#1

Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 11:06
von Augenzeuge (gelöscht)
avatar

Ein Witz und seine Folgen

Was wollen wir hier? Die Basis hier ist die innerdeutsche Grenze, die Mauer, der antifaschistische Schutzwall, die Zonengrenze oder gar die Staatsgrenze. Schon aus diesen unterschiedlichen Bezeichnungen erkennt man, dass die Betrachtung der Umstände nicht einfach ist. Es gehört also viel mehr dazu. Mehr als uniformierte Grenzer und Stacheldraht. Wollen wir nicht die unterschiedlichen Entwicklungen, die differenzierten Betrachtungen der Menschen, die in den beiden deutschen Staaten gelebt haben, ihre Erfahrungen, ihre Entscheidungen im pro und kontra so darstellen, das sich ein Gesamtbild für die junge Generation ergibt? Ecken und Kanten gehören dazu. Auch Witze. Aber doch eher solche Witze, die aus dem Leben der Deutschen in Ost und West über ihr Land, ihre Führung und ihr Leben entstanden sind.
Haben wir es wirklich nötig, Klischees in Witzen zu bedienen oder zu fördern, noch dazu auf Kosten einer Minderheit, welchen unter Deutschen sehr gelitten hat? Wollen wir wirklich auch damit auf unser Forum aufmerksam machen? Dessen Sinn damit unbedarft von Aussenstehenden in Frage gestellt werden könnte? Nein, nicht das mich jemand falsch versteht, auch ich bin gegen die tägliche Erinnerung an die Fehler der Deutschen vor 70 Jahren. Unsere Generation hat damit nichts zu tun. Wir sind doch anders, wollen wir nicht auch intelligenter sein? Aber wir haben nun mal ein Erbe bekommen, mit dem wir umgehen müssen. Und hierzu gehört einfach etwas Sensibilität. Die hat nicht jeder, das ist klar. Wir stehen hier in der Öffentlichkeit. Zum baldigen Jahrestag noch mehr als je zuvor. Eine zwielichtige Betrachtung haben wir auf diesem Gebiet nicht nötig. Wir haben genügend andere Dinge, wo wir unsere unterschiedlichen Ansichten aufeinanderprallen lassen können. Das ist auch gut so, wenn wir an Aufarbeitung interessiert sind.
Nein, der Witz von R.M.R war nicht dramatisch. Aber er könnte eine Tür zu einem Thema öffnen, was wir hier nicht behandeln wollen. Weil es nichts mit unserer Basis zu tun hat, unserer Basis. Natürlich haben wir hier Meinungsfreiheit, natürlich haben wir hier eine Demokratie, es offenbart schon einer polarisierenden Haltung, wenn man hier von fehlender Freiheit spricht, weil hier mit der Löschung dieses Witzes nicht jedes Klischee bedient wird.
Auch diese Einhaltung gewisser Prinzipien ist nicht demokratiefeindlich- nein, sie dient dem Gegenteil. Und dem ist das Fairteam verpflichtet, auch wenn es hier nicht jeder verstehen kann, so bitte ich dies zu akzeptieren.

Augenzeuge, Mitglied des Fairteams



zuletzt bearbeitet 26.09.2009 11:11 | nach oben springen

#2

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 11:35
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

@augenzeuge, danke für die info...


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
nach oben springen

#3

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 11:50
von Der Feldstecher (gelöscht)
avatar

Danke an das Fair-play-Team und den "diensthabenden" Admin, dass ihr gestern den betreffenden "Witz" in der Versenkung" verschwinden lassen habt. Danke auch für diese Info dazu. Und RMR, bitte sei etwas gelassener, denn der gestern ging so wirklich nicht. Deine anderen Beiträge kommen hier viel besser an. Freue mich darauf. Der Feldstecher


nach oben springen

#4

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 14:36
von dein1945 (gelöscht)
avatar

Zitat von Der Feldstecher
Danke an das Fair-play-Team und den "diensthabenden" Admin, dass ihr gestern den betreffenden "Witz" in der Versenkung" verschwinden lassen habt. Danke auch für diese Info dazu. Und RMR, bitte sei etwas gelassener, denn der gestern ging so wirklich nicht. Deine anderen Beiträge kommen hier viel besser an. Freue mich darauf. Der Feldstecher



