#81

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 23.01.2009 09:28
von Rainman2 | 5.754 Beiträge
Ich möchte in diesen Thread zunächst mit einer Geschichte aus der DDR mit etwas Randbemerkung drumrum einsteigen.

Meine Großmutter, Jahrgang 1901, erhielt in der DDR die Mindestrente, obwohl sie ihr ganzes Leben hart und schwer gearbeitet hatte. Ihr Mann war im ersten Weltkrieg beim Untergang seines Kreuzers in der Ägäis (20.01.1918) zwar dem Tod, nicht aber den Spätfolgen entronnen. Über ein Jahrzehnt schwer Krank starb er 1950. Meine Großmutter musste, neben der Sorge und Fürsorge für ihren Mann, ihre drei Töchter mit sehr wenig Geld durch die Nachkriegszeit bringen. Sie selbst hatte nur drei Jahre die Schule besuchen dürfen und hätte selbst so gern gelernt. Als sie 1987 starb waren um sie ihre drei Töchter, die alle eine Fachschule besucht hatten, und ihre vier Enkeljungs, die alle eine Hochschule besucht hatten. So konnte eine Proletarierin in der DDR sterben.

Diese Gesellschaft verstand sich als eine Herrschaft der Arbeiter und Bauern. Es gab darin Dinge, an denen nicht mal eine korrupte Clique alter Männer etwas ändern konnte. Dieser kleine Teil der Geschichte meiner Großmutter ist ein Bestandteil meines Glaubens an die Möglichkeit einer gerechten Gesellschaft, die es Wert ist, verteidigt zu werden. Mit diesem Ideal bin ich an die Grenze gegangen und war bereit, meinen Auftrag mit aller Entschlossenheit zu erfüllen. Der Widerspruch liegt darin, dass der Staat, den ich damit verteidigte, dieses Ideal schon lange verloren hatte. Menschen, die gegen den Staat kämpften oder dem zu enkommen hofften, waren meine Feinde. Im Spannungsfeld zwischen dem Antikommunismus des kalten Krieges und dem Kampf gegen die Tyrannei entarteter Sozialisten bzw. Kommunisten waren die Feinde nur schwer zu unterscheiden, die Verbündeten in der Sache des Ideals kaum zu finden.

Eine Diskussion ist schwierig, wenn sie versucht, diesen in vielen von uns (ich meine damit die Grenzer meiner Generation) wohnenden Widerspruch zu vertiefen. Der ist da. Aber auf beiden Seiten jenseits des Widerspruchs, an den Polen, gibt es Klarheit. Es gab das Ideal einer Gesellschaft und das war meine Motivation. Es gab ein von Macht korrumpiertes Regime, das sich der Diskussion, Kritik und vor allem der demokratischen Kontrolle entzog und das konnte oder wollte ich nicht sehen. Das gesamte gesellschaftliche Leben in der DDR widerspiegelt diesen Widerspruch. Der Gipfel der unreflektierten Hilflosigkeit ist der Satz: Aber es war doch nicht alles schlecht.

Ich habe mir vorgenommen, nicht nur hier im Forum, die Geschichten zu erzählen, die passierten. Und ich muss sie aus meiner Sicht erzählen. Das, was oben über meine Großmutter steht, ist wahr, auch wenn eine Tochter die Fachschule und ein Enkel die Hochschule geschmissen haben. Sie haben sie immerhin besucht. Diese Geschichten können zunächst zwei sehr interessante Fragen erhellen:
- Welche Teile meiner Lebensgeschichte haben mich zu meinem Ideal geführt bzw. mich an dieses gekettet?
- Warum konnte oder wollte ich die Wirklichkeit nicht sehen?

soviel erstmal dazu.
Für Fragen bin ich gerne offen!
ciao Rainman

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 23.01.2009 09:29 | nach oben springen

#82

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 23.01.2009 11:15
von turtle | 6.961 Beiträge

Aber auf beiden Seiten jenseits des Widerspruchs, an den Polen, gibt es Klarheit. Es gab das Ideal einer Gesellschaft und das war meine Motivation. Es gab ein von Macht korrumpiertes Regime, das sich der Diskussion, Kritik und vor allem der demokratischen Kontrolle entzog und das konnte oder wollte ich nicht sehen. Das gesamte gesellschaftliche Leben in der DDR widerspiegelt diesen Widerspruch. Der Gipfel der unreflektierten Hilflosigkeit ist der Satz: Aber es war doch nicht alles schlecht.

Hallo Rainman2 Danke für die klaren Worte und Hochachtung vor Deiner Selbstkritik!


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#83

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 23.01.2009 15:18
von Transitfahrer (gelöscht)
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@Rainman2

Wow, für Deinen Beitrag. Nüchtern, sachlich und ohne Polemik. Genauso würde ich es mir wünschen, daß vielmehr Ost- und Westdeutsche an dieses heikle Thema herangehen.

Gruß
Peter


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#84

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 26.01.2009 09:42
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Rainman nimm dir bitte mal einen Notizzettel weil ich gern auf alte Texte hier im Forum zurück greife, sonst nehmen meine Beiträge Buchumfang an. Denn das Buch möchte ich erst später schreiben, ich werde es Der Pionier die Minen und das Lachen seiner Frau nennen. Deine Ideale hätte ich haben mögen und ich bezeichne mich auch nicht als "Grenzer meiner Generation" , eher als ein Wehrpflichtiger ohne Ideale aber eine Gemeinsamkeit habe ich schon entdeckt wir waren beide 24 Jahre alt an dieser Grenze und darüber meine Formulierung in Disk. vom 24.10.08 . Dich könnte ich mit unseren 501 Pioniertruppführer, einem jungen Unterfeldwebel vergleichen der wahrscheinlich noch bis Anfang der 90er Jahre die Demontagearbeiten an seiner geliebten Anlage begleitet hat aber nein die war ja schon ein paar Jahre eher weg, im Rahmen dieser Entspannungsphase OST/WEST. Entspannung ist die richtige Formulierung fasst wie bei mir in der Liebeslaube in Boizenburg siehe mein letzten Beitrag in Flucht aus der DDR, danach tickte meine innere Uhr jedesmal anders, irgendwie ruhiger und ausgeglichener. Denn für mich war es Arbeit, eine ganz stinknormale Arbeit die sogar noch gut bezahlt wurde mit einen Gefahrenzuschlag, auch keine Leidenschaft sowie für unseren Truppführer. Diesen Grad "Gefährlichkeit habe ich damals überhaupt nicht gesehen warum auch ich war jung. Aber in den 90er jahren hatte ich die Grenze und alles was mit ihr zusammen hing schon lange wieder vergessen und innerlich auch abgelegt . Erst ein dummer Zufall brachte mich wieder darauf, eine berufliche Sache in Hamburg kurz vor der Jahrhundertwende. Der dortige Stahlbaubetrieb schloß Punkt 16.15 Uhr seine Tore, und so hatte ich Zeit. Für die Kneipe war es noch zu früh, also dachte ich setz dich ins Auto und fahr mal rüber, so chaufierte ich über Geesthacht und Lauenburg wie ein Tourist in aller Ruhe nach Boizenburg. Erst als ich über den alten Grenzübergang Horst rollte den ich KTS288 (Klaus) schon einmal beschrieben hatte diesen Sack am Elbdamm war die Erinnerung mit einem Schlag wieder da, nüchtern und realistisch wie 1977. Die Geschichte mit den alten Staabsgebäude findest du unter Elbgr. 29.8.08 . Das mit dem "Offizier werden" war übrigens ein Scherz, ich suchte bloß einen Übergang im Text für die Unteroffiziere und den alten Witz. Aber Hand aufs Herz und das hatte ich Jens in Elbgr. 1.9.08 schon einmal geschrieben, ich trage den Jungs nichts nach, ihre Ausbildung war erstklassig, sie waren fit wie die Turnschuhe und sportlich auf der Höhe. Heute wünschte ich mir solche Sportlehrer an den Schulen und Berufsschulen dieses Landes denn die jungen Männer und nicht nur die werden ja immer fetter. Aber wir wollen nicht ständig in der Vergangenheit herumhängen sondern nach vorne schauen so wie die Sozialisten sagen. Aber genug für Heute und mehr dazu im nächsten Beitrag.

Gruß

Rainer-Maria

PS: Überleg mal ob du mit zum Forumtreffen kommen möchtest!


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#85

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 26.01.2009 19:01
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Hallo Rainer-Maria,
ich hatte einige Deiner Beiträge schon gelesen, die Liebeslaube war mir noch gut im Gedächtnis. Ich greife hier aber mal die Anlage 501 auf (wir hatten im Abschnitt Stedtlingen 2 davon und eine 701). In der Ausbildung als Offiziersschüler wurden wir in diese Anlagen eingewiesen (GVS) und lernten, wie man einen Verletzten aus der Minensperre mit erdverlegten Minen rausholt. Letzteres war extrem gefährlich, zu zweit auf einer schaukelnden Bergebrücke einen Verletzten hochzuheben, selbst nicht das Gleichgewicht zu verlieren und den Verletzten nicht zurückfallen zu lassen. Da kam schon die Frage auf, was soll das Ganze? Der mitlitärische Nutzen dieser Anlagen steht doch in keinem Verhältnis zu den Risiken. Zumal ich später an der Grenze noch von den weggespülten Minen erfahren sollte - ein Teufelszeug. Die Anlage 501 schien da "sauberer". Aber auch ihr militärischer Wert lag unter dem Aufwand. Sie waren von Ost und West extrem leicht aufzuklären und mit nur wenigen Hilfsmitteln außer Gefecht zu setzen. Wir hatten unter uns Offiziersschülern eine ganze Reihe von Diskussionen, die den Nutzen, den Aufwand und die außenpolitische Wirkung ins Verhältnis setzten. Es gab allerdings keine Zweifel bei uns daran, dass die DDR das Recht hatte, ihre Grenze so zu schützen, wie sie es für richtig hielt.

Erst später erfuhr ich, dass die Minen eine Forderung der Sowjets gewesen waren. Die Entscheidung 1984, sie abzubauen, war ein Alleingang der DDR (siehe Erinnnerungen General Baumgarten). Genau wie Du, hatte ich das Nachdenken darüber bereits in einen entfernten Winkel meines schütteren Hirns verbannt. Fast jede Diskussion endete mit Polemik, ab einem bestimmten Punkt interessierten sich sogar Freunde kaum noch für die wahren Geschichten. Im Jahre 2002 war ich in Baden-Württemberg unterwegs, unterrichtete die dortige Landesverwaltung in Haushaltsmanagement und Kostenrechenung. Eines Abends las ich von Rolf Henrich das Buch "Die Schlinge". Auf Seite 97 beginnt eine Zeugenaussage. Ich war bestürzt, es war der zweite Grenzdurchbruch in meinem Abschnitt 1984 innerhalb von sechs Wochen. Hier sagte einer aus, der durch unsere Minen schwer verletzt worden war. Das war nur ein paar Wochen, bevor die Anlage abgebaut wurde. Ich habe mich in dieser Nacht gefühlt, wie sich ein Bomberpilot fühlen muss, der über die zivilen Opfer seines militärischen Handelns liest.

Nun kann ich in die Draufsicht wechseln. Diese Perspektive erlaubt es mir, z.B. die extreme Kriegsgefahr dieser Zeit in die Rechnung einzufügen. Natürlich kann man die Kollegen der BW beglückwünschen, dass sie schöne Wochenenden hatten. Aber die Einsatzregimenter der Sowjatarmee hatten eine Zeit von 15 Minuten, bis sie mit kompletter (!) Technik vom Hof waren (Stand 1982 - Lubliner Gardeschützenregiment in Plauen). Und was ist mit den rund 250 Alarmübungen am Point Alpha (Stand 1983). Ich habe damals solche Fakten in meine Überlegungen einfließen lassen. Ich musste mit meinen Soldaten darüber reden, sie motivieren. Insofern war ich in einer anderen Lage, als Du, Rainer-Maria. Die Tatsache, dass ich ein "hundertprozentiger" war, half mir in solchen Augenblicken. Aber dann verlasse ich die Draufsicht und wechsle wieder dorthin, wo ich gestanden habe: Der Leutnant vor dem blutigen Zaun. Und damit bin ich nicht fertig ... Meine Großmutter sagte mal zu mir: "Junge, mag werden, was will, nur ja kein Krieg mehr!" Und das verstehe ich heute besser, als damals.

Über das Forentreffen denke ich übrigens bereits nach, bin aber nur begrenzt Herr meiner Termine in den nächsten Monaten. Es reizt mich schon, allein Point Alpha (meine erste Grenzstreife von Geisa aus ...) mal wieder zu sehen. Ich melde mich dazu, wenn ich vebindlich zusagen kann.

Alles Gute
Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#86

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 26.01.2009 21:15
von manudave (gelöscht)
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@Rainman

Es würde mich freuen, dich bei mir vor der Haustür am Point Alpha begrüssen zu dürfen.
Ich könnte dich auch mit Soldaten zusammen bringen die hier einige Wochen gedient haben. Auch das Opfer der SM 70 vor OP Alpha kann man bei diversen Ausstellungseröffnungen noch antreffen.

Was meinst du mit den 250 Alarmübungen am OP Alpha ? West oder Ostübungen? In Osthessen und dem Vogelsberg reden wir im Jahr 1979 von ca. 1.000 Übungen und Manövern auf Westseite.


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#87

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 26.01.2009 22:04
von Rainman2 | 5.754 Beiträge
Hallo Manudave!

die 250 Alarmübungen bezogen sich auf die Stellung des 2. Bat./11. PAKlR unmittelbar an der Grenze, also US-Armee. Ich habe es nicht nachgezählt. Quelle war Major F., Politstellvertreter des Bataillons in Geisa, damals. Ich habe es nicht nachgezählt. Wichtig für uns war, dass auf DDR-Seite außer Grenztruppen, Staatssicherheit und ausgewählten Hubschrauberbesatzungen der Sowjetarmee, niemand an die Grenze kam. Die Stationierung von US-Streitkräften direkt an der Grenze, die Handlungen von Panzer- und Infanteriekräften der NATO bis an die Grenze sowie die Provokationen durch Hubschrauber vor allem der US-Armee gegenüber unseren B-Türmen und Führungsstellen waren für uns Beweise, des aggressiven Auftrags dieser Armeen. Solltest Du andere Daten haben, bin ich daran interessiert. Ich würde mich freuen, mich mit Dir direkt am Point Alpha auszutauschen.

Übrigens: 1992 war ich bei einem Treffen von Bundeswehrsoldaten (Offiziere und Unteroffiziere). Ich habe dort zusammen mit einem Angehörigen des BGS über unsere Erfahrungen an der Grenze vor denen gesprochen. Am Rande des Treffens gab ich einem der Bundeswehroffiziere unser altes Heft für die politische Schulung (Wissen und Kämpfen, kurz WUK-Heft) mit dem Thema "Die Bundeswehr der BRD - eine imperialistische Aggressionsarmee". Nach zwei Stunden gab er es mir zurück, zuckte mit den Schultern und sagte: "Was willste denn? Stimmt doch alles, was da drin steht." Nur, um mal wieder so'ne Geschichte aus dem Leben zu erzählen.

ciao Rainman

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
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zuletzt bearbeitet 26.01.2009 22:06 | nach oben springen

#88

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 27.01.2009 12:20
von manudave (gelöscht)
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Ich kenn dann wieder die Geschichte eines Arbeitskollegen aus der ehem. DDR, der auf die Frage "Was wäre im Kriegsfall gewesen" einfach sagte: "Wir hätten euch überrannt". Der Kamerad weiß heute noch nicht, wie recht er damit gehabt hat...


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#89

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 27.01.2009 21:46
von Rainman2 | 5.754 Beiträge
Hallo manudave,

ja, solche Sätze habe ich nach der Wende oft gehört. Das ignoriert allerdings auch die Tatsache, dass es da noch ein paar andere Truppen auf dem Gebiet der BRD gab. Und die Gefechtsbereitschaft der amerikanischen Streitkräfte dürfte niemand auf unserer Seite unterschätzt haben. Aber noch eine andere Geschichte: 1984 hatte ich ein Treffen mit Soldaten der Sowjetarmee bei uns in der Grenzkompanie vereinbart. Diese waren auf dem vorgeschobenen Luftbeobachtungsstützpunkt der 8. Gardearmee auf der "Hohen Geba" gleich hinter unserem Abschnitt stationiert. Wir spielten Volleyball miteinander, hatten ein kleines Essen für sie vorbereitet, wahrscheinlich das beste in ihrer gesamten Dienstzeit, denn sie wollten es erst nicht annehmen, und ich zeigte ihnen, auf ihre Bitte hin eine unserer Soldatenstuben. Kurze Zeit später sprach mich der Politstellvertreter der Einheit an. Ich solle so etwas künftig unterlassen, seine Soldaten hätten ihn gefragt, wer denn eigentlich den Krieg gewonnen hätte. Ich gestehe, ich war baff. In diesem Moment wurden mir eine ganze Menge Zuckerkrümel zur Deutsch-Sowjetischen Freundschaft und zur Unverbrüchlichen Waffenbrüderschaft aus dem Hirn geblasen.

ciao Rainman

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 27.01.2009 21:47 | nach oben springen

#90

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.01.2009 10:10
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Rainman über die Minen haben wir mittlerweile soviel geschrieben, Herstellerwerk, Elektronik das ich sie erstmal bei Seite legen würde denn einen anderen Satz von dir finde ich interessanter zur Disk. . Und zwar dieser Vergleich mit dem Bomberpiloten der über die zivielen Opfer seines militär. Handelns liest, aber für den der noch Interesse hat siehe Elbgrenze 24/26.6.08 u. 17/20.11.08 sowie dienen bei den Grenztruppen 9/10.7.08 . Ich muss immer wieder feststellen das wir im Osten viel zu sensible auf verschiedene Dinge reagieren, Dinge für die z.b. ein amerikanischer Pilot in den 60er Jahren noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt hätte was seine Opferbilanz betraf. Aber dazu textauszüge aus dem Buch Irene u. Gerhard Feldbauer: "Sieg in Saigon, erinnerungen an Vietnam". Den Luftkrieg hatten die USA am 5. August 1964 unter Bruch der Haager Landkriegsordnung ohne Kriegserklärung und damit volkerrechtswidrig begonnen. 64 Jagdbomber griffen Kriegsschiffe der demokratischen Republik Vietnam, Ortschaften im Golf vom Tongking und zivile wie militärische Objekte in Nordvietnam an. Im Sommer 1965 flogen bereits 4000 Flugzeuge monatlich 12000-15000 Angriffe. Es handelte sich um Vergeltungsaktionen für die Niederlagen, welche die Befreiungskämpfer den USA in Südvietnam zugefügt hatten. Mit meiner Frau und Fotoreporterin Irene arbeitete ich seid Juli 1967 als Korrespondent in Nordvietnam. Unzählige Male wurden wir Augenzeugen dieses barbarischen Luftkrieges der Zerstörung von Wohnvierteln, Krankenhäuser, Schulen und Betrieben, Kirchen und Pagoden, Straßen und Brücken, Bewässerungsanlagen der Reisfelder. 30 Städte Nordvietnams wurden buchstäblich den Erdboden gleich gemacht. Wir sahen blutbefleckte Kleider, zerfetzte Schulbücher, Krankenbetten die aus Trümmern ragten, verstümmelte menschen, unzählige Tode, Opfer der Zivilbevölkerung, vor allem immer wieder Frauen, Kinder, alte Menschen. Ein Leid, das man kaum beschrieben konnte. Wenn ich es richtig sehe bezeichnen wir neu dazugekommenen Deutschen aus den Osten die Amerikaner doch jetzt als unsere Freunde siehe NATO sowie damals unsere Russ. Freunde. Deswegen stell ich die einfache Frage: Warum solltest du dich Rainman jetzt als Einer der die Ideale einer soz. Gesellschaftsordnung in sich trug schlechter fühlen als diese damaligen Bomberpiloten und ihre Bundeswehrvasallen die dazu noch logistische Hilfe leisteten, die doch die Demokratie mit all ihrer christlichen Freiheit genauso verteidigten? Ich meine das natürich im bezug auf die zivilen Opfer, das müsste mal jemand erklären, nicht fundiert sondert aus dem Bauch heraus, sonst fühlt sich Wolfgang wieder auf den Schlips getreten. Und was "den Leutnand vor den blutigen Zaun" betrifft müsste man weiter Fragen: Was sollte denn der Amerk. dazu sagen, denn er ist mit diesem Teil der Geschichte schon lange fertig, er bereut noch nicht einmal und leistet keinen Schadensersatz siehe Agent-Orange. Ich höre jetzt schon den Einwand "Aber das war ja das eigene Volk was da über den Grenzzaun.........." ! Mit welchem Recht muss ich wieder Fragen wollte den der Amerik. und seine Verbündeten darunter die BRD diesem vietn. Volk seine Demokratie aufzwingen? Doch mit dem selben Recht mit dem die Sozialisten dachten jeden aus ihrem Volk belehren zu können, belehren und sei es mit Druck zu dieser soz. Gesellschaftsordnung. Denn diese Jacke wollte sich auch nicht jeder anziehen! Also Opfer hier und Opfer da hängt euch mal alle rein und ich denke wir haben wieder Stoff für die Schüler und Studenten und aller anderen Interessierten. Schaut hier evtl. auch mal ein Lehrer für Geschichte oder Gesellschaftskunde herein?

Gruß

Rainer-Maria


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#91

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.01.2009 12:01
von manudave (gelöscht)
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Zu:

Das ignoriert allerdings auch die Tatsache, dass es da noch ein paar andere Truppen auf dem Gebiet der BRD gab. Und die Gefechtsbereitschaft der amerikanischen Streitkräfte dürfte niemand auf unserer Seite unterschätzt haben.

Ich mach hierzu mal einen neuen Thread auf - Der kalte Krieg.


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#92

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.01.2009 12:40
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo Rainer-Maria, Ob Vietnam, oder vorher Korea, unbestritten waren das ungerechtfertige Kriege mit Imperialistischem Hintergrund .Für mich ist jeder Krieg nicht berechtigt! Besonders in Vietnam wurden Waffen eingesetzt welche gegen die Genfer
Konvention verstoßen haben. Ich hätte mir hier auch gewünscht ,die Verbündeten hätten nicht tatenlos zugesehen oder die Verantwortlichen währen zur Rechenschaft gezogen wurden, wie jetzt in den Prozessen in den Haag.
Mit welchem Recht muss ich wieder Fragen wollte den der Amerik. und seine Verbündeten darunter die BRD diesem vietn. Volk seine Demokratie aufzwingen? Doch mit dem selben Recht mit dem die Sozialisten dachten jeden aus ihrem Volk belehren zu können, belehren und sei es mit Druck zu dieser soz. Gesellschaftsordnung ,schreibst Du!Vergleichst Du hier Unrecht mit Unrecht ,und rechtfertigst die Politik der DDR im nachhinein? Motto :Was dem einen Recht ist dem anderen billig! Für mich ist Unrecht was das Wort sagt Unrecht! Ich suche nicht nach Beispielen um es zu rechtfertigen. Gruß Dein Freund Peter


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#93

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.01.2009 12:42
von Rainman2 | 5.754 Beiträge
Hallo Rainer-Maria,

danke für Deine sehr anregende Fragstellung. ich versuche gleich mal die Hauptfrage aus dem Bauch zu beantworten: Warum solltest du dich Rainman jetzt als Einer der die Ideale einer soz. Gesellschaftsordnung in sich trug schlechter fühlen als diese damaligen Bomberpiloten und ihre Bundeswehrvasallen die dazu noch logistische Hilfe leisteten, die doch die Demokratie mit all ihrer christlichen Freiheit genauso verteidigten?

Die einfache Antwort: Weil ich die Ideale einer sozialistischen Gesellschaft in mir trug und trage.

Die Erläuterung: Der Grundstreit an dieser Antwort könnte sich daran entzünden, dass DDR und sozialistische Gesellschaft gleich gesetzt werden. Der Staat DDR war der Versuch, eine sozialistische Gesellschaftsordnung einzurichten. Und dieser Versuch ist gescheitert. Ich möchte an dieser Stelle nicht den Platz der Diskussion gänzlich sprengen und die Gründe analysieren. Nur soviel: Ich setze diese beiden Begriffe nicht gleich. Das Ideal der sozialistischen Gesellschaft muss ein humanistisches sein, sonst hätte die Idee keinerlei Wert. Das heißt für mich allerdings nicht, dass sich eine solche Gesellschaft nicht auch mit Waffen erheben und verteidigen kann. Sie muss dies nach meiner Überzeugung sogar tun. Aber auch das lasse ich dahin gestellt sein. Betrachten wir mal ganz nüchtern die Lage in der ich gehandelt habe: Dass der Sozialismus in dieser Form keinen Bestand haben kann, war vielen der Verantwortlichen bereits in den 70-er Jahren klar, was ihnen aber oft erst heute in ihren Erinnerungen einzufallen scheint. Ich habe also eine Stellung gehalten, die bereits verloren war. Mein Kampf hat Opfer verursacht, die nicht nötig waren. Allein das kann einen schon in die Verzweiflung treiben. Es kommt hinzu, dass ich an die Grenze nicht mit dem Gedanken gegangen bin, ich töte dort Menschen. Mein blauäugiges Bild war das, von der Verteidigung der bisher gerechtesten Sache der Welt an vorderster Front. Das klingt banal, aber so sieht man die Welt mit fünfzehn Jahren (dem Alter in dem ich mich entschloss, Grenzoffizier zur werden). Als ich damals am Zaun stand, war ich eine Mischung aus "Festklammern am Ideal" und "Funktionieren im diensthabenden System". Das sind Dinge, die das Mitgefühl mit den Opfern unwahrscheinlich zügeln. Damals bestand mein Humanismus aus Phrasen. Als der Boden für die Phrasen weg war, musste ich, was ich getan hatte, neu bewerten. Das ist eine schwere Arbeit, die man nicht an einem Tag bewältigt, und für die es bisweilen auch des Anstoßes bedarf. Als ich an diesem konkreten Fall mit dieser Arbeit begann (2002), kam die Erschütterung auf, die ich mir 1984 versagt hatte. Und sie kam zunächst rein aus meinem Gefühl. Ich verteufele die DDR nicht. Sie war mein Heimatland. Sie war der Versuch, etwas Besseres zu schaffen, als wir heute noch haben. Sie war fehlerbehaftet, labil und weit von ihren Idealen entfernt. Sie hatte aber auch wie jedes Land das Recht, sich zu schützen und zu verteidigen. Soweit könnte ich sagen, habe ich eine legitime und gesetzliche Aufgabe erfüllt. Die Fragwürdigkeit der Art der Verteidigung erwächst für mich, wenn ich den Staat an seinen Idealen messe, die er zu verteidigen postulierte. Da ist für mich der Widerspuch. Und da kollidiert mein Humanismus mit meinen Taten.

