#1

In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 26.09.2016 18:26
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo an alle!
Wie ich bereits vor einiger Zeit berichtete, bin ich gerade dabei die DDR-Geschichte meines Wohnortes, Küstrin-Kietz, zu erforschen. Seit Mai treibe ich mich in verschiedenen Archiven, Potsdam, Frankfurt (Oder) und Seelow, herum. Ein Ende ist momentan nicht in Sitz, was mich mehr als freut.

In Archiven zu forschen ist wie das Graben nach alten Schätzen. Man weiß nie was sich in den vor einem ausgebreiten alten Aktenordern oder in den Zeitungen " von Anno dunnemals" an neuen oder längst vergessenen Wissen verbirgt. Um es vorwegznehmen-eine ganze Menge!
Beim Lesen der Ausgaben des " Neuen Tag", so hieß unsere Regionalzeitung zu DDR-Zeiten, fühlte ich mich wie in einem U-Boot. Mit dessen Hilfe ich dann in die Tiefen der Vergangenheit abtauchte, um dann nach Stunden wieder in der Gegenwart aufzutauchen.
Wer lediglich in alten Zeitungen liest, läuft tatsächlich Gefahr in (N)ostalgie zu versinken. Gegen diese Gefahr hilft nur die Lektüre von anderem, wesentlich aussagefähigerem Schriftgut. Sehr aussagefähig sind zum Beispiel die Akten des MfS, aber auch die leider nur sehr lückenhaft überlieferten Protokolle von Gemeindevertretersitzungen.
Ein Beispiel: Mitte der Achtzigerjahre finden sich mehrere Artikel über unseren Ort, die ein geradezu ideales "rosarotes Bild" zeichnen. Zu Wort kommt darin immer wieder der damalige Bürgermeister, der vor Optimismus nur so strahlte. Von dem selben!!! Bürgermeister existiert ein Schreiben an den " Rat des Kreises Seelow" aus dem Herbst 1988, in dem dieser in dramatischen Worten auf die prekäre Versorgungssituation im Dorf aufmerksam machte. So konnte der Dorfkonsum nicht einmal mehr die Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln garantieren.
In der Zeitung fand sich davon nichts.
Ich habe auch eine Menge interessanten " Beifang an Land gezogen". Historisch wertvolle Informationen aus meiner Heimatregion, die meinen Wohnort zwar nicht unmittelbar betrafen, trotzdem aber sehr interessant für mich sind.
Zum Beispiel der Umgang mit den Bauern in den ersten Jahren nach dem Krieg. Wer seine Abgabenormen, aus welchen Gründen auch immer, nicht erfüllen konnte, wurde gnadenlos an den öffentlichen Pranger gestellt.







Den Bauern Baarmann habe ich selbst nie kennengelernt. Ich weiß nur, dass er in den "Westen" gegangen ist. Von seinem Bauernhof bleib nichts übrig, als eine im Gebüsch versunkene Ruine. Als Kinder haben wir dort des Öftern gespielt oder in dem am Grundstück vorbei fließenden Graben geangelt.
Heute ist mir bewusst, dass Bauer Baarmann, wie viele andere in dieser Zeit auch, nicht einfach so ihre Heimat verlassen haben. Nein, sie wurden von einem bescheuerten engstirnigen Regime regelrecht aus dem Land geekelt.
Unfreiwillig komisch erscheinen dagen heute solche Schlagzeilen wie: " Schon wieder ist eine DDR-Aussiedlerfamilie in der Bundesrepublik verhungert".
Der 17. Juni spielte in den Schlagzeilen kaum eine Rolle. Als hätten die zahlreichen Arbeiterproteste überhaupt nicht stattgefunden.
Mit Ausnahme dieses Artikels:


Besonders Aufschlußreich waren die zahlreichen Gerichtsreporte, bei denen die Angeklagten in den erste Jahren mit dem vollen Namen genannt wurden. Als eines Tages Bernhard Grünert aus Worin bei Seelow, seines Zeichens einer der ersten LPG-Vorsitzenden der DDR, verprügelt wurde, reagierte die Justiz knallhart:


Immer wieder forderten die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs ihre Opfer unter der Bevölkerung des Oderbruchs:


Wird fortgesetzt


Gruß an alle
Uwe


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zuletzt bearbeitet 26.09.2016 18:28 | nach oben springen

#2

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 26.09.2016 20:00
von thomas 48 | 3.580 Beiträge

Hallo, unter
oldthing.de
findest du über 50 Ansichtskarten, Landkarten über Küstrin usw.
tho


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#3

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 27.09.2016 06:46
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Sehr interessant, Uwe. Danke.

