#1

Wie Rudi Völler ein SED-Rednerpult beschädigte

in Mein Grenzer Tagebuch 26.04.2010 18:52
von TOMMI | 1.984 Beiträge

Hier ist Teil 2 meines Grenzer-Tagebuches.
Da ich im letzten Teil schon das Thema Fußball-WM in Mexico
angeschnitten hatte, schreibe ich hier, wie wir dieses Sportereignis
in der Kaserne in Teistungen miterlebt haben.
Während heute über Millionen-Summen für die Übertragung geredet wird,
schien dass damals gar nicht so die übergeordnete Rolle gespielt zu haben.
Jedenfalls schaffte es das gewiss nicht reiche DDR-Fernsehen, jedes Spiel
übertragen, obwohl an dieser WM keine DDR-Mannschaft teilnahm. Seit 1974
schaffte man es nicht wieder, sich zu qualifizieren. Eine Wiederholung
des Wunders von Hamburg fand somit nicht statt. Aber die andere deutsche
Mannschaft war ja wie gewohnt dabei. Somit war es keine Frage, wem unser
Herz gehörte, obwohl dies einigen Leuten nicht zu passen schien.
Doch ein bisschen anders war es diesmal trotzdem: Absoluter
Publikumsliebling war die Mannschaft Dänemarks, die einen offensiven
Fußball spielte, bei dem es einfach Spaß machte, zuzuschauen.
Außerdem begeisterte damals die sowjetische Mannschaft.
Somit war jeden Abend im Fernsehraum Fußball angesagt. Ein Erlebnis war es,
wenn unser sportbegeisteter und redseeliger Hauptfeld Diensthabender war.
Auch er ließ sich die Spiele nicht entgehen. Man konnte am Fernseher den
Ton abstellen, den Kommentar besorgte er.
Nachdem in der Vorrunde die Spreu vom Weizen getrennt wurde, ging es in die KO-
Runde. Während Dänemark völlig überraschend mit 1:5 gegen Spanien ausschied,
die in der Vorrunde nicht gerade Bäume ausgerissen hatte, stolperte sich
"unsere" deutsche Mannschaft mehr schlecht als recht und dank eines hervorragenden
Toni Schuhmacher durch das Turnier. Erst beim 2:0-Halbfinal-Sieg gegen den
amtierenden Europameister Frankreich zeigte sie, was in ihr steckte.
Außerdem kristalisierte sich die Mannschaft Argentiniens um ihren Star Maradona
als Favorit heraus. Dieser Spieler war und ist ein lebendiger Beweis für das
Sprichwort, dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen. Zum einen
ein begnadetes Talent, zum anderen griff er auch hin und wieder mal zu unerlaubten
Mitteln, was er eigentlich gar nicht nötig hatte. Für helle Empörung sorgte
die "Hand Gottes" beim Viertelfinalspiel gegen England. Anstatt einer gelben oder roten
Karte erhielt er das Tor anerkannt und seine Mannschaft kam durch 2:1 weiter.
Wer weiß? Möglicherweise hätte es eine Neuauflage von Wembley geben können.
So nahte der 30.Juni heran, der Tag des Endspiels.
Einen oder zwei Tage vorher fragte mich der Polit, für wen ich denn sei.
War es Smalltalk oder ist er beauftragt worden, diese Frage zu stellen?
Jedenfalls fiel meine Antwort eindeutig aus. Darauf er: "Wieso, Argentinien ist
doch eine gute Mannschaft!" Darauf ich: "Bin ich etwa Argentinier?"
Er ließ es bleiben und bohrte nicht weiter.
Am Sonntag, dem Finaltag, war der Fernsehraum wieder "ausverkauft".
Alles fieberte dem Spiel entgegen. Die (west)-deutsche Mannschaft zeigte das
beste Spiel des Turniers. Sogar Superstar Maradona war unter Kontrolle.
Gegen H.P.Briegel sah er keinen Stich. Dass man sich aber alein auf Maradona
konzentrierte und anere Argentinier vernachlässigte, erwies sich als schwerer
Fehler. So schlug jemand zu, den man gar nicht auf der Rechnung hatte und
Toni Schuhmacher unterlief überraschend ein dummer Patzer. So stand es
1:0 für Argentinien. Die Stimmung war niedergedrückt. Als die Argentinier
dann auf 2:0 erhöhte, gab auf die deutsche Mannschaft keiner mehr einen Pfifferling.
Doch sie kämpfte und als Kalle Rummenigge der Anschlusstreffer gelang,
keimte Hoffnung auf. Die Uhr lief gnadenlos weiter. Dann kam die 81.Minute und
das Unerwartete geschah: Rudi Völler gelang der Ausgleich!!
Jetzt war die Hölle los. Der ganze Fernsehraum tobte. Jemand rannte in voller
Jubel-Extase zum Rednerpult (es diente für die Tapis und Parteiversammlungen, die
auch im Fernsehraum abgehalten wurden) und schlug darauf herum. Es war schon etwas
morsch, ein Brett brach ab, viel hätte nicht gefehlt und es wäre ganz zusammengefallen.
Zudem fiel das SED-Emblem von seiner Frontseite ab. Inwieweit es wieder hergerichtet
wurde, weiß ich nicht mehr ganz genau, aber eines war sicher, von nun an hatte es kein
Parteiemblem mehr. So traf Rudi Völler nicht nur das argentinische Tor, sondern auch
ein SED-Propaganda-Instrument. Aber wie ging jetzt das Spiel weiter???
Anstatt Ruhe zu bewahren und das Ergebnis in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen
zu retten (alle waren überzeugt, da hätte man die Argentinier fertig gemacht), ging
die Mannschaft aufs ganze und wollte jetzt alles. So kam es, wie es kommen musste:
Man wurde ausgekontert. Durch den Spieler, der bis dahin abgemeldet war: Maradona.
Er spielte den tödlichen Pass auf Buruchaga und der machte das 2:3. Aus, Schluss, vorbei.
Die Enttäuschung war riesengroß. Wie dann der Pokal übergeben wurde, das wollte keiner
mehr sehen. Wir zogen uns in unser Zimmer zurück, wo an der Wand eine selbst gefertigte
Übersicht über alle WM-Spiele hing. Trotzig schrieben wir darauf: "1990-Italia-Revanche"
und darunter: "Dann sind wir wieder daheim".
Wir wussten gar nicht, wie punktgenau diese Prophezeiung eintreffen sollte, sogar mit exakt
dem selben Endspiel.
Dass im Vorfeld noch andere, wichtigere Sachen in der Weltgeschichte vonstatten gingen, das
konnten wir erst recht nicht wissen.
So hat wohl Andy Brehmes Elfmeter in Rom den Titel und somit die Revange gebracht, konnte
aber nicht mehr die selben Auswirkungen auf ein SED-Rednerpult haben, wie Tante Käthes Tor
4 Jahre zuvor.


EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


zuletzt bearbeitet 27.04.2010 18:02 | nach oben springen

#2

RE: Wie Rudi Völler ein SED-Rednerpult beschädigte

in Mein Grenzer Tagebuch 26.04.2010 19:05
von nolle (gelöscht)
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Der Tagebucheintrag hat es ja in sich, Tante Käthe leitet die Wende bei den GT ein. Ob er das wohl weiß??
(Ist mal wieder ein schlechter Witz von mir, muß aber sein!!)
tschüß


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#3

RE: Wie Rudi Völler ein SED-Rednerpult beschädigte

in Mein Grenzer Tagebuch 26.04.2010 19:31
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Zitat von nolle
Der Tagebucheintrag hat es ja in sich, Tante Käthe leitet die Wende bei den GT ein. Ob er das wohl weiß??
(Ist mal wieder ein schlechter Witz von mir, muß aber sein!!)
tschüß




Ich kann ihn ja mal fragen....



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#4

RE: Wie Rudi Völler ein SED-Rednerpult beschädigte

in Mein Grenzer Tagebuch 26.04.2010 20:25
von nolle (gelöscht)
avatar

@zermatt
Dann aber los, ist endlich mal nicht so weit weg von Dir.
Aus Vizekusen würde dann endlich mal ein Erstkusen. Ich würde es Ihnen endlich mal wünschen, immer nur eine halbe Saison super und dann reicht es wieder nicht.
tschüß


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#5

RE: Wie Rudi Völler ein SED-Rednerpult beschädigte

in Mein Grenzer Tagebuch 15.05.2010 22:39
von TOMMI | 1.984 Beiträge

Hallo Leute!
Hier eine kleine Ergänzung zu meinem obigen Beitrag.
Klickt auf den Link, und Ihr seht das Ereignis, welches sich
für ein Rednerpult in der teistunger Kaserne verhängnisvoll
auswirkte.
Noch ein paar andere Tore zu sehen.

[url]http://http://www.youtube.com/watch?v=s7xcm4_qe...ex=0&playnext=1[/url]


EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


zuletzt bearbeitet 16.05.2010 00:00 | nach oben springen



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