#41

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 09:07
von Hanum83 | 4.719 Beiträge

Ich glaube nicht das man induviduelle Charakterdefizite wie Mobbing an einer Gesellschaftsform festmachen kann.
Wir waren damals in einer Brigade 10 Bauarbeiter im Alter zwischen 16 (die zwei Lehrlinge) und 65, die alten hatten schon in vorsozialistischen Zeiten auf dem Bau malocht und waren harte Kerle, ob wir nun am Sozialismus werkelten oder nicht war uns nicht so bewusst, wir hatten was zu bauen, wie das nun mal so ist am Bau und am Monatsende gab es Geld dafür.
Es war eine Zeichnung da, Material was verbaut werden musste, vermutlich wie überall auf der Welt, ich seh da keinen tieferen sozialistischen Einfluss und die 10 Mann mussten halt irgendwie miteinander zurechtkommen.
Ich erinnere mich an einen Kollegen, den Hubert, der war nicht besonders helle und etwas umständlich, der bekam immer viel ab und musste die dreckigsten und unangenehmsten Arbeiten machen, wie das nun mal so ist, da kam kein Parteisekretär die Ecke rum und hat gesagt "macht das mal nicht mit dem Hubert, das ist nicht in Ordnung".
Wir hatten ja auch blos einen Bauwagen auf einer schlammigen Baustelle, da kam sowieso nie ein Parteisekretär hin, hatten ja bei den 10 Mann auch nicht einen einzigen Genossen am Start, hätten wir eventuell einen gehabt wärs dem Hubert vielleicht besser ergangen, vielleicht.


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
Freienhagener hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.09.2015 09:10 | nach oben springen

#42

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 09:46
von Moskwitschka | 2.529 Beiträge

Danke für eure vielen Beiträge. Ich gehe als Threaderöffnerin bewußt nicht auf einzelne Beiträge ein, denn jeder steht für sich und den Erfahrungen, die jeder einzelne mit dem Thema gemacht hat.

Als ich jetzt den Beitrag von Grenzwolf @Hanum83 gelesen habe, der die Frage aufgeworfen hat, ob ein Parteisekretär in seiner Baubrigade eingegriffen hätte, fiiel mir folgende Geschichte aus der Mitte der 50 - iger Jahre ein, über die, die sie erlebt hat, nie gesprochen hat.

Beim Studium ( egal in welcher Fachrichtung) war der Marxismus - Leninismus fester Bestandteil. Und es gab tatsächlich Studenten, die sich dem verweigert haben - durch einfaches wiederholtes Fernbleiben. Dementsprechend sind auch die Ergebnisse in diesem Studienfach ausgefallen. Gerade so, das der Semesterabschluß nicht gefährdet war. Das nervte einige Studienkollegen der Seminargruppe, ob Genossen oder nicht, es ging um den Wettberwerb um die beste Seminargruppe. Daher führte man nicht nur ein Gespräch mit der Studentin, um sie von den gemeinsamen Zielen zu überzeugen. Die fruchteten jedoch nicht. Da griff man zum Mittel der Satire und ein talentierter Zeichner fertigte eine Karikatur über die Studentin an und pinnte sie an die Wandzeitung der Hochschule. Die Studentin wurde damit öffentlich bloß gestellt. Und das mit Duldung der Hochschulleitung und der an der Hochschule vertretenen Organisation - Partei, Jugendorganisationen und Studententenvertretungen.

Ich hätte von dieser Geschichte, nie etwas erfahren, wenn man sich in der damaligen Studentenzeitung nicht mit dem Erfolg der "Disziplinierung" gerühmt hätte und indirekt zum Nachahmen aufgerufen hat.

Ob das ein Einzelfall war, kann ich nicht einschätzen. Auch passierte das Mitte der 50-er in der damaligen Sowjetunion. Für mich war das aber Mobbing, auch wenn es den Begriff damals nicht gab.

Die Frage, die sich mir aber unweigerlich aufdrängt - hat man auch diesbezüglich von der Sowjetunion gelernt?