MfG Berlin


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
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#4

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 04.10.2016 12:12
von ABV | 4.202 Beiträge

Die, verordnete, Freundschaft zur Sowjetunion zog sich von Anfang an wie ein roter Faden durch die Zeitungsausgaben im damaligen Kreis Seelow. Wobei die Wahrheit auch hier in der Mitte gelegen haben dürfte. Nicht alles war gestellt, oder von oben verordnet. Auf beiden Seiten gab es Menschen, die nach all dem furchtbaren Geschehen, Versöhnung und Annäherung am Herzen lag.
















wird fortgesetzt

Gruß an alle
Uwe


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#5

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 04.10.2016 14:11
von SET800 | 3.104 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #1

...........
Heute ist mir bewusst, dass Bauer Baarmann, wie viele andere in dieser Zeit auch, nicht einfach so ihre Heimat verlassen haben. Nein, sie wurden von einem bescheuerten engstirnigen Regime regelrecht aus dem Land geekelt.
...........................
Gruß an alle Uwe


Hallo, wirklich?

Wie wäre es mit der Klärung der Frage war von 1945 bis 1955 eine einwandfreie rechlich-steuerliche Landwirtschaft als "Großbauer", dafür mal >25ha angenommen, möglich?

Also Ernteerlöse abzüglich Aufwand, Steuern, Sozialversicherung und Lebenshaltungskosten > Null?

Oder Preisvorgaben für Dünger, Saatgut und Technik einerseits und Aufkaufpreise von HO, Genossenschaft oder Staat passten nicht zusammen?



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#6

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 04.10.2016 18:05
von ABV | 4.202 Beiträge

Jetzt kommen wir zu einem der für mich, aus naheliegenden Gründen, interessantestem Thema. Die Volkspolizei im Kreis Seelow. Dabei habe ich etliche gute, mittlerweile im wahrsten Sinn des Wortes alte Bekannte gefunden. Manche von ihnen sind längst verstorben. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn sie einem aus den Zeitungen von " Anno dunnemals" anschauen.




Dieser Fall beschäftigte das VPKA Seelow im Jahr 1952:


Über diese Meldung aus dem Jahre 1952 musste ich kräftig schmunzeln. Denn die bösen Buben von einst, dürften heute hochbetagt sein. Und wahrscheinlich den Satz " das hätten wir uns früher nicht erlauben dürfen", im Munde führen.


Kritik an der Arbeit des VPKA Seelow gab es, zumindest in den Fünzigerjahren auch:


Wird forgesetzt

Gruß an alle
Uwe


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#7

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 04.10.2016 19:06
von ABV | 4.202 Beiträge

Auch das gehörte in den ersten Jahren nach dem Krieg tragischerweise zum Alltag im VPKA Seelow:



Diese Frage stellte man sich im Jahr 1953:


Tipps wie diese konnten durchaus Leben retten:


Jetzt wird es aber richtit kriminell. Chicagomethoden im Oderbruch?!


Hausbücher gab es schon 1953:


Der " Teufel Alkohol" stellte bereits vor über sechzig Jahren ein zuweilen tödliches Problem dar. Daran hat sich bis heute in der Seelower Region nichts geändert. Die Dummheit stirbt offenbar nie aus.


Hier noch ein tragisches Beispiel:


Die Kette der Sprengstoffunglücke riss im Oderbruch nicht ab. Kein Wunder. Tobte doch hier eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Und das über mehrere Wochen.


Hier geht es mal wieder um den schöden Suff. Übrigens, Hermann Seelig ist der Vater eines meiner leider viel zu früh verstorbenen Kumpels.


