#1

Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 13:14
von Baeumchen (gelöscht)
avatar

Hallöchen,
wir machen ein Projekt mit den Thema:Jugend in der DDR und ich mache das Thema Schule.Jetzt habe ich zwar sehr viele Informationen dazu gefunden (polytechnische Oberschule,etc.)aber ich finde es viel interessanter wie eigentlich der Schulalltag war,wie die Schüler es empfunden hatten.Wurde man durch die Schule politsch beeinflusst? Gab es Fächer die eigentlich niemand mochte,aber trotzdem Pflicht waren? Wie waren die Lehrer? Wie denkt ihr später über die Schulzeit?
Also eigentlich alles was in irgendeiner Weise mit Schule in der DDR zu tun hat,egal was schreibt einfach wsa euch dazu einfällt.

Vielen,vielen Dank schon einmal für eure Berichte


nach oben springen

#2

Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 14:15
von Mongibella (gelöscht)
avatar

Hmmm ja Schulaltag Bäumchen....

....nun ja, bevor ne Unterrichtsstunde begann gab es immer ne Meldung...einer aus der Klasse musste neben dem Lehrer stehen, die Klasse stand auf, der blöde Pioniergruss wurde gemacht und der der vorne stand drehte sich zum Leher und meldete Frau Sowiso, die Klasse ist zum Unterricht bereit.....darauf sgate die Lehrerin zur Klasse: *Pioniere seid bereit*, worauf die Klasse dann schmettern sollte: *immer bereit*....daraus wurde allerdings meistens ein desinteressiertes Raunen: *immer breit*

Auf dem Schulhof gab es zu besonderen Anlässen immer nen Fahnenappell mit genausolchen Grussritualen und Auszeichnungsausreichen und so...echt nich sehr beliebt, eher alles andere als das....

Naja, der Unterricht war frei von Idiologien soweit es die naturwissenschaftlichen Fächer betraf....man hatte ansonsten schon mächtig Rotlicht verpasst bekommen....dazu gab es extra ein Fach, das sich Staatsbürgerkunde schimpfte....elend langweilig und man war froh, wenn die Stunde zuende war....

....ab der 8ten Klasse in etwa kam dann noch ein Fach dazu, das war dann der Wehrkundeunterricht.....den gabs aber nich im regulären Stundenplan, nein einmal mussten wir Tage unserer Winterferien dazu opfern und einmal mussten wir im Sommer zwei Wochen in ein paramillitärisches Camp...mit Uniformen und allem....es glich der Grundausbildung bei der Armee und sollte uns auf die Dienstzeit bei der NVA vorbereiten....

....in der Schule selbst wurde der Sport sehr gefördert....ich war in mehreren Mannschaften, zB beim Volleyball, Fussball und Handball....mit der Handballmannschaft sind wir sogar mal Kreismeister gewesen....

Was auch typisch für die DDR war, ist das man seid der ersten Klasse zu den Kinderorganisationen gehören musste....erst die Jungpioniere, dann Thälmannpionieren und später zur FDJ, der Freien Deutschen Jugend...sich dessen zu verweigern hatte Folgen...ich wollte mal aus den Thälmannpionieren austreten weil es mir eh nichts brachte, es gab ne Klassenkonferenz und ich hatte das Gefühl als Abtrünnige betrachtet zu werden....ich hab klein bei gegeben, bin aber eh nich mehr auf die Pioniernachmittage gegangen jeden mittwochs Nachmittag...das blieb dann aber allerdings ohne Folgen....

Ich war übrigens zwischen 1976 und 1986 in einer POS, der Politechnischen Oberschule....später in der Berufsschule war alles sehr sehr locker und die beiden Rotlichtfächer Staatsbürgerkunde und Sozialistisches Recht sitzte man halt aus und der Lehrer sagte einem nur, was man eben zum Abfragen alle paar Wochen vortragen musste, damit es ne gute Note gab, das dauerte dann immer 10 Minuten, den Rest der Stunde ham wa dann Karten gespielt oder uns anders beschäftigt....

