Ergänzung zur SM70:
Vorab: Mein Gott, das war alles mal GVS (Geheime Verschlusssache - zweite/mittlere von drei Geheimhaltungsstufen - eigentlich nur für Offiziere und wenige Spezialisten)! Ich betrachte hier die rein technische Sicht, zur Bewertung dieser Teufelsdinger wurde an anderer Stelle viel gesagt.
Der gesamte Apparat selbst war noch von einem Kunststoffgehäuse umschlossen. Die eigentliche Mine, also die Sprengladung mit gehackten Metallstücken (kein Schrot - das wären kleine Kugeln, die weniger verletzen), war der kleine Trichter der auf dem Bild oben nach rechts zeigt. Die Form sorgte für eine gerichtete Sprengung. Für einen Schuss hätten die Geschosse einen Lauf passieren müssen, deshalb war es im eigentlichen Sinne keine "Selbstschussanlage". Das machte es aber nicht besser, es war eine äußerst perfide Waffe, eigentlich komplett auf Abschreckung konzipiert. Das Motto: Wer das sieht haut da nicht ab! Das hat nicht funktioniert, also gab es Tote und Verletzte.
Eine Korrektur zu Angelo: Die Auslösung erfolgte durch Zug oder Entspannung des an der Mine gespannten Drahtes. Eine einfache (leichte) Berührung hätte nicht ausgereicht. Über und unter dem Draht gab es noch zwei sogenannte Abweiserdrähte, die verhindern sollten, dass sich z.B. kleinere Vögel unmittelbar auf dem Auslösedraht niederließen. Die Minen waren am Zaun (Streckmetallzaun 3 m hoch) in drei Linien angebracht, eine Linie in der Mitte (ca. 1,50 m), eine Linie oben (ca. 2,70 m), eine Linie unten (ca. 40 - 60 cm).
Eine "Anlage 501" mit den Minen SM70 war knapp 5 Kilometer breit. Sie unterteilte sich in 2 Flanken mit jeweils 10 Abschnitten (pro Abschnitt also ca. 230-240 Meter). Die Minen wurden elektrisch gezündet und waren abschaltbar. Auf der Führungsstelle des Grenzabschnitts stand für jede Anlage im Grenzabschnitt ein Schaltschrank, auf dem die Abschnitte einzeln erkennbar waren. Löste eine Mine aus, war für den Kommandeur Grenzsicherung sofort klar, in welchem Abschnitt gehandelt werden musste. Zunächst wurde die Alarmgruppe zu dem Abschnitt befohlen (2 Posten - also 4 Mann, mit Fahrzeug / Alarmierungszeit 90 Sekunden entweder [Nachts] auf der Führungsstelle oder [tagsüber] in der Einheit). Dann musste der Minentrupp in Marsch gesetzt werden. Dieser musste durch einen Offizier (in der Regel Zugführer, mindestens Offizier auf Zeit) geführt werden und bestand ebenfalls aus 2 Posten mit einem Fahrzeug und einer speziellen Leiter als "Bergetechnik". Der Offizier hatte die Stelle der Auslösung zu untersuchen und das Ergebnis zu melden. Es war bei uns befohlen, dass es keine "technischen Auslösungen" geben durfte (zum Beispiel durch Stromschwankungen, Anlagenfehler, Spannungsänderung des Auslösedrahtes bei Temperaturschwankungen). Es war befohlen, dass es immer eine externe Auslösursache geben musste. Im Zweifel fand man Vogelfedern (ein Unterleutnant nach über einer Stunde und auf die fünfte Rückfrage, ob er nicht doch Vogelfedern gefunden hätte: "Ach ja, jetzt sehe ich hier plötzlich eine ganze Handvoll davon!" - Meldung: Auslöseursache Wild = Befehl erfüllt = die Lage war beendet).
Im Abschnitt meiner Kompanie (12.GK/III.GB/GR3) gab es 2 Anlagen 501 und eine neue Anlage 701 (Davon gab es in den ganzen GT nur 2 Stück). Der wesentliche Unterschied der 701 zur 501 war, dass sie auf der Basis von Impulsspannung arbeitete (also "sparsamer") und mit moderneren Schaltschränken versehen war. Die Minen selbst waren nach wie vor die SM70. Bei der Abschaltung sorgte die verbleibende Induktionsspannung in der Anlage 701 dafür, dass man eine Stunde Sicherheitszeit einrechnen musste, bis die Anlage als tatsächlich abgeschaltet gelten konnte. Das sorgte bei Einsatz "feindwärts" immer für Probleme. Man konnte nicht einfach ein Tor öffnen und durch den Zaun. Die Abschaltung musste vom Kommandeur Grenzsicherung an das Bataillon gemeldet werden, von dort an die Führungsstelle im Regiment (Operativer Diensthabender). Dann musste die Rückbestätigung des Regiments und des Bataillons abgewartet werden. Erst dann durfte auf der Führungsstelle der Schalter betätigt werden. Und dann noch, auf 5 Kilometern zumindest, eine Stunde warten ...
Als ich das erste Mal vor an die Minen ging, bei der Untersuchung einer Fußspur (sie stammte noch von Pionierarbeiten und war durch den Regen wieder freigespült worden) auf dem K6 (6-Meter Kontrollstreifen am Kolonnenweg), hatte ich die Abschaltung beantragt, kurz gewartet, war dann vorgegangen. Als ich zurückkam an die Sprechstelle des Grenzmeldenetzes und das Ergebnis melden wollte, meldete mir der Kommandeur Grenzsicherung, dass die Bestätigung zur Abschaltung soeben eingetroffen sei, und er jetzt die Anlage abschalte. Einige meiner Unterstellten hielten dieses Ergebnis meines schlechten Ausbildungsstandes für eine verdeckte Mutprobe. Ich sah keine Veranlassung, an diesem Gerücht etwas zu ändern.
Der Einsatz von drei Anlagen in unserem 14,5 Kilometer breiten Abschnitt, also ein voller Ausbau, ließ sich darauf zurückführen, dass wir der "Raum der Hauptanstrengung des Regiments" waren (RdH). Orientierte man sich in der Bewegung in Richtung Grenze an der Grenzübergangsstelle Henneberg (auch Nachts weit sichtbar) und zweigt kurz davor nach rechts ab, kam man genau auf unseren Abschnitt. Daher die sehr hohe Konzentration dieser Technik. Da befohlen war, dass pro Flanke ein Posten und dabei pro Anlage ein Posten mit Fahrzeug (mindestens Trabi) eingesetzt wurde, zwang man uns zu einem sehr starren und kräfteaufwändigen Posteneinsatz.
Der Abbau der Minen begann erst 1984, Angelo. Für eine kurze Zeit nach Verkündung dieses Abbaus, übrigens ein Alleingang von Honnecker, weder mit der Sojetunion noch mit der Führung der Grenztruppen abgestimmt, "erhöhte sich der Druck auf die Staatsgrenze" (ca. Juli - Oktober 84), es versuchten alo ein paar mehr Leute, über die Grenze zu kommen. Ab Ende 1984 ließ das bereits wieder nach. Die Minen hatten also überhaupt keinen abschreckende Wirkung gehabt.
ciao Rainman