Und das geht doch runter wie Öl:


wird fortgesetzt

Gruß an alle

der Uwe aus dem Oderbruch


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#8

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 05.10.2016 23:37
von vs1400 | 2.397 Beiträge

hallo Uwe,
ich finde derartige einblicke durchaus sehr interessant,
doch dies war nicht nur die damalige zeit
und es liegt an dir, was du hier einstellst oder für wertig hältst.

einseitige darstellung führt zu nichts.

gruß vs


04.11.1986 - 21.04.1987 Uffz. Ausbildung In Perleberg
21.04.1987 - 28.08.1989 Gruppenführer der 2. Gr./ 2.Zug/ 7. GK - Schierke/ GR 20/ GKM- N


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#9

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 06.10.2016 11:37
von Freienhagener | 3.879 Beiträge

Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
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zuletzt bearbeitet 06.10.2016 11:39 | nach oben springen

#10

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 06.10.2016 15:48
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


Stimmt! Wenn ich bei meinen Forschungen lediglich auf Zeitungen aus der DDR-Zeit angewiesen wäre, hätte ich die Aktion auch gleich sein lassen können.
Natürlich sind alte Zeitungen eine sehr interessante Informationsquelle. Aber eine die man nur mit größter Vorsicht nutzen sollte. Denn die ganze Wahrheit geht eben nicht aus ihnen hervor. Die erhalten gebliebenen Akten der Gemeinde und Stasi-Akten sprechen nicht selten eine völlig andere Sprache. Mein Lieblingsbeispiel ist das unserem damaligen Bürgermeister, der in der Zeitung die Erfolge im Dorf lobte, gleichzeitig jedoch einen geharnischten Brief an den " Rat des Kreises Seelow" verfasste, in dem er über gravierende Versorgungsmängel informierte.
Man ist oft gezwungen, " zwischen den Zeilen zu lesen".
Manche Dinge über die man sich beim Zeitungsstudium Aufklärung erhoffte, wurden in der Zeitung kaum erwähnt. Zum Beispiel das grauenvolle Zugunglück von Lebus, im Sommer 1977. Lebus gehörte ja ebenfalls zum damaligen Kreis Seelow. Was liegt also näher, als eine ausdrucksfähige Reportage zu erwarten?
Ja, heute wäre das wohl so. Damals widmete der " Neue Tag" der Katastrophe gerade einmal wenige, obendrein nichts sagende Zeilen. Wer jetzt meint, dass man eben nicht!! die Sensationsgier der Leser befriedigen wollte, dem sei gesagt, dass darum nicht unbedingt gehen muss. Die vielen Retter und Helfer hätten ganz sicher einen Dank verdient!

Gruß an alle
Uwe


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#11

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 06.10.2016 16:02
von Gert | 12.356 Beiträge

Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


das sehe ich auch so, wenn ich dort zu Besuch war brauchte ich nur eine durchzublättern und wußte was in allen anderen ebenfalls gedruckt war.
Obendrein waren sie so das langweiligste was man auf der Welt als Zeitung lesen konnte


.
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Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
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#12

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 07.10.2016 00:11
von vs1400 | 2.397 Beiträge

Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


hallo Freienhagener,

selbst in diesen hier eingestellten darstellungen kann man mehr, als dass gemeinte erfahren.
echte alternativen waren und sind schon immer zeitzeugen. da hilft es eben nicht, jemanden zu erwähnen der hektisch, barsch reagiert, zu erwähnen.
so erfährt man nichts aus dieser zeit.
die bstu ist kein zeitzeuge der ddr und diesbezüglich sollten wir wohl einer meinung sein.
weiterhin wurden ja die ehemaligen tageszeitungsarchive nicht verbrannt und aus weitsichtigkeit gern übernommen.

gruß vs


04.11.1986 - 21.04.1987 Uffz. Ausbildung In Perleberg
21.04.1987 - 28.08.1989 Gruppenführer der 2. Gr./ 2.Zug/ 7. GK - Schierke/ GR 20/ GKM- N


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#13

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 07.10.2016 03:03
von ABV | 4.202 Beiträge

Ob die BSTU ein Zeitzeuge der DDR ist oder nicht, darüber mag man sich streiten. Aber die Stasi-Akten würde ich schon als wertvolle Quelle für die Erforschung der DDR-Geschichte bezeichnen. Es ist ja nicht unbedingt immer so, wie manche meinen, dass in diesen Akten lediglich " menschliche Niedertracht" zu finden ist. Vielmehr geben diese Akten auch Auskunft über ansonsten der Öffentlichkeit kaum bekannte Ereignisse oder über reale, zu jener Zeit vorherrschende Zustände. Zum Beispiel Schlampereien und andere Unzulänglichkeiten in den Betrieben. Viele IM sahen ihre Tätigkeit als Möglichkeit den Staat über bestimmte Mängel zu informieren, in der Hoffnung das diese dann endlich abgestellt werden. Diese Hoffnung hatte sich bekanntlich nicht erfüllt, diese IM werden heute mit bloßen Denunzianten in einen Topf geworfen. Was die Aufarbeitung sowie die Bereitschaft über die eigene Vergangenheit zu reden, zusätzlich erschwert.

