#41

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 22.10.2010 16:28
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von P3
Die Brüder und Schwestern , die seinerzeit in die vermeintlich bessere Welt aufbrachen, um ihre Lage zu verbessern, haben nicht ihr Land verbessert.

Gruß
P3



Schlimmer noch, diese überlaufenden Mitläufer haben die Verhandlungsposition der damaligen Volkskammer anläßlich der Übergabe der DDR dermaßen geschwächt, daß wir auch 20 Jahre nach der Einheit weder über nenneswerte Verlagerungen von Firmensitzen der ersten und zweiten Wirtschaftsliga der BRD noch über gleichwertige Neugründungen von börsennotierten Aktiengesellschaften jenseits der Milliardengrenze verfügen, wie es sie in den ABL dutzendweise gibt.
Ein verhandlungsstarkes Parlament hätte hier das gleiche aushandeln können, was die Bonner nach dem Verlust ihres Hauptstadtstatus der Republik aus dem Kreuz geleiert haben, wie z.B. den Hauptsitz der ehemaligen Staatsbetriebe Post, Telekom und Postbank.
Statt dessen blieb angesichts der Flüchtlingsströme eine Volksvertretung zurück, die zuckend am Boden lag und nur noch auf den Schlußgong warten konnte.
Für diesen K.o.- Sieg haben die konsumaffinen Übersiedler der Wendezeit die Hauptverantwortung, die Zurückgebliebenen gratulieren dazu recht herzlich.



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#42

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 22.10.2010 16:46
von Gert | 12.356 Beiträge

Zitat von Hackel39

Zitat von P3
Die Brüder und Schwestern , die seinerzeit in die vermeintlich bessere Welt aufbrachen, um ihre Lage zu verbessern, haben nicht ihr Land verbessert.

Gruß
P3



Schlimmer noch, diese überlaufenden Mitläufer haben die Verhandlungsposition der damaligen Volkskammer anläßlich der Übergabe der DDR dermaßen geschwächt, daß wir auch 20 Jahre nach der Einheit weder über nenneswerte Verlagerungen von Firmensitzen der ersten und zweiten Wirtschaftsliga der BRD noch über gleichwertige Neugründungen von börsennotierten Aktiengesellschaften jenseits der Milliardengrenze verfügen, wie es sie in den ABL dutzendweise gibt.
Ein verhandlungsstarkes Parlament hätte hier das gleiche aushandeln können, was die Bonner nach dem Verlust ihres Hauptstadtstatus der Republik aus dem Kreuz geleiert haben, wie z.B. den Hauptsitz der ehemaligen Staatsbetriebe Post, Telekom und Postbank.
Statt dessen blieb angesichts der Flüchtlingsströme eine Volksvertretung zurück, die zuckend am Boden lag und nur noch auf den Schlußgong warten konnte.
Für diesen K.o.- Sieg haben die konsumaffinen Übersiedler der Wendezeit die Hauptverantwortung, die Zurückgebliebenen gratulieren dazu recht herzlich.





@Hackel39
Wenn ich recht informiert bin, war der Sitz der 3 genannten Firmen schon immer Bonn. Obendrein sind sie seit Mitte der 90 er Jahre private Aktiengesellschaften und können ihren Sitz selbst bestimmen. Also kann die Politik gar nichts machen, was den Standort betrifft. Es handelt sich bei diesen Hauptverwaltungen ja nur um den Kopf des Unternehmens, sowohl Post/DHL, Telekom als auch Postbank haben über ganz Deutschland verteilt Aktivitäten, wo Mitarbeiter angestellt werden. So auch auf dem Gebiet der früheren DDR. Wo ist da das Problem ? Da werden doch Arbeitsplätze vorgehalten.

Viele Grüße aus dem Rheinland


.
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Geld ist geprägte Freiheit!
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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#43

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 22.10.2010 17:24
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Gert

Zitat von Hackel39

Zitat von P3
Die Brüder und Schwestern , die seinerzeit in die vermeintlich bessere Welt aufbrachen, um ihre Lage zu verbessern, haben nicht ihr Land verbessert.

