#181

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 12.07.2016 11:52
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #178
Zitat von KARNAK im Beitrag #176
[quote=Alfred|p554053]


Reicht aus. !


Ich war mal zu einer Jubelfeier vom Günter Guillaume geladen,damals, habe davon einen Eindruck und gleichzeitig ist festzustellen,er ist im Land wohl nicht glücklich geworden,frage ich mich natürlich warum das so war.




Karnak,

ich habe Herrn G. mehrfach in seinen Haus getroffen , nie machte er einen unglücklichen Eindruck. Aber Du kannst dies natürlich nach einen Treffen einschätzen. Wie sah denn Dein Treffen aus, hast Du dich mit G. ausgetauscht oder wie ?




als Kundschafter des MfS im "Feindesland" war er sicher auch ein Meister der Verstellungskunst,@Alfred


.
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#182

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 12.07.2016 12:08
von Alfred | 6.841 Beiträge

Gert,

geh mal davon aus, dass ich Herrn G. schon einschätzen konnte.


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#183

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 14.07.2016 16:16
von Kalubke | 2.294 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #162
Zitat von Kalubke im Beitrag #157
D

"If you are just a dump American Playing with us, well, we send a copy of yor ID card to your commander to tell him a little aout yor late-night excursion."

"Wenn Sie nur ein Amerikaner sind, der hier abgladen wurde, um Spielchen mit uns zu spielen, na gut, dann schicken wir eine Kopie Ihrer ID-Karte zu Ihrem Kommandeur, damit er über Ihre nächtlichen Exkursionen im Bilde ist."


Gruß Kalubke



Kalubke,

wenn es diese Aussage gab, ist diese doch ganz normal. Sprich, wenn Sie mit uns ein doppeltes Spiel betreiben wollen und wir mitbekommen , dass sie geschickt wurden, dann können wir den Ausweis auch ihren Kommandeur schicken.

So ist dies zu verstehen und nicht anders.


Hallo @Alfred, ich habe mir mal die Mühe gemacht den gesamten Auszug über den ersten Treff von Jens mit der HV A zu übersetzen.
Ich denke, dann wird auch klarer werden, dass die Unterstellung einer möglichen Agententätigkeit von Jens für den Westen und entsprechende Drohungen Teil der Gesprächstaktik waren, um Jens unter Druck zu setzen.
Es wurde auch damit gedroht handschriftliche Aufzeichnungen von Jens, die er während der Befragung angefertigt hatte, den Amerikanern zuzuspielen, was ebenfalls einer absoluten Kompromittierung von Jens gleich gekommen wäre.

Gruß Kalubke

übersetzter Auszug aus J.M. Carney: AGAINST ALL ENEMIES Kap. 11 S. 151-156

Stille. Einige Sekunden später ging die Tür auf. Zwei Männer in Zivil betraten leise den Raum. Die Grenzer verließen ihn ebenso leise als sich die beiden Männer unbeweglich neben der Tür postierten.
Sie stellten sich jeweils vor, ohne ihre Namen zu nennen. Sie sagten lediglich, dass sie hier sind, weil ich darum gebeten hatte, mit einem Vertreter der ostdeutschen Regierung zu sprechen. Sie zogen zwei der schlichten Bürostühle heran und setzten sich nebeneinander mir gegenüber. Der Kleinere von den Beiden fragte, ob ich es vorziehen würde, auf Englisch oder auf Deutsch zu sprechen. "Deutsch." sagte ich. Der Andere, den ich später als meinen Führungsoffizier kennen lernen werde, bemerkte ziemlich genau, dass ich einiges getrunken zu haben schien. Er prüfte offensichtlich, ob er einen Betrunkenen vor sich hatte. Denn wenn nicht, gäbe es andere Fragen, die er zu stellen hätte.
"Ham se was zu essen begomm?" fragte der Kleinere der Beiden. Sein Akzent war stark, und er war etwas schwerer zu verstehen, sie nahmen sich abwechselnd Fragen vor, und die Fragen kamen, zunächst erwartungsgemäß: Name, Geburtsort, Truppenteil. Ich beantwortete sie alle ehrlich und ohne Zögern. Sie befragten mich etwas aggressiv über meine Absichten, nicht ganz sicher, welche Rolle der Alkohol dabei spielte sowie darüber, was ich hier um zwei Uhr am Morgen wolle. Ich sagte ihnen so überzeugend wie ich es konnte, dass ich die Politik meiner Regierung nicht billige und dass ich in der DDR bleiben wolle, in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich hatte den Unterschied zwischen Ostdeutschland und DDR bewusst gemacht. Sie kauften mir das jedoch nicht ab; kein Amerikaner, tut so was. Niemand läuft von West nach Ost über. Es sei denn, man wäre ein Taiwanesischer Pilot und wollte eine politische Erklärung abgeben, dachte ich. Sie schienen mit meinen Antworten unzufrieden zu sein und änderten ihre Gesprächstaktik.
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX. Er hatte gerade meine ID Karte aus der Aktentasche herausgezogen. Er sah sie kurz an und hielt sie in seiner Hand.
"Nein," antwortete ich. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX. Dieser Kommentar erzeugte absolute Stille. Sie sahen sich einander unbestimmt, aber ohne Emotionen an. Dann wandten Sie ihre Köpfe zurück zu mir. Das war es, was im Allgemeinen als „Der Moment“ angesehen wird.
"Würden Sie gerne woanders hin gehen und mit uns reden?" fragte der Größere. Ich nickte zustimmend, und wir standen alle gleichzeitig auf. Die Holzstühle quietschten über den Boden.
Ich war nicht dazu bestimmt, einen glorreichen Einzug in das Arbeiter- und Bauernparadies zu erhalten, da sie beschlossen hatten, mich aus dem Kontrollpunkt auf dem Boden eines schmutzigen Mannschaftsbusses heraus zu schmuggeln. Ich sah für eine Sekunde lang eine schwach beleuchtete Uhr, aber nicht lange genug, um sich über die Uhrzeit vergewissern zu können. Mein Verstand sagte mir, dass ich einige Stunden gesessen hatte, so dass es etwa drei oder vier Uhr morgens sein müsste. Mir wurde gesagt, mich auf der rechten Seite zwischen den Vordersitzen auf den Boden zu legen. Die Grenzer saßen links und rechts von mir. Eine leichte Berührung meines Rückens sagte mir, dass ich es richtig gemacht zu haben schien. Der Armeebus zog laut davon und brachte uns schnell aus dem Scheinwerferlicht in die Sicherheit der nächtlichen Dunkelheit in den Strassen hinter dem Kontrollpunkt. Sobald wir um die Ecke herum und aus dem Sichtbereich der westlichen Kameras heraus waren, durfte ich im Bus aufstehen. Ich hatte noch den Geruch der schmutzigen Gummibodenmatten in meiner Nase, als ich den Dreck und Ruß von meinem Körper abklopfte. Ich stieg aus dem Bus und stand neben den Grenzern, als meine neuen Freunde plötzlich um die Ecke kamen und auf uns zu gingen. Dort wurde ich in einem wortlosen Austausch von Kopfnicken und Händedrücken übergegeben. Der kleinere Mann zeigte auf die hintere Seitentür, und ich wurde aufgefordert, in einem alten, roten Lada 2103 Platz zu nehmen. Niemand sprach ein Wort.
Wir fuhren einige Minuten die breite, leere Leipziger Straße hinunter und dann in Richtung des Hauptbahnhofes von Ostberlin, dem Ostbahnhof. Ich erinnerte mich an die riesigen Wohnblocks, die ich dort auf meiner ersten Reise nach Ostberlin sah. Wir passierten das neue Centrum Kaufhaus links, fuhren dann in Richtung Karl-Marx Allee, bogen unerwartet an der Kreuzung, wo die Druckerei der Zeitung Neues Deutschland steht, zu unserem Ziel in eine Nebenstraße an der Oleg Koschewoi Oberschule ein und hielten dort wo ein riesiger Wohnblock in den Nachthimmel ragte. "Mitkommen." sagte der größere Mann. "Er wird, das Auto parken," sagte er und zeigte auf den anderen Mann. Wir gingen an verdunkelten, schmutzigen Fenstern eines Restaurants im Erdgeschoss vorbei und kamen bald zum Seiteneingang. "Strasse der Pariser Kommune 21" stand in fett gedruckten schwarzen Buchstaben über der Tür. Ich achtete darauf, wo sein Finger die Klingel drückte, eine Wohnung im elften Stock. Die Tür summte, und er zog sie mit einem lauten Metall-auf-Metall Quietschen auf. Das Gebäude war unheimlich ruhig. Nur die Neonleuchten summten in der leichenschauhausartigen Leere des Hausflures. Das ganze Haus hatte einen merkwürdigen Geruch nach Kohl, dessen Herkunft sich schnell aufklärte, als wir an einem Müllschlucker vorbei kamen, in den wartenden Aufzug traten, den schwarzen Knopf für '11' drückten und mit einem Ruck aufwärts fuhren.
Der elfte Stock war mit dem ersten identisch. Nur die Wohnungsnummern an jeder Tür zeigten ihn an. Als die Türen des Aufzuges aufgingen, sah ich eine Wohnungstür in der äußersten rechten Ecke des Korridors leicht angelehnt. Jemand wartete auf uns. Wir traten wortlos ein, und eine ältere Frau nahm unsere Sachen. Diskrete und namenlose Begrüßungen wurden ausgetauscht und wir zu einem Hinterzimmer geleitet, um unsere Diskussion fortzusetzen. Der Raum war als Musikzimmer mit einem Wandklavier dekoriert, es gab Regale voll mit Büchern, die auf gebildete Mieter hindeuteten. Noten von Händel und Brahms sagten mir, dass das Klavier nicht nur Dekoration war Ein kleiner runder Tisch, und drei gepolsterte Stühle nahmen den Rest des Raumes ein.
Eine schreiend hässliche Lampe hing an der niedrigen Decke und warf unzählige Schatten durch unechte Kristallfacetten.
Der größere Mann nahm automatisch mir gegenüber Platz "Mein Name ist Ralph," sagte er nur. "Und Sie möchten Jeffrey genannt werden?"
"Jeff ist gut, sicher." Er nickte verständnisvoll und musterte mich wieder mit seinen Augen.
"Wenn Günther zurückkommt, werden wir wieder anfangen. Inzwischen möchte ich, dass Sie einige Dinge für mich notieren. "Er holte einen Block liniertes Papier und einen Stift aus seiner Aktentasche und legte diese auf den Tisch. Seine Anweisung war, alle meine persönlichen Daten noch einmal aufzuschreiben. Sobald ich fertig war, sollte ich die Einheit notieren, wo ich gegenwärtig stationiert bin. Zusätzliche Information, die sich auf meinen Kommandeur, Vorgesetzte, Objektstandorte oder andere relevante Fakten bezogen, wurden auch gefordert. Es war mir klar, dass dies weniger informationellen Zwecken diente, sondern, um die Richtigkeit jeder von mir gemachten Angabe zu überprüfen. Sie vertrauten mir nicht - so viel war klar, und sie wollten Beweise. So wären sie schnell in der Lage, einen Lügner oder einen Hochstapler zu durchschauen. In meinem Augenwinkel nahm ich eine Gestalt durch das opake Glas der Tür wahr. Günther war zurück. Er hatte seine eigene Aktentasche in der Hand. Nach leisem Schließen der Tür hinter ihm gesellte er sich zu uns an den Tisch. Bald erschien ein weiterer Notizblock und wir alle begannen zu schreiben. Die Fragen setzten sich in schneller Folge XXXXX fort, und wir kamen schließlich zum Thema zurück.
"So, was tun Sie in XXXXXX“ fragte Ralf
"lch bin Linguist."
"Ja natürlich, aber was tun Sie dort?" Er war geduldig, nie böse oder laut. Er war ein Profi.
XXXXXXXXXXXXXXX. Stifte scharrten laut über die Blöcke. Ich wartete darauf, dass sich ein Kopf hebt und die nächste Frage stellt. Obwohl ich unsere Sitzung nicht als Verhör charakterisieren würde, war sie anstrengend. In den nächsten Stunden forschten sie mich auf jedes denkbare Quäntchen Information aus, dass ihnen einfiel.
"Wie sehen Ihre Funkempfänger aus? Welche Bauart haben sie? "Ich rasselte die Typen und Kennzeichnungen herunter.
Wenn Bedarf besteht, zeichne ich Ihnen eine Skizze von XXXXXXXXXXXXX." Ich war begierig darauf, es ihnen recht zu machen, und sie nahmen es an. Aus welchem Grund auch immer hatten sie einen Maßstab und Architektenschablonen in einer der Aktentaschen. Ich griff sie mir und machte mich an die Arbeit.
"Während Sie das tun, fährt Günther zu unserer Dienststelle zurück, um eine Kopie Ihrer ID Karte zu machen." Was? "Er hat vor, die Information zu überprüfen, die Sie uns gegeben haben. Er sah mich selbstgerecht an. Ich begann, Angst zu verspüren. So hatte ich mir den Ablauf des Gespräches nicht vorgestellt. "Wir müssen sicher sein, dass Sie das sind, wovon Sie sagen, dass Sie es sind." Günther packte seine Sachen und verließ wortlos den Raum.
"Ich sagte Ihnen die Wahrheit." sagte ich schwach.
"Ja, aber warum sind Sie hier?" War das tatsächlich die entscheidende Frage, oder etwa nicht? Ja, warum war ich dort?
"Ich will hier bleiben."
"Weil Sie nicht die Politik Ihrer Regierung billigen. Ja, Sie sagten das. Womit sind Sie denn nicht einverstanden?" Er platzierte seinen Stift unten, lehnte sich zurück in seinen Stuhl und streckte seinen Rücken aus.
"Nun ..." Was hatte ich vor, zu sagen? "Wir verletzen die ganze Zeit Ihren Luftraum, " versuchte ich," Hmm. Na und?" Entweder interessierte sie es nicht, oder sie verstanden es nicht, worüber ich redete.
"Nun, all diese polnischen Flugzeugentführer" begann ich. "Wir ermutigen sie erst dazu und behandeln sie dann wie Helden." So viel war klar." Wir machen alle möglichen Dinge. Gefährliche Dinge, manchmal illegale " gab ich direkt an. "Und nicht nur hier," fügte ich hinzu. Ich dachte an all diese Zusammenfassungen, die ich gelesen hatte.
"Wie konnten Sie jene Dinge erfahren?" fragte er vorsichtig. Mein Dienstgrad setzte in seiner Welt nicht logischerweise diesen Zugang voraus. Er arbeitete jedoch nicht in meiner Welt; ich aber tat es.
"Ich kann Berichte aus aller Welt über alle Welt lesen. Nicaragua, Kuba, Nordkorea ..., "er kratzte sich in Gedanken an seinem Kopf bevor er seine nächste Frage stellte. Ich denke nicht, dass er sicher war, wie man diese Angabe überprüfen kann, aber er musste das Gespräch fortführen.
"Und was ist das ein Linguist, ein Flieger, Ja?" Ich nickte. "Wie kommt es, dass einem Flieger gestattet wird, diese Berichte zu lesen?" Ich verstand, dass ich versuchen muss, die Dinge von seinem Standpunkt aus vom Standpunkt des totalen und permanenten Misstrauens zu sehen.
"Nein, es ist nicht so, das ich sie 'erhalte' um sie zu lesen. Ich meine damit, dass sie nicht Teil meiner Arbeit sind. Sie befinden sich einfach nur dort. Vom Sicherheitsdienst angefordert." Es funktionierte, und es war das erste Mal, denke ich, dass ich einen echten Anschein von Interesse in seinen Augen sah.
"Was ist mit Codes?" fragte er. Er lehnte sich immer noch schräg zurück, aber er war aufmerksam. Er beobachtete meine Reaktionen.
"Codes?"
"Ja, Codes. Zur Verschlüsselung von Nachrichten." Er blinzelte nicht. Jetzt nahm ich seine wirklichen Interessen wahr, aber ich konnte nicht lügen.
"lch habe keinen Zugang zu Codes. XXXXXXXXXXXXX, "der Blick in seinem Gesicht sagte mir, dass die Abkürzungen und die Truppenbezeichnungen für ihn fremd waren. "Die Nachrichtenleute," erklärte ich. "haben nichts mit uns zu tun." Er glaubte mir anscheinend nicht. Jetzt war ich an der Reihe, mich zurückzulehnen. Wir wandten uns beide wieder einander zu. Die Frau kam zurück und steckte ihren Kopf ins Zimmer, "Etwas zu essen?" fragte sie Ralph. Sie vermied es, mich durch die kaum geöffnete Tür direkt anzuschauen.
"Hungrig?" fragte er mich wiederum. Ich nickte. Sie nickte und ging dann. Die Sonne schien langsam auf die Rückseiten der Vorhänge. Ralph sah mich hinschauen, und er ging zum Fenster und zog eine der weißen Tafeln zurück, um etwas Licht rein zu lassen. Auf einem Balkon im 13. Stock gegenüber bellte ein Deutscher Schäferhund den Verkehr unten an.
Guten Morgen, Ostberlin.
Während wir unser Frühstück aßen, verließ Günther die Wohnung, scheinbar um eine Kopie meiner lD Karte zu machen. Zur selben Zeit, als wir fertig waren, war er zurückgekehrt, was bedeutete, dass er nicht weit unterwegs war. Er gab mir meine lD Karte, und ich schob das dünne Stück Plastik zurück in meine Brieftasche. Ralph stellte seinen Hoesengürtel weiter, nahm einen tiefen Atemzug und begann wieder. "Wenn Sie ein Eingeschleuster sind oder ein Agent, werden wir es herausfinden", sagte er unvermittelt.
"Das wird nicht gut für Sie ausgehen," fügte Günther hinzu. Das war jetzt „böser Bulle/böser Bulle“, es gab scheinbar nur böse Bullen in Ostdeutschland. Dies war der Test.
"Warum sollte ich ein Agent sein? Ich bat darum, hier zu bleiben!" protestierte ich. Es war zum Verrücktwerden. Sie verstanden alles falsch. Vielleicht war hier jeder wirklich gegen mich. "'Meinen Sie damit, dass ich zurückgehen muss?" Ich wollte mir nicht vorstellen, was das bedeuten würde.
"Ja." Und dann: "Sie müssen uns beweisen, dass Sie genau der sind, von dem Sie sagen, dass Sie es sind."
"Wie kann ich das denn tun?" fragte ich. Meinen Ärger konnte ich nur noch mühsam verbergen. Ich begann die ganze Sache zu bereuen. Jeder schien mich zu benutzen, wie er es ihm gerade passte. Sie könnten niemandem vertrauen. Ich wollte sie vor Ärger am liebsten anspringen.
"Wenn Sie hier bleiben wollen ..." begann er und hielt dann inne. "Denken Sie etwa, dass wir Ihnen etwas schulden? Sie müssen es sich verdienen." Sie warteten beide darauf, dass dieser Brocken bei mir ankam. "Wenn, was Sie sagen, wahr ist, dann haben Sie natürlich eine moralische Verpflichtung dagegen zu kämpfen. Wenn Sie das tun, dann kann es sein, dass wir in der Lage sind, zu helfen." Das erste, einzige und letzte Angebot, hätte er auch noch ergänzen können.
"Wenn Sie ein CIA Agent sind, "fügte Günther hinzu," wird es wirklich nicht gut für Sie aussehen. Wir finden es heraus. "Ich war still, als sie jede einzelne Drohung auf mich einwirken ließen. Es war nicht mehr lustig, es war nicht einmal mehr aufregend. Ralph machte nach einigen Sekunden weiter. "Oder wenn Sie nur ein dummer Amerikaner sind, der mit uns spielt, nun, dann senden wir Ihrem Kommandeur eine Kopie Ihrer lD Karte zu, um ihn etwas über Ihre nächtliche Exkursion aufzuklären."
"Er wird sehen, dass seine Adresse und seine Truppenbezeichnung mit Ihrer Handschrift aufgeschrieben sind," kam Günthers vorhersehbarer Kommentar. Oh waren sie gut. Ich war in ihrer Falle. Ein totes Stück Fleisch. "Sie werden Sie wahrscheinlich auf ein nettes Gespräch an einem speziellen Ort einladen. Hmm?"
"Was muss ich tun"? Über der punktierten Linie unterschreiben? Sie müssen uns nachweisen, dass Sie vertrauenswürdig sind." Seine Stimme wurde feierlich "Sie könnten ein Soldat an der unsichtbaren Front werden. Wie gut wären Sie hier?" er fragte rhetorisch, Hier wären Sie eine Person mit geringen Möglichkeiten, sich hervorzutun. Dort aber für den Frieden zu arbeiten - und Sie müssen nicht einmal ein Kommunist oder Sozialist sein – könnte Sie zu etwas Herausragendem machen. Sie werden sich damit Ihr Recht verdienen, hier her zu kommen und hier zu bleiben, verstehen Sie? "Ich verstand es, aber es gefiel mir nicht. Auch wenn ich noch nicht so deutlich ahnte, was ich im Begriff war, zu dieser Zeit zu tun, so würde ich es später zu spüren lernen. Ich brauchte eine Rechtfertigung für diese Gesetzesübertretungen, die ich im Begriff war zu begehen, und ich würde sie finden. Diese Rechtfertigung würde sich allmählich in eine persönliche Begründung für meinen unentschuldbaren Verrat verwandeln. Später würden Rechtfertigungen, Entschuldigungen und Begründungen nicht einmal mehr eine größere Rolle spielen. Dieses Leben würde mich und mein Gewissen verschlingen. Recht und Unrecht, Moral und Zweckdienlichkeit würden dehnbare Randbedingungen werden.
Es gibt jene, die sagen, dass ich indoktriniert wurde, was aber nicht wahr ist, während es aber wahr ist, dass mir an jenem verhängnisvollen Aprilmorgen zunächst noch die geforderte Überzeugung fehlte, meine früheren Kollegen preiszugeben, ich aber bald dazu nur noch wenig Anstoß brauchen würde. XXXXXXX gab mir jedoch all die Gründe, warum ich einen wirklichen Sinn in meinem Verrat fand. In meiner Naivität war ich jedoch außerstande, meinen wahren Wert für das MfS in jenen frühen Tagen zu erkennen und es vergingen erst viele Jahre, bevor ich verstand, was das für einen Schaden für die Vereinigten Staaten verursacht hatte. In Einem jedoch war ich mir sicher: Solange die gelieferte Information wertvoll war, war ich es auch. Ich wusste, mit wem ich es zu tun hatte, und das war mehr, als sie über mich sagen konnten. Sie waren nicht die 'Vertreter' der ostdeutschen Regierung; sie waren Spione. Am 22. April 1983 wurde ich auch ein Spion. Ich war neunzehn Jahre alt.