Gruß an alle
Uwe


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#14

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 07.10.2016 11:51
von Freienhagener | 3.879 Beiträge

Zitat von vs1400 im Beitrag #12
Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


hallo Freienhagener,

selbst in diesen hier eingestellten darstellungen kann man mehr, als dass gemeinte erfahren.
echte alternativen waren und sind schon immer zeitzeugen.




Meine Äußerung bezog sich auf die Ausschnitte der DDR-Presse.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
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#15

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 07.10.2016 15:18
von eisenringtheo | 9.183 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #7
(...)
Und das geht doch runter wie Öl:


wird fortgesetzt

Gruß an alle

der Uwe aus dem Oderbruch


Eigentlich ist das auch ein kritischer Artikel über die Volkspolizei, der genannte Kollege wird zwar gelobt, doch der Kollege Handwerker musste vorher schon mehrmals unabgefertigt nach Hause. Interessant ist, dass die Volkspolizisten in der noch jungen DDR offenabr als Kollegen (und noch nicht als Genossen) bezeichnet wurden.


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#16

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 08.10.2016 08:31
von Hanum83 | 4.789 Beiträge

Ist mir auch aufgefallen, alle waren noch Kollegen und keine Genossen.
Klang irgendwie lustig.
Vermutlich wirkte wohl noch der Volksgenosse nach das man erst mal zum Kollegen griff.


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
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zuletzt bearbeitet 08.10.2016 08:33 | nach oben springen

#17

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 09.10.2016 16:35
von ABV | 4.202 Beiträge

Und hier noch ein wenig über die Volkspolizei:

Hier geht es um das Thema Finderlohn:


Nette Geste, oder?


Hauptmann Benno Kuchenbäcker, den langjährigen Leiter der Seelower Verkehrspolizei, habe ich auch noch kennen gelernt. Er war ein strenger, aber sehr gerechter, vor allem aber korrekter Vorgesetzter.
Irgendwann im Jahr 1989, kam mir während eines Streifengangs eine junge Mopedfahrerin " oben ohne" entgegen. " Oben ohne Helm", wohlgemerkt.
Jedenfalls habe ich sofort pflichtgemäß die Fahrt unterbunden. Ein Blick in die Papiere genügten, um zu wissen wer vor mir stand: Das Fräulein Tochter des VK-Leiters. Da kann man, nein da muss man doch ein Auge zudrücken. Zumal mir die Dame unschuldig schmachtende Blicke zuwarf.
" Das nächste mal aber bitte mit Helm. Und noch einen schönen Gruß an den Herrn Papa", verabschiedete ich die Dame.
Am nächsten Tag musste ich bei dem sichtlich erzürnten " Herrn Papa" antreten. " Du hast gestern meine Tochter erwischt, als sie ohne Helm durch die Gegend fuhr." " Ja, habe ich", antwortete ich verdattert. " Hast du", stellte der Hauptmann nickend fest, um dann mit drohenden Unterton zu fragen, " warum ich kein Ordnungsgeld verhängt habe?". " Ach, eine mündliche Belehrung hat völlig ausgereicht", wiegelte ich ab. " Ich bin mir sicher, dass ihre Tochter die Lektion verstanden hat." " Quatsch", fiel mir der Hauptmann ins Wort. " Ich kenne meine Tochter besser. Ganz ehrlich-Du hast sie doch offenbar nicht deshalb straflos davon kommen lassen, weil ich ihr Vater bin."
Verdattert schüttelte ich den Kopf. " Sollte das der Fall sein", setzte der Offizier in drohendem Unterton fort, dann trete ich dir persönlich in den Arsch. Wegtreten!"
Hauptmann Kuchenbäcker, von dem gesagt wurde das er seinem eigenen Bruder nach einer Trunkenheitsfahrt den Führerschein abgenommen hatte, hasste nichts mehr als eine Sonderbehandlung seiner Familie durch Seelower Volkspolizisten. Für ihn galt das Prinzip " Gleiches Recht für alle".