LG von der Moskwitschka

EDIT


„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

Kurt Tucholsky

zuletzt bearbeitet 26.09.2015 10:15 | nach oben springen

#43

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 11:22
von Hanum83 | 4.719 Beiträge

Vielleicht war ja unser Kollektiv auch nur ein unsozialistischer Mikrokosmos im sozialistischem Universum


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
nach oben springen

#44

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 11:31
von Klauspeter | 987 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #42

...
Ob das ein Einzelfall war, kann ich nicht einschätzen. Auch passierte das Mitte der 50-er in der damaligen Sowjetunion. Für mich war das aber Mobbing, auch wenn es den Begriff damals nicht gab.
...

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob das wirklich Mobbing war.
Ist öffentliche Kritik mit Mobbing gleichzusetzen?
Dein Beispiel hat etwas politische Brisanz - es ging um das Fach M.-L. Würdest Du auch von Mobbing sprechen, wenn schlechte Leistungen in einem Spezialfach öffentlich kritisiert werden?

Beispiele für öffentliche Kritik finde ich auch heute noch. Wir haben jährlich eine Gartenversammlung, und da wird auch öffentlich kritisiert, wer Pacht, Wassergeld nicht bezahlt hat oder seine Pflicht-Arbeitsstunden nicht erbracht hat. Manchmal haben sich die Betreffenden etwas geschämt; als Mobbing hat das aber kaum einer empfunden.
Klaus


nach oben springen

#45

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 11:57
von Moskwitschka | 2.529 Beiträge

Ja - das Studienfach M.-L. hatte damals politische Brisanz. Aber hat das damals berechtigt exemplarisch einzelne an den "Pranger" zu stellen. Zumal, und das hatte ich vergessen zu erwähnen, es sich um eine Hochschule der Elektrotechnik/Energetik handelte und die betreffende Studentin zu den besten gehörte und viele ihrer Studienkollegen in den Spezialfächern unterstützt hat und wie ich letztes erfahren habe, das Studium als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat.?

Also ich empfinde das von mir angeführte Beispiel zumindest grenzwärtig. Und wie das auf den betroffenen Menschen persönlich gewirkt hat und welche Folgen das für ihn hatte, möchte ich aus persönlichen Gründen nicht eingehen.

Daher einfach die Frage, wo ist damals die Grenze zwischen Kritik und Ausgrenzung verlaufen?

LG von der Moskwitschka


„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

Kurt Tucholsky

zuletzt bearbeitet 26.09.2015 12:04 | nach oben springen

#46

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 12:30
von Klauspeter | 987 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #45

...
Daher einfach die Frage, wo ist damals die Grenze zwischen Kritik und Ausgrenzung verlaufen?



Ich will nicht mit Dir streiten und es ist auch nicht böse gemeint.
Kritik war auch zu DDR - Zeiten etwas positives.Es gab zu wenig Kritik und oft auch in die falsche Richtung und an den falschen Leuten.
Meinst Du wirklich, dass diese Studentin, noch dazu wenn sie zu den besten gehörte, durch diese Kritik ausgegrenzt oder gemobbt wurde?
Sie hatte sicher ihre Freunde, die zu ihr hielten und hoffentlich auch genügend Selbstbewusstsein, diese Kritik zu verkraften.

Klaus


zuletzt bearbeitet 26.09.2015 12:32 | nach oben springen

#47

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 13:22
von Moskwitschka | 2.529 Beiträge

An deser Stelle wird es hypothetisch, denn wie ein Mensch in dieser Situation reagiert, hängt von vielen induviduellen Faktoren ab.

Im besten Fall im Sinne von - Was mich nicht umbringt, macht mich stark!

Die meisten werden sich wohl anpassen und sich die persönliche Niesche suchen, um nicht mehr angreifbar zu sein.

Im schlechtesten Fall führt es zu ernsthaften Erkrankungen oder löst sie aus.

Es ist daher ein sehr komplexes Thema, über das ich auch nicht streiten möchte @Klauspeter , sondern einfach austauschen, welche Erfahrungen andere gemacht haben und/oder zu neuen Denkansätzen führen könnten. Auch bei mir

LG von der Moskwitschka

EDIT


„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

Kurt Tucholsky

zuletzt bearbeitet 26.09.2015 13:40 | nach oben springen

#48

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 13:28
von Hanum83 | 4.719 Beiträge

Musste man nicht früher auch mal vor versammelter Truppe Rechenschaft ablegen bei Verfehlungen?
War ja eigentlich auch so eine Art von organisiertem Gruppen-Mobbing.


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
zuletzt bearbeitet 26.09.2015 13:29 | nach oben springen

#49

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 14:01
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von Hanum83 im Beitrag #48
Musste man nicht früher auch mal vor versammelter Truppe Rechenschaft ablegen bei Verfehlungen?
War ja eigentlich auch so eine Art von organisiertem Gruppen-Mobbing.



@Hanum83, das gab es und war ganz übel. Vor die versammelte Truppe zu treten und dann Asche auf's Haupt. In der Regel gab es aus der Truppe
noch Nachfragen und weiter ging's bis Du dich selbst "vernichtet" hast.
Was ist ein Eichhörnchen? Ein Fuchs nach dem Parteiverfahren.
Micha


Büdinger hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#50

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 14:17
von beobachter | 92 Beiträge

Gabs auch in meiner Schulzeit! Ein Freund von damals manipulierte seine Zensuren im Klassenbuch und es kam natürlich raus. In der Endkonsequenz wurde er beim Fahnenappell vor versammelter Mannschaft zusammengefaltet. Das hätte man auch anders regeln können


nach oben springen

#51

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 14:33
von Hanum83 | 4.719 Beiträge

Zitat von G.Michael im Beitrag #49
Zitat von Hanum83 im Beitrag #48
Musste man nicht früher auch mal vor versammelter Truppe Rechenschaft ablegen bei Verfehlungen?
War ja eigentlich auch so eine Art von organisiertem Gruppen-Mobbing.



@Hanum83, das gab es und war ganz übel. Vor die versammelte Truppe zu treten und dann Asche auf's Haupt. In der Regel gab es aus der Truppe
noch Nachfragen und weiter ging's bis Du dich selbst "vernichtet" hast.
Was ist ein Eichhörnchen? Ein Fuchs nach dem Parteiverfahren.
Micha


Gab es aber auch außerhalb der Partei.
War eigentlich auch so eine Art soz. Beichte wo du die Absolution für kleinere Sünden erlangen konntest, natürlich um den Preis des Hose Herunterlassens.
Kann mich da an eine Tribunal-Versammlung unseres Gartenvereines erinnern wo ein aufmüpfiger Mitgärtner diszipliniert wurde der sich partout nicht ans Pflanzkontingent halten wollte, die Garten-Truppe war fast noch schlimmer als die Partei und wehe du wolltest dich vorm Subottnik drücken, ab vors Heckenscheren-Tribunal!


"Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei"
(Anton Günther)
zuletzt bearbeitet 26.09.2015 14:39 | nach oben springen

#52

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 14:47
von Gelöschtes Mitglied
avatar

@Hanum83, die Kleingärtner, ein besonderes Völkchen, mit den Regularien. Subotnik gibt es nich mehr, zumindest die Bezeichnung.
Unsere "Gartenfreunde Leipzig Südost" haben aber auch Arbeitseinsätze, nur kann mann sich "freikaufen".
Micha


nach oben springen

#53

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 14:49
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #47
An deser Stelle wird es hypothetisch, denn wie ein Mensch in dieser Situation reagiert, hängt von vielen induviduellen Faktoren ab.

Im besten Fall im Sinne von - Was mich nicht umbringt, macht mich stark!

Die meisten werden sich wohl anpassen und sich die persönliche Niesche suchen, um nicht mehr angreifbar zu sein.

Im schlechtesten Fall führt es zu ernsthaften Erkrankungen oder löst sie aus.

Es ist daher ein sehr komplexes Thema, über das ich auch nicht streiten möchte @Klauspeter , sondern einfach austauschen, welche Erfahrungen andere gemacht haben und/oder zu neuen Denkansätzen führen könnten. Auch bei mir

LG von der Moskwitschka

EDIT


Das mit den Krankheiten ist ein wichtiger Indikator für die Standortbestimmung des Mobbings in der Gesellschaft, konkret wo im Sozialismus war das Mobbing überhaupt zu Hause und meine persönliche Erinnerungssuchmaschine spuckt den beruflichen Alltag naturgemäß an erster Stelle aus, weil man dort immer hin gehen muß, der Arbeitsplatz kann nicht so einfach umgangen werden wie die Geburtstagsfeier einer eigentlich mißliebigen Person, der Arbeitseinsatz im Anglerverband oder die Kreisleitungssitzung der FDJ für ehrenamtliche GO- Sekretäre.
Und wenn man dem Arbeitsumfeld nicht entkommen kann, so stellen sich im Krisenfall auch psychisch ausgelöste Krankeiten ein, die es in dieser heutigen Häufung im Kombinat oder dem Bahnbetriebswerk der Vorwendezeit aber nach meiner Kenntnis nie gegeben hat.
Wenn damals jemand fehlte, wußte man im Kollegenkreis fast immer, was ihm fehlte, die Heimlichtuerei die heute um wochenlanges Fernbleiben vom Arbeitsplatz veranstaltet wird hat es in der Offenheit der sozialistischen Arbeitskultur kaum gegeben.
Aber auch daraus kann man nicht zwingend resümieren, daß die Symptome und Folgen des Mobbings immer so wie heute von den Medinzinmännern erkannt und behandelt wurden früher nicht da waren sondern nur eben anders ( z. B. mit Alkohol) therapiert wurden.
Übrigens wurden derartige Themen auch in der DDR- Gegenwartsliteratur nicht ausgeblendet, Textpassagen wie " sie war zu schwach für dieses Leben" im Zusammenhang mit einer mißverstandenen und verzweifelten jungen Frau als gelobbte Berufsanfängerin mit problematischen familiären Hintergrund einen Siuzid begangen hatte (nicht die Hauptfigur im Roman), sind nicht vergessen ( leider jedoch der Buchtitel).
Sie wollte andere Wege gehen, arbeitete in irgendeinem typischen DDR- Betrieb und hörte nur immerwieder " wurde schon seit jeher so gemacht....Deine Spinnereien usw., möglicherweise sogar eine Geschichte mit Realitätsbezug...das weiß ich aber nicht mehr und der Autor/ die Autorin (?) hätte es zu dieser Zeit auch nicht erwähnen dürfen.
Mit hoher Unsicherheit behaftet, könnte es dieses http://newprairiepress.org/cgi/viewconte...487&context=gdr gewesen sein, wenngleich in der Rezension darauf nicht eingegangen wird,
Ich hatte in "Spitzenzeiten" im Zweiwochentakt solche Romane verschlungen, normal waren aber 4-5 pro Jahr immer das Maß, solange ich denken kann.
Fakt ist, daß der DDR- Alltag sowohl in der Gegenwartsliteratur als auch in vielen (wenn auch nicht allen) Fernsehserien konform mit dem selbst erlebten Alltag verlief, solche Werke waren immer auch ein Spiegel und wenn man man sich die Mühe (zum Suchen) machte, sah man auch die Wirklichkeit darin.



zuletzt bearbeitet 26.09.2015 14:54 | nach oben springen

#54

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 15:28
von der 39. | 522 Beiträge

Die in der FDJ und SED gelehrte und ausgeübte Kritik und Selbstkritik stand doch eigentlich immer auf der Tagesordnung..In der SED war das so: Dur wurdest zur Parteileitungssitzung eingeladen ob deines Verhaltens Das konnten Fehler in der Arbeit, im Umgang mit anderen Genossen und Mitarbeitern oder auch moralische Verfehlungen sein. Wurde in der Leitungssitziung beschlossen, dass gegen Dich ein Parteiverfahren eingeleitet werden muß, so wurde das eben vorbereitet mit Akten Befragungen anderer Koll. oder Genossen und kam die Versammlung und du standest am Pranger. Ich spreche aus Erfahrung. Mobbing? Bestandteil sozialistischer Erziehung zur Herausbildung sozialistischer Perönlichkeiten? Da habe ich doch Zweifel. Meist trat auch ein Erfolg ein. Fehler wurden abgestellt, Haltungen verbessert. Und danach.? Bei den moralischen Verfehlungen wurde wohl heimlich weitergemacht, besser aufgepasst. Ich kenne keinen Fall, wo Freundschaften, Liebeleien, Ehebruch...abgestellt, beendet wurden. Und die Versammlung? Ich fühlte mich nicht gemobbt. Ich wusste sehr genau, was ich selbstkritisch sagen musste, was man hören wollte und dann war es auch vorbei.
Wie schon gesagt, ich kenn mich aus. Saß auch auf der anderen Seite als Parteisekretär, da war alles genau so nur umgekehrt. Ich wusste, was ich sagen musste und was ich hören wollte. Es gab auch Versuche, von einzelnen Leitungsmitgliedern, sich an Details hochzuziehen. Das habe ich strikt unterbunden. Ich weiß aber, das das woanders manchmal schlimm gewesen sein muss, der Kritisierte wurde förmlich geschlachtet. und soll auch Verzweiflungstaten gegeben haben.
Und noch einmal, ist das auch Mobbing gewesen?


Hanum83 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#55

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 15:31
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Klauspeter im Beitrag #39
[quote=Hackel39|p493207]
...

Stimmt; fröhlicher gehört unbedingt dazu.
Ich erinnere mich sehr gern an fröhliche und lustige Zusammenkünfte meines Kollektivs, an gemeinsame Wochenendausflüge mit Kind und Kegel, an 1 (oder 2) Bier hin und wieder nach Feierabend mit den Mitstreitern, oder an die gemeinsame Kaffeerunde vor Ausbildungsbeginn. Es ging wirklich fröhlich zu, und oft wurde auch dieser oder jener Anwesende auf die "Schippe" genommen - aber nie artete es in Mobbing aus.
Ich hatte beispielsweise einen Offizier in meiner Truppe, der leidenschaftlicher Kleingärtner war. Jedes Jahr hatte er die größten Gurken, Kürbisse oder Kohlrabi in seinem Garten. Eines morgens sagte einer in der Kaffeerunde, dass Mj. B.( der leidenschaftlche Kleingärtner) einen neuen Trabbi-Anhänger hat. Alle waren sehr interessiert, am meisten aber Mj.B..Was denn für ein neuen Anhänger? Na einer, mit verstärkten Hinterachsen! Wieso denn das ? Na, um jährlich die zentnerschweren Gurken, Kürbisse und Kohlrabi aus dem Garten nach Hause transportieren zu können!
Der Erzähler hatte die Lacher auf seiner Seite.

Wir waren einfach zu sehr aufeinander angewiesen und konnten uns gegenseitiges Mobbing nicht leisten.Wir mochten und achteten uns gegenseitig zu sehr und hätten es nie fertig gebracht, uns gegenseitig zu mobben. Dafür gab es die offene und ehrliche Kritik.

Viele fröhliche Episoden könnte ich jetzt bringen und manchmal bin ich selbst erstaunt darüber, wieviel lustiges im Gedächtnis geblieben ist. Dabei gab es viel ernstes,trauriges; Dinge, die mich wütend machten und Nerven kosteten. Glücklicherweise filtert unser Gehirn und abrufbereit bleibt das Angenehme, das Schöne, das Lustige und Fröhliche.
Ist auch gut so, solange es nicht zur Verklärung der Vergangenheit beiträgt.
Klaus




Trotzdem gibt es einen Gradmesser für die Fruchtbarkeit des Mobbingbodens und der war recht mager in der DDR, Verklärung hin oder her.
Die Häufigkeit der Lach- und Heiterkeitssituationen mußte im DDR- Arbeitsalltag höher sein, da auch der Produktionsleerlauf höher war, darüber sind wir uns sicher einig.
Bunapelzer vom Karbiidofen, Rangierlokführer des Westbergs vom Heimatdorf ( Freßbeutelbrigade... auf Wunsch nähere Erläuterung) oder Textilarbeiterinnen bei Malimo mögen mir diese Pauschalissierung verzeihen aber diese wenigen Streßjobs waren die Ausnahme und sind nicht repräsentativ für die allgemeine Arbeitskultur in der DDR, wobei auch hier der " Feierabendzusammenhalt" zu analysieren wäre um ein reales Bild von der Gesamtsituation zu bekommen.
Die introvertierte uniformierte Gesellschaft in der wir heute leben ist der Gärungschemie des Mobbings definitiv zuträglicher als alles was ich aus DDR- Zeiten zum Thema zu konstatieren habe.
Was ist nun introvertiert ?
Das beginnt mit Banalitäten des Alltags, wie z. B. dem Einkaufen, dem Schulweg der Kinder, deren Wege zu Sport und Spiel im Zusammenhang mit der Abschottung die beispielsweise ein Pkw bietet, der das nette (u. U. klärende) Gespräch mit dem Nachbarn verhindert, der smalltalk der wegen der allgegenwärtigen (und geplanten+ gewollten) Termin- und Spaßhetze gar nicht mehr so spontan wie früher zustande kommt und endet mit den Spielarten der Zugehörigkeit= der uniformierten Gesellschaft...wer wird mit wem gesehen ? Wer gibt sich mit welcher Klientel ab usw. und das nimmt schon mitunter kuriose Ausmaße an, auf die ich besser nicht eingehe, um nicht noch weiter vom Thema abzukommen.
Es ist aber auch ein Aspekt, der bei der Bewältigung von Mobbing zu beachten ist.
Die Durchökonomisierung der Freizeit hält inzwischen Schritt mit der Quartalszahlendiktatur im Dax- Konzern, Widerspruch gerne hier aber ich sehe es so, möge es jeder einmal selbst überprüfen und weil der im Konzern allgegenwärtige Wettbewerb auch im Freizeit- und Privatbereich eine fühlbare Größe zu sein scheint ( wer fährt wohin in den Urlaub, wer knipst mit der teuersten Kamera...) und der eigentliche Grundgedanke der Freizeit ( = die Erholung) verlernt wurde, kommt man möglicherweise auch schon " geladen" und als potentieller Mobber in den Betrieb, eben weil man elementare Schätze des Sozialismus, z. B den Wert spontaner Geselligkeit schon vergessen hat bzw. nicht mehr organisiert bekommt.
Selbstkritische Schreiber eingeschlossen.



nach oben springen

#56

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 16:17
von Moskwitschka | 2.529 Beiträge

Zitat von Hackel39 im Beitrag #53


Das mit den Krankheiten ist ein wichtiger Indikator für die Standortbestimmung des Mobbings in der Gesellschaft, konkret wo im Sozialismus war das Mobbing überhaupt zu Hause und meine persönliche Erinnerungssuchmaschine spuckt den beruflichen Alltag naturgemäß an erster Stelle aus, weil man dort immer hin gehen muß, der Arbeitsplatz kann nicht so einfach umgangen werden wie die Geburtstagsfeier einer eigentlich mißliebigen Person, der Arbeitseinsatz im Anglerverband oder die Kreisleitungssitzung der FDJ für ehrenamtliche GO- Sekretäre.
Und wenn man dem Arbeitsumfeld nicht entkommen kann, so stellen sich im Krisenfall auch psychisch ausgelöste Krankeiten ein, die es in dieser heutigen Häufung im Kombinat oder dem Bahnbetriebswerk der Vorwendezeit aber nach meiner Kenntnis nie gegeben hat.




Ich denke zusätzlich erschwert diese persönliche Wahrnehmung oder Erinnerung , dass man als Aussenstehender nicht einschätzen konnte, welche Ursachen Krankheiten haben konnten. Nicht selten waren und sind z.B. Magengeschwüre oder Asthma auch psychosomatisch bedingt.

Durch Deinen Beitrag angeregt @Hackel39 bin ich mal auf die Suche gegangen, ob es in der DDR darüber Veröffntlichungen gab. Und da bin ich auf eine Publikation gestoßen, die sich auf eine solche Untersuchung in der DDR stützt und zwar bei Lehrern in den Jahren zwischen 1983 und 1987:




https://books.google.de/books?id=ySkeBgA...r%20ddr&f=false

Leherer und Erzieher hatten eine zentrale Bildungs - und Erziehungsaufgabe und trugen wesentlich zur Stabiliität der Gesellschaft und bei der Erziehung künftiger Generationen bei. Und da bewegten sie sich in drer DDR zum einen in einem Spannungsfeld von Anforderungen und eigenen Wertevorstelungen. Das andere Spannungsfeld war das Lehrerkllektiv auf der einen Seite und die Schüler, die z.T gnadenlos sein konnten, wenn sie beim Lehrer Schwächen entdeckt haben, auf der anderen Seite.

Selbst erlebt. Wir hatten z.B.einen Lehrer. der ziemlich langweilig war. Aber nicht auf den fachlichen Unterricht zielten die Angriffe ab, sondern auf seine offensichtliche Hautkrankheit, in dem sich sich fast alle wie auf Kommando kratzten. Das war in meiner Erinnerng nicht abgesprochen. Einer fing an und ein gruppendynamscher Prozess setzte ein und die halbe Klasse feixte sich einen. Der Lehrer schien unbeeindruckt und zog seinen Unterricht durch. Im nachhinein möchte ich nicht wissen, was in ihm vorging. Es entzieht sich auch meiner Kenntnis, ob er im Lehrerkollektiv Unterstüzung fand. Denn thematisiert wurde das nie.

LG von der Moskwitschka


„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

Kurt Tucholsky

zuletzt bearbeitet 26.09.2015 16:34 | nach oben springen

#57

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 16:34
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Der Komplex Mobbing und Schulzeit ist wohl recht leicht mit Daten zu füttern, da gibt es unzählige Episoden die im Einzelfall vom Schüler ("Kinden können ungerecht sein") überhaupt nicht als dramatisch wahrgenommen wurden, für den Lehrer aber eine echte Lebenskrise bedeuten konnten.
Wie über Abschüsse bei der Jagd sprach man im Schülerkreis offen und stolz darüber, wen man bei welcher Stunde oder bei welchen Wandertag wieder mal zum Heulen gebracht hat.
Aus der Perspektive der Lehrer, die uns trotz allem als mächtig erschienen muß so etwas übel gewesen sein, erst recht wenn es bei Ihnen privat auch nicht besonders gut lief.
Auch war das Unrechtsbewußtsein von uns Kindern nicht immer so entwickelt wie sich das die Lehrer gewünscht hätten, hier nur mal ein Beispiel aus dem Wörlitzer Park, wo wir im Hälterteich mit der heimlich mitgebrachten Angel die Karpfen raus holten oder im Zoo aus dem Stachelschweingehege die Borsten, die wir als Pose brauchten- all das erschien uns zu lächerlich als daß sich eine Lehrerin überhaupt damit zu beschäftigen hatte, aus der Sicht ihrer Vorgesetzten war sie aber die Aufsichtsperson und als solche gescheitert.
Darauf, was mit ihr passieren würde, wenn der Direktor davon erfährt wären wir im Traum nicht gekommen und so hat wieder einmal alles eine unterschiedliche Perspektive.
Bei den Klassentreffen könnte sie natürlich darüber lachen und an Retourkutschen kann ich mich selbst nicht erinnern aber die Tränen der Verzweiflung von damals waren aber echt.



zuletzt bearbeitet 26.09.2015 18:03 | nach oben springen

#58

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 18:00
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von der 39. im Beitrag #54
Die in der FDJ und SED gelehrte und ausgeübte Kritik und Selbstkritik stand doch eigentlich immer auf der Tagesordnung..In der SED war das so: Dur wurdest zur Parteileitungssitzung eingeladen ob deines Verhaltens Das konnten Fehler in der Arbeit, im Umgang mit anderen Genossen und Mitarbeitern oder auch moralische Verfehlungen sein. Wurde in der Leitungssitziung beschlossen, dass gegen Dich ein Parteiverfahren eingeleitet werden muß, so wurde das eben vorbereitet mit Akten Befragungen anderer Koll. oder Genossen und kam die Versammlung und du standest am Pranger. Ich spreche aus Erfahrung. Mobbing? Bestandteil sozialistischer Erziehung zur Herausbildung sozialistischer Perönlichkeiten? Da habe ich doch Zweifel. Meist trat auch ein Erfolg ein. Fehler wurden abgestellt, Haltungen verbessert. Und danach.? Bei den moralischen Verfehlungen wurde wohl heimlich weitergemacht, besser aufgepasst. Ich kenne keinen Fall, wo Freundschaften, Liebeleien, Ehebruch...abgestellt, beendet wurden. Und die Versammlung? Ich fühlte mich nicht gemobbt. Ich wusste sehr genau, was ich selbstkritisch sagen musste, was man hören wollte und dann war es auch vorbei.
Wie schon gesagt, ich kenn mich aus. Saß auch auf der anderen Seite als Parteisekretär, da war alles genau so nur umgekehrt. Ich wusste, was ich sagen musste und was ich hören wollte. Es gab auch Versuche, von einzelnen Leitungsmitgliedern, sich an Details hochzuziehen. Das habe ich strikt unterbunden. Ich weiß aber, das das woanders manchmal schlimm gewesen sein muss, der Kritisierte wurde förmlich geschlachtet. und soll auch Verzweiflungstaten gegeben haben.
Und noch einmal, ist das auch Mobbing gewesen?


Mir fällt da ein anderes Erfolgsmodell gegen Mobbing ein und das war die Narrenfreiheit.
Besondere Personen könnten sich demnach mehr heraus nehmen als andere und die genossen das natürlich.
Das hatte aber für sie selbst den Nachteil, daß man sie als Gesprächspartner irgendwann nicht mehr so recht für voll zu nehmen hatte, ich denke da an einen sich selbst zum Weltkriegsveteranen deklarierten Mitbürger aus der Werkzeugausgabe unseres Betriebes ( (" Ich und Adolf haben als einzige daran geglaubt...", sein Sohn hieß Ade, man verwendete offiziell nur den Spitznamen !)
Seine Geschichten waren so hanebüchen und widersprüchlich, daß man sich schon fast beleidigt fühlte, wenn er sie erzählte und er war auch nicht zimperlich, wenn er mit seinen Unterstellungen über andere herzog (Ich war wegen meiner damaligen FDJ- Initiativen für ihn nur der Schrottjude, das war schon derb) trotzdem kamen seine Anfeindungen nicht dort an wo sie sollten, es waren Streifschüsse und Rohrkrepierer ein anderer hätte für solche Bemerkungen vielleicht eine gefangen oder wäre vor der Konfliktkomission gelandet.
So gab es -zig Strategien für -zig Alltagskonflikte.



nach oben springen

#59

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 18:45
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Hackel, ob an der Werkzeugausgabe liegt,mit der Narrenfreiheit?
VEB S.M. Kirow, Betriebsteil Böhlitz Ehrenberg, Werkzeugausgabe, genau die selbe Situation, unser Walter Q, schon verstorben dem ist egal was war
niemand an's Leder.
Interessant wurde es immer wenn er über seine Zeit bei der Fremdenlegion berichtete.
Micha


nach oben springen

#60

RE: Gab es in der DDR Mobbing?

in Themen vom Tage 26.09.2015 19:35
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von G.Michael im Beitrag #59
Hackel, ob an der Werkzeugausgabe liegt,mit der Narrenfreiheit?
VEB S.M. Kirow, Betriebsteil Böhlitz Ehrenberg, Werkzeugausgabe, genau die selbe Situation, unser Walter Q, schon verstorben dem ist egal was war
niemand an's Leder.
Interessant wurde es immer wenn er über seine Zeit bei der Fremdenlegion berichtete.
Micha


Wahrscheinlich ein Posten zur Kenntlichmachung, eine Geheimsprache der Kaderleiter.? .....aber Scherz beiseite, unser O.W. war abwechselnd in russischer, englischer und französischer Gefangenschaft und seine Räuberpistolen waren schon legendär und wurden vom Eisenbahner- Publikum noch ausgebaut, ein Teil der Kultur des Umgangs mit Problembürgern, der nichts mit Stasigefängnissen und staatlichen Repressalien zu tun hatte.
So wie unsere Kabarettisten ihre Herrscher aufs Korn nahmen so machte das O.W. auch mit direkten Vorgesetzten und auch dem Generalsekretär ohne Rücksicht auf die eigene Zukunft, die dem damals schon Fast- Rentner egal gewesen zu sein schien.
Es ist wohl wie mit der übermütigen Rotfeder, die dem Hecht so lange vorm Schnabelmaul herumschwimmt bis es zuschnappt, ein O. F. ( Weidling) bekam das schmerzlich zu spüren, ist aber eine andere Geschichte, aber für Künstler dieses Kalibers war die Aussperrung vom Publikum ja auch Mobbing der übelsten Sorte und eine Bankrotterklärung der verantwortlichen Kulturfunktionäre.



Fritze hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen



Besucher
24 Mitglieder und 75 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: loryglory
Besucherzähler
Heute waren 1920 Gäste und 151 Mitglieder, gestern 3810 Gäste und 192 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14365 Themen und 557551 Beiträge.

Heute waren 151 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen