverstanden ist.“ Unser Täter entschied sich sicher nicht bewusst zur Tötung der ihn stellenden Kräfte, nahm aber durch massive Einwirkung auf lebenswichtige Körperregionen (Kopf) mit einem gefährlichen Gegenstand (Waffe) den Tot dieser in Kauf und somit liegt nach §6 Abs. 2 „Vorsätzlich handelt auch, wer zwar die Verwirklichung der im gesetzlichen Tatbestand bezeichneten Tat nicht anstrebt, sich jedoch bei seiner Entscheidung zum Handeln bewußt damit abfindet, daß er diese Tat verwirklichen könnte.“ ein bedingter Vorsatz vor.

- Kein Mord, aber Mordversuch?
„Versuch liegt vor, wenn der Täter mit der Ausführung der Tötungshandlung beginnt, ohne das der Tot des Opfers eintritt. Versuchshandlungen bei Tötungsverbrechen sind z.B. das Ausholen mit dem Beil zum Schlag auf das Opfer, das Verabreichen des vergifteten Getränks, das….... Ein versuchter Mord ist nicht deshalb von vornherein weniger schwerwiegend, weil der vom Täter angestrebte Erfolg nicht eingetreten ist. Bei Tötungsverbrechen ist der Verwirklichungsgrad, d. h. Die konkret für das Opfer entstandene Lebensgefahr, neben den übrigen Kriterien ( §21 Abs. 4, §62 Abs. 1) ein wesentlicher Umstand für die Strafzumessung.“
Da unser Täter bereits mit der Ausführung (Schuss in den Kopf) begangen hatte, liegt somit zweifelsfrei ein Mordversuch vor.

Die Wortwahl von @Rabe für dieses Verbrechen erfüllt somit nicht nur alle moralischen, sondern auch alle rechtlichen Anforderungen an den von ihm gewählten Begriff.

Was ist aus ihm geworden? Eine gute Frage die mich auch interessieren würde, vielleicht kann @Merkur etwas dazu sagen? Zum Strafmaß kann man nur Vermutungen anstellen und auf den ersten Blick (bedingter Vorsatz i.V.m dem Verwirklichungsgrad) könnte man auf ein Urteil im mittleren Bereich des möglichen tendieren und angesichts der damaligen Bemühungen um internationale Anerkennung rechne ich sogar damit. Wäre ich der zuständige U-Führer gewesen, hätte ich im Abschlussbericht an die Justiz jedoch den § 112 in Tateinheit mit §101 und hier sogar einen besonders schweren Fall nach §110 Abs. 4 angegeben, was gleich noch den §206 nach sich zieht. Für die allen Verbrechen vorausgehende Straftat wäre abschließend noch der §105 hinzugekommen und deshalb hätte ich eine lebenslange Freiheitsstrafe für angemessen empfunden.

Nach der 1976 gültigen Fassung des §112 Abs. 2 Ziffer 1 konnte bei einem Verbrechen gegen die DDR und ein solches stellt der §101 dar die Todesstrafe verhängt werden. Auch der §101 Abs. 2 sah zu diesem Zeitpunkt eine lebenslange Freiheitsstrafe, respektive die Todesstrafe vor. Diese wäre etwas überzogen gewesen, deshalb hätte ich wie gesagt lebenslänglich durchaus für angemessen empfunden.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
zuletzt bearbeitet 04.01.2011 20:38 | nach oben springen

#22

RE: Mordanschlag auf der Güst Marienborn/A.

in Mythos DDR und Grenze 04.01.2011 09:52
von eisenringtheo | 9.174 Beiträge

Die "Zone" gab eben viel her für Autoren und Filmemacher. Irgendwie vermisse ich diese Art von Bücher und Filme. Dabei waren sie manchmal richtig gut.
http://www.youtube.com/watch?v=3CqK8Bfyy1I
http://de.wikipedia.org/wiki/Mit_dem_Wind_nach_Westen
(vor allem wie der Brenner genau in dem Moment ausgeht, als er ins Visier der schiesswütigen Grenzer gerät und ihnen das Schiessen gewaltig versaut, weil er jetzt unsichtbar ist....einfach genial!!!!)
Theo


zuletzt bearbeitet 04.01.2011 10:17 | nach oben springen

#23

RE: Mordanschlag auf der Güst Marienborn/A.

in Mythos DDR und Grenze 04.01.2011 23:53
von S51 | 3.733 Beiträge

Zitat von eisenringtheo
...
(vor allem wie der Brenner genau in dem Moment ausgeht, als er ins Visier der schiesswütigen Grenzer gerät und ihnen das Schiessen gewaltig versaut, weil er jetzt unsichtbar ist....einfach genial!!!!)
Theo



Mal abgesehen davon, dass die Anwendung der Schußwaffe gegen Luftfahrzeuge in der Luft allgemein ausdrücklich ausgeschlossen war...
Es hätte als in der Realität niemand auch nur gezielt.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


zuletzt bearbeitet 04.01.2011 23:54 | nach oben springen


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