Oder noch einmal einfacher: Hätte sich die DDR so geschützt, wenn sie gewesen wäre, wie sie sein wollte?

Soviel zunächst dazu von mir
ciao Rainman

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 28.01.2009 12:48 | nach oben springen

#94

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 28.01.2009 23:04
von Altehuette (gelöscht)
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#95

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 29.01.2009 11:42
von turtle | 6.961 Beiträge
Hallo Altehuette, Die Videos liesen mich aus heutiger Sicht schmunzeln!Wie man doch mit der Zeit und Abstand vieles anders wahrnimmt! Aber immer wieder interessant zu sehen und zurückzudenken wie es damals war. Auch kann sich der Laie besser in die Gedankenwelt,Ideologie,
und Situation hineinversetzen.Das wiederum bringt mehr Verständnis wie einiges so abgelaufen ist. Gruß Peter(Turtle)

zuletzt bearbeitet 29.01.2009 11:49 | nach oben springen

#96

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 29.01.2009 12:11
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo und ohne direkte Anrede diesmal, Rainman bezeichnete sich einmal als 100%prozentig zu dieser Zeit, er tat seine Pflicht mit Überzeugung, ich tat sie auch diese Wehrpflicht aber eben ohne.... . Mit seinem heutigen Erkenntnisstand bereuht er seine damaligen Handlungen, das ist es was mir im Gegensatz zu diesem Piloten im letzten Beitrag die die Demokratie genaus so verteidigten überhaupt nicht gefällt. Denn diese heutige Demokr. prangert Unrecht im Sozialismus an, vergisst aber vollkommen das sie in Punkto Menschenrechtsverletzungen zur damaligen Zeit kein Jota besser war. Richtig ist, dieser Staat DDR missbrauchte ab einem bestimmten Zeitabschnitt seine Ideale aber dafür ist R. nicht verantwortlich. Ich rechtfertige also nicht die Politik der DDR, ich rechtfertige R. seine Handlungen auch auf die Gefahr hin das damals in seinem Abschnitt und somit seinem Verantwortungsbereich Menschen getötet oder verletzt worden. Diese Opfer an der Grenze, ich sehe das so und habe es schon öfter geschrieben:
Die Schilder waren groß und gut lesbar, Analphabeten gab es in diesem Staat DDR nicht
Ich verlange also von einem Menschen damals wie Heute das er sich über sein Tun und Handeln bewußt ist, von Jugendlichen abgesehen die klammern wir hier aus. Aber schon eine Altergrenze zu ziehen ist ziemlich schwierig, denn der eine ist ein Früh, der andere ein Spätzünder. Also Eigenverantwortlich ab wann, eine gute Frage? Ich bemühe ungern dieses blöde Beispiel mit der Steckdose, also ich weis genau wenn ich...... , dann hat das fatale Folgen. Peter (Turtle) hat mal geschrieben "mir blieb keine Wahl" das geht in Ordnung sage ich denn es gab Gründe dafür aber hätte dann einer mit der Waffe dort gestanden wäre er heute tod. Er trug das Risiko allein, und entzog sich 1968 dem Soz. , war aber schon nicht mehr so naiv wie 1964, hatte einen wachen Verstand und einfach Glück. Wie hat Harry Thürk mal geschrieben: aber der Mensch ist keine Tier, er hat Verstand und ein Gewissen, diese beiden Eigenschaften muss er aber auch nutzen selbst auf das Risiko hin das er scheitert, das ist sein eigenes Problem. Andere sind gescheitert, so ist das Leben sage ich jetzt und warum sollte sich R. für sie veranwortlich fühlen? Bloß weil Ihn dieser Staat dorthin befohlen hat, an diese Grenze nein das ist absolut kein Grund sich diese Jacke anzuziehen. Noch eine kleine eigene Geschichte, damals hatte ich bei diesen Arbeiten am Zaun I mindestens ein dutzend mal die Möglichkeit ganz ohne Probleme die Seite zu wechseln, ich wäre im Unterholz verchwunden und der Rest dieses kleinen Trupp hätte erst nach einer halben Minute bemerkt das ich..... . Keiner hätte auf mich schiesen müssen, keiner hätte sich hinterher Gedanken machen müssen denn wollte ich etwas in meinen Leben habe ich es auch durchgezogen aber ich war mir bewußt wenn es schief geht sperren sie dich ein. Ich hatte also mit 24 Jahren ein Ziel sowie ein Gewissen und das lag nicht im Westen. Wie bei den Unteroffizieren denen ich nichts nachtrage, warum sollte ich denn hinterher jammern und noch einen anderen wie R. verantwortlich machen. Wie sagt S.Stallone in diesem Kultboxerfim "Rocky" immer wenn sie ihm so richtig eine reinhauen, keine Schmerzen, keine Schmerzen und das sage ich jetzt auch. Also Rainman und jetzt muss ich doch mal diese Anrede wählen , keine Erschütterungen und keine Verzweiflung, Heute nicht, Morgen nicht und Übermorgen auch nicht. Der hat gut reden mit seinem grenzenlosen Optimismus wirst du jetzt sagen, und am Ende ist es doch meine Entscheidung, da gebe ich dir Recht.

Gruß

Rainer-Maria


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#97

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 29.01.2009 12:32
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Danke Altehuette!

Die gestellten Szenen im Traditionskabinett, die gezwungenen Bilder bei der Brigade und vor den Bildern im Palast der Republik - immer wieder eine schöne Erinnerung an verkrampfte Propaganda. Kein Vize-Knick in den Schulterstücken, kein unordentlicher Haarschnitt - ja, so wurden unsere Soldaten gern gezeigt. Da Progress das staatliche Dokumentar- und Werbefilm Studio war, dürfte hier auch entsprechender Druck von oben geherrscht haben (Nur ja keinen mit zuviel Restalkohol bei der Szene im Traditionskabinett). Ansonsten ist es schon ein netter Blick darauf, wie wir uns gesehen haben, wenn wir naiv genug waren.

Ich empfehle jedem, der Leben in der DDR ausgiebig studieren will, die Dokumentarfilmreihe: "Die Chronik der Kinder von Golzow". Es ist die längste Langzeitbeobachtung des internationalen Films überhaupt. Kinder der Jahrgänge 1954/55 werden bei ihrer Einschulung 1961 in Golzow (im Oderbruch) mit der Kamera beobachtet. Die Dokumentation ging, ohne dass es so geplant war, zum Teil bis zum Jahr 2005! Es sind keine besonderen, außergewöhnlichen Biografien dabei, es sind ganz normale Menschen, ihr Leben in der DDR, ihr Leben mit und nach der Wende. Einer von ihnen war übrigens Grenzer. Der Film "Jochen - ein Golzower aus Philadelphia" zeigt eine Szene im gleichen Traditionskabinett, wie das Werbefilmchen. Jochen, der Unterfeldwebel, muss (ja, er wurde dazu per Befehl genötigt) einigen Soldaten etwas über Reinhold Huhn und sein Verhältnis dazu erzählen. Ich habe selten so herzlich und bitter gelacht: Genauso war es. Leider gibt es die Szene nicht im weltweiten Netzchen.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#98

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 30.01.2009 17:20
von Rainman2 | 5.754 Beiträge
Hallo Rainer-Maria,

Deine gestriger, fast zeitgleich mit meinem geschriebener Artikel, war eine kleine Denksportaufgabe für mich. Ich umgehe im Moment bewusst den Vergleich mit heutigen Kriegsverbrechen und -verbrechern. Das Denken anderer ist nur insofern eine Fundgrube für Diskussion, sofern sie sich selbst offen und rückhaltlos äußern. Ich möchte aber einen Begriff Deines Artikels herausnehmen und ihn einer kleinen rhetorischen Fingerübung unterziehen. Es geht um den Begriff der REUE, ich würde meine Taten aus heutiger Sicht bereuen.

Etymologisch betrachtet, taucht der Begriff noch vor dem 8. Jh. im Mittelhochdeutschen auf und steht weitestgehend für seelischen Schmerz. Insofern könnte die Verwendung in Ordnung gehen. Aber der Begriff hat nach meiner Auffassung einen Bedeutungswandel vollzogen unter dem Einfluss der katholischen Kirche. Zunehmend wurde der Bergiff der Reue hier als Voraussetzung für die Beichte, als Grundlage der Buße genommen. Der bußfertige Sünder ist zugleich auch reuemütig, bekennt sich zu dem inneren Schmerz den ihm seine Sünden bereiten und geht einen Weg, an dessen Ende Vergebung und Reinigung von den Sünden steht. Insofern steht Reue heute eher für einen inneren Zustand, dem die Bitte um Vergebung innewohnt, als nur für den inneren Schmerz selbst. Die Bitte um Vergebung kann dabei nach innen oder nach außen gerichtet sein.

Ich sage nicht, dass Du diese implizite Bedeutung bei der Verwendung des Wortes unterstellt hast. Ich sehe lediglich die Möglichkeit, dass sie unterstellt wird. Das würde aber wiederum meine Toleranzgrenzen im Rahmen einer solchen Diskussion verletzten. Daher die Wortklauberei. Ich bedauere die Entwicklung zu DDR-Zeiten und die daraus resultierenden Widersprüche, ich bin bereit, mich bei Betroffenen für meine Handlungen, mit denen ich ihnen geschadet haben könnte zu entschuldigen, ich spüre inneren Schmerz über Verletzungen. Aber ich will keine Vergebung. Insofern ist der Begriff Bedauern im konkreten Kontext besser geeignet, als Reue.

In der Nachkriegszeit ernährte meine Großmutter drei Töchter und einen kranken Mann dadurch, dass sie bei Leuten "die Aufwartung" machte, also als Haushaltshilfe. Für einen Tag im Waschhaus bekam sie bestenfalls 10 Mark. Eines Tages beschloss sie, dass ihr Mann endlich etwas Ordentliches zu essen bekommen soll. Sie ging auf den Schwarzmarkt und kaufte vom sorgsam Ersparten aus dem Wenigen ein Stück Butter. Es kostete 250 Mark. Das ist der Rennstall, aus dem ich komme. Der Staat, der diesen Ereignissen folgte, gab solchen Menschen die Möglichkeit, aus sich, ihren Kindern und Enkeln etwas zu machen. Ich würde mir wie ein Hundsfott vorkommen, wenn ich um Vergebung bäte dafür, geträumt zu haben, dieses Ideal zu verteidigen. Dass ich die Widersprüche nicht erkannte und handelte, als sei alles in Ordnung, das bedauere ich. Aber ich bereue nichts - und schon gar nicht heute! Und da, Rainer-Maria, liegen wir sicher wieder auf einer Wellenlänge.

ciao Rainamn

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 30.01.2009 17:21 | nach oben springen

#99

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 01.02.2009 11:27
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Rainman mein freund Peter wird sagen lass ihn doch endlich in Ruhe, es ist seine Entscheidung diese Sache mit der Entschuldigung. Trotzdem dagegen gestellt ein Leserbrief im ND vom 29.10.08 mit der Überschrift "Nicht zu fassen" über die heutige Denkweise unseres damaligen Klassenfeindes. Kürzlich kam bei Phoenix die Sendung "Abgeschossen". Es ging um den USA-Agressionskrieg gegen Vietnam, wo Millionen von unschuldigen Vietnamesen umkamen. Vietnams Volksarmee gelang es, einige US-Bomber abzuschiessen und die Piloten gefangen zu nehmen. Die DDR-Dokumentarfilmer Heynowski und Scheuman n erhielten die Genehmigung der Vietnam. Regierung, diese Piloten zu befragen und einen Film zu drehen. Jetzt wurde der Film zum Gegenstand einer neuen Dokumentation. Man stellte diesen Film den damaligen Gefangenen gegenüber. Sie wurden-soweit man sehen konnte-human behandelt. Aber was man in der Doku. sah war erschreckend. Jetzt wollten sich die Piloten von ihren Aussagen-zumindest zum Teil-distancieren, man hätte sie erpresst. Einer der Piloten fühlte sich besonderes dadurch geehrt das man sein Konterfei gemalt hatte und in einer ständigen Ausstellung im Pentagon zeigt. Er hat wahrscheinlich viele Vietnam. Menschen auf dem Gewissen, aber in Amerika gilt er als Held und er selbst ist stolz darauf. Besonders schockierend: Einer diesen gefangenen Piloten, die so viel Leid über die Vietnm. Menschen gebracht hatten, stand voll zu seinen Schandtaten. Er war auch der Meinung wenn es heute wieder gegen die Kommunisten gehen würde dann wäre er dabei, er sieht dies als ehrenvoll an, da er ein richtiger Demokrat sei. Eine solche heute getroffene Aussage ist für uns erschütternd. Das sie aus diesem forchtbaren Krieg nichts gelernt haben beweist der Krieg in Irak. Es ist eigendlich nicht zu fassen. Peter u. Karin E. 99429 Weimar-Gabernd
Wenn sie an einem Sonntag sowie Heute in die Kirche gehen, so schön in Familie, unsere amerik. Freunde wie es in ihren Filmen immer gezeigt wird nimmt der liebe Herr Gott also die Schuld wieder von ihnen für ihre Sünden damals in Vietnam und natürlich auch anders wo auf unseren Globus. Oder habe ich jetzt deinen Text falsch verstanden Rainman, vielleicht servt ja auch mal ein richtiger Katholik mit denn der kann das vielleicht noch besser erklären. Aber jetzt zu diesem Buch von R.Henrich die Schlinge, schreib mir bitte mal die ISBN-Nummer auf, ich habe in der Buchhandlung gefragt aber das kennt und findet auch keiner. Peter (Transitfahrer) wird jetzt sagen, der liest sich die Bücher durch, will sie interpretieren sowie Rainer Wagner und sein Tittel "Mit 15 im Knast" und dann ........... . Jetzt muss ich ehrlich sagen , das es meine Absicht war das Buch allein von der Biographie her meiner gegenüber zu stellen, es ist ein wunderbares Beispiel warum der eine Pro und der Kontra in der DDR aufwuchs. Aber dann müsste sich das gesamte Forum dieses Buch zulegen, um beurtleien zukönnen und das kann ich schlecht verlangen. Aber vielleicht finden wir doch noch einen Lösung.
So schönen Sonntag noch.


Gruß

Rainer


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#100

RE: Weiterführung Diskussion BRD - DDR

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 01.02.2009 14:36
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo Rainer-Maria,genau das würde Dein Freund sagen.Ich wußte sofort als ich den ersten Artikel von Rainman las das dies eine Kontroverse zwischen Dir und Rainman werden könnte. Gruß Dein Freund Peter(Turtle)


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