#101

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 21.11.2009 03:25
von Sonny (gelöscht)
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Zitat von Luchs
Wow sonny, Hut ab.

Da ich kein Jurist bin, kann ich nur auf Grundlage dessen schreiben, was ich so gehört habe. Das dürfte aber so ziemlich allen hier so gehen, so dass ich mich ja in bester Gesellschaft hier befinde.



Danke für die Blumen

Ich will mal so sagen: Mir ist die Materie nicht ganz fremd... Zwar ist dies hier natürlich kein juristisches Forum (und soll es auch nicht sein), aber ein paar grundlegende juristische Aspekte (wie etwa die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Tötungsdelikten) halte ich dennoch für sinnvoll --- gerade um bestimmte Fälle im Zusammenhang mit der Innerdeutschen Grenze (und ihre juristische Behandlung) besser verstehen zu können.

In Antwort auf:
Ich denke aber, dass ich, wenn ich irgendwie ungezielt in die Büsche "ballere" die tötliche Verletzung meines Opfers billigend in Kauf nehme. Somit sehe ich das nicht als Fahrlässigkeit sondern als Vorsatz.



Ganz richtig: "Billigend in Kauf nehmen" bedeutet (nach überwiegend herrschender Meinung) bereits Vorsatz, also nicht mehr Fahrlässigkeit --- in unserem Fall also Totschlag, evtl. sogar Mord.

In Antwort auf:
Ob das Mordmerkmal Heimtücke auszuschließen ist, weiß ich nicht. Der Grenzverletzer hatte ja gewusst, auf was er sich einlässt. Wenn er sich aber versteckt, um vor einem evtl. Angriff in Deckung zu gehen, keine Waffe bei sich trägt (was der Posten nicht wissen muss), sehe ich das Schießen in diesem Falle als nicht zwingend und heimtückisch an.



Heimtücke bedeutet, die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers bewußt auszunutzen. Das Opfer müßte sich also in dieser Situation keiner Gefahr bewußt gewesen sein. Das würde ich aber bei der geschilderten Konstellation (oder eigentlich bei jedem Opfer, das die Grenzsicherung in etwa kannte und sich bewußt in diesen Bereich begab) eher ausschließen.


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#102

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 21.11.2009 03:36
von Sonny (gelöscht)
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Zitat von EK 82/2
Wenn der Fall so verläuft ist ein Schießen aus meiner Sicht generell unnötig,ausnahme wäre nur wenn der GV ansätze macht zu schießen wie eine Waffe zu laden.Dies wäre aber totaler Selbstmord und unvorstellbar.



Es hat Fälle gegeben, wo ein GV eine Waffe hatte und auch einsetzte.

Ob es einen Fall, wie wir ihn konstruiert haben, in dieser Form gegeben hat, weiß ich nicht. Aber vorstellbar wäre das prinzipiell schon: Der GV duckt und versteckt sich in der Hoffnung, daß der Grenzer ihn nicht entdeckt bzw. (nach Anrufung, aber keiner Reaktion) denkt, er habe sich getäuscht und weitergeht --- und dann hätte der GV wieder "ganz neue Möglichkeiten", erst recht wenn er bewaffnet sein sollte.

Das ist dann halt auch die Frage: Ein Wachsoldat, der vermutet, irgendwo im Busch oder in der Dunkelheit könnte jemand hocken (ohne daß er sich sicher ist) --- schießt der Soldat dann im Zweifelsfall, oder nicht?

Dieses Problem beschränkt sich nicht nur auf die Innerdeutsche Grenze --- in einer Bundeswehr-Kaserne haben in so einer Situation einmal zwei Streifensoldaten ihren Wachvorgesetzten erschossen.


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#103

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 21.11.2009 10:16
von EK 82/2 | 2.952 Beiträge

Ja Sonny,

das ist immer so eine Sache mit dem was wäre wenn...,daher sind dies alles nur Spekulationen.
Schießlich ist alles in solcher Lage eine Sache von Sekunden in denen man Handeln muß und das auch noch richtig.Nehmen wir mal den Fall Weinhold.
Die Fahnenflucht war am 15.12.75,vier Tage später überstieg er trotz Großfahndung den GSZ und bewegte sich mehrere Hundert Meter im Wald von der Stelle seitlich weg.Es waren über 20 Grad Minus,nachts, die Posten waren übermüdet schon etliche Stunden im Einsatz.Gegen 2.25 Uhr(also wärend der Ablösung,wo bei dem Trubel niemand mit rechnet)hörte man Feuerstöße und alles muste zurück auf Posten.Es war zu spät,nun gab es 2 Grenzsoldaten weniger.
Was dachten Seidel und Lange?Hörten sie ein Geräuch?Riefen sie Weinhold an und verrieten damit ihre Position?Nahmen sie an nach 4 Tagen und soweit entfernt bei der Ablösung stammen die Geräusche von einem Tier?Viele Fragen keine Antwort,nur diese das Weinhold behauptet in Notwehr gehandelt zu haben obwohl aus Seidel und Weihnhold ihre Waffen kein Schuß abgegeben wurde,nicht mal ein Warnschuß.

Ja,wie würde man selber handeln,wir können heute nur Spekulieren.

Nun nicht gleich meckern,hier mal ein Video wie die Schußwaffengebrauchsanweisung offiziel angewendet werden sollte.
http://www.youtube.com/watch?v=Nxv1OgTTJME
Hier noch ein Video wie manche es Anwendeten und keine Strafe seitens der DDR erfuhren.
http://www.youtube.com/watch?v=BPBd_WsTolo

Der Dienst an der Grenze war aus heutiger Sicht voller Widersprüche und wir leisteten ihn trotzdem im Glauben an eine Gerechte Sache.

Gruß Andy

Angefügte Bilder:
12.jpg

Alles was ich schreibe, ist nur meine Meinung und keine Feststellung.
zuletzt bearbeitet 21.11.2009 11:03 | nach oben springen

#104

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 21.11.2009 21:54
von Sonny (gelöscht)
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Zu Weinhold gab es schon mal einen Thread:

http://www.forum-ddr-grenze.de/t717f54-W...DEN-WESTEN.html


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#105

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 24.11.2009 03:32
von CaptnDelta (gelöscht)
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Hallo ABV,

danke nochmals fuer all deine fundierten Antworten, macht immer Spass dich zu lesen, und sorry fuer diese etwas spaete Antwort meinerseits.

Zitat von ABV
Die fragtest ob auch die Arbeit ehemaliger K1-er gewürdigt wird? Warum nicht? Die K 1 war in der Gesdamtheit ihrer Aufgabenfülle auf die Bekämpfung schwerer Kriminalität ausgerichtet. Es gab zum Beispiel eine Observationstruppe, welche nur an Schwerpunkten der Kriminalität eingesetzt war. Die Mitarbeiter durften selbst in keinem Falle eingreifen, da sie sonst "verbrannt" wären. Aber wie gesagt, es wurden keine oppositionellen Kräfte, sondern "schwere Jungs" observiert. Die K 1 besaß das Privileg in der Volkspolizei, mit " Inoffiziellen Mitarbeitern" arbeiten zu dürfen. Diese wirkten ebenfalls vorwiegend bei der Bekämpfung der Kriminalität mit. Es gab Ähnlichkeiten mit der Arbeit des MfS und auch eine engere Zusammenarbeit mit dem "Bruderorgan" als in anderen Dienstzweigen üblich. Aber trotzdem wäre es falsch die K1 pauschal als " politische Polizei" einzustufen.


Der Grund fuer meine Frage (und das haette ich urspruenglich mitposten sollen, nur gings mir da gerade zeitmaessig nicht 'naus) ist folgender Abschnitt aus dieser Publikation.


Wieviel ist da Deiner Meinung nach dran? Nachdem in diesem Artikel gesagt wird, das es normalen Mitarbeiter der K1 warscheinlich verborgen blieb, das sie von der Stasi "kontrolliert" wurden, wie waren die Chancen dies nach der Wende aufzuklaeren?

Danke nochmals fuer Deine Antworten,
-Th


zuletzt bearbeitet 24.11.2009 03:38 | nach oben springen

#106

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 24.11.2009 09:15
von S51 | 3.733 Beiträge

Der Hase liegt "in einer Anzahl von Fällen".
Das geschah von Fall zu Fall, in der Regel jedoch wohl nicht.
Ein "normaler" Einbruch zum Beispiel hat das MfS kaum interessiert. Uns vom K III schon. Geschah er bei einem Rechtsanwalt war das, obwohl vielleicht von einem ganz normalen Kriminellen mit rein pekunären Absichten verübt, schon ganz anders. Ebenso, wenn es um Waffen ging, bestimmte Lager leergeräumt wurden oder der Lada vom VPI-Chef (VPI = Volkspolizei-Inspektion, vergleichbar mit einer Direktion heute) geklaut wurde. Oder, wenn ein Serientäter unterwegs war, der zu Unruhe in der Bevölkerung geführt hat.
Zwar haben wir bearbeitet und oft wurden hierfür Informationen der K I genutzt. Doch hat sich, aus unserer Sicht damals logischerweise, das MfS die Ergebnisse als Information rübergezogen. Mitunter auch mal was beigesteuert. Das hat man nicht offiziell gewußt. Wie auch. Doch wären wir mit dem Klammeraffen gepudert gewesen, hätten wir es uns nicht gedacht. Andererseits hatten wir Verständnis dafür, jedenfalls so lange, wie unsere Quellen nicht angetastet wurden.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#107

RE: Wieviel freispruch steht einem Grenzer der DDR eigentlich zu?

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 25.11.2009 12:49
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von CaptnDelta
Hallo ABV,

danke nochmals fuer all deine fundierten Antworten, macht immer Spass dich zu lesen, und sorry fuer diese etwas spaete Antwort meinerseits.

Zitat von ABV
Die fragtest ob auch die Arbeit ehemaliger K1-er gewürdigt wird? Warum nicht? Die K 1 war in der Gesdamtheit ihrer Aufgabenfülle auf die Bekämpfung schwerer Kriminalität ausgerichtet. Es gab zum Beispiel eine Observationstruppe, welche nur an Schwerpunkten der Kriminalität eingesetzt war. Die Mitarbeiter durften selbst in keinem Falle eingreifen, da sie sonst "verbrannt" wären. Aber wie gesagt, es wurden keine oppositionellen Kräfte, sondern "schwere Jungs" observiert. Die K 1 besaß das Privileg in der Volkspolizei, mit " Inoffiziellen Mitarbeitern" arbeiten zu dürfen. Diese wirkten ebenfalls vorwiegend bei der Bekämpfung der Kriminalität mit. Es gab Ähnlichkeiten mit der Arbeit des MfS und auch eine engere Zusammenarbeit mit dem "Bruderorgan" als in anderen Dienstzweigen üblich. Aber trotzdem wäre es falsch die K1 pauschal als " politische Polizei" einzustufen.


Der Grund fuer meine Frage (und das haette ich urspruenglich mitposten sollen, nur gings mir da gerade zeitmaessig nicht 'naus) ist folgender Abschnitt aus dieser Publikation.


Wieviel ist da Deiner Meinung nach dran? Nachdem in diesem Artikel gesagt wird, das es normalen Mitarbeiter der K1 warscheinlich verborgen blieb, das sie von der Stasi "kontrolliert" wurden, wie waren die Chancen dies nach der Wende aufzuklaeren?

Danke nochmals fuer Deine Antworten,
-Th



Hallo Captn Delta!
Ich erzähle Dir mal, was mir von der K 1 in unserem VPKA Seelow noch in Erinnerung ist: Im VPKA arbeiteten existierten zwei Mitarbeiter der K 1. Ihr Dienstzimmer ( Nur. 19) befand sich unmittelbar neben dem Aufenthaltsraum der Schutzpolizei ( Zimmer-Nr. 18). Trotzdem hat kein Schutzpolizist dieses Zimmer bis zum Herbst 1989 betreten. Aber auch für die übrigen Mitarbeiter des VPKA, inklusive der Kriminalpolizei, gehörte das ominöse Zimmer 19 zum absoluten Tabubereich. Laut Dienstanweisung durften nur der Leiter der Kriminalpolizei des VPKA und der Amtsleiter und dann auch nur im Beisein der Mitarbeiter, diesen Raum betreten. Der Verbindungsoffizier der Kreisdienststelle des MfS, Hauptmann Wolfgang K., kam einige Male in der Woche zu den beiden K1-Mitarbeitern. Es kam aber auch vor, dass andere MfS-Mitarbeiter bei den K1-Leuten auftauchten. So und jetzt mal was interessantes zu den IM der K 1: Es gab bei der Seelower K 1 einen IM, der jeden Polizisten bestens bekannt war. Wenn dieser seine Führungsoffiziere sprechen wollte, meldete er sich mit " K-Helfer L." an der Hauswache . Meines Wissens nach hatte er auch, analog zu "richtigen" VP-Helfern, einen Dienstausweis. Jeder im VPKA wußte das es sich um einen Spitzel der K 1 handelte, von Konspiration konnte zu mindestens in diesem Fall keine Rede sein. Ob die Mitarbeiter der K 1 wußten das sie von "Offizieren im besonderen Einsatz" angeleitet und vom MfS kontrolliert wurden, möchte ich mit Jein beantworten. Die Tätigkeit der "Oibe" dürften den meisten bis zur Wende tatsächlich nicht bekannt gewesen sein. Aber die permanente Anwesenheit des MfS müssten bei den meisten K1-lern doch wenigstens für Mißtrauen gesorgt haben. Es gab ja auch noch eine, bei der BdVP Frankfurt (Oder) angegliederte K1-Truppe, welche sich ausschließlich mit Observationen von Straftätern beschäftigte. Der Funkverkehr dieser Polizeitruppe lief aber nicht über das Netz der Polizei, sondern über den Kanal der Linie VIII (Observation und Ermittlung) der Frankfurter Bezirksverwaltung für Staatssicherheit. Besser und effektiver konnte das MfS die K1-Leute während ihrer Arbeit wohl kaum kontrollieren. So hatte man immer einen Überblick über "laufende Aktionen" im Bereich der Kriminalpolizei. Um allerdings eine wirklich abschließende Antwort auf diese Fragen geben zu können, müssen wie in solchen Fällen üblich, die entsprechenden Akten des MfS ausgewertet werden. Berichte über die jeweiligen Treffen zwischen den Mitarbeitern von K1 und MfS dürften auf jeden Fall in großer Zahl vorhanden sein.

Gruß an alle
Uwe
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