Auch dieser Artikel passt zum Thema:


Austricksen ließen sich die Radargeräte vielleicht nicht. Die Dinger hatten jedoch ihre Macken. Ich kann mich an eine Probemessung erinnern, bei der das Tempo eines vorbeifahrenden Radlers mit 120 km / h angezeigt wurde. Nach mehreren weiteren Fehlmessungen gaben die Verkehrspolizisten schließlich entnervt auf.
Übrigens galt bei uns in Seelow die Regel, dass Kraftfahrer erst ab dreizehn km /h über dem Limit angehalten wurden. Alles andere galt noch als tolerierbar. Heute wohl undenkbar!

Für die Eigenwerbung wurde ebenfalls gesorgt:







Auch wenn es heute nicht mehr unbedingt zum Mainstream gehört: Freundliche, von Kindern umringte Volkspolizisten, hat es nicht nur in den Zeitungen gegeben. Ein Großteil der Polizisten die ich kennen gelernt habe, haben sich in erster Linie der Sicherheit der Bevölkerung verpflichtet gefühlt. Politische Dinge galten mehr oder weniger als " notwendiges Übel". Wobei es auch in dieser Hinsicht Ausnahmen gab, die das negative Bild begründeten.

Hier mal ein Kriminalfall aus dem Jahr 1980:






wird fortgesetzt


Gruß an alle
Uwe


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damals wars, Klauspeter, RudiEK89 und vs1400 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 09.10.2016 16:37 | nach oben springen

#18

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 10.10.2016 13:02
von Klauspeter | 989 Beiträge

Ich habe mir erst einmal einen Überblick verschafft und noch längst nicht alle Zeitungsausschnitte gelesen.
Da hast du dir viel Arbeit gemacht; eine riesige Fleißarbeit und dennoch werden - wie immer bei solchen Vorhaben - die Meinungen unterschiedlich sein.
Wir haben es ja eigentlich damals schon in der Schule gelernt: "Zeitungen sind das Sprachrohr der jeweils Herrschenden"! Das war in der DDR so - wenn auch etwas direkter, primitiver und plakativer - und das ist auch heute so - wenn auch geschickter und kritischer. Für beide gilt aber: Wenn es um die Macht geht, hört der Spaß auf.
Unter diesem Gesichtspunkt ist eine objektive Geschichtsaufarbeitung anhand von Massenmedien kaum möglich und ich ziehe den Hut vor jedem, der sich an so eine Arbeit heran wagt.

Was mir aufgefallen ist, du vernachlässigst m.E. manchmal den historischen Hintergrund.
Dazu ein Beispiel:
Du schreibst in deinem einleitenden Beitrag #1 im Zusammenhang mit dem Umgang mit Bauern in den ersten Jahren nach dem Krieg: "Wer seine Abgabenormen, aus welchen Gründnen auch immer, nicht erfüllen konnte, wurde gnadenlos an den öffentlichen Pranger gestellt."
Stimmt so. Aber warum wurde das gemacht? Die Menschen waren ausgehungert in den Nachkriegsjahren; unsere Besatzer hatten nichts zu verschenken, sie hungerten ebenfalls. Wir hatten keinen Marshallplan, der uns mit Krediten, Lebensmitteln und Technik half. Die Bauern mussten liefern, wenn es nicht zu einer fürchterlichen Hungersnot kommen sollte. Ich weiß nicht, wie es anders zu lösen gewesen wäre.

Die Ergebnisse so einer mächtige "Archivarbeit" hängen m.E. auch sehr vom eigenen Erleben ab. Du gehst sehr sachlich und freundlich mit der Deutschen Volkspolizei um. Diesen Bereich kennst du aus eigenem Erleben mit seinen Stärken und Schwächen. Das geht mir mit der NVA auch so.