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zuletzt bearbeitet 17.07.2016 13:13 | nach oben springen

#184

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 14.07.2016 17:28
von Ostalgiker | 175 Beiträge

@Kalubke : Danke. Bitte mehr davon, falls möglich. Gibts das Buch auch auf Deutsch?



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#185

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 14.07.2016 19:41
von Kalubke | 2.294 Beiträge

Nein, leider nicht. Jens hatte mal geschieben, dass an einer deutschen Übersetzung gearbeitet wird. veröffentlicht worden ist aber noch nichts.

Ich hatte vor einiger Zeit mal, weil ich de Schilderungen von Jens auch absolut spannand finde, die Anschlusskapitel 12 und 13 übersetzt. Bei Interesse stelle ich die gerne hier ein, als Leseprobe. Jens muss natürlich vorher sein O.K. dazu geben. Bei Bedarf kann er sie selbstverständlich für sein Übersetzungsprojekt nutzen.

Gruß Kalubke



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zuletzt bearbeitet 14.07.2016 20:26 | nach oben springen

#186

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 15.07.2016 22:27
von eisenringtheo | 9.170 Beiträge

Das muss ein "Riesenladen" (big affairs) gewesen sein, die US Dienste in Berlin. Der Aufwand, um die Sicherheitslecks zu stopfen, die aus der Carneys Desertion entstanden, kosteten 14,5 Mrd. US-Dollar
http://www.bbc.com/news/magazine-23978501
Auch der Aufwand für den Menschenraub war beachtlich. Offenbar befürchtete man, nach Carney nach seinem "Tod" in Mexiko bis zu seiner Aufspürung in Berlin weiterhin bedeutende Spionage für den Osten getätigt hatte. Warum ihm das MfS nur noch relativ unbedeutende Observationen zugetraut hat, ist mir ein Rätsel.


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#187

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 16.07.2016 09:08
von Kalubke | 2.294 Beiträge

Er schreibt ja auch, dass es eine ganze Weile gedauert hat, bis er übehaupt dort eine Aufgabe bekommen hat. Den größten Wert für das MfS hatte er, als er noch eim US-Militär war.

Gruß Kalubke



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#188

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 16.07.2016 09:41
von eisenringtheo | 9.170 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #187
Er schreibt ja auch, dass es eine ganze Weile gedauert hat, bis er überhaupt dort eine Aufgabe bekommen hat. Den größten Wert für das MfS hatte er, als er noch beim US-Militär war.

