#1

gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 26.06.2010 01:43
von EK76/1 | 84 Beiträge

wie verlief eigentlich Euer letzter Dienst an der Grenze?
damals, in Dedeleben, wurde eine bestimmte Zeit zum Zünden der Signalraketen vereinbart. Durfte natürlich nicht offiziell sein. Der Waffenuffz hat natürlich auch gleich angedroht, dass die Signalraketen bezahlt werden müssten.
Ich selbst war an diesem letzten Tag auf dem Kirschberg bei Ohrsleben eingeteilt.
Zugführerbunker. Daher war ich allein auf dem Turm. Das war dort die Regel.
Wir hatten den Frühaufzug. Pünktlich um 7 Uhr wurden tatsächlich die ersten Raketen gezündet.
Etwa 9 Abschnitte haben mitgemacht. Ich natürlich auch. Trotz Verwarnungen gab es aber keine Folgen.
Zum Abschluss der Schicht hab ich dann noch meinen Alu-Löffel und einen Hausschuh im Klo angenagelt.
Leider ist der Turm abgerissen.
Wie war es bei Euch mit der letzten Schicht ?
viele Grüsse



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#2

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 26.06.2010 07:38
von Stabsfähnrich | 2.046 Beiträge

Zitat von EK76/1
wie verlief eigentlich Euer letzter Dienst an der Grenze?
damals, in Dedeleben, wurde eine bestimmte Zeit zum Zünden der Signalraketen vereinbart. Durfte natürlich nicht offiziell sein. Der Waffenuffz hat natürlich auch gleich angedroht, dass die Signalraketen bezahlt werden müssten.
Ich selbst war an diesem letzten Tag auf dem Kirschberg bei Ohrsleben eingeteilt.
Zugführerbunker. Daher war ich allein auf dem Turm. Das war dort die Regel.
Wir hatten den Frühaufzug. Pünktlich um 7 Uhr wurden tatsächlich die ersten Raketen gezündet.
Etwa 9 Abschnitte haben mitgemacht. Ich natürlich auch. Trotz Verwarnungen gab es aber keine Folgen.
Zum Abschluss der Schicht hab ich dann noch meinen Alu-Löffel und einen Hausschuh im Klo angenagelt.
Leider ist der Turm abgerissen.
Wie war es bei Euch mit der letzten Schicht ?
viele Grüsse



meine letzte Schicht an einer Grenze, welche an sich schon gar keine mehr war erfolgte genau in der Nacht des Wegfalls der Grenzkontrollen zur BRD und Westberlin. Die GÜST bestand auch nur noch aus Fragmenten. Punkt 24 Uhr wurde auch das letzte Postenhaus der Abfertigungslinie entfernt. Obwohl uns - man verzeihe mir den Ausdruck - der Arsch voller Tränen stand, waren die noch restlichen anwesenden AGT`s bester Laune. Bedingt vielleicht auch durch den reichlich fließenden Alkohol. Bis 24 Uhr wurden Zählkarten an Einreisende verteilt, welche sogar und ohne murren oder meckern ausgefüllt wurden. Ca. 80 % der noch anwesenden AGT`s hatten keine richtige Perspektive. Dies bedingt durch die ehemalige Zugehörigkeit zur Paßkontrolleinheit - somit also zum MfS. Aber auch die "richtigen" AGT`s sahen zu diesem Zeitpunkt keine Perspektive. Die folgenden Tage waren gekennzeichnet durch aufräumarbeiten und dem Auslagern der gesamten Technik in Richtung Schnellerstraße - dem ehemaligen Sitz der PKE. Nebenbei mußte u.a. das geräumte Objekt Grenzregiment 33 durch die verbliebenen Kräfte gesichert werden. Wachhabener und einzigster Träger einer Waffe, war zu den einzelnen Wachschichten ein ehemaliger Angehöriger der Grenztruppen. Stellv. Wachhabener - jedoch ohne Waffe - war ein ehemaliger Mitarbeiter der PKE und die Wacheinheit bestand aus Soldaten des Wachregiment "Friedrich Engels".
------
In den Jahren vor den oben geschilderten Erlebnissen, habe ich so manche Entlassungen aus dem aktiven Wehrdienst mit erlebt. Gewiß als Berufssoldat war man an den Entlassungsritualen weniger, wenn fast gar nicht beteiligt. Während der Ab- und Zuversetzung bestand für Soldaten und Unteroffiziere auf Zeit eine Woche vor und eine Woche nach, Ausgangs- und Urlaubssperre. Die berufssoldaten absolvierten in der Regel 12 Stundendienste. Die Grenzsicherung am tag der Entlassung, wurde gleichfalls durch die Berufsoldaten der Einheit - hier 2. GK/ GR 24 - gestellt.. Am Tag vor der Entlassung aus dem Wehrdienst wurde die Eiche im Bereich Vorwerk Kaulitz mit den üblichen Utensilien wie Juppenbecher, Eßbestecke, Kragenbinden, Taschenlampen "geschmückt". In der Kompanie wurde am Tag der Entlassung eine Verabschiedung durchgeführt, wo nun offiziell die Resitücher sowie die Reservistenmedaillie überreicht wurden. 1983 übergaben noch die zukünftigen Reservisten den neuen zuversetzten Soldaten des zweiten Diensthalbjahres ihre Waffe. Ab 1984 ließ man davon ab. Dies bedingt, dass diese Waffenübergabe reinen symbolischen Charakter hatte - weil die waffen wurden später sowie so anders zugeteilt und weil die waffenübergabe zur Geikellei ausartete. Die zukünftigen (man war bis 24 Uhr Soldat) Reservisten bestiegen den bereitgestellten LO um mit diesem nach Salzwedel zu fahren, wo noch 1983 eine offizielle Verabschiedung im Grenzregiment statt fand. Auch davon ließ man in der Folgezeit ab, da die meisten der Entlassenen nur nach Hause wollten.
Bevor das transportfahrzeug das Objekt verlassen hatte, wurden von der Ladefläche händeweise Pfennigstücke und Bandmaßschnipzel geworfen. Dies sehr zum Ärgernis vom Hauptfeldwebel. Ab 1986 wurde kein Transportfahrzeug zur Verfügung gestellt. Die "Reservisten" marschierten unter - ich sage mal jetzt leichter Begleitung - zum Bahnhof Binde-Kaulitz. Marschstrecke ca. 8 km. Ein Teil wurde dort - weil außerhalb Grenzgebiet - von Familienangehörigen abgeholt. Der andere Teil setzte die Reise mit der Bahn fort. Erst wenn der letzte Reservist, den Haltepunkt - war an sich ein Bahnhof, weil sich dort Züge kreuzen konnten - verlassen hatte, konnten die Begleitkäfte ins Objekt zurück verlegen.


Mit freundlichen Grüßen - Chris
www.polizeilada.de
www.grenzradio911.info
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#3

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 07.07.2010 16:35
von VNRut | 1.486 Beiträge

Unsere letzte Schicht auf dem BT am Berliner Kanten wurde mit vielen Leckereien wie Schokolade, Zigarren, extra starken Kaffee etc. meist aus heimischen Paketen gebührend gefeiert. Kann mich noch dran erinnern, das ich nach den süßen Zeug und den Zigarren zum k.... den Turm verlassen musste. Unsere Ablösung und den Leuten von der GÜST Straße/Bahn Staaken wurde mit Heimfahrt-Parolen nochmals richtig eingeheizt.

Nach der Schicht floss im Kompaniebereich der Alkohol in Strömen. Unsere Uffz. versuchten uns zuerst zu zügeln, doch hatten sich meist schnell mit Tränen in den Augen auf ihre Unterkünfte verzogen. Man diente zusammen und lernte diese Uffz. (Gruppenführer) persönlicher kennen. Teilweise entstanden Freundschaften, was eigentlich nicht sein durfte.

