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25. September 1989, Genscher - Auszüge des Spiegel Interviews

in Das Ende der DDR 20.09.2009 10:16
von Augenzeuge (gelöscht)
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25. September 1989
Genscher
Auszüge des Spiegel Interviews
Ich spreche als Deutscher über unsere künftigen Absichten
Quelle: Genscher Reden 196-206

Spiegel: Herr Genscher, Sie sind ehemaliger DDR-Bürger ...
Genscher: ... ich bin ein Deutscher, der aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen ist.
Spiegel: Die DDR wird am 7- Oktober 40 Jahre alt. Wie sehen sie den anderen deutschen Staat heute?
Genscher: Die DDR steht vor der Notwendigkeit durchgreifender und umfassender Reformen. Die Stimmen in der DDR, die nach Reformen rufen, werden immer klarer und deutlicher. Das sind nicht nur die evangelische Kirche oder die Repräsentanten des Neuen Forums. Es kommen inzwischen auch Stimmen aus den etablierten Parteien. Auch der Vorsitzende der Liberal-Demokratischen Partei, Dr. Gerlach, hat ietzt in seiner Rede dazu aufgefordert, über die Ursachen des Weggangs junger Menschen - der Kinder der Revolution, wie er sagt - nachzudenken. Vom stellvertretenden Kulturminister hören wir Ähnliches.
Spiegel: Anerkennen Sie auch Leistungen der DDR-Führung?
Genscher: Durchaus, aber die DDR ist wie alle sozialistischen Staaten damit konfrontiert, daß der Weg der Vergangenheit nicht zu den erwarteten und erhofften Erfolgen geführt hat. Die Führung der Sowjetunion wie die Ungarns und Polens haben daraus Schlüsse gezogen. Unabhängig davon sollte man nicht vergessen und auch nicht geringschätzen, daß die DDR auch ihren Beitrag zur Entspannungspolitik geleistet hat. Auch in schwierigen Phasen des West-Ost-Verhältnisses haben die Beziehungen der beiden deutschen Staaten gut funktioniert. Beide deutsche Staaten haben wesentliche Beiträge zur Abrüstung geleistet. Auch die Zahl genehmigter Ausreisen hat sich drastisch erhöht, der Reiseverkehr in beide Richtungen ist beträchtlich angewachsen.
Spiegel: Die DDR gründet ihre Existenz auf den real existierenden Sozialismus. Polen und Ungarn brauchen für ihre Identität nicht das sozialistische System.
Genscher: Auf Ideologien kann man einen Staat nicht bauen. Deshalb wäre es falsch, wenn die DDR nur deshalb Reformen verweigern würde, weil sie glaubt, sich als Staat nur so behaupten zu können. Die DDR hat im Gegenteil Anlaß, sich schnellstens für Reformen zu entscheiden.
Spiegel: Immerhin liegt die DDR beim Lebensstandard und in der industriellen Entwicklung vor allen anderen Warschauer-Pakt-Staaten.
Genscher: Die Menschen in der DDR ziehen den Vergleich mit unserem Staat, mit unserer Gesellschaft. Unser Modell hat sich als das bessere erwiesen. Wenn die DDR krisenhafte Entwicklungen vermeiden will, dann gibt es nur den Weg der Reformen. Nur mit Reformen kann der Rückstand wenigstens schrittweise aufgeholt werden, der heute gegenüber der Bundesrepublik besteht.
Spiegel: Alle Welt redet plötzlich von der Wiedervereinigung, seit neuestem auch der amerikanische Präsident Bush. Nur für Sie und für andere Politiker in der SPD und CDU, die es mehr mit der Vernunft als mit Emotionen halten, ist das kein Thema. Oder doch?
Genscher: Ich denke, die Tatsache, daß nicht ewig zu trennen ist, was doch zusammengehört - wie Willy Brandt es ausdrückt -, hat die Politik aller Regierungen bestimmt. Jeder Versuch, von der Existenz zweier deutscher Nationen auszugehen, ist auf Sand gebaut. Es gibt weder eine sozialistische deutsche Nation noch eine kapitalistische deutsche Nation. Die Politik der Bundesrepublik Deutschland ist, entsprechend dem Auftrag unseres Grundgesetzes, immer darauf gerichtet gewesen, sich im Rahmen einer europäischen Friedenspolitik auch um eine Annäherung zwischen den Deutschen in West und Ost zu bemühen. Unsere Politik der Ostverträge war unabdingbare Voraussetzung für die Schlußakte von Helsinki, und diese wiederum bestimmte den Prozeß der Annäherung zwischen West und Ost in Europa. Deshalb gilt für unsere Außen- und Deutschlandpolitik: Kurs halten.
Spiegel: Glauben Sie an die Wiedervereinigung?
Genscher: Ebenso wie Europa nicht auf Dauer getrennt bleiben kann, können auch Deutsche von Deutschen nicht auf Dauer getrennt werden. Es ist schwer vorstellbar, daß Europa zunehmend zusammenwächst, aber die beiden deutschen Staaten auseinanderwachsen, das wäre auch ein gefährlicher deutscher Alleingang.
Ich maße mir keinen Alleinvertretungsanspruch an. Aber ich erinnere an das, was ich am 27. April 1989 im Deutschen Bundestag gesagt habe: Die Verpflichtung aus meinem Eid, meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes zu widmen, endet nicht an der Grenze mitten durch Deutschland!


zuletzt bearbeitet 20.09.2009 10:17 | nach oben springen

#2

RE: 25. September 1989, Genscher - Auszüge des Spiegel Interviews

in Das Ende der DDR 20.09.2009 13:16
von CaptnDelta (gelöscht)
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Hier das Original-Interview mit Aussenminister Genscher, falls man sich auch die Bilder ansehen moechte .

In der gleichen Ausgabe des Spiegels war damals ein Artikel, in welchem erstmals Gedanken zur Einigung Deutschlands gemacht wurden. Dieser Artikel ist hier. Die auslaendischen Positionen sind recht interessant, auch wie man damals auf beiden Seiten der Mauer noch gedacht hat.

-Th


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