Gruß
P3



Schlimmer noch, diese überlaufenden Mitläufer haben die Verhandlungsposition der damaligen Volkskammer anläßlich der Übergabe der DDR dermaßen geschwächt, daß wir auch 20 Jahre nach der Einheit weder über nenneswerte Verlagerungen von Firmensitzen der ersten und zweiten Wirtschaftsliga der BRD noch über gleichwertige Neugründungen von börsennotierten Aktiengesellschaften jenseits der Milliardengrenze verfügen, wie es sie in den ABL dutzendweise gibt.
Ein verhandlungsstarkes Parlament hätte hier das gleiche aushandeln können, was die Bonner nach dem Verlust ihres Hauptstadtstatus der Republik aus dem Kreuz geleiert haben, wie z.B. den Hauptsitz der ehemaligen Staatsbetriebe Post, Telekom und Postbank.
Statt dessen blieb angesichts der Flüchtlingsströme eine Volksvertretung zurück, die zuckend am Boden lag und nur noch auf den Schlußgong warten konnte.
Für diesen K.o.- Sieg haben die konsumaffinen Übersiedler der Wendezeit die Hauptverantwortung, die Zurückgebliebenen gratulieren dazu recht herzlich.





@Hackel39
Wenn ich recht informiert bin, war der Sitz der 3 genannten Firmen schon immer Bonn. Obendrein sind sie seit Mitte der 90 er Jahre private Aktiengesellschaften und können ihren Sitz selbst bestimmen. Also kann die Politik gar nichts machen, was den Standort betrifft. Es handelt sich bei diesen Hauptverwaltungen ja nur um den Kopf des Unternehmens, sowohl Post/DHL, Telekom als auch Postbank haben über ganz Deutschland verteilt Aktivitäten, wo Mitarbeiter angestellt werden. So auch auf dem Gebiet der früheren DDR. Wo ist da das Problem ? Da werden doch Arbeitsplätze vorgehalten.

Viele Grüße aus dem Rheinland




Das Problem ist die Abführung der Steuern auf die Milliardengewinne, die auch dann an das Finanzamt Bonn gehen, wenn die Briefmarken in Templin verkauft werden.
Nicht zu unterschätzen sind die Synergieeffekte, die Unternehmensansiedlungen dieses Kalibers nach sich ziehen, die sog. Clusterbildung, wie wir sie (als einzigen Lichtblick) am Bitterfelder Solarstandort oder im Chemiedreieck Leuna feststellen können, aber eben alles ein paar Nummern kleiner.
Das Unternehmensansiedlungen durchaus ein Politikum sind, haben wir erleben dürfen, als Mehdorn nach der Abwahl der SPD aus der Regierung den Umzug der DB nach Hamburg ins Spiel brachte, wenn man sich die dortige Hafenbahn krallen könnte.
Das hat der Schwanz mit dem Hund gewackelt und wenigstens hier hat sich der Eigentümer Staat nicht erpressen lassen.
Ach so, der Umstand, daß die Deutsche Bundespost schon immer in Bonn sitzt, lag daran, daß es ja ein Staatsbetrieb war, der nach Entscheidung der Hauptstadtfrage dort geblieben ist, eben weil man es ausgehandelt hat, weil die im Gegensatz zur Volkskammer aus einer Position der Stärke heraus verhandeln konnten.
Wer weiß, wie die knappe Abstimmung pro Berlin ohne ein solches Zugeständnis ausgegangen wäre.
Aber was solls, freue ich mich doch einfach darüber, daß ich in Halle für den halben Preis in der Gaststätte Mittag essen kann wie in Mannheim, für 4,65 Euro den Trockenhaarschnitt bekomme und die Züge immer schön leer sind, nicht so wie zwischen Köln und Aachen, Bonn und Köln oder anderswo im Rheinland.
Den Lokalpatrioten kriege ich aber trotzdem nicht ganz raus.
Viele Grüße aus dem Schlußlichtkreis Mansfeld- Südharz vom Schlußlichtland Sachsen- Anhalt.



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#44

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 22.10.2010 23:00
von Eumel | 139 Beiträge

Zitat von icke46

Zitat von P3
Man sollte erst mal den Begriff "Mitläufer" definieren.

Gruß
P3



Die Frage von P3 steht immer noch im Raum: Was ist ein "Mitläufer"?
Ich könnte mir 2 Definitionen vorstellen:

1. Jemand, der entgegen seiner persönlichen Auffassungen und Vorstellungen alles mitmacht, was der Staat von ihm verlangt - zwar mit Bauchschmerzen, aber man muss ja irgendwie zurechtkommen

oder

2. jemand, der sagt, was "die da oben" machen, kann ich eh nicht beeinflussen, wenn sie zum Beispiel meinen, ich soll Zettel falten für- ja wofür, vielleicht für die SERO-Sammlung - aber egal, das kratzt mich nicht, hab damit ja nichts auszustehen.

