#1

Zu DDR-Zeiten verboten: Die Taube auf dem Dach

in DDR Zeiten 17.09.2010 08:08
von Angelo | 12.396 Beiträge

Nach 37 Jahren startet Iris Gusners Debütfilm "Die Taube auf dem Dach" mit Heidemarie Wenzel in der Hauptrolle im Kino. ZU DDR-Zeiten verboten, erweist sich der Streifen heute als immer noch aktuell und künstlerisch auf beachtlichem Niveau.
Weimar/Altenburg. "Je toller die Männer, desto unzuverlässiger", sagt Linda ins Telefon und schielt dabei auf Daniel und Hans, die in ihrem Büro warten. Die lassen sich nichts anmerken, obwohl beide - der unangepasste Student, der für einen Sommer auf der Baustelle jobbt, und sein in die Jahre gekommener Brigadier - bis über die Ohren in die hübsche junge Bauleiterin verknallt sind. Linda gerät, weil sie sowohl dem einen als auch dem anderen zugeneigt ist und obendrein ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben möchte, in die Zwickmühle.

Linda Hinrichs, das ist die damals 27-jährige Heidemarie Wenzel, die in dem 1973 abgedrehten Defa-Film "Die Taube auf dem Dach" eine Charakterrolle spielt, aber erst durch ihren Auftritt als Pauls Ehefrau in Heiner Carows "Die Legende von Paul und Paula" einem Millionenpublikum bekannt werden sollte. Denn die DDR-Zensur hat die "Taube" abgeschossen. Der Film von Iris Gusner wurde noch vor der Premiere verboten, und seine Kopien landeten nicht, wie sonst üblich, im Archiv, sondern wurden vernichtet.

Dass "Die Taube auf dem Dach" 1990 doch wieder aufgetaucht ist, gleicht einem kleinen Wunder. Iris Gusner, die auch das Szenarium und zusammen mit Regine Kühn das Drehbuch verfasste, lebte inzwischen in Köln, als sie erfuhr, dass Kameramann Roland Gräf unter dem Arbeitstitel "Daniel" eine offenbar vergessene Kopie entdeckt hatte. Zur Zeit der deutschen Vereinigung wurde der Film vor kleinem Publikum im Berliner "Babylon" gezeigt, doch weil man sich damals für andere Dinge interessierte, verschwand er erneut. Bis er 2010 wieder auftauchte und nun endlich dorthin gelangt, wo er hingehört: ins Kino. Ab Sonnabend kann man ihn im "mon ami" Weimar sehen, und sowohl die Regisseurin als auch ihre Hauptdarstellerin werden anwesend sein.

Um es vorwegzunehmen: Dieser Film ist auch künstlerisch ein Ereignis, und als heutiger Zuschauer fragt man sich, warum er vor 37 Jahren verboten wurde. Ganz einfach: Weil es darin zugeht wie im realen Leben der DDR in den 70er Jahren. Die Häuser jener Kleinstadt, an deren Rand die Plattenbausiedlung wächst, verfallen, die Betriebsfeiern sind trist und feucht, der Brigadier ertränkt seinen Liebeskummer im Alkohol, und die Bauleiterin bändelt mit korrupten Zulieferern an, um dringend benötigtes Material zu beschaffen. "Ein guter Mensch zu sein, ist heute kein Beruf mehr", sagt Linda, die sich auch von ihren Eltern entfremdet hat und dennoch an ihren Idealen festzuhalten versucht.

Das ist es, was auch die anderen Hauptdarsteller - Günter Naumann als galanter Brigadier Hans Böwe und Andreas Gripp als versponnener Student Daniel - auszeichnet und die Regisseurin umtreibt: ihre Aufrichtigkeit fast bis zur seelischen Entblößung. Denn Iris Gusner kritisierte die Zustände ja nicht, weil sie den Sozialismus abschaffen, sondern weil sie ihn reformieren wollte. Und weil sie nicht gewillt war, länger das kommunistische Paradies zu preisen, auf das man sich angeblich zubewegte. Ihre Figuren sind lebensnah und in sich zerrissen, und dennoch stecken sie voller Träume. Auch wenn sich später zeigen sollte, dass vielen der Spatz in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dach, gilt dies nicht für Linda, Daniel und Hans. Die Drei sind sich niemals selbst genug. Zwar kämpfen sie hartnäckig um ihr Glück, vergessen darüber aber das Gemeinwohl nicht. Immer wieder schlagen sie dabei auch mal über die Stränge, weil sie keine Helden, sondern Unfertige sind, Menschen, die ein Leben lang suchen.

Dass Iris Gusner in ihrem durchweg gut besetzten Debütfilm noch nicht ganz ohne Didaktik auskam oder auskommen wollte, darüber schaut man hinweg. Vor allem, weil der Streifen trotz seiner Zeitgebundenheit erstaunlich frisch und geradezu modern wirkt - mit experimentellen Schnitten, dokumentarähnlichen Nahaufnahmen aus der Bewegung, gegen den Strich bürstender Jazzmusik. Kameramann Gräf hat später auch mit "Die Flucht", "Fallada - Letztes Kapitel" oder "Der Tangospieler" seine große Begabung bewiesen. Vielleicht ist es am Ende sogar gut, dass keine Farbkopie überdauert hat. Nimmt man die Schwarz-Weiß-Fassung als Lackmustest für Filmkunst, dann hat ihn die "Taube" glänzend bestanden.

Quelle:
http://www.tlz.de/startseite/detail/-/sp...-Hand-512207653


nach oben springen


Ähnliche Themen Antworten/Neu Letzter Beitrag⁄Zugriffe
Meine Zeit im GAR 40 Teil 4
Erstellt im Forum Grenztruppen der DDR von Pitti
8 20.04.2015 13:42goto
von SiK90 • Zugriffe: 1277
Meine Zeit im GAR 40 Oranienburg - Teil 2
Erstellt im Forum Grenztruppen der DDR von Pitti
1 03.03.2015 11:34goto
von rotrang • Zugriffe: 1736
Dach der GÜST Bornholmer Straße noch erhalten?
Erstellt im Forum Mythos DDR und Grenze von der glatte
0 02.01.2015 14:34goto
von der glatte • Zugriffe: 742
3,2 Millionen Euro für Dach, Kommandoturm und Tunnel
Erstellt im Forum Presse Artikel Grenze von Schuddelkind
9 22.01.2014 21:15goto
von passport • Zugriffe: 574
Englischuntericht unter Ulbricht verboten?
Erstellt im Forum Leben in der DDR von bendix
161 07.02.2014 18:43goto
von 94 • Zugriffe: 7880
Gehören Symbole aus DDR-Zeiten verboten???
Erstellt im Forum Leben in der DDR von GZB1
420 03.04.2014 09:12goto
von Hackel39 • Zugriffe: 27444

Besucher
8 Mitglieder und 48 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: TalSiar
Besucherzähler
Heute waren 48 Gäste und 8 Mitglieder, gestern 3611 Gäste und 176 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14373 Themen und 558534 Beiträge.

Heute waren 2 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen