#141

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 12.05.2009 17:14
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo, alle zusammen

Als kurzes Vorwort ein Textauszug aus DIE WELT vom 16. April 2009 unter der Überschrift „ Warten auf Demjanjuk“: Der Pariser Anwalt Serge Klarsfeld hat angekündigt, in dem Prozess in München, so er denn je stattfindet, als Nebenkläger für die Organisation „ Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs“ auftreten zu wollen. Der frühere Stellvertretende OSI- Chef Jonathan Drimmer geht von einer erdrückenden Beweislage gegen Demjanjuk aus. Auch wenn er ein alter gebrechlicher Mann sei, sei eine Anklage gerechtfertigt, sagte Drimmer. Ein Prozess würde das Signal aussenden, dass alle Beteiligten an Massenmorden bis ans Ende ihrer Tage mit Strafverfolgung rechnen müssen.

Verrat, der Geschichte 3. Teil

Die Verhaftung bedeutete aber, dass Lesser seinen Lehrerberuf nicht länger ausüben durfte. Ein Freund stellte ihn in einer Fabrik des Ortes an. Lesser war weiterhin aktiv in seinen Clubs, und einen Monat nach seiner Freilassung schien alles wieder normal zu sein. Aber auf Marion, der die Gründe für die Verhaftung ihres Vaters unbekannt blieben und die Zuhause nicht darüber sprechen konnte, sollte sich der Druck auf andere Weise auswirken; Ihre schulischen Leistungen sanken ab. Anstatt seiner Tochter zu helfen ,ihre Schwierigkeiten beim Lernen zu überwinden, beschloss der Vater, sie zu kaschieren. Das war einer der Gründe, warum er sie 1965 schließlich doch zu ihren Tanten schickte. „ So konnte er“, sagte Marion, den Nachbarn erzählen, dass ich in der Schule gut voran kam. Da ich nicht mehr in der Stadt war, wusste es niemand besser.“
Die folgenden sieben Jahre wohnte Marion bei ihren Tanten und hatte nur besuchsweise Kontakt zu ihrem Vater .Er blieb für sie ein liebevoller, doch ferner Mensch. Sie wusste nicht, dass die ersten gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen in aller Stille wieder fallengelassen wurden, als es der Anklage nicht gelungen war, einen „wasserdichten“ Fall daraus zu machen. Inzwischen hatte Marion erstmals in der Schule einiges über den Krieg und dessen Grausamkeiten gehört. „ Das war kurz nachdem ich bei meinen Tanten eintraf“, erinnert sie sich. „ Ich war so etwa dreizehn Jahre alt und erfuhr von den echten Horrorgeschichten der Nazizeit. Ich hatte diese Geschichten nie mit meinem Vater in Verbindung gebracht. Und ich konnte auch nie mit meinem Vater oder meinen Tanten darüber reden. Beide waren sie während des Krieges Nationalsozialisten gewesen; sie waren wie die ganze Familie. Über den Krieg oder über Sex zu sprechen, galt als tabu. Einmal fragte ich eine meiner Tanten, aber sie gab eine sehr einseitige Darstellung. Sie stellte den Krieg als heroisch dar und sagte, alles, was man uns in der Schule darüber erzählte, sei gelogen. Sie sei dabei gewesen und wüsste besser Bescheid; ihrer Meinung nach könnte die Jugend das nicht beurteilen oder kritisieren. In meiner Familie hatten sie immer gestöhnt: , Oh, nur nicht wieder die verdammten Juden. So viele können gar nicht umgebracht worden sein, sie sind ja immer noch überall- in der Presse, in der Industrie, in ganz Amerika.“
Also behielt ich diese Dinge einfach für mich. Meine Tanten sprachen schlecht über meinen Vater. Sie machten ihn für den Tod ihrer Schwester verantwortlich. Aber niemals richtete sich ihre Kritik auf seine Nazivergangenheit oder darauf, was er im Krieg getan hatte.“
Inmitten der dramatischen linksgerichteten politischen Ereignisse und der Studentenrevolte, die sich 1968 in ganz Europa ausbreitete, wurde die fünfzehnjährige Marion politisch aktiv. Sie trat den Jungsozialisten bei, wurde Sprecherin in ihrer Schule und nahm an zahlreichen Schülerdemonstrationen teil. „ Ich engagierte mich für alles, was mit Fragen der Unterdrückung zu tun hatte“, sagt sie. Aber Zuhause in ihrer Familie mied sie jede Diskussion oder Auseinandersetzung und weigerte sich auch künftig, ihren Vater wegen seiner Kriegstaten zur Rede zu stellen. Marion akzeptierte weiterhin seine Autorität und konnte mit ihrem neu gefundenem politischen Aktivismus noch nichts anfangen. „ Ich war dazu erzogen worden, zu schweigen und der Autorität absolut zu gehorchen“, sagt sie.
Die einzigen politischen Diskussionen waren „hoch abstrakt“ .Aber Marion fand auch bald heraus, dass der Vater sie gern provozierte. Da er von ihren linken Neigungen wusste, hänselte er sie oft mit den Worten: „ Oh, ihr seid alle Feiglinge, ihr macht keine Revolution, wir haben eine Revolution gemacht.“ Mitunter, wenn sie ihn zu Hause besuchte; schalt er sie wegen der Krisen oder der Probleme der sozialistischen Regierung und forderte ihren Widerspruch heraus. „ So war er immer“, erinnert sich Marion.
Im Jahre 1970 wurde Lesser unerwartet ein zweites Mal verhaftet. Diesmal hatte die Anklage einen viel stichhaltigeren Fall vorbereitet. Die Anklageschrift, in der auch der den Einsatzgruppen zugeteilte Dolmetscher Lessers belastet wurde, belief sich auf über zweihundert Seiten. Lesser wurde beschuldigt, Dutzende organisierter Hinrichtungen geleitet zu haben, die im Einzelfall zwanzig bis siebenhundert Opfer forderten. Lesser wurde die persönliche Verantwortung für die Ermordung von über zweitausendsechshundert Menschen, darunter ganzen Familien, zugeschrieben.
Die Anklageschrift lies keinen Zweifel an der Art seines Kriegsdienstes, indem es hieß, er sei im Zusammenhang mit der Hinrichtung von Juden mit außergewöhnlicher Grausamkeit vorgegangen. „ In keiner Weise, Art oder Form verhielt er sich menschlich. Im Gegenteil, er zeichnete sich durch seine Präzision, seinen Eifer aus.“
Erneut wurde Lesser nach einem kurzem Gefängnisaufenthalt gegen Kaution freigelassen. Und wieder wurde Marion nicht über die Einzelheiten seiner Verhaftung oder die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen informiert. Obwohl siebzehn Jahre alt und in der Schule politisch rebellisch, vermochte sie sich nicht zu überwinden, sich mit ihrem Vater auseinanderzusetzen. Der Rest der Familie verhielt sich still.
Um diese Zeit verließ Marion die Schule, ohne ihr Abitur gemacht zu haben. Im Jahre 1972 heiratete sie im Alter von neunzehn Jahren, doch ihre Ehe dauert nicht einmal drei Jahre.
Während Marion bemüht war, ihr eigenes Leben unabhängig von der Familie ein zurichten, bereitete sich ihr Vater .auf seinen Prozess vor. Eine Gruppe ehemaliger Nazioffiziere, die sich Stille Hilfe nannte, bot Lesser Geld für seine Verteidigung an, und er nahm sich einen rechtsgerichteten Anwalt. Einer von dessen ersten Schachzügen bestand darin, den bevorstehenden Prozess wegen des schlechten Gesundheitszustandes seines Mandanten hinauszuzögern. Mit dieser Taktik hatte er fünf Jahre lang Erfolg. Im Jahre1974 begleitete Marion ihren Vater auf einer seiner Reisen zu einem Münchner Arzt. An diesem Tag änderte sie für immer ihre Meinung über ihn.
„ Ich musste lange auf ihn warten, und seine Akten steckten in der offenen Tasche; ich hatte gerade begonnen, einen Blick auf sie zu werfen. Und zum ersten Mal fand ich heraus, was er genau getan hatte, warum es in dem Prozess ging, welche Verbrechen er begangen hatte. Ich sah die Anklageschrift und wollte nur einen kurzen Blick darauf werfen.
Doch dann waren da ein paar Bemerkungen in der Handschrift meines Vaters an den Rand geschrieben, die meine Aufmerksamkeit erregten. Ich konnte sofort sehen, dass diese Bemerkungen für seinen Anwalt bestimmt waren. In einigen beschuldigte er seinen Dolmetscher und ging sehr in Einzelheiten, was die Zahl der Bewacher betraf und dass weniger Juden hingerichtet worden seien. Wenn es zum Beispiel hieß, vier Menschen sein zur Grube geführt worden, dann hatte er es durchgestrichen und hingeschrieben, dass es an jenem Tag nur zwei gewesen seien oder acht oder wie auch immer.
In diesem Stil hatte er die gesamte Anklageschrift korrigiert. Ich war schockiert. Mir wurde nicht nur klar, wessen man ihn beschuldigte, sondern das sein Gedächtnis sehr präzise und in allen Einzelheiten arbeitete. Er hatte immer gesagt, er könne sich an nichts erinnern, das nach all der Zeit. Ich war wie gelähmt, außerstande, darüber zu reden. Selbst später nicht, den der Schock war zu groß. Ich erzählte ihm nicht, was ich gesehen hatte. Lange Zeit redete ich mit niemanden darüber.


Gruß Rainer- Maria


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#142

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 13.05.2009 19:10
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Verrat, der Geschichte 4. Teil

.
Trotzdem kümmerte ich mich weiter um ihn. Damals war ich der Überzeugung, dass zwei falsche Dinge kein richtiges ergeben- ich konnte ihn einfach nicht bestrafen, weil er etwas Schlechtes getan hatte. Schließlich war er mein Vater und hatte mir persönlich nichts Böses getan. Zu jener Zeit durchlebte ich wegen der Scheidung von meinem Mann private Sorgen, und das lenkte mich von den vielen Problemen ab, die ich mit meinem Vater hatte. Erst später begriff ich das ganze Ausmaß – eigentlich, würde ich sagen, erst in den letzten Jahren.“ Marion glaubt, als erste in der Familie die Anklageschrift gesehen und den ganzen Umfang der gegen Lesser erhobenen Beschuldigungen begriffen zu haben.
Ganz für sich versuchte sie, das gerade entdeckte Bild eines Verbrechers mit dem ihres liebenden Vaters in Einklang zu bringen. Der Prozess gegen den Vater begann 1975. Er bat sie, nicht dabei zu sein. Nur einmal schlich sie sich in den Gerichtssaal, sonst befolgte sie sein Gebot. Von den Zeugen, die gegen ihn aussagten, hörte sie niemanden. „ Aber ich weiß sehr gut“, sagt Marion, „ dass viele seiner Freunde kamen ,um zu bezeugen, welch braver Mann er sei. Darauf war er sehr stolz.“ Lesser beeindruckte den Richter auch dadurch, dass er bestimmte Verbrechen eingestand und seinen Dienst in der SS bereute. „ Jetzt weiß ich, dass er nur zugab, was bereits hundertprozentig erwiesen war“, sagt Marion. „ Was die Reuebekundungen anging, so war er stets ein guter Schauspieler gewesen. Ich weiß, das er nicht bereut, das er nicht bedauert, was er tat. Er glaubt, er habe seine Pflicht getan, es sei alles rechtens gewesen, und er ist stolz darauf, nicht beschämt. Für keines seiner Opfer hat er je Mitleid empfunden. Aber er wusste, dass er das dem Gericht nicht sagen durfte.“
Am Tag der Urteilsverkündung befand sich Marion im Gerichtssaal. Lesser wurde für schuldig befunden, an zwanzig Hinrichtungen mit insgesamt siebenhundertsechsundvierzig Morden beteiligt gewesen zu sein oder sie geleitet zu haben.
Das Urteil lautete zwanzig Jahre Gefängnis. Der von der scheinbaren Reue beeindruckte Richter milderte die Strafe jedoch beinahe umgehend auf fünf Jahre Freiheitsentzug mit erleichterten Haftbedingungen. Erst im Juni 1977, nachdem alle Berufungsmöglichkeiten erschöpft waren, trat Lesser seine Haftstrafe an.
„ Als das Urteil verkündet wurde, überraschte mich das Strafmaß nicht“, sagt Marion. „Ich will nicht darüber richten, was angemessen ist und was nicht. Man kann Verbrechen wie diese nicht in der Länge einer Gefängnisstrafe messen. Wäre er kurz nach Kriegsende angeklagt worden, hätte er wahrscheinlich lebenslänglich bekommen. Doch selbst wenn man ihn für den Rest des Lebens hinter Gitter gesetzt hätte, wäre das Leiden der von ihm getöteten Menschen und ihren Angehörigen unmöglich gesühnt worden. Nicht einmal mit lebenslänglich
Ich besuchte ihn oft im Gefängnis. Aber ich möchte entschieden klarstellen, dass ich nie, nie hinnahm, was mein Vater tat. Im Gegenteil, er trägt eine schwere Last, und seine Taten lassen sich niemals ungeschehen machen.“
Lesser wurde schließlich die Zeit, die er bei vorangegangenen Verhaftungen im Gefängnisverbracht hatte, auf seine Haftstrafe angerechnet, und so blieb er nur zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Der wegen Mordes Verurteilte wurde zu Weihnachten 1979 wieder freigelassen. „ Nach seiner Heimkehr gab es niemanden unter seinen Freunden, der ihn mied“, sagte Marion. „ Im Gegenteil, sie nahmen ihn vorbehaltlos wieder in ihren Kreis auf. Sie sind der Meinung, mitseiner Verurteilung und seiner Haftstrafe sei großes Unrecht geschehen. Auch er denkt so und meint, die Regierung habe ihm Schaden zugefügt und ihn unfair behandelt. Es ist interessant, dass kein einziger in der Stadt ihn je kritisierte. Er stieg sogar in höhere gesellschaftliche Kreise auf.“
Kurz nach seiner Freilassung traten für Marion zwei wichtige Ereignisse ein. Sie heiratete zum zweiten Mal und bekam bald ihr erstes Kind, einen Sohn. Zögernd begann sie mit ihrem Mann über den Vater zu sprechen. Von Anfang an half er ihr, die Verbrechen des Vaters aus der richtigen Perspektive zu sehen und bestärkte sie in ihrer Unabhängigkeit.
Nach der Geburt von Marions Sohn im Jahre 1980 kam Lesser häufiger zu Besuch, ihn drängte es, seinen ersten Enkel zu sehen. Noch immer fühlte sich Marion außerstande, mit ihrem Vater über dessen Vergangenheit zu reden. Noch immer wusste er nicht, das sie die Anklageschrift gesehen hatte und die volle Wahrheit über seinen Dienst bei den Einsatzgruppen kannte. Sie hatten ein gespanntes Verhältnis zueinander, doch er wusste nie, warum. Aus Angst vor seinem Einfluss bemühte sie sich, seinen Kontakt zu den Kindern ( 1982 wurde eine Tochter geboren) einzuschränken.
Im Jahre 1985 begegnete Marion einer Frau, die ebenfalls die Tochter eines Nazis war, Dörte von Westernhagen. Sie recherchierte im Zusammenhang mit einem Buch über Kinder nichtprominenter Nazifunktionäre. Das Buch, Die Kinder der Täter, erschien 1987 in Deutschland, und die Autorin nahm ein Kapitel über Marion und ihren Vater darin auf.
Das war kurz nach der Veröffentlichung von, Schuldig geboren, einer Sammlung anonymer Gespräche mit Kindern von Nazis.
„ Eines Tages sah mein Vater bei mir Zuhause ein Exemplar von Schuldig geboren, und im Scherz fragte er: , Was hast du da? Bist du da auch drin? Und darauf fragte ich ihn: , Was würdest du tun, wenn! Er tat diese Andeutung rundheraus ab:, Unsinn! Unsinn!“
Zwei Jahre nach dem Erscheinen von Marions Interview im Buch von Dörte von Westernhagens Buch erzählte ein Cousin Lesser darüber. Er geriet außer sich. „ Er hätte es wahrscheinlich selber nie herausgefunden“ sagte Marion. „ Er liest so etwas nicht, nichts über jene Zeit. Er war aufgebracht. Fast alle in der Familie waren aufgebracht. Sie sahen es als öffentliche Nestbeschmutzung an. Die meisten nahmen es zum Anlass, mit mir zu brechen. Mein Vater konnte einfach nicht damit fertig werden. Er sprach nicht mit mir darüber, aber seine Aggressionen wurden immer heftiger. Das wirkte sich auch auf meine Kinder aus. .Einige Zeit später erhielt ich von ihm einen langen Brief, in dem er versuchte, alles, was er gesagt hatte, richtig zu stellen. Er griff mich darin. Zum Beispiel sagte er, als Entschuldigung für mich könne dienen, das ich eine Psychopathin sei, wie ich selber bewiesen hätte, indem ich mich in diesem berüchtigten Interview wie wild gebärdet habe.
Er schrieb auch ,er würde sein Verhalten seinen Enkeln gegenüber rechtfertigen. Nach diesem Brief entschloss ich mich, jeden weiteren Kontakt mit ihm zu meiden. Es folgte ein weiterer Brief, aber ich verweigerte seine Annahme, um mich zu schützen.“

Gruß Rainer- Maria


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#143

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 14.05.2009 19:10
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Verrat, der Geschichte 5.er und letzter Teil


Wenngleich sie nur etwa sechzig Kilometer voneinander entfernt leben, hat Marion ihren Vater zwei Jahre lang weder gesprochen noch gesehen. „ Ich weiß, wie sehr es ihn schmerzt, das seine Enkel von ihm ferngehalten werden. Er leidet darunter! Aber er hat sich selbst in diese Lage gebracht.“
Marion verspürt keinen Hass auf ihren Vater. „ Ich lebte und lebe in einem Konflikt. Ich habe nie das Bild eines guten und liebevollen Vaters und zugleich eines Verbrechers zu begreifen vermocht. In den letzten Jahren ist es besser geworden, da ich keinen Kontakt zu ihm habe. So ist das Bild des liebenden Vaters verblasst. Ich sehe ihn jetzt eher als Menschen, der seine Seele mit den Morden an vielen anderen Menschen belastet hat. Wenn ich etwas für ihn empfinde, dann ist es Mitgefühl, Mitleid.“ Wegen der Verbrechen ihres Vaters hat sich Marion ganz besonders bemüht, ihre Kinder in einer offenen , liberalen Atmosphäre zu erziehen. Sie besuchen die Steiner-Schule und haben sich für geisteswissenschaftliche Fächer entschieden; die Nazibehörde ihres Vaters hatte die Schule während des Krieges geschlossen. „ Ich hoffe sehr oft, dass in mir oder meinen Kindern keiner der Charakterzüge meines Vaters durchbricht“, sagt sie. „ Ich glaube, vieles wird durch die Umwelt, in der man aufwächst, gesteuert und mein Mann und ich versuchen bewusst, unsere Kinder anders zu erziehen. Wir lehren sie, menschlich und allen gegenüber tolerant zu sein und das alle gleich geboren werden. Wir erklären ihnen, das man die Rechte eines jeden Menschen achten muss. Ich möchte nicht, dass mein Sohn zum Militär geht, und versuche, ihm diesen Pazifismus einzugeben. Noch habe ich meinen Kindern nichts über die Rolle ihres Großvaters im Krieg erzählt. Sie sind zu jung( acht und zehn). Aber wenn ich sie für alt genug halte, zu begreifen, werde ich ihnen die Prozessprotokolle und Bücher und alles über ihn geben, damit sie die Wahrheit erfahren.“
Marion engagiert sich auch sozial. „ Ich helfe ausländischen Familien hier in Deutschland. Es beginnt mit der Sprache und reicht bis zur sozialen Integration. Auf meine bescheidene Weise versuche ich, diesen vom Glück weniger begünstigten Familien bei ihren sozialen Problemen behilflich zu sein. Ich denke, dass ich mit dieser Arbeit versuche, seine Untaten wieder gutzumachen.“ Jüngst hat sie Israel besucht, „ eine wundervolle Erfahrung“, und plant, noch einmal dorthin zu reisen. Marion hält ihre Kinder auch dazu an, mit griechischen und türkischen Kindern zu spielen, die von den anderen im Dorf oft gemieden werden. So bemüht sie sich, eine Identität aufzubauen, die sich von der ihres Vaters grundlegend unterscheidet. „ Er wird sich überhaupt nicht ändern. Er denkt immer noch, das es Rassen gibt, die nicht so lebenswert sind wie die arische. Auch andere Leute denken so. Wäre ich so brutal wie er, würde sich nie etwas ändern- weder in unserer Familie noch überhaupt. Ich muss anders sein als er. Er hätte etwas tun können für die Allgemeinheit, hätte Spenden geben, karitativ arbeiten können. Irgendeinen Versuch der Wiedergutmachung hätte er unternehmen können. Es gibt Dinge im Leben, die man nie wieder gerade rücken kann, aber man kann sein Bestes tun, und das hat er nie auch nur versucht.“


Als ich mich mit Marion bei ihr Zuhause unterhielt, zeigte sie mir ein Fotoalbum, das ihr Vater 1983 zusammengestellt und ihr geschenkt hatte. Es ist ein nostalgischer Blick auf seine Familie und seinen Dienst als Nazi. Die Fotos zeigen junge Männer in Naziuniformen, Sportveranstaltungen der Nationalsozialisten, ihren Vater in seiner prächtigen SS- Uniform- sogar das Original seiner Heiratsanzeige mit den SS- Insignien darauf. Auf eine Seite hatte er über die Fotos von Heydrich und Göring die Überschrift „ Meine Chefs“ gesetzt, an anderen Stellen des Albums die SS- Runen sorgfältig nachgezeichnet.
„ Das waren seine Andenken“, sagt Marion. Als er mir das Album überreichte, war es für ihn irgendwie eine Last geworden, all die Fotos von meiner Mutter und das alles. Es ist typisch für ihn, dass er, wenn etwas zu schwierig für ihn wird, es beiseite schiebt. So hat er es auch mit diesem Album gemacht. Aber es zeigt, wie er noch immer fühlt.“ Sie schüttelt leicht den Kopf, als sie die Bilder betrachtet.“ Wir haben es alle so satt zu hören, ich habe nur meine Pflicht getan“, sagt sie mit leiser Stimme, als spräche sie zu sich selber und nicht zu mir. Bei unseren Gesprächen war auch Marions Cousine Ute zugegen. Sie versuchte mir den Konflikt begreiflich zu machen, in dem sich Marion heute befindet. „ Marion wartet auf irgendjemanden, auf etwas wie einen Zauber, der ihr die große Last abnimmt. Als sie das erste Mal darüber sprach, hoffte sie auf eine Karthasis, darauf, dass alles ein für alle mal aus dem Bewusstsein getilgt würde. Aber je öfter sie darüber sprach, desto schlimmer wurde es. Es ist die Uneinsichtigkeit ihres Vaters, seine fehlende Bereitschaft, sich zu ändern, die es ihr so unerträglich macht. Es ist seine Weigerung, wenigstens für einen Moment das Barbarische seiner Kriegstaten zuzugeben.“ Marion unterbricht:“ Er ist so sehr davon überzeugt, das er recht hat. Niemals auch nur ein bisschen Reue oder Schuldbewusstsein. Ich kann nicht begreifen, dass er mein Vater und gleichzeitig so ist.“
Als ich sie ansprach und sagte, das ich sie gern in dieses Buch aufnehmen würde, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Anfangs zögerte sie auch deshalb, weil in dem Buch eine Reihe von Kindern prominenter Nazis zu Wort kommen sollten. Sie bezweifelte, dass ihr Vater in eine Reihe mit so hochrangigen oder berüchtigten Nazis gehörte. „ Am Ende gelangte ich zu dem Schluss, dass es nicht immer auf den Rang ankomme“, sagt sie. „ Was zählt, ist die Vernichtung jedes einzelnen. Jeder Tod eines Menschen war Mord. Was mein Vater tat, reicht aus. Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob ich mit meiner persönlichen Geschichte noch einmal an die Öffentlichkeit gehen sollte. Ich tue das nur, weil ich lange mit ihnen gesprochen habe. Inzwischen habe ich keine Angst mehr. Ich fürchte mich nicht vor den Repressionen oder Drohungen meiner Familie. Aber ich denke an meine Kinder, und sie sollen darunter nicht leiden. Ich bin dahin gelangt, nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, das man Geschehenes nicht wiedergutmachen kann. Aber wenn Leute von meiner Geschichte hören, wird ihnen hoffentlich bewusst, dass sie mit wachen Sinnen auf politische Veränderungen reagieren sollten und daß jeder einzelne dafür verantwortlich ist, dass ähnliches nie wieder geschieht. Die Menschen müssen sich für Freiheit und Frieden und vor allem für Menschlichkeit einsetzen.“


¹ Für die deutsche Ausgabe wurden deshalb die Namen der Interviewten und ihrer Angehörigen geändert. ( Anm. d. Übers. )
² Sein verstorbener Bruder hatte ebenfalls der SS angehört.


Gruß Rainer-Maria


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#144

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 15.05.2009 18:57
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen, das verwundert mich aber jetzt, den hier ist eine der besten Beschreibungen der bundesdeutschen Provinz zwischen 1945 und 1989 in einer einzigen Geschichte zusammengefasst und es erfolgt keine Reaktion im Forum darauf, nicht eine Einzige ! So wie auf die „ Antifaschistischen Geschichten“ der jungen DDR, die ich im Thema Buchenwald eingestellt hatte, wo die Kritik anschließend nicht lange auf sich warten ließ. Da hielt sich der Nachfolgestaat des Dritten Reiches, dieses Westdeutschland den Spiegel sprichwörtlich vor die eigene Nase, ich übertrage ebenso Dorf auf Kleinstadt, Kleinstadt auf Großstadt und alle starben sie friedlich in ihren Betten, die alten Männer , die Täter, hoch geachtet von ihren Familien(ausgenommen der Familie von Marion) Freunden, Mitbürgern, Arbeitskollegen und ich provoziere jetzt einmal mit voller Absicht: „ Da sollte ausgerechnet die alte DDR für ihre Toten an der innerdeutschen Grenze gerade stehen“? Wenn die Anderen,“ jeder Einzelne für hunderttausende Tote den Persilschein bekommen haben“, ihre Kinder und Enkel heute in den richtigen Positionen sitzen, um Recht zu sprechen , „demokratisches Recht“ zu sprechen über eben diesen ehemaligen Staat der Arbeiter, Bauern und Intelligenz. Das ist doch irgendwie makaber , leuchtet mir nicht ganz ein, oder welcher Meinung seit ihr? Ich höre natürlich schon den Aufschrei aber auch die Zustimmung, den dafür ist unser Forum doch da, um Klartext zu reden, also reden wir Klartext. Ich freue mich auf die Diskussion, hier im Thema Weiterführung Diskussion BRD- DDR. Mein aufrichtiger Dank gilt hiermit der Tochter von Hans Lesser für ihre ehrliche und aufschlussreiche Geschichte, die ich hier für dieses Forum verwenden durfte. .Ich habe sie meiner ältesten Tochter zum Lesen empfohlen und gebeten, mir anschließend ihre Meinung darüber mitzuteilen den unser Verhältnis ist in etwa so, wie bei Marion und ihrem Vater, als sie noch miteinander geredet haben. .

Gruß Rainer- Maria


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#145

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 15.05.2009 19:54
von Transitfahrer (gelöscht)
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Dann melde ich mich mal,

ich habe die Geschichte nicht kpl. durchgelesen, aber es ist unstrittig, daß die BRD in der Aufarbeitung von Kriegsverbrechern viele Versäumnisse gemacht hat. Es ist aber nicht so, das die BRD der Nachfolgestaat der "Dritten Reichs" ist oder war. So ist z.B. 1965 die Verjährungsfrist für Mord im Zuge des II. WK verlängert worden. Daraus resultierten die Prozesse gegen mehrere Auschwitz-Aufseher, die zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Wie Du vielleicht weißt, gab es die Todesstrafe in der BRD nicht mehr. Das dies erst 20 Jahre nach beendigung des Krieges geschah, ist mehr als beschämend. Eine ganze Reihe Kriegsverbrecher wurden nach dem Krieg verurteilt und hingerichtet, bzw. inhaftiert. Aber es sind auch viele unbehelligt geblieben oder untergetaucht. Nicht alle SS oder Wehrmachts- oder Gestapoangehörige waren Kriegsverbrecher. Aber leider sind viele Verantwortliche ungeschoren davon gekommen. Etliche sind ja auch ins Ausland geflohen.
Und sehr häufig wurde über diese Zeit in den Familien überhaupt nicht gesprochen. Dies war in West- wie in Ostdeutschland so.
Denn jetzt wiederholt sich die Geschichte. Keiner der Beschuldigten sagt was, die Akten sind vernichtet und in Stasikreisen hilft man sich gegenseitig.
Aber was können denn die Kinder und Enkel für die Taten ihrer Eltern? Richtig, gar nichts! Also können sie sehr wohl Recht sprechen über den Unrechtsstaat DDR.

Gruß
Peter


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#146

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 15.05.2009 21:14
von Augenzeuge (gelöscht)
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Danke Transitfahrer,
guter Beitrag der im Großen und Ganzen auch meine Meinung darstellt. Nun weiß ich ja, dass unser Freund Rainer gerne provoziert.
In einem Forum bringt das auch die gewisse Würze mit. Ich würde sogar behaupten, wenn er hier die BRD als direkten Nachfolgestaat des 3. Reiches bezeichnet, so weiß er doch insgeheim, das dem nicht so ist. Wenn dem nämlich so wäre, dann hätte er nur einseitige Literatur gelesen, und das glaube ich dem Rainer einfach nicht. Immerhin soll im Nachfolgestaat BRD nun ein Verbrecher namens Demjanjuk vor Gericht gestellt werden.

Lieber Rainer, hast du mal in deinen Stammbaum als 14-jähriger geschaut, ob dein Lebensbild auch dem deines Großvaters entspricht?
Wenn du die Kinder der NS-Verbrecher automatisch beschuldigst, das tust du wenn du ihnen korrupte Handlungsfähigkeit vorwirfst, dann ist das nicht anderes als eine Judenverfolgung mit anderen Vorzeichen. Weißt du wieviel NS-Genossen zu SED-Genossen wurden? War das etwa richtig? Waren das dann gleich bessere Menschen?
Warum hat man eigentlich die DDR Kriegsverbrecher für den Aufbau ihrer Armee zu Rate gezogen? Waren die Russen nicht gut genug?
Weißt du, dass der erste Präsident des Obersten Gerichts der DDR, Kurt Schumann, zuvor NS-Kriegsgerichtsrat gewesen ist. Hat die DDR nicht mit einer Diktatur eine andere nur abgelöst? Die "humanitäre" Todesstrafe wurde noch 1982 vollstreckt. Die DDR-Richterin Hilde Benjamin kann man doch guten Gewissens mit Freisler vergleichen. Könnte man nicht mal über die Unrechtsurteile der DDR einen Thread aufmachen? Hier liegt einiges im Dunkeln, welches den einfachen Bürger an der sog. Humanität des Staates doch zweifeln lässt.

Gruß, Augenzeuge


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#147

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.05.2009 11:08
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Nun ,Hilde Benjamin,zu der kann ich weniger sagen,aber ein Vergleich mit Freisler,mit dem ich
intensiv beschäftigt habe-starke Worte.Was der mit der deutschen Rechtsgeschichte angestellt hat
ist ja wohl das finsterste Kapitel,was es je gab.Ein Blutrichter ohne gleichen.



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#148

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.05.2009 12:15
von Augenzeuge (gelöscht)
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Hallo Zermatt,

wir wissen sicher alle relativ viel über Freisler, relativ wenig über diese Frau Benjamin. Ok, ich geb zu das ich einen provokanten Vergleich wage. Der ist sicher nicht weniger provokanter, als die BRD als direkten NS-Nachfolger zu nennen. Aber ich stehe dazu! Aber dann lasst uns doch versuchen herauszufinden, was für ein Mensch diese Frau war.

Nun zu Hilde Benjamin: Ihr Name ist verbunden mit der Genickschußjustiz der DDR. „Bluthilde“ und „Rote Hilde“oder „Rote Guillotine“ wurde die Frau im Volksmund genannt, weil sie als Richterin stalinistische Urteile fällt bis hin zu fragwürdigen Todesurteilen. Am 15. Juli 1953 steigt sie zur Justizministerin auf – zur ersten weltweit.

Sie gilt als Inbegriff stalinistischer Justiz in der DDR. Doch wurde die aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Rechtsanwältin bereits im Berlin der zwanziger Jahre ein Begriff. Da trat sie als Anwältin der KPD auf, unter anderem im legendären Horst-Wessel-Prozeß.

Später zögerte sie nicht, Menschen ins Zuchthaus und in den Tod zu schicken, wenn es dem Erhalt des Bolschewismus diente. Gerade als Justizministerin hat sie weit mehr Todes- und andere Terrorurteile auf den Weg gebracht, als je in ihrer Funktion beim Obersten Gericht.

Sie konstruierte Todesurteile, die einzig den Zweck hatten, den Widerstand in der DDR zu brechen - so auch 1961 gegen einen Dachdecker, der als Brandstifter beschuldigt wurde. Sein Todesurteil, in kürzester Zeit verkündet und vollstreckt, trägt die Unterschrift von Hilde Benjamin.

Hier noch eine Dokumentation zum Vergleich Freisler und Benjamin vom OLG-Präsidenten Wassermann, Goslar:

http://www.systemkritik.de/bmuhl/justizv...blind_heit.html

Gruß, Augenzeuge


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#149

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.05.2009 12:27
von Transitfahrer (gelöscht)
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Ich zitiere mal au einem Bericht über die Religionsgemeinschaft Zeugen Jehovas.
"Vor dem Obersten Gericht der Sowjetzonen-Republik in Berlin inszenierten die Machthaber Ostdeutschlands einen Schauprozess besonderer Art. Er richtete sich gegen neun führende Mitglieder der Religionsgemeinschaft 'Zeugen Jehovas', die kürzlich von der Regierung Grotewohl verboten wurde. Zum erstenmal wurde in einem politischen Prozess der Ostzone 'Agitation gegen den Stockholmer Friedensappell' und im Hinblick auf die am 15. Oktober bevorstehenden Wahlen - 'Verleumdung gegen die Volkswahlen' zu Anklagepunkten gemacht. Außerdem werden den Zeugen Jehovas fortgesetzte Spionage, Boykotthetze, Kriegspropaganda und Verleumdung der Sowjetunion und der Volksdemokratien vorgeworfen.

Es überraschte bei diesen östlich des Eisernen Vorhangs so schwerwiegenden Anklagepunkten kaum, dass die Urteile außerordentlich hoch ausfielen. Die Vizepräsidentin des Gerichts, Dr. Hilde Benjamin (in Berlin als 'rote Hilde' bekannt), verhängte die Strafen in der gleichen Höhe, wie sie Generalstaatsanwalt Dr. Melsheimer (in der NS-Zeit Kammergerichtsrat, 1944 wegen 'einwandfreier nationalsozialistischer Gesinnung' zum Reichsgerichtsrat vorgeschlagen) als Anklagevertreteter gefordert hatte. Das bedeutete für zwei der Angeklagten lebenslängliches, für die übrigen Angeklagten acht bis fünfzehn Jahre Zuchthaus. In der Urteilsbegründung bezeichnete Frau Benjamin die Religionsgemeinschaft als 'religiös getarnte amerikanische Spionagreorganisation'. Und dann sagte sie noch: 'Das Urteil soll die unbelehrbaren Mitglieder der Zeugen Jehovas, die an eine Fortsetzung ihrer Arbeit in der DDR glauben nachdrücklich warnen.'

Außerdem ist ein Vergleich Hilde Benjamin - Otto Georg Thierack (Präsident des Volksgerichtshof) wesentlich interessanter. Beide haben den Aufbau der "Gerichtsbarkeit" entscheident mitgearbeitet. Der Vergleich mit Freisler ist aus meiner Sicht nur auf das Auftreten und die Beweisumkehr zulässig.
Und wie Du gelesen hast, Rainer-Maria, war Dr. Melsheimer auch nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt.

Gruß
Peter


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#150

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.05.2009 16:34
von turtle | 6.961 Beiträge
Hallo da es unser Rainer-Maria so wünscht sich an der Diskusion um seinen Beitrag zu beteiligen ich aber im Moment nicht so gut aufgelegt bin(Trauerfall)kann ich mir meine Meinung nun sparen!
Augenzeuge und Transitfahrer haben das schon getan,und ich sehe das genauso!
Gruß Peter (Turtle)

zuletzt bearbeitet 16.05.2009 16:35 | nach oben springen

#151

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.05.2009 08:03
von CaptnDelta (gelöscht)
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Zitat von Augenzeuge
Hallo Zermatt,
[snip]
Hier noch eine Dokumentation zum Vergleich Freisler und Benjamin vom OLG-Präsidenten Wassermann, Goslar:
http://www.systemkritik.de/bmuhl/justizv...blind_heit.html
Gruß, Augenzeuge


Mit dem Link hast Du diesen Thread nach einem langen Irrweg wieder zum Thema zurueckgebracht. Danke!

-Th


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#152

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.05.2009 09:40
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen, mein Freund Peter ( turtle) drückte sich gleich so gepflegt aus: „ Ich wünschte die Diskussion“! Ja, muss ich da ganz ehrlich sagen, es war so ruhig nach dieser wirklich guten Geschichte und ob man sie jetzt gleich auf das gesamte Westdeutschland zwischen 1945 und 1989 übertragen kann so hatte ich doch geschrieben: „ ich übertrage Dorf auf Kleinstadt, Kleinstadt auf Großstadt“, siehe die Familien und ihre Verästelungen. Die Familie erzieht in ihrem Geist, formt die Kinder in eben diesem ihren Geist, und um jetzt noch das Sprichwort „ Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ anzuhängen lasse ich einmal dahingestellt .Es gab wohl zu wenige Marions im anderen Teil. Da gebe ich Peter ( Transitfahrer) natürlich Recht, die Kinder und Enkel sind nicht verantwortlich für die Taten ihrer Väter und Mütter und es war vielleicht auch etwas falsch ausgedrückt. Besser, ich formuliere einmal anhand eines Beispiel, und versuche damit zu erklären wie ich das meine, mit eben diesem Westdeutschland. In irgendeinem Beitrag hatte ich einmal geschrieben, das meine jugendlichen Helden die Fallschirmjäger der Wehrmacht waren, das lag einerseits an meinem Onkel und seinen Geschichten aus dem Krieg, den er war bei dieser Waffengattung stationiert und es lag an den Büchern von Harry Thürk, so zum Beispiel „ Die Stunde der toten Augen“.
So wie Werner Zadorowski, kurz genannt Zado wollte ich das Messer werfen und genauso wie er für seinen Freund Thomas Bindig hätte ich die Feldgendarmerie in das Minenfeld gelotst, um ihn zu schützen, sein Leben zu schützen. Wie gesagt, es waren Geschichten, gute Geschichten und das erste was mir nach der Wende am Zeitungskiosk auffiel, waren die „ Landserhefte“. Klug getarnt, wirklich gut getarnt unter dem Siegel der Geschichtsaufarbeitung! Da kämpften sie auf einmal wieder die alten Kessel und Panzerschlachten, die Rückzugsgefechte , auferstanden aus Ruinen und nein, nicht der Zukunft zugewandt so wie in der DDR sondern heroisch, heldenhaft, tapfer für Führer, Volk und Vaterland. So als hätten sie den Krieg nie verloren, hätte es 50 Millionen Tote nicht gegeben! Es muss doch einfach zu schön gewesen sein für die alten Haudegen. Gleichzeitig wunderte man sich über die jungen Leute mit dem kurzen Haarschnitt und den Springerstiefeln, hatten sie etwa zu viele dieser Hefte gelesen? Das könnte sein, kann aber auch nicht sein und warum bin gerade ich im Osten kein rechter Strohkopf geworden? Weil ich die Bücher zu Ende gelesen habe, den meine Helden waren dann tot, mausetot, die Sieger standen fest und sie handelten dementsprechend, das las ich in anderen Büchern, nur von den „ Speziallagern“ stand da nichts, das müssen sie irgendwie übersehen haben. Mein Onkel und mein Vater erklärten mir aber auch jeden Sonntag neu für wen sie da den Kopf hingehalten hatten, so wie Zado und sein Freund T. Bindig, wenn sie den noch gelebt hätten. Ohne natürlich gleichzeitig von ihren spannenden Geschichten abzulassen. .Einen kurzen Textauszug möchte ich hier einflechten, der hätte wirklich von meinem Onkel stammen können.
„Ich mag die Kriegervereine nicht. Hinter ihren Aufmärschen Deckung nehmend, bereiten die Diplomaten neue Angriffskriege vor, sie aber bemerken nur das Feuerwerk. Ganz benommen von ihrer einstigen Tapferkeit, zählen sie auf Banketten die Granatsplitter, die ihnen den Schenkel durchschlugen, und noch hinkend rennen sie, um für die Geschwätzigsten zu stimmen. So führen sie uns mit wachsendem Pflichtgefühl von Krieg zu Krieg: Übers Vaterland glauben sie zu wachen, und ihre schiefen Feldmützen hindern sie daran, die wahren Barbaren zu sehen“.
Stammt er aber nicht, der wunderschöne Textauszug eher aus einer Geschichte über einen französischen Häftling, die ich später einmal hier einstelle. Mir fällt wirklich momentan kein Traditionsverein der alten strammen Herren, kein Kasernentor mit dem Namen eines tapferen Kämpfers der Wehrmacht, keine Studentenkorpsverbindung mit den Schmissen auf der Wange oder irgendein Vertriebenenverband auf dem Gebiet der alten DDR ein, dafür im ehemaligen Westdeutschland aber schon und im neuen erst Recht. Wie hatte Manudave einmal in einem anderen Thema so in etwa geschrieben und da war er ganz stolz: „ Unsere Jungs“, die 90,- Euro am Tag Söldner der Bundeswehr, dieser zweite Absatz stammt von mir, also unsere Jungs verteidigen unsere Freiheit am Hindukusch! Welche Freiheit und für wen eigentlich? Also meine nicht, den ginge es nach mir könnten sie Morgen schon wieder hier auf der Matte stehen, mit samt ihrem Kriegsgerät. Und ihren Mädels und Familien würde ein Stein vom Herzen fallen. Aber gerade was Augenzeuge seinen Text angeht bin ich wahrscheinlich der Falsche, um dir im Detail zu antworten. Rainman mein Bruder im Geist wird das besser können und die fünfziger und sechziger Jahre müssen eine wahrhaft turbulente Zeit gewesen sein, aber ich denke mir da nahmen sich die beiden deutschen Staaten nicht viel. Was für die Einen die Regimegegner oder Störer ihres Aufbaus waren, waren für die Anderen die Kommunisten und Unbequemen, die dummen Fragesteller im Wirtschaftswunderland. Ich war Kind und Jugendlicher und schlief einen ruhigen friedlichen Schlaf, diesen Satz hatte ich einmal Bürger geschrieben weil er sich über den starken Stress im Grenzdienst so ausgelassen hatte. Dank diesem Stress, und dem tausender anderer jungen Männer und ich erweitere das jetzt auch auf die Kinder und Jugendlichen in Westdeutschland, das mit dem Schlaf natürlich, verbrachten wir eine unbeschwerte Zeit, eine wahrhaft wunderschöne Zeit in diesem so genannten kalten Krieg.
Aber zum Schluss noch einmal im Klartext, dieser Geist vom Anfang hatt und hatte die Bundesrepublik nie verlassen, er ist aktueller den je und passen wir nicht auf, kommt er wieder aus der Flasche, die die alte DDR so konsequent zugestöpselt hatte. Gut, das ist meine ganz persönliche Meinung.

Gruß und einen ruhigen Sonntag allen von Rainer- Maria


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#153

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.05.2009 12:20
von turtle | 6.961 Beiträge
Hallo Rainer Maria.
Ich beginne mit Deinen letzten Zeilen.
Aber zum Schluss noch einmal im Klartext, dieser Geist vom Anfang hatt und hatte die Bundesrepublik nie verlassen, er ist aktueller den je und passen wir nicht auf, kommt er wieder aus der Flasche, die die alte DDR so konsequent zugestöpselt hatte. Gut, das ist meine ganz persönliche Meinung. Er ist leider schon aus der Flasche gegrochen. Die Flasche war auch nie ganz zu, da stimme ich Dir zu. In der DDR hätte es sicher auch genug Potenzial für diese Ideologie gegeben, wurde aber konsequenter bekämpft! Dafür war der Zulauf nach der Wende umso größer! Wie viele gibt es aber heute noch die ihre DDR hochleben lassen ,und ebenso wenig aus dieser Vergangenheit gelernt haben! Da wird verklärt und verharmlost! Aber es war doch nicht alles schlecht ,das hörte ich als Kind auch so oft wenn die Erwachsenen von früher sprachen! Jede Armee hat später seine Tradionsvereine von alten Kameraden ,kann sein das da Gedankengut dabei ist das überholt ist, von falsch verstandener Treue, oder wo manchmal immer noch die falsche Ideologie im Vordergrund steht.
Mein Freund Rainer-Maria , Dir fällt kein Traditionsverein der strammen alten Herren auf dem Gebiet der alten DDR ein!
Was ist mit den neuen Traditionssvereinen auf dem Gebiet der alten DDR? Hier einige Beispiele:
Marinekameradschaft Kampfschwimmer Ost
NVA Fallschirmjäger-Kameradschaft
Grenzerkameradschaft.
Diese Liste kann man fortsetzen . Ich habe da auch nichts auszusetzen ,es ist die Tradition !
Was ist mit der „ Landsmannschaft Vitebergia“
Hallenser Wingolf-Traditionsverbindung-des Königsberger Wingolf
Landsmannschaft Palaeomarchia
Burchenschaft Prata-Schleusingen und viele mehr! Wohlgemerkt ich schreibe vom Gebiet der alten DDR!
Bücher von Harry Thürk habe ich immer gern gelesen, ein Landserheft kaufte ich noch nie ! Noch schönen Sonntag mein Freund und bis bald in Eisenach Gruß Peter(Turtle)

zuletzt bearbeitet 17.05.2009 12:24 | nach oben springen

#154

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.05.2009 20:43
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Peter ( turtle) du gabst dir so eine Mühe mit der Aufstellung der ganzen Burschenschaften von denen ich nicht einen Einzigen kannte und die uns bestimmt Alle in Eisenach über den Weg laufen werden, hoffentlich rennen die Jungs dann nicht auch noch volltrunken mit dem Degen herum. Es ist doch wirklich ein Kreuz mit der Wahl der Worte, den natürlich meinte ich die DDR zwischen 1949 und 1989 wo ich die ganzen Vereine vermisste, bloß im Kleingartenverein , da war ich selbst Mitglied. Aber Spaß beiseite, du kamst gleich mit dieser enormen Aufzählung was sich nach 1989 bei uns im Osten alles gegründet hatte. „Der neue deutsche Ostbürger“, zwanzig Jahre und er ähnelt seinen Brüdern und Schwestern doch immer mehr, nicht nur im Aussehen, nein, auch in der Größe der Waffenschränke. „Deutschland, das Land der Vereine“, dies hatte ich auch schon einmal in einem Beitrag geschrieben .Meine Cousins im Ruhrgebiet sind ebenfalls solche Fanatiker, hoffentlich vergessen sie über die unzähligen Colts und Gewehre, diesen erotischen Stahl, nicht ihre eigenen Frauen und ihre heimlichen Bedürfnisse. Den diese“ Kurzarbeit“ im Westen schafft auf einmal Freiräume und einsame Frauen…..! Die Landser- Hefte, da muss ich hinzufügen, wenn ich schon darüber schreibe musste ich mir auch die Zeit nehmen, um einige zu lesen. Aber ein Freund lieh sie mir, er ist noch etwas älter wie du und es ist wohl eine Leidenschaft bei ihm so wie bei Wolfgang und seinem Vater. Sein Vater war Offizier unter Paulus und kam erst Anfang der 50er Jahre nach Leipzig zurück, da war sein Sohn schon 12 Jahre alt. Er lümmelte als Junge am Treppenhausfenster im Waldstraßenviertel herum und sah einen älteren Mann mit Uniform und Rucksack über den Hof laufen, der anschließend an ihm vorbei in den 3. Stock stieg. Der Schrei seiner Mutter holte ihn Sekunden später aus seinen Kinderträumen. Seine Familiengeschichte ist so interessant, ich erzähl dir in E. mehr davon.
Und so sind wir bei den Kriegsgefangenen angekommen und du kennst mittlerweile deinen Freund und seine Leidenschaft für die antifaschistischen Geschichten, seinen steten Kampf für die Geknechteten auf diesem Planeten, für die Arbeiterklasse, übrigens eine Schande was in letzter Zeit aus diesem fragwürdigen Verein geworden ist und zu denen ihr Seeleute doch dazugehört oder? Sie ist auch nur kurz und gerade weil sie so schön das Leben erzählen, diese Geschichten, ohne daß man noch etwas hinzufügen müsste. Ich hoffe, du nimmst sie mit Humor, Peter mein Freund, so wie ich den Text vorher.