Danke allen die mir zugestimmt haben, dem Beitrag von augenzeuge stimme ich voll zu, mir ging es nicht darum einen Witz zu verbieten, um Gottes willen, nur dieser gehörte hier nicht her. Nochmal an RM gewandt, ich bin auch auf dem Bau groß geworden, allerdings in einer anderen Zeit und auch nicht in der DDR, hoffe damit deine Frage beantwortet zu haben. Im Bauwagen wurden auch Witze erzählt aber nicht in der Öffentlichkeit. Über deine Geschichten, die ich ab und an lese kann ich nur schmunzeln und mir meinen eigenen Reim darauf machen, ich kann nur sagen jedem das seine ! An pitti gewand, ein gestrichner Witz soll Dich nicht aus dem Forum vertreiben, aber die Frage soll doch erlaubt sein, ex-Major der GT hättest Du, diesen Witz auch vor versammelter Truppe so erzählt ?
Schönes Wochenend und Gruß aus Berlin, nochmal extra für RM (WESTBERLIN)


zuletzt bearbeitet 26.09.2009 14:47 | nach oben springen

#5

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 16:30
von skbw | 216 Beiträge

Zitat von dein1945

Zitat von Der Feldstecher
Danke an das Fair-play-Team und den "diensthabenden" Admin, dass ihr gestern den betreffenden "Witz" in der Versenkung" verschwinden lassen habt. Danke auch für diese Info dazu. Und RMR, bitte sei etwas gelassener, denn der gestern ging so wirklich nicht. Deine anderen Beiträge kommen hier viel besser an. Freue mich darauf. Der Feldstecher


Danke allen die mir zugestimmt haben, dem Beitrag von augenzeuge stimme ich voll zu, mir ging es nicht darum einen Witz zu verbieten, um Gottes willen, nur dieser gehörte hier nicht her. Nochmal an RM gewandt, ich bin auch auf dem Bau groß geworden, allerdings in einer anderen Zeit und auch nicht in der DDR, hoffe damit deine Frage beantwortet zu haben. Im Bauwagen wurden auch Witze erzählt aber nicht in der Öffentlichkeit. Über deine Geschichten, die ich ab und an lese kann ich nur schmunzeln und mir meinen eigenen Reim darauf machen, ich kann nur sagen jedem das seine ! An pitti gewand, ein gestrichner Witz soll Dich nicht aus dem Forum vertreiben, aber die Frage soll doch erlaubt sein, ex-Major der GT hättest Du, diesen Witz auch vor versammelter Truppe so erzählt ?
Schönes Wochenend und Gruß aus Berlin, nochmal extra für RM (WESTBERLIN)



Hervorhebung von mir
Sich über einen Witz aufregen, aber dann so eine Wortwahl. Na toll, Hauptsache die Feindbilder stimmen noch.


" Man kann nur zu einer eigenen Meinung gelangen, wenn man offen sein kann und sich auch irren darf. "

Maxie Wander
nach oben springen

#6

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 18:13
von dein1945 (gelöscht)
avatar

Zitat von skbw

Zitat von dein1945

Zitat von Der Feldstecher
Danke an das Fair-play-Team und den "diensthabenden" Admin, dass ihr gestern den betreffenden "Witz" in der Versenkung" verschwinden lassen habt. Danke auch für diese Info dazu. Und RMR, bitte sei etwas gelassener, denn der gestern ging so wirklich nicht. Deine anderen Beiträge kommen hier viel besser an. Freue mich darauf. Der Feldstecher


