#21

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 04.03.2015 07:51
von Udo | 1.266 Beiträge

@der 39.
Natürlich sind aus Deiner Grenzergeneration kaum noch welche hier, aber auch die "Junggrenzer" haben ein großes Interesse an Deiner Geschichte.
Wenn ich das richtig gelesen habe, schmuggelte die DDR bzw. der Betrieb damals drei LKW-Ladungen Pferdehaare. Warum??? Man hätte die doch ganz normal kaufen können. Eine Bezahlung wird ja trotzdem stattgefunden haben. Zoll sollte kein Problem darstellen.
Vielleicht weisst Du darüber was.
Auf Deinen nächsten Teil bin ich sehr gespannt.
Grüße Udo


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#22

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 04.03.2015 09:03
von der 39. | 522 Beiträge

Zitat von Udo im Beitrag #21
@der 39.
Natürlich sind aus Deiner Grenzergeneration kaum noch welche hier, aber auch die "Junggrenzer" haben ein großes Interesse an Deiner Geschichte.
Wenn ich das richtig gelesen habe, schmuggelte die DDR bzw. der Betrieb damals drei LKW-Ladungen Pferdehaare. Warum??? Man hätte die doch ganz normal kaufen können. Eine Bezahlung wird ja trotzdem stattgefunden haben. Zoll sollte kein Problem darstellen.
Vielleicht weisst Du darüber was.
Auf Deinen nächsten Teil bin ich sehr gespannt.
Grüße Udo

Rosshaar stand auf der Embargoliste, es konnte nicht gekauft werden im Westen, es musste geschmuggelt werden. Das war kalter Krieg. Eigentlich ging es in der Embargoliste nur um Waren, die militärisch (für die Rüstung) von Bedeutung waren. Aber Rosshaar? Oder Tiefziehbleche für das Dach des Wartburgs? Da sprangen dann die Schweden ein und lieferten die Bleche. Sie ließen sich als neutrales Land nicht abhalten. Übrigens sind die Klingen der Ehrendolche auch aus der BRD gewesen, getarnt als Fleischermesser.
Ich will jetzt keinen Rückzieher machen, aber ich gebe nur weiter, was ich gehört habe und kann mich natürlich nicht dafür verbürgen.
Gruß vom 39.


damals wars, hundemuchtel 88 0,5, Udo, IM Kressin und vs1400 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#23

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 04.03.2015 09:15
von der 39. | 522 Beiträge

Zitat von thomas 48 im Beitrag #15
Es war sehr interessant.
Ich wundere mich immer über das Vertrauen welches die Genossen untereinander hatten

Hallo Thomas,
in meiner Dienstzeit vorne an der Grenze gab es nur Freiwillige, entweder freiwillig zur Volkspolizei oder direkt als Grenzer ( FDJ-Werbeaktion)
Ich habe auch, solange ich an der Linie war, keine einzige Fahnenflucht erlebt,weiß aber, dass es sie auch gegeben hat.Später bei den Einberufenen war es wohl etwas anders, habe ich aber nicht selbst erlebt. Wäre noch zu bemerken, dass wir damals als Anrede Kamerad Oberwachtmeister oder ähnlich sagten. Erst 1952 mit neuen Uniformen, neuen Dienstgraden und neuen Waffen wurden wir dann Genossen
Gruß vom 39.


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zuletzt bearbeitet 04.03.2015 09:16 | nach oben springen

#24

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 04.03.2015 15:55
von schulzi | 1.759 Beiträge

Zitat von der 39. im Beitrag #23
Zitat von thomas 48 im Beitrag #15
Es war sehr interessant.
Ich wundere mich immer über das Vertrauen welches die Genossen untereinander hatten

Hallo Thomas,
in meiner Dienstzeit vorne an der Grenze gab es nur Freiwillige, entweder freiwillig zur Volkspolizei oder direkt als Grenzer ( FDJ-Werbeaktion)
Ich habe auch, solange ich an der Linie war, keine einzige Fahnenflucht erlebt,weiß aber, dass es sie auch gegeben hat.Später bei den Einberufenen war es wohl etwas anders, habe ich aber nicht selbst erlebt. Wäre noch zu bemerken, dass wir damals als Anrede Kamerad Oberwachtmeister oder ähnlich sagten. Erst 1952 mit neuen Uniformen, neuen Dienstgraden und neuen Waffen wurden wir dann Genossen
Gruß vom 39.

das kenne ich durch meinen Vater bei der Hauptverwaltung Ausbildung waren sie noch Kameraden ,ab der KVP Genossen


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#25

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 04.03.2015 17:49
von bingernhier | 246 Beiträge

Hallo @der 39.
Mit großem Interesse habe ich den 3. Teil Ihrer Geschichten( Vergangenheit ) verfolgt.
Ich möchte mich auch dafür recht herzlich bedanken.
Mit freundlichen Grüßen
bingernhier


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#26

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 05.03.2015 06:44
von manudave | 390 Beiträge

Und auch unter Vierzigjährige lesen die Erlebnisse mit großem Interesse.
Vielen Dank für das Einstellen.


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#27

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 11.03.2015 11:30
von der 39. | 522 Beiträge

Dem folgenden Auszug muss ich vorwegschicken, dass die Auszüge um alle Passagen bereinigt sind, die mein persönliches Leben betreffen, sie tun hier nichts zur Sache. Wo sie um des Verständnisses willen notwendig sind, lasse ich sie natürlich im Text. Die Auszüge sind aus meiner Autobiographie, logischerweise ist da natürlich mehr enthalten als dies Grenzepisode
Teil 4
Harbke
Wir hatten eine neue Struktur, die Anzahl der Grenzkommandos wurden reduziert und in größeren Einheiten zusammengefasst.Es gab nun einen Kommandostab, dort arbeitete ich als Politstellvertreter. Das Gebäude für den Kommandostab war ein sogenanntes Altenteil eines Bauernhofes. Dort waren wir ganz gut untergebracht, bis auf einen Mangel. Im Obergeschoss, wo mein Arbeitszimmer lag, war die Deckenhöhe an den offenliegenden Balken nur 1,60 m. So viele Beulen am Kopf habe ich später in meinem ganzen Leben nicht mehr gehabt. Es war eben eine harte Zeit.
In diese Zeit hinein fiel auch eine großangelegte Aktion im Braunkohlentagebau. Die Situation war kompliziert. Der Tagebau war geteilt durch die Grenze. Leider lag die Braunkohle auf westlicher Seite und der Abraum auf östlicher. Das dazugehörige Kraftwerk allerdings stand in Harbke auf unserer Seite.Eines Tages wurde durch andere bewaffnete Kräfte, ich weiß nicht, um wen es sich da gehandelt hat, in einer NachtundNebelaktion die großen Bagger auf unsere Seite gerückt und gesichert. Schließlich wurden sie demontiert und abtransportiert,jedenfalls teilweise. Im Westen gab es keine Kohle, in Harbke demzufolge keinen Strom, bis sich alles wieder eingerenkt hat. Leider kann ich dazu nichts Näheres erklären, mir
sind keine Details bekannt. Es war zwar unser Abschnitt, aber in der Zeit ging schon manches drunter und drüber. Es waren viele unterschiedliche Kräfte, die an der Grenze wirkten, manchmal war es sehr verwirrend und geschah auch ohne unsere Kenntnis.Auch hier in Harbke gab es leider wieder tote Kameraden zu beklagen. Eines Nachts wurden mehrere Grenzposten auf das Knattern einer MPi aufmerksam. Die Anfrage an den Grenzposten in dem betroffenen Bereich blieb ohne Antwort. Eine zusätzliche Kontrollstreife fand ein grausames Bild vor, zwei völlig verschmorte und auf Kindergröße zusammengeschrumpfte Polizisten. Ich war an der Untersuchung nicht selbst beteiligt, aus den Protokollen weiß ich aber in etwa was passiert ist, bzw. was passiert sein musste. Es war eine kalte Nacht und im Postenbereich stehendes Transformatorenhaus bot vor dem kalten Wind auch etwas Schutz. Dort, an der windabgewandten Seite, stand auch ein alter gusseiserner Kanonenofen,der immer mal wieder von den Polizisten mit Holz beheizt wurde. So muss es auch in dieser Nacht gewesen sein.Vermutlich, weil es sehr qualmte, suchten sich die beiden ein langes Rohr aus Blech, etwa so eins, wie es für Dachrinnenfallrohre verwendet wird und versuchten es in das Knie des Ofens hineinzustellen.Dabei schlugen sie mit dem Rohr oben am Trafo-Haus gegen die Hochspannungsleitung und verbrannten.Das angebliche MPi-Feuer war die explodierende Munition, die sie bei sich trugen. Es war schrecklich, aber zu meinem Glück musste ich diesmal nicht die Eltern verständigen.
Im Nachbarort Sommerschenburg hatte der preussische General Gneisenau ein Landgut und wurde auch dort beigesetzt.Später wurde eine würdige Gruft errichtet. Die Bevölkerung bezog sich oft darauf und nicht selten wurde erzählt, dass die
Amerikaner zum Kriegsende dort auftauchten und aus seinem Sarkophag die Stiefel entfernten, wohl als Souvenir. Das ist natürlich Hörensagen und ich verbürge mich gewiss nicht dafür.Wobei bemerkenswert war, dass solche Heldentaten ja meist den russischen Soldaten zugeordnet wurden, aber hier eben nicht.
Am 7.10 1952 bekommen wir neue Uniformen und neue Dienstgrade. Ich werde Leutnant und verlasse die Polit-Laufbahn, gehe als Kompaniechef nach Beendorf.
Beendorf zum Zweiten
Die Grenzeinheiten hatten wieder eine neue Struktur, es waren jetzt richtige Kompanien geworden mit 3 Zügen und mehren Offizieren. Wenn wir zum Beispiel in die Nachbardienststelle oder zur Kommandantur mussten, das Fahrrad war unser Hauptverkehrsmittel. Wenn natürlich mal die Möglichkeit war, mit einem Auto zu fahren, wurde das auch genutzt, immerhin gab es in der Kommandantur einen uralten Opel P4 und einen neuen IFA F9. Um mal die Autobahn im Auto entlang zu sausen, nahm ich auch den Fußmarsch vom Kontrollpunkt Marienborn entlang der Grenze nach Beendorf in Kauf, als sich einmal die Gelegenheit bot, im F9 mitzufahren. Ich musste natürlich auf den Rücksitz und der neue Stabschef war Beifahrer. Als wir so richtig Tempo auf der Autobahn drauf hatten, fing das neue Auto an zu klappern. Der Fahrer sagte,dass die Beifahrertür nicht richtig geschlossen sei und dass er anhalten werde. Aber der unerfahrene Beifahrer wollte das Anhalten vermeiden und öffnete die Tür, um sie richtig zuzuschlagen. Es gab einen heftigen Knall und wir hatten vorne rechts keine Tür mehr. Das Auto sah böse aus. Dadurch, dass die Tür hinten angeschlagen war, also sich vorne öffnete, schoss beim Öffnen der heftige Fahrtwind ins Auto und riss die aufschlagende Tür einfach ab. Es gab nur Sachschaden, aber der Ärger war groß, zum Glück war ich unschuldig.
Dann kam der 17.Juni 1953. das Geschehen in der Republik nahmen wir nicht so richtig wahr, es berührte uns nicht. An der Grenze war es ruhig, schließlich der Befehl, sofort zum 12-Stundendienst überzugehen und die Grenze so zu sichern, dass weder feindliche Kräfte eindringen, noch an den Unruhen Beteiligte nach dem Westen flüchten konnten. Erstmals erlebte ich, dass ein Kommandeur der im Hinterland stationierten
sowjetischen Einheit auftauchte und mit mir die operativen Einsatzpläne abstimmt. Er setzt in unserem Abschnitt selbst sowjetische Posten ein, sodass der Koordinierungsaufwand hoch ist und wir über Funk ständig in Verbindung bleiben. Nach einigen Tagen verschwanden die sowjetischen Posten und wir gehen wieder zum normalen Grenzdienst über. Niemand hat versucht einzudringen, niemand hat versucht zu flüchten. Wir haben sozusagen den 17.Juni verschlafen Die direkte Bewachung der Grenze durch sowjetische Einheiten war schon 1947 eingestellt worden, die Einheiten befanden sich aber noch im Hinterland, sozusagen in der 2. Linie.Schließlich zogen sie sich am 1.Dezember 1955 gänzlich aus
dem Grenzbereich zurück. An ihrer Stelle wurden sogenannte sowjetische Berater in den höheren Stäben eingesetzt, dann nach Jahren wieder abgezogen, um in den 60er Jahren erneut eingesetzt zu werden.
Der 39.