Am nächsten Tag war B/A Abgabe und großer Abschiedsappel. Leider erfuhren dort einige Soldaten das sie noch etwas länger in der Kaserne verweilen dürften, weil ihre Reststrafe nicht gestrichen wurde.

VN_Rut


GKM - 05/05/1982 bis 28/10/1983 im GAR 40/1.Abk/2.Zug (Oranienburg 17556) & GR 34/1.Gk/2.Zug (Groß-Glienicke 85981)
Aufrichtigkeit ist wahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit. (William Somerset Maugham, britischer Schriftsteller 1874 - 1965)
Ohne die Kälte und Trostlosigkeit des Winters gäbe es die Wärme und die Pracht des Frühlings nicht. (Ho Chi Minh)

http://www.starsofvietnam.net/
https://www.youtube.com/watch?v=OAQShi-3MjA
Gruß Wolle
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#4

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 07.07.2010 17:38
von bruno | 598 Beiträge

die letzte schicht, oder auch die heimi-schicht, war bei uns in rustenfelde
etwa so wie bei wolfram (vnrut) beschrieben. es gab viel schokolade, ganz süssen
kaffee und natürlich eine dicke zigarre. es wurden gängergeschenke gemacht,
z.b. das aufblasbare sitzkissen oder die mehrfarbige taschenlampe wurden
weiter gegeben. auf der letzten fahrt zur kompanie mussten alle "heimgänger"
vom lo runter und musste den lo die letzten 200 - 300 meter auf den hof schieben.


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#5

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 07.07.2010 18:18
von torpedoschlosser | 330 Beiträge

Zitat von EK76/1
wie verlief eigentlich Euer letzter Dienst an der Grenze?
damals, in Dedeleben, wurde eine bestimmte Zeit zum Zünden der Signalraketen vereinbart. Durfte natürlich nicht offiziell sein. Der Waffenuffz hat natürlich auch gleich angedroht, dass die Signalraketen bezahlt werden müssten.
Ich selbst war an diesem letzten Tag auf dem Kirschberg bei Ohrsleben eingeteilt.
Zugführerbunker. Daher war ich allein auf dem Turm. Das war dort die Regel.
Wir hatten den Frühaufzug. Pünktlich um 7 Uhr wurden tatsächlich die ersten Raketen gezündet.
Etwa 9 Abschnitte haben mitgemacht. Ich natürlich auch. Trotz Verwarnungen gab es aber keine Folgen.
Zum Abschluss der Schicht hab ich dann noch meinen Alu-Löffel und einen Hausschuh im Klo angenagelt.
Leider ist der Turm abgerissen.
Wie war es bei Euch mit der letzten Schicht ?
viele Grüsse



so ähnlich lief bei mir auch die letzte Schicht ab. Es war wohl die letzte April-Woche 1969. Alle EK's verabredeten eine Zeit zu der ein Stern -Gelb geschossen wurde. Trotz Androhung von Konsequenzen (Bezahlung der Munition usw.)
Ganz wichtig war auch, dass anstelle des Käppi's die Schirmmütze während des Dienstes getragen wurde, was bei den Vorgesetzten immer zu äußerster Verärgerung führte. Schon bevor die Ablösung der anderen Schicht los ging, wurden die EK's auf verbleib ihrer Schirmmütze kontrolliert.
Auf der Westseite gab es dann immer große Augen, weil ein Posten immer die Schirmmütze trug, während der zweite Mann das vertraute Käppi trug obwohl beide den selben Dienstgrad hatten.

mfG torpedoschlosser


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#6

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 07.07.2010 18:58
von LO-Fahrer | 607 Beiträge