Aus einem Lesebuch der DDR / Klasse 7 eine Erzählung von Hansgeorg Meyer 420 Jahre danach

Im März des Jahres 1946 bat der aus einem Kriegsgefangenenlager entlassene Tagelöhner Joachim Hagemann den Bürgermeister eines bei Gotha gelegenen Dorfes um ein Nachtquartier. Er wurde in die Bibliothek des Grafenschlosses verwiesen, die neben einem ledernen Sofa eine Vielzahl literarischer Kostbarkeiten enthielt.
Hagemann, der keinen Schlaf fand, griff wahllos in eines der Regale, nahm ein altertümliches Buch zur Hand und begann darin zu blättern. Es war eine deutschsprachige Bibel aus dem Jahre 1525. Gedankenverloren las Hagemann hier und da einen Satz, bis er auf der unbedruckten letzten Seite eine handschriftliche Notiz fand, die zu entziffern ihm ebensoviel Mühe wie Überraschung bereitete, war sie doch mit seinem Namen unterzeichnet: „ Der Herr hats gegeben, der Graf hats genommen. Weil er dem Müntzer folgte, verlor seinen Acker Anno 1526 im Märtzen Joachim Balthasar Hagemann.“
Nach schlafloser Nacht fragte der Tagelöhner den Bürgermeister, wie der sich diese Notiz erklärte. Er wurde zum Küster geschickt, von diesem zum Pfarrer, und der legte ihm das Kirchenbuch vor. In dem vergilbten Dokument las Hagemann, dass im Jahre des Herrn 1526 Joachim Hagemann aus eben diesem Dorfe von Haus und Hof vertrieben worden sei.
Am gleichen Tage aber kam aus Gotha eine Kommission von Arbeitern, um das Land des Grafen denen zu übergeben, die keinen Acker hatten. Kurz entschlossen bewarb sich der Tagelöhner. Er bekam einen Acker, blieb im Dorfe, nächtigte noch einige Male in der Bibliothek und schrieb auf die unbedruckte letzte Seite der Bibel seines Ahnen die nüchternen Worte: „Den Acker zurückerhalten 1946. Joachim Hagemann.“

Gruß dein Freund Rainer- Maria


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#155

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 19.05.2009 00:34
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo mein Freund Rainer-Maria,
Natürlich war mir klar welche DDR Zeit du gemeint hast. Da die Vereine welche nicht gerade den ideologischen Ansichten entsprachen verboten waren, konntest Du die in der DDR auch nicht finden. Ich wollte Dir nur den Spiegel vorhalten wie schnell sich so etwas ändert sobald von staatlicher Seite mehr Toleranz da ist! Plötzlich schießen sie wie Pilze aus dem Boden oder sind wieder da. Was unterscheidet uns da noch?
Wie schriebst Du Deutschland Land der Vereine! Da wollen doch so viele ihre alte Fahne hochhalten! Es sind nur ein paar neue Fahnen mit neuen Symbolen dazugekommen! Es lebe die Vielfalt! Hurra Germania! Ist es nicht schön in alten Erinnerungen zu schwelgen, man war doch wer!
Ob der Herr vom Kleintierzüchterverein, der von welcher Uniform auch immer, der von der Heilsarmee oder von –von- von-.
Da sind wir schon zusammengewachsen. Das Andere dauert halt länger wird schon werden! Wie wär’s mit der Gründung des Vereins Deutsche Brüder und Schwestern da schreiben wir es gleich in die Statuten vom einig Vaterland! Im Moment tu ich mich schwer welchem Verein ich beitreten soll, na ich denke der Gesangsverein kommt noch am ehesten in Betracht!
Wie du in Deinen Zeilen die Bodenreform rüberbringst ist mal was anderes. Nur Freude und Freunde hat sie aber auch nicht gebracht!
Egal es gab nun ein Kulturhaus im Dorf, und mehr geregelte Arbeitszeit. Zur Not muss eben die Armee mit anfassen, im Volk der Arbeiter und Bauern. Zum Ruhme des Sozialismus , dem Weltfrieden, der Solidarität ,und und. Nimm diese Zeilen auch nicht all zu ernst, ich möchte mich hier nicht lustig machen, es ist in Ordnung wenn Hilfe und Solidarität da ist. Wenn jedoch grobes Verschulden dazu geführt Hilfe und Solidarität zu brauchen sehe ich das skeptischer! Gruß Dein Freund Peter(turtle)


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#156

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 24.05.2009 09:33
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Tiroler ziehe meinen angesprochenen text an Dich hier im Thread zurück weil ich mich eigentlich schon im Thema „Gefängnispraktiken in der DDR“ noch mal dazu erklärt hatte.

Ein schönen Sonntag Dir und den Anderen

Rainer-Maria


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#157

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.06.2009 09:37
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Jörg, als ich deine Texte in Zitate über Krupp las, dachte ich so bei mir, vielleicht steht er irgendwie auf dessen Lohnliste weil er ihn so hartnäckig verteidigt, den alten Kanonenkönig. Es ist schon interessant, wie du die skrupellose auf 300% Profit orientierte Geschäftspolitik der Firma Krupp in damaliger Zeit zu relativieren versuchst. Dagegen bei denen auf der Anderen Seite keinen Pardon zulässt. Woher nimmst du eigentlich die Weisheit, das die Schulen der DDR in den 50erJahren qualitativ schlechter aufgestellt waren, wie die von Krupp mit seinem sehr vielem Geld? Ebenso diese Problematik der Staatsverschuldung der Arbeiter, Bauern und Intelligenz im Thema „ Das System DDR, gut oder schlecht“?, Das ist bestimmt ein Beurteilungsfeld für Experten aber doch nicht für uns Anfänger, ich persönlich melde hier ernste Zweifel an , ob sie den wirklich so bankrott war. Es wäre schön, wenn sich dort einmal ein richtig guter ostdeutscher Ökonom im Ruhestand einbringt und das mit den vielen Milliarden in das richtige Licht rückt. Den alles Andere ist wilde Spekulation und führt zu nichts, nur zu dummen Schülern im Lande, die unsere Weisheiten dann auch noch für die einzige richtige Wahrheit halten! Auch frage ich mich, wo du mit deinen Eltern Urlaub im entwickelten sozialistischen System gemacht hast ,wahrscheinlich Zuhause auf dem Sofa, weil du den FDGB so minder beurteilst, nein, richtig muss es heißen, dein eingestellter Zeitungsartikel beurteilt….. Entspannter Urlaub ist doch keine Sache der Brieftasche gewesen, den ich mir kaufen konnte, schon gar nicht zu DDR- Zeiten, wo 2 Wochen im Sommer und 1 Woche im Winter die Regel waren. Für jeden Bürger, ob Normalfamilie, Kinderreich oder wenig Geld in der Tasche. Ostseeküste war Ostseeküste, ob Luxushotel heute oder einfaches Quartier/ FDGB- Heim damals, nackt am FKK siehst du den Unterschied zwischen dem, der denkt er sei etwas Besseres und dem, der auf dem Teppich geblieben ist sowieso nicht. Höchstens an der Aufschrift auf dem Bucheinband. Und Winterurlaub, da kam mir beim letzten Mal in Thüringen vor einem ehemaligen Hotel des Ministerium, heute ein Luxushotel, bei herrlichstem Glatteis eine Tussi mit Nerzmantel und Pumps entgegen. Es fehlte nicht viel und es hätte sie geerdet, und den Macker mit Pomadenschnitt und Lackschuhen an ihrer Seite gleich mit. Da dachte ich so bei mir, als du an diesem Hause in den 70er Jahren einmal mitgebaut hast, rannten die hier alle noch mit derben Skischuhen herum. Reiß diesen Lackaffen die Fassade herunter und sie stehen da wie in „ Des Kaisers neue Kleider.“ Keine Angst, Jörg, der zornige Arbeiter in mir ist Diplomat genug, um dabei leise zu lächeln und du weist ,ich beobachte so gerne Menschen, eines meiner Lieblingshobbys.
Am 17. Juni 1953 , so wie du schreibst wurden die Arbeitsnormen hoch geschraubt und das Essen reduziert, korrekterweise hieß es die Preise für Grundnahrungsmittel wurden erhöht!
Das ist schon richtig aber das Alles, Jörg , ich kann falsch liegen ist Tage vorher wieder zurück genommen worden! Wieso also anschließend noch Proteste, Unruhen, Aufruhr etc mit diesem dann traurigen Endresultat, das leuchtet mir unter dem Gesichtspunkt „ Arbeiteraufstand“ nicht ein? Wäre da nicht das schöne Zitat aus dem Jahre 1952 von Konrad Adenauer , diesem straffen Gegner der deutschen Wiedervereinigung, was ich einmal im Thema Zitate etc. auf Seite 1 eingestellt habe, zutreffender . „ Befreiung heißt die Devise….. Und unsere russischen Freunde, die Sowjetunion mit sage und schreibe 20 Millionen Toten im 2. Weltkrieg gerade durch dieses faschistische Deutschland sollten acht Jahre nach Kriegsende nur untätig zuschauen? Tut mir leid, Jörg, so dumm und naiv kann keiner sein! Selbst der Westen fuhr 1968 bei diesem leichten Sturm im Wasserglas starke Geschütze auf und hätte sich bei einer Zuspitzung der Situation garantiert nicht die Butter vom Brot des System nehmen lassen.. Das möchte ich heute sehen, sollte diese Finanzkrise aus dem Ruder laufen, wenn der aufgebrachte Mob die Gitter der Polizeireviere erklimmt oder die gut gesicherten Türen einschlägt .Eine interessante Frage, ob der Polizist , der Familienvater dann wohl drinnen nach seiner Waffe fingert und sie auch zu gebrauchen weiß? Also ich an seiner Stelle würde…..und du? Natürlich diskutieren wir hier nicht alleine, auch die Anderen im Forum sind gefragt.
Aber eigentlich wollte ich hier noch einmal zu Günter Wallraff und seinen Mitstreitern. Dazu meine persönliche Meinung :
Er war der listige Fuchs wie im Märchen, der sich durch die Gitterstäbe des Kapital gezwängt hatte, aber er hatte ausnahmslos immer, zu jeder Zeit im Laufe seiner Untercoveraktionen die Möglichkeit des Rückzuges in die warme Marmorbadewanne mit viel Badesalz, so, oder so ähnlich habe ich es schon einmal hier in Diskussion meinem streitbaren Handwerksfreund Peter ( Transitfahrer) geschrieben. Dieses Wissen darum ließ ihn wohl seine Projekte leichter, ruhiger angehen , so etwas gibt auch die nötige Kraft in wirklich beschissenen Situationen. Damals wollten wir die Sache Wallraff noch ausdiskutieren, haben es aber dann auf später verschoben.
Es war also grob gesagt keine große Kunst, den diese kleine Geheimtür hatten seine Klienten, die türkischen Gastarbeiter und die anderer Nationen, die ärmsten Schweine der Armen, die Rechtlosen der Rechtlosesten nicht. Sie hielten immer zu jeder Zeit den Kopf hin und haben im schlimmsten Fall, in den Kernkraftwerken so wie er es schildert mit dem eigenen Leben bezahlt. Im Westen gilt er wohl bei einigen als Nestbeschmutzer, bei den Anderen „da Oben“ als Einer, der sie für den einen klitzekleinen Moment nackt gemacht hatte aber nur ein paar Wochen genügen im bundesdeutschen Medienalltag und schon ist wieder Gras, hohes Gras darüber gewachsen Natürlich .Dank dem vielen Kunstdünger ,den wie hatte einmal irgend so ein Ossi staunend in tiefsten DDR- Zeiten zu seiner Frau gesagt: „ Mein Gott, Else, da drüben ist ja sogar das Gras grüner“, Aber das ist auch ein gutes Beispiel, wie die „ ach so hoch gelobte Meinungsfreiheit“ im Blätterwald der Gazetten total verpufft. Ein wunderschöner Witz für Otto- Normalverbraucher. Der Osten hatte ihn, Wallraff für seine Sache genutzt, warum auch nicht und wer kann es ihnen verdenken, besser kann man keine Vorlagen bekommen, hätte Günter Netzer damals gesagt. Den Mann habe ich einmal als junger Kerl bewundert, zu einer Zeit, wo bundesdeutschen Fußballern noch nicht der Hintern mit Millionen ……. Aber das nur mal so nebenbei.
Trotzdem haben der Mann Wallraff und seine Getreuen meinen Respekt, heute will er wohl wieder als Senior Untercover in den Pflegeheimen ermitteln. Na ,ich wünsche ihm wirklich viel Glück dabei.

Gruß Rainer-Maria


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#158

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.06.2009 09:42
von manudave (gelöscht)
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Hallo Rainer-Maria,

zum Thema Staatsbankrott nur mal eine "Kleinigkeit":

Die vermeintliche oder tatsächliche Pleite der DDR und der Zustand ihrer (Staats-)Wirtschaft war ab 1990 immer wieder Anlass für Diskussionen. Der umgangssprachliche Begriff Pleite kann zu Missverständnissen führen, denn prinzipiell wäre zu unterscheiden zwischen einer wirtschaftlichen bzw. finanziellen Problematik (der
Zahlungsunfähigkeit) und ihrer politischen Dimension. Die Zahlungsunfähigkeit eines Staates bedeutet eine ernste Krise, führt aber nicht zwangsläufig zum "Zusammenbruch" der Wirtschaft oder gar des gesamten Staatswesens, wie die Beispiele der RGW-Staaten Polen und Rumänien zeigten, die schon vor 1989 zahlungsunfähig wurden.
Die nach der Wende oft zu hörende Behauptung, die DDR wäre "wirtschaftlich ohnehin bald zusammengebrochen", hat einen wahren Hintergrund. Denn 1989 war der Staat DDR praktisch schon zahlungsunfähig; der Anschein der Bonität wurde lediglich durch eine Art staatlicher Kreditreiterei gewahrt (d.h. Einsatz von Krediten einer Bank als "Sicherheit" für Kredite anderer Institute, vgl. Geheime Kommandosache Schalck u.a. vom 28.09.1989). Der desaströse Zustand der Zahlungsbilanz (siehe unten bei 4.) bildete ein Druckmittel der BRD-Regierung zur Beförderung der deutschen Einheit, doch waren die Gründe für den Zusammenbruch der Macht der SED - nicht des Staates DDR - eher politischer Natur.
Es gab während ihrer Existenz kein offizielles Eingeständnis der Zahlungsunfähigkeit durch eine Regierung der DDR. Die westliche Presse sah die DDR bis zum Sommer 1989 überwiegend als "stabil und zuverlässig"
(1) an (mit "Erosionserscheinungen" etwa ab 1988 (2)). Die Dramatik der ökonomischen Situation gelangte ab dem Jahresende 1989 schlagartig, als böse Überraschung ins Bewusstsein der Bürger beider deutscher Staaten. Ein explizites Eingeständnis hätte die finanzielle Lage wohl unnötig kompliziert, jedenfalls gab es auch nach diesem Zeitpunkt nur bruchstückhafte Informationen und Spekulationen. Die Beurteilung der Zahlungsbilanz und der ökonomischen Gesamtlage der DDR zur Wendezeit erschloss sich im Nachhinein aus Archivmaterial und aus - subjektiv geprägten - Zeugenaussagen.
Eine Zahlungsunfähigkeit der DDR wäre für die SED-Verantwortlichen blamabel gewesen, ein Eingeständnis hätte 1989/90 kaum zur "inneren Stabilisierung" beigetragen. Letztere war in dieser Zeit das Hauptanliegen der (noch) regierenden SED, denn v.a. die weltweit beachtete Fluchtbewegung und die Massendemonstrationen hatten zu einer Herabstufung der DDR in puncto Kreditwürdigkeit geführt. Dadurch wurde die Finanzlage bedrohlich (so Schalck im Oktober 1989 in einem Brief an Polze (3)). Ein Abwenden der Zahlungsunfähigkeit hätte nicht nur eine innenpolitische Beruhigung (bis November '89 evtl. durch eine "chinesische Lösung" zu erreichen) erfordert, sondern auch eine Kraftanstrengung der gesamten Bevölkerung (s.u. 3., 4.) - unter einer Führung, die möglichst das Vertrauen der Bürger und auf jeden Fall die fachliche Kompetenz hätte besitzen müssen, um solch einen Kraftakt zu bewältigen.
Da in der "Schicksalsstunde" der DDR keine dieser Voraussetzungen gegeben war, gestalteten sich die verstärkten Verhandlungen mit der BRD ab dem Herbst 1989 denkbar ungünstig. Sie fanden unter dem Druck der Ereignisse und aus purer Not statt, denn die - objektiv oder "nur" im Vergleich zum Westen - schlechte Versorgungslage war ein Hauptgrund für die Fluchtbewegung. Mit zunehmender Klarheit über den Zustand der DDR-Zahlungsbilanz verliefen die Gespräche immer einseitiger, wie sich z.B. Krenz und Modrow später erinnerten (4). Zuletzt handelte es sich um bloße "Bittgänge", nachdem mit der Maueröffnung "der letzte Trumpf verspielt" war (5).
So verband sich die wirtschaftliche untrennbar mit der politischen Dimension, weshalb im Fall des Endes der DDR der umfassende Begriff der Pleite angebracht scheint.
Im Folgenden werden einzelne Aspekte des ökonomischen Niedergangs näher beleuchtet. Natürlich kann eine so knappe Darstellung kaum vollständig sein. Sie wurde für das Lexikon nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Die Länge des Artikels trägt der Bedeutung des Themas Rechnung.
Schwerpunkte:
1. Konzepte und Hauptprobleme der DDR-Wirtschaft ? ab 1971
2. Die Situation am Ende der 70er Jahre
3. Die Krise und "Beinahe-Pleite" 1982
4. Die Zuspitzung und der Endzustand 1989/90
5. Kritikpunkte und Einwände
6. Quellenangaben und Anmerkungen
________________________________________
1. Konzepte und Hauptprobleme der DDR-Wirtschaft ? ab 1971 Erich Honecker besaß ab 1971 als 1. Sekretär (später Generalsekretär) des ZK der SED die oberste "Richtlinienkompetenz" für die Geschicke der DDR und ihrer Wirtschaft. Zum "geflügelten Wort" seiner Amtszeit sollte die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik werden. Dahinter verbarg sich der Gedanke, mittels einer forcierten Erhöhung des Lebensstandards
(Kernstück: das Wohnungsbauprogramm ?) und der Kaufkraft die Zufriedenheit der Bevölkerung zu steigern und letztlich die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
Diese Investition in den "Faktor Mensch" mit den Mitteln der DDR rentierte sich kaum:
Steigerung der Arbeitsproduktivität in der DDR: (6)
Zeitraum Steigerung
(in %)
1969 - 73
23*
1973 - 77
20
1977 - 81
16
1981 - 85
17
(* bei ca. 2-3 % Steigerung des Anteils arbeitender Menschen an der
Gesamtbevölkerung)
Die Hinwendung zur Sozialpolitik bedeutete gleichzeitig einen Schlussstrich unter die Ulbricht-Ära, die mit ihrer Orientierung auf Investitionen in die industrielle Entwicklung (Schwermaschinenbau, Kraftwerke etc.) - auch von einer Aufbruchstimmung bzw. von Aufbauwillen getragen - der DDR-Produktion ansehnliche Zuwachsraten und mehrere neue Industriezweige beschert hatte.
Eine weitere Grundlage der Wirtschaftspolitik unter Honecker war die kreditfinanzierte Beschaffung von westlichen Produktionsanlagen für
Export- und Konsumgüter. Diese Investitionen sollten sich plangemäß ab Ende der 70er Jahre bezahlt machen, bildeten letztlich aber den "Anfang vom Ende" der DDR, da hiermit erstmals hohe Auslandsschulden im NSW aufliefen.
Die in ihren Auswirkungen bekannteste (Fehl-)Entscheidung aus diesem Problemkreis betraf die Mikroelektronik-Industrie, deren verstärkter Aufbau ab ca. 1977 den zuvor eingetretenen Rückstand zur Weltspitze nicht auszugleichen vermochte, aber Milliarden an wertvollen Devisen verschlang und zur Vernachlässigung anderer Produktionszweige führte.
Allerdings gab es zum Aufbau einer eigenen Mikroelektronikindustrie in DDR aufgrund des westlichen CoCom ?-Technologieembargos keine Alternative, wollte man halbwegs marktfähige Exporterzeugnisse anbieten.
Die RGW-Kooperation funktionierte insbesondere in diesem Bereich nicht, da die SU ihre Kapazitäten für die Rüstungsindustrie brauchte und bei Wirtschaftsspionage und illegalen Technologieimporten aus Konspirationsgründen nicht bereit war, mit der DDR zu teilen.
________________________________________
2. Die Situation am Ende der 70er Jahre Die weltweite Ölkrise ging an der DDR nicht vorüber, da die Sowjetunion im Januar 1975 die Fest- bzw. Tiefpreise für RGW-Mitglieder aufhob und angesichts der veränderten Marktlage die Preise für Erdöl und Erdgas ab Juni jenes Jahres um zunächst ca. 150% erhöhte. (Zu Beginn der 80er Jahre folgten weitere dramatische Steigerungen und eine Herabsetzung der
Liefermenge.)
In den Folgejahren kam es zu einem ungeplanten Außenhandelsdefizit gegenüber der SU, weil die DDR bei den dorthin exportierten Fertigerzeugnissen längst nicht solche Erlössteigerungen realisieren konnte, wie sie die höheren Rohstoffpreise erforderten. Ähnlich war die Situation im Westhandel, wo die gestiegenen Rohstoffpreise ebenfalls zur ständigen Verteuerung der Importe in die DDR führten, während die erhoffte Amortisation ausblieb.
Zunehmend wurden mit West-Importen kurzfristig "Löcher gestopft" und Konsumbedürfnisse der Bevölkerung befriedigt (vgl. Kaffeekrise), um die Illusion bescheidenen Wohlstands im Lande zu erhalten. Gleichzeitig mangelte es an Investitionsmitteln zur nötigen Erneuerung oder auch nur Instandhaltung der Produktionsanlagen - eine Fehlentwicklung, die sich Jahre später um so schlimmer rächte (7).
Schon 1980 ergab sich ein verheerendes Bild: Die Bruttoverschuldung gegenüber dem Westen betrug 30 Milliarden DM, die Verschuldung bei der SU ca. 7 - 8 Milliarden DDR-Mark. Zur Importfinanzierung sowie für Tilgung und Zinszahlung fehlten jährlich etwa 2 - 3 Milliarden DM (8).
Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die DDR überschuldet und die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" gescheitert. Eine "Notbremsung" und ein rigoroser Sparkurs hätten die Staatsfinanzen vielleicht stabilisieren können. Ein von der Bevölkerung aufmerksam registriertes Krisenzeichen war die kurz zuvor erfolgte Einrichtung der
Delikat- und Exquisit-Läden, doch blieb es insgesamt bei der Generallinie subventionierter Tiefstpreise für die meisten Lebensmittel, Dienstleistungen und Verbrauchsgüter.
________________________________________
3. Die Krise und "Beinahe-Pleite" 1982
Die erwähnte Zahlungsunfähigkeit Polens und Rumäniens führte bei den westlichen Banken zu einem Glaubwürdigkeitsverlust aller sozialistischen Länder, der sich 1982 in einem Kreditstopp auch für die DDR äußerte. Zu einem Zeitpunkt, da fällige Kredite und Zinszahlungen zum größten Teil mit neuen Krediten abgelöst wurden und "echte" Tilgungen allenfalls punktuell bzw. auf Druck hin erfolgten (9), wurde die Lage für die DDR bedrohlich.
Die Bewältigung der Krise und Wiederherstellung der Kreditwürdigkeit gelang in einem bis dahin beispiellosen - und den meisten DDR-Bürgern unbekannt gebliebenen - Kraftakt unter Einsatz u.a. der folgenden
Mittel:
● quasi sofortiger Vollzug der Umstellung von Erdöl auf Braunkohle
?;
● Risikoexportprogramm ? für Mineralölerzeugnisse in Richtung
Westen;
● extreme Drosselung der West-Importe, plus
● Westexportsteigerung "um jeden Preis".
Besonders der zweite und der letzte Punkt sollten sich später als fatal erweisen, da einerseits 1985/86 die Weltmarktpreise für Mineralölerzeugnisse zusammenbrachen und andererseits zur Bewältigung der Krise von 1982 etwa 50% der Staatsreserven an Grundstoffen (also z.B. an Erzen und Halbzeugen, aber auch an Kraftstoffen und Getreide) über den Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) in Devisen-Liquidität umgewandelt wurden - teils zu Dumpingpreisen und ohne nachhaltigen Effekt (10). Ab diesem Zeitpunkt manövrierte die DDR-Wirtschaft tatsächlich am Abgrund, da ernste Versorgungskrisen von mehr als 3 Tagen Dauer - wie etwa zuvor im harten Winter 1978 eingetreten - die Produktion in weiten Teilen zum Erliegen bringen konnten (11).
Eine wesentliche Rolle bei der (vorläufigen) Überwindung der akuten Zahlungsschwierigkeiten kam Schalck-Golodkowski zu, der für die "Einfädelung" des ersten von zwei BRD-Milliardenkrediten ? einen hohen Orden erhielt und ab 1983 als Generalmajor besoldet wurde (12).
Der von ihm geleitete Bereich KoKo bildete in der Krise als Devisenbringer die wichtigste Stütze der DDR, sorgte aber gleichzeitig mit für deren Untergang.
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4. Die Zuspitzung und der Endzustand 1989/90 Die hohen Subventionen für Nahrungsmittel, Verbrauchsgüter etc., die weithin ineffiziente Organisation der Produktion, die Bevorzugung von Prestigeprojekten (Mikroelektronik, Wohnungsbauprogramm ?) und schließlich noch die Notwendigkeit größerer Getreideimporte nach zwei Missernten führten 1989 zu einer ausweglosen wirtschaftlichen Situation.

Schürer und seine Mitautoren verfassten nach Honeckers Sturz im Oktober
1989 für das neue Politbüro unter Krenz eine Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen, die zwar auch Hinweise auf "Erfolge"
in der Volkswirtschaft enthielt, vorrangig jedoch das Scheitern der SED-Wirtschaftspolitik auf breiter Front einräumte. Diese Analyse wurde später als "Schürer-Papier" bekannt.
Kernpunkte des unter Einbeziehung geheimster Kennziffern und Informationen erstellten Papiers:
● Kritik am jahrelang praktizierten Zuwachs bei Lohn- und
Sozialleistungen trotz unzureichender Steigerung der Arbeitsproduktivität;
● Benennung der übermäßigen Konsumtion und Ineffizienz als Ursache
für unverhältnismäßigen Verbrauch von Valutamitteln; sowie insgesamt
● mangelnde Leistung im Export bei gleichzeitig zu hohen Importen.

Schon einen Monat zuvor hatten Schürer, Schalck u.a. in einer "Geheimen Kommandosache" das Politbüro über die drohende Zahlungsunfähigkeit der DDR informiert. Bei NSW-Auslandsschulden von 49 Milliarden DM reichten die DDR-Exporterlöse nicht mehr aus, um den Schuldendienst zu tragen.
Das "Schürer-Papier" forderte eine radikale Wirtschaftsreform und merkte gleichzeitig an, dass die Zahlungsfähigkeit der DDR auch mit einer sofortigen Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung um 25 - 30% und einer maximalen Nutzung aller Exportmöglichkeiten nicht sicher zu gewährleisten sei.
Da - wie die Verfasser selbst einschätzten - eine solche Senkung des Lebensniveaus "die DDR unregierbar" gemacht hätte, und da trotz des ausgeschöpften Kreditrahmens mittelfristig ein dringender Bedarf an BRD-Krediten in Höhe von 23 Milliarden DM bestand, war der weitere Weg vorgezeichnet. Die finanzielle Abhängigkeit verwandelt sich in eine offene politische Zwangslage.
Auch nach den Wahlen vom 18. März 1990 konnten mehrere kurzfristige BRD-Zuschüsse in Höhe von je 3 - 5 Milliarden DM die Situation der DDR-Zahlungsbilanz nicht nachhaltig bessern; dies entsprach den Prophezeiungen von Schürer und Schalck aus 1989. Als die Volkskammer nach der Währungsunion den Haushalt für das zweite Halbjahr 1990 verabschiedete, ergab sich trotz des Zuflusses von weiteren 33 Milliarden DM aus dem Westen noch eine Deckungslücke von rund 3 Milliarden - bei einem Gesamtumfang des Haushaltes von ca. 64 Milliarden DM (13). Die BRD trug zu diesem Zeitpunkt also schon etwa die Hälfte des DDR-Staatshaushaltes. Die Lage wurde nochmals verschlimmert durch die Probleme im SU-Export bzw. im "Osthandel" nach der Währungsunion.
Der beschleunigte Vollzug der Vereinigung von DDR und BRD, das Ende der staatlichen Selbstständigkeit des ostdeutschen Staates verhinderte die Feststellung seiner Zahlungsunfähigkeit.
________________________________________
5. Kritikpunkte und Einwände
Wegen möglicher Verständnisprobleme aus dem Blickwinkel des späteren Betrachters werden hier einige Besonderheiten und typische Einwände erläutert.
Handelsbeziehungen, -volumina und -arten:
Für den Handel der DDR mit der SU und den übrigen RGW-Staaten sowie für den Binnenhandel galten völlig andere Rahmenbedingungen, Modalitäten und politische Zwänge als für den Handel mit dem NSW, also mit der BRD bzw.
EG (Europäische Gemeinschaft, der EU-Vorläufer, als deren "heimliches Mitglied" die DDR auch bezeichnet wurde) (14). Genaueres künftig unter RGW; der Anteil der in die SU gehenden Exporte am gesamten DDR-Exportvolumen betrug 1989 ca. 40%.
Devisen, Warenwert, Kaufkraft:
Im in Mark der DDR abgewickelten Binnenhandel bzw. dem in Rubel berechneten Handel mit der SU und dem RGW gab es praktisch keinen Platz für Devisen, d.h. keine realistische Umrechnungsgröße in Dollar oder D-Mark. Die offiziellen Umtauschkurse - wie der (berüchtigte) D-Mark-Kurs von 1:1 - entsprangen politischen Wunschvorstellungen, die aber im Osthandel handfeste Auswirkungen hatten: So war die DDR verpflichtet, für eher "virtuelle" Zahlungen in Rubel (günstiger waren natürlich geldwerte Rohstofflieferungen) Fertigprodukte in die Sowjetunion zu liefern, für die sie im Westen wenigstens gewisse Beträge wertvoller Devisen kassiert hätte (15).
Der wirkliche Wert solcher Devisen machte ein Vielfaches der nominellen Beträge aus, da die Qualität der im RGW gefertigten Anlagen und Investitionsgüter meist nicht ausreichte, um damit weltmarktfähige Waren zu fertigen (16). Oft ermöglichte nur der Einsatz von Devisen die Produktion hochwertiger Erzeugnisse. Und es mussten nicht nur Produktionsanlagen, sondern u.U. auch Grundstoffe und sonstige Hilfsmittel aus dem NSW importiert werden (vgl. Mikroelektronik).
Den tatsächlichen Gegenwert einer Valutamark (VM) in DDR-Mark nennt Punkt 3. in der erwähnten "Geheimen Kommandosache".
Höhe der Auslandsschulden:
Zu dieser enormen Wichtigkeit und Knappheit der Devisen kam der Umstand, dass die DDR kaum Möglichkeiten (und lange nicht die Absicht) besaß (17), mit den konvertiblen Währungen konkret zu wirtschaften.
Auslandsschulden bei westlichen Banken in Höhe von knapp 50 Milliarden DM scheinen angesichts des BRD-Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder der Verschuldung des westdeutschen Staates zunächst gering. Jedoch verfügte die DDR bis auf Ausnahmen im Bereich KoKo (18) kaum über Devisenreserven und v.a. über kein Bankensystem wie das der BRD (dessen Umsätze ins dortige BIP einflossen). Instrumente wie Staatsanleihen etc. und eine Auslagerung finanzieller Risiken in private oder halbstaatliche Institute gab es nicht.
Schulden von mehr als 40 Milliarden Valutamark konnten so die DDR mit ihrem Nationaleinkommen von 250 Milliarden Mark in die Zahlungsunfähigkeit treiben (19). Multipliziert man die DM-Auslandsschulden mit dem oben angedeuteten realen Kurs, ergibt sich ein dramatisches Bild: Die Staatsverschuldung der DDR lag etwa in derselben Größenordnung wie diejenige von Belgien kurz vor der Jahrtausendwende, bei einem Bruchteil der Wirtschaftskraft. Einer Prüfung z.B. durch IWF/Weltbank hat sich die DDR nie gestellt (20).
● Bilanz Mitte der 90er Jahre:
Nach Abwicklung des Außenhandels und Begleichung bzw. Verrechnung der Staatsschulden ergab eine "Endabrechnung" Mitte der 90er Jahre eine klare Abweichung von den Daten, die 1989/90 zur Desillusionierung über den Zustand der DDR-Wirtschaft führten. Angeblich hätten die Auslandsschulden nur etwa halb so hoch gelegen wie zuvor angenommen, nämlich bei 27 Milliarden DM (21).
Trotz der auf den ersten Blick enormen Differenz ändert solch ein Befund nichts an der Bewertung der Zahlungsbilanz: Denn
1. ist es bei Insolvenzen "größerer Unternehmen" - so könnte man
die DDR nennen - häufig der Fall, dass versteckte Aktiva auftauchen, die im laufenden Geschäftsbetrieb nicht mobilisierbar oder unbekannt waren;

2. die Schuldendienstrate (siehe "Schürer-Papier") hätte auch dann
noch 75%, also das Dreifache des Wertes betragen, der international als Grenze der Kreditwürdigkeit eines Landes gilt.
Goldreserven:
Die oft als "Gegenargument" angeführten Goldreserven hätten die Liquidität der DDR 1989/90 nicht sichern können. Die DDR war kurz vor ihrem Ende so überschuldet, dass selbst Reserven von 60 Tonnen allenfalls kosmetische Wirkung gehabt hätten - sofern sie in dieser Größenordnung überhaupt absetzbar gewesen wären, ohne den Preis zu destabilisieren (22). Bezogen auf den damaligen Goldpreis erlöste man
fiktiv:
Menge Ertrag
1 oz.* 360 Ecu*
1 kg ca. 22.000 DM
60 t 1,3 Milliarden DM
(* 1 Feinunze entspricht ca. 31 Gramm, 1 Ecu einem Euro) Eine solche Summe konnte der Bereich KoKo ohne Einsatz der Goldreserven kurzfristig erbringen, was vor 1989 (näherungsweise) auch gelegentlich vorkam; vgl. bei Mikroelektronik. Nach den Erfahrungen der Zahlungskrise von 1982 ist anzunehmen, dass die Reserven bei realem Devisen-Wert eingesetzt worden wären, wenn der Erlös beim Beheben der Zahlungsschwierigkeiten hätte helfen können. Dass das Schürer-Papier die existenziellen Probleme schilderte, einen Verkauf der Goldreserven aber nicht als Lösungsvariante nannte, spricht für sich.
Einschätzung des "Schürer-Papiers":
Ein häufiger Einwand betrifft die Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen von Schürer und Mitautoren vom Herbst 1989. Dies sei ein zum Aufrütteln bzw. Aufschrecken der neuen Führung gedachtes Papier gewesen, in dem die Lage "absichtlich" krass gezeichnet worden wäre, um ernsthafte, durchgreifende Reformen schnell zu bewirken.
Abgesehen davon, dass die Fakten zur aussichtslosen Schuldenlage dem Politbüro bereits geläufig waren (vgl. Gekados Schalck) und an sich ausreichten, um die Zahlungsunfähigkeit festzustellen - man könnte auf obigen Einwand mit einer Gegenfrage antworten: Welchen Sinn hätte ein "Aufrütteln" gehabt, wenn es keinen Ausweg gab? Denn das "Schürer-Papier" forderte zwar radikale Reformen, gab aber in seinem letzten Abschnitt gleichzeitig an, dass dennoch wenig Aussicht auf Erfolg (=Weiterexistenz der DDR) bestand.
Selbst eine auf maximale Wirkung angelegte "Warnung" dieser Art hätte mit einem positiven Ausblick, einem Hinweis auf die "einzig mögliche Lösung" schließen müssen, und zwar ohne das entmutigende Fazit, dass faktisch keine Chance mehr bestand.
________________________________________
6. Quellenangaben und Anmerkungen
(noch in Bearbeitung)
1:
2: Hinweise auf Publikationen zum wahren Zustand der Zahlungsbilanz z.B. in der Information 286/89 der MfS-Hauptabteilung XVIII vom 28. Juli
1989 (BStU, Zentralarchiv/ZA, HA XVIII 13135).
3: Schalcks Brief vom 12.10. 1989 bezog sich auf die Rückstufung der DDR auf Platz 31 in der Weltrangliste der Kreditbewertung durch das New Yorker Research Institute. Der Brief fand sich als Anlage zur "Information über ein Gespräch mit dem Präsidenten der Deutschen Außenhandelsbank AG, Genossen Polze" v. 13.10. 1989 in den Akten der MfS-Hauptabteilung XVIII (BStU, ZA, HA XVIII 4672, Blatt 2f).
4: Vgl. u.a. bei Hans Modrow: Aufbruch und Ende. Konkret Literaturverlag, 1991 (ISBN 389458100X ), und Egon Krenz: Wenn Mauern fallen, Verlag Pabel Moewig, 1993 (ISBN 3811850504 ).
5: Zu den Überlegungen eines "Tausches" (Mauerfall gegen BRD-Kredite) und deren Einschätzung im Politbüro siehe Hans-Hermann Hertle: Chronik des Mauerfalls, 2. Aufl., Ch.Links Verlag, Berlin 1996, S. 92-103.
6: Die Zahlen entstammen dem Büro von Mittag in der ZK-Abteilung für Wirtschaft und wurden auch von Schürer wiederholt verwendet. Hier allerdings zitiert nach Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur.
Alltag und Herrschaft in der DDR 1971 - 1989; Econ & List Taschenbuchverlag, München 1999, S. 320.
7: Resultat war ein extremer Verschleiß der Anlagen, gefolgt von einer ständigen Zunahme an Havarien und Produktionsausfällen. Z.B. überstieg der Verschleißgrad im Bereich Nahrungsgüterproduktion 1986/87 im Mittel schon 50-60% des Anlagekapitals; vgl. "Einige Probleme im Zusammenhang mit der Gewährleistung der Arbeits- und Produktionssicherheit in der Fleischindustrie der DDR", Information der ZAIG ? des MfS ans Politbüro der SED u.a., 5.8. 1986 (BStU ZA, ZAIG 3535, Bl. 1-9).
Die Zahl der Großschadensfälle (Havarien mit über 1 Mio. Mark Schaden) in der Industrie erhöhte sich von 1984 bis Anfang 1987 um den Faktor 3,5; die Verlustsummen stiegen sogar um den Faktor 9. Davon wurde ein Drittel angeblich durch "Fahrlässigkeit" verursacht, deutlich mehr als die Hälfte aber durch "technische Probleme". Der Verlust von fast 500 Mio. Mark durch den Kraftwerksausfall in Boxberg ? 1987 ist hierbei noch nicht berücksichtigt. "Hinweis zu Ursachen und wesentlich begünstigenden Bedingungen für Brände und Havarien (Großschadensfälle) in der Volkswirtschaft im Jahre 1986 und bisher im Jahre 1987" der AKG ? der HA XVIII v. 15.4. 1987 (BStU ZA, HA XVIII 6162, Bl. 1-7).
8: Die Daten entstammen einer von Mielke beim Leiter der MfS-HA XVIII in Auftrag gegebenen Analyse, die sich auf Angaben aus den verantwortlichen Abteilungen des ZK der SED und der beteiligten Ministerien stützte. Schreiben des Leiters der HA XVIII an den Minister
(persönlich) v. 18.10. 1980 (BStU ZA, HA XVIII 4692, Bl. 9; "Konzeption und inhaltliche Orientierung für die Lösung volkswirtschaftlicher Schlüsselprobleme 1981


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#159

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 25.07.2009 20:07
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen, unten angehängte Links stammen aus junge Welt vom 16.07 2009 / Kein Recht auf Arbeit und desgl. 13.07 / Häftlinge werden vermarktet. Ich habe sie hier in Diskussion gestellt, weil ich einmal eine Parallele zu einem Beitrag in Gefängnismethoden der DDR ziehen wollte, wo eine junge politische Gefangene im 3 Schichtsystem Bettwäsche für ein westdeutsches Versandhaus nähen musste. Es ist eine Schilderung ihrer Zeit im Strafvollzug, sehr realistisch, das muss ich ehrlich zugeben. Vielleicht kann jemand mal den Textauszug heraussuchen, ich glaube, er war von Manudave, mir fehlt etwas die Zeit dazu.
Folgende Fragen dazu: Wie hoch war der Verdienst eines Häftling zu DDR- Zeiten, in etwa so wie heute mit 1.01 bis 1.68 Euro/ Stunde, und logisch, das da erst einmal umgerechnet werden müßte in Mark der DDR? Wußte der westdeutsche Abnehmer konkret, wer sein Produkt da herstellt, in diesem Fall die politischen Gefangenen der DDR? Legt euch bitte mal ins Zeug, Leute, ich verabschiede mich erstmal bis Montag.

Gruß Rainer- Maria


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#160

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 25.07.2009 21:23
von Augenzeuge (gelöscht)
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Hallo Rainer,

ein paar Informationen möchte ich dir gern zu deinem Artikel geben. Aus der Sache heraus kann das leider kein 3-Zeiler sein.

Vorab eins: Der westdeutsche Abnehmer wusste nicht, wer das Produkt wo hergestellt hatte.
Meines Erachtens gab es damals kein Gesetz, das die Herkunft dokumentieren musste.
Ich kann mich daran erinnern, das z.B. im Woolworth elektr. Haushaltsmaschinen verkauft wurden, ich wusste woher die waren- AKA-Elektrik war mir ja ein Begriff. Wessis wussten das nicht. Ich bezweifle auch, dass der westdeutsche Vertreiber von der DDR über den Ort der Herstellung informiert wurde.

Von der Justizanstalt Sachsen über den Strafvollzug in der DDR gibt es folgende offizielle und bestätigte Informationen:

Da die Aufrechterhaltung von Disziplin und Ordnung - nicht nur aus Sicherheits-Gründen, sondern auch zum Zwecke der "Erziehung" - als Grundpflicht im Strafvollzugssystem galt, war der Tagesablauf vom Wecken bis zur Nachtruhe exakt geregelt. Dem Gefangenen war damit - ebenso wie dem Personal - fast kein Handlungsspielraum eingeräumt, so dass dieser letztlich nur Objekt staatlicher Einwirkung war. Von seiner "aktiven Einbeziehung" in den Erziehungsprozeß, die im StVG ausdrücklich gefordert wurde, konnte also in der Praxis keine Rede sein.

Der Gefangene hatte einen Anspruch auf Beschäftigung.
Es waren Wettbewerbskonzeptionen zu erarbeiten, die "hohe Zielsetzungen" (Plansoll) enthalten sollten.
Für ihre Tätigkeit erhielten die Strafgefangenen - bei Erfüllung der Arbeitsnormen - 18 % des Nettolohns, die ein Werktätiger für die gleiche Arbeit erhalten würde. Im Durchschnitt dürfte ein Gefangener etwa 100 Mark monatlich erhalten haben. Bei Unterhaltsverpflichtungen wurde ein bestimmter Betrag abgezogen. Etwa die Hälfte des verbleibenden Einkommens durfte zum Wareneinkauf verwendet werden. Der Rest diente der Begleichung von Schulden und der Bildung von Rücklagen für die Zeit nach der Entlassung.

Wenn man nun den heutigen Betrag von 1,01-1,68 (Durchschnitt 1,35) pro Stunde zu Grunde legen würde, so ergibt sich ein monatliches Einkommen in Höhe von durchschnittlich 216,- EUR bzw. 432,- DDR-Mark bei einem Kurs von 1:2 wie die DM.
(Wir wissen alle, dass dies ein politischer Kurs war und keinesfalls der wirtschaftlichen Realität entsprach, aber egal.) Immerhin wären das 332,- DDR-Mark mehr als zu DDR-Zeiten.

Verpflichtend war für die Strafgefangenen die Teilnahme an Maßnahmen der
"staatsbürgerlichen Erziehung und allgemeinen Bildung".

Eine Kontaktaufnahme zu Angehörigen wurde nur gestattet, wenn hiervon ein positiver Einfluss auf den Strafgefangenen erwartet wurde.

Der Briefverkehr war dahingehend reglementiert, dass der Gefangene zwar unbegrenzt Schreiben empfangen, allerdings selbst nur drei Briefe im Monat absenden durfte.

Soweit der für die Briefkontrolle zuständige Offizier zu der
Ansicht gelangte, der Inhalt des Schreibens gefährde die Sicherheit oder den Erziehungsprozeß, wurde dieser nicht ausgehändigt bzw. abgesandt. Hierüber war der Strafgefangene zu unterrichten, was in der Praxis jedoch oft unterlassen wurde. Besuch durfte der Strafgefangene einmal alle zwei Monate für die Dauer von einer
Stunde empfangen. Das Gespräch wurde durch einen SV-Angehörigen mitverfolgt.
Die Trennung von Besucher und Gefangenen mittels einer Glasscheibe war zwar
nicht vorgeschrieben, aber in der Praxis nicht unüblich. Pakete mit Nahrungs- und
Genussmitteln sowie Gegenständen des persönlichen Bedarfs durfte der Strafgefangene bis zu vier im Jahr empfangen. Die Verpflichtung der SV-Angehörigen, die Pakete im Beisein des Gefangenen zu durchsuchen, war für manche eine Gelegenheit zur Schikane, gerade bei Paketen aus der BRD. Die Pakete wurden dann völlig zerwühlt, die Verpackung weggerissen und die Gegenstände so wieder zurückgeworfen, dass die Lebensmittel etwa mit der Seife in Berührung kamen.

Die Behandlung politischer Gefangener:
Da es für Politik und Justiz in der DDR aus ideologischen Gründen offiziell keine politischen sondern nur kriminelle Häftlinge gab, mussten aus politischen Gründen Verurteilte doppelte Erniedrigungen hinnehmen. Zum einen wurden sie wie Schwerverbrecher, wie Mörder und Kinderschänder behandelt. Zum anderen mussten sie oft außerordentlich gefährliche Arbeiten ausführen. Bei Arbeiten an maroden Maschinen oder durch das Einatmen von giftigen Dämpfen wurden viele Häftlinge verletzt, manche verstarben sogar.
Politische Gefangene wurden meist als "besserungsunwillig" angesehen. Ihr auf
"klassenfeindlichen" Motiven beruhender Widerstand sollte daher durch entsprechend schlechte Behandlung im Vollzug bewusst gebrochen werden. So waren sie in verstärktem Maße der Isolation durch Absonderung von Mitgefangenen ausgesetzt.
In der StVE Bautzen II durften die Gefangenen während des Aufenthalts im Freien untereinander keinen Kontakt aufnehmen. In einigen Anstalten - etwa Karl-Marx-Stadt oder Bautzen II – war das MfS unmittelbar für die politischen Gefangenen zuständig.

Durchschnittlich wurden auf 28 qm reiner Raumfläche 15 oder mehr Gefangene
untergebracht.
Ein grundsätzlicher rechtsstaatlicher Mangel bestand im Fehlen jeglicher gerichtlicher Rechtsbehelfe. Im Übrigen wurden Beschwerden - gerade bei politischen Gefangenen - oftmals entgegen geltendem Recht gar nicht weitergeleitet.

Wer mehr lesen möchte, kann das hier tun:
Das Haftsystem der SBZ/DDR von 1945 bis zur Mitte der 1970er Jahre unter
besonderer Berücksichtigung der Haftbedingungen politischer Häftlinge.
http://www.stiftung-aufarbeitung.de/down...007/Mueller.pdf

Der Leserbrief beklagt, dass in der heutigen Gesellschaft die Gefangenen keine Lobby, keine Aufmerksamkeit der Presse und kein Verständnis in der Gesellschaft finden. Gab es das denn in der DDR?

Gruß, Augenzeuge


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