Gruß Kalubke

Obschon er nicht mehr bei der US-Luftwaffe und für das MfS nicht mehr wichtig war, wollte man ihn gleichwohl unter Aufsicht haben. Wie ihm Film berichtet hat, hat ihm das MfS kaum mehr Einblicke in MfS Geheimnisse gewährt. Ich denke aber, man hätte keinen Augenblick gezögert, ihn im Rahmen eines Agentenaustausches in die USA auszuliefern.
Thwo


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#189

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 16.07.2016 10:01
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #188
Zitat von Kalubke im Beitrag #187
Er schreibt ja auch, dass es eine ganze Weile gedauert hat, bis er überhaupt dort eine Aufgabe bekommen hat. Den größten Wert für das MfS hatte er, als er noch beim US-Militär war.

Gruß Kalubke

Obschon er nicht mehr bei der US-Luftwaffe und für das MfS nicht mehr wichtig war, wollte man ihn gleichwohl unter Aufsicht haben. Wie ihm Film berichtet hat, hat ihm das MfS kaum mehr Einblicke in MfS Geheimnisse gewährt. Ich denke aber, man hätte keinen Augenblick gezögert, ihn im Rahmen eines Agentenaustausches in die USA auszuliefern.
Thwo



Hallo,

dies wäre nicht passiert. Mit solch einer Maßnahme hätte man sich selbst geschadet. Man hätte keinen Kundschafter getauscht, dass wäre ein mehr als schlechtes Zeichen für andere Quellen gewesen.


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#190

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 16.07.2016 11:55
von Kalubke | 2.294 Beiträge

Da schließe ich mich der Meinung von @Alfred an. Ausgetauscht wurden m .E. nur im Osten festgenommene für westliche Dienste tätige Personen und nicht Leute, die ehemals für den Osten im Westen tätig waren.

Gruß Kalubke



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#191

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 16.07.2016 12:40
von eisenringtheo | 9.170 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #189
Zitat von eisenringtheo im Beitrag #188
Zitat von Kalubke im Beitrag #187
Er schreibt ja auch, dass es eine ganze Weile gedauert hat, bis er überhaupt dort eine Aufgabe bekommen hat. Den größten Wert für das MfS hatte er, als er noch beim US-Militär war.

Gruß Kalubke

Obschon er nicht mehr bei der US-Luftwaffe und für das MfS nicht mehr wichtig war, wollte man ihn gleichwohl unter Aufsicht haben. Wie ihm Film berichtet hat, hat ihm das MfS kaum mehr Einblicke in MfS Geheimnisse gewährt. Ich denke aber, man hätte keinen Augenblick gezögert, ihn im Rahmen eines Agentenaustausches in die USA auszuliefern.
Thwo



Hallo,

dies wäre nicht passiert. Mit solch einer Maßnahme hätte man sich selbst geschadet. Man hätte keinen Kundschafter getauscht, das wäre ein mehr als schlechtes Zeichen für andere Quellen gewesen.

Richtig! Genau aus diesem Grund hat man Fahnenflüchtende generell nicht getauscht. Spione, die im gegnerischen Operationsgebiet tätig waren, mussten sicher sein, dass ihnen das Land ihres Aufraggebers vollkommenen Schutz gewährte.
Theo


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#192

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 19.07.2016 17:42
von KID | 234 Beiträge

@kalubke Habe Deine PM erhalten. Es ist in Ordnung, wenn Du weitere Textauszuege hier einstellst. Es ist eigentlich schoen, dass Ganze auf Deutsch lesen zu koennen.

Nebenbei bemerkt: Einiges, was hier beschrieben wird, wird je nach pol. Einstellung befuerwortet oder dementiert, fuer wahr oder unwahr gehalten. Nun gut. Das, was passiert war, war passiert. Ich lasse mir schon einiges gefallen, jedoch nicht, dass ich Fantasie schreibe. Ich sage es nochmal fuer Personen auf beiden seiten dieses Gespraeches: wer dabei war (wie am Checkpoint an jenem Abend), darf seine eigene Version schreiben. Bis jetzt hat das keiner getan. Es gibt hier im Forum (auf beiden Seiten) viele sog. 'Experte'. Wie ich schon mal gesagt habe: Jeder hat das Recht auf die eigene Meinung, jedoch nicht auf die eigenen Fakten.

Leute, wir haben das Jahr 2016. Marschbefehle lauten: Nach vorne blicken. Taeter und Opfer gab und gibt es auf allen (!) Seiten. Wer in Selbstmitleid oder Trauma taeglich baden moechte, bitt schoen. Ich nicht.

Jens


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#193

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 19.07.2016 23:47
von Kalubke | 2.294 Beiträge

Danke Jens, für Deine Erlaubnis. Die Kap. 11 und 12 finde ich besonders interessant wel sie u.a mit Grenzschleusungen zu tun haben, was damals für den gewöhnlichen DDR-Bürger ein völlig außerhalb seiner Realiät stehender Vorgang war.

Was das nach vorn blicken betrifft hast Du ja recht Jens. Aber schon die alten Chinesen wußten:

温 故 知 新



on ko chi shin (Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht verstehen)

Gruß Kalubke

J. M. Carney: Aganist All Enemies Kap. 12 S. 157-161

Eine Rose ist anders ausgedrückt, ein Bastard.
Tony U., USDB-Insasse

Dieser schwüle Dunst machte die Hitze noch unerträglicher. Meine Kleidung stank immer noch nach Zigarettenrauch und Schweiß. Ich sehnte mich nach einer heißen Dusche. Mit Ralph fuhr ich wortlos durch die nun sehr belebten Straßen zum Bahnhof Friedrichstraße. Er parkte seinen Wagen gewissenhaft am Spreeufer. Gegenüber stand ein Gebäude aus Glas und Metall für Reisende nach dem Westen, der so genannte „Tränenpalast“. Wir saßen noch einige Minuten im Auto und überprüften unsere Planungen für den nächsten Treff. Ralph wiederholte, dass ich während der nächsten dienstfreien Zeit wiederkommen und einige Dinge mitbringen sollte, von denen ich meinte, dass sie von Interesse wären.

Auf diese Weise konnte ich nachweisen, wo ich wirklich arbeitete. „Haben Sie einen Reisepass?" fragte er. Sein Kopf war zurückgelehnt und er beobachtete die Passanten auf der belebten Straße. „Natürlich." "Dann werden Sie mit der U-Bahn ausreisen." Er bemerkte meine Überraschung. "Es wird das einzige Mal heute sein, danach dürfen Sie die U-Bahn nie wieder benutzen." Seine Augen fixierten weiterhin die Straße. Er erklärte, wie ich zurückfahren sollte, und wo wir uns wieder treffen würden. "Haben Sie das alles verstanden?" "Ja."

Die U-Bahn zu nehmen, barg besondere Risiken, aber das war nichts, verglichen mit denen am Grenzübergang „Checkpoint Charlie“. "Also reise ich als ausländischer Tourist aus? Dann stempeln sie meinen Reisepass, aber ich darf darin keinen ostdeutschen Stempel haben!" Das wäre ein unglaubliches Risiko und bestimmt nicht sinnvoll. "Es ist an alles gedacht.", beruhigte er mich. "Machen Sie alles so, wie ich es Ihnen gesagt habe." Ich erinnerte mich an die anderen Anweisungen, die er mir gegeben hatte und ich versuchte, mich geistig auf meine Rückkehr nach Westberlin einzustellen. Ich wollte es wirklich nicht, aber welche andere Wahlmöglichkeit hatte ich? Als sich Ralph vergewisserte, dass ich alle seine Instruktionen verstanden hatte, forderte er mich auf, auszusteigen. Ich lief um das Auto und wartete auf ihn, bis er es abschloss. Möwen kreisten um einen kleinen Kahn auf der Spree und die Leute gingen zur Arbeit. Diese ganze Welt, so begriff ich bald, war nur die Kulisse unseres Geheimdienstlebens und unserer Spionagearbeit. Wir waren kein Teil von ihr.

Nachdem er seine Aktentasche im Kofferraum eingeschlossen hatte, liefen wir langsam in Richtung Friedrichstraße und warteten auf eine Lücke im Straßenverkehr. Ohne seine Augen vom Verkehr zu nehmen, sagte er: "Ein Genosse wird uns am Eingang erwarten. Sie werden mit ihm gehen und seine Anweisungen befolgen.“ „Es ist alles arrangiert.“, versicherte er mir. Und tatsächlich stellte sich bald heraus, wie gut die Staatssicherheit Dinge arrangieren konnte. "Lassen Sie uns jetzt hinüber gehen." sagte er und drängte mich mit einem Wink auf die Straße. Unsere Schritte verlangsamten sich wieder, als wir die andere Seite erreichten. Dort auf den Stufen des Haupteinganges zur Grenzabfertigung von Reisenden nach dem Westen, sah ich plötzlich einen jungen Mann herauskommen, um uns zu begrüßen. Er trug eine Uniform der DDR-Grenztruppen, und streckte seine Hand zu Ralph aus. "Das ist der Genosse, über den ich Sie informiert habe." sagte Ralph geheimnisvoll zu ihm.

"Verstanden!" kam die schnelle Antwort. Ralph stand wortlos da, als mich der uniformierte Mann hinein führte. "Folgen Sie mir bitte!" Er lächelte und drehte sich oft um, um sich zu vergewissern, ob ich seinem schnellen Schritt auch wirklich folgte. Der Passkontrollbereich war schmutzig und überfüllt, aber das war für uns nicht von besonderer Bedeutung. Mein neuer Genosse begleitete mich zu einem Abfertigungsschalter, an dem ein halbes Dutzend müder Leute darauf warteten, kontrolliert zu werden. Sie sahen uns misstrauisch hinterher, als wir einfach rechts an ihnen vorbei in einen mit der Aufschrift „Diplomaten“ gekennzeichneten Durchgang liefen. Dahinter ging es bis zu einer Treppe in Richtung U-Bahn weiter. Mein Begleiter stoppte plötzlich. "Hier." Er hielt mir eine U-Bahnfahrkarte entgegen. "Ohne die kommen sie nicht weiter! „Vorschrift ist Vorschrift!" lachte er. Auch ich lächelte, nahm sie und entwertete sie in einem alten Kasten, der an der Wand hing. Ich schüttelte seine ausgestreckte Hand und ging still die Stufen hinauf. Der U-Bahnsteig war voller Menschen die ausreisten, oder aus Westberlin zurückkehrten. Die INTERSHOP-Kioske machten gute Geschäfte, denn viele Westberliner fuhren hierher, um Alkohol und Zigaretten im kommunistischen Osten einzukaufen. Es war eine Art Niemandsland. Ostberliner hatten keinen Zutritt und Westberliner konnten sich hier aufhalten, ohne offiziell nach Ostberlin einreisen zu müssen. Ich hielt die Fahrkarte aus dickem Karton in meiner Hand und wartete auf die nächste Bahn. Ich stand auf der Bahnsteigseite, auf der die U-Bahn in Richtung Norden nach Tegel fuhr. Sie sollte mich in den Französischen Sektor bringen, um von dort aus auf meinem Rückweg eine lange, umständliche Rundfahrt durch Westberlin machen zu können.

Ralph verlangte es unmissverständlich. Ich sollte genau das tun, was gesagt wurde, ohne die geringste Abweichung. Alles zu meiner Sicherheit, meinte er und es blieb mir keine andere Wahl als ihm zu glauben. Ich hatte meine Seele verkauft und musste mich ihm im Guten, wie im Schlechten anvertrauen. Im Französischen Sektor, würde ich umsteigen und von dort in die Westberliner Innenstadt weiterfahren.

Unter keinen Umständen sollte ich direkt zur XXXXXXX fahren. Ich versuchte mich zu entspannen, als die U-Bahn langsam durch die Geisterbahnhöfe in Ostberlin rumpelte. Zwischen dem letzten Ostberliner Bahnhof „Stadion der Weltjugend“ und dem ersten Bahnhof im Westen standen plötzlich zwei Männer auf und begannen die Fahrgäste anzusprechen. Der eine zeigte diskret seine Dienstmarke. Sie sah genau so aus, wie die, die früher von der Gestapo verwendet wurden. Es waren Westberliner Zollfahnder, welche die Alkohol- und Zigarettenschmuggler auf ihrem Weg zurück nach Westberlin kontrollierten. Es wurde offensichtlich, als sie die Reisenden über ihre Einkäufe und geschmuggelten Waren befragten. Als der Mann mittleren Alters zu mir kam, zeigte ich ihm meinen US Air-Force Dienstausweis ohne Kommentar. Er ging sofort weiter. Ich war auch nicht in der Stimmung für irgendwelche Gespräche.

Auf Westberliner Gebiet nahm die U-Bahn langsam Fahrt auf. Bald kündigten bunte Werbetafeln die Rückkehr in den Kapitalismus an. Jetzt begann ich die Grenze auf eine ganz andere Weise wahrzunehmen. Ich hatte gerade eine der am schwersten bewachten Grenzen der Welt überquert, nach dem einfachen Wink der Hand eines Grenzsoldaten. Jetzt war ich wieder im anderen Teil der Stadt, nur einige wenige, aber strategische Meilen von dem Ort entfernt, an dem ich Minuten zuvor gestanden hatte. Dieser Gegensatz blieb immer präsent, wo ich auch war. Ständig lauerte Gefahr hinter jeder nächsten Ecke und so konnte ein Schritt über diese Grenze darüber entscheiden, ob man entweder potentiellen Risiken ausgesetzt oder aber in Sicherheit war.

