#61

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 25.10.2015 19:38
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von thomas 48 im Beitrag #58
Michael,
ich bin ja gar nicht neugierig, warum 1987?
Was ist dann mit dir passiert?
Ich selber durfte in der DDR ab 1969 nicht mehr in meinem gelernten Beruf arbeiten
tho


@thomas 48, ich habe darüber schon getextet, aber nochmal.
Im November 86 aus dem aktiven Dienst bei den GT entlassen. Danach beim VEB S.M.Kirow Leipzig als Lehrmeister tätig.
Für mich stand fest, nie wieder Uniform, das war eigendlich illusorisch, da ich Befehl M in der Tasche hatte.
1987 Sommerferien, für die Lehrlinge stand vormilitärische Ausbildung auf dem Plan. Nun kam man auf den Dreh der Genosse Jahr Ofw. der Reserve
könnte doch einen Zugführer geben.
Na der Ofw.der Reserve Michael Jahr hat sich vehement geweigert da mitzuspielen. Es gab Seitens des Parteisekretärs Drohungen mit einem Parteiverfahren.
Wie auch immer, kurz bevor diese vormilitärische Ausbildung begann wurde ich ganz "zufällig und unerwartet krank"
De Jenossen waren nicht doof, Parteiverfahren stand an. Also das rote Gesangsbuch hin geschmissen, Austritt.
Zwei Tage hat es gedauert, Lehrmeister Michael Jahr gab es nicht mehr. Versetzung in einen anderen Betriebsteil und dann Werkzeugmacher tätig.
So nun mal so ganz nebenbei, das ist kein Hirngespinnst, Tatsache.
Ich wurde dann 88/89 zum Betriebsparteisekrtär (Schmidtke) bestellt, er hat sich bei mir für meine Arbeit in der SED bedankt, paar Blümchen gab es.
Diese "Zeremonie" wurde dann allerdings recht heftig unterbrochen. Es war ein Montag.
Der Direktor der Betriebsberufsschule (Schaller) kam in Kampfgruppenuniform hereingestürzt, Genosse Schmidtke wir müssen los.
Micha
( Schmidtke und Schaller, werden wohl kaum noch Ansprüche hinsichtlich Persönlichkeitsrecht stellen)
So Thomas, ist Deine Nichtneugier befriedigt?
Kleine Anmerkung noch, nach meinem Parteiaustritt wurde ich provokatorisch mit Herr Jahr angesprochen und das von Kollegen oder auch
Genossen mit denen ich per Du war.


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zuletzt bearbeitet 25.10.2015 19:46 | nach oben springen

#62

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 25.10.2015 20:15
von thomas 48 | 3.569 Beiträge

Besten Dank für deinen Bericht.
Hast ganz schönen Mut gehabt oder warst sehr leichtsinnig.
So, sehr viele Lehrausbilder die keine Genossen waren gab es nicht.
tho


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#63

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 25.10.2015 20:44
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von thomas 48 im Beitrag #62
Besten Dank für deinen Bericht.
Hast ganz schönen Mut gehabt oder warst sehr leichtsinnig.
So, sehr viele Lehrausbilder die keine Genossen waren gab es nicht.
tho


@thomas 48, aus heutiger Sicht, ich war keinesweg's leichtsinnig. Ein Sturkopf der einen "Fehler" gemacht hat.
Fehler in der Hinsicht, das die "Genossen Lehrmeister" nach der Umkehr weiter gearbeitet haben und sich neu orientieren konnten.
Das war eigendlich ganz einfach, anstatt früh morgens mit "Freundschaft" zu grüßen wurde "Guten Morgen gesagt".
Das habe ich schon 86 im Dezember gemacht und wurde angegiftet.
Also kurz und gut, es lebt sich besser, wenn man den Kopf in den Wind dreht..
Nur sollte man einen Rollkragenpullover tragen, damit das Gewinde nicht zu sehen ist.
Micha


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#64

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 25.10.2015 22:27
von Larissa | 834 Beiträge

Zitat von Klauspeter im Beitrag #60
Zitat von Larissa im Beitrag #56

Fazit: So lassen wir die Kameraden hochleben und die Genossen nicht!
Gruss, Larissa


Liebe Larissa,
hast Du Dir diese Aussage auch gründlich genug überlegt ?
Klaus



Oh, lieber @Klauspeter, nein, bitte so nicht zu verstehen, siehe grins und zwinker....... Es war ein ironisch gemeinter Satz! Manchmal schmeisse ich ein bisschen Humor mit herein, der falsch verstanden wird. Deshalb vielleicht auch, weil die Deutschen sehr verbissen um jedes Wort und Meinung kaempfen, vor allem in einem solchen Bereich wie Kameraden und Genossen und sie sehen alles immer weitaus negativer. So sehe ich es.
Ich liebe meine Genossen. Eine Hexenjagd von politischer Seite hat erst diese Probleme, die heute noch verarbeitet werden mussen, verursacht.
Wir haben ein Treffen gehabt nahe bei einem Dorf im ehemaligen DDR vor einigen Jahren. Sehr laendlich, die uebliche alte Kasernengebaeuden der NVA mit harten Pritschen und furzenden Kameraden. Am Sonntag Morgen gingen ein ehemaliger (wirklicher) Genosse in NVA-Uniform, der aus der Gegend stammte, und ein BW-Soldat in seiner Uniform um Broetchen zu holen ins Dorf. Ich habe es selbst nicht gesehen aber es hat viel Aufregung verursacht - im positiven Sinn.
Die Leuten kamen aus den Haeusern und klatschten und lachten. Diese beiden Kameraden in ihren verschiedenen Uniformen haben mehr zu einem vereinten Deutschland beigetragen als duemmlich agierenden Politikern, die alles aus der DDR verfolgten und vertilgen wollten von A-Z.
Lieben Gruss, Larissa


"Keine Jagd ist so wie die Jagd auf Menschen und die, die lange genug Menschen gejagt haben, die Spaß daran hatten, interessieren sich nie wieder für etwas anderes." — Hemingway
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#65

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 25.10.2015 23:48
von vs1400 | 2.393 Beiträge

Zitat von Fraggel im Beitrag #48
Mein Ausbilder an der Uffz-Schule sagte immer wenn jemand das Wort Kamerad gebrauchte " Die Kameraden sind alle vor Stalingrad gefallen!"



hallo Fraggel,
mit derart " markigen" aussagen bekam man doch sehr gut vermittelt,
auf welchem level einige standen.

gruß vs


04.11.1986 - 21.04.1987 Uffz. Ausbildung In Perleberg
21.04.1987 - 28.08.1989 Gruppenführer der 2. Gr./ 2.Zug/ 7. GK - Schierke/ GR 20/ GKM- N


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#66

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 07:45
von Hanum83 | 4.775 Beiträge

Mal von der ganzen Grundsatzdiskussion abgesehen, in dem halben Jahr Schliff am Anfang hab ich eigentlich ab Litze aufwärts nichts von Genosse oder gar Kamerad gespürt, da warst du menschlich einfach der letzte Husten und wurdest auch oft mit Genuss so behandelt, besonders von den Kapos denen man mal ein bissel Macht über andere gegeben hatte.
Eventuelle Ausnahmen bestätigen wohl auch hier wieder die Regel.


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
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zuletzt bearbeitet 26.10.2015 07:49 | nach oben springen

#67

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 10:11
von DoreHolm | 7.698 Beiträge

Zitat von Hanum83 im Beitrag #66
Mal von der ganzen Grundsatzdiskussion abgesehen, in dem halben Jahr Schliff am Anfang hab ich eigentlich ab Litze aufwärts nichts von Genosse oder gar Kamerad gespürt, da warst du menschlich einfach der letzte Husten und wurdest auch oft mit Genuss so behandelt, besonders von den Kapos denen man mal ein bissel Macht über andere gegeben hatte.
Eventuelle Ausnahmen bestätigen wohl auch hier wieder die Regel.


Grün: Siehe auch einige Szenen aus "Die Abenteuer des Werner Holt". Ja, wir hatten in der Grundausbildung auch so einen Uffz. War zum Glück nicht meiner. Unser Gruppenführer war ganz o.k. Wie Du schon sagtest, es gab solche und solche. Die Unangenehmsten waren sicher diejenigen wie heute auch unter einigen Behördenmitarbeitern und allen, die Kraft ihres Amtes Anderen etwas verbieten oder genehmigen können, aber zu Hause unter den Küchentisch kriechen und vor dem Vorgesetzten radfahren. Endlich einmal macht über Andere ausüben. Armselige Würstchen, sage ich da nur.
Das war mein Gruppenführer (der Größere auf dem Foto):



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zuletzt bearbeitet 26.10.2015 10:12 | nach oben springen

#68

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 10:21
von Hanum83 | 4.775 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #67
Zitat von Hanum83 im Beitrag #66
Mal von der ganzen Grundsatzdiskussion abgesehen, in dem halben Jahr Schliff am Anfang hab ich eigentlich ab Litze aufwärts nichts von Genosse oder gar Kamerad gespürt, da warst du menschlich einfach der letzte Husten und wurdest auch oft mit Genuss so behandelt, besonders von den Kapos denen man mal ein bissel Macht über andere gegeben hatte.
Eventuelle Ausnahmen bestätigen wohl auch hier wieder die Regel.


Grün: Siehe auch einige Szenen aus "Die Abenteuer des Werner Holt". Ja, wir hatten in der Grundausbildung auch so einen Uffz. War zum Glück nicht meiner. Unser Gruppenführer war ganz o.k. Wie Du schon sagtest, es gab solche und solche. Die Unangenehmsten waren sicher diejenigen wie heute auch unter einigen Behördenmitarbeitern und allen, die Kraft ihres Amtes Anderen etwas verbieten oder genehmigen können, aber zu Hause unter den Küchentisch kriechen und vor dem Vorgesetzten radfahren. Endlich einmal macht über Andere ausüben. Armselige Würstchen, sage ich da nur.
Das war mein Gruppenführer (der Größere auf dem Foto):





An der Grenze war es dann ja ganz anders.
Ich werd auch nie den allerersten Tag vergessen, also die "Anreise" zum Wehrdienst ab früh 6 Uhr vom WKK, wir hatten ja Zugtransport von 12 Stunden über K.-M.-Stadt und Leipzig wo die Leute im wahrsten Sinne des Wortes zusammengetrieben und in den nächsten Sonderzug verfrachtet wurden, aber holla die Waldfee, da hast du schon gewusst wo du gelandet bist.
Die Reisenden haben mit dem Kopf geschüttelt als sie sahen was auf den 2 abgesperrten Bahnsteigen abging.
Bis Magdeburg war aber die Reiseorganisation in der Hand der NVA-Genossen, wir Grenzerhanseln wurden erst da aussortiert.


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
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zuletzt bearbeitet 26.10.2015 10:47 | nach oben springen

#69

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 10:52
von Klauspeter | 987 Beiträge

Zitat von Larissa im Beitrag #64
Zitat von Klauspeter im Beitrag #60
Zitat von Larissa im Beitrag #56

Fazit: So lassen wir die Kameraden hochleben und die Genossen nicht!
Gruss, Larissa


Liebe Larissa,
hast Du Dir diese Aussage auch gründlich genug überlegt ?
Klaus



Oh, lieber @Klauspeter, nein, bitte so nicht zu verstehen, siehe grins und zwinker....... Es war ein ironisch gemeinter Satz! Manchmal schmeisse ich ein bisschen Humor mit herein, der falsch verstanden wird. Deshalb vielleicht auch, weil die Deutschen sehr verbissen um jedes Wort und Meinung kaempfen, vor allem in einem solchen Bereich wie Kameraden und Genossen und sie sehen alles immer weitaus negativer. [...]
Lieben Gruss, Larissa


Liebe Larissa,
meine Frage war etwas sporadisch. Ich hatte mir vorher im Internet zufällig einige Dukumentaraufnahmen von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion angesehen. Die deutschen "Kameraden" führten Krieg gegen die sowjetischen "Genossen". Damit erhielt Dein Satz eine Aussage, die sicher nicht in Deiner Absicht lag.
Liebe Grüße Klaus


Larissa und Cambrino haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#70

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 17:05
von Larissa | 834 Beiträge

[/quote]

Liebe Larissa,
meine Frage war etwas sporadisch. Ich hatte mir vorher im Internet zufällig einige Dukumentaraufnahmen von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion angesehen. Die deutschen "Kameraden" führten Krieg gegen die sowjetischen "Genossen". Damit erhielt Dein Satz eine Aussage, die sicher nicht in Deiner Absicht lag.
Liebe Grüße Klaus

[/quote]



Ich hab eine Geschichte für Euch in Zusammenhang mit Kamerad und Genossin
Eine wahre Begegnung, die ich mit dem Thema Kamerad und Genosse verbinde. Meine Tochter hat korrigiert so ist leichter lesbar fuer Euch.


Mein Vater war militant, durch und durch, die strenge preussische Erziehung seines Vaters und die Propaganda von Goebbels, von Vaterland und Heldentum, hatte ihn geprägt. Mit 16 freiwillig Soldat, um sein Ziel, Obersturmbandführer zu werden.

Ich liebte ihn als kleines Mädchen, hing an seinen Lippen, glaubte ihm alles. Später war meine Verachtung umso grösser. Er hasste weiterhin nach dem Krieg, nach langer Gefangenschaft in England und den USA, alles was zu tun hatte mit der Sowjetunion und den USA. Mutter, Bruder, eine herrliche Heimat in Westpreußen hatte er verloren. Und weiterhin war der Himmel voller Geigen, wenn er von seinen Kameraden sprach, die bei ihm an höchster Stelle standen. Keinesfalls war er dazu bereit einzugestehen, als SS Mann diesem Diktator beigestanden zu haben.

Ich versuchte immer wieder später mit ihm zu sprechen, auch ihm zuzuhören, ihn zu verstehen in seinem Leid. Heute weiß ich längst, das hätte ich weitaus intensiver tun sollen, und dass es mir nicht bedingungslos zustand, über ihn zu richten. Ich ging einen völlig anderen Weg, den er nicht akzeptieren konnte, und unsere Beziehung schrumpfte bis auf eine biologische Verbindung, in meiner und seiner eigenen Verbohrtheit. Generationskonflikt. Ich konnte und wollte nicht sein wie er, auch wenn er sich die größte Mühe gab, aus mir eine ‚rechte‘ deutsche Eiche zu machen.

Das Wort Genosse war für ihn ein rotes Tuch. SPD alles Handlanger des Ostens, Genosse gleich Kommunist. Kommunist gleich Abschaum der Menschheit. Er war Deutscher, sprach auch polnisch. Was ich nicht wusste damals, er konnte auch russisch ganz gut sprechen und verstehen, seine Mutter, meine Großmutter, war Russin. Als er aus der Internierung entlassen wurde in den Mitfünfzigern, hatte er sich bereits der englischen Sprache einwandfrei bemächtigt. Also ein intelligenter Mann, der meiner Meinung doch aus seiner elenden Kriegs- und Nachkriegszeit als Kamerad hätte lernen müssen.

Von meinen befreundeten Russen war einmal eine junge Studentin bei mir zu Besuch. Mein Vater weigerte sich vehement, mit Russen zu sprechen. Sein Hass kannte keine Grenzen. Ich kann das kaum wiederholen was er von sich gab. Ging man dagegen an und versuchte, die andere Seite verstehen zu wollen, stampfte er davon, schloss sich ein, spielte den Beleidigten und sprach nur noch von seinen Kameraden, die mit ihm so sehr gelitten hatten und meinte, dass diese sich im Grabe umdrehen würden, wenn sie die heutige (damalige) Jugend sehen würde. Er hielt nur die Großmächte für schuldig an allem.

Überraschend traf ich ihn eines Tages, ich hatte eine junge russische Studentin namens Olga bei mir. Oh Gott nein, ging mir durch den Kopf, was jetzt wohl kommt. Ich sah seinen gehässigen Blick und befürchtete das Schlimmste. Der Gehweg war so, dass wir aufeinander zugehen mussten. Ich blieb nah bei Olga, um das abzufangen, was wohl nun unweigerlich kommen würde. Olga sprach Englisch und auch Deutsch, und würde somit alles verstehen können, was er vorhatte, ihr an den Kopf zu werfen. Wie viel steckt in einem Menschen drin, in einem Menschen der enttäuscht war vom Leben, der hatte Strafe und hohe Verluste hinnehmen müssen. Ich sollte es in den nächsten Minuten erfahren.

Ich hatte bereits einige Zeit zuvor an seine Ehre als Soldat und als Mensch appelliert, als wir über den Krieg sprachen. Hatte ihm gesagt, dass die jungen Menschen von heute nicht schuldig waren an seinem Dilemma. Und, dass auch meine Freunde jahrgangsmäßig nicht schuldig waren, was ihre Väter, und mit dem was er und andere falsch gemacht hatten in der Vergangenheit. Millionenverluste auf beiden Seiten rührten ihn nicht, ließen ihn scheinbar kalt. Es ging ihm nur um sein Leid und um das seiner Kameraden.

Als wir auf ihn trafen an dem Tag klopfte mein Herz. Ich selbst hatte nach so viel Erlebten kaum noch Kraft. Immer nur beschwichtigen, immer nur versuchen, Ruhe anzustreben, um dem uneinsichtigen und Hass erfuellten Mann nicht weiter zu reizen. Ich bekam kaum noch Luft als er hochblickte und uns kommen sah.
Die altbekannte Pfeife in seinem Mund, sah er Olga an. Olga hat ein slawisches Gesicht, hohe Wangenknochen, ein huebsches Maedchen und völlig ahnungslos war sie, wusste nichts von meinem Vater zu dem Zeitpunkt. Ihm war jedoch bekannt, dass Besuch aus Russland bei mir war. In diesem Moment ging so vieles mir durch den Kopf. Schon einmal waren zwei Besucher vorher da gewesen. Ich musste mich damals entschuldigen für meinen Vater, hatte Erklärungsnot. Versuchte den nichtsahnenden Russen zu sagen, es wäre wegen des Krieges, und er fühle sich nicht wohl usw. Sie hatten für meine Mutter Geschenke dabei und konnten das was ich ihnen erzählte, nicht verstehen, die russische Mentalität von Frieden und Freundschaft war meinem Vater völlig gleichgültig. Die Russen waren erstaunt, sagten der Krieg wäre doch lange vorbei, so viel Leid war geschehen auf beiden Seiten. Es war eine furchtbare Situation.

Meine Mutter, die am eigenen Leib den Hass des Kriegsgegners spüren musste als sie nach Deutschland kam, wusste genau was es bedeutete, in der Fremde zu sein, und abgelehnt zu werden. Sie lud die beiden russischen Freunde und mich gegen den Willen meines Vaters ein.
Eine peinliche Situation.
Das Haus war groß genug, dass mein Vater sich zurückziehen konnte. Das tat er dann auch prompt und rigeros. Mit einem wütenden Blick auf meine Mutter, verließ er das Zimmer, gerade als der Besuch eintrat. Er kam nicht heraus, bis diese gegangen waren, wäre lieber verhungert, was er auch vor sich hinmurmelte, als diesen beiden ‚verdammten Russen‘ die Hand zu geben. Jelena war Jüdin, 1943 geboren, Sascha war 1944 fünf Jahre alt gewesen. Für meinen Vater der ewige Feind also und auch der ewig Schuldige für seine Verluste. Egal für meinen Vater, ob diese Kindeskinder oder Kindeskindeskinder waren. Was dieses Volk auch durchgemacht hatte, hat er gewusst. Wollte es nicht wahrhaben.
Es war ein hasserfülltes Szenario.

Ich ahnte also schlimmes, als er bei dieser plötzlichen Begegnung vor Olga stand und sie sekundenlang ausdruckslos ansah. Würde er sie beschimpfen, wieder eine peinliche Situation verursachen? Mein Blutdruck stieg. Ich war darauf gefasst. Dann kam er zwei Schritte auf sie zu. Ich beobachtete ihn genau, paralysiert, ob das was dann eventuell geschehen würde. War bereit, ihn davon abzuhalten, Olga zu bespucken. Das sagte er immer – die Russen sind nicht mal Spucke Wert. Ich kannte ihn nur zu gut, seine Wutausbrüche, trotz seiner sehr guten Erziehung und sein sonstiges gutes Benehmen, konnte er in Sekunden ausrasten.

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich, wurde weich. Er nahm seine Pfeife aus dem Mund. Dann reichte er Olga galant die Hand. Mit einem verschmitzten Laecheln, und mit einer kleinen Verbeugung, sagte er in einwandfreiem russisch: Kak diela moia dogorai приятельница - was so viel heisst wie Freundin oder Kameradin, fing an mit ihr zu sprechen und sagte ihr, sie wäre ein красавица девушка, ein huebsches Maedchen und dann lachend, sagte er zu ihr: kleiner Towarisch. Er lud uns ein, mit ihm zuhause чай Tee zu trinken. Und um den Schock für mich perfekt zu machen, redete er mit ihr über die guten russischen Kochkünste seiner Mutter, die auf Geheiss der Polen im Korridor von der Roten Armee verschleppt worden war. Das sagte er ihr nicht. Er war wie verwandelt und ich sah meinen Vater staunend in einem ganz anderen Licht.

Ich war plötzlich von einem angenehm warmen Wind umgeben. Ich blieb ganz still und schaute mir den alten deutschen Soldaten an, der nur schimpfend und hasserfüllt seit 1945 durch das Leben gegangen war und mit seinem Benehmen gegenüber der jungen Russin dreimal über seinen eigenen Schatten gesprungen war. Eine ganze Weile stand ich daneben und wollte nicht glauben was ich sah und hörte.

Ich unterließ es, ihn auf diese Begegnung jemals anzusprechen. Ich wollte ihm gerne sagen, daß ich stolz auf ihn wäre. Ich tat es nicht. Heute ist mir bewusst, dass es richtig war von mir, ihn in seinem Leid, aber auch nach dieser schönen Situation, ihn mit seinen Überlegungen alleine zu lassen. Einen solchen Menschen, kann man nicht so einfach gesunden lassen, ihm allenfalls helfen weiter mit dem Leid und dem Leben auszukommen, deshalb ist es mir wichtig immer zu versuchen, mit allen auszukommen, so gut wie möglich. Ich sehe heute auch oft, dass sich diese älteren Kameraden sich nach 60-70 Jahren so schwer tun, und sich genau so benehmen.

Das Narben zurückblieben damals bei den Menschen ist klar, und damit ist auch für mich die Diskrepanz in Deutschland zwischen Genosse und Kamerad nicht schwierig zu verstehen. Trotzdem habe ich mich gefragt, was an diesem Nachmittag in meinem Vater vorgegangen sein muss. Ich bin mir sicher, er hatte nicht vor, mit Olga über den Krieg zu reden. Nie hätte er ihr Vorwürfe gemacht. Alles was an Hass in ihm verborgen und stets in gewissen Situationen präsent wurde, hat er in dieser Stunde zurückgestellt. Und, dass er sie ‚kleine Kameradin‘ genannt hat, war für mich unglaublich. Ich sah ihn mit anderen Augen an, und war mir seither sicher, dass er, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte, auch mit Kriegsveteranen und russischen Tovarishi gesprochen hätte.

An ihn persönlich adressiert, schrieb Olga ihm später einen unbedarften lieben Brief aus dem Kawkas und dankte ihm für seine Gastfreundschaft. Ich fragte meine Mutter was er zu diesem Brief gesagt hätte. „Der kann nichts dazu sagen“ sagte sie leise. "Das schafft er nicht, aber den Brief liest er immer wieder.“ So hat kleine Kameradin bei dem alten Kameraden sicher viele Gedanken aufkommen lassen. Nebenbei, muss ich erwaehnen, dass sie Genossin war auch. Er wusste es.
Lieben Gruss, Larissa

.........


"Keine Jagd ist so wie die Jagd auf Menschen und die, die lange genug Menschen gejagt haben, die Spaß daran hatten, interessieren sich nie wieder für etwas anderes." — Hemingway
vs1400, polsam, DoreHolm, Klauspeter, Hackel39, thomas 48, Fritze, GKUS64, Rainer-Maria Rohloff und der 39. haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.10.2015 17:07 | nach oben springen

#71

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 20:27
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Es gibt sie definitiv, die Kommunikationsblockade.
Inspiriert durch Larissas Worte aus dem Vorbeitrag muß ich trotz meiner nur fünfjährigen "Laufzeit" als Genosse konstatieren, daß man bei den heutigen Begegnungen der damaligen Mitstreiter aus den Betriebs-, Partei-, u.a. Leitungen instinktiv nach anderen gemeinsamen Schnittstellen als diesem Aspekt der eigenen Vergangenheit beim Plausch am Bahnsteig, dem Gartenzaun oder Warteraum vom Zahnarzt sucht.
Erst wenn der Verlauf des Schwätzchens es zuläßt und alles aktuelle "durchgekaut" ist kommt es gelegentlich dazu, sich Vorgängen aus dieser gemeinsamen Zeit unterm Ährenkranz zu widmen, wenngleich es auch dann recht oberflächlich bleibt.
Ist es gar Scham, sich über gemeinsam begangene Eseleien wie Kampfprogramme, Schrottsammelaktionen und die im kindlichen Eifer kreierten Wandzeitungen neben der Werkzeugausgabe des Bahnbetriebswerkes entspannt und selbstironisch auszutauschen ?
Aus dem damaligen Umfeld heraus und unter dem Aspekt der Zwänge, die jene Zugehörigkeit zur führenden Partei mit sich brachten ging ja alles in Ordnung, auch wurden ja keine Verbrechen begangen und trotzdem sieht vieles vom biografischen Podest, das mit den Jahren (der Erfahrung) aufgebaut wurde recht putzig aus, ohne alles in Frage stellen zu wollen.
Aktivität und Begeisterungsfähigkeit sind allgemein ja keine negativ besetzten Charakterzüge und so wie sich andere über ihre damaligen Frisuren kaputt lachen, meine ich auch, daß man vieles mit weniger Wellen besser hingekriegt hätte, ob es gar in der Summe zum Sieg des Sozialismus gereicht hätte, müssen wir anderswo klären.
Tragisch finde ich aber, daß sich selbst nach Jahrzehnten der Stasihatz,z. B. der BILD zeitung Halle dort medial geschlachtete kleine und große Genossen offenbar immer noch im Turm der ewigen Schuld eingesperrt fühlen....
Die Zombies von heute hatten keine Schnittstellen mit der Stasi mehr und richten trotzdem innerhalb einer Wahlperiode unvorstellbare Schäden an, da sollten doch die kleinen Leute besser unabhängig von ihrer Vergangenheit wieder zusammen rücken und sich dieser Vergangenheit unverkrampft und offen stellen.



vs1400, Larissa, Fritze und der 39. haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.10.2015 21:41 | nach oben springen

#72

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 21:05
von DoreHolm | 7.698 Beiträge

Zitat von Hackel39 im Beitrag #71
Es gibt sie definitiv, die Kommunikationsblockade.
Inspiriert durch Larissas Worte aus dem Vorbeitrag muß ich trotz meiner nur fünfjährigen "Laufzeit" als Genosse konstatieren, daß man bei den heutigen Begegnungen der damaligen Mitstreiter aus den Betriebs-, Partei-, u.a. Leitungen instinktiv nach anderen gemeinsamen Schnittstellen als diesem Aspekt der eigenen Vergangenheit beim Plausch am Bahnsteig, dem Gartenzaun oder Warteraum vom Zahnarzt sucht.
Erst wenn der Verlauf des Schwätzchens es zuläßt und alles aktuelle "durchgekaut" ist kommt es gelegentlich dazu, sich Vorgängen aus dieser gemeinsamen Zeit unterm Ährenkranz zu widmen, wenngleich es auch dann recht oberflächlich bleibt.

Ist es gar Scham, sich über gemeinsam begangenen Eseleien wie Kampfprogramme, Schrottsammelaktionen und die im kindlichen Eifer kreierten Wandzeitungen neben der Werkzeugausgabe des Bahnbetriebswerkes entspannt und selbstironisch auszutauschen ?
Aus dem damaligen Umfeld heraus und unter dem Aspekt der Zwänge, die jene Zugehörigkeit zur führenden Partei mit sich brachten ging ja alles in Ordnung, auch wurden ja keine Verbrechen begangen und trotzdem sieht vieles vom biografischen Podest, das mit den Jahren (der Erfahrung) aufgebaut wurde recht putzig aus, ohne alles in Frage stellen zu wollen.
Aktivität und Begeisterungsfähigkeit sind allgemein ja keine negativ besetzten Charakterzüge und so wie sich andere über ihre damaligen Frisuren kaputt lachen, meine ich auch, daß man vieles mit weniger Wellen besser hingekriegt hätte, ob es gar in der Summe zum Sieg des Sozialismus gereicht hätte, müssen wir anderswo klären.
Tragisch finde ich aber, daß sich selbst nach Jahrzehnten der Stasihatz,z. B. der BILD zeitung Halle dort medial geschlachtete kleine und große Genossen offenbar immer noch im Turm der ewigen Schuld eingesperrt fühlen....
Die Zombies von heute hatten keine Schnittstellen mit der Stasi mehr und richten trotzdem innerhalb einer Wahlperiode unvorstellbare Schäden an, da sollten doch die kleinen Leute besser unabhängig von ihrer Vergangenheit wieder zusammen rücken und sich dieser Vergangenheit unverkrampft und offen stellen.



Grün: Ich habe immer noch nicht ergründen können, warum immer ein freudiges Hallo kommt, wenn ich in meine alte Firma komme und auf die noch vorhandenen, jetzt auch kurz vor der Rente stehenden Kollegen/innen treffe. Und das, obwohl ich von 77 - 88 der BPO-Sekretär und (unter anderen technischen Funktionen) auch der Arbeitsnormer war. Also eine unbeliebtere Kombination gibt es wohl kaum. Erst kürzlich traf ich im Warteraum eines Arztes eine Kollegin aus der Kleinabfüllung. Sie kam in´s Schwärmen, als sie von unseren FDJ-Veranstaltungen erzählte (Radtouren, Kino, Wanderungen, 2 x zelten im Harz u.a.), die ich organisiert hatte. Die beiden Kollegen, die mir damals sagten "Dich kriegen wir auch noch", (war wohl vorrangig wegen der Normen. Ich schrieb schon mal dazu, von 160% NE auf 130% bei 5,5 h AZ-Auslastung) habe ich nie wieder gesehen. Ich kann wohl davon ausgehen,daß ich nicht als autoritärer, 150%iger Parteibonze in Erinnerung geblieben bin.



Larissa und der 39. haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.10.2015 21:06 | nach oben springen

#73

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 21:40
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #72
Zitat von Hackel39 im Beitrag #71




Grün: Ich habe immer noch nicht ergründen können, warum immer ein freudiges Hallo kommt, wenn ich in meine alte Firma komme und auf die noch vorhandenen, jetzt auch kurz vor der Rente stehenden Kollegen/innen treffe. Und das, obwohl ich von 77 - 88 der BPO-Sekretär und (unter anderen technischen Funktionen) auch der Arbeitsnormer war. Also eine unbeliebtere Kombination gibt es wohl kaum. Erst kürzlich traf ich im Warteraum eines Arztes eine Kollegin aus der Kleinabfüllung. Sie kam in´s Schwärmen, als sie von unseren FDJ-Veranstaltungen erzählte (Radtouren, Kino, Wanderungen, 2 x zelten im Harz u.a.), die ich organisiert hatte . Die beiden Kollegen, die mir damals sagten "Dich kriegen wir auch noch", (war wohl vorrangig wegen der Normen. Ich schrieb schon mal dazu, von 160% NE auf 130% bei 5,5 h AZ-Auslastung) habe ich nie wieder gesehen. Ich kann wohl davon ausgehen,daß ich nicht als autoritärer, 150%iger Parteibonze in Erinnerung geblieben bin.



Genau das meine ich aber mit "oberflächlich".
Die kuturellen Aspekte der Jugendarbeit sind durchweg eine wertfreie Kategorie, worüber hätte man hier wohl streiten wollen, über die Reisegeschwindigkeit der Fahrradkolonne ?
Ich meinte Gespräche über knallharte Analysen bezüglich der eigenen Mitschuld am Scheitern des Systems, wenngleich die heute nur noch für Historiker von Belang sind aber eben als solcher bin ich unterwegs wenn auch nur auf dem Hobbyniveau.
Warum ging Jugendlok 131 007 mit abgesperrten Temperaturwächtern, ungeputzten Fenstern und losen Kurbelwellenlagerschalen aus dem Wartungs- bzw. Reparaturstand, warum hat man dem einem beim BBU (Bahnbetriebsunfall) 2. Grades die Lohngruppe gekürzt und dem anderen die ruhigen Beimannschichten am Blankenheimer Tunnel für sechs Monate Strafzeit mit dem regulären Lokführergehalt bezahlt?
Warum war für die einen immer der betriebseigene Bungalow nachmittags nutzbar und für andere nicht, warum konnte der Heizer die Reste der Kantine privat verfüttern und der Drehscheibenwärter nicht ?
Kinderkram ? Ganz und gar nicht, es gab leitungsmäßig geduldete Willkür, die mit mir selbst zwar kaum zu tun hatte aber trotzdem nach Aufklärung schreit da sie in der Hochrechnung des Unrechts zur ethischen Kontaminierung des Betriebsklimas und somit auch des Überbaus der sozialistischen Gesellschaftsordnung beitrug.
Immerhin mußte man davon ausgehen, daß es so etwas auch in anderen Betrieben gab und hier die SED entweder eine Rolle spielte oder es mit der Partei eben nichts zu tun hatte und das gilt es herauszufinden um Verantwortung zuzuweisen, nicht um zu stänkern, sondern wie beschrieben um zu analysieren.
Und so gibt es hunderte offener Fragen im Forschungsfeld Eisenbahnbiotop Ende der 1980er Jahre für mich die in der verschmusten Atmosphäre der Veteranentreffen und am Gartenzaun nicht zur Sprache kommen.
Alles auf das Unvermögen der SED, paranoide Stasigeneräle oder Konstruktionsfehler der Planwirtschaft zu schieben scheint mir zu kurz gedacht und ich muß unweigerlich an den Aufstieg meiner Firma denken, den es ohne mitdenkende und ambitionierte Fachleute der unteren Ebene niemals gegeben hätte, zu weit weg vom Bahnbetrieb waren einst die Gründer, die hatten nur eine Vision und ein bißchen Kapital und der Rest war Urvertrauen, Mut und wie gesagt eine ambitionierte Mannschaft, die damals noch wußte, wo sie her gekommen ist (DB Zeitarbeit, Hartz 4, Mc Donalds- Stand usw.).
Die Entwicklung der DDR ist an vielen Prüfpunkten dieser Firmenhistorie vergleichbar und genau deshalb sind für jegliche Analysen knallharte Fragen zu klären vor denen 90% der wirklich aussagefähigen Vertreter meines Bekanntenkreises leider Angst haben.



thomas 48, vs1400, DoreHolm, Larissa und der 39. haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#74

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 26.10.2015 23:42
von Larissa | 834 Beiträge

Zitat von Hackel39 im Beitrag #73
Zitat von DoreHolm im Beitrag #72
[quote=Hackel39|p499883]



Die Entwicklung der DDR ist an vielen Prüfpunkten dieser Firmenhistorie vergleichbar und genau deshalb sind für jegliche Analysen knallharte Fragen zu klären vor denen 90% der wirklich aussagefähigen Vertreter meines Bekanntenkreises leider Angst haben.


Denkst Du nicht, @Hackel39 -dass es wird Zeit, diese Angst abzulegen und zwar kollektiv. Ich weiss, ebenso ein nicht angenehmes Wort in Deutschland. Sagen wir mal, anstatt kollektiv - in der Gesamtheit - und ohne die seit 25 Jahren vorgegebenen Klischees der anderen Seite. Nach dem die komplette Generationenwechsel erfolgt ist und die Menschen wieder ihre Stimme finden.
Sinnvoll waere das schon, denn kein Staat dieser Welt ist nur auf Beton gebaut, und kein Staat kann sich in der heutigen Zeit in Sicherheit waehnen. Es hiess immer, gemeinsam sind wir stark.... und war nicht nur in der DDR eine Floskel. United we stand…und die USA ist laengst pleite und nichts erledigt in der Rassenfrage. Die Spirale einer großen Krise weltweit ist bereits sichtbar.

War alles auf Sand gebaut in der DDR? Ich beschrieb in meinem Buch, daran duerftest Du Dich erinnern, dass bei der ersten Welle, die anscheinend ueber Jahre erbaute standfeste Burg sofort hinweg gespuelt wurde. Und eben, das lag nicht an den von Dir erwaehnten paranoiden Stasigeneraelen oder der SED nur.

Liegt es heute daran, dass die Menschen sind nicht interessiert an Analysen, im Gegenteil diese verabscheuen - weil sie genau wissen, dass sie selbst dabei sich outen und erkennen muessten, dass auch ihre Wenigkeit - ob sie gewesen sind Stasi, Mitlaeufer oder dem Staat treuer und pflichtbewusster Buerger, den vielleicht groessten Teil im Sozialismus einst in der Hand hielten, und sich diese Macht sehr schnell haben einfach wegnehmen lassen.

Schämen sie sich, genau wie sie sich wundern wie @DoreHolm es fuer sich beschreibt wenn er feststellt und sich darueber wundert, wie die Ehemaligen seiner Firma reagieren, naemlich anders als gedacht. Fragen über Fragen.

Es ist m.E. Wert, Geschichte in jeglicher Form und Schwere aufzuarbeiten, warum also nicht des eigenen Brudervolkes in der DDR. Ich denke jedoch, der Zeitpunkt ist verstrichen. Ein gerupfter Hahn kraeht nicht mehr. Das Volk, das einst die Klaue des einen entkam, befindet sich nun in der Klaue des anderen.

Sehen wir genau hin, es ist in den letzten Dekaden ganz ersichtlich, dass auch auf westlicher Seite die Macht vom Volke laengst nicht mehr ausgeht, ob Wahlen oder Hirngespinste ueber Demokratie und Rechtstaatlichkeit, die jeden Tag unterhoehlt werden, weil es anders nicht mehr laeuft.

War der Untergang der DDR in Wirklichkeit nicht nur eine DDR-Angelegenheit, die auf ein neue Lebensweise insgesamt hinweist, hervorgerufen durch Verdruss unter Anleitung der Politik, die nur mit dem Zutun oder der Traegheit der Buergern so verlaufen konnte? Die Braunen gehen auf die Strasse (ich lasse die, welche keine Nazis sind aus diesem Dialog heraus) waehrend alle anderen wie hypnotisierte Karnickel zwar beobachten, aber sich nicht mehr regen, und die Politik so weiter wirtschaften laesst.

Erhebt sich da nicht die Frage, wie lange geht das noch gut? Die einen wurden also stillgehalten durch die diktatorische Uebernahme der Macht, indem ihnen Volkesmacht vorne wurde uebertragen und hinten herum sofort wieder genommen wurde.
Die anderen auf vermeintlich sichere Seite werden exakt genau so im Grunde ihrer Freiheits- und Mitgestaltungslust beraubt. Mit scheinbar besseren, ihnen vorgegaukelten ‚guten‘ Regeln? die nur einen anderen Namen tragen. Was haben die, die etwas sagen, wirklich zu sagen? Denn die Probleme haeufen sich, wie in der DDR haben die Menschen die Nase voll. Es wird nur mit anderen Mitteln gearbeitet und kommt irgendwann auf das Gleiche heraus. Fuer mich ist die Übernahme durch Staatswegen bereits nicht nur im vollen Gang, sondern ist Fakt. Das ist nicht nur in Russland, sondern in den USA und der EU so.

Mit vielen Parallelen aehnlich der DDR Geschichte, sind die USA und die EU auch zu riesigen Ueberwachungsstaaten mutiert, und zwar des kleinen Mannes. Das heisst, der Umgang der Geheimdienste bleibt im aeusseren Machtbereich genau so bestehen als Normalitaet.
Der heimliche Umgang mit dem Volk ist ein anderes Fest. Hier geht es um die Überwachung der eigenen, denen bereits die Stimme genommen wurde. Der einzige Unterschied in diesen klassischen Feldzuegen der Politik - die DDR hatte starke Gegner, die den Verfall der DDR bewusst und kapitalistischerseits beschleunigten. Europa und die EU haben dieses nicht zu befuerchten, sie koennen deshalb agieren wie sie wollen, ohne Ruecksicht auf die Menschen, die sie bereits voellig im Griff haben. Oder von denen sie glauben, sie im Griff zu haben.
Das dachten die SED und das dachten die SU Oberen auch.
Gruss, Larissa


"Keine Jagd ist so wie die Jagd auf Menschen und die, die lange genug Menschen gejagt haben, die Spaß daran hatten, interessieren sich nie wieder für etwas anderes." — Hemingway
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#75

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 27.10.2015 00:16
von Hanum83 | 4.775 Beiträge

Die einfachen Menschen hatten den Sozialismus damals selbst in der Hand.
Ja sicherlich doch, ich geh mal ins Bett Genossen, dort ist der eigentliche Ort der Träume


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
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zuletzt bearbeitet 27.10.2015 00:20 | nach oben springen

#76

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 27.10.2015 04:45
von B208 | 1.351 Beiträge

Moin , bei uns im BGS gab es auch den Kameraden , im Verlauf meiner Dienstzeit wurde da so ganz langsam der Kollege daraus .

Es war aber nie eine Anrede . Die Anrede war "Herr" oder und " Dienstgrad " .
Kamerad Maier Müller Schulze hat keiner gesagt .

Aber es gab den Kameraden . Wenn ich über meinen Tagesablauf , meinen Dienst , einen Einsatz in der Familie oder bei Freunden erzählte/erzähle , dann spreche ich von dem,den Kameraden und ohne grosse Nachfragen und Erklärungen weiß jeder wen ich meine .

Eigentlich haben wir immer in Abwesenheit der Personen gegenüber Dritten von Kamerad oder Kameraden gesprochen .

"Kamerad , gib mir mal den Bohnerbesen" , " Kamerad , du sollst zum Spieß kommen " soetwas gab es nie .

Wohl aber drei Tage später bei der Familie " ....und dann musste der Kamerad beim Spieß erscheinen "

Auch hier im Forum ist es wohl besser wenn man auf Kameradensuche geht .
Sollten wir doch auch an die jungen Leser denken , die gar nicht wissen was mit Genosse , in Bezug auf eine militärische Anrede , gemeint ist .

Passend dazu der Krenzsmiley .


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#77

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 27.10.2015 10:09
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Larissa im Beitrag #74
Zitat von Hackel39 im Beitrag #73
Zitat von DoreHolm im Beitrag #72
[quote=Hackel39|p499883]



Die Entwicklung der DDR ist an vielen Prüfpunkten dieser Firmenhistorie vergleichbar und genau deshalb sind für jegliche Analysen knallharte Fragen zu klären vor denen 90% der wirklich aussagefähigen Vertreter meines Bekanntenkreises leider Angst haben.


Denkst Du nicht, @Hackel39 -dass es wird Zeit, diese Angst abzulegen und zwar kollektiv. Ich weiss, ebenso ein nicht angenehmes Wort in Deutschland. Sagen wir mal, anstatt kollektiv - in der Gesamtheit - und ohne die seit 25 Jahren vorgegebenen Klischees der anderen Seite. Nach dem die komplette Generationenwechsel erfolgt ist und die Menschen wieder ihre Stimme finden.
Sinnvoll waere das schon, denn kein Staat dieser Welt ist nur auf Beton gebaut, und kein Staat kann sich in der heutigen Zeit in Sicherheit waehnen. Es hiess immer, gemeinsam sind wir stark.... und war nicht nur in der DDR eine Floskel. United we stand…und die USA ist laengst pleite und nichts erledigt in der Rassenfrage. Die Spirale einer großen Krise weltweit ist bereits sichtbar.

War alles auf Sand gebaut in der DDR? Ich beschrieb in meinem Buch, daran duerftest Du Dich erinnern, dass bei der ersten Welle, die anscheinend ueber Jahre erbaute standfeste Burg sofort hinweg gespuelt wurde. Und eben, das lag nicht an den von Dir erwaehnten paranoiden Stasigeneraelen oder der SED nur.

Liegt es heute daran, dass die Menschen sind nicht interessiert an Analysen, im Gegenteil diese verabscheuen - weil sie genau wissen, dass sie selbst dabei sich outen und erkennen muessten, dass auch ihre Wenigkeit - ob sie gewesen sind Stasi, Mitlaeufer oder dem Staat treuer und pflichtbewusster Buerger, den vielleicht groessten Teil im Sozialismus einst in der Hand hielten, und sich diese Macht sehr schnell haben einfach wegnehmen lassen.
......




Meinerseits ist diese Angst längst abgelegt und die ständige Abgleichung der Vorgänge eines neu gegründeten Unternehmens mit denen einer neu gegründeten Republik fördert immer wieder unglaubliche Duplizitäten zu Tage, die mich ständig zu Brückenschlägen in eben diese Zeit veranlassen auch wenn das einige hier insgeheim als pathologisch bezeichnen.
Grundtenor meines internen Forschungsergebnisses ist, daß bei 90% aller Pannen des Eisenbahnbetriebes am Beginn der Kausalkette eine Person der gleichen Hierarchie= ein Kollege steht und das kann man auf die Makropsychologie eines Staatswesens hochrechnen, so meine Aussage, die ich hier gerne und mit sportlichen Ansatz (es geht ja eigentlich um nichts) verteidigen werde auch wenn ich auf diesem Wege schon recht häufig angeeckt bin.
Das alles als Obrigkeitsdenken und Kadavergehorsam auszulegen ist nicht angemessen, wenngleich ich weiß, daß ich ausgebeutet werde und ohne Disziplin und Treue Probleme bekommen würde.
Es geht in den Wirtschaftsbeziehungen gleich welcher Art um Partizipation, und wenn das Gewinde überdreht wird, gibt es halt Zoff und da gehe ich in meinem Gestaltungsbereich recht weit wenn das nötig ist.
Die Sache mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist angesichts der Schattenwirtschaft im Sozialismus nie abgeschafft worden, wenn auch in den Geschichtsbüchern der POS etwas ganz anderes proklamiert wurde.
Leider kommt es nur sehr selten vor, daß Betroffene und Aktivisten des alten Regimes im Gespräch eine gemeinsame Frequenz finden um sich selbstkritisch auszutauschen, hier in der Anonymität des Forums ist das aber leichter möglich als in der unmittelbaren Nachbarschaft, deshalb ist und bleibt es allgemein auch so wertvoll, aber das nur nebenbei.



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#78

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 15.09.2016 14:44
von matzelmonier79-2 | 28 Beiträge

Zitat von Cambrino im Beitrag #15
Zitat von Gert im Beitrag #8
Zitat von Fritze im Beitrag #3
Möchte wissen wieso" Kamerad " einen Beigeschmack hat ? Zu meiner aktiven GST.Zeit wurden wir nur mit Kamerad angesprochen !

In der vormilitärischen Ausbildung wurde auf die Anrede Genosse wert gelegt ,das ist unumstritten ,aber die selben GST- Ausbilder redeten uns bei Aktivitäten der einzelnen Sektionen wieder mit Kamerad an !

@Cambrino Richtig ist die Anrede im heute ,welche Du bevorzugst ! Möchtest Du mit "ehemalge Genossen der Grenztruppen " anreden ?

Ich glaube nicht .

MfG Fritze


ein Kompromiss: Volksgenosse , huch, duck und wech


Hallo Gert, ich habe die verschiedenen Meinungen hier gelesen, es soll jeder die Anrede nutzen wie er es für Richtig hält. Mit meiner Frage wollte ich erfahren, ob die Anrede " Kamerad " offiziell bei den Grenztruppen eingeführt wurde oder ob man sich diese Anrede nach der Wende selbst zugelegt hat z.B. für dieses Forum. Für mich sind es ehemalige Angehörige der DGP - GT - NVA - MFS - VP usw.
In meiner Grundausbildung 1956 in Eisenach hat man uns z.B. gelehrt wie man grüßt , mit und ohne Kopfbedeckung, bei Begegnung mit Vorgesetzten wer zuerst zu grüßen hat. Die Anrede war grundsätzlich " Genosse " ( man sagte uns die Anrede " Kamerad " gab es in der Wehrmacht bis 1945 und dann bei der BW in der BRD ). Damit wollte man nichts zu tun haben. An der Grenze hat man sich auch meistens bis zum Hfw. mit Du angesprochen und das Grüßen nahm man auch nicht mehr so genau. Also ich habe nichts gegen die " Kameraden " hier im Forum und macht weiter wie bisher ( auch mit der Anrede "Kamerad" )

Gruß CAMBRINO



In meiner Einheit wurde bis zum Gruppenführer "Du" gesagt, Ab Zugführer wurde nur noch mit Dienstgrad und "Sie" angeredet. Beispiel.
"Hauptmann, darf ich sie mal sprechen". oder" Hauptfeld, ich hab da mal ne Frage". Ausnahmen waren Meldungen über Lagen und Anreden an Offiziere und Generäle aus anderen Einheiten.
Die Offiziere sprachen alle Soldaten und Unteroffiziere mit " Gefreiter Nachnahme" oder" Feldwebel Nachnahme" an. Fand ich sehr angenehm.

matzelmonier79-2



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#79

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 15.09.2016 16:25
von Hanum83 | 4.775 Beiträge

In der GK, alle per du, Soldaten, Gackels, Zugführer, Ausnahmen, zwei altgediente Stabsoberfähnriche, der TA und der Spieß.
Natürlich auch das Führungsdreigestirn.
Grußerweisung wollten auch die nicht, man ging normal aneinander vorbei mit Tagesgruß ohne "Genosse Dienstgrad".
Kopfbedeckung wurde auch nicht getragen, außer Klumpen vom Bat. oder Regiment waren da, da hatten sich die Kompanie-Oberen Affentheater für die Staber auserbeten, also Deckel auf und zackig grüßen, war aber lustig, da brülltest du auch mal wie ein Angestochener "Genosse Major, gestatten sie das ich vorbeigehe?"
Anschließend hast du dich innerlich fast beeimert weil der KC selber ganz erschrocken zusammengezuckt war


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
zuletzt bearbeitet 15.09.2016 16:28 | nach oben springen

#80

RE: Ehemalige Kameraden oder Genossen

in DDR Grenzsoldaten Kameraden suche 15.09.2016 16:45
von Blitz_Blank_Kalle | 322 Beiträge

Als wir 1991 nach der Grundausbildung in Laage morgens antraten, kam auch promt der Stellvertreter vom Spieß an und begrüßte uns Bundeswehrsoldaten mit "Guten morgen Genossen".

Er hat es dann aber auch gleich eingesehen... War halt nur der Vertreter vom Hfw. und ehemaliger NVA-Soldat. Lag wohl noch so drinne.


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