#121

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 08.12.2015 23:45
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #119
bei einigen Sachen brauchte man kein Arbeitsbuch, da konnte man sich mit den Personen nach 1989 noch ausgiebig unterhalten.

Wir sind uns einig, dass da richtiger Stallgeruch vorausgesetzt wurde. Und ob Du alles erfuhrst - steht in den Sternen.

Zitat von Alfred im Beitrag #119
Ich habe beide Varianten genutzt, ausgiebige Gespräche und die Archive.

Ja, ok.

@Fritze
Muss das sein?


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#122

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 08.12.2015 23:46
von passport | 2.626 Beiträge

Zitat von Mart im Beitrag #117
Zitat von Harzwanderer im Beitrag #115
Ein paar olle Ost-Akten. Egal. Das ist doch alles heute kein Drama mehr.

Sag' das mal nicht. Die meisten haben ihr mehr oder minder vollständiges Wissen aus der Sekundärliteratur. Und dort sind die wirklich wichtigen Veröffentlichungen schon einiges her, Hertle wurde beispielhaft genannt.

Ich habe einen Forschungsantrag bei BStU, der läuft seit Jahren. Ich hatte so einige Akten (im Original) in der Hand, die wurden zuvor nie angefordert. Von niemandem. Dabei hätte im Grunde jeder das tun können. Insoweit finde ich es auch etwas ärgerlich, wenn jemand vorhin mir erklärt was ich wann zu veröffentlichen habe; das ist schon ein starkes Stück. Das kann er alles selbst tun.

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #115
Nach der Wende haben einfach viele Genossen aus der zweiten, dritten und weiteren Reihe versucht, als selbst definierter Maueröffnungsheld Kasse zu machen.

Sagen wir mal so: Aus dem, was einige aus dem MfS öffentlich sagten, ergibt sich noch kein rundes Bild. Und es war wirklich nicht allein die Bornholmer und vielleicht noch Chauseestraße und Friedrichstraße/S. Einigermaßen bekannt ist ja noch, dass es extrem frühe Übertritte Marienborn/S gab. Fast unbekannt ist aber, dass es das (extrem früh) auch GÜSt Waltersdorfer Chaussee stattfand.

Für ein "wir hatten keine Befehle, wir wichen dem Druck" spricht das nicht gerade. Vielleicht sagt auch @passport etwas dazu.




Es gab für den 09./10.11.1989 keinerlei Befehle, Dienstanweisungen oder Richtlinien für eine Grenzöffnung. Es gab an den Güsten Null Information über diese Aktion. Der PKE-Leiter hatte im Fernsehen die Pressekonferenz mit Schabowski verfolgt. Dem Leiter war klar was jetzt auf die Güst (Mbn./A.) zukam. Osl. K. fuhr sofort auf die Güst und übernahm die Leitung. Wie er uns 1991 in einer persönlichen Runde erzählte gab es auch in der Nacht zum 10.11.89 keine Info von der HA VI. Die PKE-Leiter besprachen die entstandene Situation und die weitere Abhandlung durch Telefonate auf der internen Leitung, ob nur auf Bezirksebene oder Westgrenze allgemein ist mir aber nicht bekannt. Erst am 13.11.1989 kam ein FS aus der HA VI zum Problem der Grenzöffnung.


passport


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#123

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 08.12.2015 23:52
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Mart im Beitrag #121
Zitat von Alfred im Beitrag #119
bei einigen Sachen brauchte man kein Arbeitsbuch, da konnte man sich mit den Personen nach 1989 noch ausgiebig unterhalten.

Wir sind uns einig, dass da richtiger Stallgeruch vorausgesetzt wurde. Und ob Du alles erfuhrst - steht in den Sternen.

Zitat von Alfred im Beitrag #119
Ich habe beide Varianten genutzt, ausgiebige Gespräche und die Archive.

Ja, ok.

@Fritze
Muss das sein?




Wenn man Personen um die 50 Jahre kennt , dann war da schon einiges möglich.


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#124

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.12.2015 09:36
von Kalubke | 2.290 Beiträge

Also bleiben die wahren Intentionen von Egon, die ihn dazu veranlasst haben, die Reiseregelung voreilig verkünden zu lassen, wiedermal im Dunkeln. Bleibt zu hoffen, dass er sich dazu mal klar äußert, bevor er die Reise zu seinen Vorfahren antritt. Das ist er, wie ich finde, als ehemaliger Oberindianer seinen ostelbischen Landsleuten schuldig.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 10.12.2015 09:38 | nach oben springen

#125

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.12.2015 10:37
von Stringer49 | 700 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #124
Also bleiben die wahren Intentionen von Egon, die ihn dazu veranlasst haben, die Reiseregelung voreilig verkünden zu lassen, wiedermal im Dunkeln. Bleibt zu hoffen, dass er sich dazu mal klar äußert, bevor er die Reise zu seinen Vorfahren antritt. Das ist er, wie ich finde, als ehemaliger Oberindianer seinen ostelbischen Landsleuten schuldig.

Gruß Kalubke

Guten Tag,

die anregende Diskussion hier hat mich motiviert noch ein wenig zu suchen. Dabei bin ich auf dies gestossen
http://www.stasi-mediathek.de/medien/ste...esetz/blatt/41/.

Stringer49


Wenn das Wort das Mittel gegen die Stille und das Getöse ist, so ist die Flut der Wörter im Stakkato seine dialektische Umkehrung.


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#126

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.12.2015 04:10
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #124
Also bleiben die wahren Intentionen von Egon, die ihn dazu veranlasst haben, die Reiseregelung voreilig verkünden zu lassen, wiedermal im Dunkeln.

Ich halte die Vokabel "voreilig" für wertend.

Herr Schabowski lebte mit dem Vorwurf, "versehentlich" die Grenze geöffnet zu haben. Dabei ist bei genauerer Betrachtung dieser Vorwurf an ihn falsch.

Und mit "voreilig" bei Herrn Krenz ist das vielleicht ähnlich: Wir wissen derzeit nicht, ob da nicht mit der sowjetischen Seite etwas gefädelt war.

Man muss sich als Deutscher als erstes klar machen, dass Deutschland nicht so unendlich wichtig ist - und die DDR war noch weniger wichtig. Die DDR war eine Figur auf dem weltweiten Schachbrett. Der UdSSR ging es wirtschaftlich alles andere als gut. Das Weltreich war überdehnt.


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#127

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.12.2015 06:57
von Lutze | 8.027 Beiträge

Die Sowjets konnten sich aufregen wie sie wollten,das Verhältnis
DDR und die Gorbatschow-Politik war sowieso ganz schön angekratzt,
und der Spruch "Wer zu spät kommt........." scheint der DDR-Regierung
wohl doch auf den Magen geschlagen sein,so nach dem Motto-
wir machen die Grenzen auf,und den Sowjets erzählen wir es etwas später
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
zuletzt bearbeitet 11.12.2015 06:59 | nach oben springen

#128

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.12.2015 07:17
von marc | 561 Beiträge

@Lutze

Egon wollte doch der deutsche Gorbatschow sein, da wäre ein Handeln gegen ihn irgendwie unlogisch.

Allerding hatte der echte Gorbatschow den Bruderländern "Handlungsfreiheit" gegeben. Er rief 1985, nach dem Tod von Tschernenkow, die Sinatra-Doktrin aus.

Der Alliierten Status in Berlin wäre mit einer unkontrollierten Grenzöffnung dort jedoch gefährdet gewesen, und dies hat die SU und den Frieden in Mitteleuropa direkt betroffen. Deshalb denke ich, dass die Sowjets vorher mit im Boot waren.



zuletzt bearbeitet 11.12.2015 07:27 | nach oben springen

#129

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.12.2015 10:04
von Kalubke | 2.290 Beiträge

Zitat von Mart im Beitrag #126

[...]
Wir wissen derzeit nicht, ob da nicht mit der sowjetischen Seite etwas gefädelt war.
[...]