Zwei Welten standen sich hier von Angesicht zu Angesicht gegenüber und ich war im Begriff, ein Leben zu führen, mit je einem Fuß in einer der Beiden. Das Schild „Leopoldplatz“ flog vorbei, als wir in einen Bahnhof einfuhren. Er war mein Ziel. Ich stieg dort um in Richtung Bahnhof Zoo. Von dort aus lief ich dann eine Stunde lang von Schaufenster zu Schaufenster bummelnd, den ganzen Kurfürstendamm entlang, und war nicht in der Lage mich auf eines der Dinge zu konzentrieren, die ich darin sah. Am Olivaer Platz, der Stelle, an der diese ganze verrückte Reise begann, stieg in den 19’er Bus ein und fuhr zurück zur XXXXX. Ich wusste, warum ich den 19’er gewählt hatte. Es war makaber, hatte aber doch irgendwie Sinn. Ich suchte wieder den Ort meiner Entscheidung auf, die ich zwölf Stunden zuvor getroffen hatte. Waren es wirklich nur zwölf Stunden gewesen? Bald hielten wir am Nollendorfplatz. Das Metropol war jetzt geschlossen und Papierfetzen wehten über den verlassenen Platz. Zwei Punker mit grimmig aussehenden Hunden tranken Bier an der Ecke. Die Betrunkenen der letzten Nacht schliefen noch. Dort war es, wo ich in das verdammte Taxi einstieg, dachte ich. Dann fing ich mich wieder. Nein, keine weiteren Mutmaßungen mehr und keine weiteren Fragen. Akzeptiere es und mache das Beste daraus. Tu, was Du tun musst, um im Osten bleiben zu können, dann ist das Spiel vorbei. Das Problem war weniger, dass es ein Spiel war, sondern dass ich die Regeln nicht kannte und ich keinen einzigen gottverdammten Anhaltspunkt dafür hatte. Mein Verständnis über Spionage und Agenten war auf die Filme beschränkt, die ich als Jugendlicher gesehen hatte. „Das Nadelöhr“ mit Donald Sutherland war so einer, den ich mit Marian in Monterey sah. Er war nicht besonders glanzvoll, Leute starben und es gab kein Happy End. Das schien denen aber recht zu sein. Aus den XXXXXXX-Berichten, die ich gelesen hatte, wusste ich, dass statistisch gesehen, die meisten Spione gefasst werden. Es war somit bestenfalls ein hochriskanter Job. Und ich wusste auch, dass die Mehrheit der Spione keine Selbstanbieter waren, so wie ich. Ich stelle, wie darin behauptet wurde, nur eine winzige Minderheit dar.

Auch sind Selbstanbieter immer verdächtig, weil sie das unvermeidliche Risiko in sich tragen, Doppelagenten zu sein. Dies ist der Grund, warum ich auch so gründlich vom MfS überprüft worden war. Obwohl mich deren Misstrauen anfangs gekränkt hat, akzeptierte ich es schließlich als Normalität (in der anormalen Welt der Spionage). Später verlor ich meine Abneigung vor den persönlichen Überprüfungen, da sie normalerweise dazu dienten, mich sichererer zu machen. Spionage beraubt einen vieler Dinge einschließlich eines großen Teils der persönlichen Moral. Sobald die eigenen Wertevorstellungen in einem Prozess von unvermeidlicher Erosion abgebaut worden sind, wird Spionage zu einer einfachen Übung in Relativismus. Recht und Unrecht sind keine Konstanten. Für das Ziel ist die Wahl jeglicher Mittel legitim. Für Loyalität wird zwar eingetreten, Verrat aber gefordert. Kein normaler Mensch kann deshalb eigentlich Spion werden. Nur wenige gehen diesen Schritt von selbst. Viele werden dazu getrieben, andere dazu gezwungen, aber das Ergebnis ist normalerweise immer das gleiche.

Ich werde also vermutlich zu jenen gezählt, die sich aus freien Stücken dort hineinbegeben haben. Und das hatte mein Leben zerstört. Ziemlich schnell. Es gab vorher keine Hinweise darauf, was alles passieren wird und zunächst fürchtete ich mich wirklich vor dem Ministerium für Staatssicherheit. Sie waren allem Anschein nach eine rücksichtslose aber hoch effizient arbeitende Geheimdienstorganisation. Sie erweckten Furcht und Ehrfurcht bei ihren Freunden und Feinden gleichermaßen. Ich war weder Freund noch Feind, aber mir saß immer noch der von ihnen eingejagte gottverdammte Schrecken in den Knochen.
Diese Furcht blockierte viele meiner anderen Gedanken, die ich auf dem Rückweg hatte und ich durchlebte noch einmal jeden Moment und jede Sekunde der Stunden, die gerade vergangen waren. Ich war erschöpft, aber das Adrenalin, das durch meinen Körper kreiste, hielt mich hellwach.

Beim Betreten meines Zimmers in der Kaserne wurde ich von dieser merkwürdigen Vorstellung befallen, dass nun jeder wusste, was ich gerade getan habe. Meine Diagnose, dass dies schon paranoid war, ist sicherlich extrem, aber eine simple Erklärung aller Tatsachen. Schlimmer noch, ich konnte mich mit meinen Ängsten niemandem offenbaren, weil dies ein Risikofaktor gewesen wäre. Es gab auch einige missgünstige Leute, die mir damals über die Schulter schauten, und ich musste lernen damit umzugehen. Meine Aufgabe war es, so erinnere ich mich, einige Dokumente zusammenzustellen, zu sehen, was das MfS noch gebrauchen könnte und dann um Asyl zu bitten. Ich wusste eigentlich, dass es so nicht funktionieren würde, aber ich musste mir selbst etwas einreden, um die Dinge am laufen zu halten. Es würde Monate dauern, dieses Angstgefühl zu überwinden und mich darin zu üben, äußerlich jederzeit ruhig zu sein. Mein Ziel aus den Augen zu verlieren, wäre die erste Stufe des großen Abstiegs. Wenn ich unkoordiniert wäre, würde ich schludrig werden. Schludrig zu sein, würde zwangsläufig zur Entdeckung führen. Das wird mir nicht passieren, versprach ich mir. Ab jenem Augenblick war ich vorwiegend mit Selbsterhaltung beschäftigt, alles eher primitive Gehirnaktivität. Wie in der miliärischen Grundausbildung, schaltete ich den vorderen Stirnlappen meines Gehirns ab, weil rationales Denken die Fähigkeit zu Überleben beeinträchtigt. Ich drehte meinen Schlüssel zweimal im Schloss herum und ließ seine lange Schlüsselkette an der Tür wie ein Metronom schwingen. Ich war sicher, im Augenblick wenigstens, signalisierte mir mein Kopf.

Ich zog die Tür meines kleinen Kühlschrankes auf und starrte verdutzt auf den spärlichen Inhalt. Meine Hand ging zu einer Literflasche Orangenlimonade. Die wenige Kohlensäure darin schreckte mich nicht ab und ich nahm einen tiefen Schluck. Dann ging ich zu meinem Bett, drehte mich um, und fiel rückwärts auf meine Decken. In meinem Magen erklang so etwas wie eine Rebellion gegen das saure Getränk, und ich musste den Drang bekämpfen, mich im Bett zu übergeben. Der Geruch von Adrenalin war überall. Mein Atem war kurz.
"Was hast Du getan?" sagte ich laut zu mir. "Was...zum … Teufel ...hast Du getan?" wiederholte ich. Es war wie eine außerkörperliche Erfahrung. Ich konnte es nicht glauben, dass ich gerade - wenn auch unter Zwang - in Ostberlin meine Dienste als Spion angeboten hatte. Ich dachte, dass mein Leben bisher kompliziert war. Aber ab jetzt spielte ich in einer völlig neuen Liga. ....Fortsetzung folgt



chantre, IM Kressin, lhsecurity, SCORN und vs1400 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 27.07.2016 21:31 | nach oben springen

#194

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 20.07.2016 09:15
von DirkUK | 298 Beiträge

Hab das Buch letzten Freitag bestellt, ist Montag angekommen. Freu mich schon aufs lesen.

Angefügte Bilder:
IMG_20160718_153914965.jpg

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#195

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2016 21:27
von Kalubke | 2.294 Beiträge

wie versprochen, die Fortsetzung von Kap. 12 ( S. 161 - 175) aus J. M. Carney "Against All Enemies" auf deutsch:

... Anstatt weiter über meine unmögliche Entscheidung zu grübeln, beschloss ich schnell damit zu beginnen, meine erste Aufgabe zu planen. Die Ostdeutschen wollten prüfen, wie motiviert ich war? Na gut. Ich war im Begriff, es ihnen zu zeigen! Je besser ich war, desto schneller könnte ich aus diesem Geschäft wieder heraus kommen. Ja, richtig. Mein nächster Treff wurde während der kommenden langen Dienstpause angesetzt. Vier Spät-, vier Nacht- und vier Tagesdienste lang Zeit, um herauszufinden und mitzunehmen, was immer auch die Staatssicherheit interessieren könnte. Mir wurden keine Vorgaben gemacht, so dass ich versuchte, logisch vorzugehen. Ich entschied mich für die Lochstreifen unserer Tagesberichte. Meine Überlegung war, dass sie nicht verschlüsselt wurden und ein Original zu haben, brächte Sie einen Schritt näher dazu Codes entschlüsseln zu können. In der Nacht, in der sie übergeben werden, könnte jemand innerhalb eines Zeitfensters von wenigen Stunden, den Klartext mit verschiedenen abgefangenen verschlüsselten Funksprüchen abgleichen.

Das machte für mich Sinn, aber es gab keine Möglichkeit, zu erfahren, wozu die Ostdeutschen wirklich technisch in der Lage waren. Auch hatte ich keine Ahnung davon, welche Übertragungsarten unsere US-Nachrichteneinheiten nutzten, oder wie kompliziert solch eine Entschlüsselungsoperation war. Ich setzte ohne Anleitung und genaue Instruktionen nur meinen gesunden Menschenverstand ein. Die Bänder selbst konnten fest aufgerollt werden und waren nicht größer als ca. einen Zoll im Durchmesser? Dies machte sie für einen Transport gut geeignet, da sie sehr leicht zu verbergen waren. Die Begleitausdrucke, wollte ich auch mitnehmen, falls der matte Aufdruck auf den Bändern selbst unlesbar sein würde. Logistisch ergab sich aber ein Problem: Die Tagesberichte wurden während des Nachtdienstes geschrieben. Deshalb musste ich auch meine Kopien während des Nachtdienstes anfertigen vor allem am letzten Tag. Dadurch war es erforderlich, das Material XXXXXXXX mitzunehmen und bis zum Tag der Übergabe an einem anderen Ort zu lagern. Das bedeutete, dass ich eine Reihe von potentiellen Risiken hatte. Egal, es musste getan werden. In der letzten Nachtschicht führte ich alles genauso aus, wie ich es geplant hatte. Eine Tat zu begehen war viel leichter, als darüber nachzudenken, merkte ich hinterher und es blieb auch künftig so. Ich tippte die Tagesberichte mehrfach ab, Frustration wegen angeblicher Fehler vortäuschend, um dies gegenüber meinen Mitarbeitern glaubhaft zu machen und fertigte so eine zusätzliche Kopie jedes Berichtes an. Ich druckte die persönlichen doppelten Ausfertigungen der Klartextberichte aus und verstecke sie in meinem Aktenordner, bis zum Zeitpunkt des Treffs. Um das Material an mich zu nehmen, ging ich hinter unsere Transkriptionsschreibtische und gab vor, das Papierfach zu wechseln. Unbeobachtet konnte ich so die Lochbandrollen in meine Taschen stecken. Von dort aus ging ich zum Duschraum, wo die Bänder in meine Stiefel wanderten. (Frühere Kollegen werden jetzt denken, dass dies der Grund war, warum ich immer Stiefel trug, das ist aber völlig falsch)

Sie, wie viele andere selbsternannte „Experten“ schrieben sie meiner Arbeit viel zu viel Täuschung und Planung zu. Tatsache aber war, dass obwohl es äußerst gefährlich war, die Chancen entdeckt zu werden, zu jener Zeit relativ gering waren. Mich als einen unglaublich verschlagenen Spion abzustempeln ist aber leichter als zuzugeben, dass die Sicherheit in den US-Einrichtungen ziemlich amateurhaft war.
Auf dem Weg XXXXXXXX drückten die Bänder wie heiße Kohlen gegen die Sohlen meiner Füße.