Das Ganze jetzt mal als Kategorisierung von den beiden Typen von Mitläufern, die mir so einfallen - und ich würde schon einen Unterschied zwischen den Beiden machen.

Gruss

icke




Da ich einmal am Schreiben bin, klinke ich mich auch gleich hier noch ein. Eigentlich hat mir ja schon das Ausgangsposting gefallen, da hatte ich aber keine Bock

Für mich ist eigentlich das die eigentliche Frage im Zitat ... erweitert dann auf "Wendehälse" (also sich immer anpassende an gegebene Umstände ohne eigene Meinung und eigenen Vorteil sehen) und ist mir eh egal (solange es mir relativ gut geht)

Wie ist nun so einer wie ich zu sehen? Vielleicht gebe ich dann doch heute mehr preis, als ich eigentlich in so einem öffentlichen Forum eigentlich will ... aber was soll's ... wir wollen ja einander verstehen.

In meinem Profil steht was von MfS. Bin ich dann nicht mehr objektiv genug? Was denkt denn da z.B.Huf darüber (da hatte ich ja auch schon Kritik geäußert). Wie beeinflusst das? Paar "Insiderinformationen" sind doch sicher auch interessant? Gerade wenn sie aus eigenem Erleben stammt. Ich habe z.B. 1986 das MfS aus persönlichen Gründen verlassen und hatte auch seit diesem Zeitpunkt keinen Kontakt mehr. Das bedeutet aber nicht, dass ich da plötzlich alles Mist fand. Ich habe dort meine eigene Meinung vertreten und tat es danach. Nach meiner Erfahrung gab es aber auch gerade beim MfS einige sehr offene Diskussionen (in meiner Erinnerung seit ca. 1983).

1986 habe ich erfahren, das es ein "Arbeitsamt" in der DDR gib (Name geändert ). Ich habe wieder einen (für mich) guten Job bekommen und mich auch weiter gesellschaftlich engagiert (wie man so sagt). Ich habe weiter meine Meinung gesagt und bekam ein Fernstudium um auch endlich einen Abschluss zu bekommen (durch meinen "Austritt" wurde mein Studium abgebrochen). Tja, dann wurde es 1989/1990. Nun war ich bei einigen "suspekt". Mein Fernstudium wurde wieder "abgebrochen", meinen Job habe ich dummerweise selbst gecancelt (was mich heute noch ärgert) aber ich habe immer noch eine eigene Meinung. Deswegen bin ich auch hier. Ich bewundere Menschen, die ihre Meinung mit Begründung auch in einer Menschenmenge kund tun (erlebt bei einem Kohl-Besuch im "Osten") und sich nicht in der Menge verstecken. Vielleicht will ich jetzt auch einfach nur meine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse nicht untergehen lassen (sicher subjektiv) und meine Meinung auch weiterhin kundtun.


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#45

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 23.10.2010 21:06
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Eumel

Zitat von icke46

Zitat von P3
Man sollte erst mal den Begriff "Mitläufer" definieren.

Gruß
P3



Die Frage von P3 steht immer noch im Raum: Was ist ein "Mitläufer"?
Ich könnte mir 2 Definitionen vorstellen:

1. Jemand, der entgegen seiner persönlichen Auffassungen und Vorstellungen alles mitmacht, was der Staat von ihm verlangt - zwar mit Bauchschmerzen, aber man muss ja irgendwie zurechtkommen

oder

2. jemand, der sagt, was "die da oben" machen, kann ich eh nicht beeinflussen, wenn sie zum Beispiel meinen, ich soll Zettel falten für- ja wofür, vielleicht für die SERO-Sammlung - aber egal, das kratzt mich nicht, hab damit ja nichts auszustehen.

Das Ganze jetzt mal als Kategorisierung von den beiden Typen von Mitläufern, die mir so einfallen - und ich würde schon einen Unterschied zwischen den Beiden machen.