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zuletzt bearbeitet 11.03.2015 11:32 | nach oben springen

#28

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 20.03.2015 17:41
von der 39. | 522 Beiträge

Heute nun ein 5. Teil, wie schon geschrieben, um allzuviel Privates bereinigt.
Teil 5
Hötensleben
Im Herbst 1954 verlasse ich Beendorf zum 2. mal und gehe als Kompaniechef
nach Hötensleben. Hötensleben liegt dicht an der Grenze. Durch die auf
westlicher Seite befindlichen Tagebaue und die größere Ortschaft Schöningen
bestehen sehr enge Beziehungen jeglicher Art nach dem Westen. Es ist schwer,
den Grenzabschnitt zu sichern.
Schließlich wird auf Anweisung des Regimentes eine Hundesperre
eingerichtet. An Laufleinen konnten sich die Diensthunde über einen größeren
Abschnitt bewegen und so einen gewissen Abschnitt sichern. Doch der Aufwand
war letztlich zu groß und nach einer gewissen Zeit wurde diese Art der Sicherung
durch Hunde wieder aufgegeben. Aber da war ich schon nicht mehr in
Hötensleben. Als Kompaniechef standen mir zwar auch dienstfreie Tage zur,
aber es war schwer, sich von der Dienststelle zu lösen. Das führte zunehmend zu
Problemen in meiner Ehe. Ich war also nur selten mit dem Fahrrad nach
Beendorf unterwegs, wo ich eine Wohnung hatte. Ich war ziemlich gewissenhaft
und verantwortungsvoll und wenn nicht alles in Ordnung war, habe ich meine
Kompanie nicht verlassen, mir war immer bewusst, dass ich für eine große Zahl
junger Menschen zuständig und verantwortlich war, die unter Waffen standen
und ständigen Stresssituationen beim Grenzdienst ausgesetzt waren. Meine Frau
konnte oder wollte sich nicht in meine Situation versetzen, es gab immer mehr
Auseinandersetzungen.
Ohrsleben, meine letzte Grenzdienststelle
Dann nach etwa einem Jahr, im Frühjahr 1955, erneute Versetzung diesmal
nach Ohrsleben und Übernahme der dortigen Kompanie. Unter den Soldaten gab
es nur Freiwillige, die Wehrpflicht bestand noch nicht. Auch viele Aussiedler
hatten sich zum Dienst verpflichtet, junge Leute, die vorwiegend aus Polen nach
dem Krieg in die DDR kamen, weil sie Deutsche waren. Aber mit der deutschen
Sprache haperte es manchmal. Viel Spaß gab es mit einem Soldaten, der wirklich
nur gebrochen deutsch sprach. Ein guter Kerl, wenn ich ihm sagte, du musst
nach 6 Stunden noch einmal auf Streife, er ging immer ohne zu murren und er
achtete völlig von sich aus darauf, dass alles sauber und ordentlich war in der
Dienststelle. Aber was ihm so bei der Schulung erzählt wurde, das hatte er längst
nicht alles verstanden. So auch nicht das Wort Bewusstsein, für ihn war bewusst
ein Wort und sein auch. Als nun eines Tages ein Fußball vom Sportplatz neben
der Unterkunft in eine Scheibe flog, stürzte er hinaus und rief dem Schützen zu:
Wo ist deine bewusst? Alles junge Leute, es blieb nicht aus, es wurde ein
geflügeltes Wort, immer wieder hörte man bei irgendeinem Ereignis: Wo ist
deine bewusst. Wahrscheinlich würde man heute darüber urteilen,
Diskriminierung schreien u. ä. Aber es war einfach nur ein derber Ton und der
betroffene Soldat hat es nicht übel genommen, er meinte mal zu mir, ich kann
nur lernen.
In den Grenzdienststellen wurde es gefördert, wenn die Soldaten Ideen und
Einfälle für den Grenzschutz entwickelten. Besonders die Überwachung des
jeweiligen Abschnittes war Gegenstand solcher „Erfindungen“ Ich kenne mehrere
Modelle von Geräten mit denen Leuchtkugeln oder Platzpatronen abgeschossen
werden konnten, wenn jemand einen feinen gespannten Draht aus einer
Vorrichtung herauszog und dadurch einen Schlagbolzen frei gab. Oder es
wurden an solche Drähte Lämpchen oder Klingeln angeschlossen. Später wurden
solche Geräte weiter perfektioniert, mit einem Ruhestromrelais versehen,konnten die Kupferdrähte hauchdünn werden und waren nicht mehr beim
Zerreißen zu bemerken. Wir haben so manches Elektrogerät gesammelt, zerlegt,
nur um die Spulen mit dem Kupferdraht zu gewinnen. Mit solchen Geräten, die in
großer Vielfalt von den Soldaten entwickelt und gebaut wurden, konnten größere
Abschnitte besser überwacht werden, vor allem eben nachts. Es gab nur einen
Nachteil, die meisten Auslöser waren Hasen, Füchse, Rehe und anderes Getier.
Einige Bemerkungen zur seit 1952 geltenden neue Grenzordnung. Bis dahin
folgte die Grenze einem mehr oder weniger natürlichen Verlauf, Bäche, Feldraine,
Waldränder stellten den Grenzverlauf dar an manchen Stellen waren auch
einfache Holzzäune errichtet worden. Straßen, Wege und Bahnlinien waren
unterbrochen und nicht ohne weiteres passierbar. Die neue Grenzordnung sah
nun vor, dass ein 10 m breiter Streifen, der nicht mehr unbedingt dem genauen
Grenzverlauf entsprach, abgeholzt und landwirtschaftlich bearbeitet wurde, wo
das möglich war. Dieser Kontrollstreifen wurde ständig geglättet und gepflegt, so
dass die kontrollierenden Soldaten jederzeit Spuren erkennen und bei
Feststellung von Eindringlingen Alarm auslösen konnten. Es entwickelten sich
unter den Soldaten hervorragende Spurenleser, sie erkannten sofort, wenn
jemand rückwärts über den Streifen gelaufen war oder noch eine zweite Person
getragen hatte oder Tierspuren durch entsprechend präparierte Schuhe
erzeugte. Teilweise gelang es ihnen sogar das relativ genaue Alter solcher
Spuren festzustellen.
Nach dem Kontrollstreifen folgte eine 500 m breite Schutzzone, in die auch
die dort sesshafte Bevölkerung nur mit einem grünen Passierschein hinein durfte,
auch wenn etwa dort gearbeitet werden musste oder die Feldarbeit anstand. Wer
aus dem rückwärtigen Gebiet seine Angehörigen besuchen wollte, musste bei der
Polizei bzw. Meldestelle den Schein beantragen. In einer Nacht- und Nebelaktion
wurden damals durch Behörden der Grenzkreise viele Personen, sofern sie im
500 m Schutzstreifen wohnten, in das Hinterland umgesiedelt. Eine
Schreibtischentscheidung der Behörden, die viel Kummer und Leid über die
betroffenen Menschen gebracht hatte und von unserer Sicht her überhaupt nicht
notwendig war. Wir kannten die Menschen in den Dörfern gut, arbeiteten mit
Grenzhelfern aus der Bevölkerung zusammen, der Sinn dieser Aktion war uns
unverständlich. Außerdem waren ja in den Jahren zuvor schon immer mal wieder
Leute umgesiedelt worden, die den staatlichen Organen nicht vertrauenswürdig
erschienen. Auch das Haus in Beendorf Helmstedter Str 24, in dem ich wohnte,
war bei einer solchen Aktion einmal zwangsweise geräumt worden. Dem 500 m
Schutzstreifen vorgelagert war noch eine 5 km Sperrzone, für deren Betreten
ein weißer Passierschein notwendig war. Später, als ich schon nicht mehr in der
unmittelbaren Grenzlinie eingesetzt war, wurden die so viel diskutierten
Minensperren und Zäune gebaut. Sie wurden politisch sehr hoch gespielt, obwohl
solche Sperren und Mauern in der ganzen Welt üblich waren und noch sind, sei
es an der Grenze USA-Mexiko oder Israel-Palästina oder Griechenland-Türkei
oder an anderen Stellen.
Ein Wort zu den Toten an der Grenze. Man kann Tote nicht gegeneinander
aufrechnen und jeder, der an der Grenze sein Leben gelassen hat, ist einer zu
viel. Jedoch sollte man bedenken, wer eine reguläre völkerrechtlich anerkannte
und militärisch gesicherte Grenze illegal überschreitet, begibt sich bewusst in
Todesgefahr. Keiner, der das nicht gewusst hätte. Doch der Grenzsoldat, der an
der Grenze sein Leben ließ, handelte immer getreu seinem Fahneneid auf einen
souveränen anerkannten Staat. Soweit ich weiß, sind es mehr als 20 Soldaten,
die ihr Leben lassen mussten. Die Zahl der zivilen Grenztoten ist mir nicht genau
bekannt, von gerichtlich festgestellten 185 Toten habe ich gelesen, wobei noch
nicht alle entsprechenden Ermittlungen abgeschlossen waren. Aus einer
statistischen Übersicht weiß ich, dass an der Grenze der Bundesrepublik zu
Österreich und zu den Niederlanden, mehr Menschen beim Grenzübergang ums
Leben kamen, als an der Grenze zur DDR. Klaus Huhn schreibt in seinem
Buch:„Über Todesschüsse an der Westgrenze“, dass alleine von 1946 bis 1952 im
Aachener Raum 31 Menschen erschossen wurden. Auch wenn es heute gerne so
hingestellt wird, die einen wie die anderen bedauerlichen Toten waren nicht das
Ergebnis der DDR-Gründung, sondern das Ergebnis des 2. Weltkrieges.
Aber kehren wir nach Ohrsleben zurück. Manchmal trieben die Soldaten, die
verständlicherweise besseren privaten Kontakt zu den Bewohnern im Ort hatten,
auch etwas zu essen auf. Die Verpflegung war zu dieser Zeit schon viel besser
geworden, bis auf die Kartoffelabgabe im Frühjahr an die Bevölkerung, wenn es
knapp wurde und es wurde jedes Jahr knapp. Das 2.Quartal war immer in den
Dienststellen das Nudelquartal.
Aber ein Stück Wurst oder Speck vom Bauern nahmen die Soldaten trotzdem
gerne. Einmal bekam ich von einem Unteroffizier ein riesiges Stück Speck
geschenkt, dass er ebenfalls beim Bauern besorgt hatte. Es war in einem
Klumpen Zeitungspapier eingewickelt. Als ich spät abends von der Kontrollstreife
kam, fiel mir der Speck ein, ich wühlte auf meinem Schreibtisch das Papier
auseinander, nahm meinen Hirschfänger und schnitt mir ein ordentliches Stück
Speck ab. In dem Augenblick fiel ein Schuss, ich wurde getroffen und das Licht
erlosch. Ich schrie sofort: Wache zu mir und Alarm auslösen. Der Wachhabende
kam und fragte was denn los sei. Haben Sie denn nicht den Schuss gehört? Ich
taste mich ab, aber kein Blut, ein Soldat ruft auf dem Flur: Verdammt, wer hat
denn wieder an der Sicherung gespielt? Ich habe mich mächtig geschämt.
Folgendes war passiert. Ich hatte nicht beachtet, dass auf dem Schreibtisch
unter dem Wust von Papier das Kabel zu meiner Tischlampe verlief, welches ich
mit dem Hirschfänger durchgesäbelt hatte. Ich habe wirklich einen Knall gehört
und einen Schlag verspürt. Oh, war das peinlich. Aber das Gerede über den
erschossenen Kompaniechef hielt sich in Grenzen oder ich bekam es nicht mit.
Der 39.


Rothaut, bingernhier, MHL-er, Unner Gräzer, ABV, passport, schulzi, bendix, turtle, vs1400, Gert, EK 70, IM Kressin und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#29

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.03.2015 17:40
von der 39. | 522 Beiträge

Heute stelle ich einen weiteren Teil meiner Grenzdiensterlebnisse vor, den ich ebenfalls bereinigt und ergänzt habe , soweit es notwendig war.
Teil 6
Oschersleben

Auch die Zeit in Ohrsleben ging schnell vorbei. Ich war ein anerkannter und mit vielen Auszeichnungen dekorierter Kompaniechef geworden. Schließlich ging ich 1956 zur Offiziersschule nach Sondershausen. Das erschien mir folgerichtig für meine weitere Zukunft in der Armee. Dort schnitt ich sehr gut ab, wurde sogar in der letzten Zeit selbst als Lektor eingesetzt. Nach einigen Gesprächen war klar, dass nur mein Einverständnis noch erforderlich war, dann könnte ich in Sondershausen als Lehrer für Waffen- und Schießausbildung bleiben. Schließlich stimmte ich zu und dann nach einigen Wochen die Mitteilung, dass der Einsatz in Sondershausen vom Ministerium abgelehnt sei mit der sehr fadenscheinigen Begründung, dass mein Gesundheitszustand nicht den Anforderungen entspricht. Ich durfte also operativen Grenzdienst unter höchsten physischen und psychischen Anstrengungen versehen, aber nicht als Lehrer in einer Schule tätig sein. Es gab mir sehr zu denken, ich war inzwischen doch sehr misstrauisch geworden, bei jedem Ereignis, dass ich nicht verstand, witterte ich wieder eine Schikane. Dann fand ich mich damit ab, ich hoffte, in der Kommandeurslaufbahn weiter zu kommen.
Ich kam nach Abschluss der Offiziersschule 1957 wieder in mein Regiment nach Oschersleben zurück, im Kaderbefehl wurde zu meiner größten Überraschung bereits ein neuer Kompaniechef in Ohrsleben eingesetzt, wo ich ja noch meine persönlichen Sachen hatte. Ich war kein Kompaniechef mehr, ich wurde Leiter Ausbildung im Regiment, meine Zeit im operativen Grenzdienst war beendet. Ich kam nicht mehr an die Grenze und ich spürte auch in der Folgezeit, dass das bewusst verhindert wurde. Selbst bei besonderen Einsätzen oder bei der Untersuchung von Vorkommnissen kam ich nur ganz selten zum Einsatz, ich musste sozusagen das Haus hüten, saß im Regimentsstab und verfasste Lagemeldungen und langweilte mich.

Ich werde Bataillonskommandeur

Nach einiger Zeit wurde das Grenzregime wieder einmal geändert, zu den 3 Bataillonen in der Linie wurde ein 4. Bataillon geschaffen, ein Ausbildungsbataillon. Vorgesehen war, dass dieses Bataillon nach Monaten der Ausbildung ein ganzes Grenzbataillon ablöst, welches dann selbst in die Ausbildung ging. Da es nicht unproblematisch war, Unterkünfte für ein Bataillon aus dem Boden zu stampfen, wurde das Schloss in Flechtingen zur Verfügung gestellt, das Bataillon zog dort ein, wo schon vorher eine Ausbildungskompanie stationiert war. Ich wurde der Bataillonskommandeur und ging nach Flechtingen. Ich war wieder mit der Entwicklung ausgesöhnt, ich war Bataillonskommandeur und würde nach einigen Monaten mit dem gesamten Bataillon ein anderes Bataillon in der Linie ablösen.
Das Schloss war zwar für die Sicherung günstig, ringsherum war Wasser, ansonsten aber durch die vielen Um-und Anbauten aus früheren Zeiten total verbaut. Bei einer Alarmübung dauerte es mindestens 20 Minuten, bis auch der letzte Soldat gefunden war. In Auswertung dessen wurden in Oschersleben im Objekt des Regimentes Baracken gebaut und die Episode Flechtingen beendet. Ich ging also mit dem ganzen Bataillon im Folgejahr nach Oschersleben zurück.
Endlich, so glaubte ich, geht es mit meiner Laufbahn weiter. Als Bataillonskommandeur kommt folgerichtig die Beförderung zum Major und dann die Offiziershochschule in Dresden. Träume sind Schäume, wie sich wieder einmal mehr zeigen wird. Irgendwo war längst festgelegt, dass ich nicht mehr in unmittelbarer Grenznähe eingesetzt werden soll und so wäre ich auch nie mit meinem Bataillon an die Grenze gegangen.
( ich muss an dieser Stelle zum allgemeinen Verständnis folgende Bemerkungen einfügen: Der Umstand, dass ich in Essen geboren bin und mein Vater und meine Schwester im Westen wohnten, wo sie ja immer gewohnt hatten, machte mich für das Ministerium für Staatssicherheit immer interessanter. Aus meinen Stasiakten weiß ich, dass bereits am 3.8.1958 meine Postüberwachung angeordnet wurde, später wurde meine Wohnung in Oschersleben heimlich durchsucht und auch abgehört.)

