#41

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 19.06.2015 12:50
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Hallo @diefenbaker ,

danke zunächst für die Konkretisierung der Frage. Prinzipiell ist es nicht ganz verkehrt, Offiziere - speziell auch Stabsoffiziere - als im Sinne von handwerklichem Tun als arbeitsscheue Elemente anzusehen. Die Arbeit bzw. der Charakter ihrer Arbeit ist halt ein anderer. Wenn ich dafür zu sorgen habe, dass die Abläufe von über tausend Mann ihre Ordnung haben, dann ergibt es wenig Sinn, das ich stundenlang eine Betonplatte durch die Kante rücke. Aber diese grundsätzliche Anschauungsmöglichkeit greift im Verständnis vieler Stabsoffiziere auch wieder zu kurz. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fallen mir bei den Grenztruppen sofort die Bereiche Pioniere, Bekleidung/Ausrüstung, Bewaffnung, Verpflegung und vor allem Kfz ein, bei denen von den Oberoffizieren (Planstelle Major) bis hin zu den Stellvertretern des Regimentskommandeurs (Planstelle Oberstleutnant) keine Scheu davor bestand, mit zuzupacken, gerade bei Verpflegung und Kfz mit dem Spaß an der Sache, mal wieder richtig in das reinzugehen, was einem mal Freude gemacht hat. Zurück zu den Wurzeln, sozusagen. Im GR3 habe ich den Stellvertreter Kommandeur Technik und Bewaffnung durchaus in Schwarzkombi erlebt, den Stellvertreter Rückwärtige Dienste im B/A- oder im Verpflegungslager mit anpacken sehen.

Nun je, ich war ja noch keiner aus der Dienstgradgruppe Stabsoffiziere, das hätte ich frühestens 1993 geschafft. Als Polit war ich, nach oben genannten Beispielen bewertet, einer von den besonders Arbeitsscheuen. Klar: Mund zugemacht und schon ist der Arbeitsplatz aufgeräumt. Das hieß nicht, dass ich mich vor "ordentlicher" Arbeit gedrückt habe, siehe das Beispiel mit dem Entgraten der Spritzgussgriffe der Besteckteile:

Genau solche Teile waren das. Das heißt aber auch nicht, dass ich die "ordentliche" Arbeit besonders gesucht hätte ...

Zitat von diefenbaker im Beitrag #40
... Ich unterstelle damit gar nicht so sehr einen evtl. vorhandenen Standesdünkel ...


Ah, der Seitenhieb sei mir noch gestattet. Es ist prinzipiell nicht verkehrt, in einer Armee Standesdünkel zu unterstellen. Das betrifft sowohl die Waffengattung, als auch den Dienstgrad. Ich habe im Studium an der Militärpolitischen Hochschule (MPHS) recht viel von den Facetten dieser beiden Formen des Dünkels erfahren können, inklusive meines eigenen. Ein anachronistisches System, wie es die Hierarchie einer Armee nun mal ist, funktioniert durchaus besser, wenn auch das Denken ein wenig anachronistisch ist und letztlich ist das auch eine Wechselbeziehung zwischen Struktur und Denken. Mal ein "unverfängliches Beispiel" zum Dünkel der Waffengattungen: General Norman Schwarzkopf jr. (2. Golfkrieg) berichtete in seiner Biografie über einen Zwischenfall bei einem Konflikt, da sich Transportkräfte der US Marines weigerten, Truppen der US Ranger zu transportieren, da sie doch nur Marines transportieren - und das trotz Befehl. Meine erste Reaktion: Wie blöd sind die denn? Dann ein kurzes Zurückdenken an meine Zeit an der MPHS, daran wie sich da zuweilen die Waffengattungen beharkten. Das waren zum Teil Formen des Waffenstolzes, die man getrost als Dünkel bezeichnen kann.

Und es gibt auch die Erinnerung daran, wie man mit dem "Aufstieg in der Hierarchie", also letztlich mit der Entfernung zur unmittelbaren Truppe, die Bodenhaftung verlieren konnte. Gerade Stabarbeit war da sehr verführerisch. Ich würde es nicht unbedingt als platten Stereotypen durchgehen lassen, aber Spuren des dünkelhaften Offiziers lassen sich in vielen Truppen- und Stabsoffizieren finden. Ich schließe mich da nicht aus.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#42

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 19.06.2015 12:56
von maxhelmut | 614 Beiträge

@Rainman2

eine Frage

hast Du die Dinger mitgehen lassen

oder sozialistisch umgelagert


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#43

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 19.06.2015 13:06
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Zitat von maxhelmut im Beitrag #42
... hast Du die Dinger mitgehen lassen

oder sozialistisch umgelagert
...

Hallo @maxhelmut ,

weder noch. Hier wurde lediglich ein Bildausschnitt von mir "geklaut". Wenn ich mir vorstellen müsste, dass ich die von mir entgrateten Stücke hätte klauen sollen, dann würde das nicht mal funktionieren, wenn ich mir dazu vorstelle, ich hätte auch noch Geld für das Klauen bekommen. Nee nee, mein Lieber. Bestecke entgraten ist mit normalen Händen schon schwer ... Vielleicht hat irgendjemand solche Besteckteile als "wertvolle Sachprämie um Verdienste im sozialistischen Wettbewerb" erhalten. An mir ging dieser Kelch vorüber.

Ich habe aber tatsächlich Freunde und Bekannte, die solche Besteckteile noch in ihrem Besitz haben und nutzen! Naja, was meinen Händen widerstand, muss irgendwie unverwüstlich sein ...


ciao Rainman


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#44

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 19.06.2015 13:12
von SiK90 (gelöscht)
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Zitat von berlin3321 im Beitrag #38




Hä?






Sehr einfach und an anderen Stellen hier schon erwähnt:
November '88 - Mai '89 AW 26 in GG
Mal '89 - 26.01.'90 SiK BBT in Berlin /Rummelsburg


zuletzt bearbeitet 19.06.2015 13:18 | nach oben springen

#45

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 19.06.2015 14:05
von der 39. | 522 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #39
Hm, ich versuche mal zum Thema zurückzukommen, wenngleich die Frage komplizierter zu sein scheint, als es auf den ersten Blick zu vermuten ist.

Was ist mit Stabsoffiziere gemeint? Meint es Offiziere, die im Stab eingesetzt waren, oder meint es die Dienstgradgruppe der Stabsoffiziere, also Major bis Oberst? Ich werde mich von dieser Rückfrage im weiteren etwas unbeeindruckt zeigen, aber darauf hinweisen.

In den Antworten zur eingangs gestellten Frage kam auch das Thema Ausbildung zur Sprache, also körperliche Betätigung während Ausbildungseinheiten. War das in der Frage auch mit gemeint? Hier ziehe ich mal für mich die Grenze und gehe auf das Thema nur in sofern ein, dass es für mich als Offizier, sowohl in der Grenzkompanie, als auch im Stab und schon gar in meiner Studienzeit als Offiziershörer mehr als genug physische Komponenten der Ausbildung gab, bis hin zum Härtetest, den ich an der Seite auch von Offizieren der Dienstgradgruppe Stabsoffiziere noch absolvieren durfte bzw. musste. Klar, das Bild des ungelenkigen, dicken Stabsoffiziers ist griffiger - sei es, da argumentiere ich jetzt nicht dagegen an, die Gepflogenheiten in den Einheiten, Stäben und Ausbildungseinrichtungen waren eh unterschiedlich.

Zu den körperlichen Arbeiten, die ich als Offizier selbst und auch gemeinsam mit Stabsoffizieren (sowohl, als auch) erlebt habe - ich habe da vier grundsätzliche Formen der Arbeit erlebt:
- Arbeiten im Rahmen der Dienstpflichten
- Freiwillige Arbeitseinsätze zur Unterstützung von Patenbetrieben
- befohlene Arbeitseinsätze im Rahmen des Innendienstes
- Arbeitseinsätze zur Unterstützung der Produktion.

Zu den "Arbeiten im Rahmen der Dienstpflichten" - hier darf jedem produktiv tätigen Menschen das Schmunzeln kommen, aber es gehört dazu. Bei Einsätzen auf dem "den Sperranlagen vorgelagerten Hoheitsgebiet" mussten Arbeiten an Grenzmarkierungen durchgeführt werden (klassisch: Ausbesserungen an Grenzsäulen). Hier legte auch der Kompaniechef selbst Hand an, wenn die Grenzaufklärer bei diesem "Feindwärtseinsatz" zur Sicherung abkommandiert wurden. Das war kein Problem und wurde als Selbstverständlich angesehen. auch im Grenzabschnitt fiel keinem von uns ein Zacken aus der Krone, wenn wir selbst mit arbeiteten - z.B. beim Bau von Sperren.

Bei den "freiwilligen Arbeitseinsätzen zur Unterstützung von Patenbetrieben" habe ich als Offizier der Stabskompanie mehrfach mitgemacht, wie auch mein Kompaniechef im Range eines Majors. Das hing natürlich vom Verhältnis zum Patenbetrieb ab. Waren sich Betrieb und militärische Einheit darüber im Klaren, dass sie beide von einer engen Zusammenarbeit profitieren konnten, dann gab es auch mal "Einsätze in der sozialistischen Produktion", die im übrigen bei uns (Stabskompanie GR-3) weitestgehend freiwillig waren. Das "weitestgehend" bezieht sich dabei auf die, nennen wir es mal Eloquenz meines Kompaniechefs bei der Werbung von Freiwilligen - man konnte theoretisch schon Nein sagen ... Jedenfalls gingen er und ich "mit gutem Beispiel voran". Ich erinnere mich noch gern an einen Arbeitseinsatz bei "FORON". Wir hatten Besteckteile mit Plastegriffen aus schwarzem Spritzguss zu entgraten. Dazu erhielt jeder ein kleines Messer, ein Stapel mit den Besteckteilen und eine riesige Kiste. Wir entfernten mit dem Messer so gut es ging die Grate am Spritzguss und stapelten dann die Besteckteile in die Kiste. Während ein Soldat und ich zusammen eine halbe Kiste schafften, hatten die "Muttis aus dem Dorf" schon mal allein eine ganze Kiste gefüllt. Man sah unseren Einsatz eher mit Wohlwollen an.

Bei den befohlenen Arbeitseinsätzen im Rahmen des Innendienstes stechen die Arbeiten während der Zeiten als Offiziershörer an der Militärpolitischen Hochschule bei mir heraus (1982/83 und 1988-1990). Zum Teil unter der Anleitung von Soldaten wurden wir hier zu Arbeiten in Schwarzkombi eingesetzt: Grünflächenpflege, Transport- und Aufräumarbeiten, Aufbau bei Veranstaltungen und ähnliches mehr. Das stand sicher nicht immer auf der Tagesordnung, war aber, soweit ich mich erinnere, nichts ungewöhnliches.

Bei den Arbeitseinsätzen zur Unterstützung der Produktion ging der Kelch an mir mehr als einmal vorüber. Ich musste zum Beispiel nie mit in die Braunkohle, was einige meiner Studienkollegen zum Teil mehrfach traf. Mich ereilte dieses "Schicksal" erst im Dezember 1989. In Berlin waren die Auslieferungslager des Handels durch "Personalausfälle" chronisch unterbesetzt, der Besuch im Westen war halt wichtiger. Wir erhielten schlicht und ergreifend den Befehl, dort für ein paar Tage in Vorbereitung der Weihnachtsauslieferungen auszuhelfen. Ich ging mehrere Tage als normaler Lagerarbeiter (nur halt in Schwarzkombi mit meinen Hauptmannsschulterstücken) in das zentrale Auslieferungslager in Berlin, schob dort Paletten mit normalen Handelswaren durch die Lager und stellte Lieferungen für Kaufhallen zusammen. An meiner Seite waren auch hier u.a. Majore, sprich Stabsoffiziere. Die Zustände in dem Lager waren zum Teil katastrophal. Ein Artikel aus diesen Tagen titelte: "Kekse im Regen". Wir arbeiteten hart mit, aber die Ausfälle konnten auch durch uns nicht kompensiert werden.

Soviel zu dem Thema.
ciao Rainman


Hallo Raimann, war nicht meine Absicht, den ganzen Text zu kopieren, habe es aber anders nicht hinbekommen. Wollte eigentlich nur auf das Thema"Der erste Tag" verweisen, dort schildere ich im Beitrag 39 (Zufall), wie mein Einsatz in der Produktion verlief.
Es grüßt der 39.


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#46

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 20.06.2015 01:09
von StabsfeldKoenig | 2.656 Beiträge

Zwar nicht so ganz Offiziere, aber doch halbwegs "inoffizielle Beamte", haben bei der DR auch die "Raupenschlepper" (leitende Mitarbeiter ab Reichsbahnrat aufwärts) bei "Not am Mann" (z.B. strengen Winter oder anderen Havarien) selbst mit angepackt. So standen z.B. der Chef vom Bahnhof (Reichsbahnoberrat vglb. mit Oberstleutnant) sammt mehreren Räten aus der Chefetage (und weiteren Kollegen aus den Büros) bei strengem Frost und Schneefall mit Wattejacke, Arbeitshandschuhen und Schneeschippe im Gleisbereich, um verschneite Weichen freizumachen.



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#47

RE: körperliche Arbeit für Stabsoffiziere ?

in Grenztruppen der DDR 20.06.2015 01:25
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von StabsfeldKoenig im Beitrag #46
Zwar nicht so ganz Offiziere, aber doch halbwegs "inoffizielle Beamte", haben bei der DR auch die "Raupenschlepper" (leitende Mitarbeiter ab Reichsbahnrat aufwärts) bei "Not am Mann" (z.B. strengen Winter oder anderen Havarien) selbst mit angepackt. So standen z.B. der Chef vom Bahnhof (Reichsbahnoberrat vglb. mit Oberstleutnant) sammt mehreren Räten aus der Chefetage (und weiteren Kollegen aus den Büros) bei strengem Frost und Schneefall mit Wattejacke, Arbeitshandschuhen und Schneeschippe im Gleisbereich, um verschneite Weichen freizumachen.


Hat das in etwa so ausgesehen?
Micha
(Wittenberge 78/79)

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zuletzt bearbeitet 20.06.2015 01:33 | nach oben springen



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