...achja noch was, ich hatte oft Ärger wegen meinen Klamotten....ich bekam ja nu fast alles aus dem Westen und das stass den Lehrern oft bitter auf...ich hatte zB einen Bundeswehrparker mit der Fahne auf dem Ärmel...wo das moniert wurde, zog ich einen Kulli aus der Tasche und malte da HammerZirkelÄhrenkranz stillistisch drauf und frachte ob et den nun gut sei....der Lehrer kochte beinahe, riss sich dann aber doch zusammen und ich trug meinen Parker noch bis er auseinanderfiel....auch mit bedruckten T-Shirts hab ich ähnliche Probs gehabt wenn sie allzu politisch waren....hatte mal eins, wo die Erdkugel drauf war mit beiden politischen Lagern und der russische und amerikanische Leiter mit grimmiger Mine und Raketen die ihnen aus den Köpfen entwuchsen und dann halt nen passenden Spruch dadrunter....kam nich gut an, da ja angeblich nur die im Westen die Schlechten sein sollten....

groetjes

Mara


nach oben springen

#3

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 14:50
von Danny_1000 | 166 Beiträge

Hallo Baumchen,

nun ja, aus er Schule bin ich schon einige Zeit raus. Die meisten meiner noch heute lebenden Lehrer grüße ich immer noch freundlich. Und mit dem einen oder anderen schnacke ich regelmäßig im Supermarkt oder anderswo.

Läßt man mal den ganzen politischen Ballast (z.B. Staatsbürgerkunde 1 bis 2 Stunden die Woche oder die lästigen Fahnenappelle) ) weg und verhielt sich einigermaßen systemkonform, so waren die meisten der Lehrer bemüht, uns Rüstzeug für den späteren Beruf und das Leben mit zu geben. Hoch angebunden waren während meiner Schulzeit die naturwissenschaftlichen Fächer - also Mathe, Physik, Chemie, Biologie. Aber auch Deutsch und natürlich Russisch waren Hauptfächer.

In den oberen Klassen gab es dann einmal im Monat den „UTP“ – Unterrichtstag in der Produktion. Da waren wir dann einem Betrieb zugeteilt, welcher uns in die Arbeitswelt einführte – wirklich nicht die schlechteste Erfindung !

Nicht schlecht fand ich auch die Vergabe von sogenannten Kopfnoten auf dem Zeugnis für „Betragen“, „Fleiß“ und „Mitarbeit“ während des Unterrichts.

Und: Die Disziplin an meiner Schule war eine ganz andere, als heute. Vor den meisten Lehrern hatten wir als Schüler noch Respekt. Das äußerte sich zum Beispiel daran, dass wir uns von unseren Plätzen erhoben, wenn der Lehrer zu Unterrichtsbeginn die Klasse betrat.

Im Prinzip hatten wir in der DDR das, worüber sich die Kultusminister der Länder heute noch streiten, nämlich eine Ganztagsschule.
Der Unterricht umfasste etwa 4 bis 7 Schulstunden (a 45 min). Anschließend konnte man in den Hort, um seine Hausaufgaben zu erledigen oder sich in diversen Arbeitsgemeinschaften (Sport, Kunst, Musik, Zeichnen, Basteln usw..) betätigen. All diese Angebote waren in der Regel kostenlos. Für das tägliche Mittagessen in der nahegelegenen Schulspeisung bezahlten wir 50 Pfennige pro Tag.

Etwas nervig fand ich die zunehmende Politisierung in den Schulen. Das am meisten „gehasste Fach“ war mit Sicherheit „Staatsbürgerkunde“. Eigentlich ging es hier darum, als Schüler seine Verbundenheit zum Staate zu demonstrieren. Im Prinzip war es ein pures Nachplappern irgendwelcher Parolen. Das Problem: Es zählte zu den Hauptfächern.
Rückblickend würde ich heute trotzdem sagen: Ich erinnere mich sehr gerne an meine Schulzeit.

Sicherlich hat Mara Recht: Wenn man sich öffentlich als Schüler gegen bestehende Regeln des Systems auflehnte, bekam man erhebliche Probleme. Zu meiner Zeit – Ende der 60-iger, Anfang der 70-ger Jahre - waren das aber wirklich Ausnahmen.

Vielleicht konnte ich dir ein wenig helfen.

Einen netten Gruß
Daniel


Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst !
(Voltaire frz. Philosoph 1694 - 1778)
nach oben springen

#4

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 15:14
von Onkel Hu (gelöscht)
avatar

Da kann ich gar nicht so viel schreiben, wie mir einfällt. So werde ich (wenn nötig) meinen Senf dazu nach Bedarf in Etappen zugeben. ich möchte den kollegen ja nicht verschrecken, denn ich könnte auch Sachen berichten, die nicht repräsentativ waren und somit das Gesamtbild verfälschen würden.

Zitat von Daniel
n den oberen Klassen gab es dann einmal im Monat den „UTP“ – Unterrichtstag in der Produktion. Da waren wir dann einem Betrieb zugeteilt, welcher uns in die Arbeitswelt einführte – wirklich nicht die schlechteste Erfindung !



Wenn ich daran denke, mit welchen unterschiedlichen, natürlich vollkommen neuen "Modellprojekten" heute daran gebastelt wird, den Kindern und Jugendlichen den Weg in die Berufswelt zu zeigen, kann einem schon übel werden. Der UTP war dazu bestens geeignet, ist aber eben DDR-Relikt und somit nicht einfach so zu übernehmen. Natütlich gab es da auch Unterschiede in der Qualität der Durchführung, aber man bekam einen Einblick in die Produktionswelt und konnte schon einmal seine Interessen und Eignungen in bestimmten Bereichen testen.

In der Abiturstufe hatten wir dann das Fach "Wissenschaftlich-Praktische Arbeit", also UTP auf eher wissenschaftlichem Niveau. Ich erinnere mich, dass wir da z. B. in einem Aluminiumwerk eine Vereinfachungsformel für den Temperaturverlauf an Gießwalzbandagen aufgestellt haben, weil der Großrechner in Leipzig nicht im gewünschten Umfang zur Verfügung stand. Das fand ich schon recht anspruchsvoll.

OH


nach oben springen

#5

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 17:48
von Roland 87 | 215 Beiträge

In der 9.und 10.Klasse wurde Zivilverteitigung unterrichtet.Die Jungens mußten in ein GST Lager fahren.
Da wurden verschiedene Themen behandelt wie verhalten bei nuklear oder chemischen Angriff,Rot Kreuz Lehr-
gang,Taktig im Gelände und natürlich politischer Unterricht.Zur Krönung gab es zum Abschluss immer ein
Orientierungslauf durch`Gelände.Dieser Unterricht war Pflicht mußte von jeden wahr genommen werden.In der Berufsausbildung stand sogar auf dem Abschlußteugnis:erfolgreich an der vormilitärischen
Ausbildung teilgenommen,sonst hätte es kein Facharbeiter gegeben!
Nur die die den Dienst an der Waffe verweigerten brauchten nicht zu schiessen(KK)!



nach oben springen

#6

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 19:06
von rustenfelde | 676 Beiträge

Ich gestehe: ich war Ausbilder Ing.-Päd) im Schulsystem der DDR. UTP/PA . Unterrichtstag in der Produktion/ Praktische Arbeit. Damals konnten unsere Schüler noch Fahrradschläuche wechseln, Nägel in
die Wand schlagen, Vogelhäuser bauen, beim Moped Zündkerzen wechseln u.s.w.
Jetzt wird ein Dienstleister beauftragt

Gruß RF


"Ich weiß nicht, dass ich jemals von der zauberhaften Schönheit eines Erdfleckens so innerlichst berührt worden wäre."
Theodor Storm über das Eichsfeld (1856)


nach oben springen

#7

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 19:15
von Danny_1000 | 166 Beiträge

Noch ein kleiner Nachtrag zu meinem Beitrag:

In der DDR gab es ein einheitliches Bildungssystem mit zentralen Lehrplänen. An allen Schulen wurde also das Gleiche – in der Regel auch zur gleichen Zeit – gelehrt. Ein Schüler aus dem Norden hatte also zu einem bestimmten Zeitpunkt annähernd den gleichen Wissensstand wie sein „Kollege“ aus dem Süden, Osten oder Westen der DDR.

Und: Es gab zentrale Prüfungen sowie ein zentrales Abitur.

Gruß
Daniel


Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst !
(Voltaire frz. Philosoph 1694 - 1778)
nach oben springen

#8

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 19:19
von Onkel Hu (gelöscht)
avatar

Damit hätte es also nicht passieren können, dass ein Mensch mit seinem Abitur zwar in England aber nicht in Bayern studieren konnte, wenn er dann dort hin gelangt wäre. OK zuviel Konjunktiv, aber ihr wißt schon, was ich meine.

OH


nach oben springen

#9

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 19:46
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
avatar

Ich möchte ja nicht das Thema gleich wieder zum entgleisen bringen, aber was machen wir denn im schönen Deutschland, und das nicht nur in der Bildung.
Wie im 17/18.Jahrhundert, jeder kocht sein Süppchen, der lehrt dies und der lehrt das und am Ende wundern wir uns, das der Schüler unheimliche Defizite auf X Gebieten hat.
Aber das war nur mal so ein Gedanke, einer für die Einführung der Ganztagsschulen, so wie die politechnischen Oberschulen der DDR.

R-M-R


nach oben springen

#10

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 20:16
von PF75 | 3.291 Beiträge

im großen und ganzen kann ich Danny_1000 nur zustimmen,nin auch 62-72 zur schule gegangen.zum respekt Lehren gegenüber,wer negativ auffiel wurde auch schon mal grob angefasst unddann gings wiederund keiner fand das schlimm.soeit ich mich erinnern kann waren ja die westdeutschen schulen und betriebe positiv überrascht vom ausbildungsstand der jugendlichen aus der DDR,also kann das bißchen "ROTLICHT" was man überall bekommen hat keinem geschadet haben und ihn negativ beeinflußt haben.


nach oben springen

#11

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 20:17
von manudave (gelöscht)
avatar

Zum eigentlichen Thema:

Bis zur vierten Klasse hab ich´s ja geschafft... - nee, es war sogar Anfang der Fünften.
Ich erinnere mich an die Riesen-Zuckertüte bei der Einschulung. Ein Cowboy-Kutsche war drinnen - das war was feines. Ich fand später, dass die Schultüten im Westen viel zu klein waren. Das Ding sollte gefälligst größer als ich sein - und das war sie auch.
Ab und zu gab es vor Schulbeginn Appell - aber nicht jeden Tag, wie das manche Medien einem weismachen wollen. Ich hab die sogar ganz gut gefunden - so wie mir der ganze Aufmarschkram und frühzeitliche Militärerziehung gefallen haben.
Letzter kam bei uns wohl mehr vor, als in anderen Familien, da wir mit Vater öfter zu irgendwelchen Schautagen der NVA durften - das war als kleiner Hüpfer schon gut.
In der Schule hatten wir unseren eigenen Schulgarten - richtig geackert haben wir da. Den Schwung eines Blecheimers, den ein Mitschüler lustvoll umherschleuderte, kann man heute noch als Narbe auf meinem Kopf bewundern. So kam ich wenigstens mal in den Genuss, einen Blaulicht-Barkass von innen zu sehen. In den kam meine Mutter Jahre zuvor auch - allerdings war das ne andere Farbe.
Heimatkunde hieß unsere politische Erziehung in den jungen Jahren - wenn man heute mal überlegt, dass kleine Stöpsel bereits den Angriff der Nazis auf die russischen Freunde durchnahmen... - ich erinnere mich besonders an die Bilder in den Schulbüchern, wo weinende Mütter ihre Gefallenen Söhne betrauern.
Regelmäßige Pionierveranstaltungen, Gesangswettbewerbe, viel in der Natur unterwegs.
Ja, die Schulzeit konnte auch schön sein.
Unangenehm in Erinnerung sind die vielen Auftritte bei unserer Direktorin, die (wie ich heute weiß) nach unserem Ausreiseantrag häufiger wurden. Wenn ich so aufmüpfig gewesen wäre, wie die mich hingestellt hat und wie mein Hausaufgabenheft aussah (jeden Tag rote Tadel), dann wäre ich wohl heute ein Knastbruder - aber eigentlich war ich das stillste Wasser überhaupt.
Sport war bei uns hammerhart - ein ehemaliger NVA-Ausbilder jagte uns durch den Saal einer Gaststätte bis zur Selbstaufgabe. Als Horror empfand ich immer das Klettern an der Kletterstange. In vier Jahren gab es nicht ein einziges Fussballspiel oder eine sonstige Mannschaftssportart - das war bestimmt nicht die Regel.
Nach der Schule ging´s in den Hort - da schreib ich nix zu - das habe ich gehasst.
Aber der 5. Klasse ging man dann in den Club Mittagessen und dann gings heim - das rote Hausaufgabenheft von der grinsenden Mama unterschreiben lassen.


nach oben springen

#12

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 20:45
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Hallo Baeumchen,

das ist wieder eine dieser herrlichen Fragen aus dem schwer beschreibbaren Raum, den man als das Spannungsfeld zwischen der Person und der Gesellschaft ansehen kann. Ich pick mir mal eine Kleinigkeit raus, die letztlich auf die Antwort: "Man kann die Dinge nunmal so oder so sehen" hinausläuft.

Ein großer Teil der Politik spielte sich in der Schule über die Massenorganisationen ab. Also zunächst die Jungpioniere, dann die Thälmannpioniere und zuletzt durch die FDJ. Diese Organisationen waren durchorganisiert. Bei den Pionieren, bei denen bleibe ich jetzt mal, gab es in der Klasse dei Pioniergruppe und den sogenannten Gruppenrat (Leitung mit 5 - 7 Pionieren). Auf Ebene der Schule gab es den Freundschaftsrat. Im Freundschaftsrat war in der Regel aus jeder Klasse ein Pionier. Für die Anleitung gab es pro Schule ja nach Stärke ein oder zwei Pionierleiterinnen (mir sind da keine Männer bekannt), die genauso ausgebildet wurden, wie Lehrer. Die Gremien (Freundschaftrat und Gruppenrat) tagten in der Regel einmal im Monat und die Pioniergruppe (= Klasse - Nichtpioniere) versammelte sich auch regelmäßig. Den Turnus weiß ich da aber nicht mehr. Das Lernen war offiziell Tei der Arbeit des Pioniers und er hatte sich im Gelöbnis auch entsprechend dazu verpflichtet. So etwas konnte einem am Ar... vorbeigehen, man konnte sich aber auch stolz fühlen, wenn man wegen guter Leistungen auch mal nicht nur gute Noten, sondern auch ein Lob über die Pionierorganisation bekam. Seitens der Schule bemühte man sich, Unterricht und gesellschaftliche Arbeit inhaltlich in Einklang zu bringen. Eines der markantesten Beispiele bot zu Pionierzeiten (in der 4. oder 5. Klasse ?) im Deutschunterricht das Buch: "Timur und sein Trupp" von Arkadi Gaidar. Dabei ging es um Kinder, die in der Zeit des 2. Weltkrieges in der Sowjetunion einen Trupp gebildeten hatten, der Menschen half, deren Söhne oder Angehörige in der Armee dienten, oder gefallen waren. Die literarische Figur des Timur, eines Jungen, der diesen Trupp aufgebaut hatte und leitete, wurde wie so vieles in der DDR zur "Bewegung". Die Timurbewegung oder auch Timurarbeit schuf aus uns sogenannte Timurhelfer, die vorzugsweise alten Menschen halfen beim Einkaufen, Kohlen holen etc. - und zwar unentgeltlich.

Nun kann man über sozialistische Indoktrination reden oder sagen, dass das doch eigentlich kein so schlechter Gedanke war. Viele machten mit, weil es eben gemacht wurde. Kaum einer von uns wurde dadurch zum wirklichen Samariter. Aber so insgeheim, wenn man merkte, dass man jemandem geholfen hatte und dass derjenige sich wirklich freute, dann war da schon so ein kleiner Stolz ...

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 17.01.2010 20:47 | nach oben springen

#13

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 20:59
von Rostocker | 7.716 Beiträge

Bei den Pionieren gab es noch einen Unterschied später.Nicht mehr zu meiner Zeit.Da gab es dann die Jungpioniere ´mit den blauen Halstuch und die Thälmannpioniere mit den roten Halstuch.FDJ-ler wurde man mit 14 Jahren und das war meist in der 8.Klasse.So weit noch meine Erinnerungen-


nach oben springen

#14

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 21:07
von Jens | 280 Beiträge