Danke allen die mir zugestimmt haben, dem Beitrag von augenzeuge stimme ich voll zu, mir ging es nicht darum einen Witz zu verbieten, um Gottes willen, nur dieser gehörte hier nicht her. Nochmal an RM gewandt, ich bin auch auf dem Bau groß geworden, allerdings in einer anderen Zeit und auch nicht in der DDR, hoffe damit deine Frage beantwortet zu haben. Im Bauwagen wurden auch Witze erzählt aber nicht in der Öffentlichkeit. Über deine Geschichten, die ich ab und an lese kann ich nur schmunzeln und mir meinen eigenen Reim darauf machen, ich kann nur sagen jedem das seine ! An pitti gewand, ein gestrichner Witz soll Dich nicht aus dem Forum vertreiben, aber die Frage soll doch erlaubt sein, ex-Major der GT hättest Du, diesen Witz auch vor versammelter Truppe so erzählt ?
Schönes Wochenend und Gruß aus Berlin, nochmal extra für RM (WESTBERLIN)



Hervorhebung von mir
Sich über einen Witz aufregen, aber dann so eine Wortwahl. Na toll, Hauptsache die Feindbilder stimmen noch.




Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht. - Kurt Tucholsky




Jedem das Seine! Geschichte eines Schlagworts
von Hermann Klenner

Überliefert seit zweieinhalb Jahrtausenden, ist Jedem das Seine! zu einem der dienstältesten Schlagworte der Welt geworden. Zudem ist es infolge der Weltgeltung gleicherweise griechischer Philosophie wie römischen Rechts in seiner lateinischen Ursprungsversion Suum cuique! über viele Ländergrenzen hinweg verbreitet. Man verwendet es zuweilen schablonenhaft, also ohne sich dabei überhaupt etwas zu denken, und jedenfalls nichts Allgemeingültiges. Oder mit einem banalen Hintergedanken, etwa: »Jedem das Seine, und mir ein bißchen mehr!« Unmißverständlich ist der Sinn von Jedem das Seine! jedenfalls nicht. Doch ist ohnehin nicht die Eindeutigkeit, sondern die Deutungsvielfalt intelligenter Sätze das Normale. Schon deshalb, weil sich der geistige Gehalt eines Textes ohne dessen jeweiligen Kontext nicht erschließen läßt. Und dieser wandelt sich wie alles in der Welt; rascher jedenfalls als Worte, die versteinerten Gedanken. Worten wohnt kein Begriff inne. Es sind die Menschen, die etwas bezeichnen und begreifen – oder auch nicht!

Zum Schlagwort ist Jedem das Seine! dadurch geworden, daß der (übrigens in einem Dorf bei Skopje geborene) oströmische Kaiser Justinian das Suum cuique! seinen fünfzig Bücher umfassenden Pandekten von 533 u. Z. als Rechts- und Gerechtigkeitsprinzip zu Grunde legen ließ. So ist noch ein Jahrtausend danach bei Shakespeare zu lesen: Suum cuique is our Roman justice (Titus Andronicus I, 2). Und Justinians Gesetzgebungswerk erwies sich als die folgenreichste Kodifikation der Weltgeschichte: Ihre Regelungen wurden in ganz Europa rezipiert; sie galten in Deutschland zumindest partiell bis ans Ende des 19. Jahrhunderts und sind noch im heutigen Bürgerlichen Gesetzbuch nachweisbar; europäisches Recht wiederum infizierte mittels europäischer Macht das Recht im Rest der Welt.

Und damit wurde auch Jedem das Seine! zur Gerechtigkeitsformel schlechthin: »Das Recht ist die Kunst des Guten und Gerechten.…Gerechtigkeit ist der unwandelbare und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zu gewähren. Die Regeln des Rechts sind die folgenden: ehrbar leben, andere nicht verletzen, jedem das Seine zubilligen« (Digesten 1, 1, 1 u. 1, 1, 10).

Wenn auch Justinians Corpus iuris civilis als Quelle des künftigen Schlagwortes Suum cuique! und dessen deutschsprachiger Version Jedem das Seine! gelten mag (womit dieses den Status eines über Jahrhunderte hin verbindlichen Rechtsprinzips innehatte!), so ist das Recht Roms doch nicht die Quelle des diesem Schlagwort zu Grunde liegenden Gedankens. Die Digesten selbst verwiesen auf den 223 u. Z. von einer Prätorianergarde ermordeten Ulpian, aus dessen Regelwerk die Suum-cuique-Passagen exzerpiert worden seien. Und von diesem höchst produktiven Juristen darf angenommen werden, daß er zumindest einige der Schriften des Cicero kannte, welcher wiederum in mindestens acht seiner Werke den Suum-cuique- Gedanken anerkennend erörterte. Vor Cicero hatten schon Seneca (Epistolae morales 81, 7) und, wie Aulus Gellius (Noctes Atticae XIII, 24) berichtet, der ältere Cato das Suum cuique! formelhaft verwendet.

