#1

Meine Oma hinter der Mauer

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 25.11.2008 18:27
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Will dieses Thema unbedingt eröffnen, hab aber gerade ein kleines Problem mit unseren Hunden.
Hau den Thread trotzdem rein, mach dann so schnell als möglich weiter


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#2

RE: Meine Oma hinter der Mauer

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 26.11.2008 16:05
von Wolfgang B. (gelöscht)
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... ich bin soweit!

KRIEG UND FRIEDEN

Die Eltern meines Vaters heirateten 1919 in Rogäsen, der Ort gehört heute zur Gemeinde Wusterwitz und liegt in Brandenburg. Emma B. war damals 28 Jahre alt, in erster Ehe mit einem Schiffer verheiratet gewesen. Sie stammte aus Bergzow (gehört heute zu Elbe-Parey), wo einige ihrer Vorfahren seit 1795 lebten. Otto B., mein Großvater, war wesentlich älter als seine Frau, Jahrgang 1870. Er kam in Peterswalde, Pommern (heute Cierznie in Polen)zur Welt.
Das "junge" Paar kam bald nach der Hochzeit auf einem Gut in Dangelsdorf (Görzke, Brandenburg) unter, wo sie einen kleinen Bauernhof bewirtschafteten, ansonsten aber auf dem Gut arbeiteten. Sie waren besser gestellte Landarbeiter, also Büdner oder Häusler, wie man damals sagte.
1921 kam Kurt, der erste Sohn zur Welt. Berta, die älteste Tochter folgte 1923, drei Jahre später folgten die Zwillinge Emmi und Otto. Der Kindersegen hatte noch kein Ende, denn 1928 erblickte Willi, mein Vater, in Dangelsdorf das Licht der Welt. Wiederum zwei Jahre später war Elli an der Reihe, gefolgt von Helmut im Jahre 1932.
Die neunköpfige Landarbeiterfamilie lebte, wie man sich denken kann, in relativ bescheidenen Verhältnissen. Die Kinder hatten jedoch, keineswegs selbstverständlich für damalige Verhältnisse, immer genügend zu Essen, hatten saubere Kleidung und gingen regelmäßig zur Schule. Sie wuchsen unbeschwert und behütet auf, wenngleich alle schon von klein an mit anpacken mussten.

Spätestens 1941 waren dann die guten Jahre vorbei. Nachdem Emma B., im I.WK schon zwei ihrer Brüder und die Eltern verlor, fiel nun ihr Sohn Kurt in Ungarn. Zudem wurde ihr mittlerweile 70jähriger Mann schwer krank. Ein weiterer Bruder meiner Oma fiel im gleichen Jahr in der Nähe von St. Petersburg.

So hart wie es klingt, die Familie war dem Gut nicht mehr "profitabel" genug, sie musste ihr Häuschen verlassen. In Ziesar fand man auf einem großen Bauernhof Auskommem und Unterkunft.
Otto, der inzwischen älteste Sohn, musste schon bald zum Reichsarbeitdienst. Und Oma verlor einen weiteren Bruder im Krieg.

1943 beendete mein Vater die 8. Klasse der Volksschule. Otto, sein Bruder wechselte vom RAD zur Wehrmacht.
In Genthin kam eine Schwester der Oma ums Leben. Von ehemals zehn Geschwistern, lebten 1943 außer ihr, gerade noch ein Bruder (war 1943 in Russland) und eine weitere Schwester.

Die nächste Tragödie ließ nicht lange auf sich warten. Otto fiel auf deutschem Boden, auch er vermisst wie sein Bruder Kurt. Die Russen rückten derweil immer weiter vor.
Der 16jährige Willi, er gehörte höchstwahrscheinlich zur "Armee Wenk", konnte sich bei Tangermünde unter dem Beschuss der Russen, durch die Elbe schwimmend in engl. oder amerik. Gefangenschaft retten. Sein bester Freund ertrank bei diesem Vorhaben.

Der Krieg war zu Ende. Auch in Ziesar begann die sowjetische Besatzung...

(Fortsetzung folgt)







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#3

RE: Meine Oma hinter der Mauer

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 28.11.2008 19:54
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Fortsetzung ...

Zu Hause in der SBZ

Der Krieg war zu Ende. Das Leben ging weiter.
Noch 1945 tauchte Willi wieder zu Hause auf. Er war eben ein fixes Bürschchen, was er noch einige Male unter Beweis stellte.
Warum ihn die "Tommys" oder die "Amis" so schnell wieder laufen ließen, keine Ahnung. Jedenfalls war er wieder da, hatte zudem irgendwo einen Packen Fallschirmseide organisiert. Wie gesagt, Willi war fix in solchen Dingen.

Die Damen des Hauses schneiderten und nähten was das Zeug hielt, hatten bald die feinste Unterwäsche und elegantesten Blusen. Na ja, vornehm geht die Welt zu Grunde.

Über die folgenden Jahre konnte ich bisher kaum etwas in Erfahrung bringen, trotz intensivster Bemühungen.

Mein Vater soll in dieser Zeit, zwischen 1943 und 1948 eine Ausbildung zum "Verwalter" im Bereich Forst- und Landwirtschaft gemacht haben und dazu ein Internat o.ä. besucht haben. Seine Ausbildung fand in jedem Fall "weit" weg von zu Hause statt.

Im Februar 1947starb in Burg bei Magdeburg der 77jährige Otto B., mein Opa. Wegen seiner Krankheit, er hatte Zungenkrebs, verbrachte er lange Zeit im Krankenhaus bzw. im Sanatorium. Die Hochzeit seiner Tochter Berta hat er nicht mehr erlebt. Auch Emmi hatte sich schon "selbstständig" gemacht.
Zu Hause in Ziesar lichteten sich die Reihen. Die Mutter hatte jetzt nur noch den 15jährigen Helmut, die 17jährige Elli und vermutlich nur zeitweise den noch nicht ganz 19jährigen Willi bei sich.

1948 kam R., mein erster Cousin zur Welt. Willi konnte, oder durfte in seinem Beruf nicht arbeiten. Die Bodenreform mit dem Slogan "Junkerland in Bauernhand" könnte dafür ausschlaggebend gewesen sein.
Die ersten Fluchtgedanken reiften.

Im Jahre 1949 muss es dann soweit gewesen sein, es gab in Ziesar keine Zukunft mehr. Willi begann mit den Fluchtvorbereitungen. Ich schätze er wird das Ganze bis ins letzte Detail ausgeklügelt haben, alles andere würde mich erstaunen.
Bald stand fest, die Geschwister hauen zusammen ab.

Meine heute 78jährige Tante Elli erzählte mir vor zwei Jahren, sie sei damals so gründlich von Willi instruiert worden, dass sie immer noch den Weg in den Westen finden würde - an einem Bachlauf entlang, durch diesen Bach, an einem zerschossenen Wehrmachtsbus vorbei, durch eine (Bahn?) Unterführung.

Da man sich nicht gemeinsam an der Grenze schnappen lassen wollte, ging nun Willi als Erster. Helmut sollte ihm folgen, sobald mein Vater Quartier (im Raum Hannover?) gemacht, und in Ziesar ein bisschen Gras über die Sache gewachsen wäre.
Helmut folgte nach der verabredeten Zeit. Willi wird in direkt an der Grenze in Empfang genommen haben.
Jetzt war Elli an der Reihe. Doch die Brüder warteten vergeblich, am vereinbarten Ort, zur vereinbarten Zeit.
Wahrscheinlich nahmen sie an, Elli sei geschnappt worden. Nach einer gewissen Zeit in der sie sich noch irgendwo bei Hannover (?) aufhielten, entschlossen sich mein Vater und mein Onkel ohne Elli weiter Richtung Westen zu ziehen.

Elli war nicht geschnappt worden, sondern hatte ganz einfach kalte Füße bekommen. Sie blieb zu Hause, heiratete kurz darauf und zog später mit ihrem Mann nach Thüringen.

Willi und Helmut zogen Richtung Niederrhein ...

(Fortsetzung folgt


Fotokopien im Anhang:
Willi B. an einem unbekannten Ort, vermutlich um 1945 - Rätselhaft ist der undefinierbare Uniformmantel


Angefügte Bilder:
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#4

RE: Meine Oma hinter der Mauer

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 26.12.2008 19:41
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Hallo Jungs und Mädels,

hoffentlich hat mich der EIN oder ANDERE ein bisschen vermisst?

Habe einen Providerwechsel der etwas anderen Art hinter mir.
Runde zwei Monate total von der Außenwelt abgeschnitten, nicht mal Telefon!
Da wirst du echt

Aber jetzt kann ich endlich die Fortzetzung meiner "Familiensaga" schreiben, soll ich

WÜNSCHE EUCH NOCH EIN SCHÖNES (REST) WEIHNACHTSFEST UND EIN GLÜCKLICHES, GESUNDES NEUES JAHR 2008


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#5

RE: Meine Oma hinter der Mauer

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 05.01.2009 14:09
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Fortsetzung ...

Wilde Jahre

Was Willi (mein Vater) und Helmut (mein Onkel) nach ihrer Flucht aus der Heimat erlebten, wo sie sich genau aufhielten und ob sie sich bereits auf dem Weg an den Niederrhein aus den Augen verloren, das kann ich nicht sagen. Das werde ich wahrscheinlich auch nie mehr herausfinden?
Sicher ist jedenfalls, dass sich Onkel Helmut am 21. August 1950 in Nieukerk, Winternam 451 bei Weymans anmeldete und dort als Melker arbeitete. Er kam aus Straelen, Paesmühle, einem Heim für Kriegsvertriebene und Elternlose Jugendliche.
12 Tage zuvor, am 9. August 1950 hatte sich Willi in Marseille für 5 Jahre bei der französischen Fremdenlegion verpflichtet.
Deshalb vermute ich, beide wohnten im Jugendheim in Paesmühle, vielleicht schon ab Anfang 1950? Weiter vermute ich, dass mein Vater bereits im Juni/Juli 1950 von einem Werber zum Beitritt in die Fremdenlegion "überredet" wurde.
Der Weg oder die Überstellung nach Marseille dauerte damals einige Wochen, führte in der Regel über Koblenz oder Offenburg nach Strasbourg und dann erst nach Südfrankreich. Mein Vater konnte damals eigentlich gar nicht von sich aus nach Marseille gelangen, muss also auf jeden Fall in der französischen Zone "verpflichtet" worden sein.

Werber für die Fremdenlegion gab es nach dem Krieg und in den 50er Jahren überall. Vorzugsweise an Bahnhöfen, Schulen und Heimen versuchten sie den Jugendlichen den Beitritt zur "Légion étrangère" schmackhaft zu machen.
Bei der Perspektivlosigkeit vieler entwurzelter Jugendlicher keine allzu schwierige Aufgabe. Einige Freibiere, gepaart mit "vollmundigen" Versprechungen und so mancher der jungen Leute wird an eine "rosige" Zukunft in Nordafrika oder Indochina geglaubt haben?! So wie vermutlich Willi auch?!

Während Helmut in diesem Sommer verzweifelt nach seinem verschwundenen Bruder suchte, erreichte in die Nachricht der Mutter aus Ziesar: Willi ist in der Fremdenlegion!

Damit war klar, der 18jährige Helmut musste sich die nächsten Jahre ohne seinen Bruder durchschlagen. Eine Rückkehr in die DDR kam damals nicht in Betracht und so blieb mein Onkel bis zum 3. August 1954 am Niederrhein.

Am 8. Oktober 1954 meldete sich Helmut in Stemmen bei Hannover (heute Barsinghausen), im Haus Nr. 9 bei Bauer Gustav Schattschneider an. Willi kam am 5. Oktober 1954 von Algerien nach Marseille und wurde von dort aus nach Offenburg zu seiner "Entlassung" gebracht.

Was die beiden Brüder, vor allem Willi in Indochina erlebten und wie ihr "gemeinsames" Leben ab Oktober 1954 weiterging, dazu demnächst mehr ...


... Fortsetzung folgt


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#6

RE: Meine Oma hinter der Mauer

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 05.01.2009 19:22
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Zitat von Wolfgang B.
Fortsetzung ...
Zu Hause in der SBZ
... Im Jahre 1949 muss es dann soweit gewesen sein, es gab in Ziesar keine Zukunft mehr. Willi begann mit den Fluchtvorbereitungen. Ich schätze er wird das Ganze bis ins letzte Detail ausgeklügelt haben, alles andere würde mich erstaunen.
Bald stand fest, die Geschwister hauen zusammen ab.
Meine heute 78jährige Tante Elli erzählte mir vor zwei Jahren, sie sei damals so gründlich von Willi instruiert worden, dass sie immer noch den Weg in den Westen finden würde - an einem Bachlauf entlang, durch diesen Bach, an einem zerschossenen Wehrmachtsbus vorbei, durch eine (Bahn?) Unterführung.


So und jetzt habe ich den alten Wehrmachtsbus gefunden, der auf der Reichsstraße 1 (B1) am späteren Grenzübergang Helmstedt, 1945 die Zonengrenze markierte. Ist das nicht irre?

Irgendwo in der Nähe muss ein Bach und eine Art Unterführung gewesen sein, wo sich die Brüder Willi und Helmut B. dann aus dem Staub machten?!

Angefügte Bilder:
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