#221

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 08.01.2016 20:26
von marc | 566 Beiträge

War mein Fehler @Alfred , ich hatte in der Eile deinen Beitrag überscrollt.



zuletzt bearbeitet 08.01.2016 23:15 | nach oben springen

#222

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 09.01.2016 17:54
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #214
Zitat von Mart im Beitrag #212
(...)
Doch. Die Kopie ist ja in meinem privatem Archiv.
(...)


So sieht das besagte Dokument aus:
https://www.bundesarchiv.de/oeffentlichk...0/index.html.de
Die Sperrfrist steht einsam auf der Rückseite von Blatt 10. Die verfrühte Ankündigung? Ob nun ein Versehen oder ein Coup d' État von Krenz und Schabowski?? Ich weiss es nicht.
Der besagte 10. November 1989 ist ein Freitag. Die meisten hätten es am Arbeitsplatz erfahren. Nach Ende der Schicht wäre beim Meldeamt der VP schon Dienstschluss gewesen. Und bis Montag hätten sich die Gemüter wieder beruhigt. Und wegen des hohen Arbeitsanfalls hätte es bis zur Ausstellung des Passes und des Visums gedauert. Und es hätte wahrscheinlich besondere Ausnahmefälle gegeben.
Theo



Wie man im Bundesarchiv darauf kommt, dass die Regelung auch vom Ministerium für Nationale Verteidigung mit ausgearbeitet wurde erschließt sich mir nicht. Ich kann in den Unterlagen dazu nichts finden und auch verschiedensten Zeitzeugen ist dies so nicht bekannt.


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#223

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 09.01.2016 23:05
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #222

Wie man im Bundesarchiv darauf kommt, dass die Regelung auch vom Ministerium für Nationale Verteidigung mit ausgearbeitet wurde erschließt sich mir nicht. Ich kann in den Unterlagen dazu nichts finden und auch verschiedensten Zeitzeugen ist dies so nicht bekannt.

Das hatte ich gar nicht gelesen, danke für den Hinweis. Gleiches gilt für die angebliche Mitarbeit des Justizministeriums.

Bekannt ist lediglich, dass Herr Schalck zeitweise anwesend gewesen sein soll. So richtig belegt ist selbst dies nicht.


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#224

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 10:37
von Kalubke | 2.293 Beiträge

Dazu zitiert E. Krenz in seinem Buch "Herbst '89" aus einem Fernschreiben von Krenz an die 1. Sekretäre der SED Bz-Ltgn. der Grenzbezirke Schwerin, Magdeburg, Erfurt Suhl, Gera und Karl-Marx-Stadt folgendes:

"[...]
Außerdem wurde er [ASG] bevollmächtigt mit der Bundesregierung und dem Senat von Berlin (West) über die Öffnung neuer Grenzübergangsstellen zu verhandeln. Innerhalb kurzer Zeit werden 50 neue Grenzübergangsstellen geschaffen. Das kostet die DDR zwischen 700 und 800 Millionen Mark. Wir beschließen auch das Grenzregime an der gesamten Westgrenze zu verändern. Die Sperrzone wird aufgehoben. Zu den schon bestehenden 20 Grenzübergangsstellen werden 11 neue geschaffen.
[...]"


So richtig mit Zahlen umgehen konnte Krenz damals wahrscheinlich nicht. Ich möchte mal wissen, warum ein Stück neu geteerte Straße und ein paar Container für die GüSt-Bediensteten an so einem eher als provisorisch zu bezeichnenden Grenzübergang, wie z.B. bei dem hier in Friedatal bei Wanfried (Foto 1) 14-16 Millionen Mark kosten sollten. Strom für Beleuchtung und Kommunikationsleiitungen müssten eigentlich im Grenzabschnitt wegen der Lichttrassen sowie der E- und GMN-Anschlüsse an die B-Türme und PoP's schon da gewesen sein. Na ja und ein Wasseranschluss sowie eine Abwassergrube kann doch auch nicht die Welt gekostet haben. Pioniere der GT nebst Gerät für die Bauarbeiten standen auch zur Verfügung. Am Straßenbau hat sich vielerorts auch die BRD-Seite beteiligt, wie das Foto 2 der Errichtung der GüSt Hessen/Mattierzoll zeigt. Zum Vergleich: Der Ausbau der nicht gerade kleinen Autobahn-GüSt Drewitz Ende der 60er hat 60 Millionen gekostet. Außerdem wurden von den 50 neuen GüSt anscheinend 39 in und um Berlin gebaut (u.a. wurden die U-Bahnhöfe Jannowitzbrücke und Rosenthaler Platz geöffnet und als GüSt deklariert), wo die Infrastrukturbedingungen um einiges besser gewesen sein dürften, als an der Westgrenze. Wurde da etwa mal wieder in die Vollen gegriffen und großzügig aufgerundet?



Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 11.01.2016 13:55 | nach oben springen

#225

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 14:16
von Ari@D187 | 1.989 Beiträge

Zitat von Mart im Beitrag #217
Zitat von Kalubke im Beitrag #215
Zitat von eisenringtheo im Beitrag #214
Zitat von Mart im Beitrag #212
(...)
Doch. Die Kopie ist ja in meinem privatem Archiv.
(...)


So sieht das besagte Dokument aus:
https://www.bundesarchiv.de/oeffentlichk...0/index.html.de
Die Sperrfrist steht einsam auf der Rückseite von Blatt 10.

Auf der Rückseite der Pressemitteilung steht ihr Veröffentlichungstermin: 10.11.1989. Die Sperrfrist muss noch etwas anders gewesen sein und war m.E. mit einer Uhrzeitangabe (4:00 Uhr) verknüpft.

Korrekt. Das stand aber eben nicht auf Schabowskis Exemplar.


Was stand denn auf Schabowskis Exemplar, bzw. hast Du dieses vorliegen?

Ari


Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...
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#226

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 18:10
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #225
Zitat von Mart im Beitrag #217

Korrekt. Das stand aber eben nicht auf Schabowskis Exemplar.


Was stand denn auf Schabowskis Exemplar, bzw. hast Du dieses vorliegen?

Ja.

Schau bitte hier: http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/DDRGes...html?nn=1930806


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#227

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 18:20
von Ari@D187 | 1.989 Beiträge

Das ist die Pressemitteilung.

Schabowski hatte zusätzlich die Beschlußvorlage zu Händen. Auf folgender Seite
ist ein Bild der Pressekonferenz zu sehen, auf welchem zu sehen ist, daß er die
Beschlußvorlage vorliegen hatte:
http://www.tvspielfilm.de/kino/filmarchi...ery.html?page=5

Oberstes Blatt: Seite 3 der Vorlage
Zweites Blatt: Seite 1 der Vorlage
Drittes Blatt: Nicht klar zuzuordnen, könnte Seite 2 sein.

Diese Beschlußvorlage ist zum UNESCO Welterbe ernannt worden. Zu der
Beschlußvorlage gehört als Anhang auch die Pressemitteilung, welche im
Wortlaut identisch mit dem Punkt 2 der Beschlußvorlage ist.

Ari


Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...
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#228

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 18:51
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #227
Das ist die Pressemitteilung.

Ja. Genau die hatte Herr Schabowski. Nun glaub' schon Forschern, die sich ernsthaft damit auseinandersetzten.

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #227
Schabowski hatte zusätzlich die Beschlußvorlage zu Händen. Auf folgender Seite
ist ein Bild der Pressekonferenz zu sehen, auf welchem zu sehen ist, daß er die
Beschlußvorlage vorliegen hatte:
http://www.tvspielfilm.de/kino/filmarchi...ery.html?page=5

Oberstes Blatt: Seite 3 der Vorlage
Zweites Blatt: Seite 1 der Vorlage
Drittes Blatt: Nicht klar zuzuordnen, könnte Seite 2 sein.

Willst Du mich veräppeln? Das ist jetzt nicht wahr, oder? Hältst Du mich für bekloppt? Du zeigst einen Spielfilm mit Jan-Josef Liefers als Journalisten und mit einem Schauspieler, der Blätter in der Hand hat - und das ist Dein Beweis? Mach' Dich nicht lächerlich.

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #227
Diese Beschlußvorlage ist zum UNESCO Welterbe ernannt worden. Zu der
Beschlußvorlage gehört als Anhang auch die Pressemitteilung, welche im
Wortlaut identisch mit dem Punkt 2 der Beschlußvorlage ist.

Nochmal, ganz langsam:
Was da zum Schriftgut-Welterbe erklärt wurde, das ist das Original der Bearbeitung durch die vier Obristen. Mit deren Änderungen. Das ist die Abbildung des BStU. Und dieses Exemplar hatte Herr Schabowski mit Sicherheit nicht zur Pressekonferenz mit.


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#229

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 18:58
von Lutze | 8.033 Beiträge

Den richtigen Schmierzettel kann man auch unter Google aufstöbern
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#230

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 19:57
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #229
Den richtigen Schmierzettel kann man auch unter Google aufstöbern

Der Sprechzettel Schabowskis ist nun noch etwas anderes. Da hat er sich vor der Pressekonferenz handschriftliche Notizen gemacht. Dieser Zettel war jahrelang verschwunden und ist im letzten Jahr im Original wieder aufgetaucht.


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#231

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 20:13
von Ari@D187 | 1.989 Beiträge

Zitat von Mart im Beitrag #228
[...]Willst Du mich veräppeln? Das ist jetzt nicht wahr, oder? Hältst Du mich für bekloppt? Du zeigst einen Spielfilm mit Jan-Josef Liefers als Journalisten und mit einem Schauspieler, der Blätter in der Hand hat - und das ist Dein Beweis? Mach' Dich nicht lächerlich.

Sorry, ich halte Dich nicht für bekloppt und wollte Dich auch
nicht veräppeln, sondern ich habe nicht mehr alle Latten am
Zaun! Du hast natürlich recht! Miserable Recherche
meinerseits.

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #227
[...]Nochmal, ganz langsam:
Was da zum Schriftgut-Welterbe erklärt wurde, das ist das Original der Bearbeitung durch die vier Obristen. Mit deren Änderungen. Das ist die Abbildung des BStU. Und dieses Exemplar hatte Herr Schabowski mit Sicherheit nicht zur Pressekonferenz mit.


Auch da hast Du wohl recht. Laut Aussage von Krenz hatte Schabowski
jedoch neben der Pressemitteilung zumindest auch das Original-Exemplar
des Beschlusses von Krenz zugesteckt bekommen, welches Krenz zuvor
vor dem ZK vorgetragen hatte:

https://youtu.be/ZtCn5QudeJk?t=10m5s

Gruß
Ari


Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...
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#232

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 23:11
von sieben-seen | 142 Beiträge

Zitat aus Gerhard Lauter, Chefermittler, Der oberste Fahnder der K in der DDR berichtet.

...Ich schlug stattdessen vor, das Reisegesetz, wie immer das verfassungsrechtlich auch gehen möge, insgesamt vorzeitig in Kraft zu setzen. Wir einigten uns schnell, drei Dokumente zu erstellen: eine politische Entscheidungsvorlage für die SED-Führung, einen Entwurf für eine Rechtsverordnung des Ministerrates, um überhaupt zu einer gewissen Rechtsgrundlage zu kommen, und eine Presseerklärung für ADN, die amtliche Nachrichtenagentur, versehen mit einer Sperrfrist zum 10. November, 4.00 Uhr.

So gäbe es einen knappen Tag Vorbereitungszeit für Grenztruppen, meine Dienststellen, den Zoll und das Verkehrswesen wegen des zu erwartenden Andrangs auf Züge oder auf Autobahnen. An die Vier Mächte dachten wir nicht.

Die hatten, was uns erst später bewusst wurde, in Berlin noch das Sagen. Und berührte die Grenzfrage nicht auch das Bündnis? Die Staatsgrenze West, die damit faktisch obsolet werden würde, war immerhin die Westgrenze des Warschauer Paktes und die Ostgrenze der NATO. Die Grenzmaßnahmen am 13. August 1961 erfolgten schließlich auch auf Weisung des Bündnisses, insbesondere durch deren Führungsmacht in Moskau. Kein Gedanke daran.

Die Dokumente ließ ich mit Hilfe meiner leitenden Mitarbeiter ausfertigen, mein Kraftfahrer – Pfeiffer mit drei F – brachte den gesiegelten Umschlag mit nur je einem Original ins Große Haus und übergab sie Friedrich Dickel. Am frühen Nachmittag rief mich der Minister an: »Deine Sache ist so beschlossen. Ende.«

Am späteren Nachmittag liegt das Fernschreiben an die Dienststellen mit den Durchführungsregelungen versandfertig bereit, Lauter wartet auf die Freigabe. Dem Ministerrat hat Lauter vorgeschlagen, den Beschluss über die Reiseregelung mit einer Sperrfrist »vier Uhr morgens« zu versehen, dann hätten die DDR-Bürger frühmorgens beim Frühstück durch das Radio von den neuen Reisemöglichkeiten erfahren und zu den Meldestellen gehen können. So weit der Plan.

17.45 Uhr, Berlin, im Gebäude des Zentralkomitees

Schabowski war bei der Beratung des Beschlusses zur ständigen Ausreise nicht im Plenum des Zentralkomitees, er ist damit beschäftigt, außerhalb des Sitzungssaals mit Journalisten über den Verlauf der ZK-Tagung zu diskutieren und ihnen Kontakte zu gewünschten Gesprächspartnern zu machen.

Bevor er zur täglichen Konferenz ins Internationale Pressezentrum aufbricht, drückt ihm Krenz während der laufenden Debatte im ZK-Plenum sein Exemplar des Ministerratsbeschlusses in die Hand, handschriftlich sind zwei Formulierungen verändert. Er solle den Beschluss auf der Pressekonferenz verkünden.

Mit einer Handbewegung macht Krenz vier Fehler:

Die Einspruchsfrist gegen den Beschluss ist noch nicht abgelaufen, nicht alle der 44 Minister haben schon zugestimmt.

Zum zweiten war auf seinen Vorschlag hin im ZK festgelegt worden, dass der Regierungssprecher die Regelung verkündet, es ist ja ein Ministerratsbeschluss.

Zum dritten, und das ist der folgenreichste Fehler: Am Ende des Beschlusses, auf Seite zwei, steht, er solle am 10. November bekanntgemacht werden, damit alle Dienststellen, besonders die Grenzübergangsstellen, informiert werden können. Vorhin hat Krenz diesen Punkt im Plenum vorgelesen, nun hat er ihn offenbar vergessen und schickt Schabowski ins Verderben.

Viertens: Er drückt das Papier einem Mann in die Hand, der noch auf dem Informationsstand vom 7. November ist – bei den beiden Beratungen seither, im Politbüro und im Plenum, war er nicht anwesend.
...



Gruß Andreas


damals wars, Kalubke und eisenringtheo haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#233

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 10.01.2016 23:26
von sieben-seen | 142 Beiträge

Auch interessant. Aus Gerhard Lauter, Chefermittler, Der oberste Fahnder der K in der DDR.