Ich konnte meine Aufmerksamkeit nicht von ihnen lassen, und versuchte, so normal wie möglich, zu laufen, obwohl sich ein paar von ihnen unter mein Fußgewölbe verschoben hatten. Ich ignorierte den Schmerz und ging einfach weiter. Sobald ich meine Tür hinter mir geschlossen und doppelt verriegelt hatte, zog ich die Stiefel aus. Die gelben Bänder rollten geräuschlos auf den mit Teppich ausgelegten Fußboden. Es ist ein seltsames Gefühl, sie an so völlig ungewohnter Stelle liegen zu sehen. So als wenn ein Tornado eine Kuh anhebt und sie unverletzt wieder auf dem Rasen eines Fußballstadions absetzt. Man versteht, wie sie dorthin kam, weiß aber dass sie dort eigentlich nicht hin gehört. Ich hatte bald beschlossen, die Bänder und Berichte in meiner Stereoanlage zu verstecken. Wie die meisten Geräte sah sie viel pompöser aus als sie eigentlich war und der größte Teil des billigen Innenlebens war leerer Raum. Hier, entschied ich, sollten diese Dinge bis zur dienstfreien Zeit aufbewahrt werden. Ich schraubte die Stereoanlage an der Seite mit einer Münze auf und entfernte vorsichtig das Oberteil. Minuten später war es wieder eingesetzt und eine Dubliners-LP spielte. Unter dem Plattenteller war nun XXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX verborgen.
Willkommen in meiner Welt. Ich sah meine Stereoanlage an, bis ich einschlief. Ich hatte nicht den Mut mein Zimmer zu verlassen. Während der dienstfreien Zeit konnte ich ein Mindestmaß an Normalität zurückgewinnen. Die Zeit heilt manchmal alle Wunden, und sie erlaubte mir, die Ereignisse mit weniger Emotionalität zu verarbeiten. Fakt ist, dass dies sowohl gut als auch schlecht ist. Nach traumatischen Ereignissen ist ein gewisser geistiger Abstand notwendig, um sich davon erholen zu können. Spionage ist oft eine Folge von qualvoll langweiligen Zeitabschnitten mit dazwischen liegenden unglaublich anstrengenden Momenten. Während dieser längeren inaktiven Phasen konnte ich mich selbst entspannen, wobei dabei aber auch das Risiko bestand, dass die Wachsamkeit des Spions nachlässt.
Es ist bestenfalls ein prekärer Balanceakt auf einem Hochseil ohne Netz. Ich war zunächst ruhig, als ich am ersten Tag der Dienstpause zur U-Bahn ging. Aber nach kurzer Zeit war ich wieder ein Nervenbündel.

Ich machte einen langen Spaziergang in Richtung Norden zur U-Bahnstation „Hallesches Tor“, da ich nicht in die U-Bahn direkt vor unserem Militärstandort einsteigen wollte. Der Spaziergang gab mir die Möglichkeit, zu überprüfen, ob ich beschattet werde. Ich war zwar in Gegenobservation ungeübt aber völlig unwissend war ich wiederum auch nicht. Meine Hand tastete unbewusst nach meiner Gesäßtasche, als ich die Treppen der schmutzigen U-Bahnstation hinab stieg. Mein Militärausweis blieb jedoch auf dem Schreibtisch in meinem Zimmer zurück. Ich brauchte ihn nicht und war außerdem aufgefordert worden, ihn nicht zu mitzubringen. Die Lochbänder und Berichte waren in meinen knöchelhohen Stiefeln und in meiner Unterwäsche versteckt. Ich beschloss, in die zweite U-Bahn einzusteigen, die ankam und beobachtete die Leute, die auf dem Bahnsteig zurückblieben, nachdem die erste abgefahren war. Als ich mich vergewissert hatte, dass ich nicht observiert werde, stieg ich in den Zug ein, als die Warnlichter schon ankündigten, dass die Türen geschlossen werden. Ich blieb im Zug stehen, als er in Richtung meiner anderen Welt rollte.

Die Kochstrasse war der letzte Bahnhof im Westen und der U-Bahnschaffner, machte eine entsprechende Ansage um die Fahrgäste daran zu erinnern. Stadtmitte war der erste Bahnhof im Osten. Es war wie eine Diashow, grau in grau und in Zeitlupe, als wir im Schneckentempo durch den verlassenen Bahnhof rollten. Ein weiterer Bahnhof, folgte ihm, und dann plötzlich wurde es hell. Wir waren angekommen. "Bahnhof Friedrichstrasse!" plärrte eine Stimme aus einem blechernen Lautsprecher. Ich wusste nicht welchen Weg ich in diesem Tunnellabyrinth zu gehen hatte, so dass ich den anderen einfach folgte. Schritte, eine Wendung, noch mehr Schritte. Ich habe es heute vergessen, bis auf den Anblick von gelben Fliesen und einer Menge Menschen. Eine Reihe von schwerem Metalltüren tauchte vor mir auf, ich war angekommen. Verschiedene Touristen, welche die DDR besuchen wollten, standen vor mir. Ich blieb plötzlich stehen und stieß mit einer alten Frau zusammen, die eine Tüte voll mit West-Lebensmitteln trug. Wir entschuldigten uns gegenseitig. Ich schaute durch die anwachsende Menschenmenge nach dem richtigen Eingang zur Grenzkontrolle. Ich war weder Deutscher noch Ostdeutscher, also wohin? Zur „Einreise für Bürger anderer Staaten“ musste ich. Als wir in der Schlange standen, stellten sich Grenzkontrolleure zu uns wie Fortgeschrittene zu konfusen Anfängern. Man kam auch zu mir.
"Den Reisepass, bitte!" Ich gab ihn hin und er verglich das schwarz/weiße Passfoto mit meinem Gesicht. "Der Zweck Ihres Besuches?" fragte er kalt.

"Tagestourist." „Mach es unkompliziert. Er sah mich wieder an und blätterte in meinem Reisepass. "Was haben Sie für einen Beruf?'
"Student." „Einfach, einfach ... ruhig bleiben.“
"Was studieren Sie?" Er sah von meinem Reisepass auf und klappte ihn zu, gab ihn mir aber nicht zurück.
"Theologie." Im Nachhinein, wohl die ziemlich schlechteste Antwort.
"Und warum kommen Sie in die DDR?" Er tippte meinen Reisepass gegen sein linkes Handgelenk.
"Die besten Kirchen sind auf dieser Seite ... Ich will sie selbst sehen." Sein Gesichtsausdruck war zu erwarten. Er gab mir meinen Reisepass zurück. Und ab zum nächsten Opfer. Die Schlange bewegte sich langsam, aber stetig. Bald war ich dran, aber es gab keinen Genossen, der mich diesmal mit hindurch nahm. Ich beobachtete, wie die Passkontrolleure jemanden vor mir abfertigten.
Es gab überall Spiegel. Sie konnten sogar die Füße von hinten sehen……. und ich war sicher, dass es auch überall Kameras gab. Es war preußische Gründlichkeit bis ins Extrem getrieben. Passnummern wurden mit Listen abgeglichen, die Echtheit der Reisepässe überprüft, weitere Fragen gestellt und dann: BAM, BAM! Ein Stempel wurde in den Reisepass und einer auf das Visum gedrückt Schließlich wurde man aufgefordert, weiterzugehen. Ich war der nächste, und es wurde mir klar, dass ich im Begriff war, einen Stempel in meinem Reisepass zu bekommen. Ralph hatte mir gesagt, dass sie ihn nicht stempeln werden, hatte er doch, oder? Ich schwitzte. Ich würde meinen Reisepass sonst vernichten und einen neuen beantragen müssen. Was für ein Mist. "Der Nächste!" schnauzte der Passkontrolleur. Ich reichte meinen Reisepass in den Abfertigungsschalter und forderte ein Tagesvisum an. Ich ignorierte die peinlich genaue Kontrolle und wartete darauf, dass mein Reisepass über den Tresen des Schalters zurück glitt. BAM! Mein dunkelblauer US-Reisepass wurde unauffällig mit der Unterseite nach oben zurückgelegt. Darin war ein braunes Stück Papier, mein Tagesvisum. "Danke." sagte ich und wandte mich schnell ab, um den Schalter zu verlassen. Eine gelangweilte Kontrolleurin winkte mich heran, um meine dreißig D-Mark gegen Ostmark einzutauschen.

Es war der erforderliche Mindestumtausch und eine Deviseneinnahmequelle für die DDR, schnell und profitabel. Jetzt wurde mir bewusst, dass ich nur einmal dieses fürchterliche „BAM“ hörte, als mein Reisepass kontrolliert und das Visum ausgestellt wurde. Ich sah nach. Es war tatsächlich kein Einreisestempel im Pass. Hinter mir hörte ich wieder „BAM BAM!“ Ich lächelte, und ich verstand sofort. Ich nahm meine dreißig Ostmark und verließ den Bahnhof. Ich hatte gerade ein Verbrechen begangen, aber es interessierte mich wenig. Als ich die Passkontrolle hinter mir hatte, musste ich zu unserem verabredeten Treffpunkt laufen, der in der Nähe des Bahnhofes war. Ralph hatte mir den Ort am Morgen meiner Rückkehr auf unserem Weg zum Bahnhof gezeigt. Wir sind durch einige Nebenstrassen hinter der Humboldt Universität gefahren und stoppten einen Augenblick lang an einer zerschossenen Fassade.
"MITROPA", las ich oben auf dem schmutzigen Firmenschild. "Es ist das Unternehmen, das die Speisewagen und weiteres für die Reichsbahn betreibt. "Das ist mir eigentlich egal.“ "Aber hier werden Sie auf mich warten, bis ich komme, verstanden?" "Ich habe verstanden."

Heute musste ich also dorthin. Es war immer noch kühl auf den schmalen Straßen nahe der Universität. Die Sommerwärme durchdrang die Schatten noch nicht. Das erlaubte mir, mich etwas abzukühlen, denn Schweißtropfen, strömten meinen Rücken hinunter und sie kamen nicht von der Hitze. Ich ging weiter die Strasse an der S-Bahn entlang. Direkt um die Ecke war die MITROPA. Ich begutachtete die zerfallenden Bürgersteige um mich herum, sah aber niemanden.
Ich blickte in die andere Richtung. Auch niemand da. Na toll, dachte ich. Ich war von der renommiertesten Geheimdienstagentur Europas versetzt worden. Für eine Minute dachte ich darüber nach, ob mir vielleicht eine Lektion erteilt werden sollte im Abwarten oder so und das machte mich wütend. Ich sollte jetzt gehen, überlegte ich. Aber was dann? Würden sie mich aufgreifen? Würden sie meinem Kommandanten eine Kopie meines Militärausweises zusenden und mir für Leavenworth alles Gute wünschen? Verschwörung ist einer Militärstraftat gleichzusetzen. Ich hatte die Bedingung für eine Verschwörung bereits erfüllt, so dass ich schon mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen konnte. Das reichte aus, um mich dazu zu bewegen, weiterzumachen. Ich spazierte um die Humboldt Universität herum und kam zurück. "Hallo Jeff!", hörte ich es hinter mir. "Es tut mir wirklich leid." "Alles in Ordnung." Nein war es nicht. „Ich bekam mein Auto nicht an.“ "Kommen Sie, lassen Sie uns zum Wagen gehen." Wir schlängelten uns zwischen in zweiter Reihe auf der Fahrbahn parkenden Autos hindurch und gingen bis zu einer asphaltierten Straße. "Ich konnte auch keinen Parkplatz finden. So viel Scheiße auf einen Haufen aber auch, sage ich Ihnen.“ „Alles in Ordnung?" fragte er. Er war immer noch aus Atem, weil er zu unserem Treff rennen musste. Sein ausgestreckter Arm zeigte auf einen dunkelgrünen Wartburg und er sagte mir, dass ich einsteigen solle. Er holte seine Aktentasche aus dem Kofferraum und stellte sie auf den Rücksitz. Ralph zog den Choke, drehte den Zündschlüssel um und der Zweitaktmotor erwachte keuchend zum Leben. Unter den Linden zogen wir eine bläuliche Abgasfahne hinter uns her und fuhren in Richtung Friedrichstraße. Ich konnte das Denkmal Friedrichs des Großen hinter uns im Seitenspiegel sehen. Wir bogen links ab und fuhren denselben Weg wie in der Nacht, in der ich das erste Mal an der Grenze auftauchte. Knapp zehn Minuten später erreichten wir unsere konspirative Wohnung. Ralph hatte nichts erklärt, aber ich wusste schon, wo wir waren. Wir gingen wortlos zu dem Neubaublock und Ralph wiederholte das Ritual unseres ersten Treffs. Die Tür öffnete sich und wir betraten das Reich summender Neonlampen und fauligen Kohlgeruchs. Man hat keine zweite Möglichkeit des ersten Eindruckes und vergammelter Kohl war mein erster Eindruck von Ostberlin. Ich ging vor ihm zum Aufzug und drückte den richtigen Knopf, ohne hinzusehen. Ich wollte, dass er sah, dass ich mit allem vertraut war. Im elften Stock lief ich vor zur Wohnungstür und wartete auf ihn. "Ich sehe, dass Sie sich erinnern." sagte er. Ich gab ihm ein kurzes zustimmendes Nicken. Die Tür wurde langsam geöffnet. Die Frau vom letzen Treff war wieder da. Günther traf uns auch an der Tür. Ein anderer älterer Herr kam in den Flur und begrüßte uns.