Schultag in der DDR
Lang ist es her und immer wieder erinnert man sich gern.
Mein Schuleintritt war 1975 und ich hatte eine wunderschöne Zuckertüte. Ich dachte,
ich bekomme pro Schuljahr so eine Tüte ,aber ich wurde eines besseren belehrt.
Von der 1. bis zur 4. Klasse hatten wir vormittags Schule.Darunter Deutsch, Musik, Heimatkunde,
Mathe, Sport, Werken und auch Schulgarten. Nachmittags war Hort.
Für alle die Hort nicht kennen, ich erläutere es mal kurz.
Vormittag war Unterricht, dann gab es Mittagessen. Nach dem Mittag wurden wir weiter betreut,
das hieß erstmal Mittagsruhe, dannach Hausaufgaben und wenn man damit fertig war durfte man spielen gehen.
Der Hort ging entweder bis 16.00 Uhr oder 17.00 Uhr, das kam ganz darauf an wie die Eltern Feierabend hatten.
Ab der 5. Klasse war der Hort vorbei und es ging mit Russisch und anderen Fächern weiter.
Auch wenn wir die sogenannte Rotlichtstunden hatten,(wie es so einige meinen), haben wir aber auch viel gelernt.
Es war ja auch der PA-Unterricht. Also handwerklich wurden wir gelehrt und ich kann als Mann auch noch nähen.
Also abschließend bin ich in der DDR nicht nur Rotlichtbeleuchtung durchgelaufen, sondern man hat mir vieles gelehrt.
So sehr ich früher Lehrer gehaßt habe, umso mehr achte ich sie jetzt.

Das mal so geschrieben, Jens


zuletzt bearbeitet 17.01.2010 21:08 | nach oben springen

#15

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 21:33
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Ah, eine Sache ist mir noch eingefallen, die ich bei meinen Kindern dann auch wirklich nachvollziehen konnte. Ein Geschichtsprofessor, der auch in der BRD Vorlesungen gehalten hatte, stöhnte einmal in einer Vorlesung an der Militärpolitischen Hochschule: "Ach Mensch, hier in der DDR kennen alle nur die Zusammenhänge! Keine Sau weiß, was da zusammenhängt, aber die Zusammenhänge kennen sie!" Und dann fügte er noch grimmig gemurnelt hinzu: "Und im Westen ist das genau umgekehrt!"

Das charakterisiert einen Teil der Lehrauffassung auch bereits an den Schulen. In der neunten und zehnten Klasse konnten einige schon recht gut über Produktivkräfte, Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse reden - Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht lieferten da einiges an dem "Wissen über die Zusammenhänge". So erschien uns Geschichte immer als ein geradliniger Strom, der zum Sozialismus und endlich Kommunismus führen musste. Pardautz und plötzlich war alles nicht mehr so einfach ...

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


nach oben springen

#16

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 21:42
von Transitfahrer (gelöscht)
avatar

Tja,
da muß ich doch mal aus dem Schulalltag in den Siebzigern der BRD berichten.
Also die Klassengröße war so 30 Kinder. 1. bis 4. Klasse war Grundschule. Ab der zweiten Klasse gab es Noten.
In der ersten Klasse mußte ich noch am Sa. zur Schule. Dies wurde zur zweiten Klasse 1970 abgeschafft.
Die 5. und 6. Klasse war die Beobachtungsstufe. Dort wurde dann mit den Eltern entschieden wohin die Reise gehen sollte (Haupt- oder Realschule, Gymnasium). 7. bis 9. war Hauptschule, bis 10. war Realschule und bis 13. war Gymnasium. Sofern man nicht kleben geblieben war.

In meiner ganzen Schulzeit gab es nur einen Türken in der Klasse, sonst nur deutsche. Und der war absolut anerkannt und nicht ausgeschlossen.

Die Unterrichtszeiten waren meistens von 8 Uhr bis 13.30 Uhr. Ab der 7. Klasse gab es einmal in der Woche Nachmittagsunterricht. Meistens Sport

Hauptfächer waren Deutsch, Mathe, Englisch, Physik, Bio und Chemie. Heimatkunde und Werkunterricht gab es auch. Später noch Pflichtkurse z.B. Theater, Gitarrenspiel, Photographie oder verschiedenste Sportangebote.

Politik wurde z.B. nicht benotet und wurde auch nur einmal die Woche unterrichtet.
Es gab auch noch so schöne Sachen wie Sexualkunde oder Mengenlehre.

Praktikum ab der 8. Klasse. Drei Wochen auf Arbeit. Musstet Du dir aber selber suchen.

Irgendwas wie Wehrkunde gab es nicht.

Durch die nicht sehr langen Schultagen gab es auch keine Schulspeisung mehr.

So, das war mal ein kleiner Abriss der BRD Schule in den siebzigern. Zumindest in Hamburg. Damals SPD Regiert.

Gruß
Peter

P.S. Auch wir standen noch auf wen der Lehrer hineinkam. Und "Füße zusammen und Hände gefaltet" kenne ich auch noch.

Nur Fahnenapell und Lehrergruß ist mir unbekannt.


zuletzt bearbeitet 17.01.2010 21:45 | nach oben springen

#17

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 21:44
von Mongibella (gelöscht)
avatar

Zitat von PF75
soeit ich mich erinnern kann waren ja die westdeutschen schulen und betriebe positiv überrascht vom ausbildungsstand der jugendlichen aus der DDR,also kann das bißchen "ROTLICHT" was man überall bekommen hat keinem geschadet haben und ihn negativ beeinflußt haben.



Nee, dat Rotlicht hat schon nich geschadet, das hat man erfolgreich ignoriert....ansonsten war die Schule schon gut, es wurde zügig und viel gelehrt, in der POS wie auch in der Berufsschule....ich kam mit dem Tempo gut klar, langweilte mich zuweilen sogar weil es mir nich schnell genug ging....im Westen in der ersten Firma, ich war ja nich gleich am Fahren, war man begeistert von meinem Wissensstand und merkte mich nach wenigen Wochen schon vor zu nem Meisterlehrgang, den ich in zwei Jahren absolvieren sollte....achja, ich wollte aber was anderes....nen Arbeitskollege von mir, ein ehemaliger Top-Manager in einer grossen Firma versteht mich in der Hinsicht sehr gut....

....irgendwie bin ich doch froh drübber, das ich nie studiert habe, wozu ich immer gedrägt wurde....ich wär sowieso nie damit klar gekommen, das man sich einige Jahre auf Zeit verpflicheten hätte müssen in der DDR, auch wär ich im Westen damit nich klargekommen ne leitende Position haben zu müssen....

....ich bin einfach nich für Karriere gemacht und froh heute jeden Morgen woanders aufzuwachen und am Wochenende zuweilen in Städten zu stehn, wo andere Leute viel Geld bezahlen um da wenigstens mal im Urlaub sein zu dürfen....und dabei, ich hab mein kostenlos, von der Firma gestelltes Appartement immer dabei...leider ohne eigenes Badezimmer aber man kann ja nich immer alles haben....Douchen gibt es aber eh überall für kleines Geld....

....ich mag das was aus mir geworden ist!

Mara


nach oben springen

#18

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 17.01.2010 21:47
von Jens | 280 Beiträge

[quote="Rainman2"]Ah, eine Sache ist mir noch eingefallen, die ich bei meinen Kindern dann auch wirklich nachvollziehen konnte. Ein Geschichtsprofessor, der auch in der BRD Vorlesungen gehalten hatte, stöhnte einmal in einer Vorlesung an der Militärpolitischen Hochschule: "Ach Mensch, hier in der DDR kennen alle nur die Zusammenhänge! Keine Sau weiß, was da zusammenhängt, aber die Zusammenhänge kennen sie!" Und dann fügte er noch grimmig gemurnelt hinzu: "Und im Westen ist das genau umgekehrt!"

---------------------------------------------------------------------------------------
Ist in der Produktion auch noch so. Ich bediene jetzt eine CNC-Maschine, aber Bohrer, die
ich brauche, kann ich immer noch mit der Hand nachschleifen.
Arbeitgeber nehmen immer noch gern die Leute aus der ehem. DDR.
Können wir doch stolz sein.___ ODER?????____
Gruß Jens


nach oben springen

#19

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 15.02.2010 11:53
von Anton | 156 Beiträge

Zitat von Mongibella


Nee, dat Rotlicht hat schon nich geschadet, das hat man erfolgreich ignoriert....ansonsten war die Schule schon gut, es wurde zügig und viel gelehrt, in der POS wie auch in der Berufsschule....ich kam mit dem Tempo gut klar, langweilte mich zuweilen sogar weil es mir nich schnell genug ging....im Westen in der ersten Firma, ich war ja nich gleich am Fahren, war man begeistert von meinem Wissensstand und merkte mich nach wenigen Wochen schon vor zu nem Meisterlehrgang, den ich in zwei Jahren absolvieren sollte....achja, ich wollte aber was anderes....nen Arbeitskollege von mir, ein ehemaliger Top-Manager in einer grossen Firma versteht mich in der Hinsicht sehr gut....




Ich kann das oben beschriebene und die anderen Posts voll bestätigen. Im allgemeinen nahmen viele Schüler in der Klasse eine gewisse Antihaltung zum Staat DDR ein. Das hing ja auch vom jeweiligen Elternhaus ab.
Fast jedes Kind bekam von zu Hause aus praktisch mit der Muttermilch aufgesogen und ständig durch Ermahnungen eingetrichtert: "Du darfst in der Schule auf keinem Fall erzählen, was zu Hause am Küchentisch besprochen wird und in der Schule erzählst du das, was sie hören wollen." Im Grunde genommen eine sehr schwierige Situation und vergleichbar wie in jeder anderen Diktatur, der ich heute bei der Erziehung meiner Kinder nicht mehr ausgesetzt bin.
Und viele Lehrer, die nicht vollkommen 'kommunistisch' verblendet waren, hatten für uns Schüler Verständnis. So entfiel teilweise schon mal die "Begrüßungszeremonie" zu Beginn der Unterrichtsstunde und es wurde auf das Phrasendreschen stalinistischer Prägung verzichtet. Das wurde von uns Schülern mit einem besonderem gutem Verhältnis zum Lehrer honoriert.

Ich kann mich noch an eine Situation zu Beginn der achtziger Jahre erinnern. Wir waren so ca. 14 - 15jährige Schüler. Der Staatsbürgerkundelehrer stellte im Unterricht die Frage: "Welche Erfahrungen habt ihr in der DDR gemacht?" Es war ja von vornherein klar, welche Antwort er erwartet, zumal kein Schüler andere Erfahrungen vorzuweisen hatte. Und die ganze Klasse brüllte im Verband: "Schlechte!" Der Lehrer schnaufte vor Wut und griff sich den Erstbesten und verpasste ihm eine Ohrfeige. Dann verließ er den Raum und der Unterricht war beendet.

Viele Grüße
Anton



zuletzt bearbeitet 15.02.2010 12:05 | nach oben springen

#20

RE: Schulalltag in der DDR

in Leben in der DDR 15.02.2010 12:01
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Anton

Zitat von Mongibella


Nee, dat Rotlicht hat schon nich geschadet, das hat man erfolgreich ignoriert....ansonsten war die Schule schon gut, es wurde zügig und viel gelehrt, in der POS wie auch in der Berufsschule....ich kam mit dem Tempo gut klar, langweilte mich zuweilen sogar weil es mir nich schnell genug ging....im Westen in der ersten Firma, ich war ja nich gleich am Fahren, war man begeistert von meinem Wissensstand und merkte mich nach wenigen Wochen schon vor zu nem Meisterlehrgang, den ich in zwei Jahren absolvieren sollte....achja, ich wollte aber was anderes....nen Arbeitskollege von mir, ein ehemaliger Top-Manager in einer grossen Firma versteht mich in der Hinsicht sehr gut....




Ich kann das oben beschriebene und die anderen Posts voll bestätigen. Im allgemeinen nahmen alle Schüler in der Klasse eine gewisse Antihaltung zum Staat DDR ein.
Viele Grüße
Anton





Kann ich so nicht bestätigen.


nach oben springen


Ähnliche Themen Antworten/Neu Letzter Beitrag⁄Zugriffe
Schulfernsehen in der DDR
Erstellt im Forum Leben in der DDR von Batrachos
13 18.02.2015 19:55goto
von 94 • Zugriffe: 1725

Besucher
21 Mitglieder und 51 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: DerKurze
Besucherzähler
Heute waren 1671 Gäste und 121 Mitglieder, gestern 3466 Gäste und 184 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14354 Themen und 556984 Beiträge.

Heute waren 121 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen