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Kraftakt der Freiheit

in Presse Artikel Grenze 14.12.2008 15:46
von Angelo | 12.396 Beiträge

Wer die Ereignisse an der thüringisch-hessischen Grenze vor fast genau 19 Jahren miterlebt hat, der hat ein ganz besonderes Gefühl in seinem Herzen behalten. In jenen Wintertagen rissen Bürger aus beiden Teilen Deutschlands an zahllosen Stellen Löcher in den Grenzzaun, der die DDR von der Bundesrepublik abschloss, und überschritten illegal die Grenze. Das war ein großer Moment bürgerlichen Freiheitsstrebens.

Dieses Selbstbewusstsein haben sich die Menschen im Freistaat Thüringen, aber auch im Freistaat Sachsen, der an Bayern grenzt, bis heute bewahrt. Sichtbar wurde dies erst neulich wieder, als diverse Bildungsstudien veröffentlicht wurden: Sowohl die Schüler Sachsens als auch die in Thüringen schnitten bei den internationalen und nationalen Tests hervorragend ab. Man hat eine Ahnung davon, dass dies nicht zufällig sein kann. Die ostdeutschen Freistaaten, so scheint es, haben trotz des Erlebens zweier Diktaturen an zivilgesellschaftlicher Kraft nicht eingebüßt. Im Gegenteil: Obwohl sie noch immer an den Altlasten eines sozialistischen Zwangssystems zu tragen haben, wehren sie sich energisch gegen das Jammer-Image, welches vielen Regionen der früheren DDR anhängt. Wer im Westen aufgewachsen ist und alltäglich auf den innerdeutschen Grenzzaun samt den Selbstschussanlagen geblickt hat, der weiß dieses Streben besonders zu würdigen.

Vielleicht ist es die Strahlkraft Weimars, die diese (Bildungs-)Bürgerlichkeit in der thüringisch-sächsischen Region über die Zeit gerettet hat. Vielleicht ist es die Faszination für die berühmtesten Vertreter der Weimarer Klassik, Goethe und Schiller, deren Denkmäler vor dem Deutschen Nationaltheater stets stehen blieben. Wenn man heute vor der wiedererstandenen Dresdner Frauenkirche innehält, dann wird ganz besonders spürbar, welch Lebendigkeit das Bürgertum dort zeigt. Die Menschen sind stolz auf diesen Bau, sie sind stolz auf das mit vielen Privatmitteln Geleistete. Man mag nach Dresden, nach Leipzig, nach Erfurt oder in die kleinen Dörfer an der früheren deutsch-deutschen Grenze fahren: Wenn auch nicht überall große Gebäude rekonstruiert werden, so ist doch Veränderung sichtbar. Viel Unterschied zum Westen ist oft gar nicht mehr zu erkennen.

Im nächsten Jahr werden wir uns wieder an jene Wintertage von 1989 erinnern. Dann jährt sich der Kraftakt der Freiheit zum zwanzigsten Mal. Möge er noch lange wirken.


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