"Das sind Waltraud und ihr Mann, Herbert." Er sagte weder meinen Namen noch fragte irgendjemand danach. "Das ist unser Freund." sagte Ralph nur vage. "Lasst uns reingehen und in der Küche Platz nehmen. Herbert und Waltraud zogen sich zurück. Etwas kochte auf dem Herd, und es roch köstlich. Günther, Ralph und ich wechselten dann in das hintere Zimmer und wir nahmen auf den Stühlen Platz wie zuvor. Jeder atmete hörbar aus. Danach erschienen ihre Aktentaschen und aus ihnen je ein Notizblock. Die Aktentaschen schlossen sich wieder mit doppeltem Klicken und dann begann die "Inaugenscheinnahme“. "Jeff, Sie haben etwas für uns?" fragte Günther. Es war weniger eine Frage als eine Feststellung. Ich deutete an, dass ich es vorher aus meinem Versteck entnehmen müsste und zog mich ins Bad zurück. Als ich wiederkam, warf ich eine Hand voll Lochstreifen auf dem Tisch. Ein kleiner Stapel zerknitterter Zettel lag vor ihnen. Ich fragte mich mit berechtigtem Sinn für eine gewisse Situationskomik, wie viele abgelieferte Geheimdokumente wohl sonst noch so nach Achsel- und Fußschweiß stinken mögen? Ich musste darüber fast lachen, beherrschte mich aber. "Was sind das für Dinge, Jeff?", fragte Günther. Er hielt eines der Bänder hoch und entrollte es. Ralph nahm die Berichte desinteressiert vom Tisch. Das sind unsere Nachtberichte XXXXXXXXX sagte ich. Es war wie Zähne ziehen. Sie wussten wenig über unsere Struktur und Organisation und noch weniger über unseren militärischen Auftrag. Ich musste beinahe alles schmerzhaft detailliert erklären und sie begriffen den Sinn meiner Ausführungen oft nicht. Wir sind nicht XXXXXXXXXX interessiert, Jeff, sagte Ralph, was ich ziemlich schlimm fand. „Schau keinem geschenktem Gaul ins Maul, Du undankbarer Ochse.“, dachte ich. Ich erklärte ihnen meine Beweggründe, die Lochbänder und den Klartext zu liefern. Aber verstanden haben sie es nicht. Sie waren auf etwas anderes fixiert.

"Meine Herren, Mittagessen!" kam ein Ruf aus dem Esszimmer. Ralph packte die Dokumente in seine Aktentasche, führte uns dorthin und wir nahmen die Plätze am Tisch ein. Gebratenes Schweinekotelett mit Kartoffeln und Erbsen. "Bedienen Sie sich, meine Herren.", sagte der Mann. Wir nahmen uns Zeit zum Essen und einige Flaschen Bier erschienen danach auf dem Tisch. Ich nahm eins und schaute aus dem Fenster. Der Fernsehturm war nur ungefähr eine Meile weit entfernt. Das war der Alexanderplatz, der Alex. Ich schaute mich in der Wohnung um. Hübsche Möbel, komplett mit Teppichboden ausgelegt. Regale über Regale voll mit Büchern. Alles war sauber und ordentlich. Ist das der entsetzliche Kommunismus? Ich dachte, das gibt mir Mut ihn positiv zu sehen. Ich fragte mich, was meine Mutter wohl dazu sagen würde, dies hier ist viel netter als die Art, wie wir wohnten. Schnell unterdrückte ich die Gedanken an meine Familie. Wir dankten unseren Gastgebern für das Essen und kehrten in unser Zimmer zurück. Ich war froh, diese Gedanken los zu sein. "Wie bekamen Sie das Material aus dem Gebäude heraus?" fragte Günther. "Genauso, wie ich sie zu Ihnen brachte!" Ich zeigte auf meine Schuhe. Er nickte und biss sich auf seine Unterlippe. Seine Frage war mir sehr vertraut. Unabhängig von dem was ich lieferte, oder wie hoch sein Wert war, stand stets die Frage 'Wie hat man es bekommen?' Hauptproblem war die operative Sicherheit. Meine Sicherheit inbegriffen. Am Anfang war es schwierig meinen Führungsoffizieren glaubhaft zu versichern, dass ich mit Papieren in meinen Schuhen oder Taschen einfach so aus XXXXXXX hinausgehen konnte. Sie fanden meine Äußerungen verdächtig. Die nächste Frage wurde sowohl informativ als auch warnend an mich gerichtet: Vermisst irgendjemand diese Dokumente? Sind es Originale? Benutzten Sie eine Kopiermaschine? Usw.. Ich war ein gelehriger Schüler und beachtete schon bald diese Problematik bei meiner Suche nach brauchbaren Informationen. "Das letzte Mal fragten wir Sie nach Codes. Sie sagten dazu folgendes ..." Er überflog seinen Notizblock: "XXXXXXXX". Ich war dieses Gerede über Codes leid. Ich merkte schnell, dass dies ein Interessenschwerpunkt von ihnen war. Ich war aber nicht bereit dem nachzukommen, nicht zuletzt auch, weil ich außerstande war, ihre Wünsche nach derartigen Informationen zu erfüllen. "Ich habe keinen Zugang zu diesem Material!" sagte ich wütend. Es war die Wahrheit. Und es ging auch über den Umfang dessen hinaus, was ich ihnen liefern wollte. So seltsam es auch klingt, ich wollte mein Land keinem Risiko aussetzen. Das war es nicht, weshalb ich über den weißen Strich am Checkpoint Charlie ging. Es gab mehr als genug Aktivitäten, die ich bereit war zu verraten, welche aber die Sicherheit der Vereinigten Staaten nicht gefährdeten. Ich behielt dieses Prinzip während meiner ganzen Zeit bei, die für das MfS arbeitete. Als Realisten akzeptierten sie es schließlich. Am Ende einigten wir uns auf folgendes: Ich würde alles überreichen, von dem ich meine, dass es der Sicherheit der Vereinigten Staaten nicht direkt schadet, aber direkt die Sicherheit der DDR beeinträchtigt, vor allem die aggressive und illegale Sammlung von nachrichtendienstlichen Informationen. Das war ein faires Spiel. Sie wären nichts, wenn sie nicht Pragmatiker wären. Und sie hatten jede Menge Zeit, mit mir zu arbeiten.

Der Rest des frühen Nachmittages wurde damit verbracht, verschiedene Aspekte der operativen Arbeit XXXXXXXX zu erörtern. Es war anstrengend und wiederholte sich endlos. Ich schloss bald daraus, dass das MfS über die Aufgaben und die Fähigkeiten XXXXXX noch völlig uninformiert war. Wie sich herausstellte war es tatsächlich so. Trotz des relativ respektlosen Umgangs mit mir in jenen ersten Tagen war ich ihr erster Agent direkt im Zielobjekt XXXXXXX aber auch der letzte, den sie dort platzieren konnten. Mit dieser Begegnung würden unsere regulären Treffs beginnen. Bevor wir auseinander gehen, würden wir jedes Mal noch ein Datum für die nächste Besprechung, normalerweise innerhalb von vier bis acht Wochen, abhängig von den operativen Erfordernissen, festlegen. Ralph erklärte, wie die Datums- und Zeitangaben funktionierten. Jedes Treffdatum wurde um einen Ersatztermin ergänzt. Kann das ursprüngliche Treffdatum und die ursprüngliche Treffzeit aus welchen Gründen auch immer nicht eingehalten werden, wird der Treff automatisch am nächsten Tag, aber eine Stunde später stattfinden. Wir legten die Trefftage, basierend auf meinem Dienstplan fest und die Treffs wurden im Allgemeinen, während der dienstfreien Zeit angesetzt, um zu vermeiden, dass ich mich verspätet oder gar nicht zurückmelde. Günther entschuldigte sich und ging. Ralph blieb noch sitzen und öffnete seine Aktentasche. Er legte einen braunen Umschlag auf den Tisch und daneben einen Quittungsblock, ein wohl bekannter westdeutscher Quittungsblock. "Das ist für Sie.“, sagte er matt. "Nehmen Sie es." Er schob den Umschlag zu mir herüber. Ich öffnete ihn. In dem kleinen Umschlag waren drei 100 Mark Scheine, D-Mark. Ich warf das Geld auf dem Tisch zurück. "Ich will es nicht." Diese lächerliche Summe wäre außerdem eine Beleidigung gewesen, wenn ich Geld gewollt hätte. Ich wollte es aber wirklich nicht. "Es ist nicht deswegen, weshalb ich das hier tue, fügte ich hinzu. "Hören Sie, ich verstehe das, aber Sie müssen mich auch verstehen! Wenn ich zurückgehe und meinem Chef sage, dass Sie als Amerikaner das Geld ablehnen, glaubt er mir nicht. Dann gerate ich in Schwierigkeiten." Er hob seine Hände in scheinbarer Hilflosigkeit. "Einfach die Quittung unterschreiben und das Geld nehmen." Er schob es zurück zu mir.
Nein.

"Jeff, unterschreiben Sie! Sie können es meinetwegen in den Spendenkasten einer Kirche werfen, wenn sie wollen oder Ihren Freunden was zu trinken kaufen. Ist mir egal, aber unterschreiben sie und nehmen sie das Geld." Und mit meiner Unterschrift hatte das MfS den Beweis in der Hand, dass ich in diesem Spiel bereit zur Konspiration war. Ein Schritt, in die Richtung, in der sie mich haben wollten. Dreihundert D-Mark? Das ist eine Menge Guinness.

"Haben Sie die dreißig DDR Mark von der Friedrichstraße?" Er wollte das Geld vom Zwangsumtausch haben. Es wäre ein Beweis gegen mich, falls ich festgenommen würde. Gerade weil mich dieser Gedanke kränkte, Geld für Informationen angeboten zu bekommen, hatte ich sie geliefert. Genau genommen hatte ich sogar nur 270 D-Mark bekommen, wenn man den Zwangsumtausch davon abzieht. Gibt es denn nirgendwo Gerechtigkeit auf dieser Welt? "Ja." Ich zog meinen Reisepass heraus, denn ich hatte das Ostgeld zusammen mit dem Tagesvisum dort hinein gelegt. "Geben Sie mir das auch." er sagte schnell und zeigte auf das Visum. "Ich muss mich darum kümmern. Denn wenn Sie die DDR nicht vor Mitternacht offiziell verlassen haben, werden Sie hier gesucht und das wollen wir doch nicht, oder?" "Gut, aber wie kann ich ohne Visum ausreisen?" "Sie werden sehen. Wir werden eine Fahrt unternehmen.

Unser Wartburg kämpfte sich auf der Autobahn voran, als wir aus Berlin herausfuhren. Unsere Fahrtroute war der südliche Autobahnring in Richtung Potsdam. Ralph änderte bald seine geplante Strecke und wir verließen die Autobahn wieder, einer Landstraße folgend. Ein Schild zeigte den Ort Mahlow an. Wir waren also südlich von Westberlin unterwegs und in der Ferne bemerkte ich etwas Vertrautes.
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX.

Wir waren nicht weit entfernt von der LPG und die gleichen Traktoren streuten Dünger. Es war unbeschreiblich seltsam: Ich sah unseren US-Militärstandort von der anderen Seite der Mauer aus. Die ungewohnte Perspektive war unheimlich und aufregend zugleich. Wenn sie nur wüssten, dachte ich, als ich zum Standort hinüberschaute. Unsere Fahrt führte uns durch kleine Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Es waren uralte Traktoren und auch Wagen unterwegs, die immer noch von Pferden gezogen wurden. Gelegentlich zog eine Kolonne russischer Lastkraftwagen auf den schmalen Kopfsteinpflasterstrassen an uns vorbei. Wir waren mitten im alten Brandenburg. Ungeachtet dieser scheinbaren Rückständigkeit verspürte ich eine gewisse Anziehungskraft, die von diesem einfachen, bodenständigen Leben ausging. Denn die tatsächlichen Lebensbedingungen sind entscheidend und so gab es einiges, was für diese Bodenständigkeit sprach. Die Reise durch die „reale“ DDR, wie Ralph es nannte, war mein erster Eindruck außerhalb von Ostberlin als „Schaufenster für den Westen“. Ich wurde aber davon nicht abgeschreckt. Diese Tatsache verwirrt sogar heute noch viele Leute. Ich nehme an, die einfache Erklärung ist, dass sie selbst fest davon überzeugt waren, dass die eigenen kapitalistischen Soldaten auf jeden Fall ein viel besseres Leben hatten, als die ihnen gegenüberstehenden kommunistischen. Ein Dorf sah so ähnlich aus wie das andere und die Vororte von Babelsberg boten eine willkommene Abwechslung. Ich erinnerte mich an den Namen von unseren Reisen im Dienstzug. Die USMLM (US-Militärverbindungsmission) lag in der Nähe, und auch die Glienicker Brücke, der Schauplatz von mehreren spektakulärer Agentenaustauschaktionen war nur ein paar Ecken weit entfernt. Wir fuhren weiter durch die verwinkelten Strassen von Potsdam und Ralph gab mir eine Stadtführung. Die Anwesenheit der Sowjets war hier viel offensichtlicher als in Ostberlin. Es gab sowohl Russische Geschäfte und einen Offiziersklub in der Stadt als auch Kasernen am Stadtrand. Es hätte in Russland gewesen sein können, wenn ich es nicht besser gewusst hätte. Unsere Geschwindigkeit nahm schnell zu, als wir die Stadtgrenze hinter und ließen. Unser Gespräch wechselte noch einmal von trivialen Dingen zu operativen Themen. "Da liegt ein Stadtplan auf dem Rücksitz. Nehmen Sie ihn." Ich langte nach hinten und meine Hand griff nach einem Faltplan von Berlin. Er sah sehr vertraut aus. Anscheinend von „Falk“, die viel Geld damit verdienten. "Ich instruiere Sie über eine ganz besondere Stelle. Ab sofort ist dies der Ort, an dem wir uns treffen werden." Ich hörte zu, sagte aber nichts.

Der Stadtplan war der gleiche, den ich auch hatte, nur ein bis zwei Jahre älter. Ich blätterte darin bis ich zu den Seiten kam, die den westlichen Stadtrand von Berlin zeigten. Ich fand Potsdam und studierte die angrenzenden Kartenausschnitte. Ralph blickte gelegentlich zu mir herüber, als er fuhr, um zu sehen, welche Ausschnitte des Stadtplans ich mir ansah. "Dieser Bereich ist sehr außergewöhnlich.“ begann er wieder. "Eiskeller“ sagte ich, spontan. Ich denke, dass er mehr als nur ein wenig überrascht war, weil er beinahe von der Fahrbahn abkam. Er starrte mich an. Ich war mir nicht sicher, ob er wütend, überrumpelt oder einfach nur verärgert war, weil ich ihm gerade seine große Überraschung versaut hatte. "Was wissen Sie denn vom Eiskeller?" fragte er ruhig. Er lächelte etwas. "Ich radle dort ab und zu und war erst vor einigen Wochen dort. „Es ist ein ziemlich verrücktes Gebiet.“, sagte ich.

"Ja, richtig, genau dieses verrückte Gebiet werden wir aufsuchen." Er schaltete den Gang wieder hoch und wir schlossen zum vorausfahrenden Verkehr auf, der auf der Landstrasse, nordwärts führ. "Es könnte tatsächlich von Vorteil sein, dass Sie schon einmal dort gewesen sind. Denn das ist eine gute Legende für Sie." fügte er hinzu. "Einer von meinen Freunden war sogar das erste Mal mit dabei." Ralph nickte. "Dadurch ist allgemein bekannt, dass ich schon mehrmals dort war." fügte ich hinzu.

"Das ist eins von den Dingen, die Sie lernen werden - Wenn wir Legenden entwickeln, müssen sie glaubwürdig sein. Mit offensichtlichen Lügen werden Sie in Schwierigkeiten geraten. Alle Ihre Lügen müssen in Wahrheiten verpackt sein." Wir redeten noch weiter über Menschen und ihrer Wahrnehmung von Lügen und Legenden. Bald erreichten wir Falkensee. Der Verkehr verlangsamte sich wegen eines Staus, da die Ortsdurchgangsstraße den Nord-Süd Verkehr kaum bewältigte. Allmählich löste sich er sich wieder auf, und wir konnten weiterfahren. Es war schon später Nachmittag und ich fragte mich, wo ich die Grenze überqueren sollte und wie lange es dauern würde. Ich stellte mir den Grenzübertritt so vor, wie am Übergang Friedrichstraße. Ein Handzeichen, und durch! Wir brausten die Straße entlang und ohne Vorwarnung bog Ralph rechts auf eine unbefestigte Fläche ab. Das Straßenschild zeigte Beethovenallee. Es stand dort ein alter Umspannturm aus rotem Ziegelmauerwerk am Waldrand, und es war offensichtlich eine beliebte Wendestelle, den vielen bogenförmigen Fahrspuren von LKW-Reifen nach zu urteilen. Ralph führ an den Waldrand heran und stieg aus. Ich folgte, aber er winkte mich zum Auto zurück. Er selbst erleichterte sich hinter den Büschen. Ich schaute auf den Stadtplan während ich wartete und versuchte unseren Standort herauszufinden. Ich beschloss, ihn mir zeigen zu lassen, da ich keine Ahnung hatte, wo wir wirklich waren. Er kam zurück und setzt sich auf den Fahrersitz aber ohne sich wieder anzuschnallen. "Wir warten hier auf einige Genossen, die Sie heute zurückbringen werden. Sie müssen ihnen vertrauen. Ihr Auftrag ist es, Sie sicher rüber zu bringen. Ihretwegen sind sie hier." Er ließ die Worte auf mich wirken und ich sagte nichts. "Sie müssen aufpassen und genau das tun was sie Ihnen sagen werden." Seine Augen waren auf den Waldrand gerichtet. "Haben sie verstanden?" "Ja." murmelte ich.

Ralph und ich erörterten dann unseren nächsten Treff in einigen Wochen. Ich würde mit meinem Fahrrad an eine Stelle fahren, ich nachher gezeigt bekomme, von dort in die DDR geschleust werden, ihn treffen und anschließend mit dem Fahrrad wieder nach XXXXX zurückkehren. Der Zeitpunkt und die Ersatztermine wurden mehrmals erörtert, da wir bis zu unserer nächsten Begegnung keinen Kontakt mehr haben werden. Es fehlten immer noch einige Details aber er versicherte mir, dass sie geklärt werden, wenn ich nach Westberlin zurückgekehrt bin. Während wir warteten, führ ein UAZ-Jeep mit drei uniformierten Männern gefährlich nah an unseren Wagen heran. Reingefallen, dachte ich. Wir waren wahrscheinlich irgendwo nah an der Grenze und jemand hat uns entdeckt. Ein Auto mit Berliner Kennzeichen am Waldrand parkend…..? Das muss einfach verdächtig sein. Ralph stieg aus, ging zu dem Offizier, der gerade auf der Beifahrerseite ebenfalls ausgestiegen war und schüttelte ihm die Hand. Es wurden einige Worte gewechselt. Der Fahrer und der dritte Soldat blieben im Fahrzeug. Einige Sekunden später wandte sich mein Führungsoffizier zu mir um und winkte, dass ich aus dem Wagen aussteigen soll. Er zeigte, dass ich zu der dem Waldrand zugewandten Seite des Jeeps gehen sollte.

"Das ist ein zuverlässiger Genosse." sagte Ralph zu mir. "Er ist für Ihre Sicherheit verantwortlich. Sie sind in guten Händen!"
Die Uniform des Mannes war von den Grenztruppen, aber ich hatte den Verdacht, dass ich keinen regulären Grenzsoldaten anvertraut wurde. Ich vermutete, dass dies eine Gruppe von speziellen Einsatzkräften des Ministeriums war. Es war mein erstes von weiteren Treffen mit diesen Männern einer speziellen HV A-Abteilung, die im Bereich der Grenze operierte. Der Mann schüttelte meine Hand und sagte zu mir, dass ich in den wartenden Jeep einsteigen soll. Ralph erörterte einige letzte Details und kehrte dann zu seinem Auto zurück. Einen Augenblick später gingen wir getrennte Wege.

Der Offizier setzte die Instruktionen, die ich entgegenzunehmen hatte, ohne die Nennung von konkreten Namen fort. Der Fahrer, ein junger Mann ungefähr in meinem Alter grüßte mich mit einem Handzeichen, als wir über die unebene Strasse holperten. Der Mann, der neben mir saß, ein großer aber freundlicher Offizier schüttelte mit Begeisterung meine Hand. Ihr Empfang war aufrichtig und ich verspürte eine gewisse Erleichterung trotz der Tatsache, dass ich keine Ahnung davon hatte, was gerade mit mir geschah. "Ich muss Sie darum bitten, nach hinten zu steigen", sagte der große Mann. Er hob seinen Arm über den Rücksitz und zog eine Zeltplane zur Seite. "Kommen sie hier unter die Plane." "In Ordnung", sagte ich und stieg über den Rücksitz auf den Metallboden im Heck des Jeeps.

"Bleiben sie unter der Plane bis wir Sie auffordern wieder herauszukommen. Nicht sprechen oder bewegen. Keinen Lärm!" "Ok." "Ruhig jetzt." Bald kamen die einzigen Geräusche nur noch von den schweren Fahrzeugreifen. Wir holperten eine Pflasterstraße entlang und ich stieß mir mehrmals den Kopf. Nach einigen Minuten bogen wir abrupt ab, wurden langsamer und verließen die Fahrbahn mit einem Ruck. Wir führen dem Geräusch nach auf sandigem Untergrund weiter. Wir sprangen durch tiefe Schlaglöcher und ich dachte schon dass ich eine Gehirnerschütterung davon tragen würde, blieb aber still.

"Genosse, ruhig jetzt." sagte der große Mann, mit gedämpfter Stimme. Seine Hand tippte mich unter dem Segeltuch an. "Ruhe." Der Jeep hielt an. Geräusche. Eine neue Stimme tauchte auf. Fragen wurden gestellt und einige Antworten gegeben. Ich konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, aber es war klar, dass das Fahrzeug kontrolliert wurde. Eine Sekunde später klangen die Stimmen unseres Fahrers und des Offiziers vorne erleichtert. Der Jeep setzte, sich wieder in Bewegung. Hörte ich da etwa ein Tor? Ich starb vor Neugier, um zu sehen, wo wir waren, traute mich aber nicht zu bewegen. Weiter ging es auf einem Weg. Die Hitze unter der Plane wurde unerträglich. Wieder tippte mir eine Hand auf den Kopf und ich wurde aufgefordert unter der Plane hervorzukommen. Ich stieg auf den Rücksitz und schaute durch das beinahe undurchsichtige Plastikfenster. Wälder, Büsche, Sand und Grenzzäune. Jetzt hatte ich eine Idee, wo wir waren. Wir werden vorn anhalten und ein Stück laufen, sagte der ältere Mann. Ich nickte. Ich beobachtete alles übersensibilisiert. Dies war ein einmaliger Moment dachte ich ziemlich unzutreffend. Für die meisten sicherlich ja, aber nicht für mich.

" O.K. parke ihn hier.", sagte der ältere Mann zum Fahrer. "Alle können jetzt aussteigen." sagte er nachträglich. Die Staubwolke, die der UAZ aufwirbelte, holte uns ein, als wir anhielten. Ich stieg aus und schloss leise die hintere Seitentür. Mein großer Freund war mit einer Pistole in einem Halfter bewaffnet. So wie auch der ältere Mann. Der Fahrer ließ gerade seine Kalaschnikow über seine Schulter gleiten. Ich fühlte mich etwas deplatziert in meinen Jeans, meinem Sweatshirt und meiner schwarzen Jacke. Ich brauchte mich aber darum nicht zu sorgen. Als ich über meine Garderobe hier mitten im Kiefernwald nachdachte, packte der ältere Mann eine olivgrüne Tasche auf den Boden vor seinem Sitz. Aus ihr entnahm er einen zweiteiligen puderblauen Adidas Trainingsanzug.

"Ist der für mich?" fragte ich ein wenig unsicher. Mit meiner Frage hatte der ältere Mann offensichtlich nicht gerechnet. "Was ...? Oh, nein, nein, nein. Er ist für mich." kicherte er und begann den glänzenden Trainingsanzug über seine Felddienstuniform zu ziehen. Ich konnte es nicht glauben. Mit einigen Schwierigkeiten schaffte er es auch, seine Stiefel durch die Hosenbeine zu stecken und das ganze sah ziemlich grotesk aus. Als er den Reißverschluss seiner Jacke bis oben hin zuzog, bemerkte ich, dass sich seine Pistolentasche auffällig abzeichnete. Nun, wenn es gut genug für ihn ist, dachte ich. "Fertig?" sagte er nachdem er die letzten der bearbeitbaren Falten in Ordnung brachte. "Lasst uns gehen!" Wie bizarr wir aussahen - zwei uniformierte Grenzsoldaten, ein Typ in Jeans und Sweatshirt und ein alter Mann, der bei dieser Hitze in einem puderblauen Trainingsanzug eingepackt war - Ich akzeptierte das als mein zwar merkwürdiges, aber dennoch farbenfrohes Schicksal. Ich musste diesen Männern vertrauen, weil es keine andere Option gab und lernen gegen den Drang anzukämpfen, die Situation analysieren zu wollen anstatt sich ihr einfach hinzugeben. Es wird auch zukünftig Momente wie diesen geben, in denen die Vorbereitungen und die Absicherung unserer Aktivitäten ein enormes Ausmaß erreichen werden, doch im Moment wusste ich noch wenig davon und sah sogar noch weniger. In dieser Anfangsphase meiner Beziehung zum MfS konnte ich noch nicht sagen, dass ich ihnen vertraute. Schließlich hatten meine beiden Führungsoffiziere mir mit Kompromittierung gedroht, wenn ich nicht mit ihnen zusammenarbeite. Die Zeit für Vertrauen war noch nicht gekommen, so dass ich zunächst einfach nur auf das Beste hoffte.
Wir parkten unseren Jeep südlich vom Eiskeller in Sichtweite des vordersten Grenzzaunes. Geographisch gesehen befanden wir uns jetzt auf einem Territorium, das zwar noch zu Ostdeutschland gehörte, sich aber bereits jenseits der neueren aus Metallgitterzäunen bestehenden Sperranlagen befand. Sie waren wegen der merkwürdigen Grenzsituation mehrere hundert Meter weit entfernt vom eigentlichen Grenzverlauf errichtet worden, so dass sie in relativ gerader Linie vom westlichen Rand des Eiskellers nach Süden führten. Es gab auch noch ältere Grenzanlagen aus den frühen 60’er Jahren, die hauptsächlich aus Stacheldrahtzäunen bestanden und unmittelbar an der Grenze verliefen. Wir gingen in einer Reihe mit je einem uniformierten Mann, an der Spitze und am Ende. Ich erkannte einige der Bauernhöfe im Eiskeller hinter dem vordersten Grenzzaun wieder und fragte mich, ob uns nicht von dort irgendjemand sehen könnte. Es gab auch Beobachtungsposten auf der westlichen Seite, in der Regel kleine Holzhütten in der Nähe der Bereiche wo das DDR-Territorium nach Westberlin hinein ragte. Kaum jemand dürfte sich jedoch von dem eher plumpen Versuch täuschen lassen, ihren tatsächlichen Zweck durch dort angebrachte Schilder wie „Vogelbeobachtungsposten“ oder ähnliches zu verschleiern. Während meiner Radtouren zum Eiskeller hatte ich nämlich mal gesehen, wie Westberliner Polizei mit Ferngläsern in der Hand, diese Hütten besetzt hatte, um ein gefährlich offenes Wiesengelände auf der DDR-Seite zu überwachen, welches auch wir jedes Mal überqueren mussten. Nach einigen Metern verließen wir unseren mit Büschen und Unkraut relativ gut gedeckten Weg nach links. Ich wusste, dass wir nun eine winzige Landinsel betreten werden, die innerhalb des Eiskellers liegt und die wiederum selbst eine Enklave war. Die statistische Wahrscheinlichkeit sich hier auf der östlichen Seite der Grenze aufhalten zu können, war äußerst klein, dachte ich. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich glauben können, dass das Ganze hier ein riesiger gespielter Witz war.

Unser farbenfroher Trupp hatte den Rand des inneren Gebietes erreicht, so dass wir jetzt auf drei Seiten von Westberliner Territorium umgeben waren. Die ganze Zeit versuchte ich mir selbst einzureden, dass das alles, was ich sah, doch eigentlich gar nicht wahr sein kann. Der ältere Mann lief voraus bis zu einem kleinen Baum. Er streckte seine Hand zu einem der tieferen Äste aus und ergriff etwas - einen Schlüssel! Er ging zu einem Tor im alten Grenzzaun, steckte den Schlüssel in das Schloss und der Riegel schnappte auf. "Gut, dass die Leute nicht wissen, wo wir den Schlüssel verstecken, ha ha." witzelte er. In Wahrheit konnte ein Flüchtling, der es bis hierher geschafft hatte, den Zaun ohne weiteres übersteigen. Mit typisch preußischem Sinn fürs Detail schloss der ältere Mann das Tor hinter uns wieder ab und wir gingen bis zu einer Lichtung im Zentrum des zur DDR gehörenden Teiles des Eiskellers. Vor uns befand sich ein mit Büschen und einigen umgestürzten Bäumen umgebener tiefer Schützengraben Wir begaben uns in die Deckung dieses Grabens und setzten uns hin. "Wissen Sie, wo Sie hier sind?" fragte der große Mann. Er hatte seine Kopfbedeckung abgesetzt. Wir schwitzten alle nach unserem Marsch durch das Niemandsland. "Ja, die Gartenkolonie und der eine Asphaltweg sind dort." Ich zeigte nordwärts. "Genau. Also kennen Sie Ihren Rundweg schon."
"Ja." Der ältere Mann kam näher zu mir heran und legte seine Hand auf meinen Unterarm. "Da wo wir jetzt sind ist noch DDR Gebiet. Nichts kann Ihnen hier passieren.", sagte er bedeutungsschwer. "Sobald Sie aber diesen Wald verlassen, ist alles anders. Egal wann sie kommen oder gehen, wir werden immer hier sein, auch davor und danach, um uns zu vergewissern, dass sie abgesichert sind. Falls es irgendwelche Probleme gibt, können Sie hierher kommen." Er starrte mich lange an. "Sie können hier nicht legal verhaftet werden. Und außerdem ", er berührte die AK-47 unseres Fahrers", haben wir das hier und wir können es einsetzen wenn erforderlich." Sein Lächeln war beruhigend und auch seine Worte. Ich fühlte mich besser. Ich fühlte mich geschätzt. "Sie erörterten unseren nächsten Treff bereits mit unserem Freund, richtig?" fragte der große Mann. "Ja." Ich wiederholte ausführlich meine Anweisungen, und beschrieb, wie ich zu diesem Ort mit dem Fahrrad komme. Ich würde vortäuschen, neben dem Weg im Wald, d.h. in der DDR zu urinieren und sobald sie mir das Entwarnungssignal geben, würde ich mit meinem Fahrrad die ca. zwanzig Meter bis zum Graben zurücklegen. "Ja. Sehr gut." sagte der ältere Mann. "Und vergessen Sie nicht, eine Kontrollstrecke zu fahren, wenn Sie in den Eiskeller kommen, wir haben Sie zwar unter Beobachtung und wenn es unsicher ist, lassen wir Sie es wissen. Aber Sie müssen sich auch selbst absichern, so gut es geht und eine ganze Runde im Eiskeller herum fahren. Auf diese Weise können sie selbst kontrollieren, ob Ihnen irgendjemand folgt." Er ging auf die Knie und sah über den Rand des Grabens hinweg. Er signalisierte dem Fahrer mit ihm zu kommen und beide näherten sich im Laufschritt dem Waldrand, jeder auf einer Seite des überwucherten Pfades. Nachdem sie unmittelbar an der Grenzlinie in Stellung gingen, suchten sie sorgfältig die Felder und Wege vor ihnen ab.

"Jetzt!" sagte der Fahrer. "Kommen Sie, schnell!" Ich eilte zu ihnen und sie streckten jeweils eine Hand nach mir aus, um mich noch einmal kurz anzuhalten. Dann ließen beide ihre Hände gleichzeitig fallen: "Toi toi toi!" sagte der altere Mann. "Kommen Sie sicher nach Hause!" Ich blickte nicht zurück, aber ihre Worte klangen noch in meinen Ohren. Meine erster Schritt aus dem Wald heraus brachte mich zurück nach Westberlin. Ich war wieder allein, als ich den Eiskeller verließ, aber ich fühlte mich jetzt besser weil ich nun wusste, dass es Genossen hinter mir gab, sowohl im wörtlichen als auch im bildlichen Sinne. Ich lief den ganzen Weg zurück nach Spandau und hielt nur einmal an einem Imbissstand an, um dort etwas zu essen und meine Strecke zu überprüfen. Ich war zufrieden, dass mich niemand gesehen hatte. Als mich meine Schritte näher zur U-Bahn in Spandau brachten, begann ich mich zu entspannen – In meinem Kopf liefen die Bilder immer und immer wieder ab. Weniger als zwei Wochen zuvor überquerte ich den Kontrollpunkt „Checkpoint Charlie“ und war durch den Diplomatenübergang in der Friedrichstrasse zurückgekehrt. Gerade hatte ich erneut eine der schwerstbewachten Grenzen in Begleitung von bewaffneten Soldaten passiert. Ich aß meine kalten Pommes Frites auf und versprach mir, dass ich damit aufhören werde, mir einzureden, dass diese Dinge zu unglaublich sind, um wahr zu sein. Vielleicht ist ja das Spionagegeschäft letztendlich doch gar nicht so schlimm. Ich blieb während der ganzen langen U-Bahnfahrt stehen, um wach zu bleiben. Noch nicht einmal zwölf Stunden waren vergangen, aber sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor.
(Ende Kap. 12)

Zur Veranschaulichung des Eiskellers als Ort für die "Weltenwanderungen" von Jens hier eine Karte und ein Luftbild mit eingeblendetem Grenzverlauf.





Am Gassentor Niederneuendorfer Weg musste er sich im UAZ unter der Plane verstecken, weil selbst die Posten der HA I/KGT/AEA/Einsatzkompanie, die den Schleusungsabschnitt übernommen hatten, die zu schleusende Person nicht zu Gesicht bekommen durften. Schwer verständlich, denn als er mit dem Rad durch den Eiskeller fuhr, konnten sie ihn von ihren Postenpunkten aus gut beobachten. Auch das beschriebene, von Jens und den Schleusern von der HV A/AG Grenze zu Fuß durchquerte spärlich bewachsene und von Westberlin aus gut einsehbare Gelände südöstlich des Kienhorstes ist im Luftbild gut zu erkennen.

Gruß Kalubke



SCORN, Kimble, vs1400, exgakl, IM Kressin und Gert haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 28.07.2016 13:43 | nach oben springen

#196

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2016 22:17
von icke46 | 2.593 Beiträge

Danke @Kalubke für die Übersetzung, es ist sehr interessant zu lesen.

Mir ist nur ein kleiner Fehler hinsichtlich des Umtauschs aufgefallen. Soweit ich mich erinnere, war der Umtausch 25 DM plus 5 DM Visagebühren. Ergo kann KID eigentlich nur 25 Ostmark erhalten haben.

Wie gesagt, eine Kleinigkeit, aber man stolpert halt darüber, wenn man dieses Prozedere häufig mitgemacht hat.

Gruss

icke



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#197

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2016 22:56
von eisenringtheo | 9.170 Beiträge

Es ist eben auch schon lange her. Soweit ich mich erinnern kann, erledigte der Passkontrolleur direkt nach der Passkontrolle zusammen mit dem Bezug der Visumgebühr den Mindestumtausch. Man zahlte dreissig DM Mark und bekam 25 Mark der DDR, fünf Mark kostete das Visum als Anlage zum Pass auf separatem Papier, links unten die Gebührenmarke, links oben der Datumstemoel und handschriiftlich die Passnummer, auf der Rückseite war eine Karte der Berliner S-Bahn mit den Bahnhöfen, die auf Ostberliner Stadgebiet lagen und gestrichelt die Stadtgrenze zu den Bezirken Frankfurt und Potsdam.
Theo


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#198

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2016 22:58
von Kalubke | 2.294 Beiträge

Habe bei der Übersetzung versucht mich eng ans Original zu halten:

A female Border Guard waved me over to excange my thirty West German Marks for East German Marks.

Eigentlich lässt Jens offen, wieviel er genau für seine 30 Westmark bekommen hat.

Gruß Kalubke



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#199

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2016 10:38
von passport | 2.632 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #198
Habe bei der Übersetzung versucht mich eng ans Original zu halten:

A female Border Guard waved me over to excange my thirty West German Marks for East German Marks.

Eigentlich lässt Jens offen, wieviel er genau für seine 30 Westmark bekommen hat.

Gruß Kalubke



Theo hat Recht. Ein Tagesvisum kostete DM 5,- plus DM 25,- Pflichtumtausch pro Tag.


passport


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#200

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2016 11:30
von eisenringtheo | 9.170 Beiträge

I^nteressant wäre eigentlich, was die NSA in Jens Buch hat schwärzen lassen...

http://www.bbc.com/news/magazine-23978501
Theo


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