Da ich noch zunächst noch in Beendorf wohnte, waren unter den schon genannten Umständen meiner Ehe die Besuche in Beendorf sehr rar geworden. Ich konnte mich in Oschersleben auch verstärkt dem Schießsport zuwenden und war natürlich durch die Wettkämpfe an den Wochenenden ebenfalls nicht gerade oft zu Hause. Als in Leipzig DDR-Meisterschaften im Sportschiessen stattfanden, wurde ich als einziger Dynamoschütze aus dem Bezirk Magdeburg dorthin delegiert. Außerdem kamen noch 2 Genossinnen aus Berlin dazu. Es gab viel Aufregung darum, dass die oberste Dynamo-Leitung die Meisterschaften offensichtlich verschlafen hatte. Wir drei Dynamos mussten Interviews geben, obwohl wir überhaupt nichts wussten. Schließlich erscheint in der Grenzerzeitung ein Bild von den beiden Genossinnen und mir mit dem Titel: Ein Hauptmann und 2 Frauen. Das hat für Gespött gesorgt, obwohl ich die beiden gar nicht kannte, hatten alle anderen ihren Spaß, ein Hauptmann und zwei Frauen war in aller Munde. Ich bekam in Oschersleben eine Wohnung, um meine Ehe zu retten oder wohl doch, um mich ganz von der Grenze zu entfernen.
Die Wohnung in Oschersleben, war ganz allgemein gesehen, natürlich ein Glücksfall. Doch ich hatte darunter zu leiden. Immer wieder wurde ich angesprochen, es war bestimmt das halbe Offizierskorps, die da sagten, wenn man für einmal fremdgehen eine Wohnung kriegt, mache ich das auch oder so ähnlich. Zu Anfang habe ich immer noch beteuert, dass es ganz anders ist, ich wurde nur ausgelacht. Dann gab ich es auf. Heute denke ich, dass meine Wohnung in Oschersleben längst geplant war und da der Einsatz des Bataillons an der Grenze immer näher rückte, denke ich heute, dass die nachfolgend geschilderte Aktion dazu dienen sollte, mich als Kommandeur abzulösen.
Eines Tages wurde eine große Inspektion angekündigt, Schwerpunkt Ausbildungsbataillon. Ich hatte zwei Tage Zeit, um das vorzubereiten. Wenn je jemand geglaubt hatte, dass ich bei einer solchen Kontrolle auf die Nase falle, der hatte sich sehr geirrt. Natürlich klingt das jetzt wie Eigenlob, aber ich hatte alles im Griff und wusste, was kommen könnte. Die Inspektion dauert drei Tage, ich bin die ersten beiden Tage sehr gut durchgekommen, am dritten Tag sind die Waffen an der Reihe. Da das Wetter sehr gut war, lasse ich vor dem Objekt alle verfügbaren Tische im Karree aufstellen und darauf die gereinigten Waffen legen. Es konnte nichts schief gehen. Ich präparierte mich schon auf die Meldung an die Inspektionsgruppe, da fiel mein Blick auf die MPis und ich sah zunächst etwas Unregelmäßiges. Beim Herantreten bemerkte ich, dass in eine MPi hineingeschossen worden war, die Verschlussklappe war zerfetzt. Mir schossen hundert Gedanken durch den Kopf, ich lasse die Waffe zur Waffenkammer des Regiments bringen, konnte gerade noch den Übergabebeleg abzeichnen, dann kam auch schon die Inspektionsgruppe. Ich stand stundenlang wie auf Kohlen, dann war die Inspektion mit der Note eins beendet. Ich stürzte in die Waffenkammer des Regiments, wollte die Waffe sehen. Sie war nicht da, sie sei schon zur Division gebracht worden, nach Magdeburg. Hauptmann B., der Bewaffnungsoffizier, zu dem Zeitpunkt dachte ich noch er ist mein bester Freund im Regimentsstab, zuckte mit den Schultern. Er hätte unbedingt wissen müssen und können, dass das keine Waffe aus meinem Bataillon war. Die Waffe war wirklich weg, keine Befragung, kein Protokoll, nichts. Das war in meinen Augen ungeheuerlich und immerhin ein großer Affront gegen einen Bataillonskommandeur. Ich will gerade los toben, da drückt mir ein Feldwebel aus meinem Bataillon, mein Waffenmeister, einen Zettel in die Hand mit der Waffennummer der beschädigten MPi. Nach einer raschen Überprüfung meiner Bestandlisten konnte ich feststellen, diese Waffe gehörte nicht in unseren Bestand, dafür fehlt eine andere MPi.
Ehe ich den ganzen Regimentsstab verrückt machte, kehrte mein Verstand zurück. Ich lasse die fehlende Waffe als Rückgabe an die Division aus meinem Bestand austragen und alles ist wieder in Ordnung, so schien es. Ich lasse niemanden wissen, dass mir bekannt ist, dass mir eine falsche Waffe untergejubelt wurde. Es hat auch von der Division her nie eine Untersuchung gegeben, die beschädigte Waffe gab es nicht. Ich habe nie erfahren, was da geschehen war und ich habe, um jegliche Konfrontation zu vermeiden, nie danach gefragt oder anderweitig nachgeforscht. Eine fremde beschädigte Waffe tauchte auf, ich entdeckte sie vorzeitig und sie verschwand genauso wieder. Wozu war denn diese Aktion? Hätte die Inspektionsgruppe die Waffe entdeckt, wäre ich sicherlich als Bataillonskommandeur abgelöst worden. Oder noch anderes wäre geschehen. Warum diskutiert Gustl B. nicht mit mir über das sensationelle Vorkommnis? Mein Misstrauen war wieder geweckt, wer steckte dahinter?
Eines Nachts werde ich durch einen Melder von zu Hause geholt, es war ein Unfall mit Schusswaffen passiert. Die Untersuchung ergibt, dass ein aus dem Ausgang kommender Soldat meines Bataillons, leicht angetrunken, sich beim Diensthabenden zurückmeldet hat. In der Wache ist ein bisschen Trubel, weil alle Ausgänger zu dieser Zeit zurückkamen. Der Soldat ergriff aus Spielerei eine MPi aus dem Waffenständer und rattert aus Spaß mit dem Schloss. Die Waffen waren natürlich ohne Trommel, so dass theoretisch nichts passieren durfte, wenn die Trommel vorschriftsmäßig entfernt wurde und durch leichtes Zurückziehen des Schlosses geprüft wurde, ob das Patronenlager wirklich frei war. Aber in diesem Fall war doch eine Patrone erfasst worden und das nicht verriegelnde Schloss mit dem Schlagbolzen auf der Patrone lag. Durch das Rattern mit dem Schloss löste sich der Schuss und traf den Diensthabenden dicht am Herzen vorbei. Die Ärzte konnten ihn retten, Ich musste die Eltern in Kenntnis setzen. Ich fuhr nach Halle, traf die Eltern aber nicht an. Von Nachbarn erfuhr ich, dass sie im Garten sind auf einer Garteninsel in der Saale. Ich musste mit einem Kahn auf die Insel geholt werden. Als die Mutter mich in Uniform sah, fing sie sofort an zu schreien, erst Nachbarn brachten mich auf die Insel und ich konnte den Eltern von dem Unglück berichten und ihnen Hoffnung auf eine Genesung machen. Nach einem halben Jahr trat der Unteroffizier auch wirklich seinen Dienst wieder an. Der ungewollte Schütze kam vor ein Militärgericht und wurde mit 9 Monaten Haft bestraft. Auch er kam nach dieser Zeit wieder in meine Einheit zurück, um seine Restdienstzeit zu absolvieren.


MHL-er, bingernhier, Büdinger, Rothaut, Unner Gräzer, 94, passport, schulzi, vs1400, bendix, Gert, EK 70, IM Kressin und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#30

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 07.04.2015 19:25
von der 39. | 522 Beiträge

Meine Erinnerungen an die Grenzerzeit setze ich heute mit einem Teil 7 fort. Auch dieses mal habe ich viel privates herausgenommen, aber zum Verständnis der gesamten Entwicklung geht das nicht vollständig
Teil 7

Schon wieder Leichtsinn

Zu meinen Aufgaben als Bataillonskommandeur gehörte es auch, die Einsatzbereitschaft aller Schützenwaffen sicherzustellen und so fuhr ich einmal im Jahr für ein paar Tage auf den Schießstand kurz vor Quedlinburg. In Begleitung waren ein paar Waffenmeister und die Sicherungsmannschaft und natürlich ein Lkw voller Waffen. Dort fand das Anschießen der Waffen statt. Die Waffenmeister spannten eine Waffe nach der anderen in ein Gestell, richteten die Waffe möglichst genau aus und dann wurden 3 Schuß nacheinander abgefeuert, dann traten nach Klingelsignal die Auswerter aus dem Unterstand und bestimmten durch ein einfaches Zeichenverfahren den mittleren Treffpunkt und trugen ihn in die Waffenbegleitkarte ein. Als ich mich einmal an der Auswertung beteiligte, waren nach dem Signal nur 2 Einschüsse auf der Scheibe, gerade als wir ein Zeichen geben wollten, fiel der 3. Schuss, unmittelbar zwischen den Nasen von mir und einem Waffenmeisters hindurch. Das war sehr knapp und eine Warnung, ja keine Routine beim Umgang mit Waffen aufkommen zu lassen. Ich meldete das Vorkommnis nicht, ich wusste was es für Ärger nach sich gezogen hätte und auf meine Waffenmeister konnte ich mich verlassen, die hielten dicht.

Chemischer Offizier

In den Grenzregimentern wurden zur Abwehr chemischer Angriffe, Chemische Trupps eingerichtet. Der Trupp des Regimentes Oschersleben gehörte zum Ausbildungsbataillon und unterstand demzufolge mir. Ich werde zusätzlich zu meiner Tätigkeit als Bataillonskommandeur mit der Funktion eines Chemischen Offiziers des Regiments betraut. In der Division in Magdeburg besuchte ich einen entsprechenden Lehrgang und wurde danach sofort beauftragt, die Trupps der 3 Regimenter, die je aus einem Unteroffizier und 6 Soldaten bestanden, auszubilden. Die Ausbildung fand in Magdeburg statt. Theoretische Ausbildung in der Kaserne, praktische Übungen in den Elbwiesen „Rote Horn“ oder ähnlich, der genaue Name ist mir entfallen. Wir hatten eine gute Ausrüstung russischer Produktion bekommen, es standen Dosimeter, Prüfgeräte für Gase und alle sonstigen wichtigen Geräte zur Verfügung. Die Geruchsproben in kleinen Riechfläschchen waren, so die Einweisung, teilweise Imitate, aber zum Teil auch echt. Für die Übungen in den Elbwiesen bekommen wir die Möglichkeit, eine größere genau festgelegte Wiesenfläche, ich schätze 600 x 800 m zu nutzen. Wir hatten verschließbare Pappeimer mit Aufnahmen für die Zünder für etwa 8-10 l Flüssigkeit erhalten als chemische Minen, die mit kleinen Ladungen versehen, ferngezündet werden konnten. Als Übungskampfstoff standen uns Fässer mit Pyridin zur Verfügung. Das sollte ganz harmlos sein, roch aber nicht gut. Die Aufgabe lautete nach der Zündung der Pyridinbehälter, die Grenzen der Vergiftung zu bestimmen und mit Fähnchen zu markieren. Als der Lehrgang mit dieser Übung dann abgeschlossen werden sollte, ging doch etwas schief. Eigentlich war vorgesehen, das Gebiet weitläufig für Personen abzusperren, was auch erfolgte, jedoch dass dort auch Kühe waren, wurde außer Acht gelassen und so kam die Katastrophe. Wir waren vermummt mit Schutzanzügen, die Soldaten hatten zusätzlich noch ihre Prüfgeräte und Fähnchenbündel und ich zündete zur befohlenen Zeit die Behälter. Die Detonationen waren heftig, eine braune Wolke zog über die Wiesen und ehe wir noch mit der Arbeit beginnen konnten, tobten mehrere Kuhherden über uns und unser Lager hinweg. Es sah verheerend aus und es gab ein paar Leichtverletzte, ich brach die Übung ab. Das Schöne am Soldatenleben ist eben, das man für das Ausführen eines Befehls „von oben“ nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Ich fuhr am nächsten Tag wieder nach Oschersleben zu meinem Bataillon, die Soldaten ebenfalls in ihre Einheiten, das wars. Ich weiß aber von den mir gut bekannten Stabsoffizieren der Division, dass es heftige Proteste und Beschwerden der örtlichen Verwaltungen gegeben hatte, aber an mir ging das vorbei.
Allerdings war das nicht die ganze Wahrheit. Da ich den Soldaten, welche die Riechproben mit großem Respekt behandelten, immer das Schnüffeln vorexerzierte, legte ich mich, in Oschersleben angekommen, für einige Tage ins Krankenrevier. Ich war knallrot und am ganzen Körper merkwürdig geschwollen und hatte heftige Nieren- und Leberschmerzen. Der Regimentsarzt war ratlos und ich ließ ihn dumm sterben. Ich bin sicher, dass ich zu viel am Sarin oder Soman geschnüffelt hatte. Am 5. Tag war über Nacht alles wie weggeblasen.

Wieder mal was Neues

Immer wenn wir neue Chefs bei den Grenztruppen oder bei der Volksarmee bekamen, wurden auch neue Methoden eingeführt. Weil die Offiziere herzlos zu den Soldaten seien, kam eines Tages die Weisung, dass alle Offiziere 4 Wochen Dienst als Soldat in einer Grenzkompanie leisten sollten, um die Lage der Soldaten besser beurteilen zu können. Es war eine Schnapsidee. Nach den ersten Einsätzen wurde die Aktion schnell wieder abgebrochen, die Soldaten bis hin zu den Hauptfeldwebeln machten sich einen Jux daraus, die Offiziere zu schikanieren. Erhöhter Dienst, Kartoffelschälen, Revierreinigen, vorzugsweise die Toiletten, waren nur einige Beispiele. Zum Glück war ich nicht bei den ersten Gruppen eingeteilt, das ging also an mir vorbei.
Kaum war Gras darüber gewachsen, kam die nächste Aktion. Stoph hatte sie aus China mitgebracht
Es fehlte den Offizieren die Klassenverbundenheit mit der Arbeiterklasse. Folglich wurden sie abkommandiert in Großbetriebe des Territoriums, um dort für 4 Wochen in der Produktion zu arbeiten. Das traf mich auch, aber es war relativ angenehm. Ich wurde in das Thälmannwerk nach Magdeburg abkommandiert. Ich wohnte im Stab der Division und fuhr nun jeden Tag auf Arbeit. In der großen Montagehalle, wo die Brecher für die Kieswerke montiert wurden, war mein Arbeitsplatz. Die tonnenschweren Stahlkegel, die das Gestein zermalmten, saßen auf einem Gegenlager aus einer Bronzelegierung, auf der sie ähnlich einem Stehaufmännchen pendeln konnten. Das Ganze funktionierte aber nur richtig, wenn diese Bronzeschale genau mit der gerundeten unteren Seite des Kegels plan war. Ich hatte die Aufgabe, mit der Kranbahn den schweren Kegel im Brecherwerk anzuheben, die Bronzeschale mit einer bestimmten Markierungsfarbe einzustreichen, den Kegel wieder herab zu lassen und ihn am Seilwerk zum Schwingen zu bringen. Dann wurde der Kegel wieder angehoben, seitlich heraus geschwenkt und meine eigentliche Arbeit begann. Mit einem speziellen Schabeeisen trug ich, in der Schale hockend, alle die Stellen sorgfältig ab, an denen der Brecher die Farbe abgetragen hatte bei seinen Pendelbewegungen. Dann wurde neu eingestrichen und alles wiederholte sich mehrmals, bis der Meister mit der Passform der Schale einverstanden war. Die Schabearbeit in der Schale war sehr anstrengende körperliche Arbeit. Mir wurde wirklich nichts geschenkt. Aber die Arbeiter waren aufgeschlossen, diskutierten mit mir und halfen auch aus, wenn es Not tat. Es war eine positive Erfahrung. Aber auch diese Aktion lief nach mir nur noch ein paar Mal, bis es zu Zwischenfällen kam, weil einige Offiziere nicht den richtigen Ton trafen beim Umgang mit den Arbeitern, sie hatten sich in ihrer arroganten Art doch schon weit von den arbeitenden Menschen entfernt. Als die Beschwerden sich häuften, wurde diese Aktion auch abgebrochen.
Wir d.h. meine Familie,waren also von Beendorf nach Oschersleben gezogen. Meine Frau bekam Arbeit bei der Volkssolidarität. Sie war glücklich und uns wurde 1958 noch unser Sohn Ingolf geboren, der Versuch, die Ehe in glückliche Bahnen zu lenken.
Der Versuch scheiterte kläglich und ich erwog, mich von ihr zu trennen. Ich offenbarte mich dem Regimentskommandeur Oberstleutnant Henning, Kurt. Er brüllte mich an und schrie: Wenn ich mich scheiden lasse, sorgt er dafür, dass ich entlassen werde. Ich dachte damals, man wird doch nicht entlassen, weil man sich scheiden lässt und reichte nach ein paar Wochen die Scheidung ein. Im Scheidungsprozess trat Henning persönlich auf, sprach von Ehre eines Offiziers. Meine schweren Vorwürfe gegen die Stasimitarbeit meiner Frau und gegen ihren Führungsoffizier Oberleutnant Steller vom MfS waren im Urteil überhaupt nicht erwähnt, ich wurde nicht geschieden. Das Ende meiner Dienstzeit näherte sich mit großen Schritten, damals habe ich das aber nicht so deutlich erkannt.
Ich musste gegen meinen Willen das Ausbildungsbataillon abgeben und wurde Stellvertreter des Stabchefs für Grenzdienst. Der Einsatz des Bataillons an der Grenze wurde gerade vorbereitet und stand unmittelbar bevor, als ich den Versetzungsbefehl bekam. Das traf mich sehr, jedenfalls war ich damit endgültig aus der Kommandeurslaufbahn heraus und wurde nun irgendein Stabsoffizier. Ich begann mich gegen manche Maßnahmen berechtigt oder auch unberechtigt aufzulehnen. Dadurch gewann ich zwar noch mehr Ansehen unter den Offizieren, aber meine Perspektiven als Offizier waren dahin.


MHL-er, 94, RalphT, Pitti53, Rothaut, damals wars, vs1400, bendix, schulzi, Winch, EK 70, IM Kressin und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 07.04.2015 19:26 | nach oben springen

#31

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 07.04.2015 19:50
von linamax | 2.019 Beiträge

Zitat von der 39. im Beitrag #30
Meine Erinnerungen an die Grenzerzeit setze ich heute mit einem Teil 7 fort. Auch dieses mal habe ich viel privates herausgenommen, aber zum Verständnis der gesamten Entwicklung geht das nicht vollständig
Teil 7

Schon wieder Leichtsinn

Zu meinen Aufgaben als Bataillonskommandeur gehörte es auch, die Einsatzbereitschaft aller Schützenwaffen sicherzustellen und so fuhr ich einmal im Jahr für ein paar Tage auf den Schießstand kurz vor Quedlinburg. In Begleitung waren ein paar Waffenmeister und die Sicherungsmannschaft und natürlich ein Lkw voller Waffen. Dort fand das Anschießen der Waffen statt. Die Waffenmeister spannten eine Waffe nach der anderen in ein Gestell, richteten die Waffe möglichst genau aus und dann wurden 3 Schuß nacheinander abgefeuert, dann traten nach Klingelsignal die Auswerter aus dem Unterstand und bestimmten durch ein einfaches Zeichenverfahren den mittleren Treffpunkt und trugen ihn in die Waffenbegleitkarte ein. Als ich mich einmal an der Auswertung beteiligte, waren nach dem Signal nur 2 Einschüsse auf der Scheibe, gerade als wir ein Zeichen geben wollten, fiel der 3. Schuss, unmittelbar zwischen den Nasen von mir und einem Waffenmeisters hindurch. Das war sehr knapp und eine Warnung, ja keine Routine beim Umgang mit Waffen aufkommen zu lassen. Ich meldete das Vorkommnis nicht, ich wusste was es für Ärger nach sich gezogen hätte und auf meine Waffenmeister konnte ich mich verlassen, die hielten dicht.

Chemischer Offizier

In den Grenzregimentern wurden zur Abwehr chemischer Angriffe, Chemische Trupps eingerichtet. Der Trupp des Regimentes Oschersleben gehörte zum Ausbildungsbataillon und unterstand demzufolge mir. Ich werde zusätzlich zu meiner Tätigkeit als Bataillonskommandeur mit der Funktion eines Chemischen Offiziers des Regiments betraut. In der Division in Magdeburg besuchte ich einen entsprechenden Lehrgang und wurde danach sofort beauftragt, die Trupps der 3 Regimenter, die je aus einem Unteroffizier und 6 Soldaten bestanden, auszubilden. Die Ausbildung fand in Magdeburg statt. Theoretische Ausbildung in der Kaserne, praktische Übungen in den Elbwiesen „Rote Horn“ oder ähnlich, der genaue Name ist mir entfallen. Wir hatten eine gute Ausrüstung russischer Produktion bekommen, es standen Dosimeter, Prüfgeräte für Gase und alle sonstigen wichtigen Geräte zur Verfügung. Die Geruchsproben in kleinen Riechfläschchen waren, so die Einweisung, teilweise Imitate, aber zum Teil auch echt. Für die Übungen in den Elbwiesen bekommen wir die Möglichkeit, eine größere genau festgelegte Wiesenfläche, ich schätze 600 x 800 m zu nutzen. Wir hatten verschließbare Pappeimer mit Aufnahmen für die Zünder für etwa 8-10 l Flüssigkeit erhalten als chemische Minen, die mit kleinen Ladungen versehen, ferngezündet werden konnten. Als Übungskampfstoff standen uns Fässer mit Pyridin zur Verfügung. Das sollte ganz harmlos sein, roch aber nicht gut. Die Aufgabe lautete nach der Zündung der Pyridinbehälter, die Grenzen der Vergiftung zu bestimmen und mit Fähnchen zu markieren. Als der Lehrgang mit dieser Übung dann abgeschlossen werden sollte, ging doch etwas schief. Eigentlich war vorgesehen, das Gebiet weitläufig für Personen abzusperren, was auch erfolgte, jedoch dass dort auch Kühe waren, wurde außer Acht gelassen und so kam die Katastrophe. Wir waren vermummt mit Schutzanzügen, die Soldaten hatten zusätzlich noch ihre Prüfgeräte und Fähnchenbündel und ich zündete zur befohlenen Zeit die Behälter. Die Detonationen waren heftig, eine braune Wolke zog über die Wiesen und ehe wir noch mit der Arbeit beginnen konnten, tobten mehrere Kuhherden über uns und unser Lager hinweg. Es sah verheerend aus und es gab ein paar Leichtverletzte, ich brach die Übung ab. Das Schöne am Soldatenleben ist eben, das man für das Ausführen eines Befehls „von oben“ nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Ich fuhr am nächsten Tag wieder nach Oschersleben zu meinem Bataillon, die Soldaten ebenfalls in ihre Einheiten, das wars. Ich weiß aber von den mir gut bekannten Stabsoffizieren der Division, dass es heftige Proteste und Beschwerden der örtlichen Verwaltungen gegeben hatte, aber an mir ging das vorbei.
Allerdings war das nicht die ganze Wahrheit. Da ich den Soldaten, welche die Riechproben mit großem Respekt behandelten, immer das Schnüffeln vorexerzierte, legte ich mich, in Oschersleben angekommen, für einige Tage ins Krankenrevier. Ich war knallrot und am ganzen Körper merkwürdig geschwollen und hatte heftige Nieren- und Leberschmerzen. Der Regimentsarzt war ratlos und ich ließ ihn dumm sterben. Ich bin sicher, dass ich zu viel am Sarin oder Soman geschnüffelt hatte. Am 5. Tag war über Nacht alles wie weggeblasen.

Wieder mal was Neues

Immer wenn wir neue Chefs bei den Grenztruppen oder bei der Volksarmee bekamen, wurden auch neue Methoden eingeführt. Weil die Offiziere herzlos zu den Soldaten seien, kam eines Tages die Weisung, dass alle Offiziere 4 Wochen Dienst als Soldat in einer Grenzkompanie leisten sollten, um die Lage der Soldaten besser beurteilen zu können. Es war eine Schnapsidee. Nach den ersten Einsätzen wurde die Aktion schnell wieder abgebrochen, die Soldaten bis hin zu den Hauptfeldwebeln machten sich einen Jux daraus, die Offiziere zu schikanieren. Erhöhter Dienst, Kartoffelschälen, Revierreinigen, vorzugsweise die Toiletten, waren nur einige Beispiele. Zum Glück war ich nicht bei den ersten Gruppen eingeteilt, das ging also an mir vorbei.
Kaum war Gras darüber gewachsen, kam die nächste Aktion. Stoph hatte sie aus China mitgebracht
Es fehlte den Offizieren die Klassenverbundenheit mit der Arbeiterklasse. Folglich wurden sie abkommandiert in Großbetriebe des Territoriums, um dort für 4 Wochen in der Produktion zu arbeiten. Das traf mich auch, aber es war relativ angenehm. Ich wurde in das Thälmannwerk nach Magdeburg abkommandiert. Ich wohnte im Stab der Division und fuhr nun jeden Tag auf Arbeit. In der großen Montagehalle, wo die Brecher für die Kieswerke montiert wurden, war mein Arbeitsplatz. Die tonnenschweren Stahlkegel, die das Gestein zermalmten, saßen auf einem Gegenlager aus einer Bronzelegierung, auf der sie ähnlich einem Stehaufmännchen pendeln konnten. Das Ganze funktionierte aber nur richtig, wenn diese Bronzeschale genau mit der gerundeten unteren Seite des Kegels plan war. Ich hatte die Aufgabe, mit der Kranbahn den schweren Kegel im Brecherwerk anzuheben, die Bronzeschale mit einer bestimmten Markierungsfarbe einzustreichen, den Kegel wieder herab zu lassen und ihn am Seilwerk zum Schwingen zu bringen. Dann wurde der Kegel wieder angehoben, seitlich heraus geschwenkt und meine eigentliche Arbeit begann. Mit einem speziellen Schabeeisen trug ich, in der Schale hockend, alle die Stellen sorgfältig ab, an denen der Brecher die Farbe abgetragen hatte bei seinen Pendelbewegungen. Dann wurde neu eingestrichen und alles wiederholte sich mehrmals, bis der Meister mit der Passform der Schale einverstanden war. Die Schabearbeit in der Schale war sehr anstrengende körperliche Arbeit. Mir wurde wirklich nichts geschenkt. Aber die Arbeiter waren aufgeschlossen, diskutierten mit mir und halfen auch aus, wenn es Not tat. Es war eine positive Erfahrung. Aber auch diese Aktion lief nach mir nur noch ein paar Mal, bis es zu Zwischenfällen kam, weil einige Offiziere nicht den richtigen Ton trafen beim Umgang mit den Arbeitern, sie hatten sich in ihrer arroganten Art doch schon weit von den arbeitenden Menschen entfernt. Als die Beschwerden sich häuften, wurde diese Aktion auch abgebrochen.
Wir d.h. meine Familie,waren also von Beendorf nach Oschersleben gezogen. Meine Frau bekam Arbeit bei der Volkssolidarität. Sie war glücklich und uns wurde 1958 noch unser Sohn Ingolf geboren, der Versuch, die Ehe in glückliche Bahnen zu lenken.
Der Versuch scheiterte kläglich und ich erwog, mich von ihr zu trennen. Ich offenbarte mich dem Regimentskommandeur Oberstleutnant Henning, Kurt. Er brüllte mich an und schrie: Wenn ich mich scheiden lasse, sorgt er dafür, dass ich entlassen werde. Ich dachte damals, man wird doch nicht entlassen, weil man sich scheiden lässt und reichte nach ein paar Wochen die Scheidung ein. Im Scheidungsprozess trat Henning persönlich auf, sprach von Ehre eines Offiziers. Meine schweren Vorwürfe gegen die Stasimitarbeit meiner Frau und gegen ihren Führungsoffizier Oberleutnant Steller vom MfS waren im Urteil überhaupt nicht erwähnt, ich wurde nicht geschieden. Das Ende meiner Dienstzeit näherte sich mit großen Schritten, damals habe ich das aber nicht so deutlich erkannt.
Ich musste gegen meinen Willen das Ausbildungsbataillon abgeben und wurde Stellvertreter des Stabchefs für Grenzdienst. Der Einsatz des Bataillons an der Grenze wurde gerade vorbereitet und stand unmittelbar bevor, als ich den Versetzungsbefehl bekam. Das traf mich sehr, jedenfalls war ich damit endgültig aus der Kommandeurslaufbahn heraus und wurde nun irgendein Stabsoffizier. Ich begann mich gegen manche Maßnahmen berechtigt oder auch unberechtigt aufzulehnen. Dadurch gewann ich zwar noch mehr Ansehen unter den Offizieren, aber meine Perspektiven als Offizier waren dahin.



Danke für diesen Bericht . Da waren sie wirklich mal ein Offizier der einen Arsch in der Hose hatte . Da können sich mal einige Offiziere hier im Forum eine Scheibe ab schneiden .


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#32

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 07.04.2015 22:00
von ulei mendhausen | 89 Beiträge

Ich wollte nur noch weg, aber es waren nur 2 Naechte. Dann ging es wider nach Hause, fuer 5 Wochen. So schlimm kam es nicht mehr, aber zuerst hatte ich das Gefuehl, hier kommst du nie mehr raus. Als ich vor einem dreiviertel Jahr in Plauen war und aus dem Fenster der Kaserne gesehen hatte (gleiches Zimmer wie 35 Jahre vorher) kam ich mir vor wie im Film Titanic, als sich plötzlich alles belebte. Mir lief ein kalter Schauer den Ruecken runter und irgendwie ging das beklemmende Gefuehl, wie damals, nicht weg. Gut, dass man ins Auto steigen und wegfahren konnte. Gruss Ulei.


der 39. und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#33

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 07.04.2015 22:21
von Pitti53 | 8.789 Beiträge

Zitat von linamax im Beitrag #31
Zitat von der 39. im Beitrag #30
Meine Erinnerungen an die Grenzerzeit setze ich heute mit einem Teil 7 fort. Auch dieses mal habe ich viel privates herausgenommen, aber zum Verständnis der gesamten Entwicklung geht das nicht vollständig
Teil 7




Danke für diesen Bericht . Da waren sie wirklich mal ein Offizier der einen Arsch in der Hose hatte . Da können sich mal einige Offiziere hier im Forum eine Scheibe ab schneiden .


Na @linamax woran machst du denn den Arsch in der Hose fest?

Kannste das mal näher erklären? Aber bitte mehr als nur ein Satz


Harsberg hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 07.04.2015 22:21 | nach oben springen

#34

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 07.04.2015 22:26
von linamax | 2.019 Beiträge

Zitat von Pitti53 im Beitrag #33
Zitat von linamax im Beitrag #31
Zitat von der 39. im Beitrag #30
Meine Erinnerungen an die Grenzerzeit setze ich heute mit einem Teil 7 fort. Auch dieses mal habe ich viel privates herausgenommen, aber zum Verständnis der gesamten Entwicklung geht das nicht vollständig
Teil 7




Danke für diesen Bericht . Da waren sie wirklich mal ein Offizier der einen Arsch in der Hose hatte . Da können sich mal einige Offiziere hier im Forum eine Scheibe ab schneiden .


Na @linamax woran machst du denn den Arsch in der Hose fest?

Kannste das mal näher erklären? Aber bitte mehr als nur ein Satz

Fühlst du dich an gesprochen .


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#35

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 07.04.2015 23:33
von Pitti53 | 8.789 Beiträge

Zitat von linamax im Beitrag #34
Zitat von Pitti53 im Beitrag #33
Zitat von linamax im Beitrag #31
Zitat von der 39. im Beitrag #30
Meine Erinnerungen an die Grenzerzeit setze ich heute mit einem Teil 7 fort. Auch dieses mal habe ich viel privates herausgenommen, aber zum Verständnis der gesamten Entwicklung geht das nicht vollständig
Teil 7




Danke für diesen Bericht . Da waren sie wirklich mal ein Offizier der einen Arsch in der Hose hatte . Da können sich mal einige Offiziere hier im Forum eine Scheibe ab schneiden .


Na @linamax woran machst du denn den Arsch in der Hose fest?

Kannste das mal näher erklären? Aber bitte mehr als nur ein Satz

Fühlst du dich an gesprochen .


Also hast DU keinen Arsch in der Hose vernünftig zu antworten?


Harsberg hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 07.04.2015 23:39 | nach oben springen

#36

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 08.04.2015 09:02
von der 39. | 522 Beiträge

Zitat von ulei mendhausen im Beitrag #32
Ich wollte nur noch weg, aber es waren nur 2 Naechte. Dann ging es wider nach Hause, fuer 5 Wochen. So schlimm kam es nicht mehr, aber zuerst hatte ich das Gefuehl, hier kommst du nie mehr raus. Als ich vor einem dreiviertel Jahr in Plauen war und aus dem Fenster der Kaserne gesehen hatte (gleiches Zimmer wie 35 Jahre vorher) kam ich mir vor wie im Film Titanic, als sich plötzlich alles belebte. Mir lief ein kalter Schauer den Ruecken runter und irgendwie ging das beklemmende Gefuehl, wie damals, nicht weg. Gut, dass man ins Auto steigen und wegfahren konnte. Gruss Ulei.


Hallo Ulei,
ich kann diese Empfindungen nachvollziehen. Als ich nach der Wende erstmals meine Schwester in Wolfsburg besuche, die Magdeburger Autobahn von Halle aus, gab es noch nicht, fahre ich den kurzen Weg über Hessen. Ich dachte, da kenn ich mich aus, da schau ich mich gleich mal um.Es war eine Katastrophe. Ich dachte ich sehe Gespenster. Ich konnte tatsächlich nicht sofort weiterfahren. Musste mich erst wieder finden.
So stark wie wir Menschen uns fühlen, sind wir nicht. Es gibt immer wieder Augenblicke, in denen wir hilflos und unvorbereitet getroffen werden. Grüsse vom 39.


IM Kressin und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#37

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 08.04.2015 09:15
von furry | 3.576 Beiträge

Zitat von der 39. im Beitrag #36
So stark wie wir Menschen uns fühlen, sind wir nicht. Es gibt immer wieder Augenblicke, in denen wir hilflos und unvorbereitet getroffen werden. Grüsse vom 39.


Mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht.
Warum passt diese Erkenntnis nicht in alle Köpfe?


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
der 39. und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#38

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 08.04.2015 09:57
von linamax | 2.019 Beiträge

Zitat von Pitti53 im Beitrag #35
Zitat von linamax im Beitrag #34
Zitat von Pitti53 im Beitrag #33
Zitat von linamax im Beitrag #31
Zitat von der 39. im Beitrag #30
Meine Erinnerungen an die Grenzerzeit setze ich heute mit einem Teil 7 fort. Auch dieses mal habe ich viel privates herausgenommen, aber zum Verständnis der gesamten Entwicklung geht das nicht vollständig
Teil 7




Danke für diesen Bericht . Da waren sie wirklich mal ein Offizier der einen Arsch in der Hose hatte . Da können sich mal einige Offiziere hier im Forum eine Scheibe ab schneiden .


Na @linamax woran machst du denn den Arsch in der Hose fest?

Kannste das mal näher erklären? Aber bitte mehr als nur ein Satz

Fühlst du dich an gesprochen .


Also hast DU keinen Arsch in der Hose vernünftig zu antworten?

Sagen wir mal so , ich lasse das Stöckchen liegen .


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#39

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 22.04.2015 11:12
von der 39. | 522 Beiträge

Bringens wirs zu ende, wie man so sagt
Heute nun ein letzter Teil aus meiner Grenzerzeit. In den nächsten Tagen gibt es noch einen Epilog, ich denke, wer bis hierher gelesen hat, darf auch erfahren, wie es, wenigstens in Überschriften, weiterging.
Teil 8
Nach einiger Zeit bekomme ich Post, eine Einladung zur Jugendweihe meiner jüngsten Schwester nach Kremkau, wo meine Mutter wohnte. Auch meine in Wolfsburg lebende Schwester Waltraut wollte kommen. Ich hatte Reise- und Kontaktverbot, als Offizier durfte ich keine Verbindung zu Westkontakte haben, aber meine geliebte Schwester Waltraut wollte ja aus Wolfsburg kommen. Was sollte ich also tun?. So bin ich natürlich nach Kremkau gefahren, obwohl ich es nicht gedurft hätte. Das Wiedersehen mit Waltraut schien mir wichtiger als alles andere. Aus meinen Stasi-Akten erfuhr ich später, dass meine Reise nach Kremkau bekannt geworden war.
Einer meiner engsten Freunde hat das der Stasi gemeldet. Derselbe Hauptmann Schmidt, der mir über die Verbindungen meiner Frau zur Stasi erzählt hatte, hat aber auch mehrere Berichte über mich geschrieben und hatte den Auftrag, mich zu bestimmten Fragen meine Familie auszuhorchen, wie ich aus meinen Unterlagen weiß. Er ist es auch gewesen, dem ich den Besuch meiner Schwester in Kremkau und das Treffen mit ihr anvertraut hatte und der das dem MfS kund tat. Die Folge war, dass wieder ein neues Untersuchungsverfahren eingeleitet wurde.
In meinen Stasiakten heißt es wörtlich:

„Gründe für das Anlegen einer Vorlaufakte-operativ
Vom 11.5.1962
Hptm. Schröder, Siegfried ist im 25.Grenzregiment Oschersleben als Offizier in der Grenzdienstabteilung tätig.
Er wird gemäß § 14 des STEG verdächtigt, im Auftrage einer westlichen Geheimdienststelle eine feindliche Tätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik durchzuführen.
Der Vater des Hptm. Schr. steht in Verdacht, für eine westliche Geheimdienststelle tätig zu sein. Er wohnt heute in Westdeutschland. Eine Schwester des Schr. wohnt in Vorsfelde (WD), selbige reiste Ostern 1962 in Kalbe/Milde ein, wo sich Hptm. Schr. Mit der Genannten getroffen hat.
Die Mutter des Schr. Hat aktive Verbindungen zu ihrem geschiedenen Ehemann nach Westdeutschland. Hptm. Schr. selbst verkehrt im Hause der Mutter.
Schr. selbst tätigt Ausgaben, die sein Einkommen bei weitem überschreiten“

Kann man denn Freund und Feind zugleich sein? Es fällt mir sehr schwer, mich in solches Verhalten hineinzudenken. Ich sollte also eine feindliche Tätigkeit für den westlichen Geheimdienst ausführen, das war einfach absurd. Um mich dazu befragen zu können, ohne Hauptmann Schmidt zu enttarnen, wurde der ABV von Kremkau veranlasst, einen offiziellen Bericht zu schreiben, dass Westbesuch zu der Zeit in Kremkau weilte, zu der ich auch anwesend war. Auf Grund dieses offiziellen Berichtes bin ich dann dazu verhört worden. Im Verhör wurde mir gesagt (so auch in meiner Stasiakte festgehalten) dass ich nun wegen meines Vaters und des Kontaktes mit meiner Schwester im Mittelpunkt des Feindes stehe. Ich wurde aufgefordert, selbst mit der Stasi zusammenzuarbeiten, dann würde man den Kontakt mit meiner Schwester nicht weiter verfolgen. Das habe ich konsequent abgelehnt Es war schon festgelegt, dass ich als erste Aufgabe einen Offizier des Stabes aushorchen sollte. Es war der IM Tulpe, es handelte sich um einen sogenannten Spielauftrag. Tulpe wusste, dass ich versuchen würde, ihn anzuwerben. Das hatte sich aber alles durch meine Weigerung zerschlagen und erst das Studium meiner Akten hat das böse Spiel für mich bekannt gemacht. Wegen dieser Weigerung wurde nun eine neue Akte über mich eröffnet. Die Jugendweihe war am 22.April 1962 und es dauerte noch genau 16 Monate bis ich gegangen wurde.
Aus dieser Zeit gibt es noch ein ähnlich gelagertes Beispiel. Mit der Familie des Hauptmann B. waren meine Frau und ich eng befreundet. Wir waren öfter zusammen, verreisten gemeinsam in die Tschechei. Aber er schrieb genauso Berichte über mich und beschimpfte mich dann öffentlich, als er merkte, dass ihm meine Freundschaft Schaden zufügen könnte.

Das Ende meiner Laufbahn kündigt sich an

Über die Versetzung in den Regimentsstab führte ich Beschwerde beim Regimentskommandeur. In einem sogenannten Kadergespräch erklärte er mir, dass ich mir das alles durch mein unmoralisches Verhalten und meine wackelige Ehe selbst zuzuschreiben hätte. Ich erklärte spontan, dass ich es mir bzw. meiner Ehre schuldig bin und die Ehe sofort beende. Genau so spontan reagierte mein Regimentskommandeur. Wenn ich meine Ehe beende, beende ich auch meine Offizierslaufbahn. Das war deutlich.
Ich hätte mich gerne mit einem Freund beraten, aber ich hatte niemanden, mit dem ich sprechen konnte. Mir wurde bewusst, dass ich im Grunde alleine war, meine Schwester habe ich in dieser Zeit sehr vermisst, sie wäre die einzige gewesen, bei der ich über alles hätte sprechen können. Den befreundeten Offizieren traute ich nicht, einem hatte ich nur ein paar Andeutungen gemacht, er hat es sofort weitergetragen, wie sich beim Scheidungsprozess herausstellte. Ich war in dieser Zeit sehr alleine. Schließlich fasste ich den einsamen Entschluss, ich lasse mich scheiden, ich nahm mir vor, es so zu organisieren, dass sie mich scheiden müssen, und wieder einmal hatte ich keine Ahnung, was hinter meinem Rücken lief. Ich war mir klar, dass ich die ganzen Zurücksetzungen nicht los werde, wenn ich bei meiner Frau bleibe. Die Drohung, dass ich dann aus der Armee ausscheiden muss, nahm ich nicht ernst. Wo war denn schon mal jemand wegen Ehescheidung entlassen worden, dachte ich.. Die Verhandlung war am 28.7.1962. Ich wurde nicht geschieden. Das Urteil war arg geschönt. Dass mein Regimentskommandeur dort als Zeuge erschien und gegen mich losdonnerte wird im Urteil einfach weggelassen. Auch meine Ausführungen bezüglich der Stasigeschichten werden im Urteil überhaupt nicht erwähnt. Irgendwo war längst entschieden worden, dass ich nicht geschieden werde und so kam es auch.
Ich erhielt 7 Tage Offiziersarrest wegen unmoralischen Verhaltens, d.h. ich durfte das Objekt nicht verlassen und den Speisesaal nicht aufsuchen, ich bekam das Essen gebracht. Es wurde ein Parteiverfahren gegen mich eingeleitet und ich erhielt eine strenge Rüge.
Inzwischen war die Bearbeitung meiner Beschwerde auch soweit gediehen, dass ich nach Pätz bei Königswusterhausen, wo unsere oberste Grenzdienststelle war, bestellt wurde. Bei den Grenztruppen und sicher auch in anderen Militäreinheiten gab es bestimmte Fristen für die Beförderung, so zum Beispiel vom Oberleutnant zum Hauptmann 2 Jahre und vom Hauptmann zum Major 3 Jahre. Das galt aber nur unter der Voraussetzung, dass derjenige auch die entsprechende Dienststellung bekleidete. In meinem Falle war meine Dienststellung als stellv. Stabschef eines Regimentes Major. Am 1.Mai 1959 war ich Hauptmann geworden und war am 1.Mai 1962 übergangen worden, wurde also nach 3 Jahren nicht befördert. Deswegen meine Beschwerde.
Die Fahrt nach Pätz machte ich mit meinem Regimentskommandeur, der zu einer Beratung musste. Wir waren uns beide schon je und eh nicht grün, ich hatte ihn ein paarmal über fehlerhafte Befehle und Maßnahmen belehrt, welcher Vorgesetzte verträgt das schon, das ist wohl heute noch so. Ich konnte mir trotzdem nicht verkneifen, als wir in Königswusterhausen an den Sendemasten des staatlichen Rundfunks vorbeifuhren, zu bemerken, dass der abseits stehende kleine Mast vom Kinderradio DDR sei. Er nahm es zur Kenntnis und ich bemerkte sofort, dass er den Scherz nicht begriffen hatte. Nun bekam ich doch arge Bedenken und flocht auf der Rückfahrt ein, so tuend als hätte er verstanden, dass es eben Leute gäbe, die auf solche dummen Witze reinfielen. Sein Gesicht wurde eisig, ich hatte es mir endgültig mit ihm verdorben. In Pätz selbst wurde mir erklärt, dass die DDR im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht und sie sich nicht erlauben kann, den Sohn eines Nazi-Offiziers in die Gruppe der älteren Offiziere zu befördern. Mir war klar, sie feuern mich nicht, aber ich bleibe der ewige Hauptmann.

Halberstadt

Es kam nun Schlag auf Schlag und es traf immer nur mich. Die Ehe nicht geschieden, Disziplinarstrafe, Parteistrafe ich muss nach Magdeburg zur Gallenoperation. Kaum operiert, kommt dann die Versetzung in das Regiment Halberstadt. Bevor ich in Halberstadt meinen Dienst antrete, mache ich 4 Wochen Genesungsurlaub..
Nach dem Urlaub begann der Dienst in Halberstadt, ich arbeitete dort beim Stabschef als Grenzdienstoffizier. Natürlich hatte ich viel Erfahrung und machte zur Freude des Stabes die Arbeit des Stabschefs, obwohl mir das eigentlich nicht zukam. Ich erfahre dort auch, dass meine Frau schon lange einen Freund hat, Otto W., ebenfalls ein Offizier mit dem ich befreundet war. Andere wissen eben immer mehr. Das Wissen hätte ich vor der gescheiterten Scheidung dringend brauchen können. Ihn hat sie dann auch 1965 geheiratet.
Ich war nun so weit, mein Entschluss stand fest. In vielen schlaflosen Nächten überdachte ich alle Konsequenzen, schätzte erstmals meine reale Situation ein. Schließlich kam ich zu einem Ergebnis. Mir wurde klar, dass ich keine Chance für eine Weiterentwicklung in der Armee hatte, auch nicht, wenn ich mich zu anderen Waffengattungen würde versetzen lassen und als Hauptmann in Rente gehen wollte ich auch nicht. Ich musste gehen. Was hätte ich aber im zivilen Bereich für Chancen? Die Offiziersschule galt als Fachschulabschluss, aber was soll ich damit denn werden? Welche Tätigkeit sollte ich aufnehmen? Von anderen wusste ich, dass sie nach dem Ausscheiden in irgendwelchen Verwaltungen unterkamen oder als Bürgermeister in kleinen Ortschaften. Ich dachte, nur bleiben ist noch trostloser, werde ich eben Bürgermeister im Dorfe Namenlos. Ich bleibe bei dem Entschluss zu gehen. Meine damit verbundene Illusion war, dass ich nach der Armeezeit auch nicht mehr im Interesse der Staatssicherheit stehen würde. Es war wirklich nur eine Illusion.
Ich beantragte meine Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst aus gesundheitlichen Gründen, was auch akzeptiert wurde. Der erste, der in der Kaderabteilung der Division meinen Antrag bearbeitete, war Emil Röllig. Er musste aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls den operativen Dienst beenden und saß nun in Magdeburg in der Divisionskaderabteilung. Ich kannte ihn aus meiner Zeit als Kompaniechef, er war der Kompaniechef von der Nachbarkompanie, wir hatten immer Kontakt miteinander. Emil rief mich an und sagte, es gäbe eine Dienstanweisung, dass verdiente Offiziere zu einem Sonderstudium nach dem Ausscheiden delegiert werden könnten. Er würde gerne gehen, aber mit seinen acht Klassen Volksschule traue er sich das nicht zu. Wenn ich allerdings auch mitgehen würde, und ihn dann ein bisschen unterstütze beim Studium, organisiert er alles.
Emil setzte das Schreiben zum Stab der Grenztruppen mit den Namen der Offiziere, die nach der Dienstzeit studieren sollen, auf. Als er es dem Divisionskommandeur Oberst Quensellvorgelegte, fiel dem mein Name auf, es gab Ärger. Sofort streichen, ordnete er an. Ich durfte nicht eingereicht werden. Emil hat mir später nur mal erzählt, dass ja auch mal etwas hinter den Rollschrank rutschen kann, wie er es dann wirklich angestellt hatte, weiß ich nicht, er hatte es mir nie gesagt. Jedenfalls ging ich mit Emil doch zum Studium nach Zwickau.
Der 39.


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#40

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 23.04.2015 17:45
von der 39. | 522 Beiträge

Teil 9
Ein Epilog zu den überarbeiteten Auszügen Teil 1 bis Teil 8
Von 1949 bis 1962 habe ich Dienst bei den Grenztruppen verrichtet und bin schließlich in Ehren ausgeschieden und zum Studium delegiert worden, ist die offizielle Lesart. Meine „Fans“ wissen, dass es zum Schluss ein bitterer Weg war. Voller Hoffnung, dass es im zivilen Bereich keine Verfolgungen mehr geben wird, habe ich das neue Leben in Angriff genommen. Habe nach dem Studium in Fachgebiet Maschinenbau und Elektrotechnik noch das Diplom erworben und ein Zusatzstudium als Methodologe ( Methodik der geistigen Tätigkeit) absolviert. In einem Chemieanlagenbaubetrieb nahm ich zunächst eine sehr positive Entwicklung, leitete bald eine Forschungsabteilung und später eine Abteilung für Rationalisierung.
Fast hatte ich alle Repressalien vergessen, bis mein Betriebsdirektor mir eine Funktion als Fachdirektor antrug. Das wurde dann, angeblich von der VVB, abgelehnt und die Behauptung gestreut, ich sei ja in Unehren entlassen worden usw. Ich konnte das mühelos wiederlegen und bin demonstrativ am ersten Mai in Uniform zur Demo gegangen. Das fiel mir nur schwer, weil die Uniform fast aus den Nähten platzte. Von da an wurde ich ständig beobachtet, Post und Wohnung durchsucht bis zum letzten Tag.
Mein Vater, ein ehemaliger SS-Offizier hat wiederholt Angebote übermitteln lassen, sowohl als ich noch Offizier war, auch später als Dipl.-Ing., ich solle doch in den Westen kommen, „die alten Kameraden“ würden mir eine glänzende Zukunft sichern. Ich bin nicht gegangen.
Ich bin Kommunist, seit meinem 16. Lebensjahr war ich in der KPD und dann SED. Ich habe noch immer einen Traum von einer Menschheit, in der niemand das Recht hat, sich die Ergebnisse der Arbeit eines Anderen anzueignen. Ich weiß, dass es ein Traum ist und die Menschen gestern so wie die heute, nicht dazu reif sind und es vielleicht nie sein werden, es ist eben ein Traum.
Es ist verständlich, wenn die Frage gestellt wird, wieso ich nicht die DDR verlassen habe, zumal ich ja in Essen geboren bin. Ich war am Tag der Befreiung des KZ Dachau Augenzeuge. Aber auch, weil die alten Richter, die alten Geheimdienstler, „die alten Kameraden“ immer da waren und wohl auch heute noch sind oder ihre Nachkömmlinge.
Ich weiß, man nennt das heute „outen“, was ich hier geschrieben habe, aber ich schreibe es in dem Gefühl, mich nie krumm gemacht zu haben. Was ich vertreten habe, habe ich aus Überzeugung vertreten, wenngleich ich doch oft nicht alle Hintergründe und Absichten sofort erkannt habe.
Der 39.


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