#1

Der „geschweißte“ Zugausgang

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 02.09.2008 21:25
von HHausen88 | 36 Beiträge
Ich weiß nicht, ob die Sprache in allen Grenzkompanien ähnlich war, deshalb eine kurze Erklärung vorab. „Schweißen“ war bei uns ein Begriff für etwas falsch, kaputt oder zu spät machen. Eine pünktliche Ablösung wurde durch einen Grenzalarm geschweißt, ein Urlaub durch einen Befehl zu erhöhter Einsatzbereitschaft. Leute, bei denen häufig etwas daneben ging, waren demzufolge „Schweißer“.

Ein Zugausgang war äußerst selten: Alle 4 Gruppen sollten heute im „Eichsfelder Hof“ einrücken. Das war was Besonderes, obwohl wir uns ja auch sonst täglich sahen. Aber eben nie so ungezwungen beim Bier. Auch konnte man die Vorgesetzten mal von einer 'privaten' Seite kennen lernen. Die anderen Züge übernahmen unsere Dienste bis morgen Mittag, auch von Alarmgruppe und ÜP waren wir in dieser Nacht befreit.

Die Ausgangsuniformen saßen schon perfekt, wir waren freudig auf dem Weg zur ‚Verabschiedung’ durch den Spieß. „Mensch, H. ! Deine Schuhe ! So lässt der dich doch der Spieß nie raus – komm, kümmere dich, wir wollen jetzt los !“. Endlich alles perfekt.
Der Zugführer kommt.

„Alles wieder umziehen !“
Wir – schon in Ausgangsstimmung – „Haha, guter Witz !“
„Nein, im Ernst ! K. ist wieder ausgebüchst – es ist ab sofort verstärkte Grenzsicherung befohlen, zieht euch um, in 10 Minuten ist Befehlsempfang.“

Na prima! K war ein Junge aus einem Dorf am Rand der Sperrzone, der in W. im Jugendwerkhof einsaß. Immer wenn er dort mal ausbrechen konnte (und das war jetzt bereits das 3. mal in meiner Dienstzeit) war bei uns Alarmbereitschaft. Man hatte Angst, dass er aufgrund seiner Ortskenntnis nicht nur der Strafanstalt, sondern auch gleich der ganzen Republik den Rücken kehrt.

Ok, umziehen, Funkempfang, Waffenempfang und ab zum Befehlsempfang.

„ ... Vergatterung !
Ach, und fahrt doch noch schnell am Eichsfelder Hof vorbei und holt dort die bestellten Schnitzel ab – der Wirt bleibt sonst auf 'zig fertigen Essen sitzen. Ich habe dort schon angerufen! Nehmt sie Euch mit zum Abendessen. “

Na, wenigstens etwas, nettes Zugeständnis vom KC !
Am „Eichsfelder Hof“ blieb es dann nicht nur bei den Schnitzeln, der Wirt verkaufte uns auch bereitwillig noch ein paar Bier, und auch noch ein bisschen „Kompott“. Das war zwar nicht die Regel, aber heute war der Frust doch zu groß und die Gelegenheit zu günstig. Einpacken und mit dem Ello ab zum Abschnitt.

Wir waren zu sechst als A-Gruppe + Posten auf die alte Führungsstelle befohlen. Unterwegs noch ein paar Leute absetzen, dann machten wir es uns im Turm ‚gemütlich’. Erfahrungsgemäß dauerten diese Einsätze mindestens bis zum nächsten Mittag.

Ok, also erstmal Abendbrot, mit einem lecker Bierchen, sechs Kameraden – doch noch ganz angenehm. Die Schnapsflasche kreist und wir merken, wie der ungewohnte Alkohol seine Wirkung entfaltet. Nach einer reichen Stunde hatten wir alle ganz schön einen in der Krone.

Auf einmal bimmelt die Führungsstelle uns an.
„Abbruch Maßnahme, die Bahnpolizei hat K. geschnappt. Alle wieder zurück in die Kompanie“.
Ui, das war jetzt aber blöd. Wir hatten alle eine deutliche Fahne und unseren ELLO – Fahrer hatte es ziemlich erwischt. Aber es half nichts, aufräumen und ab ging’s. Leute Aufsammeln – niemand vergessen! Schön langsam fahren ..

Jetzt noch eine möglichst deutliche Meldung am GZS – Tor.
„... SSSpurensicherung hergestellt !“ Schwieriges Wort heute irgendwie!

„Wenn wir jetzt in die Kaserne kommen: ganz schnell MPi polieren, abgeben und ohne mit jemanden zu sprechen ab in die Zimmer“. Unsere EKs organisierten den gedeckt- getarnten Einzug ins Objekt. Wir hielten uns dran und kamen unbeschadet in unsere Betten.

Wahrscheinlich hat mindestens der Waffen – Uffz unsere Alkoholfahnen gerochen. Verpetzt hat uns aber diesmal niemand. Glück gehabt.

Das war übrigens das einzige mal, das wir im Dienst getrunken haben und ich bin sicher, das war überall ähnlich.
Deshalb erinnere ich mich auch noch so gut daran.

Vielleicht wird hier ein wenig klar, das wir ‚ganz normale Jungs’ waren.

In diesem Sinne !


zuletzt bearbeitet 02.09.2008 21:30 | nach oben springen

#2

RE: Der „geschweißte“ Zugausgang

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 26.08.2009 16:19
von westsachse | 464 Beiträge

Bei uns gab es den Begriff des Lagenschweissers. Könnte man in's Lexikon aufnehmen. Das war zum Beispiel eine Führungskraft, die schon wegen etwas Hundegebells die A-Gruppe in die Abriegelung geschickt hat. Es gab aber auch Posten, die GSZ oder Signalgeräte ausgelöst haben und dann nicht schnell genug "Auslösung eigene Kräfte" gemeldet haben. Sinnlose Handleuchtzeichen oder einen Kalten rauslassen waren Handlungen des Lagenschweissers.

Gruß

westsachse


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