#1

Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 03.03.2009 11:12
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Die DDR: Lückenlose Überwachung der Bürger, durch die Stasi, durch inoffizielle Mitarbeiter, oder einfach nur durch Denunziantentum (ähnlich Nazideutschland)

Dazwischen muss es aber eine "Grauzone", so etwas wie "Stille Abkommen" oder gar "Narrenfreiheit" gegeben haben? Oder wie lässt sich sonst erklären, dass beispielsweise dieses Bild (Anhang) meines Vaters in Uniform der Légion Etrangère bis zu ihrem Tod (1972) in der Küche meiner Oma in Ziesar an der Wand hing, genauso wie seit 1957 das Hochzeitsfoto meiner Eltern? Und bei Tante Elli hängen die Fotos heute noch, sogar an der Wand des Wohnzimmers.

Welche Erklärung habt Ihr für solche, ähnliche oder andere "Merkwürdigkeiten"?

Angefügte Bilder:
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#2

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 03.03.2009 11:49
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Hallo Wolfgang,

die einfachste Erklärung könnte wohl sein, dass die Überwachung eben nicht lückenlos war. Warum war sie das nicht? Weil nicht jeder überwacht werden konnte, sollte oder was auch immer. Auch wenn es manche Kritiker der DDR hart trifft: Es gab nicht über jeden eine Akte. Damit haben wir bereits eine "Grauzone" die ca. 80 Prozent der Bevölkerung der DDR betraf.

Ich hatte, was bei meiner Berufswahl als Grenzoffizier unvermeidlich war, viele Kontakte zu Leuten, die mit der Stasi zusammenarbeiteten. Es gab darunter Leute, die mir suspekt waren, da ich glaubte, mir aus ihren kleinbürgerlichen Ansichten ausrechnen zu können, was in ihren Berichten stand. Es gab Leute, mit denen ich bedenkenlos einen saufen gegangen bin, was den Austausch der aktuellen poltischen Witze einschloss. Es gab Leute darunter, die 1989 losgezogen sind, um die Vernichtung der Akten in den Stasi-Behörden zu verhindern. Es gab Leute in meiner Verwandschaft und auch in meinem Freundeskreis. Darunter waren sehr wenige, die ich heute als Denunzianten ansehen würde. Viele waren einem einfachen politischen Idealismus gefolgt. "Hier wir = Gut; da Klassenfeind = Böse. Gut muss gegen Böse kämpfen! Ministerium für Staatssicherheit kämpft an vorderster Front!" Das klingt trivial? Nicht trivialer als heute die "Achse des Bösen" oder ähnlicher ideologischer Kram, dem die halbe Welt hinterherrennt, als wäre es die Bundeslade.

Einen kleinen Einblick in die Selbstsicht des MfS und in die teilweise gesellschaftliche Rezeption desselben, vor allem in den 70-er Jahren, gibt die Fernsehserie "Das unsichtbare Visier", übrigens aus historischer Sicht in Richtung der BRD gar nicht mal schlecht recherchiert, wenngleich natürlich ideologisch gefärbt. Aber das ist die historische Betrachtung der DDR heute auch. Wie käme es sonst immer wieder zu diesen unerträglichen Vergleichen mit Nazideutschland, wo das Denunziantentum flächendeckend zur Ermordung von zigtausenden führte, weil sie Juden waren, Juden geholfen haben, weil sie im Widerstand waren und all das andere noch. Das ist aus meiner Sicht mit dem, was in der DDR geschah, nicht vergleichbar.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#3

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 06.03.2009 18:04
von Kulmbachpolier | 34 Beiträge

