#1

Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 22.10.2010 21:23
von Peter1960HH | 125 Beiträge

Hier werden ja viele Themen teils kontrovers, teils einvernehmlich diskutiert.

Ein Thema war wohl aber auf allen Ebenen mindestens als ungeliebt einzuschätzen - die Nachweisführung über die Ausbildungsergebnisse.

Spätestens, wenn irgend jemand die Einheit auserkoren hatte, den Bestentitel zu "erkämpfen" (Ok OK, es gab Einheiten, die hatten ihn wirklich verdient - vorzugsweise in den späteren dritten Bataillonen - die hatten eben die Zeit dafür - ich weis das, war von Anfang an dabei) war es soweit - die Ausbildungsjournale mussten einer Überprüfung standhalten und so halbwegsmit der Realität übereinstimmen - es war immer damit zu rechnen, das die Kompanie real überprüft wurde.

Die Krux war nur - die Journale taugten meist nicht mal als Klopapier, weil das Papier zu glatt und zu fest war.

Also wurden neue, unbeschriebene Journale besorgt (ein guter Haupftfeldwebel hatte da so seine Quellen) und die teils tagelange Pinselei und Rechnerei ging los.

Ätzend!!!

Und jetzt kam Peter in Spiel.

Von Natur aus partiell faul, dafür höchst einfallsreich, machte er sich ans Werk, dem Treiben ein effektives Werkzeug bereitzustellen:

Das Ausbildungsjournal als Tabellenkalkulation.

Dazu ein Exkurs.

1987 war ich zur "Auffrischung" an der MPHS in Berlin. Dort kam ich erstmalig direkt mit Computertechnik der damaligen Generation zusammen und war Feuer und Flamme.

Die damalige, in der DDR - und auch in den ab Regimentstab aufwärts - vorhandenen PC 1715 mit Floppylaufwerk und Nadeldrucker waren für den Normalbürger schlicht nicht verfügbar.

Dafür gab es die KC 85/1-3 aus Mühlhausen - wenn es sie gab.

Auch robotron hatte ein Modell, den KC 87.

Durch meinen Dienst an der Elbe und Wohnsitz in Thüringen, brachte mich die Deutsche Reichsbahn regelmäßig in die Heimat, verbunden mit einem eingeplanten Aufenthalt in einer der Mikroelektronikstandorte der DDR - Erfurt.

Dort besuchte ich über ein Dreivierteljahr immer wieder das Verkaufs-Geschäft vom VEB Mikroelektronik oder so ähnlich, bis ich MEINEN KC 85/3 für 4.500,00 DDR-Mark hatte.

Das gleiche Spiel im Centrum-Warenhaus Am Anger für eine elektronische Reiseschreibmaschine "Erika" für 3.500,00 DDR-Mark.

Ein Wahnsinn, wenn man es heute bedenkt - aber ich war jung und hatte das Geld

Vergleichbar waren die Geräte mit den damaligen Commodore C64 - in der Grafik sogar einen Tick besser - dafür im Sound hoffnungslos abgeschlagen.

Nun, ich wollte ja nicht spielen, sondern produktiv tätig werden.

Es hatte sich nämlich ergeben, dass ich auf der jährlichen Messe der Meister von Morgen in Erfurt ein richtiges Goldstück einfach so in die Hände bekam - die Textverarbeitung WORDPRO - für den KC 85/3 angepasst von den Gebrüdern Adler, Söhne des Professors Adler an der TU Dresden, Lehrstuhl EDV.

Der, der mir das Programm gab, typischerweise auf Magnetbandkassette ORWO C60, wusste gar nicht, was für einen Schatz er da hatte - ich geb es zu, ich sagte es ihm auch nicht - jedenfalls brachte mir dieses eine Programm noch so einige weitere wertvolle Programme ein. (Das Wort Raubkopei existierte nicht - im Sozialismus war es üblich, dass Alles allen zugänglich sein sollte - ohne smiley, weil keiner dem gerecht werden würde).

Der Clou war, das die Adlers ein Adaptermodul entwickelten, welches für kleines Geld erworben werden konnte und die Verbindung zwischen KC 85/3 und Schreibmaschine herstellte - GENIAL!!!

Damit konnte sowohl Textverarbeitung als auch Pixel-Grafik erstellt werden (der Punkt des Typenrades wurde auf Dauer damit aber arg beansprucht - aber die Typenräder waren keine Mangelware - lag daran, dass große Stückzahlen mit verschiedenen Typsätzen entwickelt und produziert worden waren - leider ca. ein halbes Jahr später als im Westen und somit im Ausland nicht absetzbar.

Nun denn - ich hatte also ein funktionierendes Computer-Büro-System - ich glaube, ich war der der Einzige in den Grenztruppen damit - Mitte 1988.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Begeisterung das hervorrief - niemand musste mehr Kampfprogramme immer wieder neu erfinden - man brauchte nur die aktuellen Zielsetzungen am Computer einfügen, das Ganze abspeichern und ausdrucken.

Silvester 88/98 sorgten diverse Computerspiele für enorme Abwechslung und große Begeisterungsstürme in der GK - sowas hatte niemand anderes.

Aber damit hatte ich das Ganze öffentlich gemacht - und es nahm das seinen Lauf, was kommen musste - ein Hausbesuch des 2000ers.

Aber irgendwie war da schon zu merken, es war nicht so wie immer (man denke daran, dass da erstmalig West-TV erlaubt wurde).

Jedenfalls vergatterte er mich nur, das nicht wieder in die Kompanie mitzunehmen - zuhause durfte ich es behalten - ich hatte ihm auch davon erzählt, dass ich schon Fortschritte mit der Basic-Programmierung für die Journale machte - das gefiel ihm - hatte wohl auch sowas zu führen -

Letztlich hatte ich viele tausend Programmzeilen geschrieben und im Frühjahr/Sommer 89 war es fertig und funktionierte.

Selbstverständlich bekamen auch Bataillons- und Regimentsführung davon Wind und wurden neugierig - und da geschah etwas, was ich nie geglaubt hätte: der neue Regimentspolit, realtiv frisch von der Akademie und recht modern angelegt, sagte mir, er hätte sowas als Diplomarbeit in Maschinensprache für den PC1715 enwickelt - uns beide hat es da echt fast umgehauen ob der Möglichkeiten der Modernisierung vieler stupider Aufgaben - man mußte die Programme nur verbinden- sprich meines in Maschinensprache kompilieren - das ging damals schon.

Nunja - der Rest verlor sich in den Stürmen der Geschichte - Es kamnichtmehr dazu.

Niemand hatte mehr Verwendung für unsere Arbeit.

Aber ein wenig denk ich mit Stolz daran zurück - ne Tabellenkalkulation aud der Grundlage von Basic - ne verrückte Idee war Wirklichekit geworden.

1990-1992 verschaffte mir das übrigens einen erheblichen Vorteil in der Eroberung der damals aufkommenden, für alle zugänglichen PC-Technik - ohne einen PC zu haben, hab ich nur anhand von Büchern MS-DOS erlernt - rein mit der Vorstellungskraft - ich kann das heute noch . nun frag mich mal einer, was ich für nen Hobby ich hab - ausser Fotografieren

Ohmann - was für nen Roman - wers langweilig findet - einfach weiterblättern - ist nicht schlimm

Wer aber da andere Beispiele für technische Verrücktheiten kennt - ich bin gespannt.

Gruß Peter



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#2

RE: Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 23.10.2010 02:02
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Hallo Peter,

ich bestätige hiermit, dass das Coputerkabinett und die Informatikausbildung an der Militärpolitischen Hochschule (MPHS) nicht schlecht waren. Die damalige Ausstattung (KC85-4[glaube ich], PC1715 und EC1834) war insgesamt nicht so schlecht. Als unsere Ausbildung 1990 etwas abrupt endete, kamen von den 15 Offizieren meiner Studiengruppe 8 Leute in "Computerberufen" unter. Ich selbst machte mich 1995 selbständig als EDV-Dozent. Die Grundlagen für die Computerschulungen hatte ich an der MPHS mitbekommen. Die oft gescholtene und meist unterschätzte Programmiersprache BASIC war damals tatsächlich das, was sie sein sollte: Eine gute Basis. Ich habe mir noch selbst im Jahre 2002, als ich schon mit C, Cobol, Clipper und SQL vertraut war, ein Verwaltungsprogramm für die Schulungsorganisation in QBasic geschrieben. Der Grund war simpel: QBasic von Microsoft, das Programm selbst und die Datenbasis in einfachen Textdateien passten zusammen auf eine Diskette. Ich konnte das Ding auf jedem Rechner starten, der ein offenes Diskettenlaufwerk hatte. Es war einfach und wirksam, weil es genau die Funktionen hatte, die ich brauchte. Ich stelle mir da Deine Idee ähnlich vor ...

Was Computer und Grenzdienst miteinander zu tun hatten ... naja, die einzigen, die in unserem Regimentsstab regelmäßig mit Computern zu tun hatten, waren die Pioniere. Die haben richtiggehend mit Bestell-, Materialverwaltungs- und ähnlichen Programmen gearbeitet. Andere Anwendungen, naja gut - außer Spielen, die gab's natürlich auch dafür, lernte ich in der Zeit zwischen 1986 bis 1989 nicht kennen. Als ich dann ab 1988 an der MPHS war, bekam ich eines Tages ein VS-Ausgabe der Zeitschrift "Militärwesen" in die Hand. Da war ein computergestütztes System für die Lageauswertung an der Grenze erläutert. Für die Posten waren mobile Endgeräte (Verbindung über GMN) vorgesehen. Sie hätten dort Lagemeldungen erfassen und speichern können. Auf der Führungsstelle wären die Auslösungen registriert und gespeichert worden und auch der Kommandeur Grenzsicherung hätte Entschlüsse und Handlungen speichern können. Ebenso wären in der Kompanie selbst bestimmte Kennzahlen erfasst worden. Das ganze wäre über interne Leitungen in die Stäbe gegangen und dort konsolidiert worden. Das ganze klang recht nett, ohne ins Detail zu gehen. In erster Linie ging es bei der Darstellung, soweit ich mich erinnern kann, nicht um die Programme, sondern es ging zunächst um die Betrachtung eines grundsätzlichen Modells der Vernetzung. Ich erinnerte mich bei Deinem Beitrag gerade wieder daran. Nüchtern betrachtet ist es ein einfaches Datensammeln für die Bildung von Kennzahlen. Kennzahlencontrolling - heute die letzte Waffe, wenn im Personalcontrolling die Hilflosigkeit zu siegen droht oder schon gesiegt hat. Damals fand ich die Idee gut, aber es war halt Technik, die einen in ihrer vernetzten Wirkung durchaus begeistern konnte.

Danke für den Post.
ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 23.10.2010 02:07 | nach oben springen

#3

RE: Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 23.10.2010 02:28
von Büdinger | 1.503 Beiträge

Hallo Klaus-Peter ,

schön, das Du wieder auf'm Damm bist.

Zitat von Rainman2
... Nüchtern betrachtet ist es ein einfaches Datensammeln für die Bildung von Kennzahlen.
Kennzahlencontrolling - heute die letzte Waffe, wenn im Personalcontrolling die Hilflosigkeit zu siegen droht
oder schon gesiegt hat. ...



Das hast Du schön gesagt.
In meiner Organisation wird dies von den Ausführenden auch 'Kennzahlenfetischismus' genannt.

Gruß

Ricardo


.

Ich finde Menschen faszinierend, die meinen mich zu kennen.
Manchmal drängt es mich sie zu fragen, ob sie mir ein bisschen was über mich erzählen können ...

Ich übernehme die Verantwortung für alles, was ich sage, aber niemals für das, was andere verstehen!

.
zuletzt bearbeitet 23.10.2010 14:24 | nach oben springen

#4

RE: Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 23.10.2010 14:02
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Wir hoch war denn der Anteil des Personals bei den GT,die Kenntnisse in der EDV hatten ? Gibts da eine Zahl ?



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#5

RE: Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 23.10.2010 14:27
von Peter1960HH | 125 Beiträge

ich weis es ehrlich gesagt nicht - wenn ich aber bedenke, dass mir von unserem GR nur 4 Personen bekannt waren, dürfte sich das maximal im zweistelligen bereich bewegt haben - wohl gemerkt GT, NVA sicher mehr



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#6

RE: Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 23.10.2010 15:44
von Mike59 | 7.962 Beiträge

Zitat von Büdinger
Hallo Klaus-Peter ,

schön, das Du wieder auf'm Damm bist.

Zitat von Rainman2
... Nüchtern betrachtet ist es ein einfaches Datensammeln für die Bildung von Kennzahlen.
Kennzahlencontrolling - heute die letzte Waffe, wenn im Personalcontrolling die Hilflosigkeit zu siegen droht
oder schon gesiegt hat. ...



Das hast Du schön gesagt.
In meiner Organisation wird dies von den Ausführenden auch 'Kennzahlenfetischismus' genannt.

Gruß

Ricardo




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Hallo Ricardo,

bei der Aussage vom Rainmann2 ist echt was dran. Bemerkenswert mit wie wenig Worten es auf den Punkt gebracht werden kann, unsere Firma würde da wohl ein längeres Symposium benötigen Ob wir ihn mal als Gastdozenten dem BMI unterjubeln können?

Mike59


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#7

RE: Gruppen-, Zug-, Kompanie-Ausbildungs-Journal als Basic-Tabellenkalkulation

in Grenztruppen der DDR 23.10.2010 16:34
von Büdinger | 1.503 Beiträge

Zitat von Mike59
... Hallo Ricardo,

bei der Aussage vom Rainmann2 ist echt was dran. Bemerkenswert mit wie wenig Worten es auf den Punkt gebracht werden kann, unsere Firma würde da wohl ein längeres Symposium benötigen Ob wir ihn mal als Gastdozenten dem BMI unterjubeln können?

Mike59



Hallo Michael ,

eher würde er von unseren Eliten zur 'persona non grata' erklärt.



Zum Thema:

Ich wurde zum ersten Mal 1990 mit PC-Technik bei den GT konfrontiert.
Dabei ging es um Aneignung von Grundkenntnissen für die persönliche Zukunft.
Vorher wusste ich nicht einmal, dass wir so etwas im GAR-7/GAZ-16 hatten.

Gruß Ricardo


.

Ich finde Menschen faszinierend, die meinen mich zu kennen.
Manchmal drängt es mich sie zu fragen, ob sie mir ein bisschen was über mich erzählen können ...

Ich übernehme die Verantwortung für alles, was ich sage, aber niemals für das, was andere verstehen!

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