#1

Dienen in Berlin

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 19.02.2010 09:28
von Rüganer (gelöscht)
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Dienen in Berlin

Nachdem ich hier so einiges gelesen habe, will ich auch etwas über meinen Dienst in Berlin 1970 schreiben. Ich wurde vom Ausbildungsregiment GAR 35 in das Grenzregiment nach Berlin – Johannisthal versetzt, wo ich anfangs Fahrer des Kommandeurs Grenzsicherung war. Trabant holen, Akkus für das Funkgerät einbauen und in die Kolonne der Fahrzeuge stellen, die dann zur Ablösung an die Mauer fuhren. Vergatterung, Meldung an den Kommandeur, dass das Fahrzeug bereit sei und dann fuhren wir zum Ablösepunkt, wo der alte Kommandeur Grenzsicherung wartete. Nach der Ablösung fuhren wir anfangs noch zurück zum Objekt und nur, wenn sich etwas Besonderes ereignete oder der Kommandeur kontrollieren wollte, fuhren wir zurück in die Linie. Später dann wurde dies untersagt und wir waren auch die gesamte Zeit draußen, warteten irgendwo im Sperrgebiet auf Leute, die keinen Passierschein hatten, standen auf Bahndämmen und sahen abends in erleuchtete Fenster, klauten Blumen für die Frauen der jeweiligen Kommandeure oder saßen bei der VP – Inspektion in Treptow und tranken Kaffee. Leider sah ich bei einer Alarmübung nicht so recht durch, habe mich in Berlin sehr schlimm verfahren und die Heimschläfer, die ich abholen sollte, waren mit der Bahn oder anderen Fahrzeugen schneller im Objekt, als ich sie finden konnte – dies kostete mich den Job als Fahrer des Kommandeurs Grenzsicherung und ich wurde Fahrer für die Alarmgruppe.
Nach 40 Jahren vergisst man ja alles, mir ist sehr positiv in Erinnerung, dass wir in den Laubenkolonien an den Verkaufsstellen Milchbeutel und frische Streuselschnecken aus den draußen stehenden Anlieferungen nahmen, das Geld dafür reinlegten und wunderbar am Morgen frühstückten. Manchmal lag auch ein „Goldbroiler“ in Karlshorst oder Pankow auf der Strecke und dann saß die gesamte Alarmgruppe irgendwo sichtgeschützt im Trabant und mampfte Broiler, die Knochen immer fein aus dem Auto werfend.
In der Kaserne hatten wir in der Kompanie einen Stabsfeldwebel, bei dem konnte man an gewissen Tagen Bestellungen für Broiler abgeben, dann kam der mit Waschkörben von „Gummiadlern“ in die Kompanie zurück und danach begann dann das „Große Fressen“.
Zweimal war ich dem Stabsfeldwebel zugeteilt, unser Auftrag war „Schnüffeln“, dazu mussten wir uns unbemerkt vom Hinterland aus an einen Postenturm annähern und die Posten beobachten, eine sehr unangenehme Tätigkeit, denn erstens war ich selbst Soldat im Grundwehrdienst und stand ab und an auch auf dem Turm, von daher wusste ich, dass man dort nicht alles sieht und auch manchmal ein Bedürfnis nach Schlaf hat und zweitens kann man ja auch leicht in den Verdacht geraten, abhauen zu wollen und dann bringt man sich in Gefahr. Der Stabsfeld hat immer ungerührt dann Drähte in den Signalzaun geworfen, oder Steine gegen den Turm, wenn er der Meinung war, „die Brüder pennen wieder, da oben“.
Dann gab es Arbeitsverrichtungen außer der Reihe, mehr kam bei uns nie danach.
Irgendwann kam dann die Zeit auf, da wurden alle „schießgeil“ auf die Leuchtpistole und schon die geringste Bildung von Nebel wurde dazu genutzt, Gefechtsfeldbeleuchtung vom Turm aus zu schießen. Irgendwie konnten „Wissende“ am Kasten für den Signalzaun im Turm mit dem Reinigungsstock der Mpi etwas überbrücken, dann löste das Signal aus, es konnte endlich wieder Gefechtsfeldbeleuchtung geschossen werden. Sylvester 1970 gab es einen Kompaniebefehl, dass über jeden Gebrauch der Leuchtpistole ein Protokoll zu schreiben sei, damit wurde die Schießerei an diesem Tag etwas eingedämmt. Dafür gingen auf den Türmen des angrenzenden Außenringes die Sterne hoch.
Ach ja, ich habe hier im Forum auch etwas von Amerikanischen Soldaten gelesen, mir fallen da spektakuläre Sachen ein, die diese Jungs auf der anderen Seite praktiziert haben. Mit dem Fahrzeug anhalten, aussteigen, Stahlhelm aufsetzen, Gurt in das MG auf dem Jeep einlegen, Durchladen und unseren Turm anvisieren. Wir haben uns vor Angst flach auf den boden gelegt und die Jungs haben sich fast totgelacht, Gurt raus, Helm ab, wie wild gewinkt und zum Nächsten Turm, das gleiche Spiel...
Vor einem Feld angehalten, dort eine Egge hinter ihren Jeep gehängt und das Feld damit abgeeggt – große Kinder, diese Amis.
Aber sie hatten in Berlin eine Radarstation, ich glaube unser Wachturm hieß an dieser Stelle Grüneck, da plärrte Tag und Nacht AFN. Der Turm war eine B – Stelle, in der ersten Etage saß der Zugführer und im Obergeschoß die Posten. Man konnte von dort auf die Leinwand des Autokinos in der Waltersdorfer Chaussee sehen, Filme, wie Balduin der Ferienschreck oder die Filme des Schulmädchenreports waren die Renner, zu verstehen auch ohne den Ton. Die Posten kamen immer mit schwarzen Augenrändern zurück, die Gummis der ferngläser färbten ab.
Im Ausgang kamen wir immer nur bis in eine Kneipe in Johannisthal, die voll mit Grenzern war, an anderen Plätzen soll der alte Krieg mit den „Rotkehlchen“ ab und an aufgeflammt sein und die Berliner waren auch nicht so gut auf uns zu sprechen. Ich erinnere mich noch an die wenigen Urlaube, die Fahrt bis Rügen dauerte ewig und ich war immer froh, wenn ich die Uniform wieder aus hatte.
Irgendwie bedauere ich es, dass so wenige aus der Zeit ihren Kopf heute aus der Deckung herauskriegen, es ist ein Stück unseres Lebens gewesen und keiner muss sich da verstecken.
Die Fallis und die Marine sind da mit Traditionsseiten und Foren wesentlich stärker vertreten, es ist schon Klasse, dass es dieses Forum gib


GK NORD hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#2

RE: Dienen in Berlin

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 19.02.2010 12:24
von Sonne | 510 Beiträge

Sehr schöner Artikel-was so alles passiert ist ?!!!


Gruß Sonne

05/66-10/67
18 Monate meiner Jugend
in Glowe, Rothesütte, Elend


Wer Stroh im Kopf hat, fürchtet den Funken der Wahrheit.
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