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Beschreibung einer Flucht / erfolgreicher Grenzdurchbruch

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 21.08.2010 22:44
von Sachse (gelöscht)
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Paul und Norbert Trabert - Flucht über die Grenze
Flucht durchs Wasserrohr – mit dem Bruder über die Grenzanlagen
Paul und Norbert Trabert stammen aus dem unmittelbaren Grenzort Walkes. Im April 1987 fliehen die beiden 20 und 25 Jährigen Brüder.
Der jüngere Paul hatte bereits früher einen Fluchtversuch durch das Wasserrohr unternommen. Er stand oft vor dem Hinterlandzaun und dachte sich, es muss doch eine Möglichkeit geben hier raus zu kommen. Und so hat er Hals über Kopf seinen ersten Versuch gestartet. Dabei irrte er im Wald etwas ziellos umher. Den nächsten Zaun übersteigt Paul in der Hoffnung es geschafft zu haben, aber nachdem er weitergelaufen ist und im nächsten Ort ankommt, bemerkt er wo er sich befindet – im Nachbarort Ketten im Sperrgebiet. Er flieht nach Hause, Grenzalarm war bereits länger ausgelöst. Zuhause helfen ihm seine Eltern die Flucht zu verbergen. Daraufhin lebte Paul in ständiger Angst entdeckt zu werden.
Norbert war bereits unter ständiger Überwachung durch die Stasi, da seine Freundin von ihrer Reise nach Köln nicht zurückgekehrt war. Er wurde der Mitwisserschaft verdächtigt und lebte somit auch in ständiger Angst verhaftet zu werden. Irgendwann erzählte Paul seinem Bruder von seinem Fluchtversuch und die beiden schmieden Pläne für eine gemeinsame Flucht. Sie treffen Vorbereitungen, proben an ähnlichen Rohren und warten das Frühjahr mit Schneeschmelze und Regen ab.
Während dieser Zeit machen sie sich vermehrt Gedanken darüber, was ihre Flucht für Auswirkungen hat, zum einen für ihre Eltern und Geschwister und zum anderen, was wird aus ihren Besitztümern, die werden ja sofort beschlagnahmt.
Ende April war dann der Tag gekommen. Fünf Uhr morgens ging es zuhause los, von den Eltern verabschieden sich die Brüder ganz normal. Ihnen hatten sie zu deren Sicherheit nur erzählt, dass sie nach Leipzig zum Automarkt unterwegs sind. In Wirklichkeit ging es nach Erfurt. Dort verkaufen sie ihre Fahrzeuge.
Mit dem Zug fahren sie zurück bis Vacha, dann weiter mit dem Bus nach Ketten, mittlerweile ist es dunkel. Irgendwo dort haben sie in einem Wasserdurchlass ein bisschen Reisegepäck deponiert – Geld, Wertsachen, Schuhcreme und Handschuhe zum tarnen und Seil und Stricke. Richtung Walkes laufen sie weiter querfeldein Richtung bis kurz vor den Hinterlandzaun. Dort besprechen sie noch einmal alles genau und fassen den endgültigen Entschluss.
Paul geht als erster durch das Wasserrohr unter dem Zaum, er hat für den Notfall ein Seil um sein Bein gebunden um seinem Bruder durchzuziehen. Der Wasserstand lässt es grade so zu, das Wasser reicht schon bis zum Mund, sie kommen durch. Damit ist das erste Hindernis überwunden. Sie rennen zum Teil gerannt in Richtung des nächsten Zaunes. Dabei laufen sie gegen gespannte Stacheldrähte und verletzen sich daran, aber in ihrer Aufregung bemerken sie nicht einmal die Schmerzen richtig. Bis kurz vor den zweiten Zaun kommen sie, dann keine 100 Meter davor kommen irgendwelche Geräusche aus dem Wald. Sie sind völlig erschrocken, verunsichert, legen sich erstmal hin und horchen. „Wir waren richtig fertig. Man denkt da das Schlimmste, jetzt kommen zwanzig Mann mit ner Knarre und nehmen uns fest.“ Sie wussten lange Zeit nicht wer oder was da im Wald ist. Dann ist sich Norbert sicher Wildschweingrunzen zu hören, er kriecht voran und im ganz großen Bogen umgehen sie vorsichtig den Waldrand.
Endlich erreichen die Brüder den letzen Zaun. Der jüngere Paul ist schnell mit Hilfe vom Seil hinauf geklettert, sitz oben drauf und will seinem Bruder helfen. Norbert hat Schwierigkeiten, die Kräfte lassen nach dem schnellen Lauf den Berg hinaus langsam nach. Sein Seil hackt sich erst nicht richtig ein, dann rutscht er beim raufklettern am nassen Seil mit nassen Handschuhen immer wieder zurück. Unter enormer Kraftanstrengung gelangt er schließlich mit Hilfe seines Bruders hinauf.
So sitzen beide auf dem Zaun und schauen sich noch mal um, vergewissern sich das sie nichts liegen gelassen haben. Plötzlich der Schockmoment – Scheinwerferlicht das wieder verschwindet. Sie wissen nicht woher es kam. Schnell springen sie vom Zaun, kriechen die ersten Meter bis sie sich sicher sind, auf westlichem Gebiet zu sein. Dann rennen sie nur noch einen Kartoffelacker hinunter. Im schnellen Schritt erreichen sie Habel. Erst am Ortsschild sind sie so richtig erlöst und fühlen sich in Sicherheit. Voller Freude springt Paul seinem Bruder in die Arme.

Interview: Schüler des Grenzspuren-Projektes bearbeitet von Sandra Bachmann Artus-Atelier Erfurt
Quelle: www.diddi-online.net


P601A hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 21.08.2010 22:47 | nach oben springen


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