#121

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 17:51
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Hallo Rainer- Maria,

bei meiner Berufswahl war es genau umgekehrt, meine Lehrer waren der Meinung, daß mehr drin ist und wollten mich zur EOS versenden.
Ich habe denen -zig mal erklären müssen, daß ich mich nur deshalb in der Schule so angestrengt hatte, weil ich die einzige Lokführerlehrstelle im Kreis haben wollte und allein in meiner Klasse schon zwei Konkurrenten hatte, deren Eltern bei der Bahn waren und sie so den Fuß schon in der Tür hatten.
Beziehungen waren auch hier fast alles, ich hatte keinerlei Fürsprecher im Bahnbetriebswerk.
Daß ich die Stelle trotzdem bekam, stellte die Weichen für meine spätere Linientreue..."siehe da, es zählt wohl doch die Leistung, um voranzukommen".
Wahrscheinlich muß man sich bei den Diskussionen um die DDR- Biografien erst einmal darüber verständigen, was Glück ist.
Mag man es bitte nicht als Protzerei auffassen, aber es gab für mich damals wie heute nie Geldsorgen, mehr noch, ich gehe heute wegen Mieteinnahmen in Höhe des fünffachen Hartz- 4- Satzes und weiterer Einnahmen eigentlich nur noch aus Spaß zur Arbeit, es war und ist nun mal mein Traumberuf, 1500 t Nudeln, Stahlcoils, Airbags, und was weiß ich was mit meinem Containerzügen durch Deutschland zu fahren, wenngleich mir das kleinere Deutschland auch gereicht hätte.
Vieles was andere freuen würde veranlaßt mich sehr zum Nachdenken, so z.B. wie ich im Boomjahr 2000 an den Börsen der Welt den dreifachen Jahreslohn verdient hatte und mich fragte, wie krank eine Menschheit sein muß, die so etwas möglich macht.
Aber vermutlich kann man durch die Verdrängung dieser Perversion und der selektiven Wahrnehmung des Positiven damals wie heute zum Glück finden, das ist somit gar nicht mal systemabhängig.
Schlimm finde ich allerdings, selbst sagen zu müssen, daß ich heute nicht noch mal aus der Schule kommen möchte, da ich mir nicht vorstellen kann, zwei und mehr Lehrjahre umsonst aufgewendet zu haben, weil keine Nachfrage nach meinem Beruf besteht, und so kann ich nicht begreifen, was an einem solchen Wirtschaftsmodell effizient sein soll.




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#122

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 18:55
von Pitti53 | 8.789 Beiträge

Zitat von Hackel39
Hallo Rainer- Maria,

bei meiner Berufswahl war es genau umgekehrt, meine Lehrer waren der Meinung, daß mehr drin ist und wollten mich zur EOS versenden.
Ich habe denen -zig mal erklären müssen, daß ich mich nur deshalb in der Schule so angestrengt hatte, weil ich die einzige Lokführerlehrstelle im Kreis haben wollte und allein in meiner Klasse schon zwei Konkurrenten hatte, deren Eltern bei der Bahn waren und sie so den Fuß schon in der Tür hatten.
Beziehungen waren auch hier fast alles, ich hatte keinerlei Fürsprecher im Bahnbetriebswerk.
Daß ich die Stelle trotzdem bekam, stellte die Weichen für meine spätere Linientreue..."siehe da, es zählt wohl doch die Leistung, um voranzukommen".
Wahrscheinlich muß man sich bei den Diskussionen um die DDR- Biografien erst einmal darüber verständigen, was Glück ist.
Mag man es bitte nicht als Protzerei auffassen, aber es gab für mich damals wie heute nie Geldsorgen, mehr noch, ich gehe heute wegen Mieteinnahmen in Höhe des fünffachen Hartz- 4- Satzes und weiterer Einnahmen eigentlich nur noch aus Spaß zur Arbeit, es war und ist nun mal mein Traumberuf, 1500 t Nudeln, Stahlcoils, Airbags, und was weiß ich was mit meinem Containerzügen durch Deutschland zu fahren, wenngleich mir das kleinere Deutschland auch gereicht hätte.
Vieles was andere freuen würde veranlaßt mich sehr zum Nachdenken, so z.B. wie ich im Boomjahr 2000 an den Börsen der Welt den dreifachen Jahreslohn verdient hatte und mich fragte, wie krank eine Menschheit sein muß, die so etwas möglich macht.
Aber vermutlich kann man durch die Verdrängung dieser Perversion und der selektiven Wahrnehmung des Positiven damals wie heute zum Glück finden, das ist somit gar nicht mal systemabhängig.
Schlimm finde ich allerdings, selbst sagen zu müssen, daß ich heute nicht noch mal aus der Schule kommen möchte, da ich mir nicht vorstellen kann, zwei und mehr Lehrjahre umsonst aufgewendet zu haben, weil keine Nachfrage nach meinem Beruf besteht, und so kann ich nicht begreifen, was an einem solchen Wirtschaftsmodell effizient sein soll.


schön das es dir gut geht


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#123

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 19:26
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

...solange ich nicht über den Tellerrand blicke...



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#124

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 19:30
von Augenzeuge (gelöscht)
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Zitat von Hackel39
...solange ich nicht über den Tellerrand blicke...



tue es nicht, sonst springt dich der Spendenbutton noch an.....

Nicht ernst gemeint.

Gruß, Augenzeuge


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#125

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 19:42
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Hackel, ich habe immer eine meiner Tanten bewundert, sie ist damals, zu dieser Zeit des Dritten Reiches mit ihrem jungen Freund, er war Halbjude ausgewandert.
Erst über alle möglich Drittländer und als die Adolf Hitler und seine Helfershelfer auch in ihren Machtbereich, ihre Rohstoffgewinnung mit einbeziehen wollten, sind sie in Schweden angelandet.
Dieses Land war neutral, sie hatten einen guten Start und ich weiß bis heute noch nicht, was die Beiden überhaupt beruflich gemacht haben.Es ist wohl das Glück, so wie du schon richtig schreibst, dieses kleine Glück.
Wenn sie zur Leipziger Messe einmal da waren, erinnere ich mich an eine Frau mit dem Gesicht der Ostseebräune, nicht die aus dem heutigen Solarium.
Meine Frau sagt immer zu den jungen Mädchen: " Die weißen Negerinnen".
Die Sonne scheint und statt auf die Parkbank sich zu setzen gehen sie lieber ins....
Wäre ich heute noch einmal jung, würde ich diesem Land den Rücken kehren.
Aber...ich komme ohne dieses verdammte Aber nicht aus...es wird nicht einfach werden, in einem fremden Land, eventuell ohne Freunde, allein oder als Paar.
Ich brauche wohl anfangs die Unterstützung der Eltern, wenn ich den mal ein intaktes Elternhaus noch habe.
Und ich muss stark sein, hart an mir Arbeiten, auch wenn ich Abends mal ins Kissen heule, egal, falle ich hin stehe ich auch wieder auf! So einfach sehe ich das.
Als ich ein Lehrling war, auf diesen Montagebaustellen meines VEB republikweit, hatte ich immer mit den alten Männern, "sie waren so alt wie ich heute", mich ständig in der Wolle. Ich konnte es ihnen nicht Recht machen. "Hattest du ein Glück mit deiner Lok, da warst du wenigstens alleine".
Ich war ein Ausenseiter, wollte nicht mit in die Kneipe, eher ins Kino und zu den Mädels und Donnerstag Abends fuhr für mich der Zug nach Leipzig, vielleicht warst du der Lokführer.
Da saßen die " alten Männer" noch in der Kneipe.
Es war mir egal, wann ich früh Nachhause kam, ich war Zuhause.
Und ich sagte mir, egal was kommt, egal wie oft du auf die Fresse fällst, es geht immer weiter.
Diese Stärke wünschte ich auch dem jungen Menschen, der sich heute aufmacht, in eine fremde Umgebung, weg aus diesem verkrusteten Deutschland!

Gruß Rainer- Maria


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#126

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 19:49
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Man wird auch durch Spenden nicht zum Gutmenschen, es ist aber ein gutes Stichwort.
Ich bin aber froh darüber, auch heute unter dem Motto "Arbeite mit, plane mit, regiere mit" mich in die Gesellschaft einbringen zu können.
Neben regelmäßiegen Spenden an die Tierschutzvereinigung "Vier Pfoten" und mein Patenkind Valentino aus Uganda (Plan International) überweise ich auch regelmäßig einen Hunderter für den Erhalt einer Eisenbahnstrecke, die von der Stillegung bedroht ist.
Was will ich damit sagen ?
Es ist auch heute gut möglich den eingangs erwähnten sozialistischen Slogan, der damals nur Propaganda war, in die Praxis umzusetzen.
Wenn nun die bornierte thüringer Regierung der Meinung ist, die Eisenbahnlinie zwischen Naumburg und Artern auf dem 10km langen Eigenanteil der Strecke abzubestellen und 50 -60 km der Reststrecke auf S.-Anhalt trotz touristischer (u.a. Fundort Himmelsscheibe) und wirtschaftlicher (u.a. Kalilagerstätte Roßleben) Chancen zu gefährden, so werde ich auch die Bürgerinitiative pro Unstrutbahn mit Geld unterstützen.
Wenn man nun 100 Euro einzahlt und 40 % Steuerprogression hat, kostet die nächste 100 Euro- Spende nur noch 60 Euro, der Staat ist durch die steuerliche Anerkennung des Vereins mit im Boot ohne es zu wollen und Hackel regiert mit.
Es sind solche Geschichten, die mir trotz meiner schönen DDR- Erinnerungen noch etwas Hoffnung für die Zukunft geben beim Blick über den Tellerrand.



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#127

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:10
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von dein1945

Zitat von GilbertWolzow

der gleiche witz wurde auch immer gern erzählt, dass man auf der protokollstrecke nur die häuser paterre angestrichen hat, da man angeblich aus dem auto des pb nicht mehr erkennen konnte...



Hallo GW,
wie war es denn in der Wirklichkeit ? waren die Häuser hinter der Fassade saniert ?
Gruß aus Berlin




nein @dein1945, waren sie z.t. nicht. aber es war damls wirklich in der klement-gottwald-allee in berlin-weissensee z.t. lustig anzusehen. nur die unterste etage war gestrichen...


ach übrigens, 20 jahre nach dem krieg sind sie z.t. immer noch nicht saniert...


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#128

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:11
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Guten Abend, Rainer- Maria,

so schwarz wie Du sehe ich dieses Land nun doch nicht, hab allerdings auch keine all zu hohen Ansprüche an mein Umfeld.
Auswandern käme für mich aber nicht mal in Frage, wenn Merkel bis 2045 regieren würde, da meine Heimatverbundenheit durch die Auswärtstätigkeit eher noch gewachsen ist.
Übrigens bin ich nur von 1993 bis 1998 im Reisezugverkehr im Bereich Leipzig-Dessau-Halle-Nordhausen/ Kassel-Eisenach-Eilenburg-Magdeburg auf Achse gewesen, später nach der Divisionalisierung der Bahn nur noch mit Güterzügen, ab 2005 dann unter schweizerisch/ belgischer Flagge bei einer Privatbahn, die seinen Berufseinsteigern übrigens mehr zahlt als die DB ihren Lokführern nach 40 Dienstjahren.
Nicht mal als Arbeitgeber ist dieser Staat seriös, er wird aber ab 27.9. durch einen starken Linksruck weitere ethische Auflagen vom Wählervolk bekommen.
Jungen Leuten kann man angesichts des Lohndumpings wirklich nur raten, sich die Option des Auswanderns offenzuhalten, sofern sie nicht zu menschenwürdiger Entlohnung eingestellt werden.
Diese Option nahm ich 2005 wahr, als Mehdorns Bahn mir nur beim Wechsel in die Zeitarbeit zu 85 % des bisherigen Gehalts eine Weiterbeschäftigung garantieren wollte, während Mehdorn selbst sich von 1998 bis 2005 das Gehalt versechsfachen konnte.
Was ist das bißchen Wandlitz gegen solche Unverschämtheiten.



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#129

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:13
von Augenzeuge (gelöscht)
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Zitat von GilbertWolzow

ach übrigens, 20 jahre nach dem krieg sind sie z.t. immer noch nicht saniert...



Gilbert, welcher Krieg? War das ein freudscher Versprecher und du meintest die Wende?


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#130

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:22
von rhoenadler (gelöscht)
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@hackel wie wahr... in bezug auf den staat voll zustimm
aber egal, ob merkel oder sonst wer, der gelackmeierte immer wieder der kleine mann
und die spd die zeitarbeit noch forcieren will.

http://www.wahl-o-mat.de/bundestagswahl2..._parteien_131=1

da kann jeder mal seine ansprüche testen und was er wählen müsste...das ergebnis ist verblüffend


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#131

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:24
von skbw | 216 Beiträge

jetzt bin aber enttäuscht, die Wende war doch das Ende des kalten Krieges!


bis bald, skbw


" Man kann nur zu einer eigenen Meinung gelangen, wenn man offen sein kann und sich auch irren darf. "

Maxie Wander
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#132

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:38
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Hallo Rhönadler,

der Wal-o-mat ist schon eine gute Hilfe, noch besser finde ich aber den Abgeordnetenwatch, bei dem Politiker brav die Fragen ihrer Wähler mehr oder weniger ehrlich beantworten.
Das Ergebnis vom Wahl-o-mat hat mich allerdings auch überrascht, aber wenn das Chamäleon einfach mal die Farbe wechselt, um sich zu tarnen, warum sollen das die Politiker nicht auch dürfen.
Die sind doch längst durchschaut, wenn man Tun (Mitglied in welchem Aufsichtsrat, Abstimmungsverhalten...) vom Reden (Wohlstand für alle...) extrahiert und da bleibt nun mal nur die eine Wahl von Leuten, die eben als Schmuddelkinder nicht vom Lobbyfilz umgarnt werden und im Volk ihren einzigen Arbeitgeber sehen.



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#133

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:44
von Augenzeuge (gelöscht)
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Für mich war der kalte Krieg zur Wende schon lange vorbei. Ist sicher eine Definitionsfrage. Aber manche haben ihn noch heute im Kopf.
Nun, ich finde es sehr unfair, dem Land/ Regierung vorzuwerfen, das noch nicht alles saniert ist.
Vorher bekam man wegen Mangelwirtschaft und Bespitzelung der Leute nichts auf die Reihe, und jetzt soll alles in 20 Jahren fertig sein. Die Eigentümerfrage, von Staat kaum beeinflussbar, wird einfach übergangen. Wenn ich die Innenstädte der neuen Bundesländer ansehe, freue ich mich, dass man so vieles geschafft hat. Man denke nur mal an Dresden und Erfurt. Mitte der 80er musste man doch denken, dass der Krieg, der richtige, erst einige Jahre zurückliegt, so sah das dort aus. Ich kenne eine kleine Stadt in Sachsen Anhalt, bei der wird von der dortigen roten Stadtregierung immer noch verhindert, dass die Durchfahrtstrasse saniert wird. Immer noch besteht dort das alte Pflaster, was vor 70 Jahren aufgetragen wurde. Man möchte das historische Pflaster erhalten.....

Aber so ist das, für den einen ist das Glas halbvoll, für den anderen fast leer.

Gruß, Augenzeuge


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#134

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 20:52
von altes mädchen (gelöscht)
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Wenn hier Geschichten aus dem DDR-Alltag erzählt werden sollen: Bitte Schön! Und da es sich hier um das Forum der Grenztruppen handelt; kommen hier ein paar Episoden aus dem Leben von Menschen, die im doppelten Sinne eingesperrt waren.
Denn die Menschen im Sperrgebiet hatten zusätzliche Sanktionen zu ertragen.
Permanente Kontrolle an Kontrollpunkten bei der Ein- oder Ausfahrt ins Sperrgebiet. Verwandtenbesuche nur bei besonderen Anlässen und mit Passierschein. Freunde aus dem Rest der Republik konnten uns quasi garnicht besuchen. Mein angehender Ehemann durfte erst nach der Hochzeit ins Sperrgebiet, da er vorher, aus politischen Gründen, keinen Passierschein erhalten hat. Schulkinder wurden in Arbeitsgemeinschaften bereits zu jungen Grenzhelfern ausgebildet. Alle Bewohner waren aufgefordert, fremde Menschen im Ort zu melden. Nach einer solchen Meldung kam es zu einer erfolgreichen Festnahme. Die Familie, die die Personen gemeldet hatte, erhielt in einer Einwohnerversammlung einen Präsentkorb. Die wurden im Ort dann nur noch die Kopfgeldjäger genannt...
Ein Volk von Denunzianten war gewünscht. Das fand ich pervers. Andererseits habe ich in der eigenen Familie "erleben dürfen", wie mit jemanden umgegangen wurde, der aus Versehen oder was auch immer, fremde Personen nicht gemeldet hatte. Ich erinnere auch an die Aktionen Kornblume und Ungeziefer! Man lebte auch in der Angst Haus und Hof und damit die Existenz zu verlieren. Ländereien im Grenzstreifen waren ja sowieso schon
wegnenommen worden. Usw. usw.


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#135

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 21:04
von wosch (gelöscht)
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Zitat von Augenzeuge
Für mich war der kalte Krieg zur Wende schon lange vorbei. Ist sicher eine Definitionsfrage. Aber manche haben ihn noch heute im Kopf.
Nun, ich finde es sehr unfair, dem Land/ Regierung vorzuwerfen, das noch nicht alles saniert ist.
Vorher bekam man wegen Mangelwirtschaft und Bespitzelung der Leute nichts auf die Reihe, und jetzt soll alles in 20 Jahren fertig sein. Die Eigentümerfrage, von Staat kaum beeinflussbar, wird einfach übergangen. Wenn ich die Innenstädte der neuen Bundesländer ansehe, freue ich mich, dass man so vieles geschafft hat. Man denke nur mal an Dresden und Erfurt. Mitte der 80er musste man doch denken, dass der Krieg, der richtige, erst einige Jahre zurückliegt, so sah das dort aus. Ich kenne eine kleine Stadt in Sachsen Anhalt, bei der wird von der dortigen roten Stadtregierung immer noch verhindert, dass die Durchfahrtstrasse saniert wird. Immer noch besteht dort das alte Pflaster, was vor 70 Jahren aufgetragen wurde. Man möchte das historische Pflaster erhalten.....

Aber so ist das, für den einen ist das Glas halbvoll, für den anderen fast leer.

Gruß, Augenzeuge



----------------------------------------------------------------------------------------------

Hallo! Ich kann mich noch an jedemenge verfallene Häuserreihen in den Innenstädten von vielen Städten der ehemaligen DDR erinnern und selbst in ihrer Hauptstadt Ost-Berlin konnte man etwas abseits der "Prachtstraßen" genug kaputte und von den Kämpfen der letzten Kriegstage gezeichnete Fassaden erblicken. Die Tür zu dem Balkon der Wohnung meines Bruders in der Leninallee in Ost-Berlin, war solange er dort wohnte (bis 1984), von der Wohnungs-Genossenschaft abgeschlossen, da der Balkon baufällig war und wegen Einsturzgefahr nicht betreten werden durfte. Ja, es stimmt, die Mieten waren billig, aber dementsprechend waren auch viele!! Ich war auch vor der Wende einmal in Görlitz, wißt Ihr noch, wie es damals da ausgesehen hatte?? Muß ich noch mehr sagen??
Schönen Gruß aus Kassel


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#136

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 21:11
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von Augenzeuge

Zitat von GilbertWolzow

ach übrigens, 20 jahre nach dem krieg sind sie z.t. immer noch nicht saniert...



Gilbert, welcher Krieg? War das ein freudscher Versprecher und du meintest die Wende?





ich meinte selbstverständlich den kalten krieg @augenzeuge.


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#137

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 21:39
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Unser Haus DDR

Das mit den verfallenen Häusern ist schon eine Tragik an sich und Moral ein zweischneidiges Schwert.
Der ethische Anspruch der DDR- Wohnungswirtschaft, keine Gewinne auf Kosten der Mieter zu machen war leider zu kurz gedacht und hatte eben die genannten Konsequenzen.
Als vor ca. einem Jahr die Vermieterin der Wohnung meiner Schwester verstarb, rieben sich die Erben wohl schon die Hände, als sie meinten, das Mehrfamilienhaus für weit über 150.000 Euro verkaufen zu können, inzwischen steht es seit mehr als 8 Monaten für 60.000 im Internet und keiner will es, eben weil die Substanz nicht in Ordnung war und es keine Rücklagen für eine Sanierung gab.
Die Vermieterin war eine alte kranke Frau, so wie die DDR ein altes krankes Land war, ein Frau also, die mit über 90 Jahren nicht die Courage hatte, eine Mieterhöhung zum Zwecke der laufenden Instandhaltung durchzusetzen, weil sie der Meinung war "Für mich reichts noch, und die nach mir werden schon sehen, wo sie bleiben...".
Sie wollte mit ihren Mietern im Frieden leben, so wie das Politbüro mit seinem Volk im Frieden leben wollte und so verschloß man sich der unangenehmen Wahrheit bis zum bitteren Ende.
Übrigens ist die Schuldensituation in dieser Republik eine ähnliche Zeitbombe und keiner traut sich an die Entschärfung derselben, erst recht nicht vor den Wahlen, danach aber auch nicht...
Solange es in der Ruine nicht reinregnet hat es keinen gejuckt, daß die Substanz im Übrigen kaputt war und solange Staatsschulden nicht sprechen oder gar schreien können, geht alles weiter wie gehabt.
Ich will damit nur sagen, daß die Verdrängung von systemrelevanten Problemen keine Eigenheit der DDR war, die ist allgegenwärtig.



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#138

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 21:44
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Zitat von Augenzeuge
Für mich war der kalte Krieg zur Wende schon lange vorbei. Ist sicher eine Definitionsfrage. Aber manche haben ihn noch heute im Kopf.
Nun, ich finde es sehr unfair, dem Land/ Regierung vorzuwerfen, das noch nicht alles saniert ist.
Vorher bekam man wegen Mangelwirtschaft und Bespitzelung der Leute nichts auf die Reihe, und jetzt soll alles in 20 Jahren fertig sein. Die Eigentümerfrage, von Staat kaum beeinflussbar, wird einfach übergangen. Wenn ich die Innenstädte der neuen Bundesländer ansehe, freue ich mich, dass man so vieles geschafft hat. Man denke nur mal an Dresden und Erfurt. Mitte der 80er musste man doch denken, dass der Krieg, der richtige, erst einige Jahre zurückliegt, so sah das dort aus. Ich kenne eine kleine Stadt in Sachsen Anhalt, bei der wird von der dortigen roten Stadtregierung immer noch verhindert, dass die Durchfahrtstrasse saniert wird. Immer noch besteht dort das alte Pflaster, was vor 70 Jahren aufgetragen wurde. Man möchte das historische Pflaster erhalten.....

Aber so ist das, für den einen ist das Glas halbvoll, für den anderen fast leer.

Gruß, Augenzeuge



Hallo Augenzeuge,

der Kalte Krieg, als ein Konstrukt des Kampfes West gegen Ost oder/und Ost gegen West, war vorbei, das mag sein. Aber die ideologischen Grundlagen auf seiten der Kämpfenden waren doch damit noch nicht vom Tisch. Antikommunismus auf der einen, Antikapitalismus auf der anderen Seite. Antikapitalistische Positionen haben es heute naturgemäß schwerer als die antikommunistischen, da ihnen die staatliche Verwirklichung abhanden gekommen ist. Aber haben sie damit ihre Berechtigung verloren. Nehmen wir das Beispiel der Bausubstanz. In Leipzig wurde nach der Wende saniert, dass die Schwarte krachte. Bis 1994 war der Mietspiegel in Leipzig auf ein Niveau gestiegen, dass Frankfurt am Main entsprach. Und das in einer Stadt, in der in der selben Zeit die Anzahl der Industriearbeitsplätze von 120.000 auf 10.000 gesunken war. Nun sieht die Innenstadt, von ein paar brechreizerregenden Bausünden dieser Zeit mal abgesehen, ganz nett aus. Aber fahr mal aus der Innenstadt raus. Ich empfehle eine Tour nach Kleinzschocher. Die sanierte Altbausubstanz erwies sich dank der Disproportion zwischen Verdienstmöglichkeiten und Preisen als eine riesige Fehlinvestition. Mehr als ein Drittel der Leipziger Bevölkerung wanderte aus der Stadt ab! Nun stehen viele der schön sanierten Wohnungen leer und verfallen wie seinerzeit zu DDR-Zeiten. Und der Grund dafür ist einfach: Es ließ sich aus der Sanierung kein Profit schlagen. Plötzlich sind ganze Stadtteile wieder egal ... Es geht nicht um Gläser, es geht um Menschen. Und es geht um die Frage: Wo ist am Ende das Geld geblieben?

Das ist zwar eher eine Geschichte aus dem Nachwende-DDR-Alltag, aber ich denke, sie gehört auch hierher.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 20.09.2009 21:46 | nach oben springen

#139

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 21:55
von Augenzeuge (gelöscht)
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Hallo Rainman,
alles richtig. Genau solche Fehler machte man mit den Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Diese führten auch zu einem Sterben der gesamten Innenstadt-Geschäfte.
Aber wer ist dafür verantwortlich? Das Land Sachsen, nicht die Bundesregierung.
Nun mal aber ehrlich, wer bei diesen Sanierungsaufgaben an nur geringe Mietsteigerungen dachte, der war nicht auf der Höhe der Zeit. Das Mietniveau mit Frankfurt/ Main gleichzusetzen ist natürlich der Hammer und völlig ungerechtfertigt. Nun, ich hoffe, es ist wieder etwas gesunken. Sollten die Häuser länger frei stehen, müsste das zu fallenden Preisen auch führen. Wahrscheinlich wird das demnächst durch den demografischen Wandel weiter beschleunigt.

Gruß, Augenzeuge


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#140

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 20.09.2009 22:31
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Hallo Rainman,

in diesem Zusammenhang gibt es eine weitere aktuelle Nagelprobe für das Funktionieren dieser komischen Marktwirtschaft.
Die Baupreise von damals bedingen unrealistische Mieteinnahmen und so kommt es zum Leerstand.
Die Finanzämter haben exorbitante Steuerhätscheleien, teilweise 50 % jährlicher Verlustzuweisung gem. Einkommensteuergesetz § 7 den damaligen Investoren zugestanden mit der Option, daß es mit diesen überteuerten Objekten eine Gewinnerzielungsabsicht gibt.
Diese Gewinne kommen nicht, weil die Steuerersparnis das primäre Anliegen dieser Halodries war und langsam werden die Ämter ungeduldig, weil Liebhaberei im fiskalischen Sinne negativ behaftet ist.
Was zunächst tragisch anmutet, stellt für die Käufer auf der anderen Seite enorme Chancen dar, die es zu nutzen gilt.
Während die Fair- Value- Situation (Relation Jahresmiete zu Kaufpreis) vor 15 Jahren allgemein noch bei jenseits der 20 lag, kann man heute bereits 199..er Jahre- Bauten nach 10 Jahren ununterbrochener Mieteinnahmen netto (ohne Finanzierungskosten, Instandhaltungsrücklage, Verwaltung) abgezahlt haben.
Bedingung ist die Anpassung der Mieten an marktübliche Konditionen, aber auch dann wäre die Sache in der Regel einigermaßen rentabel.
Es ist aber einmal mehr die Psychologie, die Leute daran hindert, solche Chancen wahrzunehmen, stattdessen haut man tausende Euro in blödsinnige Riesterverträge mit fast schon kriminellen (unsichtbaren) Verwaltungskosten, Lebensversicherungen und Fonds mit Minusrenditen anstatt direkt zu investieren.
Der Bürger war zu DDR- Zeiten schon unmündig und hat sich bis heute nicht wesentlich verbessert.
Der Staat gibt vor, daß der Bürger zum Zwecke der Altersvorsorge erstmal Banken und Versicherungen bereichert und spricht dem Bürger die Kompetenz ab, sich mit Direktinvestitionen am Produktivkapital zu beteiligen, indem er solche Instrumente, z.B. den Kauf einer Eigentumswohnung, der Beteiligung am Fotovoltaikgroßanlagen, Schiffen, Windparks und Straßenbahndepots nicht nach den Prämissen eines Riestervertrages fördert.
Das ist Gängelei in Euro und behindert eine funktionierende Marktwirtschaft.



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