Daß die Römer wie in so manchem anderen auch hierbei in der geistigen Schuld der Griechen standen, war zu vermuten; es ist nachweisbar: Bereits Aristoteles definierte die Gerechtigkeit als eine Tugend, durch die Jeder das Seine erhält (Rhetorik 1366 b), und Platon ließ aus dem Munde von Sokrates unter Berufung auf den Dichter Simonides von Keos (556-468 v. u. Z.) behaupten, das Gerechtsein bestehe darin, daß man einem jedem erstattet, was ihm gebührt (Politeia 332). – Man verzeihe die aufdringliche Akkuratesse bei der Spurensuche. Aber bei nicht allzu vielen Schlagworten dürfte neben seiner eigenen Quelle auch noch deren intellektuelle Vorgeschichte detailliert nachweisbar sein. –

Nun aber, endlich, in die Gegenwart. Und die hat es in sich! Denn Jedem das Seine! ist ins Gerede gekommen. Sehr sogar, und mit politischer Brisanz. Ein Schlagwort also, das Schlagzeilen macht. Auch das ist nicht das Gängige, zumal dieses Schlagwort uralt und der Skandal brandneu ist. Normalerweise droht Schlagworten eher das Schicksal, daß sie bis zur buchstäblichen Sinnlosigkeit abgegriffen werden. Oder sie rutschen ins Banale. So hätte die Gerechtigkeitsformel Jedem das Seine! zum Spaßgesellschaftsmotto Jedem Tierchen sein Pläsierchen! abflachen können.

Es kam jedoch ganz anders. Die Reklametexter einiger Großfirmen hatten sich nämlich auf das Sprüchlein mit seinem werbeträchtigen Allquantifikator »jeder« besonnen. Statt die mediale Fremdbestimmung des Käuferverhaltens mit: »Katzen würden Whiskas kaufen« oder mit: »Persil, da weiß man, was man hat« zu fruktifizieren, suggerierten unter anderem Microsoft, Burger King, Nokia, REWE und Telekom dem ehrenwerten Publikum mit Jedem das Seine!, daß sich eben ein »jeder«, der etwas auf sich hält, »sein« Handy, »sein« Grillzubehör, »sein« Laptop-Programm oder »seinen« Hackfleisch-Sandwich der entsprechenden Handelsmarke kaufen müsse.

Es waren nicht etwa die Altphilologen, die dagegen protestierten, daß des schnöden Mammons wegen mit antikem Gedankengut Schindluder getrieben und ein Sakrileg begangen werde, indem ein ehrwürdiges Gerechtigkeitsmaß zu einem profanen Werbeslogan herabgewürdigt worden sei. Vielmehr empfand es eine historisch-politisch sensibilisierte Öffentlichkeit als obszön, daß für Kapitalistenkommerz mit einem Text geworben werde, den die Nazibarbaren in das Eingangstor ihres Konzentrationslagers Buchenwald hatten einschmieden lassen, um ihre Opfer auch noch zu verhöhnen.

In das auf dem Ettersberg bei Weimar eingerichtete KZ Buchenwald mit seinem Einlieferungsmotto Jedem das Seine waren von 1937 bis 1945 an die 240 000 Menschen aus 32 Nationen verschleppt worden, von denen etwa 56 000 den Terror nicht überlebten, darunter der Kommunist Ernst Thälmann, der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheid und der Pfarrer Paul Schneider. In den 136 Außenkommandos dieses KZ waren die Häftlinge zu Sklavenarbeit gezwungen worden, unter anderem bei den kapitalistischen Rüstungsbetrieben BMW, Bochumer Verein, Braunkohle-Benzin-AG, IG-Farben, Junkers, Krupp, Rheinmetall-Borsig und Wintershall.

Daß die Nazis Meister perversester Demagogie waren, gehörte bekanntermaßen zu ihren Wirkungsbedingungen. Daß zu den Geschäftsbedingungen von Werbetextern nicht grade Sensibilität für inhumane Assoziationen ihrer Slogans gehört, sondern bedenkenlose Interessenwahrnehmung für die Warenproduzenten und - verkäufer, ist eine Binsenwahrheit. Den Reklamemachern von heute entgeht doch nicht, daß die Schlüsselkategorie der bürgerlichen Gesellschaft, was auch immer der Verfassungstext besagt, nicht die Würde der Menschen ist, sondern deren Wert für die Mehrwertgewinner. Empörend ist es allerdings, daß sich bundesrepublikanische Firmen angesichts eskalierender neofaschistischer Untaten in Deutschland, einer immer wieder in Nationalismen entgleisenden Offizialpolitik und der jämmerlichen Querelen um die Entschädigungszahlungen an die NS- Zwangsarbeiter weigerten, die in ihrem Auftrag hergestellten (steuerabzugsfähigen!) Werbematerialien mit Jedem das Seine! umgehend aus dem Verkehr zu ziehen, wenn sie schon der Hinweise von außen bedurften, um ihrer frivol, wenn nicht gar sadistisch wirkenden zumindest Gedankenlosigkeit gewahr zu werden.

Hatten aber seinerzeit die Nazis mit ihrer jedenfalls provokativen Verwendung von Jedem das Seine! für ihr Ausbeutungs- und Mordregime dieses Schlagwort mißbraucht oder doch bloß gebraucht? So einfach, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist diese Frage gar nicht zu beantworten. Die Meinungen, ob im Falle des KZ Buchenwald ein Gebrauch oder ein Mißbrauch des Schlagwortes vorliegt, gehen diametral auseinander. Während der deutsche Rechtsphilosoph Arthur Kaufmann die Benutzung von Jedem das Seine! durch die Nazis als Beweis für deren Frivolität wertete, mit der sie Recht und Gerechtigkeit verhöhnten, meinte der österreichische Philosoph Ernst Topitsch, daß gegen diese Inschrift »vom rein logischen Standpunkt nichts einzuwenden« sei.

In diesem Meinungskontrast widerspiegelt sich zugleich der noch fundamentalere Deutungsgegensatz über den eigentlichen Sinn des Schlagwortes selbst. Die einen würdigen nämlich Jedem das Seine! als Ausgangspunkt eines jeglichen Nachdenkens über das Wesen der Gerechtigkeit und zählen es zu deren grundlegenden Prinzipien (so Helmut Coing), während andere diese in der Gedankengeschichte der Menschheit jedenfalls am häufigsten verwendete Gerechtigkeitsformel für inhaltsleer halten: Da sie kein Kriterium dafür anbiete, was einem jeden als das Seine zusteht, sei sie tautologisch (so Hans Kelsen).

Auch wenn es hier nur paradigmatisch belegt werden kann: In seiner zweieinhalbtausendjährigen Verwendungsgeschichte ist mit dem gedanklichen Inhalt von Jedem das Seine! auch Verschiedenartiges, ja Gegensätzliches gemeint und damit gerechtfertigt worden. Selbst die begnadetsten Hermeneutiker dürften außerstande sein, eine Deckungsgleichheit zwischen den Auffassungen über Jedem das Seine! zutage zu fördern, wie sie etwa (in zeitlicher Reihenfolge) von Platon, Aristoteles, Cato, Seneca, Cicero, Ulpian, Paulus (Galater VI, 5), Augustinus (De civitate dei XIX, 21), Hobbes (Leviathan I, 15), Spinoza (Tractatus politicus II, 23), Kant (Einteilung der Rechtslehre A) oder Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches I, 92) vertreten wurden.

Um konkret zu werden: Als sich am 18. Januar 1701 der Kurfürst von Brandenburg eigenhändig zum Preußenkönig gekrönt hatte, stiftete anläßlich dieses Ereignisses der nunmehrige Friedrich I. als höchste preußische Dekoration den Schwarzen Adlerorden, ein achtspitziger silberner Stern mit schwarzem Adler in orangefarbenem Felde und darüber als Devise SUUM CUIQUE. Der jeweilige Preußenkönig war Großmeister, jeder seiner Söhne geborener Ritter dieses Ordens, der auch an auswärtige Fürsten, deren allervornehmste Würdenträger sowie an inländische Militärs und Beamte höchsten Ranges verliehen werden konnte. Beim Schwarzen Adlerorden handelte es sich also nicht wie bei anderen Orden um »Spielzeug für alte Knaben«, wie Kuno Fischer solcher Art von Dekor bezeichnete, den allerdings auch sein Meister Hegel ein Jahr vor seinem Tode nicht verschmähte, als man ihm in Berlin den – freilich nur – Roten Adlerorden 3. Klasse verlieh. War aber das Suum cuique auf dem Preußenorden (seit 1918 Hohenzollernorden) ein Gebrauch oder ein Mißbrauch von Ulpians Gerechtigkeitsformel? Hatte die mit dem Gesetzestext der Digesten geadelte Selbstbeweihräucherung gekrönter Adliger etwas mit zum Beispiel der Ansicht des Großdenkers Leibniz (De Jure et Justitia; Tria Praecepta) zu tun, der zwei Jahrzehnte zuvor das Suum cuique! zu den drei ewigen Gerechtigkeitsmaximen gezählt hatte, woran im September 2001 der in Berlin tagende VII. Internationale Leibniz-Kongreß aus gegebenem Anlaß in einer speziellen Resolution zu erinnern für erforderlich hielt?

Oder, um einen anderen Gesichtspunkt ins Argumentationsspiel zu bringen, verbietet des Thomas von Aquino Inanspruchnahme von Suum cuique! als Begründung für die Rechtmäßigkeit von Sklaverei und Leibeigenschaft (Summa theologica II-II, 57, 4) jedem, der diese beiden Ausbeutungs- und Herrschaftsformen hinter sich gelassen haben will, sich in welchem Zusammenhang auch immer auf das Schlagwort zu berufen? Und könnte man nicht die Nazi-Verwendung von Jedem das Seine! als angemessene Fortsetzung jener Legitimation des Herr/Knecht- Verhältnisses durch den Scholastiker betrachten? Aber was hält man dann davon, daß sich die 1956 gegründete Schule für Feldjäger der bundesdeutschen Bundeswehr das Suum cuique! zum Motto erkoren hat?

Ernst Bloch jedenfalls setzte dem patriarchalischen Suum cuique! als dem Maßstab einer Gerechtigkeit von Oben die Kardinaltugend einer Moral ohne Herr und Knecht, doch mit dem radikalen Anspruch: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« entgegen, womit auch Marx mit eben dieser von den Saint-Simonisten angeregten Formel zum Zuge käme, dessen Jedem das Seine! ein ganz anderes Kriterium dafür anböte, was einem jeden als das Seine zusteht.

Um noch einmal auf das Skandalon in der Verwendungsgeschichte von Jedem das Seine! zurückzukommen: Der Mißbrauch eines Schlagwortes hebt dessen künftige Brauchbarkeit nicht auf; eher umgekehrt, denn eine unbrauchbare Formel kann gar nicht mißbraucht werden. Freilich setzt der weitere Gebrauch eines inzwischen mißbrauchten Schlagwortes eine Sensibilität voraus, die man zumindest von denjenigen wird erwarten dürfen, deren Beruf im Umgang mit Worten und deren Bedeutung besteht.

Die Historiker Kurt Pätzold und Manfred Weißbecker hatten die Idee, die Sinngeschichte von Schlagwörtern zu erforschen. Aus der Idee entstand ein zweibändiges Werk, das zur Leipziger Buchmesse vorgestellt werden wird: »Schlagwörter und Schlachtrufe. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte« (Militzke Verlag Leipzig). Der Rechtsphilosoph Hermann Klenner ging dafür dem Schlagwort Jedem das Seine! auf den Grund.



Soviel zu einem nicht zutreffenden Satz, woher kommt dein wissen , ob ich ein Feindbild habe ,
Gruß aus Berlin


nach oben springen

#7

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 18:32
von Pitti53 | 8.789 Beiträge

Zitat von dein1945

Zitat von Der Feldstecher
Danke an das Fair-play-Team und den "diensthabenden" Admin, dass ihr gestern den betreffenden "Witz" in der Versenkung" verschwinden lassen habt. Danke auch für diese Info dazu. Und RMR, bitte sei etwas gelassener, denn der gestern ging so wirklich nicht. Deine anderen Beiträge kommen hier viel besser an. Freue mich darauf. Der Feldstecher



Danke allen die mir zugestimmt haben, dem Beitrag von augenzeuge stimme ich voll zu, mir ging es nicht darum einen Witz zu verbieten, um Gottes willen, nur dieser gehörte hier nicht her. Nochmal an RM gewandt, ich bin auch auf dem Bau groß geworden, allerdings in einer anderen Zeit und auch nicht in der DDR, hoffe damit deine Frage beantwortet zu haben. Im Bauwagen wurden auch Witze erzählt aber nicht in der Öffentlichkeit. Über deine Geschichten, die ich ab und an lese kann ich nur schmunzeln und mir meinen eigenen Reim darauf machen, ich kann nur sagen jedem das seine ! An pitti gewand, ein gestrichner Witz soll Dich nicht aus dem Forum vertreiben, aber die Frage soll doch erlaubt sein, ex-Major der GT hättest Du, diesen Witz auch vor versammelter Truppe so erzählt ?
Schönes Wochenend und Gruß aus Berlin, nochmal extra für RM (WESTBERLIN)




zu unserer zeit hätte den witz keiner den witz so richtig verstanden.wir hatten keine bordelle und kannten auch nicht die preise
ich hab auch 1992 das erste mal zuvällig so was erlebt und voll auf die fre.. gefallen


zuletzt bearbeitet 26.09.2009 18:33 | nach oben springen

#8

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 20:09
von skbw | 216 Beiträge

Hallo dein1945,
unter anderem lese ich auch Deine Beiträge hier im Forum und versuche diese dem Sinn des Forums gegenüberzustellen. Du hast es etwas dagegen, daß ein Jude in einem Witz vorkommt. Das steht Dir zweifelsfrei zu. Und obwohl ich nur "gelernter" DDR-Bürger bin, bleibe ich bei meiner Meinung, daß das erwähnte Schlagwort heute in erster Linie mit unserer braunen Vergangenheit in Verbindung gebracht wird und deshalb einfach unpassend ist. Du hast Dir große Mühe gegeben mich vom Gegenteil zu überzeugen.
Das zeigt mir ,daß Du ein sehr intelligenter Mensch sein musst, denn nur solche können sich dumm stellen.

http://www.spiegel.de/schulspiegel/wisse...,612757,00.html
http://www.welt.de/wirtschaft/article302...se-Werbung.html

bis bald, skbw


" Man kann nur zu einer eigenen Meinung gelangen, wenn man offen sein kann und sich auch irren darf. "

Maxie Wander
nach oben springen

#9

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 20:26
von Mike59 | 7.970 Beiträge

Hier wird eine Doktorarbeit nach der anderen ins Forum gestellt. Kann es auch allgemeinverständlich sein?

Hier wird etwas der Diskusion freigeboten, was keiner mehr sehen kann. Finde ich sch..... !

Mike59


nach oben springen

#10

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 22:08
von maja64 (gelöscht)
avatar

Zitat von Mike59
Hier wird eine Doktorarbeit nach der anderen ins Forum gestellt. Kann es auch allgemeinverständlich sein?

Hier wird etwas der Diskusion freigeboten, was keiner mehr sehen kann. Finde ich sch..... !

Mike59






Ja mike59,hier handelt es sich ja auch um das "Expertenforum"


Aber ehrlich gesagt glaube ich das einige hier von uns im Forum auf dem geistigen Stand von 1989 oder noch früher stehen geblieben sind.
So und nun kann sich jeder selbst aussuchen wen ich da meine




zuletzt bearbeitet 26.09.2009 22:19 | nach oben springen

#11

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 26.09.2009 23:19
von Sonny (gelöscht)
avatar

Es geht nicht so sehr darum, wie man diesen Witz findet. Es geht vielmehr darum, ob es vertretbar ist, daß dieser Witz hier im Forum steht. Man bedenke: Das ist hier kein „kleiner Kreis“, sondern wir sind im „World wide web“, d.h. jeder Internet-User kann (zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt) auf diese Seite zugreifen --- und wenn jemand dann einen solchen Witz liest, dann wird immer die Gefahr bestehen, daß er dem Forenbetrieber daraus einen Strick dreht und damit das ganze Forum in Gefahr bringt. Somit kann ich es gut verstehen, daß die Forenbetreiber dieses Risiko nicht eingehen möchten.

Nicht zu vergessen: Niemand macht RMR einen Vorwurf oder will ihn maßregelen --- es beschränkt sich lediglich darauf, daß der von ihm gepostete Witz hier nicht mehr steht.

-----

Und dann noch @ SKBW

„Jedem das Seine“ ist eine Formulierung, die durchaus auch mißverstanden werden kann. Allerdings ist dies hier wohl offenkundig nicht so gemeint gewesen. (So würde ich es zumindest empfinden.)


nach oben springen

#12

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 30.10.2012 08:18
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Warum soll man ueber Juden keine Witze machen dürfen? Die Juden legen darauf Wert, wie alle Menschen behandelt zu werden. Also kann man auch Witze darüber machen. Ich denke, die Juden werden sicher auch Witze erzählen.


nach oben springen

#13

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 30.10.2012 08:23
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat
Und dann noch @ SKBW

„Jedem das Seine“ ist eine Formulierung, die durchaus auch mißverstanden werden kann. Allerdings ist dies hier wohl offenkundig nicht so gemeint gewesen. (So würde ich es zumindest empfinden.)



Da koennte man auch gleich Sprechen und schreiben verbieten. Denn es gab viele Plattitüden, die von Nazies verwendet worden sind. Aber nur weil diese die deutsche Sprache verwendeten, ist diese doch nicht per se schlecht.

Seltsamerweise interessiert in Deutschland aber keineswegs den politischen Hintergrund, wenn man einen VW, Mercedes oder BMW kauft. Da ist es wieder Salonfähig. Auch in Israel sollen davon recht viele fahren.

Es soll ja auch Leute geben, die sich sozusagen als Massenbewegung schämen, ein Deutscher zu sein. Nee, ich bin stolz darauf.


nach oben springen

#14

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 30.10.2012 16:45
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Nu dachte ich schon ich seh nicht richtig als ich RMR und Augenzeuge gelesen habe, aber tatsächlich ist hier nochmal ein Oldtimer hochgeholt worden.


P.S. Ich fand den Witz nicht schlecht, aber Premium-Demokraten ticken da wohl anders.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
nach oben springen

#15

RE: Für alle- ein Statement zum Witz von R.M.R.

in Presse Artikel Grenze 30.10.2012 17:04
von furry | 3.576 Beiträge

Den erwähnten Witz konnte ich leider nicht lesen, wegen späterer Anmeldung hier. Aber wenn es um das jüdische Volk ging, möchte ich an Ephraim Kishon erinnern, der seinem Volk mit konstanter Boshaftigkeit den Spiegel vors Gesicht gehalten hat.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
nach oben springen


Ähnliche Themen Antworten/Neu Letzter Beitrag⁄Zugriffe
Beziehungen der zwei deutschen Staaten zu Israel
Erstellt im Forum Themen vom Tage von Rainer-Maria-Rohloff
42 14.06.2010 20:26goto
von Feliks D. • Zugriffe: 1676

Besucher
20 Mitglieder und 54 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Andre Lambert
Besucherzähler
Heute waren 1235 Gäste und 89 Mitglieder, gestern 3660 Gäste und 197 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14371 Themen und 558216 Beiträge.

Heute waren 89 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen