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Leben im Sperrgebiet Gräfenthal

in DDR Zeiten 01.10.2010 11:03
von Angelo | 12.470 Beiträge | 240 Punkte
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28 lange Jahre war das ostthüringische Gräfenthal Sperrgebiet. Bürgermeister Henry Bechtoldt, hier geboren, hat den Alltag an der innerdeutschen Grenze am eigenen Leibe verspürt.

Gräfenthal. Ängstlich schaut der kleine Henry den Polizisten an. Von dem, was der seiner Oma erzählt, versteht das Kind nur soviel: Nach Hause, nach Gräfenthal, soll er nicht dürfen.

Im Ausweis seiner Oma, mit der der Junge in Leipzig 1969 zu Besuch war, ist nirgends vermerkt, dass Henry Bechtoldt zu ihr gehörte und auch wirklich in Gräfenthal (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt), im Sperrgebiet, wohnte. Nur langes Bitten und Betteln half, die Transportpolizei drückte ein Auge zu und Henry Bechtoldt durfte doch nach Hause, nach Gräfenthal ins Grenzgebiet. "Heute schmunzelt man darüber, als Kind haben mir damals die Knie geschlottert", weiß Henry Bechtoldt.

Heute, 20 Jahre nach der Deutschen Einheit, sind derartige Ereignisse, wie sie sich in der DDR wohl täglich ereignet haben dürften, unvorstellbar. Heute darf jeder nach Gräfenthal, wenn schon nicht mit dem Zug die Gleise wurden vor Jahren stillgelegt , dann zumindest zu Fuß, mit dem Auto und aus allen Richtungen.

Henry Bechtoldt wird 1961 in Gräfenthal geboren, 48 Tage nach dem Mauerbau und in dem Jahr, in dem die Grenze endgültig dicht gemacht wird, der Zugang ins Grenzgebiet nur Bewohnern erlaubt war. 1946, ein Jahr nachdem die Amerikaner in das idyllische Städtchen am Rande des thüringisch-fränkischen Schiefergebirges einmarschiert waren, hatten die sowjetischen Besatzer bereits Passierscheine eingeführt. Wer in der Umgebung Pilze sammeln oder im Wald Holz hacken wollte, musste sich ausweisen. 1952, die Stadt gehört längst zum staatlichen Hoheitsgebiet der DDR, wurde "Ungeziefer" Menschen, die der Staat als unsicher geltende Elemente ansah in großen Aussiedlerbewegungungen aus Gräfenthal verbannt. Darunter jene, von denen die DDR glaubte, sie seien Mitglieder in der SS oder NSDAP gewesen, aber auch unbescholtene Bürger, die dann andernorts bestenfalls den Absprung nach "drüben" schafften.

Bis 1961 profitierten Hotels und Gaststätten noch von der Nähe zum Rennsteig und dem Schiefergebirge. Bei Touristen war das kleine Städtchen als Sommerfrische beliebt. Die blieben jedoch aus, als die Grenze komplett geschlossen wurde, an den Schlagbäumen etwa in Gebersdorf oder Marktgölitz kontrolliert und dokumentiert wurde, wer ins Sperrgebiet wollte.

Henry Bechtoldt wurde nicht nur in Gräfenthal geboren, er verbrachte auch sein ganzes Leben in der Stadt, davon immerhin 28 Jahre in der DDR, im Sperrgebiet. Für die "besondere" Geschichte des Ortes interessiert er sich nicht nur als Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, seit 2006 bestimmt er sie sogar als Bürgermeister mit. "Wir fühlten uns nicht eingesperrt", sagt der 49-Jährige über sein Leben im Grenzgebiet. Vielmehr habe man sich arrangiert, mit allen Einschränkungen, die die DDR mit sich brachte.

Die Handwerkerschaft funktionierte, bei mehreren privaten Fleischern konnten sogar Rouladen bestellt werden, erinnert sich Henry Bechtoldt. Während die Hotels eins nach dem anderen schließen mussten, weil die Gäste ausblieben, existierten die knapp zwölf Gaststätten aufgrund der guten Bierpreise in der DDR weiter. Das Leben in Gräfenthal sei mit Kino und Tänzen im Schützenhaus sehr gesellig gewesen. "Bedauert wurde nur, dass wir immer unter uns feierten. Aus den anderen Grenzkreisen durfte keiner rein", erzählt der Bürgermeister. Dennoch, der Gedanke, dass man zu jeder Zeit überwacht wurde, war da auch bei den Gräfenthalern. "Im Hinterkopf hatte man immer Angst, dass irgendwo die Stasi mit dabei war. Das wurde aber verdrängt", gibt Henry Bechtoldt zu. Jedoch akzeptierte nicht jeder, dass das Leben oberhalb der Stadt an der Grenze ein Ende hatte. Zwölf Menschen wurden beim Versuch gen Westen zu flüchten, erschossen oder sind an einem der zahlreichen Minenfelder gescheitert.

Nach der Wende brach die Industrie in der Stadt zusammen. Die zwei Porzellanbetriebe, die ab 1972 übrig blieben und bisher vor allem nach Russland exportierten, wurden von der Treuhand privatisiert, gingen später pleite bzw. verlegten ihre Produktion in Nachbarorte. Die Zahl der Mitarbeiter wurde auch in den ansässigen metallverarbeitenden Betrieben drastisch reduziert. "Die Nähe zur Grenze war dann doch unser Glück, viele Menschen fahren heute nach Bayern zum Arbeiten", weiß der Bürgermeister.

Zwei Tage nach dem Mauerfall fuhr Henry Bechtoldt mit Freunden über den Grenzübergang Eichsfeld nach Coburg, wurde von den Nachbarn im drei Kilometer entfernten bayerischen Lauenstein herzlich begrüßt. Mit dem Audi der Westverwandschaft fuhr er zur feierlichen Öffnung der Grenze auf der "anderen Seite" der DDR. "Als wir auf der Thüringenwarte standen, hörten wir die Kirchenglocken von Gräfenthal läuten das war einfach ergreifend", sagt er noch heute.

Quelle: http://www.otz.de/startseite/detail/-/sp...-uns-2140114103


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