Gruss

icke




Da ich einmal am Schreiben bin, klinke ich mich auch gleich hier noch ein. Eigentlich hat mir ja schon das Ausgangsposting gefallen, da hatte ich aber keine Bock

Für mich ist eigentlich das die eigentliche Frage im Zitat ... erweitert dann auf "Wendehälse" (also sich immer anpassende an gegebene Umstände ohne eigene Meinung und eigenen Vorteil sehen) und ist mir eh egal (solange es mir relativ gut geht)

Wie ist nun so einer wie ich zu sehen? Vielleicht gebe ich dann doch heute mehr preis, als ich eigentlich in so einem öffentlichen Forum eigentlich will ... aber was soll's ... wir wollen ja einander verstehen.

In meinem Profil steht was von MfS. Bin ich dann nicht mehr objektiv genug? Was denkt denn da z.B.Huf darüber (da hatte ich ja auch schon Kritik geäußert). Wie beeinflusst das? Paar "Insiderinformationen" sind doch sicher auch interessant? Gerade wenn sie aus eigenem Erleben stammt. Ich habe z.B. 1986 das MfS aus persönlichen Gründen verlassen und hatte auch seit diesem Zeitpunkt keinen Kontakt mehr. Das bedeutet aber nicht, dass ich da plötzlich alles Mist fand. Ich habe dort meine eigene Meinung vertreten und tat es danach. Nach meiner Erfahrung gab es aber auch gerade beim MfS einige sehr offene Diskussionen (in meiner Erinnerung seit ca. 1983).

1986 habe ich erfahren, das es ein "Arbeitsamt" in der DDR gib (Name geändert ). Ich habe wieder einen (für mich) guten Job bekommen und mich auch weiter gesellschaftlich engagiert (wie man so sagt). Ich habe weiter meine Meinung gesagt und bekam ein Fernstudium um auch endlich einen Abschluss zu bekommen (durch meinen "Austritt" wurde mein Studium abgebrochen). Tja, dann wurde es 1989/1990. Nun war ich bei einigen "suspekt". Mein Fernstudium wurde wieder "abgebrochen", meinen Job habe ich dummerweise selbst gecancelt (was mich heute noch ärgert) aber ich habe immer noch eine eigene Meinung. Deswegen bin ich auch hier. Ich bewundere Menschen, die ihre Meinung mit Begründung auch in einer Menschenmenge kund tun (erlebt bei einem Kohl-Besuch im "Osten") und sich nicht in der Menge verstecken. Vielleicht will ich jetzt auch einfach nur meine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse nicht untergehen lassen (sicher subjektiv) und meine Meinung auch weiterhin kundtun.




Hallo Eumel!
Du hast ein paar sehr interssante und diskussionswürdige Gedanken geäußert. Ich glaube das dieses verdammte " Schwarz-Weiß-Denken", wo Menschen ihrer Vergangenheit wegen in "Schubladen" gesteckt werden, der ganzen Aufarbeitung der jüngeren Geschichte einfach nur geschadet hat. Hier nur mal ein paar Beispiele wie die "Schubläden" bei einzelnen aussehen:
1. MfS-Mitarbeiter= ein brutaler, hinterhältiger, unkritischer Verfechter der Politik der SED. Dazu kommt noch, dass frühere MfS-Mitarbeiter grundsätzlich zu den " ewig Gestrigen" gezählt werden. Auf Grund ihres Unvermögens und ihrer Unwilligkeit sich mit den Gegebenheiten von Heute auseinanderzusetzen, sind sie grundsätzlich für alle öffentliche Funktionen ungeeignet.

2. Volkspolizisten= ein rauher barscher unbedarfter, nie lächelnder Büttel, der mit dem Knüppel schneller als mit dem Mund ist. Auch der Volkspolizist ist für einen demokratischen Rechtsstaat eigentlich ungeeignet, weil er seine Grundeigenschaften nur wie verändern kann und will.

3. Berufssoldaten der DDR= Arbeitsscheue, trinkfreudige und stimmgewaltige Menschenschinder. Bereit jeden Befehl ohne Skrupel auszuführen, ohne auch nur im Ansatz über dessen Sinn nachzudenken.

Aber sind wir ehemaligen "DDR-ler" doch mal ehrlich! Wie denken wir über unsere Mitbürger aus dem " Westen"?
1. Der Wessi ganz allgemein= ein arroganter Zeitgenosse, der grundsätzlich trotz erwiesenen Nichtwissens seine Nase überall hineinsteckt. Und jeden Ossi mit seinen unerbetenen lebensfremden Ratschlägen den Nerv raubt.

2. ein DDR-Flüchtling= jemand der die Gesetze der DDR, vom Westen verblendet und aufgehetzt, natürlich ohne wirkliche Not, verletzt hat.

3. BGS-Beamte und Zöllner= vom Hass auf den Kommunismus beeinflusste Staatsdiener, die Angriffe auf die Staatsgrenze der DDR nicht nur nicht verhindert, sondern sogar noch wohlwollend unterstützt haben.

Passt wirklich jemand in eine dieser Schubladen? Ich denke mal Nein!! Hinter jedem steckt ein Mensch, mit einem eigenen Schicksal und einer ganz persönlichen Geschichte. Menschen können sich irren und leider hin und wieder auch mißbrauchen lassen. Aber sie sind keine stereotypen Automaten. In dieser Welt kann man, Gott sei Dank!, nur Computer aber keine Menschen programmieren. Der Charakter eines Menschen ist die Summe vieler, positiver und negativer Eigenschaften. Da ist es egal, ob er Flüchtling, BGS-Beamter oder MfS-Mitarbeiter war. Zu den menschlichen Eigenschaften gehört auch, dass man umdenken und dazu lernen kann. Wer jemanden diese Eigenschaft pauschal abspricht, verhält sich auf verwerfliche Art und Weise intolerant. Es gibt aber genug Beispiele wo so etwas gelingt, manchmal machen es uns auch unsere Nachbarn im Ausland vor. Ein Beispiel: In meinem an der polnischen Grenze gelegenen Dorf wohnt ein nunmehr über achtzigjähriger früherer Lehrer. Der bei seinen Schülern sehr beliebte Mann, schleppte Zeit seines Berufslebens ein Geheimnis mit sich herum. Als siebzehnjähriger wurde er noch vor Kriegsende zur Waffen-SS eingezogen. Er konnte sich dieser Einberufung nicht erwehren. Wie auch? Die Konsequenzen wären für ihm und seiner Familie unvorstellbar gewesen. Im weiteren Verlauf nahm er an verschiedenen Kampfhandlungen, nicht aber an irgendwelchen Verbrechen teil. Nach einem Jahr kam er wieder nach Hause. Kurze Zeit später gehörte er zu den ersten Neulehrern der DDR. Wie so viele musste auch dieser Mann vor seiner Einstellung einen Fragebogen ausfüllen. Eine dieser Fragen lautete sinngemäß: Haben Sie Wehrdienst geleistet? Wenn ja, von wann bis wann und bei welchem Truppenteil? Den ersten Teil der Frage beantwortete er wahrheitsgemäß. Den Zeiten Teil beantwortete er mit: 6.Panzerdivision. War ja nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Denn die entscheidenden zwei Buchstaben, SS, unterschlug der Mann. Dafür musste er mit vierzigjähriger Angst vor dem Entdecken büssen. Was aber war sein Motiv für diesen Betrug? Lehrer war schon immer sein Traumberuf! Aber in der DDR mit ihrem ausgeprägten Schubladendenken, hätte man in ihm einzig den früheren SS-Mann gesehen. Was spielte es schon für eine Rolle, dass er sich damals eben nicht freiwillig zu dieser Truppe gemeldet und bereits seit Kriegsende eine kritische Distanz zu ihr entwickelt hatte. Auch sein jugendliches Alter wäre kaum mildernd gewertet worden. Warum auch? Schwarz-Weiß-Denken ist doch viel einfacher, was zählt da der einzelne Mensch? Der Mann hatte Glück, sein Anstellungsbetrug kam bis zum Ende der DDR nicht ans Licht der Sonne. Nach der Wende begang er allerdings den Fehler sich zu seiner Vergangenheit und auch der Fragebogenlüge zu bekennen. Es hagelte Vorwürfe bis hin zu verbalen Angriffen, mit denen er aber hätte rechnen müssen. Der Mann hatte sich in vielen Jahren um die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen bemüht. Wer sich damit auskennt weiß was das mitunter für ein schwieriges Verfahren ist. Eines Tages sollte er dafür und auch für seine Dienste bei der Erforschung der Geschichte Küstrins, vom Bürgermeister der Stadt Kostrzyn, geehrt werden. In die Ehrung platzte ein wutentbrannter Einwohner und früherer Kollege des Geehrten herein. " Wisst ihr überhaupt wen ihr da ehrt? Einen SS-Mann!", schnaubte er. Der polnische Bürgermeister reagierte souverän. Mit dem Hinweis, dass man einen Menschen nach seinen gesamten Leistungen und nicht nach einem einzigen Aspekt beurteilen muss", verwies der Bürgermeister den deutschen Schreihals des Raumes. Der Schreihals hat übrigens auch eine nicht uninteressante Vita. So gehörte auch er zu den ersten Lehrern in der DDR. Jahrelang arbeitete er mit dem früheren SS-Mann zusammen. 1968 übte er in Kollgenkreisen Kritik am Einmarsch der Truppen des Warschauer Vetrages in Prag. Dafür gebührt ihm Respekt, denn es gehörte sehr viel Mut zu solch einer Meinungsäußerung. Die Konsequenz war, dass man ihm beinahe aus dem Schuldienst entfernt hätte. Die Betonung liegt auf beinahe, denn er dufte nach endlosen Aussprachen und Maßregelunge zunächst weiterunterrichten. Eines Tages musste der Lehrer tatsächlich den Schuldienst quittieren. Aber nicht aus politischen Gründen, sindern seiner stets heiseren nicht belastbaren Stimme wegen. Er fiel auch nach der Entlassung in kein "schwarzes Loch", sondern erhielt eine Stelle bei der Kreisverwaltung.
Trotz allem sah und sieht sich dieser Mann noch heute als ein Opfer der DDR, verfolgt und aus dem Beruf gedrängt. Nach der Wende verfasste er zwei Bücher, in denen er seinen ständigen Kampf mit den Institutionen der DDR und der im Ort befindlichen sowjetischen Garnision, schilderte. Er hatte sich selbst in die Schublade " unschuldiges Opfer der DDR" gesteckt, ohne wirklich hineinzupassen. Der Hass auf seinen im Schuldienst verbliebenen Kollegen muss sich nach dessen Outing ins Grenzenlose gesteigert haben. Nur gut dass die Polen in der Lage waren zu differenzieren und Toleranz zu üben. Trotz des unendlichen Leides das gerade die SS den Polen zugefügt hatte.

