#1

Einsatzbereit im Dienstzimmer

in Das Ende der DDR 08.11.2009 11:01
von Weichmolch (gelöscht)
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Hallo Männer,

folgender Presseartikel ist mir gestern zur Kentniss gebracht worden:

GESCHICHTE: „Einsatzbereit“ im Dienstzimmer
Am Abend des 9. November erreicht die Mauerfall-Nachricht auch die NVA-Soldaten in Glöwen

GLÖWEN - Höchstes Lob für ein Aufklärungsergebnis, ohne dafür fremdes Territorium betreten zu müssen, wurde den NVA-Soldaten des FuFuTAB-5 mehrmals zuteil. Auch im Juni 1989, als die Aufklärer dem Chef des DDR-Militärbezirks V Tonbandaufzeichnungen übergaben mit Original-mitschnitten des Bundeswehrfunkverkehrs. Aus diesen ging hervor, wie der Kampf mit dem Osten trainiert wurde. Die „Zielansprachen“ verwiesen auf originale Bezeichnungen von NVA-Einheiten. Der 9. November 1989 war noch unendlich weit weg.

Im Monat darauf, im Juli, wurde der komplette Truppenteil von der 135 000 Einwohner-Bezirksstadt Schwerin ins 300-Seelen-Dorf Glöwen verlegt. Die Aufklärung über den „Klassenfeind“ ging von dem Prignitzdorf aus weiter. Bis dort am 9. November 1989 wie überall in der Republik die Nachricht vom Mauerfall eintraf.

„Ich kann mich sehr gut an diesen Abend erinnern“, sagt Klaus Heyde, der noch heute in Schwerin lebt. Als Kommandeur des Aufklärerbataillons sah er gegen 19 Uhr die Liveübertragung der Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski die neue Reiseregelung bekanntgab. Gegen 19.30 Uhr saß Heyde „einsatzbereit“ im Dienstzimmer. „Weil ich mit militärischen Konsequenzen rechnete.“ Doch zur „Erhöhten Gefechtsbereitschaft“ (siehe Infokasten) sei es in Glöwen später nicht gekommen. Die „individuelle Zwischenlösung“ , sagt Heyde, habe „erhöhte Führungsbereitschaft“ gelautet. „So konnte noch schneller reagiert werden, etwa um in höhere Gefechtsbereitschaft überzugehen. Im Einzelnen gab es genaue Vorkehrungen, die sind nicht so kurz erklärbar.“ Denn vieles aus der DDR- und Wendezeit müsse sorgfältig behandelt werden. Selbst trotz der aktuellen Berichtsfülle in den Medien entstünden noch oft falsche Eindrücke, kritisiert der ehemalige Bataillonskommandeur.

Zur „Aufarbeitung“ trägt Heyde heute auch schon mal selbst bei, zeitgemäß im Internet. Besonders Heydes Stellvertreter Olaf Kersten, damals in Glöwen zugleich Chef der zum Bataillon gehörenden Fernspähkompanie, trägt Informationen zusammen wie kein anderer: „Wer soll über die NVA berichten, wenn nicht wir?“, fragt er auf der Startseite seiner Internetplattform http://www.nva-forum.de, wo auch die Ereignisse des 9. Novembers minutiös von Zeitzeugen nachvollzogen werden. „Die Wende aus der Sicht der bewaffneten Organe der DDR.“

Kommandeur Heyde äußert sich dort: „Ich habe an diesem Abend drei dienstliche Telefonate geführt. Das erste gegen 19 Uhr mit dem Operativ Diensthabenden des Militärbezirks-V. Das zweite gegen 19.05 Uhr mit dem MB-V, Generalmajor Reiche. Das dritte gegen 19.15 Uhr mit dem Chef Aufklärung des MB-V, Oberst Kühner. Bei allen Telefonaten stellte ich die Frage, ob es Aufgaben gäbe, schließlich war unser ständiges Diensthabendes System ein nicht so unwichtiges Element für den Militärbezirk. Die einzigen Aufgaben, die ich erhielt, war eine sofortige Verstärkung der funkelektronischen Aufklärung und die erhöhte Führungsbereitschaft. Alles jedoch mit ausdrücklicher Betonung, keine sonstigen Truppen in erhöhte Bereitschaft zu versetzen.“

Olaf Kersten meldet sich ebenso zu Wort: „Ich habe noch versucht, meinen Soldaten am ,Tag davor’ zu erklären, warum wir unsere Aufgabe erfüllen müssen, dass die Mauer notwendig ist und war und dass wir von unseren Vorgesetzten alle notwendigen Informationen erhalten und verantwortungsbewusst eingesetzt werden. Erst ein paar Tage danach ist mir bewusst, wie albern das eigentlich war. Aber man war eben darauf ,abgerichtet’, für alles eine Erklärung haben zu müssen. Hatte man keine, kamen die Füllwörter. Warum sollte das oben anders gewesen sein als unten. Im Gegenteil. Sie waren ja noch viel mehr und länger in dieser Argumentationsweise verwurzelt und verfangen.“ In Kerstens Internetlexikon „WikiNVA“ finden sich heute sogar auch Informationen über jene Informationen, die einst das FuFuTAB einholte. Beispiel 1988: Eingebracht wurden Aufklärungsergebnisse von 51 Kommandostabsübungen und taktischen Übungen und 105 Ausbildungsmaßnahmen der Nato-Streitkräfte im Aufklärungsabschnitt. Dieser lag „links Gardelegen-Münster-Zwolle und rechts Dassow-Kopenhagen-Skagen“.

Zwei Mal als „bester Truppenteil der NVA“ ausgezeichnet wurden die im Dezember 1986 aufgestellten Funkaufklärer des FufuTAB-5, das im Juli 1989 nach Glöwen umzog. Und wo nicht mal ein mehr ganzes Jahr nach dem 9. November 1989 die Truppenfahne wieder einzurollen war.

http://www.nva-forum.de;

http://www.spezialaufklaerung.de (Von Matthias Anke)


Der Artikel ist nachzulesen: http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/b...-Nachricht.html

Beide genannten Personen sind mir persönlich bekannt, ich kann also die getroffenen Aussagen bestätigen. Ähnliche Handlungen liefen auch in anderen Truppenteilen der NVA ab. Hier meine ich die Ebene Regimenter und selbstständige Batallione. Doch schon auf der Ebene Division war Schluß mit der Führung der Streitkräfte.

Der Weichmolch


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#2

RE: Einsatzbereit im Dienstzimmer

in Das Ende der DDR 08.11.2009 12:57
von Patriot (gelöscht)
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Solche markanten Detailinformationen passen nicht ins große politische Kalkül und werden auch meist nur von wachen Zeitgenossen aufgespürt. Danke. Geht also oft unter und soll so auch sein.

Achtung! Fundstücke anderer Art von beiden Seiten: http://www.fdj.de/infoportal/artikel/rtf/militarisierung.rtf und http://ubm.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2006/981/pdf/diss.pdf


zuletzt bearbeitet 08.11.2009 13:10 | nach oben springen


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