Meinste die Agentengruppe des operativen KGB-Vorgangs "ЛУЧ" ("Lutsch"), geführt durch den KGB-Oberstleutnant "Wolodja" alias Wladimir Putin aus der KGB-Residentur Dresden Angelikastraße, hatte da ihre Finger im Spiel?

Dann müsste man sich mal genauer mit den Rollen von Stoph und Jarowinski in diesem Geschehen befassen.Weitere Leute aus dem ZK die für "Lutsch" arbeiteten war z.B. Manfred Uschner (Referent des für Außenpolitik zuständigen PB-Mitgliedes Hermann Axen). Er wurde im Mai 1988 zu einem Treffen nach Moskau beordert und kam dort mit PB-Mitglied und Gewerkschaftschef Genadi Janajew und dem KGB-Chef Westeuropa Valentin Koptelzew (späterer Anführer der Anti-Gorbatschow-Verschwörung) zusammen. Thema: Politische Lage in der DDR.

Bekannt ist auch ein von Putin am 18.06.1987 organisiertes Treffen seines Vorgesetzten W. Krjutschkow (Leiter I. HV (Auslandsspionage) des KGB, Mitinitiator des Augustputsches von 1991) auf dem "Weissen Hirsch" mit Manfred v. Ardenne. Thema: Informationen über Krenz und weitere potentielle Honecker-Nachfolger.

siehe Операция «Луч»
Titelzeile:
Dem Regierungschef der Deutschen Demokratischen Republik Erich Honecker dürfte kaum bekannt sein, dass er sein Leben dem KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow verdankt. 1985 stoppte der Generalsekretär eine spezifische Operation des KGB mit dem Ziel, das Oberhaupt der DDR zu beseitigen.

Unter Umständen besitzt die Redewendung "Der Drops ist gelutscht." eine tiefere zeitgeschichtliche Bedeutung, die bisher völlig verkannt wurde.



Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 12.12.2015 13:33 | nach oben springen

#130

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 13.12.2015 11:19
von Hanum83 | 4.662 Beiträge

Ob nun versehentlich oder voreilig, unterm Strich hat das eventuelle Versehen ja mit dazu beigetragen das man den Deckel auf die schönste relativ schnell draufmachen konnte.
Also doch am Ende positiv, jedenfalls für diejenigen die keine große Lust auf irgendwelches langes experimentelles Herumgedoktore an der totgeweihten hatten, quasi einfach Tatsachenentscheidung, Zaun auf und fertig.


Ein Jahr lang 10 Kilometer der innerdeutschen Grenze 1983/84 mitbewacht.
(Zusatz-Info auf Wunsch eines einzelnen Users: War dabei auch Postenführer.)
zuletzt bearbeitet 13.12.2015 11:43 | nach oben springen

#131

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 13.12.2015 15:24
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von andy im Beitrag #1
... und das auch noch 10 Tage vor dem Rest der Welt.

Vielleicht komme ich ja aus dem Mustopf, aber für mich war das neu: In einem Geheimtreffen zwischen Momper und Schabowski vom 29.10.89 kündigte letzterer die neue Reiseregelung bereits an, sagte aber noch nicht, wann sie in Kraft treten wird.

Das hat Momper heute in einem Interview auf dem Potsdamer Stadtfernsehkanal gesagt.
Im Netz habe ich erst mal nur das hier gefunden:

http://www.welt.de/politik/article395759...er-alle-an.html
http://www.wz-newsline.de/home/politik/s...salon-1.1777416
http://www.deutschlandfunk.de/grenzoeffn...ticle_id=302385

Weis von Euch jemand näheres dazu?


andy


Das bereits Ende Oktober umfassende Änderungen im Reisegesetz geplant waren, ist doch nichts neues. Allerdings beinhalteten diese Änderungen eben nicht, dass die Kontrollen an den DDR-Grenzen praktisch eingestellt werden und jeder so oft in den Westen darf wie er " lustig" war. Dieses ursprünglich geplante Reisegesetz hätte zu einem Mehr an Reisenden geführt. Trotzdem hätten diese Reisen erst bei der VP, wie gehabt, beantragt werden müssen. Theoretisch und sicher auch praktisch wäre es erneut zu Ablehnungen gekommen. Wenn auch nicht mehr in solchem Umfang wie einst.
Wenn Momper tatsächlich bereits zehn Tage vor der Maueröffnung vorab von dem Ereignis gewusst hätte, müsste wohl die Geschichte der Wende umgeschrieben werden. Außerdem würde dieser Umstand bedeuten, dass Oberst Gerhard Lauter, der wohl zu Recht für sich in Anspruch nimmt die entscheidende Passage auf eigene Verantwortung ins neue Reisegesetz hineinformuliert zu haben, damit der Lüge überführt wäre. Was ich aber nicht glaube.
Vielmehr glaube ich, dass Momper von zehntausend oder von mir auch mehreren Hunderttausend Besuchern aus der DDR ausging. Das es am Ende mehrere Millionen sein werden, ahnte weder Momper noch sonst jemand.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 13.12.2015 15:25 | nach oben springen

#132

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 13.12.2015 20:35
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

In West-Berlin waren längst viele der DDR-Sommerflüchtlinge aus Prag und Ungarn gelandet. Wenn einer im Westen ständig den Osten vor Augen und eine Ahnung von der Lage hatte, war es der Regierende Bürgermeister von Berlin (West). Die haben sich auch im ganz großen Stil auf Flüchtlinge vorbereitet, weil sie wussten, wie eine Maueröffnung endet.
Das Messegelände am Funkturm wurde zur Notunterkunft. Das war wie Katastrophenalarm, sonst hätte man diese Mengen nicht mehr bewältigt und man hat sie bewältigt.


zuletzt bearbeitet 13.12.2015 20:43 | nach oben springen

#133

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 13.12.2015 22:55
von Hanum83 | 4.662 Beiträge

Was ich mich schon immer gefragt habe, Krenz und Schabowski wussten doch das der Drops für sie eigentlich gelutscht war, konnte dieses Versehen nicht auch von denen geplant gewesen sein um irgendwelche Zwischenfälle an dem Abend zu provozieren, also um dann eine Handhabe zu haben um ohne Gesichtsverlußt die "Ordnung" wieder herzustellen?
Waren doch beide vorher lupenreine Hardliner.


Ein Jahr lang 10 Kilometer der innerdeutschen Grenze 1983/84 mitbewacht.
(Zusatz-Info auf Wunsch eines einzelnen Users: War dabei auch Postenführer.)
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#134

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 13.12.2015 23:10
von Pitti53 | 8.785 Beiträge

Zitat von Hanum83 im Beitrag #133
Was ich mich schon immer gefragt habe, Krenz und Schabowski wussten doch das der Drops für sie eigentlich gelutscht war, konnte dieses Versehen nicht auch von denen geplant gewesen sein um irgendwelche Zwischenfälle an dem Abend zu provozieren, also um dann eine Handhabe zu haben um ohne Gesichtsverlußt die "Ordnung" wieder herzustellen?
Waren doch beide vorher lupenreine Hardliner.


Gab es denn Zwischenfälle? Nein!

Alles lief überraschend gut ab. Also was soll die Frage? oder Spekulation?


Fritze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#135

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 14.12.2015 00:06
von Kalubke | 2.290 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #129


siehe Операция «Луч»
Titelzeile:
Dem Regierungschef der Deutschen Demokratischen Republik Erich Honecker dürfte kaum bekannt sein, dass er sein Leben dem KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow verdankt. 1985 stoppte der Generalsekretär eine spezifische Operation des KGB mit dem Ziel, das Oberhaupt der DDR zu beseitigen.

Gruß Kalubke



Der Inhalt dieses Artikels ist m.E. ziemlich bemerkenswert, weil zumindest ich von diesen Vorgängen bisher noch nie etwas gehört hatte. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, ihn zu übersetzen:


Operation "Lutsch": wie der KGB plante, den Staatschef der DDR zu beseitigen

02-06-2010 08.28

Eine Tatsache, die kaum bekannt ist, der Partei- und Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik Erich Honecker verdankt sein Leben dem KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow. 1985 stoppt er eine Spezialoperation des KGB, den Staats- und Parteichef der DDR zu beseitigen.

Es ist kaum bekannt, dass das Staatsoberhaupt von Ost-Deutschland Erich Honecker sein Leben dem KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow verdankt. Wäre die Operation „Lutsch“ des Gorbatschowvorgängers Konstantin Tschernenko weiter gelaufen, hätte Honecker ein Attentat erwartet. Er stand im Verdacht mit den Amerikanern zu liebäugeln und seine Bemühungen um den Beginn einer Politik der Annäherung in Deutschland, war mit Verrat gleichzusetzen – so glaubte man zumindest in der Sowjetunion.

Der Auftrag war bereits erteilt und die Mörder warteten nur auf eine Gelegenheit um Honecker zu beseitigen. Aber in Moskau kam Gorbatschow ins Amt, und unsere ganze neuere Geschichte veränderte sich nicht nur, sondern auch das Leben einiger der osteuropäischen Staatschefs wurde gerettet, darunter auch das des DDR-Staatsführers. Der Korrespondent von "Unsere Version" hat einige Details der Operation, genannt "Lutsch" in Erfahrung gebracht.

Der Abbruch der KGB-Operation "Lutsch" zu Beginn der "Gorbatschow Ära veränderte plötzlich nicht nur die Arbeitsweise der Geheimdienste, sondern die gesamte Sicherheitspolitik. Als Nachkommen können wir nun versuchen, das für selbstverständlich Gehaltene schätzen zu lernen: 1984 konnte die sowjetische Führung noch politische Führer von "befreundeten" Mächten beseitigen und nicht nur von befreundeten, jedoch nur wenige Jahre später war sie selbst nicht mehr existiert.

Im Februar 1985 lud der Staats- und Regierungschef von Ost-Deutschland Erich Honecker amerikanische und britische Piloten, die vor 40 Jahren Dresden bombardierten, zur offiziellen Wiedereröffnung der Semperoper ein, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Diese Freiheit nahm sich damals Honecker selbst ohne Billigung des Kreml heraus, was als unerhört empfunden wurde.
Die KGB- Führung sah in der Geste Honeckers den unerwünschten Ton der Versöhnung und eine Aufwertung des politischen Status der anglo-amerikanischen Alliierten. Der KGB hatte auf dem Theaterplatz in Dresden Agenten mit Mikrofonen platziert und die Ansprache Honecker wurde direkt in den Kreml übertragen. Im Allgemeinen konnte die DDR den Normalsterblichen einige Freiheiten gewähren, die in der Sowjetunion unbekannt waren, zum Beispiel ein Mehrparteiensystem, alternative Kunst und relative Reisefreiheit.

Dennoch wurde der Besuch der Amerikaner und Briten in Dresden in Moskau äußerst schmerzhaft wahrgenommen. Die Situation verschlechterte sich weiter, als der KGB Informationen darüber erhielt, dass Honecker eine Reihe von Treffen mit den Führern der USA und einigen europäischen Ländern vorbereitet, auf denen die Aussichten eines möglichen Rückzuges der DDR aus dem Warschauer Pakt diskutiert wurden. Moskau fand noch weitere unangenehme Dinge heraus und es wurde vereinbart, auf die körperliche Beseitigung Honeckers hinzuarbeiten - als klar wurde, dass diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten war. Die Gefahr wurde konkret, dass Honecker dem Beispiel von Führungspersönlichkeiten anderer Ostblockländer folgen könnte.

Einige glauben, dass es nur die DDR war, die einen Auslandsgeheimdienst "mit dem Ruf eines Markus Wolf" führte - In Moskau, wurde jedoch eine subversive Gruppe gebildet, zu deren Aufgaben die Tötung von Honecker, die Diskreditierung von Horst Böhm und weiteren wichtige Spitzenpolitikern der DDR und die Förderung von "ihren" Nachfolgern gehörte.

Es wurde der Befehl erlassen, die Beseitigung von Honecker vorzubereiten. In diesem Fall unterschätzte der KGB jedoch die Professionalität der ostdeutschen Stasi-Kollegen. Der Leiter der BVfS Dresden Generalmajor Horst Böhm, ein treuer Freund von Honecker, bemerkte plötzlich Veränderungen in der personellen Besetzung der KGB-Agentur, und erfuhr dadurch, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging. Böhm verbot persönlich seinen Mitarbeitern den Zutritt in das Gebäude der KGB-Residentur, wo sonst die Stasi immer ungehinderten Zugang hatte. Dann wurden plötzlich zwei KGB-Offiziere, ohne weitere Erklärung, des Landes verwiesen - ein beispielloser Schritt in den Beziehungen beider Länder. Jedoch waren nicht diejenigen darunter, die das Attentat vorbereiteten.
Danach begann die aktive Phase der Operation "Lutsch".

Alle Agenten, die für die Operation "Lutsch" arbeiteten, waren in unterschiedlichem Maße, mit dem Studium der Details des Mordes und der operativen Arbeit befasst - der Sammlung von Informationen über die politische Situation in der DDR - um in der Lage zu sein, unzufriedene Parteifunktionäre, kritische Mitarbeitern der Bezirksverwaltungen der Stasi und Kommunalpolitiker aufzuklären.

Moskau, ließ die Mitglieder der Gruppe in der DDR allein agieren. Die Arbeiten zur Vorbereitung des Mordes wurden in Dresden durchgeführt und fanden somit weit entfernt von der Zentrale statt.

Der KGB in Dresden saß nur 100 Meter von der Bezirksverwaltung der Stasi entfernt. Trotz der Tatsache, dass die Geheimdienstoffiziere miteinander befreundet waren und sich gegenseitig zu einem Stadtbummel bei einem Bier einluden, waren die Kolleginnen und Kollegen, wachsam, beobachten sich gegenseitig mit den neuesten elektronischen Mitteln und taten das sehr gut. Ein Erklärungsversuch, warum unsere Militärbürokraten dies taten (Übersetzung unsicher, aus dem Sinnzusammenhang übersetzt): Den KGB-Offizieren wurde versprochen, dass ihnen nach der erfolgreichen Durchführung der Operation, ein besser bezahlter Job in den KGB-Residenturen in Bonn und Hamburg übertragen werden wird.

In Dresden waren die Mitarbeiter mit einem Gehalt von 1.800 Ostmark (plus einer kleinen zusätzlichen Zahlung in Rubel, die auf ein Bankkonto in Russland überwiesen wurde), sowie die Möglichkeit, im Voentorg der 1. Gardepanzerarmee einzukaufen, wo es auch Bananen gab, und sogar die Möglichkeit in westdeutschen Katalogen blättern. OTTO, Neckermann und Quelle, zirkulierten heimlich unter den KGB-Offizieren. Später verfügte man über Mittel, um eine Prämie zu zahlen - 100 $ in bar, die im Einkaufsladen für Diplomaten in Berlin ausgegeben werden konnten. Und in Westdeutschland wurde etwa dreimal so viel bezahlt. So wird verständlich, womit die außerordentliche Aktivität unserer Offiziere motiviert wurde.

Wie viele KGB-Agenten gab es zu jener Zeit in der Bundesrepublik Deutschland und in Ost-Deutschland? Es ist unwahrscheinlich, dass es mehr als 20 waren… (der Rest war schlecht zu übersetzen). Aber diese Kräfte arbeiteten in leitenden Positionen im BND (Bundesnachrichtendienst) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz in Deutschland. Das unmittelbare Ziel unserer Offiziere war es aber, potenzielle KGB-Agenten unter den Ausländern, die an der Technischen Universität studierten zu gewinnen. Zwei der vier KGB-Agenten in Dresden waren für die Herstellung von Kontakten und die Arbeit mit Informanten verantwortlich. Sie waren als Offiziere der Kriminalpolizei der DDR legendiert, und arbeiteten tatsächlich ausschließlich für die Sowjetunion.

In der Tat, wurde "Lutsch" 1982 initiiert, weil Juri Andropow, der damalige Staatschef (es war nach dem Tod von Breschnew). zunächst die politischen Aktivitäten von Honecker und seinem inneren Zirkel verfolgen wollte. Ein Jahr später wurde "Lutsch" vorübergehend "eingefroren". Im Sommer 1984, als Honecker beschloss, sich von Moskau distanzieren und sich sich die "Entwicklung" der in deutschen Führung wendete, wurde dies in der UdSSR bemerkt und die 3. Hauptverwaltung des KGB angewiesen, verstärkt Informationen zu sammeln und die Anzahl der Agenten zu erhöhen. Unsere Offiziere suchten nicht nur nach Adressen für Agententreffs im Ausland, fertigten Pässe an und erarbeiteten Studien, sondern hatten auch Kontakte zu DDR-Wissenschaftlern. Man glaubte, dass auch in wissenschaftlicher Richtung Honecker einen "Durchbruch" in den Beziehungen mit dem Westen schaffen wollte. Besonderer Wert wurde auf wissenschaftliche Entwicklungen und Ereignisse in Bezug auf Computer und Lasertechnologien gelegt. Alle Informationen wurden für Moskau kopiert und dann vom KGB an sowjetische Wissenschaftlern zur weiteren Auswertung übergeben.

Alles war für den Mord vorbereitet, und es wurde nur auf einen Wink aus Moskau gewartet. Aber zu Beginn des März 1985 verstarb Konstantin Tschernenko, und es wurde beschlossen, die Operation bis zur Ernennung des neuen Staatschefs Michail Gorbatschow zu verschieben. Er wurde am 20. März über die Operation "Lutsch" informiert und aufgefordert, die Entscheidung zu treffen: ob Honecker zu beseitigen ist. Gorbatschow sagte, dass er nicht sofort antworten könne, und erbat sich Bedenkzeit, um sich mit den Mitgliedern des Politbüros zu konsultieren. Am 1. April 1985 lag auf dem Tisch Michail Gorbatschows der abschließende Operationsplan des Mordes an Honecker.

Der Plan sollte wie folgt ablaufen: Bei einem Besuch des DDR-Regierungschefs bei Arbeitern in einem Dresdner Betrieb sind während einer Rede Honeckers bewaffnete Agenten als versteckte Scharfschützen vor Ort-, um ihn sicher liquidieren zu können. Die anschließende Flucht mit Autos und Booten war vorbereitet. Aber Gorbatschow versah den Bericht mit dem Kommentar: "ABSOLUTES NEIN". Gorbatschow hatte sich nicht nur mit dieser ersten Anweisung geweigert, Honecker zu beseitigen, sondern er erließ auch einen Sonderbefehl, welcher der GRU und dem KGB die Durchführung von derartigen Operationen gegen die osteuropäischen Führungen ohne spezielle Sanktionen verbot und verlangte, dass von Mord als operative Arbeitsmethode Abstand genommen wird.

Ruslan Gorev „Unsere Version“

Meine Hypothese in puncto Reiseregelungen: "Lutsch" als konspirativer heißer Draht von Moskau direkt ins SED-Politbüro und als zwischenzeitlicher "Roter Blitz" aus dem kommunistischen Götterhimmel im Kreml, von dem Honecker getroffen werden sollte, weil er politisch aus der Reihe tanzte, wurde auch von Gorbatschow weiter als informeller Kanal genutzt, um in der DDR Einfluss auf die Entwcklungen in der Wendezeit zu nehmen.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 14.12.2015 22:57 | nach oben springen

#136

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 14.12.2015 09:07
von damals wars | 12.113 Beiträge

Es hätte ein kleiner Fingerzeig des Generalsekretärs der KPdSU gereicht, um den Generalseketär der SED in die Wüste zu schicken.
Aber, wozu?
Einen willfärigeren Vasallen, der zu hundert Prozent die führende Rolle der KPdSU anerkannte, und noch dazu alle wirtschaftlichen Forderungen der SU wiederspruchslos erfüllte, hätte Gorbatschow nicht bekommen können.
Und eine Kuh, die Mich gibt und auch noch goldene Eier legt, schlachtet man nicht.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#137

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 14.12.2015 10:42
von berlin3321 | 2.513 Beiträge

Danke Kalupke, sehr interessant.

MfG Berlin


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
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#138

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 14.12.2015 11:58
von marc | 561 Beiträge

Zitat
Der Plan sollte wie folgt ablaufen: Bei einem Besuch des DDR-Regierungschefs bei Arbeitern in einem Dresdner Betrieb sind während einer Rede Honeckers bewaffnete Agenten als versteckte Scharfschützen vor Ort-, um ihn sicher liquidieren zu können. Die anschließende Flucht mit Autos und Booten war vorbereitet.


So ein plumper Plan hätte sowohl in den politischen Auswirkungen als auch in der Durchführung vielleicht in den 60er noch funktioniert (Kennedy-Mord), in den 80er noch dazu in der DDR mit Sicherheit nicht. So blöd war das KGB doch nicht. Wem hätte man das Attentat denn in die Schuhe stecken wollen. Einem Mitglied eines Jäger-Kollektivs, Motiv Einzeltäter?

Es hätte sicher elegantere Lösungen für eine Absetzung Honeckers gegeben.
Denn diese o.g. angeblich geplante Durchführung wäre eine politische Demonstrationshandlung für Ost und West gewesen.
Der "Plan" sieht eher aus, als wäre er einem sensationsheischenden Journalistenhirn entsprungen.

Allerdings stimmt es, dass Tschernenko Honecker einen offiziellen Besuch in der BRD verboten hat und die DDR versucht hat verbesserte Beziehungen politischer und wirtschaftlicher Art mit den USA einschließlich Honeckerbesuch dort zu erreichen.



zuletzt bearbeitet 14.12.2015 12:16 | nach oben springen

#139

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 14.12.2015 12:35
von eisenringtheo | 9.157 Beiträge

Entweder wird jemand an der Spitze des Regimes krank oder "verunfallt" tödlich. Einen "Unfall" konnten kommunistische Geheimdienste in "Freundesland" wohl problemlos bewirken, weshalb sich jeder kommunistische Machthaber nach entsprechenden Hinweisen sofort krankschreiben liess und aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt beantragte..
Selbst Honecker hätte eine Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen einem tödlichen "Unfall" vorgezogen.
Dass es "Unfall"planung gegeben hat, ist aber durchaus plausibel, ein Dienst sollte immer auf alle Eventualitäten vorbereitet sind, auch auf die unwahrscheinlicheren.
Theo


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#140

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 14.12.2015 12:50
von Hanum83 | 4.662 Beiträge

Hatte nicht Werner Lambertz so einen tragischen Heli-Unfall, so wurde jedenfalls damals getuschelt hinter vorgehaltener Hand.
Der Bericht zur geplanten Eleminierung des E.H. liest sich aber fast so als wollte der sich den Imperialisten vor die Füße werfen, auch die Passage das er aus dem Warschauer Vertrag ausscheren wollte, ist doch alles Käse Genossen, oder doch nicht?
Anfang der 80er war doch noch die hergebetete unverbrüchliche Freundschaft zur SU, die kühlte doch erst unter Gorbatschow ab.


Ein Jahr lang 10 Kilometer der innerdeutschen Grenze 1983/84 mitbewacht.
(Zusatz-Info auf Wunsch eines einzelnen Users: War dabei auch Postenführer.)
zuletzt bearbeitet 14.12.2015 12:52 | nach oben springen



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