Und dennoch - es macht Spaß, in den Zeitungsartikeln zu lesen - mal mit Schmunzeln, mal mit Stirnrunzeln oder Kopfschütteln. Ich werde auch bei dem weiteren Lesen dieses Beitrages die DDR weder neu erleben noch neu verstehen; ich werde an eine Zeit erinnert, die Geschichte ist und nicht wiederkehren wird.
Gruß Klaus


Ebro, vs1400 und Gert haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 10.10.2016 16:38 | nach oben springen

#19

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 11.10.2016 22:47
von ABV | 4.202 Beiträge

@Klaus

Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass Zeitungen, vor allem die aus DDR-Zeiten, eine relativ unsichere Informationsquelle darstellen. Wenn ich unsere Dorfchronik lediglich aus alten Zeitungsberichten schreiben würde, wäre das Endergebnis der Mühen nicht wert gewesen.
Beim Lesen der Zeitungen habe ich mich des Öfteren selbst bei dem Gedanken, " war doch garnicht so schlecht, damals", ertappt. Aber wie ebenfalls bereits geschrieben. Gott sei Dank recherchiere ich ja noch in anderen Archiven. Die Protokolle aus Gemeindevertretersitzungen, vor allem aber die Stasi-Akten, zeichnen ein ganz anderes, dafür jedoch realeres Bild von den damaligen Zuständen.
Was die damaligen Zeitumstände, besonders bei den Repressalien gegen " säumige" Bauern betrifft:
Die Zeitumstände unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis weit hinein in die Fünfzigerjahre, mit all den Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung, sind doch weitestgehend bekannt.
Ich finde es jedoch bemerkenswert, wie der Staat DDR mit vermeintlich " säumigen Bauern", die das hohe Abgabesoll, warum auch immer, nicht erfüllen konnten, umging. Statt ihnen zu helfen, setzte ihnen der Staat derart zu, dass einige regelrecht außer Landes gedrängt wurden. Das öffentliche " an den Pranger stellen", war wohl das allerletzte!
Möglicherweise sollten die Einzelbauern durch die hohen Normen "überzeugt" werden, in die LPG einzutreten.
Das ich die Volkspolizei " in einem milderen Licht sehe", ist dem Umstand geschuldet, dass ich diese Institution aus eigenem Erleben, wenn auch nur für wenige Jahre, erleben durfte. Da sieht man vieles mit anderen Augen. Allerdings besteht auch hier die große Gefahr, dass die Erinnerung einige Dinge nachträglich schönt, die alles andere als schön waren. Analog trifft das auch auf GT, NVA, Zoll und dem MfS zu. Eigene, persönliche Erinnerungen können sehr nützlich sein. Sie trüben zuweilen jedoch den Blick auf das " große Ganze".
Soll heißen: Nur weil es gewisse Dinge im eigenen Dienstbereich nicht gegeben hat, heißt es noch lange nicht, dass es sie überhaupt nicht und nirgends gegeben hat!
Dennoch finde ich die alten Zeitungen, am Freitag habe ich übrigens den nächsten Termin, sehr interessant. Da werden sicherlich wieder manche Erinnerungen geweckt. Zumal ich mittlerweile im Jahr 1990 angekommen bin. Die Zeitungen waren nie besser und ehrlicher, als unmittelbar nach der Wende.

Gruß an alle
Uwe


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Gert, Klauspeter, Lutze, RudiEK89 und vs1400 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#20

RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden

in DDR Staat und Regime 11.10.2016 23:06
von icke46 | 2.593 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #19

(...)
Dennoch finde ich die alten Zeitungen, am Freitag habe ich übrigens den nächsten Termin, sehr interessant. Da werden sicherlich wieder manche Erinnerungen geweckt. Zumal ich mittlerweile im Jahr 1990 angekommen bin. Die Zeitungen waren nie besser und ehrlicher, als unmittelbar nach der Wende.

Gruß an alle
Uwe



Das kann man meiner Meinung nach gar nicht genug hervorheben - das Fernsehen war übrigens genauso, dass konnte ich ja nun hier verfolgen, Presse war schon schwieriger - obwohl, ab Dezember 89 gab es hier auf dem Dorf die Berliner Zeitung im Supermarkt - das war schon eine Sensation damals.

Aber ansonsten ist die Zeit der Wende ein beeindruckendes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn die Politiker ihre Finger aus den redaktionellen Inhalten lassen - und es auch keine Verleger im westlichen Sinne gab, die sagten, das ihre Wahrheit die wahre Wahrheit ist.

Gruss

icke



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