Als meine letzte Schicht (Januar 90) kam war die Grenze schon offen und der Dienst nur noch eine Formalität. Bei unseren Vorgängern waren Leuchtsignale noch üblich bei uns nicht mehr möglich. Signalmunition wurde nicht mehr ausgegeben und die Signalgeräte die "aus Versehen" ausgelöst werden konnten gab es auch nicht mehr. Ansonsten wurde maßlos gegessen und Getrunken (Alk aber erst in der GK), der Alu-Löffel im Abschnitt angenagelt, sich im EK-Tunnel eingetragen und und und....
ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich glaube die letzte Schicht war 2 oder 3 Tage vor dem Abgang. Danach haben wir nur noch Waffen und BA abgegeben, in der GK herumgelungert und die Zeit damit totgeschlagen das EK-Tuch unterschreiben zu lassen. Am Tag der Entlassung wurden wir vom KC persönlich (nach einem kurzen Appell) nach Wernigerode zum Bahnhof begleitet. Danach das übliche, Heimfahrt mit dem Zug mit Schnaps und Sekt bis zum geht-nicht-mehr. Ich glaube der Bahnhofskiosk in Wernigerode hatte selten so viel umsatz.


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#7

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 14.07.2012 20:41
von kalle55 (gelöscht)
avatar

hallo EK76/1 ,das mit den Hand- Leuchtzeichen abschießen zur letzten Schicht hat sich in Dedeleben bis zu meiner Entlassung 80/2 gehalten.Meinen Löffel habe ich am Bahndamm Gunsleben ein gegraben,und mein Spint-Schloss habe ich am Schornstein vom Heizhaus angemacht. natürlich mit Hilfe von F.Bock. Und mit einer Blume im Lauf der Kaschi durfte ich auch aus den Abschnitt raus weil ich die Kaschi im Grenzdienst nicht gebraucht habe.!Und die Verabschiedung und Entlassung war in Oschersleben. So war das bei mir.!!

Zitat von EK76/1 im Beitrag #1
wie verlief eigentlich Euer letzter Dienst an der Grenze?
damals, in Dedeleben, wurde eine bestimmte Zeit zum Zünden der Signalraketen vereinbart. Durfte natürlich nicht offiziell sein. Der Waffenuffz hat natürlich auch gleich angedroht, dass die Signalraketen bezahlt werden müssten.
Ich selbst war an diesem letzten Tag auf dem Kirschberg bei Ohrsleben eingeteilt.
Zugführerbunker. Daher war ich allein auf dem Turm. Das war dort die Regel.
Wir hatten den Frühaufzug. Pünktlich um 7 Uhr wurden tatsächlich die ersten Raketen gezündet.
Etwa 9 Abschnitte haben mitgemacht. Ich natürlich auch. Trotz Verwarnungen gab es aber keine Folgen.
Zum Abschluss der Schicht hab ich dann noch meinen Alu-Löffel und einen Hausschuh im Klo angenagelt.
Leider ist der Turm abgerissen.
Wie war es bei Euch mit der letzten Schicht ?
viele Grüsse


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#8

RE: gab es das vielleicht schon?: die letzte Schicht am Kanten

in Mein Grenzer Tagebuch 06.08.2012 12:45
von GeMi | 556 Beiträge

Hallo,

so ganz bekomme ich die Abgangsrituale nicht mehr zusammen. Es wurden zusammengeknüpte Turnschuhe als Baumschmuck auf eine mächtig hohe Birke (?) in der GK geworfen. Im Abschnitt wurde meist eine Kragenbinde uind die Taschenuhr (natürlich mit grünem Zifferblatt) an einen Baum genagelt.
Als wir das letzte mal vom Hof rollten, wollten wir die letzten Schnipsel des Bandmaßes vom LO rieseln lassen.
Der KC hat es uns aber angedroht und auch durchgezogen - wir mussten den ganzen Hof kehren.
Dann ging es nach Rätzlingen und ...? Gab es noch einen Appell in Stendal - ich weis es nicht mehr.
Von meinem Halbjahr in Lockstedt (78/1) habe ich jedenfalls niemanden wieder getroffen.
Aus und vorbei.


Die Menschheit besteht aus einigen wenigen Vorläufern, sehr vielen Mitläufern und einer unübersehbaren Zahl von Nachläufern.

Jean Cocteau
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