Zitat von Rainman2
Hallo Wolfgang,
die einfachste Erklärung könnte wohl sein, dass die Überwachung eben nicht lückenlos war. Warum war sie das nicht? Weil nicht jeder überwacht werden konnte, sollte oder was auch immer. Auch wenn es manche Kritiker der DDR hart trifft: Es gab nicht über jeden eine Akte. Damit haben wir bereits eine "Grauzone" die ca. 80 Prozent der Bevölkerung der DDR betraf.
Ich hatte, was bei meiner Berufswahl als Grenzoffizier unvermeidlich war, viele Kontakte zu Leuten, die mit der Stasi zusammenarbeiteten. Es gab darunter Leute, die mir suspekt waren, da ich glaubte, mir aus ihren kleinbürgerlichen Ansichten ausrechnen zu können, was in ihren Berichten stand. Es gab Leute, mit denen ich bedenkenlos einen saufen gegangen bin, was den Austausch der aktuellen poltischen Witze einschloss. Es gab Leute darunter, die 1989 losgezogen sind, um die Vernichtung der Akten in den Stasi-Behörden zu verhindern. Es gab Leute in meiner Verwandschaft und auch in meinem Freundeskreis. Darunter waren sehr wenige, die ich heute als Denunzianten ansehen würde. Viele waren einem einfachen politischen Idealismus gefolgt. "Hier wir = Gut; da Klassenfeind = Böse. Gut muss gegen Böse kämpfen! Ministerium für Staatssicherheit kämpft an vorderster Front!" Das klingt trivial? Nicht trivialer als heute die "Achse des Bösen" oder ähnlicher ideologischer Kram, dem die halbe Welt hinterherrennt, als wäre es die Bundeslade.
Einen kleinen Einblick in die Selbstsicht des MfS und in die teilweise gesellschaftliche Rezeption desselben, vor allem in den 70-er Jahren, gibt die Fernsehserie "Das unsichtbare Visier", übrigens aus historischer Sicht in Richtung der BRD gar nicht mal schlecht recherchiert, wenngleich natürlich ideologisch gefärbt. Aber das ist die historische Betrachtung der DDR heute auch. Wie käme es sonst immer wieder zu diesen unerträglichen Vergleichen mit Nazideutschland, wo das Denunziantentum flächendeckend zur Ermordung von zigtausenden führte, weil sie Juden waren, Juden geholfen haben, weil sie im Widerstand waren und all das andere noch. Das ist aus meiner Sicht mit dem, was in der DDR geschah, nicht vergleichbar.
ciao Rainman



Hallo Rainman,

klare Analyse mit viel Sachkenntnis.
Ich sehe insbesondere Deine Ausführungen zum heute oft gebrauchten "historischen" Vergleich DDR mit Nazideutschland genauso.
Bei einigen sogenannten Historikern gehört das ja fast zum guten Ton. Ich glaube auch, dass wir gerade auch in diesem Jahr dazu noch einige "geschichtliche" Leerstunden erhalten werden(Schreibfehler beabsichtigt).

Schönes Wochenende

Kulmbachpolier


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#4

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 08.03.2009 00:10
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Hallo Kulmbachpolier,

ich danke Dir für die Zustimmung und das Lob.

Eine kleine Überraschung erlebte ich, als ich 1990 meine Personalunterlagen einsehen und "bereinigen" konnte. Dabei fielen mir unten mitgelieferte Dokumente in die Hand. Die Polizei war im Jahr 1978, ein Jahr vor meiner Einberufung, tatsächlich vom Wehrkreiskommando aufgefordert worden, zu mir eine Ermittlung einzuleiten. Die Art des Formulars lässt darauf schließen, dass es sich hier um ein Standardvorgehen handelte. Ich weiß nicht, ob diese Ermittlung auch bei Wehrpflichtigen durchgeführt wurde, ich war immerhin BOB (Berufsoffiziersbewerber). Die Sache hat auf den ersten Blick nicht viel mit Stasi zu tun, aber es zeigt immerhin in dem Zusammenhang die Vernetzung der Dienste in der DDR, wenn es um die Datensammlung zu einer Person ging.

ciao Rainman

Angefügte Bilder:

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#5

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 08.03.2009 00:41
von EK89/1 | 832 Beiträge

Hey Rainman2
Ich schon wieder, so ähnliches was wie du habe ich auch zu hause, die wurden aber erst angelegt wo ich bei der Truppe war, und von kurz zu vor. Ich war ja eigentlich nicht der 100Prozentige DDR Bürger. Bin auch erst zur Grenze gekommen als meine Freundin(immer noch meine Frau) schwanger war, obwohl wir Kontackt in die BRD hatten. Noch ne andere Annektode die beweist das die auch nicht alles wusten.
Bei der Ausbildung in Potsdam schlief unter mir einer aus Dresden der war bei der Ausbildung auch 3 oder4 mal bei der 2000, genau so wie ich. Er wurde auch mit mir nach Schierke versetzt, in den gleichen Zug wie ich.
In der GK stellte sich dan raus das seine Oma in Braunlage wohnt, also nen Katzensprung übern Zaun. Da mus die übermittlung schief gegangen sein, den das mit der Oma hat er in Potsdam gesagt. Die Konseqens war das er in die Küche gegangen ist und nicht versetzt wurde und das war auch für mich von Vorteil.


EK89/I
09/87-01/88 GAR5 Potsdam,GAK 7
01/88-04/89 7.GK "Lutz Meier" Schierke
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#6

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 15.07.2009 12:41
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von Wolfgang B.
Die DDR: Lückenlose Überwachung der Bürger, durch die Stasi, durch inoffizielle Mitarbeiter, oder einfach nur durch Denunziantentum (ähnlich Nazideutschland)

Dazwischen muss es aber eine "Grauzone", so etwas wie "Stille Abkommen" oder gar "Narrenfreiheit" gegeben haben? Oder wie lässt sich sonst erklären, dass beispielsweise dieses Bild (Anhang) meines Vaters in Uniform der Légion Etrangère bis zu ihrem Tod (1972) in der Küche meiner Oma in Ziesar an der Wand hing, genauso wie seit 1957 das Hochzeitsfoto meiner Eltern? Und bei Tante Elli hängen die Fotos heute noch, sogar an der Wand des Wohnzimmers.

Welche Erklärung habt Ihr für solche, ähnliche oder andere "Merkwürdigkeiten"?


das man nicht jeden und alles "überwachen" kann, sollte eigentlich klar sein, @wolfgang. auch wenn es die heutige presse jeden tag über die damaligen verhältnisse propagiert.
diese bilder an der wand haben tatsächlich keinen interessiert, ob da nun der gefallene wehrmachts-opa hing oder anderes. nur wenn das hakenkreuz zu übermächtig ins bild sprang, nahm der abv mal diskreten einfluss, z.b. ob man denn das symbol nicht etwas abdecken möchte...


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#7

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 15.07.2009 14:59
von FSK-Veteran (gelöscht)
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Zitat von Rainman2
Hallo Wolfgang,

die einfachste Erklärung könnte wohl sein, dass die Überwachung eben nicht lückenlos war. Warum war sie das nicht? Weil nicht jeder überwacht werden konnte, sollte oder was auch immer. Auch wenn es manche Kritiker der DDR hart trifft: Es gab nicht über jeden eine Akte. Damit haben wir bereits eine "Grauzone" die ca. 80 Prozent der Bevölkerung der DDR betraf.


Das ist natürlich richtig. Die Stasi ist ja so schon an den Informationsströmen und am Ausmaß der Überwachungen faßt erstickt. Und das, obwohl der Apparat sich ständig vergrößerte.

Der größte Teil meiner (ehem) DDR-Freundschaften besteht heute noch. Seit damals leben meine Leute eher im Osten. Nur einige im Westen. Die Freundschaften haben sich auch deshalb gehalten, weil es natürliche, nette und immer zuverlässige Leute sind, die ich seit meiner "DDR-Zeit" kenne.

Zu meinem Erstaunen kann ich Niemanden nennen, der auf mich angesetzt worden wäre, nur weil die Stasi versuchte, mich zu erpressen. In meinem Mißtrauen hatte ich bei einigen Leuten diesbezüglich gewisse Unsicherheiten. Alles Quatsch!

Dafür habe ich aber nicht schlecht gestaunt, daß meine Verwandtschaft auf mich angesetzt war. Und bereit war, mich ans Messer zu liefern. Hätte ich in jugendlicher Abenteuerlust diesen Angriffen auf meine berufliche Verschwiegenheitsverpflichtung nachgegeben, wäre ich zur Wende arbeitslos gewesen.....

Fazit: Mein gesamter ostberliner Freundschafts-und Bekanntenkreis war absolut zuverlässig und loyal.
Informationen wurden nur durch Telefonate und Briefe gewonnen* (...die ich jedoch absichtlich im "Stil der Gewissheit" verfasste, daß sie kontrolliert und ausgewertet werden...). So konnte man ihnen Informationen übermitteln, die sie gezielt auch so zu hören bekommen sollten....

*P.S.: Und durch:

- ca 15 Beobachtungsberichte.
- Fotos (wahrsch. aus einer Tasche heraus)
- Nachverfolgung meines Wohnhauses in Berlin(West) durch irgendeinen Stasi-Rentner, der sogar mein Klingelschild abzeichnete
- Nachverfolgung meiner Arbeitsstelle. Auch dort eine genaue Skizze der Strassen und des Gebäudes...

Was die für einen Aufwand wegen mir "kleinem Licht" veranstaltet haben. Überhaupt kein Wunder, daß die ganze Schose krachend in sich zusammengebrochen ist....


zuletzt bearbeitet 15.07.2009 15:19 | nach oben springen

#8

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 15.07.2009 20:40
von muts | 89 Beiträge

[quote="Rainman2"], Die Art des Formulars lässt darauf schließen, dass es sich hier um ein Standardvorgehen handelte. Ich weiß nicht, ob diese Ermittlung auch bei Wehrpflichtigen durchgeführt wurde, ich war immerhin BOB (Berufsoffiziersbewerber).

Hallo Rainman2,
diese Ermittlungen wurden bei mir als Wehrpflichtigen auch geführt.
Einige Zeit vor der Einberufung wurde ich zum ABV vorgeladen. Der wollte sich mal mit mir unterhalten, weil ich zum Wehrdienst an der Grenze vorgesehen sei.
Das Protokoll dieses Gespräches,Informationen zu meinen Eltern und zum häuslichen Umfeld fand ich in meiner Stasi Akte wieder. Dazu gezielte Informationen über Freizeitintressen, Freunde und Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, die aus einer Befragung von Mitgliedern der Hausgemeinschaft(oder Zuarbeit des Haus-IM) stammen müssen.

Gruß
Matthias


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#9

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 15.07.2009 20:53
von Rostocker | 7.719 Beiträge

Das war wohl geläufig-das man sich über denjenigen der zu Grenze gezogen wurde.Sich Informationen aus seinen täglichen Umfeld holte.
Ich erinnere mich nur noch daran,das mein Brigadier mal zu mir sagte.Ich muß mit den Meister eine Beurteilung über dich schreiben und zum WKK schicken.

WKK = Wehrkreiskomando


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#10

RE: Fa. Guck und Horch immer dabei?

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 15.07.2009 21:00
von EK89/1 | 832 Beiträge

Genau das selbe wie bei Dir Matthias stand bei mir auch in der Stasiakte, nur das ich nicht beim ABV vorgeladen war. Meine Invormationen stammten vom Parteisekretär der LPG wo ich gearbeitet habe. daraus konnte ich auch ersehen das ich schon drei mal gezogen werden sollte, aber mit der Einschätzung vom PS war da nichts. Ich bin erst gezogen wurden als meine Freundin schwanger war.

groitzsch


EK89/I
09/87-01/88 GAR5 Potsdam,GAK 7
01/88-04/89 7.GK "Lutz Meier" Schierke
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