Gruß an alle
Uwe


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#46

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 23.10.2010 21:28
von Huf (gelöscht)
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@ABV,
Hallo Uwe, Du hast wirklich einen wichtigen und bedenkenswerten Thread in diesem Forum begründet! Und Du siehst, wie die Meinungen hier teilweise aufeinander prallen, ohne wesentliche Verstimmungen zu provozieren!
Ich lese interessiert mit, halte mich aber mit Meinung und Ausdrucksweise noch zurück. Ich bin lernfähig!
Aus diesem Grunde!

Beste Grüße von der Elbe an die Oder!

Huf


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#47

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 23.10.2010 21:29
von P3 | 357 Beiträge

Uwe, das bringt die Sache auf den Punkt ! Wenn ich das so lese, gibt es eigentlich keine Mitläufer, sondern Menschen die sich irren können in bewegten Zeiten, Menschen die sich wieder und immer wieder anpassen müssen. Keine Wendehälse ? Menschen, die ihrem Pflichtbewusstsein nachkamen, ihre Erziehung hat es so vorgeschrieben, waren sich bewusst, keinen Fehler zu machen, wenn sie ihren Fürsten gehorchen. Ich entnehme aus diesem Beitrag für mich, ein Stück Freiheit ist es heute, zu seiner Vergangenheit zu stehen und nicht für immer im Abseits der Geschichte zu stehen.

Gruß
P3


Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.


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#48

RE: Ein paar Gedanken über Mitläufer, oder warum es in Deutschland so schwer ist, über die eigene Vergangen

in Leben in der DDR 23.10.2010 22:25
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke P3 und Huf, für eure Worte. In unserem Forum gibt es ja auch ein sehr schönes Beispiel das Annäherung trotz verschiedener Biographien und Ansichten, möglich ist. Den Bericht über das Treffen von AMF und Wosch fand ich einfach super. Da gibt es sicher auch noch andere Beispiele, zum Beispiel das Treffen von Turtle und Rainman. Es ist also möglich das sich Menschen annähern und Verständnis für einander bekommen. Man muss nur über seinen Schatten springen können

Gruß an alle
Uwe


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