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Mittendrin und doch getrennt

in Presse Artikel Grenze 13.12.2008 11:57
von Angelo | 12.396 Beiträge

Diedrich Kramer lebt seit seiner Geburt im Amt Neuhaus. Er hat die DDR erlebt und die Freude über die Wiedervereinigung. In einem sehr persönlichen Brief an unsere Redaktion schildert er, warum für ihn die Einheit erst richtig vollzogen ist, wenn das Amt Neuhaus durch eine Brücke mit seinem Landkreis verbunden ist.

Stellen Sie sich vor, Sie werden im letzten Kriegshalbjahr im Amt Neuhaus mitten in Deutschland geboren. Der Krieg mit seinem unendlichen Leid für die Menschen ist längst verloren, die Kapitulation erfolgt am 8. Mai 1945. Die Folgen: Deutschland wird um ein Viertel seiner Fläche verkleinert, der Rest wird in Besatzungszonen aufgeteilt. Das Amt Neuhaus ist Bestandteil der britischen Zone. Britischer und sowjetischer Befehlshaber vereinbaren jedoch die Übergabe der rechts der Elbe liegenden Teile des Regierungsbezirkes Lüneburg an die sowjetische Besatzungsmacht. Am 30. Juli 1945 wird dieses Übereinkommen durch den Alliierten Kontrollrat bestätigt. Die Briten begründen ihren Schritt mit der Zerstörung aller Brücken, obwohl es diese im Bereich des Amtes Neuhaus gar nicht gegeben hatte, sondern nur Elbfähren, die zum damaligen Zeitpunkt auch intakt waren.

Am 1. Juli 1945 marschieren Sowjettruppen ins Amt Neuhaus ein, und somit gehören wir plötzlich zur sowjetisch besetzten Zone. Deutsche werden von Deutschen getrennt, Familien auseinandergerissen. Zunächst wird die Elbe durch sowjetische Soldaten bewacht, später bildet man eine Grenzpolizei.

Das Grenzsicherheitssystem wird immer mehr ausgebaut, die Grenze ist kaum noch zu überwinden. Am 7. Oktober 1949 wird die DDR gegründet, das Amt Neuhaus gehört nun zum Kreis Hagenow, Bezirk Schwerin. Das Schicksal hat uns hier hingestellt, unsere Identität geht verloren, aus Niedersachsen werden DDR-Bürger.

Nun müssen wir miterleben, wie Familien 1952, 1961 und 1975 in Friedenszeiten aus dem grenznahen Raum ausgesiedelt werden, die Gehöfte werden abgerissen, der 500 Meter breite Schutzstreifen und das fünf Kilometer breite Sperrgebiet werden eingerichtet. Verwandte dürfen nur mit Passierschein einreisen, bäuerliche Betriebe werden in landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zusammengefasst. Jahre vergehen, man hat sich in der DDR eingerichtet. Die Elbberge auf der anderen Elbseite hat man täglich vor Augen, betreten darf man sie nicht. Die Sehnsucht wird mit den Jahren immer stärker: Einmal von den Elbbergen in die Niederung zu gehen.

Dann der Herbst 1989: Was keiner für möglich gehalten hat, geschieht. Die DDR-Bürger gehen auf die Straße, es wird unruhig im Land, das ist der Anfang vom Ende der DDR. Deutschland wird wiedervereint.

Ich kann nun den Blick zum ersten Mal von West nach Ost über die Elbe richten. Wir leben nun wieder mitten in Deutschland! In Dömitz baut man eilig die zerstörte Brücke wieder auf. In Darchau aber beginnt die unendliche Geschichte des versprochenen Brückenbaus. Das Amt Neuhaus kehrt am 1. Juli 1993 in den Landkreis Lüneburg zurück und seine Einwohner wünschen sich so sehr eine feste Anbindung an ihren Landkreis. Doch die Brückengegner und die Richtersprüche verhindern bis heute den Brückenbau. Es ist nicht nachvollziehbar mit welchen Argumenten sich Brückengegner gegen diese Verkehrsanbindung stemmen. Wie hätten sie sich verhalten, wenn sie im Osten gelebt hätten?

Da das Wirtschaftswunder auch in Neu Darchau nicht zu Hause ist, würden auch sie von einer Brücke profitieren. Die Menschen des Amtes Neuhaus, die Handwerksbetriebe, die Pendler, die Schulkinder, die Feuerwehren, die Polizei, der Rettungsdienst - alle brauchen diese Brücke. Erst wenn die Bindungen über die Elbe wieder neu gewachsen sind, wenn das Ost-West-Denken aus den Köpfen verschwunden ist, wenn es für die Neu-Darchauer völlig normal ist, im Osten einzukaufen oder zu arbeiten, wenn eine Brücke uns endlich verbindet, dann sind wir wieder eins. -


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