#1

Eine Nachtschicht, die in Erinnerung blieb

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 01.09.2008 10:05
von HHausen88 | 36 Beiträge

Hallo,

falls ich Euch mit meinen langen Posts nerven sollte, bitte gebt mir ein Zeichen.

Aber hier bis dahin noch mal ein Erlebnisbericht, den ich mir mal ‚von der Seele’ schreiben wollte.

Die Regenfälle der letzten Tage haben den Boden überall aufgeweicht. An der rechten Flanke unseres Abschnitts – dort, wo man sonst nur zu K2/K6 – Kontrolle kam – war auf vielleicht 100m der Grenzsignalzaun umgefallen. Die Pioniere hatten das schon beräumt, im Moment klaffte eine große Lücke im Zaun. Zum Glück lag dieses Stück im dichten Wald versteckt, so das dieser Umstand aus der Ferne niemandem auffallen konnte. Trotzdem wurde die Lücke rund um die Uhr bewacht. Das hieß wieder einmal jede Menge 12 – Stunden – Schichten außer der Reihe. So auch heute:

Nachtschicht mit M. M. war sehr schweigsam, ja sogar etwas abweisend. Das würde eine sehr wortkarge Schicht werden, solche Dienste zogen sich sehr in die Länge. Über den total sumpfigen K2 ging es in die Mitte der Lücke im Zaun. Schmatz – Schmatz – Schmatz: unsere Stiefel versanken im Morast. Aber rechts und links des K2 war der Wald voller Dickicht und besonders im Dunkeln kaum passierbar. Hier endlich die Lücke im Unterholz, wir duckten uns ab. Luftkissen aufblasen, Thermoskanne auspacken, an einen Baum lehnen. Die MPis lagen auf unseren Beinen. Durch das Blätterdach schimmerte von ganz rechts der Mond. Jeder hing seinen Gedanken nach. Gesprochen wurde erwartungsgemäß nichts. Mann, Mann, Mann, warum musste ich auch ausgerechnet mit M. in diese Sch* Ecke geschickt werden !

Kurz nach Mitternacht. Der Mond stand inzwischen im Zenit. Es knackt im Unterholz. Ein Reh ? Stille. Auf einmal Schmatz, Schmatz, Schmatz ! Da ist doch wer auf dem durchgeweichten K2 ? Wieder Ruhe. Da, plötzlich, schon etwas näher: Schmatz, Schmatz. Ganz klar, EINE Person läuft da auf dem morastigen K2 entlang. Eine Postenkontrolle? In dieser Wildnis? Nein! Bei Postenkontrollen kamen immer 2 Leute. Selbst der Kompaniechef durfte nicht allein in den Abschnitt. Schmatz, Schmatz – das war ganz klar nur eine Person. Ein Ast knackt laut. Jetzt hat er eine Knüppel ?! Verdammt, durch das Dickicht ist aber auch gar nichts zu sehen. Schmatz, Schmatz, die Schritte entfernen sich langsam wieder. Ok, jetzt müssen wir klären, wer sich hier zu schaffen macht. Raus aus unserer Deckung und hinterher.

Auch wir unüberhörbar laut – Schmatz, Schmatz. Vor uns Stille. Der Mond leuchtet die schmale Schneise des K2 gut aus. Da in der Ecke, da kauert doch jemand ! Taschenlampe. Ja, da sitzt einer. In Uniform? Er hält die Hand vors Gesicht, weil meine Lampe ihn blendet. Aber das ist doch ...

Klar, das ist U. der Gruppenführer der ersten Gruppe. Was macht der den hier. Mann! U.! Was machst Du den hier ? Das waren die ersten Worte, ich 'rausbrachte. „Parole?“ Sagte er.
Verdammt, die Parole –wie war die heute ? Ich fummle die Kladde hervor und blättere durch die abwaschbaren Seiten, auf denen irgendwo mit Fettstift diese blöde Parole geschrieben stand. Da! „Fichte blau“ ! „Eibe gelb“ der Uffz. Stimmt.

Auf einmal wieder Schmatz – Schmatz. Aus dem Dunkel taucht noch jemand auf. Ich erkenne unseren Politoffizier. Mir schlottern noch die Knie, ich versuche ein Meldung zu stottern.
„... keine besonderen Vorkommnisse“.
„Postenkontrolle ! Alles in Ordnung, weiterhin guten Dienst !“
Schmatz Schmatz – und ab.

Der Rest der Schicht verlief wieder schweigsam – auch dieser Zwischenfall löste meinem Posten nicht die Zunge – und ohne weitere Zwischenfälle.

Am nächsten Tag beim Aufstehen: "Genosse F., zum Politoffizier !"

„Na, da waren Sie wohl ein wenig erschrocken heute Nacht, nicht war? Etwas unsicher! Das nächste mal schicken Sie ihren Posten vor – der Postenführer hat immer hinten zu laufen, klar?“
„Ich dachte gestern wirklich ...“
„Ja, das haben wir doch nicht schlecht gemacht, oder? Genosse U. ist ein paar Meter vornweg gelaufen, während ich gewartet habe. Dann blieb U. stehen und ich kam nach. Sie sollten denken, das da eine Einzelperson ankommt!
Ok, ich gebe zu, das war etwas heftig.
Aber das nächste Mal befolgen Sie meine Hinweise ! Wegtreten !“


Erlebt im Herbst 1987 hinter der Kapelle Kella.
Aufgeschrieben 2008.



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#2

RE: Eine Nachtschicht, die in Erinnerung blieb

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 01.09.2008 10:22
von Angelo | 12.396 Beiträge

Eine sehr schöne Geschichte und lange Postings sind gute Postings!


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#3

RE: Eine Nachtschicht, die in Erinnerung blieb

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 23.04.2009 20:14
von Schreiber | 258 Beiträge

Zusammen,

ich hatte auch eine Erinnerung an eine Nachtschicht.
Es war im Sommer 1977 einige Grenzer hatten Urlaub und um die Sollstärke
des diensthabenen System am laufen zu halten waren die rückwärtigen
Dienste der Kompanie gefordert eine Nachtschicht zu schieben.

Der Waffen-Uffz. und ich der Schreiber.

Wir waren im Bereich Mackenrode B243 eingesetzt.
Bei uns knackte es auch im Unterholz. Es machte zwar nicht Schmatz,Schmatz,
Schmatz sondern Tab,Tab,Tab es war trocken.

Wir horchten wieder Tab,Tab,Tab - der Waffinger forderte Parole - und dann
wieder Stille. Dann wieder Tab,Tab,Tab es war wie Schritte.
Jetzt sind wir dem Geräusch nachgegangen. Toll es war ein IGEL

Ich hatte natürlich jetzt was gut beim Waffinger, denn wenn ich das gleich
zum Besten gegeben hätte das er von einem Igel eine Parole wollte.

Es ist schon toll, wenn man hier im Forum so rumstöbert und so einen alten
Thread findet.

PS: unter Mackenrode.de - Grenzdienst finden sich auch Bilder und Infos.
Ist schon Toll wie Grenzgemeinden mit der Grenzgeschichte umgehen.

Gruß

Reinhard


==================================================
Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.
Konfuzius


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#4

RE: Eine Nachtschicht, die in Erinnerung blieb

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 23.04.2009 20:39
von grenzgänger86 | 375 Beiträge

Da fällt mir auch ne Geschichte ein,ist zwar nicht so spannend wie eure aber ich geb sie mal zum besten.In der Kompanie war ein Kumpel von mir in die Küche eingeteilt ,da er gelernter koch war,wir kannten uns schon von Potsdam her da war er mit mir in einem Ausbildungszug.Es passierte dann im November 86,Kompanie Grenzalarm,auch bei uns einige Krank oder im Urlaub,also auch der Koch mit raus.Hat sich erstmal gefreut das er auch mal die Grenze in der Nacht sieht und dann noch mit einem den er kennt als Postenführer.Bei Kompaniealarm wurde die WK immer komplett aufgemacht so das jeder rein laufen konnte und seine Waffe und Mumpeln holen.Wir dann auf den LO und los gings,der Koch sagt zu mir das er noch ein Paar leckere Stullen auf die schnelle gemacht hat damit wir nicht verhungern!(Wahrscheinlich hatte er immer ein Paar stullen bereit,für den Ernstfall)Im Abschnitt sah ich dann das er noch kein Magazin in der Waffe hatte und machte ihn darauf aufmerksam und er solle doch nun mal eins einklinken.Tja Magazine hatte er keine mit ,weil in der Magazintasche die Stullen waren,wurde ne lustige Nacht und die Stullen schmeckten auch.Zwar nichts aufregendes aber lustig.

04/86-04/87 in Schierke


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#5

RE: Eine Nachtschicht, die in Erinnerung blieb

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 24.04.2009 14:41
von ufw88 (gelöscht)
avatar
Kella war doch der abschnitt gk hildebrandshausen

09/88-04/90 gk hildebrandshausen

zuletzt bearbeitet 24.04.2009 14:43 | nach oben springen



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