...Die Aktuelle Kamera im DDR-Fernsehen verkündet um 19.30 Uhr: »… können Privatreisen nach dem Ausland ohne besondere Anlässe beantragt werden«. Um 19.41 Uhr meldet dpa nun: »Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach Westberlin ist offen.« Um 20 Uhr beginnt die Tagesschau daraufhin mit der Schlagzeile »DDR öffnet Grenze«. Der Reporter, der über die Pressekonferenz berichtet, kommentiert in seinem Beitrag: »Also auch die Mauer soll über Nacht durchlässig werden.«

Der Tagesschau liegt inzwischen auch eine ADN-Meldung vor. ADN, die staatliche Presseagentur, hatte die Pressemitteilung des Innenministeriums auf dem Schreibtisch, allerdings mit Sperrfrist vier Uhr, 10. November. Günter Pötschke, Generaldirektor, entschied in Absprache mit dem Regierungssprecher Meyer, sich nach Schabowskis Pressekonferenz nicht mehr daran zu halten. Meyer: »Der muss total verrückt sein.« Pötschke: »Was machen wir denn nun?«

Pötschke ist Mitglied im Zentralkomitee, er war dabei, als Krenz den Zettel an Schabowski gab. Im April 2009 überraschte der Italiener Riccardo Ehrman, jener Journalist, der während der Pressekonferenz Schabowski die erste Frage stellte, mit der Nachricht, er sei von Pötschke gebeten worden, die Frage nach der Reiseregelung zu stellen. Wenn das stimmt, dann traute Pötschke seinem Medienchef Schabowski möglicherweise zu, die Verkündung der Reiseregelung zu vergessen. Schabowski hatte sich jedoch auf seinem Spickzettel für die Pressekonferenz weiter unten notiert: »Text Reiseregelung«.

4.00 Uhr, Berlin, Innenministerium, Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Auf Radio DDR I muss Lauter das Schweigen der DDR-Führung übernehmen. In einem Interview erklärt er denen, die jetzt noch oder wieder wach sind, wie das eigentlich gedacht war mit der Reiseregelung. Um diese Uhrzeit sollte die Sperrfrist ablaufen, jetzt sollte die neue Reiseregelung bekanntgegeben werden. Lauter versucht, die DDR-Bürger in die Meldeämter zu schicken, einen Pass beantragen, ein Visum beantragen, aber seinen Worten ist anzuhören, dass er nicht so recht daran glauben mag.

Später am Morgen setzt sich Lauter auch noch ins Studio des DDR-Fernsehens, mit tiefschwarzen Augenringen, zerwühlten Haaren und nervösem Blick übernimmt er, in das freundliche Chaos wieder die Ordnung der Reiseregelung zu bringen. Er könnte zum Symbolbild des Neuanfangs werden, aber er sitzt da als letzter Mann eines zerfallenen Regimes.
...

Gruß Andreas


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#234

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 04:10
von Mart | 734 Beiträge

@sieben-seen
Andreas, Zeitzeugen sind immer problematisch. In der seriösen Forschung legt man alle Akten und Zeitzeugen nebeneinander und schaut: Wo gibt es Übereinstimmungen? Man schaut auch, wer wann veröffentlichte. Denn da kann der eine vom anderen abgeschrieben haben. Herr Lauter veröffentlichte beispielsweise recht spät, er kannte die Aussagen der anderen Zeitzeugen und die bisherige Forschung. - Und wenn nur ein Zeitzeuge etwas sagt, ist die Aussage zwar interessant, aber im Grunde wertlos.

Lauter schildert den Ablauf stringent. Allerdings schildert er auch Abläufe, die er selbst nicht erlebt haben kann. Ich halte für kaum denkbar, dass er die mögliche (!) Pötschke-Meyer-Sache erlebte. Eher scheint mir, dass er da eine Mauerfall-Zeitleiste aus dem Internet sowie spätere Berichterstattung nutzte. Zudem ist in der Pötschke-Meyer-Sache ein extremer Widerspruch: Wusste Pötschke nun davon oder nicht? Leider war er verstorben als Ehrmann mit diesem Hinweis um die Ecke kam.

Riccardo Ehrmann ist ein ganz spezieller Fall. Nach der Sache war er viele Jahre verschwunden. Ich (und nicht nur ich) haben damals lange recherchiert um überhaupt den Namen zu erfahren. Spannend ist natürlich auch Brinkmann, der für BILD berichtete - das ist der Nachfrager "wann gilt das, ab sofort?" Brinkmann war nach eigener Aussage in Westberlin gebrieft. Und dafür spricht tatsächlich einiges.

Ach so, diesen Satz von Lauter muss man auch zerpflücken:
"So gäbe es einen knappen Tag Vorbereitungszeit für Grenztruppen, meine Dienststellen, den Zoll und das Verkehrswesen wegen des zu erwartenden Andrangs auf Züge oder auf Autobahnen. An die Vier Mächte dachten wir nicht."

Ich weiß nicht, was alle mit der Vorbereitungszeit für die Grenztruppen haben: Die ging das Thema noch am wenigsten an. Mir muss mal jemand erklären, was die GT denn nun mit einer Reiseregelung zu tun haben könnten: Das war Thema der GÜSten - und da hatten die GT ausnehmend wenig zu tun. Allerhöchstens könnte die Regelung die GÜSt-SiKen interessieren. Aber selbst da: Worauf genau hätten die sich denn vorbereiten sollen?

Und mit den Vier Mächten hatte das auch wenig zu tun, vermutlich muss ich das singen: Der Mauerbau berührte den Vier-Mächte-Status nicht, also konnte eine Maueröffnung den Vier-Mächte-Status auch nicht berühren. Eine Grenzöffnung stellte formal lediglich den Status wieder her, der bis zum 13. August 1961 galt.


Kalubke hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 11.01.2016 04:20 | nach oben springen

#235

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 07:51
von Hanum83 | 4.708 Beiträge

Die ganze Streiterrei um die Zettel die Schabowski hatte oder auch nicht ist doch müßig.
So wie es gelaufen ist war doch gut, hat dazu beigetragen das der Spuk so schnell wie möglich vorbei war.


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
Pit 59, Harsberg und eisenringtheo haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#236

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 08:05
von Harsberg | 3.247 Beiträge

Zitat von Hanum83 im Beitrag #235
Die ganze Streiterrei um die Zettel die Schabowski hatte oder auch nicht ist doch müßig.
So wie es gelaufen ist war doch gut, hat dazu beigetragen das der Spuk so schnell wie möglich vorbei war.


Und damit sollte es das Schlusswort sein und das Thema dicht gemacht werden, werte ADMIN´s, z.B. @Pitti53, oder @exgakl


Phantasie ist wichtiger denn Wissen, denn Wissen ist begrenzt!
zuletzt bearbeitet 11.01.2016 08:06 | nach oben springen

#237

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 10:10
von eisenringtheo | 9.165 Beiträge

Ich hoffe nicht. Es gibt noch Diskussionspotential.
Theo


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#238

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 19:09
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von Harsberg im Beitrag #236
Zitat von Hanum83 im Beitrag #235
Die ganze Streiterrei um die Zettel die Schabowski hatte oder auch nicht ist doch müßig.

Und damit sollte es das Schlusswort sein und das Thema dicht gemacht werden, werte ADMIN´s, z.B. @Pitti53, oder @exgakl

Natürlich ist niemand gezwungen, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Für den einen ist Geschichte müßig, für den anderen ist Geschichte interessant. Nun sollte derjenige, der sich damit nicht befassen will, nicht gleich noch das Wegwerfen der Geschichtsbücher fordern.

Zitat von Hanum83 im Beitrag #235
So wie es gelaufen ist war doch gut, hat dazu beigetragen das der Spuk so schnell wie möglich vorbei war.

Die einen sagen so, die anderen so - und das gerade in diesem Forum. Zwar teile ich Deine Auffassung, akzeptiere aber auch andere Auffassungen. Da jede Auffassung zu einem konkreten Menschen gehört, wird jede wohl auch wichtig sein. Bezogen auf geschichtliche Ereignisse sind persönliche Auffassungen aber irrelevant: Auffassungen ändern geschichtliche Abläufe nicht. Und das Interesse an geschichtlichen Abläufen hat nichts mit konkreten Auffassungen zu tun.


Fritze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#239

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 19:38
von marc | 566 Beiträge

Zitat von Mart im Beitrag #234
@sieben-seen

Ich weiß nicht, was alle mit der Vorbereitungszeit für die Grenztruppen haben: Die ging das Thema noch am wenigsten an. Mir muss mal jemand erklären, was die GT denn nun mit einer Reiseregelung zu tun haben könnten: Das war Thema der GÜSten - und da hatten die GT ausnehmend wenig zu tun. Allerhöchstens könnte die Regelung die GÜSt-SiKen interessieren. Aber selbst da: Worauf genau hätten die sich denn vorbereiten sollen?

Und mit den Vier Mächten hatte das auch wenig zu tun, vermutlich muss ich das singen: Der Mauerbau berührte den Vier-Mächte-Status nicht, also konnte eine Maueröffnung den Vier-Mächte-Status auch nicht berühren. Eine Grenzöffnung stellte formal lediglich den Status wieder her, der bis zum 13. August 1961 galt.



Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder. Das die GT die Flanken der Güst und auch im Hinterland zu sichern hatten ist dir in der Dauer deiner Dienstzeit an der US 5 wohl nicht bekannt geworden. Weiterhin hätte eine große Menschenmenge im Grenzgebiet in Güst-Nähe für gehörige Unruhe bei den uninformierten KGS und OPD gesorgt mit Auslösung Grenzalarm und möglicherweise unguten Reaktionen. Weiterhin sollten die GT ja wohl neue Güst schaffen mittels Mauer/ Zaundurchbrüchen. Ohne entsprechende Info schwer machbar. Bei so einer besonderen Situation ist die Bereitstellung von zusätzlichen Kräften ob vor Ort oder in Bereitschaft immer anzuraten.

(Hätte in Köln auch vorgebeugt oder schnell für eine Beruhigung der Lage gesorgt.)

Im Übrigen gings 89 um hundertausende Bürger die beruhigt und in "Bahnen" gelenkt werden mussten.



zuletzt bearbeitet 11.01.2016 19:52 | nach oben springen

#240

RE: Momper wusste von den neuen Reiseregelungen...

in DDR Staat und Regime 11.01.2016 19:56
von Mart | 734 Beiträge

Zitat von marc im Beitrag #239
Zitat von Mart im Beitrag #234
Ich weiß nicht, was alle mit der Vorbereitungszeit für die Grenztruppen haben: Die ging das Thema noch am wenigsten an.

Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder.

Klar ist das mein Ernst, sonst hätte ich es ja nicht geschrieben.

Zitat von marc im Beitrag #239
Das die GT die Flanken der Güst und auch im Hinterland zu sichern hatten ist dir für die Dauer deiner Dienstzeit an der US 5 wohl nicht bekannt geworden. Weiterhin hätte eine große Menschenmenge im Grenzgebiet in Güst-Nähe für gehörige Unruhe bei den uninformierten KGS und OPD gesorgt mit Auslösung Grenzalarm und möglicherweise unguten Reaktionen.

Wir versetzen uns in die reale Situation: Herr Lauter meint die Nacht des Mauerfalls. Was hätte da real passieren können? Die Leute wussten, dass sie über GÜSt raus dürfen, wirkliche Fluchten über die Mauer waren also nicht zu erwarten. Die Anwendung der Schusswaffe war bereits seit Frühjahr untersagt. Es konnte im Grunde nicht mehr passieren als dann wirklich passiert ist.

Zitat von marc im Beitrag #239
Weierhin sollten die GT ja wohl neue Güst schaffen mittels Mauer/ Zaundurchbrüchen. Ohne entsprechende Info schwer machbar.

Ja - und? Das betraf doch nicht diese Nacht. Die GT sind bzgl. neuer GÜSt genau so informiert worden, wie sie in der anderen denkbaren Situation auch informiert worden wären.

Zitat von marc im Beitrag #239
Im Übrigen gings 89 um hundertausende Bürger die beruhigt und in "Bahnen" gelenkt werden mussten.

Ach Gottchen. Der vormundschaftliche Staat.


zuletzt bearbeitet 11.01.2016 19:57 | nach oben springen



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